4. Kapitel

Wenig begeistert musterte Tonks das Haus auf dem Hügel, das nun, da die Sonne die Welt mit ihren warmen Strahlen erhellte, noch schwärzer und hässlicher aussah, als sie es in Erinnerung hatte. Wie hatte sie nur vergessen können, wie abweisend dieses Gebäude gewesen war? Weder Remus noch Hecktor schienen die feindselige Aura, die vom Haus ausging, zu spüren. Immer wachsam, dachte Tonks und musste unwillkürlich lächeln. Besser nicht paranoid werden.

Hecktor konnte es gar nicht abwarten sein neues Leben zu beginnen, fernab von den Kindern, die ihn gehänselt hatten und den Muggeln, die ihnen argwöhnische Blicke zuwarfen. Ungeduldig blieb Hecktor am Tor stehen und ließ sich die Sonne aufs Gesicht scheinen. Er fühlte, wie sie seine Haut kitzelte und die Wärme immer weiter in seine Körper drang, bis er sich vollkommen sicher war, dass hier alles besser werden würde.

Tonks wandte den Blick vom Haus ab und ihrem Sohn zu, der am Tor stand und sich, nachdem er Sturm geklingelt hatte, mit dem Gesichtsausdruck einer zufriedenen Katze an das Tor lehnte. Es überraschte sie beinahe, dass er nichts mehr von der Rastlosigkeit zeigte, die ihn den ganzen Morgen getrieben hatte.

Er war als Erster wach gewesen und hatte dafür gesorgt, dass sie es kurze Zeit später auch waren. Während er den Frühstückstisch deckte und Remus mit einigen gezielten Zaubern die verbliebenen Gegenstände in Umzugskartons packte, hatte sie sein aufgeregtes Geplapper begleitet, bis sie zum St. Mungo appariert war, um sich den Verband abnehmen zu lassen.

Ihre Verletzung hatte immerhin den Vorteil, dass sie für den heutigen Tag noch krankgeschrieben war und nicht extra Urlaub beantragen musste. Auch sonst eignete sich der Tag perfekt für den Umzug, denn offensichtlich waren nur Silvia und Vanessa Redgreave, die Frau die ihnen das Haus gezeigt hatte, anwesend, wie sie Hecktors begeisterten Redeschwall beim Frühstück entnahm. Diese hatte jedoch jede Menge Arbeit in ihrem Atelier zu erledigen, was bedeutete, dass sie bei ihrem Einzug Magie verwenden konnten, ohne gesehen zu werden.

Tonks ließ ihre Hand in Remus' gleiten und sie folgten Silvia, die das Tor öffnete.

„Seht mal, wie schön das Pförtnerhäuschen jetzt ist", machte Silvia sie aufmerksam.

In der Tat erstrahlte das Pförtnerhäuschen, das bei ihrem letzten Besuch einen verwahrlosten Eindruck gemacht hatte, in neuem Glanz. Die Außenwände waren neu verputzt und weiß gestrichen, sodass sie einen Kontrast zu den blauen Fensterläden bildeten.

Vor den Fenstern, deren Scheiben sorgfältig mit weiser Farbe übertüncht worden waren, sodass man nicht hineinsehen konnte, waren blaue Blumenkästen aus Holz angebracht worden, die allerdings noch nicht bepflanzt waren.

„Wunderschön", stellte Remus fest und hoffte, dass das Haus nicht auch innen renoviert worden war, sonst würde er beim nächsten Vollmond alles wieder zerstören. Er fand es auf seltsame Weise tröstlich, das etwas der schrecklichen Verwandlung nach außen hin ein hübsches Aussehen verlieh.

Sein Gehör hatte sich seit gestern geschärft, oder vielleicht bildete er es sich nur ein, der Wolf schlich nur langsam zurück und es würde bis Vollmond dauern, bis er seinen Platz wieder vollständig in Besitz genommen hatte. Die Vorstellung war nicht wirklich erschreckend, es fühlte sich vielmehr so an, als wäre etwas Wichtiges an seinen Platz gerückt worden, und er bekam ein schlechtes Gewissen bei diesem Gedanken.

Aber der Wolfsbann machte ihn taub für den Ruf des Mondes, der ihm verriet, wann es Zeit für die Verwandlung war und taub für den Wolf der auch zwischen den Monden ein Teil von ihm gewesen war, solange er sich erinnern konnte.

Andererseits ersparte ihm der Wolfsbann einmal im Monat ein Monster zu sein. Alles in ihm sträubte sich gegen die Vorstellung sich einschließen und mit Sicherheitszaubern umgeben zu müssen, um keine Gefahr zu sein; im eigenen Blut aufzuwachen, die Verletzungen zu sehen und zu wissen, dass es genauso gut ein Anderer hätte gewesen sein könnten, vielleicht ein Unbekannter, der nichts getan hatte, außer ihm über den Weg zu laufen, oder jemand, den er liebte.

Und dennoch: Dem Wolf böse zu sein, fühlte sich so absurd an, wie seinen Arm oder sein Bein zu verfluchen. Den Wolf zu hassen, hieß sich selbst zu hassen, für das Untier, das er war, ohne es zu wollen.

Außerdem befürchtete er, das Hecktor merken würde, was er in Wirklichkeit war, denn eine Verwandlung unter Wolfsbann ließ sich wesentlich leichter vertuschen, als einen riesigen blutrünstigen Wolf unbemerkt in Zaum zu halten. Auch wenn er es nicht gerne zugab, graute es ihm vor dem Tag, an dem er es dem Jungen sagen musste.

„Alles okay?", flüsterte Tonks ihm zu. Natürlich war ihr aufgefallen, das Remus schon seit dem Morgen ungewöhnlich schweigsam war und sie konnte sich auch ungefähr denken, woran das lag.

Er schüttelte den Kopf bei dem Versuch, sein Gefühlschaos in halbwegs geordnete Bahnen zu bringen. „Ich bin nur ... verwirrt."

„Du weißt, dass ich dich über alles liebe. Mit oder ohne den Wolf, das ist mir egal", sagte Tonks und sah in ernst an.

„Ich... bin ich anders mit dem Wolf?"

Tonks zuckte mit dem Schultern. „Nicht wesentlich."

„Und was ist ‚nicht wesentlich.'?"

„Wenn du den Banntrank genommen hast..." Tonks überlegte einen Moment. „Du warst am Anfang so... wie jemand, der beim Gehen eine Stufe verpasst hat. Man geht weiter, aber irgendwie ist man auch durcheinander, weil einem die Stufe fehlt. Aber das war nur am Anfang. Und jetzt..." Sie zögert einen Moment. „Du spürst den Wolf, oder? Beim Frühstück - und du hast es früher, vor dem Wolfsbann, auch gemacht - als wäre da was, dass sonst keiner hören kann. Aber, ich meine, das ist alles nichts, was jetzt völlig abwegig ist."

„Macht es dir keine Angst?"

Tonks lachte. „Wieso sollte es?" Sie warf ihm einen langen Blick zu. „Ich liebe dich."

„Glaubst du, das Hecktor es merkten wird?", fragte Remus und wandte dem Blick ab.

„Das hat er schon. Er meint, dass du manchmal muffelig wirst und mit keinem reden willst. Dann schließt du dich über Nacht im Klo ein und am nächsten Morgen ist alles wieder gut. Er wird sich schon nichts dabei denken, wenn du statt im Bad im Pförtnerhaus muffelst."

„Dann gebe ich mir Mühe nicht mehr muffelig zu sein", versprach Remus und warf einen Blick an der Hauswand hoch. „Eigentlich brauchen wir nur Muggelabwehrflüche unten an der Auffahrt. Dann können wir die Sachen durchs Fenster reinschweben lassen. Was meinst du?"

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Erfreut betrachtete Hecktor den Teig, der langsam zwischen seinen Fingern hindurchquoll, als er fester auf die Masse drückte.

„Ich glaube wir haben jetzt genug geknetet", meinte Silvia und hievte zwei Bleche aus einem der Schränke. Während Hecktor schon damit begann den Teig auszurollen, stellte sie den Ofen an.

„Der Teig muss jetzt erst eine Stunde gehen", sagte sie, während sie den Teig auf dem zweiten Blech verteilte.

„Wie alt bist du eigentlich?", fragte Hecktor. Das hatte er schon fragen wollen, seit sie in ihrem Brief erwähnt hatte, dass sie möglicherweise in die gleiche Klasse gehen würden, hatte es bis jetzt aber immer wieder vergessen. Natürlich war er der festen Überzeugung, dass er älter war als sie, schließlich war er auch ein ganzes Stück größer.

„Ich bin neun."

„Dann bin ich älter, ich bin schon neuneinhalb", frohlockte Hecktor.

„Wenn wir so anfangen, bin ich auch neuneinhalb. Ich werde im Dezember zehn."

Sie grinste, als Hecktor überrascht die Stirn runzelte. „Vielleicht bin ich ja älter. Wann hast du Geburtstag?"

„Am dritten Dezember", erwiderte Hecktor kleinlaut. Es konnte einfach nicht glauben, dass sie älter war, als er.

„Und um wie viel Uhr?", wollte Silvia wissen. „Um fünf vor halb elf, morgens."

Er wusste nicht genau worauf sie hinauswollte. „Na gut, du bist älter", räumte sie ein. "Aber nur zehn Minuten."

Hecktor blinzelte überrascht. „Wir sind Zwillinge", stellte er erstaunt fest.

"Halbzwillinge", ergänzte Silvia grinsend.

„Ich habe mir sowieso immer schon ein kleines Geschwisterchen gewünscht", neckte Hecktor sie.

„Ich bin nur zehn Minuten jünger", empörte sich Silvia. „Außerdem ist das bei Zwillingen nicht so wichtig, wer älter ist."

Nach einem kurzen Schweigen meinte Hecktor. „Wir sehen uns gar nicht ähnlich." Sie stellten sich zusammen vor einen großen Spiegel im ausladenden Wohnzimmer. Den Schrank, der gerade am Fenster vorbei schwebte, bemerkte keiner von ihnen.

„Also wir haben beide braune Haare", stellte Silvia fest, als sie sich gemeinsam im Spiegel betrachteten. Bis auf die gemeinsame Haarfarbe schienen sie auf den ersten Blick nur wenige Gemeinsamkeiten zu haben, wobei Hecktors Haar deutlich heller war.

Neben ihrer zierlich Figur wirkte er eindeutig mollig und obwohl Hecktor nur ein paar Zentimeter größer war als sie, wirkte Silvia dadurch (und wahrscheinlich auch durch das weite Schlabbershirt, das sie trug) viel kleiner, geradezu ausgezehrt.

„Und braue Augen", bestätigte Hecktor. Etwas Anderes fiel ihm nicht ein.

„Und die gleiche Nase", behauptete Silvia.

Das ließ sich Hecktors Meinung nach nicht so einfach beurteilen, da ihr Gesicht mit den vortretenden Wangenknochen und den dunkeln Augenringen, die noch von den letzten durchwachten Nächten zeugten, so anders war, als sein blasses, rundes Gesicht.

„Ich bin viel größer", meinte Hecktor.

„So viel größer bist du eigentlich gar nicht", widersprach sie ihm. „Das sieht nur so aus."

„Und viel dicker", stellte Hecktor beunruhigt fest.

„Das wächst sich aus", erwiderte Silvia altklug. „Und wenn ich erst mal richtig ausgeschlafen habe, dann gehen auch die blöden Schatten wieder weg." Sie rieb sich die Augen. „Du wirst sehen, in ein paar Wochen sehen wir aus wie richtige Zwillinge."

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„Ich kann nicht glauben, dass wir das tun", meinte Tonks und ließ einen Sessel durch das Fenster hereinschweben. Sie stand in ihrem zukünftigen Wohnzimmer und verteilte die Kartons und Möbel, die Remus von unten emporsteigen ließ, schon einmal grob in der Wohnung.

Die großen hellen Zimmer und die Sonne, die durch die offenen Fenster viel, hatte ihre Laune merklich gesteigert und die Tatsache, dass sie mitten in einem Muggelhaus zauberte, erfüllte sie mit einem angenehmen Nervenkitzel. Zwar war die Wahrscheinlichkeit gering, dass jemand sie sah, aber die Tatsache, dass sie etwas Verbotenes taten, bereitete ihr ein kindliches Vergnügen.

„Wieso, sie haben doch die Bestimmungen schon vor Jahren gelockert, oder nicht?", fragte Remus grinsend und sie konnte ihm anhören, dass er sich ähnlich fühlte, wie sie.

„Stimmt", meinte sie lachend. Es stimmte zwar, dass das Ministerium die Bestimmungen zum Zaubern in Muggelgegenden stark gelockert hatte, nachdem immer mehr Zauberer dort Schutz suchten, aber sie hatte als Aurora eine besondere Vorbildfunktion und konnte sich nicht vorstellen, dass das Gesetz vorsah, dass man sich auf das Versprechen eines Kindes, nicht hinzusehen, verlassen durfte.

„Wenn wir uns irren, bekommst sowieso du den Ärger", rief sie zu Remus herunter. Er stand ein paar Meter vor der Hauswand und rief gerade das Sofa auf, das noch vor dem Tor stand, wo sie auch die Kartons gestapelt hatten, und ließ es zu ihr hochschweben.

Tonks übernahm es und manövrierte es durch das Fenster. „Pass auf den Rahmen auf!", rief Remus warnend. Sie hatte das offene Fenster schon zwei Mal getroffen und ein lautes Knirschen verriet ihr, dass sie es jetzt zum dritten Mal erwischt hatte. Nachdem sie das Sofa in eine Ecke des Wohnzimmers gelandet hatte, hängte sie den halb aus der Verankerung gerissenen Fensterrahmen aus und lehnte in eine Wand. Wenn sie ihn erst am Schluss wieder reparierte, konnte ihr das wenigstens nicht ein viertes Mal passieren.

„Nur damit du's weißt, ich bin kein bisschen tollpatschig. Das ist nur deshalb passiert, weil mein Arm sich noch nicht komplett erholt hat", rief Tonks nach unten, was Remus mit einem lauten Lachen quittierte.

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Der Pizzaboden, auf dem sich zahlreiche Kombination aus Thunfisch, Pilzen, Tomaten, Paprikastückchen, Salami, Oliven und vielen weiteren Zutaten befand, glich einer bunten Hügellandschaft und Hecktor zweifelte stark daran, dass sie sich wirklich merken konnten, auf welchem Stück sich was befand.

Aufmerksam beobachtete er, wie die Unebenheiten langsam unter einer dicken Schicht Käse verschwanden, sodass sich eine mit verschiedenen Gelbtönen gesprenkelte Fläche bildete. „Jetzt haben wir die am dicksten belegte Pizza der Welt", stellte Hecktor glücklich fest.

„Ich glaube wir haben nicht mehr genug Belag für das zweite Blech", gab Silvia zu bedenken. "Aber wir könnten das Blech einfach teilen und eine Hälfte mit irgendwas ganz anderem belegen. Chips oder Spiegeleier oder so."

„Wir könnten eine süße Pizza machen, dann haben wir gleich Nachtisch", stimmte Hecktor zu.

Vorsichtig Schnitt Silvia ein wenig Teig von den Kanten ab und teilte damit die Pizza in zwei ungleiche Hälften, damit die Beläge sich nicht vermischten. Auf die eine Hälfte verteilten sie die Reste, die beim Belegen der ersten Pizza übrig geblieben waren. Die andere Hälfte, bestreuten sie mit Gummibärchen, Lakritz, einen Schokofrosch, den Hecktor klein schnitt, als Silvia gerade nicht hinsah, und zerkrümeltem Esspapier als Käseersatz.

„So jetzt noch in den Ofen, dann ist sie fertig", meinte Silvia stolz. „Wir könnten den Verandatisch decken und draußen essen, was meinst du?"

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Als Tonks aus dem Haus kam, hatte sich Remus ins Gras gesetzt und ließ sich die Sonne aufs Gesicht scheinen. „So schönes Wetter hatten wir lange nicht mehr", meinte er, als sie sich neben ihn auf den Rasen fallen ließ. Wenn sie den Kopf in den Nacken legte und die vorbeiziehenden Federwolken an Himmel betrachtete, hatte sie für einen Moment das Gefühl, dass alle Sorgen, völlig unberechtigt waren. Das Gras bewegte sich sanft in der lauen Briese und irgendwo zwitscherte ein Vogel, der scheinbar seinen frühmorgendlichen Einsatz verschlafen hatte.

Tonks beschloss, dass dieses Haus ein ganz normales Haus war, dessen Erbauer es nur mit einer zu düsteren Farbe versehen hatte. Immerhin war die Wohnung wunderschön und auch das Pförtnerhäuschen machte mit dem neuen Anstrich einen einladenden Eindruck. Es gab also keinen Grund davon auszugehen, dass der seltsame Name mehr war, als die Laune eines Kindes.

„Es tut mir Leid, das ich die letzten paar Tage so schlecht gelaunt war", entschuldigte sich Remus und lehnte sich an sie.

„Wir waren alle etwas im Stress", erwiderte Tonks träge und legte den Arm um seine Schultern.

„Es ist wunderschön hier, findest du nicht? Man hat nicht das Gefühl ständig beobachtet zu werden und Hecktor gefällt es auch." Er seufzte zufrieden.

Ein paar Minuten lang saßen sie einfach schweigend nebeneinander und genossen das schöne Wetter und die Stille. „Mir fällt gerade ein, dass uns immer noch keiner sehen kann", flüsterte Tonks Remus ins Ohr.

„Wirklich? So eine Gelegenheit sollte man sich nicht entgehen lassen", meinte Remus schelmisch und küsste sie.

„Können wir jetzt den Tisch decken?", rief Hecktor, der an einem der Fenster stand.

Tonks seufzte. „Woher hat er nur dieses perfekte Timing?" Zum Haus gewandt rief sie: „In Ordnung."

Eine Minute später kamen die Kinder aus der Wohnungstür und begannen den Verandatisch zu decken.

„Das können wir später nachholen, oder?", fragte sie Remus, als sie aufstanden und zur Veranda schlenderten. Sie wusste nicht, wie sehr ihm die bevorstehende Verwandlung zu schaffen machte, denn es war das erste Mal seit Jahren, dass er sich ohne Werwolfbanntrank verwandeln musste. Obwohl er jetzt wieder richtig fröhlich wirkte, ahnte ein Teil von ihr, dass er erst dann ganz der Alte sein würde, wenn der Mond wieder abnahm.

Manchmal hätte sie am liebsten die gesamte Abteilung für Werwolfangelegenheiten, samt einiger Mitglieder von Scrimgeours Sekretariat, die immer wieder neue diskriminierende Gesetzesänderungen durchpeitschten, nach Askaban verfrachtet. Sie gab ihnen persönlich die Schuld dafür, wenn Remus sich schlecht fühlte.

„Essen ist fertig", rief Hecktor überflüssigerweise. Man konnte sehen, dass er vor Stolz fast platzte.

Die Pizza bestand fast nur aus Belag, der sich auf dem Blech türmte und es völlig unmöglich machte die Stücke bewegen zu heben, ohne das die Hälfte herunter fiel.

„Hat diese Pizza auch einen Boden?", wollte Remus wissen. „Natürlich", erklärte Hecktor leicht gekränkt. „Sie ist nur mal richtig belegt."

„Wirklich super", lobte Tonks. Sie machte sich gar nicht erst die Mühe zu versuchen, mit Messer und Gabel zu essen. Auch Remus nickte anerkennend, nachdem er probiert hatte. „Schmeckt hervorragend."

Hecktor und Silvia strahlten vor Freude. „Was ist das eigentlich?", wollte Tonks wissen und zeigte auf das zweite Blech, das durch einen Teigwall in zwei Hälften geteilt wurde und dessen eine Seite aus einer undefinierbaren Pampe bestand.

„Das ist süße Pizza, mit Gummibärchen und Schokolade und so. Das gibt's zum Nachtisch", verkündete Hecktor stolz.

„Aha… klingt interessant." Tonks warf dem Pizzanachtisch einen argwöhnischen Blick zu. „Wer hat eigentlich vor uns in der Wohnung gewohnt?", fragte Tonks Silvia, die sich als Einzige der Herausforderung gestellt hatte, mit der Gabel zu essen und in ihrer Pizza herumstocherte.

„Mein Großvater, aber er musste dann in ein Altenheim", sagte Silvia. Dann versank sie wieder in Schweigen, während Hecktor Tonks in allen Einzelheiten, die Zubereitung der Pizza beschrieb.

„Du hast noch einen Bruder richtig?", fragte Remus, nachdem er einer Weile schweigend Hecktors Ausführungen gelauscht hatte, um Silvia in das Gespräch mit einzubeziehen.

„Ja. Aber Mark kommt erst in den nächsten Tagen wieder", erklärte Silvia wenig begeistert. „Und Vanessa Redgreave ist deine Mutter?", wollte Tonks wissen, die versuchte Silvias Familienverhältnisse zu durchblicken.

Silvias Aussagen hatten danach geklungen, obwohl sie bei der Besichtigung nicht den Eindruck gehabt hatte, dass die Beiden verwandt waren, auch wenn sie sich nicht mehr genau erinnern konnte wieso.

Silvia nickte bestätigend.

„Und sonst wohnt niemand hier?"

„Nein, Mark wohnt in der Erdgeschosswohnung und im Keller ist nur noch ein Hobbyraum", gab Silvia Auskunft.

„Und dein Dad?" fragte Hecktor, dem zum ersten Mal einfiel, das Silvia diesen noch nie erwähnt hatte.

„Gibt's nicht." Für einen Moment herrschte peinliches Schweigen.

„Wie wäre es jetzt mit Nachtisch ", fragte Remus schließlich in die Runde und tat jedem von ihnen ein Stück süße Pizza auf. Es schmeckte äußerst gewöhnungsbedürftig und Remus war froh, dass er jedem von ihnen nur ein kleines Stück gegeben hatte.

„Weißt du schon, ob du noch was helfen musst?", fragte Silvia Hecktor. „Dann könnte ich mich in der Zeit ums Geschirr kümmern und wir sehen uns danach das Gelände an."

„Ich kann auch die Teller spülen. Dann hast du nicht so viel Arbeit", bot Remus an. Er wollte nicht, dass sie Arbeit mit etwas hatte, das er mit einem schnellen Putzzauber erledigen konnte.

„Das ist kein Problem. Ich muss die Sachen nur in die Spülmaschine räumen. Außerdem haben Sie mit dem Umzug auch genug Arbeit."

„Kann ich mit Silvia zusammen die Spülmaschine einräumen und dann gleich spielen gehen?", bat Hecktor.

Tonks nickte knapp. „Dann musst du aber gleich morgen früh deine Sachen auspacken."

„Ich kann auch mit Kartons wohnen...", begann Hecktor schnell.

„Du hast deine Mutter gehört", erwiderte Remus streng. „Silvia wird dir schon nicht weglaufen."

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„Irgendwie gibt mir dieses Haus ein komisches Gefühl", gestand Tonks, nachdem die Kinder den Tisch abgeräumt hatten und losgezogen waren. „Diese ganze Sache mit den Ängsten..."

Remus schenkte ihr ein aufmunterndes Lächeln „Wenn es echt wäre, wäre es höhere schwarze Magie, und das hier ist ein Muggelhaus. Ich glaube eher, dass es Silvia hilft, weil es ihr das Gefühl gibt, etwas gegen ihre Angst tun zu können. Als ich noch klein war und Angst vor dem Monster unter meinem Bett hatte, hat mein Vater es aufgemalt und wir haben es zusammen im Kamin verbrannt. Das hat damals auch geholfen."

„Aber wovor hat sie Angst?"

Remus zuckte mit den Achseln. „Sie ist allein in einem großen Haus. Ihr Vater ist tot oder über alle Berge", begann er mögliche Gründe aufzuzählen. „Ihre Mutter ist ... komisch."

„Dann bin ich nicht die Einzige, die das denkt", meinte Tonks erleichtert. „Ich hatte irgendwie nicht das Gefühl, dass sie Silvias Mutter ist. Und sie ist definitiv ein bisschen merkwürdig. Glaubst du hier spukt's?"

Remus lachte verschmitzt. „Bestimmt."

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Der erste Tag in ihrer neuen Wohnung begann für Hecktor nicht gerade interessant. Weil seine Mutter arbeitete, Silvia beschäftigt war und er seine Sachen bereits ausgepackt und sonst keine sinnvolle Beschäftigung hatte, ging Hecktor seinem Vater auf die Nerven. "Warum durften wir gestern nicht ins Pförtnerhäuschen?", wollte er wissen.

„Ihr wolltet nichts ins Pförtnerhäuschen, ihr wolltet aufs Dach klettern", erinnerte ihn Remus. „Außerdem möchte ich nicht, dass ihr in einem Gebäude herumtobt, das seit Jahren leer steht. Wenn euch etwas passiert, dauert es Stunden bis Tonks oder ich es merkten, weil ihr so weit vom Haus weg seid."

Abgesehen davon würden in ein paar Tagen furchtbare Kratzer und zerschmettertes Holz von seiner nächtlichen Verwandlung zeugen und er wollte nicht das jemand sah wie er die alten Möbel tatsächlich ‚entsorgte'.

„Aber ihr hättet ja gewusst, dass wir drin sind."

„Hecktor, ich habe 'Nein' gesagt. Bleib vom Pförtnerhäuschen weg. Ihr beide könnt so viel zusammen machen, euch fällt bestimmt etwas anderes ein. Silvia hat dir doch sowieso gesagt, dass es dort nichts zu sehen gibt."

„Aber, wenn sie selber nie hingeht… ", begann Hecktor.

„Hecktor", unterbrach Remus ihn entnervt. „Diese Diskussion ist völlig sinnlos, das weißt du ganz genau und ich glaube auch nicht, dass du dir so unbedingt das Pförtnerhäuschen ansehen willst. Also wenn es dich gar nicht interessiert und dir nur langweilig ist, wärst du so nett und würdest mich in Ruhe diesen Brief zu Ende schreiben lassen. Wenn ich fertig bin, lese ich dir auch was vor."

„Wem schreibst du denn?"

„Hecktor!"

„Na gut, aber mindestens zwei Kapitel", verlangte er und ging in sein Zimmer. Er hatte versucht, Silvia zu überreden, dass er mit hochkommen durfte, wenn sie Vanessas Bilder einpackte, aber sie hatte abgelehnt, zum Ausgleich aber angeboten, dass sie am Nachmittag etwas fernsehen könnten. Nach diesem Vorschlag hatte er sofort nachgegeben, denn seit er wusste, wie das Gerät funktionierte, brannte er darauf es endlich auszuprobieren.

Allerdings schien sie Ewigkeiten zu brauchen, bis sie die Bilder endlich eingepackt hatte und die Zeit wollte gar nicht vergehen. Er hatte das Gefühl das Fernsehprogramm, das sie ihm gegeben hatte, schon hundertmal durchgeblättert zu haben. Hecktor legte sich auf sein Bett, starrte an die frisch gestrichene, weiße Decke und fragte sich, ob man vor Langeweile sterben konnte.

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Das Atelier war kein kleiner mit Bildern vollgestopfter Raum mit niedriger Decke, wie Hecktor es sich vorgestellt hatte, sondern erstreckte sich über die ganze Länge des Hauses und die schräge Decke war fast vollständig verglast.

Man betrat den Raum an einer der breiteren Seiten in der Nähe der rechten Wand, sodass sich dort nur noch einige Vorratsschränke mit Malutensilien befanden. Im eigentlichen Arbeitsbereich gab mehrere mit Tüchern abgedeckte Staffeleien, die an einer Längsseite des Raumes abgestellt waren und zwei Tische auf denen sich Farben und Skizzen stapelten.

In der Mitte des Raumes stand eine einzelne Staffelei, mit der Rückseite zu Hecktor, sodass er das Bild nicht erkennen konnte; daneben stand ein kleines Tischchen, auf dem noch einige benutzte Pinsel lagen. Die Staffelei verdeckte teilweise den Blick auf ein großes Bett am anderen Ende des Raumes, wo sich auch ein Kleiderschrank und der große Fernseher befanden. Einer von der platten, mit Magma gefüllten Sorte, wenn Hecktor sich richtig erinnerte.

Direkt neben der Tür kniete Silvia in einem großen Durcheinander von Verpackungsmaterial und blickte von einem halb eingeschlagenen Bild wieder auf. Die Bilder, die sie bereits eingepackt hatte, lehnten nebeneinander an der Wand.

„Draußen vor dem Tor steht ein Mann mit einem großen roten Auto ohne Dach und will, dass du ihn rein lässt", sagte Hecktor schnell, bevor sie sich darüber ärgerte, dass er gegen ihren Willen das Atelier betreten hatte.

„Kann einer von deinen Eltern schnell aufmachen gehen?", bat Silvia.

„Ähm…" Zwar hatte Silvia ihnen einen Zettel mit dem Türcode gegeben, aber da es völlig genügte, wenn man die Tastatur einmal kurz mit dem Zauberstab antippte, damit sich die Tür öffnete, nahm Hecktor stark an, dass seine Eltern den sechsstelligen Code nicht auswendig wussten.

„Schon gut. Sag ihm ich bin schon unterwegs", ersparte ihm Silvia eine hanebüchene Ausrede und ging behutsam ihre Mutter wecken, von der man nicht mehr sah als einen braunen Haarschopf.

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Der Mann im roten Auto, den Silvia kurze Zeit später hereinließ, war blond, hoch gewachsen und hätte ausgesprochen attraktiv sein können, wenn er nicht den schmierigen Eindruck eines Kesselverkäufers gemacht hätte.

Das fand zumindest Tonks, als sie ihm dabei zusah, wie er den Wagen parkte. Sie beschloss, dass es genügte, wenn er sich mit Remus bekannt machen konnte, falls das erforderlich war, und dass sie sich ohne schlechtes Gewissen hinlegen konnte.

In der Nacht hatte es drei Dementorenangriffe gegeben und sie war hundemüde. Dabei hatte sie noch Glück gehabt und sich nicht mit den Inferi in Cornwall herumschlagen müssen. Sie hörte noch wie Remus die Wohnungstür hinter sich schloss, dann war sie eingeschlafen.

Hecktor war schon voraus gelaufen um sich den Besuch anzusehen, bei dem es sich um einen Muggel mit einem besonders tollen Auto handelte, der Charles hieß.

Dass das Auto etwas Besonderes war, hatte er daran erkannt, dass der Muggel es merkwürdig fand, dass Hecktor sein Auto nicht unglaublich faszinierend fand. Er würde demnächst seinem Opa schreiben und ihn fragen, was an einem Porsche so bemerkenswert war.

Nachdem es Charles nicht gelungen war Hecktor gebührend für sein Auto zu begeistern, machte er sich endlich auf den Weg zum Haus. Remus hatte vor der Wohnungstür gewartet weil er sich nicht sicher gewesen war, ob seine Anwesenheit gefordert war, oder es sich um Privat-Besuch für Vanessa handelte.

Soweit er wusste bekamen Muggel ständig Besuch von Leuten die ihre technischen Geräte reparierten und in ihrer alten Wohnung hatte gelegentlich jemand geklingelt, um zu sagen, dass Strom oder Wasser, oder was auch immer, für die nächsten zwei Stunden abgestellt wurde, oder die Heizung ausfiel.

Nachdem sie sich vorgestellt hatten (Charles war kein Klempner, sondern Vanessas Agent), kam Vanessa die Treppe heruntergeeilt. Sie machte einen frischen und gutgelaunten Eindruck, war angezogen und geschminkt und hatte die Haare zu einem Knoten festgesteckt. Es fiel Remus schwer, in ihr die Frau wiederzuerkennen, die ihnen die Wohnung gezeigt hatte. Damals hatte sie, ihm fiel kein besseres Wort dafür ein, aufgelöst gewirkt.

„Hi, Charles", begrüßte sie den Besucher und zog ihn in eine sanfte Umarmung.

„Lass uns hochgehen und deine Bilder ansehen", schlug er vor und schob sie von sich. Es war offensichtlich, dass ihm die Situation unangenehm war.

„Ist das ihr Freund?", wollte Hecktor wissen, als die beiden Händchen haltend die Treppe zum Atelier heraufstiegen, nachdem sich Charles sich mit einem Kopfnicken verabschiedet hatte.

„Nein", erwiderte Silvia in einem Tonfall, der deutlich machte, dass sie das Thema nicht näher diskutieren wollte. „Er ist ihr Manager aber die Beiden kennen sich schon ziemlich lange", versuchte sie die Situation zu erklären, aber Remus besaß genug Lebenserfahrung, um zu wissen, dass es sich wahrscheinlich nicht um eine rein geschäftliche Beziehung handelte.

„Aber warum umarmen sie sich dann so und gehen Hand in Hand?", brachte Hecktor seine Verwunderung zum Ausdruck. Silvia zucke mit den Schultern.

„Ich glaube, er hat Vanessa mal vor irgendwas gerettet und seitdem ist sie ein bisschen verliebt in ihn. Keine Ahnung was das gewesen sein soll, wo er eigentlich nichts anderes kann, als mit seinem Angeberauto durch die Gegend zu fahren."

Sie runzelte für einen Moment missbilligend die Stirn. „Sie ist sehr glücklich, wenn er kommt", sagte sie mehr zu sich selbst und zuckte mit den Schultern. „Wenn sie oben fertig sind, können wir hochgehen und fernsehen", meinte sie schließlich und folgte den Beiden.

Hecktor, der ahnte, das Vanessa und Charles der Spaß am Bilder ansehen bald vergehen würde, wenn Silvia oben war, beschloss, dass er genauso gut in Treppenhaus warten konnte und vertrieb sich die Zeit damit die Trockenblumen neu zu drapieren, die in einer bunten Vase auf einer kleinen Kommode in Flur vor ihrer Wohnung stand.

Es dauerte in der Tat nicht lange, bis die drei die Treppe wieder herunterkamen. „Denk dran, dass Vanessa keinen Alkohol trinkt", wies Silvia Charles an, der das Ganze mit einem gequälten Lächeln quittierte. „Und seht zu, dass ihr rechtzeitig wieder zurück seid." Silvia blieb bei Hecktor stehen, den es etwas verwunderte, dass sie in diesem Ton mit Erwachsenen redete, und rief Charles nach, er solle vorsichtig fahren.

„Jetzt können wir hochgehen und fernsehen", erklärte sie geschäftsmäßig, sobald sie beiden das Haus verlassen hatten.

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Fernsehen war ein wenig so, als würde man ein Gemälde betrachten, nur dass die Personen im Kasten nicht einfach taten, was sie wollten oder verschwanden und woanders wieder auftauchten, sondern mit ihrem Verhalten eine Geschichte erzählten. Außerdem blieb der Hintergrund nicht derselbe, sondern änderte sich mit den Schauplätzen der Handlung.

Aber das tollste am Fernsehen war, dass auf vielen Kanälen gleichzeitig etwas kam und man hin und her wechseln konnte, bis man etwas Interessantes fand. Den Zeichentrickfilm, den er entdeckte, mochte Hecktor sehr, bis die Figuren plötzlich anfingen zu singen.

Danach kam ein Spielfilm mit Kindern, die ein Verbrechen aufklärten, und dann ein Schwarzweißfilm, in dem die Leute komische Dinge sagten, die weder er noch Silvia verstanden und sonst auch nicht viel passierte, gefolgt von Morgengymnastik und einer Sendung, in der Muggel lautstark irgendwelche merkwürdigen Waren anpriesen.

Es gab Serien, die im Grunde genommen mehrere kurze Filme waren, die zusammen eine Geschichte ergaben und Seifenopern, bei denen die Erzählung sich zog wie Kaugummi und nie endete und mehrmals am Tag kam eine kurze Sendung, die Nachrichten hieß und erzählte, was Neues in der Welt passiert war.

Hecktor hatte schnell gemerkt, dass die Nachrichten, obwohl sie von anderen Geschehnissen berichteten, die dieselben Themen behandelten wie in der Zaubererwelt: Kriege, Verbrechen, Politik. Es gab sogar Nachrichten für Kinder, bei denen alles ganz genau erklärt wurde.

„Mein Dad hat mir verboten, Zeitung zu lesen", erzählte Hecktor Silvia, nachdem sie sie ersten fünf Minuten der Kinder-Nachrichten gesehen hatten. Sie waren fast so langweilig wie Erwachsenen-Nachrichten. „Wegen der schlimmen Bilder, die da drin sind. Aber eigentlich sind sie gar nicht sooo schlimm."

„Aber eines Tages sieht man dann was, von dem man wochenlang Alpträume hat und man wünscht sich, man hätte es nicht gesehen", erwiderte Silvia. „Du kannst froh sein, dass du Eltern hast, die dich vorwarnen. Außerdem ist das Einzige was wirklich interessant ist, dass sie am Ende sagen, wie am nächsten Tag das Wetter wird."

Das überraschte Hecktor, denn soweit er wusste, hatten Muggel keine richtigen Wahrsager und jeder Hellseher, der etwas auf sich hielt wäre ohnehin zutiefst beleidigt gewesen wären, wenn man sie nach dem Wetter fragen würde. Silvia erklärte ihm, dass es Computer gab, die das Wetter der nächsten Tage ausrechnen konnten.

Als Remus und Tonks das Atelier betraten, lief gerade ein alter Western, der auf Hecktor eine gewisse Faszination ausübte. Ob Indianer wirklich so komisch redeten?

Silvia unterbrach ihre Erklärung, warum die Leute umfielen, wenn die kleinen Metalldinger Rauch in ihre Richtung spuckten und schaltete abrupt den Fernseher aus. Hecktor wollte gerade protestieren, als er seine Eltern bemerkte. Als er zum ersten Mal seit Stunden den Blick vom Bildschirm nahm, merkte er, dass seine Augen brannten.

„Ist Fernsehen nicht schädlich für die Augen?", wollte Tonks besorgt wissen, als Hecktor ihr entgegenblinzelte. Sie meinte so etwas mit Muggelkundeunterricht gelernt zu haben. „Nur bei denen mit Röhren drin", behauptete Silvia.

„Aber der hier ist mit Magma betrieben", ergänzte Hecktor. „Das ist gut für die Augen." Aber jetzt, da seine Eltern da waren beschloss Hecktor den Fernseher Fernseher sein zu lassen und seinem Vater die Bilder von Vanessa vorzuführen, die noch nicht eingepackt waren.

„Das ist eine Elfe, obwohl sie keine Insektenaugen hat." Er deutete auf eine an die Wand gelehnte Leinwand, auf der eine Elfe, die den Kopf auf die Hände gestützt auf dem Bauch in einer geöffneten Sonnenblume lag. Ihre bunten, halbdurchsichtigen Schmetterlingsflügel reckten sich in einen klaren Sommerhimmel, konnten aber nicht verdecken, dass die Elfe außer einer kleinen Blume im Haar nichts trug.

Auch Tonks betrachtete jetzt die Leinwände die an der Wand lehnten. Die meisten waren verpackt, sodass von außen nur braunes Papier zu sehen war, auf das eine Skizze des verpackten Bildes geklebt war.

„Es gibt noch mehr Elfen, aber die sind schon eingepackt", sagte Silvia. „Und die haben dann auch was an. Da sieht man eine Stadt", erklärte sie, während Hecktor seinen Vater, zu dem entsprechenden Bild zog.

Auf den ersten Blick zeigte es nur einen halbierten Apfel, der mit der Schnittfläche zum Bertachter auf einem Tisch stand. Bei näherem Hinsehen jedoch ergab die feine Schattierung des Fruchtfleisches das Bild einer Stadt. Die feinen Fasern auf der Schnittstelle bildeten Häuser, Straßen und den Markt einer mittelalterlich anmutenden Städtchens. Trotzdem waren die Linien so fein, dass das Bild völlig verschwamm, sobald man sich mehr als ein paar Schritte von der Leinwand entfernte.

Es stand außer Frage, dass das Bild eine Menge Arbeit und große Begabung seitens des Künstlers erfordert hatte. Hecktor zerrte seinen Vater von der Apfelstadt zum letzten Bild, das noch auf der Staffelei stand und seiner Meinung nach den Höhepunkt des Ganzen darstellte.

„Und guck mal Dad, und da ist ein richtiger Werwolf. Und man kann sehen, wie er sich verwandelt", verkündete er aufgeregt.

Das Bild zeigte einen Mann, der auf einem flachen Felsen kniete, den Kopf in den Nacken gelegt, die Arme schlaff an seiner Seite hängend. Obwohl man das Gesicht kaum erkennen konnte, sprach aus der gesamten Haltung des Mannes, dass er furchtbare Qualen litt. Hinter ihm hing, übergroß, wie eine dunkele Verheißung, der Vollmond am Himmel, sodass der Mann im fahlen Gegenlicht noch beinahe hilflos wirkte, obwohl man bereits erkennen konnte, das sich unter seinem Hemd eine übergroße, behaarte Brust Bahn brach und seine Hände sich halb zu Klauen geformt hatten.

Obwohl oder gerade weil, das Bild die Atmosphäre perfekt einfing, traf es ihn wie ein unerwarteter Klatscher. Bei genauerer Betrachtung hatte die Verwandlung auf dem Bild nichts Realistisches, obwohl es den Schmerz und die Hilflosigkeit auf eine berührende Weise darstellte. Er fragte sich, welcher Mensch sich so etwas ins Wohnzimmer hängte.

Remus nahm kaum noch wahr, wie Hecktor aufgeregt neben ihm auf und ab hopste und auf einen Kommentar wartete. „Da ist ein Riss in seinem Hemd und da guckt schon Fell raus", machte er seinen Vater aufmerksam, als dieser nicht reagierte.

„Toll", murmelte Remus, obwohl sein Tonfall gar nicht danach klang. Hecktor warf einen Blick zu seiner Mutter, von der er hoffte, dass sie etwas mehr Begeisterung zeigen würde. Tonks legte Remus unwillkürlich den Arm um die Schultern, als sie das Bild sah.

„Dad sagt überhaupt gar nichts zu dem Bild. Es ist toll, oder?", beschwerte sich Hecktor.

„Es ist ein bisschen gruselig, findest du nicht? Eigentlich solltest du dir so etwas gar nicht ansehen", stellte sie fest, woraufhin Hecktor sofort heftig protestierte, statt sich weiter mit dem merkwürdigen Schweigen seines Vaters zu beschäftigen.

„Ich finde das Bild mit der Stadt im Apfel schöner", erklärte Remus schließlich.

„Aber da passiert überhaupt nichts Spannendes", warf Hecktor ein.

„Das ist nicht spannend. Dieser Mann leidet", widersprach Remus hart.

„Schon, aber darum geht es gar nicht", mischte sich Silvia in das Gespräch ein. „Es ist eine Szene aus einem Film und der Typ ist Polizist, der irgendwelche Gangster totschießt, dann wird er von einem Wolf gebissen, und frisst sie auf, weil er dann kein Maschinengewehr halten kann. Außerdem ist mindestens dreimal die Woche Vollmond, immer dann wenn's gerade passt", erklärte sie und hielt Remus eine Box aus drei DVD-Hüllen hin, die sich in einer Umhüllung aus Pappe befanden.

Unschlüssig drehte er die Box in Händen, ihm war im ersten Moment nicht ganz klar, was sie mit dem Bild zu tun hatte. Allerdings war auf der Box etwas, dass in Muggelaugen möglicherweise einen Werwolf darstellen sollte (kein Zauberer hätte diese Mischung aus Kojote und Menschenaffe mit riesigen Fängen und Krallen für einen Werwolf gehalten), abgebildet und der Hintergrund war ähnlich wie auf dem Bild.

Mit Entsetzen stellte er fest, dass Blut von den Fängen der Kreatur tropfte und eine Pfote auf etwas stand, das aussah wie ein Fetzen Kleidung. Er zog die Box aus Hecktors Reichweite, der sich neugierig über seinen Arm gebeugt hatte, während seine Augen über Fotos von Filmszenen huschten, die auf der Hülle abgebildet waren, ein brennendes Auto und schreiende Muggel, die die Straße entlangliefen, ein Helikopter, der über die staubigen Trümmern eines Hochhauses flog, ein blutender Mann mit einem Maschinengewehr.

„einer von ihren Kunden, so richtig mit Pelzmantel und Übersetzter und-" erzählte Silvia, aber Remus hörte ihr gar nicht zu.

"Was ist das?", fragte er entsetzt. "Werewolfcop. Die ersten drei Filme komplett auf DVD", sagte Silvia.

"Können wir das gucken?", wollte Hecktor sofort wissen, während weder Remus noch Tonks, die ihm die Box aus der Hand genommen hatte und nicht weniger schockiert betrachtete, verstanden, worum es eigentlich ging.

Als Silvia das bemerkte, nahm sie Tonks die Box aus der Hand und drehte sie um, sodass sie die vordere Seite sehen konnten. Hier war der Mann mit dem Maschinengewehr noch einmal abgebildet, diesmal nicht blutend, sondern in Polizeiuniform. Im Hintergrund war der Wolf zu sehen, der bedrohlich um ihn herumstrich, was er aber nicht zu bemerken schien. Über dem Bild stand in großen dunkelroten Lettern "Werewolfcop I-III".

„Das ist ein Film." Sie deutete erklärend auf den Fernseher hinter ihnen.

"Das ist bestimmt toll", behauptete Hecktor, der die Bilder auf der Rückseite nicht gesehen hatte und nun die Box aus Silvias Händen riss, um sie endlich betrachten zu können.

"So was gucken wir nicht. Das ist nur für Erwachsene", bestimmte Silvia und nahm ihm wieder die Box ab.

"Wieso?"

"Deswegen." Silvia deutete auf einen kleinen roten Kreis, in dem eine fette rote Fünfzehn stand. "Das heißt, dass dieser Film von niemandem gesehen werden darf, der jünger ist als fünfzehn. Weil die Leute lauter schlimme Wörter sagen, sich gegenseitig über den Haufen schießen und den Rest der Zeit ganz fies umbringen und am Ende sind alle tot. Vanessa hatte es dauernd laufen, als sie das Bild gemalt hat", ergänzte sie, bevor Hecktor protestieren konnte. "So was willst du dir doch nicht allen Ernstes ansehen, oder?"

„Ich will ja nur sehen, wie er sich verwandelt", sagte Hecktor kleinlaut.

„Es ist übrigens längst Zeit fürs Mittagessen, obwohl das mittlerweile eher ein Abendessen ist", warf Remus ein, um endgültig das Thema zu wechseln.

„Aber erst gleich", sagte Hecktor, dem schlagartig auffiel, dass er die Skizzen auf den verpacken Bildern noch nicht genug gewürdigt hatte.

Remus zuckte mit den Schultern und wandte sich Silvia zu, die die DVD-Hülle in ihren Händen knetete, als sei sie unsicher, ob sie deswegen Ärger bekommen würden. „Wie war das mit dem Mann im Pelzmantel?", versuchte er den Gesprächsfaden wieder aufzunehmen.

„Charles sagt, Vanessas Bilder sind ein Geheimtipp, das heißt so ungefähr, dass sie hier keiner als Künstlerin kennt, aber es trotzdem ein paar Leute gibt, die jede Menge Geld für ihre Bilder bezahlen, aber das sind eben Russen und so", erklärte Silvia, „und einer hat uns besucht und er hieß Vladimir und hatte einen Pelzmantel und eine goldene Armbanduhr wie im Fernsehen. Ich mochte ihn, aber Charles findet, Vanessa müsste ihre Bekanntheit hier in England..- Nicht anfassen!"

Erschrocken ließ Tonks das Tuch, das eines der Bilder an der gegenüberliegenden Wand bedeckte, zurückfallen. Silvias Gesichtsausdruck war angespannt und sie wirkte mit einem Mal blasser als sonst, als sie zu ihr eilte.

„Diese Bilder sind nicht zum Anschauen, sie sind anders, ich meine, sie sind sehr empfindlich. Die Bilder, die Vanessa malt, sind alle ziemlich wertvoll. Ich möchte nicht, dass etwas kaputt geht." Sie stellte sich halb zwischen Tonks und das Bild, als wolle sie verhindern, dass sie noch einmal versuchte sich dem Bild zu nähern.

„Das wusste ich nicht", sagte Tonks entschuldigend und machte einen Schritt zurück.

„Manche Bilder sind für Sammler, aber das Werwolfbild kommt als Cover auf ein Computerspiel. Dann kann es schon sein, dass jemand für das Original zehntausend Pfund oder so bezahlt, wenn es versteigert wird", erklärte Silvia, als sie sich zum Gehen wandten. „Hofft Charles zumindest."

Hecktor versuchte sich diese Summe vorzustellen, aber es wollte ihm nicht recht gelingen. Sooo toll fand er das Bild nun doch nicht.

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Tonks blickte überrascht auf, als Remus den Kopf ins Zimmer streckte. Er hatte den Rest des Nachmittags nutzen wollen, um das Pförtnerhäuschen ausbruchsicher zu zaubern, während die Kinder hinter dem Haus spielten. „Alles in Ordnung?", fragte er besorgt.

Ihr fiel auf, dass sie die begeisterten Rufe, die durch das offene Fenster drangen, schon seit einer ganzen Weile nicht mehr hörte und es bereits dunkel wurde.

„Ja. Ich habe nur ein bisschen die Zeit vergessen. Dafür sind jetzt alle Berichte der letzten drei Wochen fertig", erklärte sie zufrieden, dann viel ihr das leise Schluchzen auf, kaum hörbar, als würde ein Kind weinen.

„Hecktor schläft schon. Deshalb dachte ich es kommt von hier", sagte Remus, als bemerkte wie sie mit gerunzelter Stirn lauschte.

„Ich glaube, das kommt von oben", vermutete Tonks. „Ich seh' mal nach."

Das Geräusch verstummte, als sie die Treppe zum Atelier heraufstieg, aber sie klopfte trotzdem an die Tür. Als niemand antwortete, öffnete sie vorsichtig die Tür und schaltete das Licht ein.

Silvia, die sich ins Bett ihrer Mutter gelegt hatte, gab ein protestierendes Stöhnen von sich und zog sich die Decke über den Kopf. „Tut mir Leid. Ist alles okay mit dir? Ich habe jemanden weinen gehört."

„Ich warte auf Vanessa", kam die verschlafene Antwort von unter der Bettdecke.

„Na gut, ich gehe dann wieder", meinte Tonks unsicher. Irgendetwas im Raum hatte sich verändert, aber sie war sich nicht sicher was. Sie warf einen Blick zu den zugedeckten Bildern an der Wand.

Es bedurfte nur eines Schlenkers ihres Zauberstabes und sie würde sehen was auf ihnen abgebildet war, ohne dass Silvia, die die Decke immer noch über den Kopf gezogen hatte, es merkte. Nur mit Mühe gelang es ihr die aufsteigende Neugierde niederzukämpfen und einfach wieder zu gehen.

„Und?", fragte Remus, als sie wieder zurückkam.

„Nichts. Es spuckt. Morgen stelle ich eine Geisterfalle auf, dann ist das Problem gelöst", meinte Tonks mit einem Hauch Sarkasmus.

Mittlerweile tat es ihr Leid, dass sie nicht nach den Bildern gesehen hatte. Remus seufzte.

„Lass uns schlafen gehen", schlug er vor, es war bereits halb eins.

„Vielleicht weint sie, weil ihre Mutter noch nicht zurück ist", ergänzte er versöhnlich.

„So wird es gewesen sein", gab Tonks nach, obwohl sie am verschlafenen Tonfall des Mädchens gehört hatte, dass dem nicht so war.