On we go. ;)

In Kapitel 3: Die Mädchen wohnen von nun an zusammen in einem Schlafsaal und Hermione hat es geschafft, sich Nachhilfe auf unbestimmte Zeit einzuhandeln und die erste Sitzung davon erfolgreich abgesessen.


Kapitel 4 - Bröckelnde Selbstbeherrschung

Am nächsten Morgen wurde Hermione von Ginny geweckt und war einen Moment lang erstaunt, dass diese noch ihren Schlafanzug trug.
„Guten Morgen!", sagte sie dann fröhlich, als ihr wieder einfiel, dass sie den Schlafsaal neuerdings mit ihrer besten Freundin teilte.
„Ich habe heute Verwandlung, Arithmantik und Kräuterkunde. Das kann ja heiter werden", jammerte Hermione, während sie ihren Schlafanzug auszog und zurück aufs Bett warf. „Wenigstens fällt Alte Runen heute Abend aus."
„Ich habe heute unter anderem Zaubertränke", grinste Ginny und streckte sich. „Aber mach Dir nichts draus. Du siehst ihn früh genug wieder!"
„Na toll, ich freu mich schon riesig!", grunzte die Andere.
„Ziehst Du diesmal das Bandeau-Top an?"
„Das hebe ich mir für Samstag auf."
„Versprochen?", hakte Ginny nach und zeigte zwei Reihen strahlend weißer Zähne.
„Versprochen."

~x~


In der Mittagspause begnügte sich Ginny mit wenig Essen und rannte stattdessen in den Schlafsaal, um sich umzuziehen und dezent zu schminken. Dann lief sie fröhlich Richtung Kerker, verlangsamte ihre Schritte jedoch, als sie sich an ihren Auftrag erinnerte: Sie musste zu spät kommen. Sie schloss sich noch einige Minuten lang in einer Kabine der Mädchentoiletten ein, wartete und ging noch einmal alles durch, was sie von Hermione erzählt bekommen hatte. Auch ihre Ausrede hatte sie längst parat.
Zehn Minuten nach dem Klingeln machte sie sich auf den Weg zum Klassenzimmer. Bevor Snape auch nur ein Wort sagen konnte, als sie die Tür aufgestoßen hatte, plapperte sie schon los.
„Entschuldigen Sie, dass ich zu spät komme, Professor, aber ich musste nochmal hoch in den Turm, ich hatte mein Buch vergessen."
„Miss Weasley, Sie hätten es nötig, rechtzeitig zu erscheinen!"
Sie konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, setzte sich auf ihren Platz und hoffte, dass er sie ebenfalls zum Nachsitzen verdonnern würde. Er machte stets einen Bogen um ihren Tisch, doch Hermione hatte nicht zu viel versprochen. Snape schaute tatsächlich erstaunlich oft zu ihr.

„Professor? Da stimmt doch etwas nicht, oder?", rief sie schließlich am Anfang der zweiten Stunde in seine Richtung über ihren dampfenden Kessel hinweg, dem sie absichtlich zu wenig Diptam beigefügt hatte.
Snape machte einen Umweg zu ihrem Tisch und blieb vorher noch bei ein paar Slytherins stehen.
„Professor Snape, hätten Sie die Freundlichkeit, kurz zu kommen und mir zu sagen, was ich bei meinem Trank falsch gemacht habe?", rief Ginny laut.
Er holte tief Luft. „Miss Weasley, hätten Sie den Anstand, sich eine Minute zu gedulden, ich muss erst noch meine Gedanken sammeln und mir ein paar dumme Sprüche überlegen!"
Wären diese Worte von einem anderen Lehrer gekommen, hätte die ganze Klasse darüber gelacht, doch bei Snape wagte es niemand. Die Einzige, die sich das nicht verkneifen konnte, war Ginny. Doch auch sie verstummte, als der Professor endlich auf sie zu schritt.
Die Dämpfe, die aus ihrem Kessel emporstiegen, waren mittlerweile so dicht, dass er sie kaum sehen konnte. Er tastete sich an ihren Tisch entlang und berührte plötzlich etwas Weiches. Kurz hielt er inne, und noch ehe seine Augen sich an die seltsamen Dämpfe gewöhnten, spürte er, dass es sich bewegte, es hob und senkte sich. Atmete.
Ginny hatte ihr Glück kaum fassen können, als sie Finger an ihrer Oberweite gespürt hatte. Nach dem ersten Impuls, sie wegzuschlagen war ihr klargeworden, dass es die des Tränkmeisters waren. Sie atmete ruhig weiter und wartete gespannt.
Snape schien seinen Fehler zu bemerken, blitzartig zog er die Hand weg und verzog das Gesicht zu einer bösen Grimasse; zumindest versuchte er es.
„Nicht schlecht, was?", fragte Ginny ganz leise, sodass nur er es hören konnte.
Ein wütendes Grunzen kam zurück.
„Gut, also was ist mit dem Trank?", fuhr die Rothaarige sachlich fort.
„Fügen Sie den Rest an Diptam bei, den Sie unter Ihrem Tisch verstecken, das bewirkt Wunder", zischte er, drehte sich um und rauschte davon. Zufrieden tat sie, was er sagte, und die Dämpfe verschwanden augenblicklich.
„Tatsächlich", rief sie erfreut, „Sie hatten recht! Vielen Dank!"

Bis zum Ende der zweiten Stunde tat er genau das, was Ginny vermutet hatte. Er mied sie.
Doch das war egal, für heute hatte sie genug erreicht.

~x~


Am nächsten Morgen unternahm Hermione keine großen Anstrengungen, in Zaubertränke aufzufallen. In beiden Stunden war sie ganz auf ihren Trank konzentriert, und Snape schien das zu genießen.
Er hatte zur Abwechslung einmal keine Mühe, sich von Hermione abzulenken, da sie keinen Ton von sich gab – wobei ihm ihr dünnes Kleid, das sie unter ihrer Robe trug, durchaus aufgefallen war. Sie ließ ihn im Glauben, aus der „Tortur" am Mittwochabend gelernt zu haben und beobachtete zufrieden, wie er mental offensichtlich drei Kreuze machte, als er ohne irgendeine Störung durch seine Lieblingsschülerin der Klasse verkünden konnte, dass sie zusammenpacken durfte.
Doch ganz ohne einen Seitenhieb würde Hermione den Saal nicht verlassen.

Auf dem Weg hinaus lief sie extra nah an ihm vorbei und flüsterte ihm vielversprechend zu: „Na, freuen Sie sich schon auf morgen?"
Ohne Antwort abzuwarten ging sie weiter, und Snape konnte ihr nichts mehr erwidern, da all ihre Mitschüler noch um sie herumwuselten.
Dennoch glaubte sie, noch ein leises „Biest!" gehört zu haben.

~x~


Um viertel vor acht begann Hermione am Samstagabend, sich fürs Nachsitzen aufzuhübschen und machte sich schließlich rechtzeitig auf den Weg nach unten. Ginny begleitete sie, gab ihr noch Tipps und wünschte ihr viel Glück.
Punkt halb neun trat sie durch die Tür zum Klassenzimmer für Zaubertränke.
„Da bin ich wieder!", rief sie fröhlich.
„Soll ich mich jetzt freuen?", knurrte Snape und blickte starr auf das Pergament auf seinem Tisch.
„Ich denke, das wäre angebracht."
„Granger, Aufsätze sortieren und dann selbst einen schreiben, wie man sich im Unterricht zu benehmen hat! Mindestens zwei Rollen Pergament."
Hermione ließ sich auf den Stuhl sinken, der schon vor dem Schreibtisch bereitstand, und erfüllte den ersten Teil ihrer Aufgabe wortlos und gewissenhaft.
„Ich habe kein Pergament, Professor", meldete sie dann, die Hände am Kragen ihrer Robe bereitliegend, um sie mit einer schnellen Bewegung von den Schultern zu streichen, wenn er zu ihr herschaute.
Wortlos und ohne aufzusehen zeigte Snape jedoch auf einen Schrank neben sich.
Hermione ergriff ihre Chance, zog im Aufstehen unauffällig die Robe aus und ging zu ihm hinüber. Mit einem leichten Lächeln auf den Lippen bückte sie sich grazil so, dass sie mit ihren nackten Schultern in sein Blickfeld kam und er sie unweigerlich ansehen musste.

Erst jetzt registrierte er, dass sie ihren Umhang ausgezogen hatte und darunter eine dunkelblaue Jeans und – sie konnte sehen, wie er die Luft anhielt – das rot-schwarze Bandeau-Top trug, zwei durchaus figurbetonende Kleidungsstücke.
Wo war doch gleich seine Selbstbeherrschung abgeblieben? Schnell drehte er sich ein Stück weiter weg und versuchte nicht mehr zu ihr zu sehen, was sie genau bemerkt und mit einem Schmunzeln quittiert hatte.
„Miss Granger, wenn Sie heute noch gehen möchten, dann sollten Sie sich etwas beeilen."
„Ich werde mich beeilen, Professor, und ich werde heute auch noch gehen. Wenn schon nicht mehr kommen", schnappte sie und stolzierte mit einem Arm voll Pergament wieder zurück zu ihrem Platz, stellte fest, dass ihr jetzt noch eine Feder fehlte und räusperte sich leise.
Snape blickte auf, widerstand dem Drang, sie noch einmal zu, Schrank laufen zu lassen, gab ihr genervt seine Feder und holte sich selbst eine neue.
Hermione setzte zum Schreiben an.

'Wie habe ich mich im Unterricht zu verhalten?
Wahrscheinlich so, wie ich es von meinem ersten bis sechsten Schuljahr getan habe, oder zumindest so ungefähr.'

Das schrieb sie so groß es ging, und es reichte tatsächlich über die beiden geforderten Pergamentrollen.
„Erledigt!", sagte sie gut gelaunt und sah ihn erwartungsvoll an.
Snape warf einen Blick auf ihren „Aufsatz" und kommentierte kühl: „Halten Sie das für ausreichend, Miss Granger?"
‚Nein, aber ich musste es tun, denn sonst hätten Sie vielleicht aufgehört, mich nachsitzen zu lassen', dachte sie bei sich und biss sich leicht auf die Lippen.
„Aber natürlich. Was soll ich also als Nächstes tun, Professor?"
„Diesen Aufsatz noch einmal schreiben, und zwar ordentlich!"
Hermione wollte sich zuerst widersetzen, entschied sich jedoch dafür, die Pergamentrollen quer zu nehmen und groß darauf zu schreiben:

'Wie habe ich mich im Unterricht zu verhalten?
Siehe erster Aufsatz.'

Diesmal hatte der Tränkemeister sie von vornherein beobachtet und tobte sofort los: „Granger, was fällt Ihnen ein! Sie sollen zwei Rollen Pergament schreiben!"
„Aber das habe ich, Sir!", sagte sie und zeigte ihm stolz ihre vier Rollen, die sie geschrieben hatte.
„Gut, Granger, versuchen wir es anders. Sie werden sich jetzt etwas zuwenden, das Ihnen hoffentlich eine Lehre sein wird", brummte er. „Mitkommen!"
Sie folgte ihm gespannt in seine Vorratskammer, wo er zielstrebig auf das Regal mit den Flubberwürmern zulief und ein Glas herausholte. Es war eines mit ganzen Tieren, die Hermione am Mittwoch zuvor noch nicht zerhackt hatte.
„Nachtisch!", höhnte er und reichte es ihr.
„Was?"
„Ich habe Ihnen etwas zum Essen geholt, danken Sie mir später. Guten Appetit!"
„Das meinen Sie nicht ernst!", erwiderte Hermione entgeistert.
„Todernst", sagte er schadenfroh, und sein Ton ließ keine Zweifel daran zu, wie ernst er es meinte.

Dieser Idiot verlangte doch tatsächlich von ihr, dass sie ein Glas Flubberwürmer essen sollte!
Es ekelte sie, doch das hätte sie nie zugegeben. Mutig packte sie ein Tier, stopfte es sich in den Mund und biss einmal darauf, während sie krampfhaft versuchte, sich daran zu erinnern, was sie vor fünf Jahren in Höchst Potente Zaubertränke gelesen hatte: ‚Sie sind nicht giftig... Ohne Nebenwirkungen zu essen, was jedoch nicht empfehlenswert ist, denn der Geschmack –'
Weiter kam sie mit Denken nicht, denn gerade als die das Tier heruntergewürgt hatte, überkam sie ein Brechreiz und sie kotzte Snape herzhaft vor die Füße. Durch die Tränen, die sich in ihren Augen gebildet hatten, konnte sie erahnen, dass ein paar Spritzer auch seine Robe besprenkelt hatten.
Weiterdenken war nicht notwendig gewesen – sie hatte in diesem Moment am eigenen Leib sehr genau erfahren, wie Flubberwürmer schmeckten. Dieser Geschmack hatte alles bisher Gegessene übertroffen. Er war einfach nur unbeschreiblich eklig.
Obwohl er nicht verschont geblieben war bei seiner Aktion, grinste Snape Hermione gehässig an.
„Das genügt für heute. Bis Dienstagmorgen dann. Und nächsten Samstag natürlich, um dieselbe Zeit."
„Ich freue mich!", murmelte sie, immer noch würgend und von Krämpfen geplagt. Trotz ihres Unwohlfühlens schaffte sie es noch, einen verführerisch-mörderischen Blick aufzusetzen, bevor sie verschwand.

„Diese miese, böse, übellaunige Fledermaus! Flubberwürmer! Er hat Dich einen Flubberwurm essen lassen!", beschwerte sich Ginny, nachdem Hermione ihr berichtet hatte, was vorgefallen war.
„Ach, was soll's, mach Dir lieber Gedanken darüber, wie Du nächste Woche versuchst, dieser... wie war das... miesen, bösen, übellaunigen Fledermaus das Handwerk zu legen!"
„Na, wenn, dann wie ich ihn flachlege!", grinste Ginny.

~x~


Vor der Zaubertränkestunde am Mittwoch nahm Ginny sich vor, Snape nur so weit zu verärgern, dass er ihr Nachsitzen verpassen würde.
Das war beinahe schneller getan als gesagt. Alles, was sie dafür hatte tun müssen, war, eine Minute zu spät zu sein.
„Weasley! Schon wieder zu spät!", brüllte Snape sofort los, und als sie am Pult vorbeigehen wollte, hielt er sie auf: „Nachsitzen, um neun morgen Abend hier! Stecken Sie und Granger eigentlich unter einer Decke?"
„Sie sind nicht der Erste, der das vermutet", beim Gedanken an McGonagalls verlegenes Lächeln musste Ginny ein Grinsen unterdrücken, „aber nein, Granger und ich teilen uns kein Bett. Und wenn, dürften Sie garantiert nicht zuschauen, Professor."
Snape verwies sie stumm auf ihren Platz und setzte sich mit zusammengebissenen Zähnen und mürrischem Blick und ließ sich auf seinen Stuhl sinken.
Punkte abzuziehen vergaß er ganz.

Ginny beschloss, sich für ihre Sitzung bei Snape am Abend nicht allzu reizend zu kleiden und sich einfach nur schlecht genug zu benehmen, dass es nicht das letzte Mal sein würde, dass sie bei ihrem Lieblingslehrer nachsitzen müsste.
Laut Hermione sollte sie ein schwarzes, enges T-Shirt anziehen und dazu ihre Dreiviertelhose. Zehn vor neun quengelte diese: „Ginny, Du musst gehen! Sonst kommst Du zu spät!"
„Was meinst Du, was ich vorhabe, Mione?", grinste sie.
„Viel Glück, Ginny!"
„Wir müssen das schaffen."
„Wir werden das schaffen!", bestärkte Hermione und klopfte ihrer besten Freundin zum Abschied auf die Schulter.

Diese machte sich kurz darauf auf den Weg in die Kerker, wo Snape vermutlich schon auf sie wartete und sich eine fiese Aufgabe ausgedacht hatte.
Doch so war es nicht. Obwohl sie gut fünf Minuten zu spät war, war Snape nicht in seinem Klassenzimmer. Ginny stutzte. Entweder er war schon hier gewesen und davongelaufen, als sie nicht gekommen war, oder er hatte es gar vergessen...
Sie schob sich einen Stuhl vor Snapes Pult, ließ sich nieder und wartete. Wartete. Und wartete.
Der Tränkemeister kam nicht, auch zwanzig vor zehn gab es noch keine Spur von ihm.
Ginny traute sich nicht, einfach so zu gehen, denn ganz sicher war sie nicht, ob es wirklich nicht nur ein Trick von ihm war. Viertel nach zehn kippte ihr Kopf in ihre Hände und sie fiel in einen Halbschlaf. Träumte. Träumte, dass Snape sie wachrütteln würde.
Moment mal. Sie träumte? Nein, da war wirklich etwas, das unsanft an ihr rüttelte. Sie öffnete die Augen und hob den Kopf, wo sie in ein bleiches Gesicht blickte, das von schwarzen Haaren gesäumt war. Bleiches Gesicht... schwarze Haare... Snape! Er stand hinter ihr und weckte sie.
Da hörte sie auch schon von etwas weiter weg seine kalte, schnarrende Stimme: „Glauben Sie etwa, dass ich Sie zum Nachsitzen verdonnert habe, damit Sie hier schlafen?"
„Hätte ja sein können. Aber mit Ihnen wäre das schöner gewesen", murmelte sie verschlafen.
„Was wäre schöner gewesen mit mir?", entgegnete er verwirrt.
„Na, das Schlafen."
Mit einem Mal wurde ihr eiskalt bewusst, was sie hier tat. Sie hatte ihrem Zaubertränkeprofessor gerade frei heraus verkündet, dass es schön wäre, mit ihm zu schlafen. ‚Sehr gut, Ginny. Applaus, bitte.' Am liebsten hätte sie geschrien. Wieso musste sie sich ausgerechnet jetzt schlaftrunken in eine peinliche Situation verstricken?
„Miss Weasley, ich fürchte, wenn ich mich auf eine einlassen würde, in diesem Fall Sie, wird es am Ende noch einen riesigen Ansturm bei mir geben, weil es alle wollen", konterte er jedoch unerwartet. Was Ginny noch mehr verblüffte, war der leicht amüsierte Ausdruck auf seinem Gesicht.
‚Na, wenn er schon so darauf eingeht...', dachte Ginny.
„Es würde ja niemand erfahren", versuchte sie ihr Glück.
Er hob abwehrend den Arm und sie starrte enttäuscht in seine schwarzen Augen.
„Da Sie es heute verpennt haben, werden Sie morgen Abend noch einmal komm- erscheinen", verbesserte er sich, „und verlassen sie sich darauf: Da sie werden nicht einschlafen! Sie können gehen!"
„Aber -"
Schon war sie vor der Tür und die Tür mit einem dumpfen Knall zu.

Kopfschüttelnd machte Ginny sich auf den Weg nach oben, leise tapsend, um nicht gehört zu werden. Zwar war sie auf dem Rückweg vom Nachsitzen, doch das würde sie beweisen müssen, falls jemand sie jetzt außerhalb ihres Bettes erwischen würde. Und sie hatte den begründeten Verdacht, dass Snape ihr in einem solchen Fall kein Alibi geben würde.
Sie hielt kurz den Atem an, als der Blutige Baron an ihr vorbeischwebte. Er sah sie und schien einen Moment lang zu überlegen, wie er reagieren sollte.
„So spät noch unterwegs? Na dann, lassen Sie sich bloß nicht erwischen!", sagte er dann leise und schwebte an ihr vorbei.
„Danke, ich werd's versuchen", antwortete sie mit einem Lächeln.
Das war leider leichter gesagt als getan. Schon um die nächste Ecke, kurz bevor sie die Eingangshalle erreicht hatte, hatte sie Pech.

„SCHÜLER AUS DEM BETT! SCHÜLER AUS DEM BETT!"
„Peeves, halt die Klappe!", flehte Ginny den Poltergeist an, doch dieser dachte nicht daran und schrie nur noch lauter.
Sie wollte panisch weiter nach oben rennen, doch in diesem Moment konnte sie hören, dass von dort ein Ruf kam. „Bleib stehen! Ich krieg Dich so oder so!"
Schnell rannte sie zurück nach unten, doch plötzlich näherte sich ihr auch dort jemand. Filch konnte es nicht sein, der war ihr aus der anderen Richtung auf den Fersen. McGonagall hätte wohl schon eine Warnung gerufen, außerdem waren die Kerker nicht ihr Gebiet. Konnte es sein, dass-?
Sie blieb wie versteinert stehen.
„Miss Weasley, haben Sie sich verirrt? Muss ich sie ins Bett bringen?", ertönte da schon seine eiskalte, schnarrende dunkle Stimme unmittelbar neben ihr.
„Wenn Sie dann mit reingehen würden..."
„Bei Granger und Ihnen würde ich sicher nur stören", keifte Snape und verzog sogleich reuevoll das Gesicht.
Ginny sah ihm genau in die Augen. „Sie meinen, ich würde bei Hermione und Ihnen nur stören, Sir?"
Die Gesichtszüge entglitten ihm nur für den Bruchteil einer Sekunde, doch die Schülerin hatte ihn aufmerksam genug beobachtet, um es zu bemerken.
„Seien Sie froh, dass ich ein schlechtes Gewissen hätte, wenn ich Sie an Filch ausliefern würde, obwohl Sie nicht selbstverschuldet um diese Zeit durchs Schloss wandern", zischte er und winkte ab, ihre bei diesen Worten immer größer werdenden Augen ignorierend.

Sie hatte ihn unterschätzt; nicht seine Boshaftigkeit, sondern seinen Gerechtigkeitssinn, den sie ihm zuvor ohne Bedenken komplett abgesprochen hätte. Oder vielleicht war das eine Maßnahme, um sie zu besänftigen, weil sie mit ihrer Aussage genau ins Schwarze getroffen hatte? Was war hier los?
Als sie nichts erwiderte, fuhr Snape genervt fort: „Jetzt laufen Sie schon zurück zu Granger und verkriechen sich in deren Bett, wenn ich Sie schon vor dem Hausmeister rette! Na los!"
Ginny rannte. Nach oben, vorbei an Filch, der ihr außer Atem nachbrüllte, jedoch keine Anstalten machte, ihr nachzusetzen.
„Das hat seine Richtigkeit, Filch, und sie ist auf dem Weg zurück in ihren Schlafsaal", hörte sie Snapes ruhige Stimme noch in den Mauern widerhallen, ehe sie die Eingangshalle erreichte und einige Treppen und zwei geheime Abkürzungen später vorm Portrait der Fetten Dame zum Stehen kam. Diese ließ sie trotz der späten Stunde ohne Murren ein, sodass Ginny ihren Sprint fortsetzen konnte und kurz darauf ohne zu klopfen in den Schlafsaal platzte.

„Hermione? Hermione, bist Du wach?" Sie registrierte zwar das Licht, konnte Hermione auf den ersten Blick aber nicht sehen.
„Ja sicher", kam die Antwort vom Schreibtisch aus und die Ältere drehte sich auf dem Stuhl so, dass Ginny sie sehen konnte.
Sofort redete die Rothaarige los und erzählte ohne Punkt und Komma, was sie am heutigen Abend erlebt hatte.
Hermione stand der Mund offen, als Ginny bei ihrem letzten Dialog mit Snape und dessen Gesichtskirmes nach ihrer geäußerten Vermutung Hermione betreffend angelangt war.
„Du denkst... Du denkst, er w-würde tatsächlich mit mir schlafen?", stotterte sie und fragte sich im selben Moment, ob sie dafür wirklich bereit wäre. Sie hatte sich blauäugig auf diese Wette eingelassen im vagen Vorhaben, ihre Jungfräulichkeit zu verlieren. Das war eine Sache – doch ihre Jungfräulichkeit an Snape zu verlieren, der nicht nur viele Jahr älter, sondern auch noch ihr Lehrer war, daran hatte sie bisher tatsächlich kaum einen Gedanken verschwendet. Dämlich, wie sie nun selbst fand, schließlich war dieses Ereignis genau das, worauf sie schon die ganze Zeit hinarbeiteten.
„Morgen um neun soll ich wieder da sein. Morgen Abend ist Quidditchtraining, das möchte ich eigentlich ungern ausfallen lassen. Wie wäre es mit einem Nachsitzen-Tausch, Du morgen, ich am Samstag?" Ginny zwinkerte frech. Hermione war sich sicher, dass sie das Training für Snape eigentlich durchaus gerne hätte ausfallen lassen und den Tausch nur vorschlug, weil sie davon überzeugt war, dass die Ältere eine reelle Chance hatte, Snapes Schale zu knacken.

„Jetzt, wo es so plötzlich möglich wird, schockiert es Dich doch ein wenig, hm?" Die Rothaarige sah ihr Zögern, ging zu ihr zum Schreibtisch legte ihr eine Hand auf den Arm.
Hermione legte den Kopf nach links. Nach einem Moment erwiderte sie: „Ja. Aber nach dem ersten Schock finde ich es auch wieder verdammt aufregend. Und Du wirst Dich doch wohl bitte noch nicht geschlagen geben, Ginny Weasley?!"

~x~