5. Kapitel
Tonks ließ ihren Bowler fallen und fiel ihm um den Hals, sobald er zur Tür hereinkam. „War ich so lange weg?", wollte Remus lachend wissen.
„Ich habe mir Sorgen gemacht. Die Sonne ist schon seit Stunden aufgegangen." Sie drückte ihn so fest an sich, als befürchtete sie, er könne jeden Moment wieder verschwinden.
„Es tut mir Leid", meinte er mit einem Anflug schlechten Gewissens. „Ich wollte nur warten, bis die Verletzungen wieder geheilt sind. Ich hätte wissen müssen, dass du dir Sorgen machst. Das Zeug, das sie mir gegeben haben, wirkt Wunder, früher hat es mindestens einen Tag gedauert, bis ich wieder in Ordnung war."
Tonks schob ihn eine Armeslänge von sich, um ihn betrachten zu können. „Du siehst gut aus", stellte sie fest.
„Ich fühle mich wie neu geboren." Remus zog sie wieder an sich. Jetzt wo er seine Verwandlung hinter sich hatte, wollte er ihr so nah sein wie möglich. Nun bedauerte er es, dass er nicht sofort hergekommen war, sodass sie noch etwas Zeit zusammen hätten verbringen können, bevor sie ins Ministerium musste. Für einen Moment genoss er es einfach ihre Wärme an seinem Körper zu spüren, bevor er nach Hecktor fragte.
„Er ist unten bei Silvia. Die Beiden haben sich rausgeschlichen, um sich den Sonnenaufgang anzusehen, aber ich hab deswegen schon mit ihnen geschimpft. Außerdem hab ich versprochen, dass du heute Nachmittag mit ihnen die Blumentöpfe am Pförtnerhäuschen bepflanzt. Ich muss gleich zur Arbeit, bin aber hoffentlich vor Mitternacht wieder da. Du kannst dich also noch ein bisschen hinlegen, falls du willst."
Sie verstummte, als sich sein Gesicht immer mehr dem ihren näherte. Sobald sich ihre Lippen berührten, erstarb die Stimme in ihrem Hinterkopf, die sie darauf hinwies, dass sie zu spät kommen würde und ein wohliges Kribbeln überschwemmte ihren Körper, als sie den Kuss erwiderte. Sie küssten sich leidenschaftlicher, als es für einen Abschiedskuss nötig gewesen wäre, und als sie sich schließlich voneinander lösten, dauerte es einen Moment, bis ihr siedend heiß einfiel, dass sie eigentlich längst im Ministerium sein sollte.
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Silvia hatte eine bunte Mischung aus Topfpflanzen, Sprösslingen und Samentütchen besorgt, die sie am frühen Nachmittag zum Pförtnerhäuschen trugen.
„So soll es später mal aussehen", erklärte sie Hecktor und Remus und zeigte ihnen ein Bild, das wahrscheinlich aus einer Urlaubsbroschüre stammte und ein weißes Ferienhaus mit blauen Fensterläden vor südländischem Hintergrund zeigte. Aus den Blumenkästen vor den Fenstern quoll eine üppige Flut von Blüten in verschiedenen Gelb- und Violetttönen, die die Blumenkästen selbst zum Teil vollständig verdeckte.
Remus zweifelte daran, dass ein solcher Pflanzenwuchs unter der trüben Sonne Englands überhaupt möglich war, vor allen Dingen, wenn man das zusammengewürfelte Sammelsurium beachtete, dass ihnen zur Verfügung stand.
„Genau so, nur bunter."
Ein Blick in die hoffnungsvoll strahlenden Gesichter der beiden Kinder zeigte ihm, dass es auf jeden Fall einen Versuch wert war. Zur Not konnte er immer noch mit ein wenig Magie nachhelfen. Er verwarf den Gedanken sofort wieder, als ihm einfiel, dass er vor Silvia nicht zaubern durfte.
Nachdem sie die erste Pflanzen zusammen eingepflanzt hatten, nahm sich jeder der Beiden einen Blumenkasten vor, um sich an einer eigenen Kreation zu versuchen, während Remus' Rolle zum größten Teil darin bestand die Gießkanne wieder aufzufüllen und den beiden dabei zuzusehen, wie sie glücklich in der Blumenerde wühlten.
Einen Moment lang dachte er daran Hecktor zu empfehlen zuerst die Samen einzupflanzen und dann erst literweise Wasser dazu zuschütten. Andererseits wollte er ihm nicht den Spaß verderben und er bezweifelte, dass die Blumenerde auch so schön schmatzende Geräusche von sich gab, wenn sie trocken war.
„Ich muss die Erde doch lockern, bevor ich die Samen dazutue, oder?", rechtfertigte sich Hecktor, als der die Blicke seines Vaters bemerkte.
Lächelnd wandte Remus seinen Blick Silvia zu, die mit größter Hingabe für jeden der linsengroßen Samen ein eigenes Loch grub.
Zwei Stunden später sahen die Blumenkästen aus, als hätte man sie mehr oder weniger wahllos mit allen möglichen Blütengewächsen bestückt, ohne irgendeine Rücksicht auf ihren natürlichen Lebensraum und ihre artspezifischen Bedürfnisse zu nehmen, was der Wahrheit relativ nahe kam.
Die meisten Pflanzen hatten einige ihrer Blüten eingebüßt und hätten den Eindruck erweckt, sie hätten einen heftigen Sturm überstanden, wären da nicht auf einigen Blättern matschige Fingerabdrücke zu erkennen gewesen.
Zwischen den Gewächsen, die unter Hecktor deutlich mehr gelitten hatten als unter Silvia, gab es immer wieder kahle Flächen, in denen die Samen ihrer Zukunft als bunter Blumenflut harrten, ungeachtet der Tatsache, dass ein großer Teil von ihnen eigentlich in einer anderen Jahreszeit gepflanzt werden sollte.
„Das wird schon noch, wir müssen nur regelmäßig gießen", meinte Silvia optimistisch, nachdem sie die Blumenkästen einer kritischen Musterung unterzogen hatte. Etwas Erde blieb an ihrem Haar hängen, als sie es mit ihren dreckigen Fingern zurückstrich.
„Das habt ihr sehr schön hingekriegt", lobte Remus. „ Aber ich würde sagen, jetzt habt ihr erst mal ein Bad nötig."
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Remus begrüßte Tonks genauso stürmisch, wie sie es am Morgen bei seiner Ankunft getan hatte. "War ich so lange weg?", fragte sie schelmisch, nachdem sie sich nach einem langen Kuss voneinander lösten.
"Viel zu lange", seufzte er und drückte sie noch ein wenig fester an sich. "Außerdem ist mir eingefallen, dass ich dir noch einen Kuss schulde, wenn ich mich recht erinnere. Ich bleibe niemandem gerne was schuldig."
"Das ist natürlich ein Argument."
Nachdem Remus seine Schuld mit allen anfallenden Zinsen beglichen hatte, fragte Tonks nach Hecktor, während sie Remus zu sich aufs Bett zog.
"Der ist natürlich im Bett. Er konnte ja kaum noch aus den Augen gucken. Aber man ist schließlich nur einmal jung", meinte Remus mit einem Grinsen, als würde er sich am liebsten selbst wieder nachts herumtreiben.
Tonks war sich sicher, dass er die ganze Angelegenheit nicht halb so komisch gefunden hätte, wenn Hecktor während seines Ausflugs auch nur in die Nähe des Pförtnerhäuschens gekommen wäre, aber sie hatte keine Lust jetzt mit diesem Thema anzufangen und gab ihm stattdessen noch einen Kuss.
"Ich habe gar nicht gefragt, wie es dir geht", stellte sie fest.
"Oh, bestens."
"Wirklich?" Sie begann seinen Umhang aufzuknöpfen. "Ich glaube das muss ich mir genauer ansehen."
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Remus' Laune hatte sich erheblich gebessert, seit er seine erste Verwandlung hinter sich hatte und die Tatsache, dass er keinem andauernden Sturm von Fragen ausgesetzt war, wie er es in Anbetracht von Hecktors unersättlicher Neugierde erwartet hatte, hob seine Stimmung zusätzlich.
Hecktor war viel zu sehr mit damit beschäftigt die Tatsache zu genießen, dass er endlich eine Freundin hatte, um sich über seinen Vater Gedanken zu machen. Es war wichtig gewesen, dass er nicht da war, als sie sich rausschlichen, denn er hätte es todsicher gemerkt, aber das war auch schon alles.
Mit einem gewissen Neid hatte Hecktor schnell festgestellt, dass Silvia tun und lassen konnte was sie wollte. Vanessas Arbeit schien kein Ende zu kennen, denn sie verließ ihr Atelier so gut wie nie. Sie schien wie alle Künstler völlig von ihrer Arbeit eingenommen und sonst etwas zerstreut zu sein. Sie ließ sich von Silvia das Essen ins Atelier bringen, sonst hatten die Beiden nicht viel miteinander zu tun.
Abgesehen von der „Saubermach-Frau", wie sie von Silvia genannt wurde, einer mütterlich wirkende, älteren Inderin, die einmal in der Woche kam und das Haus putzte, war Silvias Halbbruder Mark der einzige andere Bewohner des Hauses.
Mark war Achtzehn, trug seltsame schwarze Klamotten und kam und ging zu den absurdesten Zeiten und war Hecktors Meinung nach ziemlich merkwürdig. Weil er bis in den frühen Nachmittag hinein schlief, durften sie vormittags nicht auf der Veranda spielen und wenn er wach war, er entweder unterwegs oder blieb alleine in seiner Wohnung aus der hin und wieder ein Lärm wie von einem wildgewordenen Hippogreif im Kesseladen töne, der angeblich Musik darstellen sollte.
Alles in allem waren die Lupins froh, dass er sich so gut wie nie blicken ließ.
Innerhalb des Hauses hatten sie eine angenehme Bewegungsfreiheit, denn Silvia respektierte die Bitte, nicht in ihre Wohnung zu gehen, und zeigte sich auch sonst auf beängstigende Weise diskret. Sie wollte nicht wissen, was Tonks denn genau während der Arbeit machte.
Als die beiden im verwilderten Garten spielten und Hecktor mit einem Aufschrei in einem verlassenen Kaninchenbau eingebrochen war, hatte sie das Gewand, der herbeieilende Remus trug, zwar neugierig gemustert, ihm aber mehr oder weniger in den Mund gelegt, dass es sich bei seinem Umhang, um die Tracht irgendeines fernen Landes handelte.
Obwohl Remus klar war, dass sie das Ganze nicht wirklich glaubte (warum hätte sie ihn sonst gebeten sich ‚normal' anzuziehen, wenn die Saubermachfrau kam), genoss er die sich ihm dadurch bietende Freiheit in vollen Zügen, nachdem er herausgefunden hatte, dass das unnatürliche Desinteresse des Mädchens auf eine Vereinbarung zwischen ihr und Hecktor, dem jeweils anderen ein Geheimnis zu gewähren, zurückzuführen war. In stillschweigender Übereinkunft hatte sich diese Abmachung auch auf ihn und Tonks ausgedehnt, was ihnen mehr als Recht war.
Natürlich war es trotzdem nötig, dass sie weiterhin darauf achteten, dass Silvia keine Magie zu sehen bekam, aber es machte das Leben wesentlich angenehmer nicht jedes Wort prüfen und bei jeder Kleinigkeit darüber nachdenken zu müssen, was sich ein Muggel möglicherweise dazu dachte.
Natürlich traf das nach wie vor nicht auf ihre Muggelnachbarn zu, aber das Haus, das schon durch das große, umliegende Gelände einsam lag, war ein ganzes Stück von den anderen Häusern des Dorfes entfernt.
Die Remus' hatten Silvia schnell in ihr Herz geschlossen und obwohl sich Silvia und Tonks zu Beginn nicht besonders gut verstanden hatten, schaffte sie es mit ihrer offenen und witzigen Art schnell, Silvia aus ihrer Zurückhaltung zu locken. Für Hecktor war Silvia ohnehin bald nur noch seine Zwillingsschwester, wobei sie die Erwachsenen nicht einweihten, das sie Halbzwillinge waren, da diese solche Dinge erfahrungsgemäß ohnehin nicht verstanden.
Sie sahen sich morgens vor dem Frühstück schon zum ersten Mal, aßen meistens alle zusammen auf der Veranda oder in Silvias Wohnung und verbrachten die Tage mit wirklich wichtigen Dingen, wie damit die Todesser vom Gelände zu vertreiben, die es aus unerfindlichen Gründen auf die Wichtel im verwilderten Garten abgesehen hatten.
Die Einzige, die das schöne Wetter nicht unbeschwert genießen konnte, war Tonks, die zur Arbeit musste.
Obwohl sie es niemals zugeben würde, war es nicht nur die Arbeit selbst, die ihr die gute Laune verdarb, sondern der Anblick des Hauses, das ihr höhnisch nachzublicken schien, wenn sie die Auffahrt herunterging, bevor sie außerhalb der Sichtweise des Hauses apparieren konnte und das sich düster in den Himmel reckte, wenn sie die Auffahrt nach der Arbeit wieder heraufkam.
Selbst wenn sie während des ganzen Aufstiegs nicht hinsah, wurden ihre Blicke doch spätestens von dem Schild vor dem Tor wie magisch angezogen, als wolle das Haus sie daran erinnern, was es wirklich war.
Das Haus der Ängste.
Allein der Gedanke daran, dass das Haus irgendetwas mitteilen wollte, war lächerlich, das wusste sie.
Bereits am nächsten Morgen, nachdem sie das Weinen gehört hatte, hatte sie Zweifel gehabt, ob es nicht möglicherweise doch von dem Mädchen kam und da dieses Ereignis das Einzige seiner Art blieb, war ihr der Gedanke gekommen, dass sie auf dem besten Wege war, sich etwas zusammen zu spinnen.
Muggel mochten glauben, dass ein Haus verhext war, sodass es Angst aufhalten konnte, aber sie wusste, dass dies nicht möglich war, und falls doch, hätte sich ein so mächtiger Zauberer leicht aufspüren lassen. Tonks sagte sich immer wieder, dass es sich einfach nur um die Spielerei eines Kindes handelte, das versuchte mit seinen Ängsten fertig zu werden, aber sie fragte sich jedes Mal wovor sich das Mädchen wohl fürchtete.
Im Gegensatz zu Remus, der sich denken konnte, was sie verstimmte, vor allem da Tonks hin und wieder an ihrer Geister-Theorie feilte, ging Hecktor davon aus, dass sich seine Mutter darüber ärgerte, dass sie jeden Tag die ganze Auffahrt hoch- und wieder herunter laufen musste.
Das würde ihn wahrscheinlich am meisten stören, wenn er in der Lage gewesen wäre, zu apparieren, zumal sie häufig bereits früh am Morgen losgehen musste oder erst in der Nacht wieder zurückkam, wenn es dunkel war und man leicht hinfallen konnte.
Der Gedanke daran, wie er seiner Mutter den langen Weg ersparen könnte, ließ Hecktor nicht los, zumal er jeden Tag daran erinnert wurde. Fünf Tage nach ihrem nächtlichen Ausflug hatte er schließlich eine Idee, war sich aber nicht sicher, wie er sie genau umsetzen konnte, ohne Silvia auszuschließen. Andererseits versprach das Ganze nicht nur praktisch, sondern das Bauen auch ein interessanter Zeitvertreib zu werden, falls es klappte.
"Du, Silvia ich muss dich mal was fragen." Verwundert blickte Silva in Hecktors schuldbewusstes Gesicht.
"Frag." Sie warf ihm den Ball zu, mit dem sie gerade spielten.
"Ich möchte mit dir zusammen was bauen, als Überraschung, für meine Mum."
"Wo ist das Problem?"
Hecktor druckste einen Moment herum. "Du darfst aber nicht wissen, wofür es gut ist."
Silvia legte den Kopf schief und überlegte einen Moment. Dann zuckte sie mit den Schultern. "Solange ich wissen darf, wie es hinterher aussehen soll." Hecktor grinste erleichtert und hob den Ball auf, der neben ihm zu Boden gefallen war.
Kurze Zeit später saßen sie auf der Veranda und versuchten einen groben Plan zu zeichnen. "Ich dachte so eine Art Umzäunung, die man vors Tor stellt kann", erklärte Hecktor seine Vorstellungen.
"Es sollte so groß sein, dass man drin stehen kann und man aber nicht von außen reinsehen kann."
"Kann man reingehen?", wollte Silvia wissen.
"Man kann reingehen, also braucht es eine Tür und am besten auch ein Dach, falls es regnet."
"So ähnlich wie die Klohäuschen, die die Leute früher auf dem Hof hatten?" Darunter konnte Hecktor sich nicht wirklich etwas vorstellen. "Ein Holzhäuschen mit Plumpsklo drin und einem Herz auf der Tür", ergänzte sie, als sie seinen verwirrten Blick bemerkte.
"Holz wäre nicht schlecht. Wir könnten ja die Wände aus Holz machen und dann von innen mit irgendwas die Ritzen stopfen", schlug Hecktor vor.
"Wir haben noch jede Menge Holz auf dem Dachboden des Pförtnerhäuschens, das können wir holen. Eine alte Tür ist glaube ich auch noch da."
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Geschickt fischte Silvia den Schlüssel aus der Rille zwischen einem der Holzblumenkästen und dem darin eingelassenen Plastikblumentopf.
Zu ihrem Bedauern wuchsen die Pflanzen nur langsam, obwohl sie sie jeden Tag gossen. Während sie die Tür aufschloss, wippte Hecktor ungeduldig auf seinen Fußballen hin und her. Er war schon gespannt, wie es im Inneren des Pförtnerhäuschens wohl aussehen würde, obwohl Silvia ihm versichert hatte, dass es dort außer ein paar alten Möbeln nichts Interessantes zu sehen gab.
Auch ohne Silvias halb überraschten, halb entsetzten Blick hätte er gemerkt, dass etwas nicht in Ordnung war.
"Was ist denn hier los?", fragte er überrascht, als er hinter ihr das Haus betrat.
Die vergilbte Tapete war größtenteils von der Wand gerissen und in dem darunter zum Vorschein kommenden Beton ließen sich mehrere Kratzer ausmachen. In einigen Ecken lagen Holzsplitter, die möglicherweise früher einmal zu Möbeln gehört hatten, so genau ließ sich das nicht mehr sagen.
"Ich würde sagen, etwas ziemlich Großes, mit Krallen wollte unbedingt hier raus", meinte Silvia beunruhigt, mit einem Blick auf vier parallele tiefe Kratzer, die einen Türrahmen zierten.
"Vielleicht hat dein Vater aus Versehen einen streunenden Hund oder so was eingeschlossen."
"Eher einen Wolf", korrigierte Hecktor und warf den Schrammen einen beunruhigten Blick zu. Wenn er es sich recht überlegte, dann musste das Tier, dessen Krallen solche Spuren hinterließen, noch größer sein.
"Glaubst du es ist noch hier drin?", wollte Hecktor wissen. Lauschend legte Silvia den Kopf schief und ging, nachdem sie keine verdächtigen Geräusche gehört hatte, ein paar Schritte weiter in den Raum hinein.
Schweigend hob sie ein Stück Holz vom Boden auf. Obwohl es aussah, als hätte ein Tiger auf ihm herumgekaut, erkannte sie sofort, dass es sich um die Lehne ihres Stuhls handelte. Traurig strich sie über die eingeritzte Inschrift, die jetzt von vielen weiteren Kratzern und Rissen überdeckt war.
Sie hatte den Stuhl aus der Wohnung hierher gebracht, aber obwohl sie hoffte, ihn nie wieder zu brauchen, nachdem Hecktor mit seiner Familie eingezogen war, kam sie sich doch ein bisschen vor, als hätte sie einen treuen Freund, der ihr immer Trost gespendet hatte, verraten. Sie hätte besser auf ihn aufpassten müssen.
"Silvia", zischte Hecktor ängstlich. Einen Moment lang versuchte sie verwirrt, ihre Gedanken zu ordnen, bis ihr wieder klar wurde, wo sie waren.
"Am besten wie gehen raus und lassen die Tür offen, dann kann was immer hier drin war, raus, falls es noch da ist. Zur Not kann uns dein Dad vielleicht helfen."
Das Gefühl der unbestimmten Traurigkeit blieb, als sie sich die Lehne unter den Arm klemmte und Hecktor folgte, der das Haus gar nicht schnell genug wieder verlassen konnte.
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Remus, der gerade am Esszimmertisch saß, blickte überrascht auf, als Hecktor in die Wohnung stürmte. Aus den Augenwinkeln sah er, dass Silvia, im Hausflur auf ihn wartete.
„Daddy, da ist vielleicht ein Hund im Pförtnerhäuschen eingesperrt, kannst du nachsehen?"
„Was?", frage er verständnislos und legte die Zeitung aus der Hand.
„Da ist ein Tier im Pförtnerhäuschen. Als wir rein gegangen sind, war alles kaputt und Krallenabdrücke an den Wänden, da dachten wir…" Hecktor verstummte, als er sah, wie schlagartig alle Farbe aus Remus' Gesicht wich.
Remus hatte das Gefühl, als würde der Boden unter ihm wegsacken und er musste sich am Tisch festhalten, als ihm klar wurde, wo die Beiden gewesen waren.
Brodelnde, schwarze Angst stieg in ihm hoch, Angst davor, erklären zu müssen, wie die Kratzer ins Pförtnerhäuschen gelangt waren, Angst davor, dass Hecktor erfuhr, was er war, Angst davor, dass er ihn verletzte, wenn er verwandelt war. Er atmete tief durch und kämpfte die aufsteigende Kälte nieder.
Es gibt keinen Grund für eine Panikattacke, versuchte er sich zu beruhigen. Es. Ist. Nichts. Passiert.
„Dad, alles in Ordnung?", fragte Hecktor verunsichert.
„Hatte ich dir nicht verboten ins Pförtnerhäuschen zu gehen?", fragte Remus tonlos, seine Stimme zitterte leicht, aber er hatte sich wieder im Griff.
„Wir sollten nur nicht draufklettern, und das haben wir auch nicht gemacht", rechtfertigte sich Hecktor. "Auch nicht an Vollmond, obwohl man den Sonnenaufgang vom Dachboden aus ganz toll sehen kann und Silvia den Schlüssel nicht gefunden hat und… "
"WAS?"
Remus glaubte, sein Herz würde für einen Schlag aussetzten, als er realisierte, was das Gesagte bedeutete, denn das Dachfenster diente als unverschlossener Zugang, den jeder zur Verwandlung genutzte Ort laut ministeriellen Richtlinien haben musste.
Er konnte ihn als Werwolf zwar nicht nutzen, um auszubrechen, aber ein Außenstehender konnte die Hütte dadurch ohne größere Probleme betreten und bekam es mit einem ausgewachsenen Werwolf zu tun. Er wollte sich gar nicht ausmalen, was passiert wäre, wenn die beiden wirklich aufs Dach und von dort aus ins Haus geklettert wären. Es wäre nicht das erste Mal gewesen, das ein solcher Zugang jemandem zum Verhängnis wurde.
"Wir sind nicht nachts aufs Dach geklettert?", versuchte Hecktor seinen Vater zu beruhigen.
Er hatte ihn noch nie in solch einer Verfassung erlebt. Er war aufgestanden und hielt sich mit einer Hand am Tisch fest, sodass die Köchel weiß hervortraten. Sein Gesicht war kalkweiß und seine Züge wirkten seltsam versteinert.
Was Hecktor aber mehr als alles andere schockierte, war das Entsetzen, das in seinen Augen flackerte und ihm einen kalten Schauer über den Rücken jagte. Sie hatten doch nichts Schlimmes getan!
Das merkwürdige Verhalten seines Vaters machte ihm mehr Angst, als er im Pförtnerhaus je gehabt hatte. Allerdings schien dieser seinen Einwurf gar nicht wahrgenommen zu haben.
„Ich habe dir verboten dorthin zugehen! Müsst ihr immer auf irgendwelche neuen absurden Ideen kommen und die gleich umsetzen, ohne nachzudenken? Du wirst nicht mehr auch nur in die Nähe dieses Pförtnerhäuschens gehen! HABEN WIR UNS VERSTANDEN?!"
Hecktor warf seinem Vater einen entsetzen Blick zu, als habe der ihn geohrfeigt.
Er schrie ihn an. Sein Vater schrie ihn tatsächlich an. Es dauerte einen Moment bis diese Erkenntnis vollends zu Hecktor durchdrang
Es konnte einfach nicht sein. Sein Vater wurde nie laut, egal wie wütend er war. Seine Mutter ja, aber sein Vater nie.
Hecktors Angst verwandelte sich schlagartig in Wut.
Das war so unfair. Er hatte doch nichts Falsches getan.
Natürlich hatte sein Vater gesagt, dass er nicht wollte, dass sie alleine ins Pförtnerhäuschen gingen, aber er hatte gesagte es sei gefährlich dort herumzutoben. Er hatte es nicht so verstanden, dass er es gar nicht betreten durfte.
Und überhaupt, hatten sie sich nicht überaus vernünftig verhalten? Sie hatten es doch gleich wieder verlassen und sofort um Hilfe gebeten und jetzt schrie sein Vater ihn einfach an.
Sie wollten doch nur etwas zusammen bauen, er und Silvia. Verstand sein Vater nicht, wie wichtig das für ihn war, nachdem Silvia schon hinnahm, dass er nicht sagte, worum es überhaupt ging?
Nachdem sie so verständnisvoll gewesen war, konnte er doch nicht einfach kommen und alles kaputt machen.
„Du hast nicht das Recht, mich anzuschreien wegen einem blöden Köter, der gar nicht da war. Wir waren vorsichtig und überhaupt hast du nicht gesagt, dass ich nicht reingehen darf."
Remus war einen Moment perplex, das Hecktor ihm so einfach widersprach.
Verstand der Junge den gar nicht, worum es hier ging? Wenn er weniger aufgewühlt gewesen wäre, hätte er vielleicht gemerkt, dass Hecktor es nicht einmal verstehen könnte, wäre seine Angst weniger irrational gewesen. Aber die Furcht davor, eines Tages jemanden zu verletzen, den er liebte, verfolgte ihn schon seit Jahren in seinen Albträumen und war in diesem Moment zu stark, als dass er hätte logisch nachdenken können.
„Ein Hund, ja? Glaubst du ein Hund richtet eine Hütte so zu? Weißt du was mit dir passiert wäre, wenn dein Hund da gewesen wäre? Du wärst tot!"
„Was soll es denn sonst gewesen sein außer einem Hund? Ein Werwolf vielleicht?", gab Hecktor trotzig zurück, mittlerweile schrie auch er.
„Und wenn schon? Dir wäre es ja sowieso egal, wenn ich aufgefressen werde. Hauptsache, du kannst deine blöden Regeln durchsetzen. Dir ist es ja auch egal, wenn ich mit Silvia zusammen was machen will. Es ist dir völlig egal, dass ich zum ersten Mal eine richtige Freundin habe und glücklich bin. Wahrscheinlich gönnst du uns nur nicht, dass wir zusammen Spaß haben."
„Hecktor", unterbrach Remus ihn scharf. Er schrie nicht mehr, Hecktors Worte hatten ihn zutiefst getroffen. „Nur weil du wütend bist, heißt das nicht, dass du hier einfach rumschreien kannst."
Das sagte ja genau der Richtige, dachte Hecktor und es war der Tropfen, der für ihn das Fass endgültig zum Überlaufen brachte. „Ich hasse dich", schrie er Remus an und rannte in sein Zimmer. Die Tür schlug mit einem lauten Knall hinter ihm zu.
„Es gibt Dinge, für die du mich noch viel mehr hassen würdest", erwiderte Remus so leise, dass nur er es hören konnte und ließ sich kraftlos auf den Stuhl zurücksinken.
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Froh, den harten Arbeitstag, der für sie schon um drei Uhr morgens begonnen hatte, hinter sich zu haben, kam Tonks die lange Auffahrt hoch und wünschte sich, Voldemort würde endlich geregelte Arbeitszeiten für seine Todesser einführen.
Die meisten Angriffe ereigneten sich nachts oder in den frühen Morgenstunden, sodass sie in der Regel entweder bereits mitten in der Nacht zur Arbeit ging, oder erst sehr spät zurückkam; wenn die Zeiten unruhiger waren beides.
Den Tag verbrachte sie allerdings meist mit weniger nervenaufreibenden Tätigkeiten wie Protokolle schreiben oder Informationen zu noch ungeklärten Fällen zusammenzutragen. Früher hatte sie diese Tätigkeiten als unglaublich öde empfunden und hätte wahrscheinlich jeden für verrückt erklärt, der ihr erzählt hätte, dass sie sie als eine willkommene Abwechslung zu den allgegenwärtigen Grausamkeiten schätzen lernen würde.
In der Tat empfand sie es als wohltuend, dass es wenigstens einige Sachen gab, die mit unvermeidlicher Regelmäßigkeit immer wiederkehrten, in einer Welt, die immer mehr aus dem Ruder lief. Zwar gehörte der Anblick des Hauses, das Unheil verkündend auf der Anhöhe thronte auch zu diesen Dingen, aber sie konnte gut auf den Anblick verzichten.
Sie war schon fast am Tor angekommen, als sie die kleine Gestalt am provisorischen Briefkasten bemerkte. Silvias schmale Schultern zuckten unter heftigen Schluchzern, als sie hastig einen Zettel in den Briefkasten schob.
„Hey, was hast du denn?", fragte Tonks mitfühlend, doch Silvia drehte sich auf dem Absatz um und rannte an ihr vorbei, so schnell sie konnte. Tonks warf dem schwarzen Briefkasten einen abschätzigen Blick zu und kam zu dem Schluss, dass er dem Mädchen nicht wirklich bei seinen Problemen helfen konnte.
Sie holte Silvia kurz vor dem Haus ein und hielt sie sanft am Arm fest. „Ich will dir nur helfen." Silvia riss sich los, wich in paar Schritte zurück und warf ihr einen verängstigten Blick zu.
„Lass mich in Ruhe", stieß sie zwischen zwei Schluchzern hervor.
„Ich weiß, dass wir einen schlechten Start hatten", sagte Tonks leise und streckte Silvia ihre Hand entgegen, als wolle sie ein scheues Tier anlocken. „Ich will dir wirklich nur helfen."
Silvia wischte sich wild mit dem Arm über das Gesicht. Vorsichtig machte Tonks einen Schritt auf sie zu und nahm sie in den Arm. Sie konnte spüren, wie Silvias magerer Körper zusammenzuckte, als sei sie körperliche Nähe nicht gewohnt, doch sie versuche nicht, sich zu befreien und so hielt sie sie fest, wiegte sie tröstend hin und her und drückte ihren Kopf sanft an ihre Brust.
„Es ist alles meine Schuld", schniefte Silvia. „Sie werden sich nie wieder vertragen. Es ist meine Schuld." Sie begann wieder zu weinen, wurde von heftigen Schluchzern geschüttelt.
„Schhhhht", macht Tonks leise und hielt sie fest an sich gepresst. Ihr Umhang war vorne mittlerweile völlig durchnässt.
„Was ist passiert?", fragte sie leise, als sich Silvia wieder etwas beruhigt hatte. „Sie haben sich gestritten", sagte sie und zog geräuschvoll die Nase hoch. „Richtig schlimm gestritten."
Tonks löste ihre rechte Hand von ihr und beschwor hinter ihrem Rücken ein Taschentuch herauf, das Silvia dankbar annahm.
Sie nutzte die Gelegenheit, dass Tonks sie nicht mehr allzu fest hielt, löste sich von ihr und setzte sich auf die Kante der hölzernen Veranda. Stockend erzählte sie, was vorgefallen war, wobei sie mehrmals wieder anfing zu weinen und Tonks, die sich neben sie gesetzt hatte, weitere Taschentücher heraufbeschwören musste. „Ich werde mit den Beiden reden und dann wird alles wieder gut, versprochen", versicherte sie mit einem aufmunternden Lächeln.
Innerlich dagegen war sie zutiefst verwirrt. Sie konnte nicht glauben, dass Remus irgendjemanden angeschrien haben sollte, schon gar nicht Hecktor. Es war zwar logisch, dass er sich darüber aufregen würde, wenn er erfuhr, dass die Kinder ins Pförtnerhäuschen gegangen waren, aber sie konnte sich nicht vorstellen, dass er jemals die Beherrschung verlor.
"Kann ich dich einen Moment allein lassen?", fragte Tonks. Sie musste herausfinden, was wirklich passiert war.
Silvia nickte. "Kannst du bitte keinem sagen, dass ich geweint hab?", fragte sie schüchtern.
"Kein Problem." Mit einem letzten Blick stellte sie sicher, dass Silvia fürs erste alleine zu Recht kommen würde und eilte in die Wohnung.
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Remus saß, das Gesicht in den Händen verborgen, am Esszimmertisch, von Hecktor war weit und breit nichts zu sehen. Vorsichtig näherte sich Tonks seiner zusammengesunkenen Gestalt.
Es war nicht zu übersehen, dass ihn etwas zutiefst mitgenommen hatte. Er reagierte nicht, als sie die Zeitung, in der er wahrscheinlich zuvor gelesen hatte, vom Tisch zog, sie zusammenfaltete und auf einen Stuhl legte. Sie trug noch nach einer Woche Schlagzeilen über die letzte Vollmondnacht.
„Remus?" Er blickte erst auf, als sie ihre Hand sanft auf seine Schulter legte. "Was ist los
"Nichts." Er schob ihre Hand von seiner Schulter. "Ich möchte jetzt allein sein, geht das?"
"Nein, das geht leider nicht", erklärte Tonks bestimmt. "Silvia sitzt unten auf der Veranda und ist völlig fertig mit den Nerven. Sie sagt, ihr habt euch gestritten. Sie hat gesagt, du hast Hecktor angeschrien. Also, was ist los?"
Remus blickte auf, sah sie aber nicht an. Sein Gesicht wirkte zerknautscht, aber seine Augen waren trocken. "Die beiden waren im Pförtnerhäuschen", berichtete er leise. "Sie waren auch letzten Vollmond dort. Sie wollten, wie auch immer, hochklettern und vom Dachboden aus den Sonnenaufgang ansehen."
"Remus." Tonks legte ihm beruhigend die Hand auf die Schulter, als er immer hastiger sprach, aber er schien die Berührung gar nicht zu merken.
"Ist dir eigentlich klar, was passiert wäre, wenn sie reingeklettert wären?"
"Remus."
"Dann wäre jetzt wahrscheinlich nichts mehr von ihnen übrig. Ich hätte meinen eigenen Sohn zerfleischt."
"Remus."
"Und wahrscheinlich hätte es mir auch noch geschmeckt."
"Remus. Es reicht!", sagte Tonks scharf. Er hatte das Gesicht abgewandt, und starrte blicklos vor sich hin.
"Remus, es ist nichts passiert", sagte sie deshalb eindringlich. "Es ist nichts passiert. Du hast niemanden verletzt. Hecktor ist putzmunter, davon kannst du dich selbst überzeugen."
Es dauerte einen Moment, bis er sich halbwegs wieder gefangen hatte und zu einem leisen Widerspruch fähig war. "Wenn sie zum Dachfenster geklettert wären…"
"Dann wären sie nicht rein gekommen", unterbrach ihn Tonks sanft aber bestimmt.
"Doch." Remus schluckte trocken, bevor er leise fortfuhr. "Es gibt eine ministerielle Bestimmung, dass es zu jeder Hütte einen unverschlossenen Zugang von außen geben muss, für den Notfall. Was für ein Notfall das auch immer sein soll."
Es dauerte einen Moment, bis sie realisierte, was das bedeutete. "Ohhh."
"Ja, 'ohhh'. Weißt du wie ich mich fühlen würde, wenn ich die Kinder…"
"Remus."
"Und wenn sie einmal nicht hören, warum sollten sie es jetzt tun? Es war reines Glück, dass nichts passiert ist, beim nächsten Mal…"
"Es wird kein nächstes Mal geben, verlass dich darauf", sagte Tonks bestimmt. "Ich sorge dafür, dass sie nicht einmal mehr in die Nähe des Pförtnerhäuschens gehen", fügte sie um einiges sanfter, aber nicht weniger eindringlich hinzu.
Remus nickte und versuchte ein kränkliches Lächeln, als er sich ihr wieder zuwandte. Sie zog einen Stuhl heran und nahm ihn in den Arm.
Eine Weile saßen sie schweigend da, während Tonks ihm immer wieder aufmunternd durchs Haar strich und Remus langsam wieder seine Fassung zurückgewann.
Er konnte spüren, dass ihr Umhang vorne noch nass von Silvias Tränen war und es fiel ihm nicht schwer zu erraten, warum das Mädchen geweint hatte. Als ihm klar wurde, dass weder sie noch Hecktor verstehen konnten, warum er sich so aufgeregt hatte, bekam tat ihm sein Gefühlsausbruch beinahe leid.
"Ich muss mich bei Hecktor entschuldigen, oder?", fragte er und löste sich aus Tonks' Umarmung.
"Oder es ihm erklären", erwiderte sie leise.
"Ich kann nicht."
"Soll ich es ihm sagen?", fragte sie und berührte sanft seinen Oberarm.
"Was willst du ihm sagen? 'He Hecktor, vielleicht interessiert es dich, dein Dad ist ein Werwolf und falls du wirklich ins Pförtnerhäuschen geklettert wärst, hätte er dich in Fetzen gerissen.' Das geht doch nicht."
"Natürlich nicht so", wandte Tonks ein. Er war in dieser Hinsicht schon immer etwas starrköpfig gewesen. Anderseits sie der Meinung, dass er es Hecktor selbst sagten musste. Sie hatten schon früh über dieses Thema gesprochen und sich darauf geeinigt, dass er es Hecktor spätestens sagte, wenn er nach Hogwarts kam. Also würde sie ihn jetzt nicht drängeln.
"Aber dann musst du dich entschuldigen." Remus nickte, blieb aber sitzen, als sie aufstand, um nach Hecktor zu sehen.
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Hecktor saß mit angezogenen Beinen auf seinem Bett als sie hereinkam, und es war nicht zu übersehen, dass auch er geweint hatte. Er blickte nicht auf, sondern starrte mit demonstrativer Schmollmiene auf seine Füße.
"Hecktor?" Tonks setzte sich neben ihn aufs Bett und legte ihm den Arm um die Schultern.
"Dad war gemein zu mir", erklärte Hecktor beleidigt und rückte von ihr weg.
"Ich weiß. Und er wird sich gleich auch entschuldigen. Aber könntest du vielleicht zuerst runtergehen und nach Silvia sehen? Sie haben gehört, dass ihr euch gestritten habt und machen sich jetzt Sorgen."
Im ersten Moment war Hecktor überrascht, dass seine Mutter auf seiner Seite war; eigentlich waren seine Eltern immer einer Meinung, wenn es darum ging, dass er etwas angestellt hatte. Und jetzt würde sein Vater sich sogar bei ihm entschuldigen.
Zwar war er immer noch der Meinung, dass sein Vater ihn nicht hätte anschreien dürfen, weil er eigentlich nichts Schlimmes getan hatte, aber es war ihm auch klar, dass es falsch gewesen war, zurückzuschreien und eigentlich hatte sein Vater ja auch gesagt, dass er nicht wollte, dass sie in das Pförtnerhäuschen gingen. Es war ihm nur nicht klar gewesen, dass er es so ernst meinte.
"In Ordnung", meinte er, als er vom Bett rutschte. Tonks wartete noch, bis sie die Wohnungstür zuschlagen hörte, bevor sie zu Remus zurückging, um ihm zu erklären, wie sie die Kinder vom Pförtnerhäuschen wegzuhalten gedachte.
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Nachdem sie noch eine Weile mit der Stuhllehne in Arm weitergeweint hatte, hatte sich Silvia, die sich immer noch die Schuld an dem Streit gab, weil es ihre Idee gewesen war, zum Pförtnerhäuschen zu gehen, wieder gefangen.
Sie hatte die Taschentücher und ihre Stuhllehne weggebracht und sich so lange mit kaltem Wasser das Gesicht gewaschen, bis sie glaubte wieder halbwegs normal auszusehen.
Nun saß sie mit Hecktor auf der Veranda und versuchte bei ihm Verständnis für das Verhalten seines Vaters zu wecken. Vielleicht würden die Beiden sich dann wieder versöhnen und sie braucht sich nicht mehr ganz so schuldig zu fühlen.
"Dein Dad hatte einfach furchtbar viel Angst, dass uns was passiert. Wenn man ganz viel Angst hat, macht man manchmal Dinge die einem nachher leidtun. Bestimmt hat er dich nur angeschrien, weil er sicher sein wollte, dass wir diesmal auch hören."
"Aber es ist doch überhaupt nichts passiert", widersprach Hecktor, der die Ursache für das Ganze Ihr-könntet-tot-sein-Gerede immer noch nicht erkennen konnte.
"Aber hätte passieren können. Eltern machen sich halt Sorgen um ihre Kinder", versuchte es Silvia noch einmal.
"Ich glaube nicht, dass Vanessa sich so angestellt hätte", entgegnete Hecktor. Für einen Moment schwieg Silvia getroffen, denn ein Teil von ihr wünschte sich, sie würde genau das tun, dann startete sie einen neuen Versuch, Remus in Schutz zu nehmen, ohne auf Hecktors letzte Bemerkung einzugehen.
"Vielleicht hat dein Dad Angst vor Hunden. Vielleicht hat ihn mal ein Hund gebissen, als er ein Kind war und jetzt hat er Angst, dass dir dasselbe passiert und weil er Angst vor Hunden hat, hat er überreagiert", reimte sie sich zusammen, ohne zu ahnen, wie nahe sie damit der Wahrheit kam.
Darüber musste Hecktor, der den Mund schon zu einer Erwiderung geöffnet hatte, erst einmal nachdenken. Es war durchaus wahrscheinlich, dass sein Vater Angst vor Hunden hatte, denn immer, wenn sie auf der Straße jemandem mit einem Hund begegneten, wich er aus und wechselte sogar die Straßenseite, wenn er es früh genug bemerkte.
Allerdings konnte Hecktor seinem Vater dieses Verhalten nicht verübeln, da Hunde den Schwanz einzogen, die Ohren flach legten und so unheimlich knurrten und winselten, wenn er in ihre Nähe kam.
Außerdem hatte sein Vater diese Narbe, über deren Herkunft er partout nicht reden wollte, egal wie oft Hecktor gebettelt hatte, als er noch kleiner gewesen war. Obwohl Hecktor bis jetzt davon ausgegangen war, dass sie Verletzung von etwas Magischem stammte, da sie sonst wahrscheinlich keine Narbe hinterlassen hätte, konnte sie möglicherweise auch von einem ziemlich großen Hund stammen.
"Vielleicht hast du Recht", gab Hecktor schließlich zu.
"Siehst du. Da ist es ja kein Wunder, dass er sich Sorgen um uns macht, oder?"
"Aber er hätte mich trotzdem nicht anschreien dürfen", sagte Hecktor, eigentlich nur, um Recht zu behalten. Bei dem Gedanken an die Hunde, die sie mit gesträubten Fell und entblößten Lefzen anknurrten und in kleinen Trippelschritten vor ihnen zurückwichen, wenn sie ihnen auf der Straße begegneten, als wollten sie Anlauf nehmen, um sich im nächsten Moment auf sie zu stürzen, bekam er eine Gänsehaut.
Plötzlich war er froh, dass sie das Pförtnerhäuschen so schnell wieder verlassen hatten. Er konnte es seinem Vater nicht mehr wirklich übel nehmen, dass er die Beherrschung verloren hatte. Außerdem wollte er sich ja noch entschuldigen.
"Wir könnten uns entschuldigen und sagen, dass wir nie wieder ins Pförtnerhäuschen gehen", schlug Silvia vor, als sie Hecktors Stimmungsumschwung bemerkte.
Hecktor nickte erleichtert. Er war ihr gerade unendlich dankbar dafür, dass er sie zur Freundin hatte.
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Als Remus nach einer langen Unterhaltung mit Tonks auf die Veranda kam, um sich für seinen Ausbruch um Verzeihung zu bitten, hatten Hecktor und Silvia ihre Pläne für Tonks Überraschung beiseitegelegt und einen Vertrag geschrieben, in dem sie sich für ihr Verhalten entschuldigten und feierlich versprachen, dass sie das Pförtnerhäuschen nie wieder betreten würden.
Diesen überreichten sie Remus, als er sich zu ihnen setzte. Überrascht musterte er den Text in Sonntagsschrift und die beiden Unterschriften neben einem 'Siegel' aus Krepp- und Glanzpapier. Die beiden hatten sich wirklich Mühe gegeben.
Im ersten Moment verschlug ihm die Rührung die Sprache, wich aber bald schmerzhaften Schuldgefühlen. Indem sie sich so aufwändig bei ihm entschuldigten, wusste er noch weniger, was er sagen sollte. Schließlich nahm er sich einen Stift vom Verandatisch und schrieb unter ihren Text das Versprechen, dass er sie nie wieder anschreien würde und unterschrieb ebenfalls.
Obwohl die Farbe des Stiftes nicht zu der des restlichen Textes passte und er damit das Aussehen des Vertrages mehr oder weniger ruiniert hatte, bewirkte sein Verhalten doch, dass Hecktor, der neugierig über seine Schulter mitgelesen hatte, was er schrieb, ihm glücklich um den Hals fiel.
"Es tut mir so leid, dass ich die Beherrschung verloren hab", sagte er, während er Hecktor an sich drückte.
"Tut mir auch leid", murmelte Hecktor in seinen Umhang. "Weil ich gesagt hab, dass ich dich hasse", schniefte er. Irgendwie musste er jetzt anfangen zu weinen. "Das stimmt nämlich gar nicht. Du bist der beste Dad auf der ganzen Welt."
"Danke", sagte Remus gerührt und zog den weinenden Hecktor auf seinen Schoß. Er hätte niemals zulassen dürfen, dass er in seiner Angst, jemanden zu verletzten, Hecktor wirklich verletzte, wenn auch nur mit Worten. "Es tut mir so leid", flüsterte er.
Hecktor immer noch an sich gedrückt, wandte er sich Silvia zu, die schweigend neben dem Verandatisch gestanden hatte. "Ich bin froh, dass ihr euch wieder vertragen habt", sagte sie mit belegter Stimme, machte aber einen abwehrenden Schritt zurück, als er den Arm nach ihr ausstreckte. Weil ihm schon aufgefallen war, dass sie Zärtlichkeit nicht gewohnt war, beließ er es dabei, sich bei ihr aus tiefstem Herzen zu bedanken.
Tonks, die nun auf der Veranda auftauchte und sie aufforderte, mitzukommen, ersparte ihnen weitere emotionale Verwirrung.
"So, um zu vermeiden, das so was wie heute noch mal passiert, habe ich da was besorgt", begann Tonks, als sie sich alle vor dem Pförtnerhäuschen eingefunden hatten, um das sich jetzt ein hüfthoher blauer Lattenzaun zog, der stilistisch zu der Ferienhausatmosphäre passte, aber unmissverständlich eine Grenze darstellte.
"Also um mich ganz klar auszudrücken: Keiner von euch beiden, hat auf der anderen Seite von dem hier", sie deutete auf den Zaun "irgendwas zu suchen. Es wird dort nicht gespielt, auch nicht kurz rüber gegangen, um irgendwas zu holen und auch nicht auf dem Zaun herum geklettert. Wenn ihr was aus dem Pförtnerhäuschen wollt, dann sagt Bescheid. Wenn euch ein Ball rüber fliegt, sagt ihr Bescheid. Die Bretter die ihr haben wolltet, gehe ich gleich holen. Okay?"
Hecktor und Silvia nickten betreten.
"Na gut, soweit noch Fragen?", fügte Tonks hinzu. Die Erkenntnis, wie nahe die beiden Kinder unwissentlich an einer Katastrophe vorbeigeschrammt waren, hatte sie mehr beunruhigt, als sie Remus gegenüber zugab.
Silvia murmelte etwas aus dem man nur „meine Blumen" heraushören konnte.
„Ich gieße deine Blumen", versprach Remus besänftigend. Es war das Mindeste, was er für das Mädchen tun konnte, und er würde dafür sorgen, dass sie in ungeahnter Weise aufblühen würden.
