Danke für eure Reviews, SevMine und WRose! On we go, noch mal mit etwas Spaß, aber auch Ernst... Viel Spaß beim Lesen:)!


In Kapitel 15: Nachdem sie in betrunkenem Zustand bei Snape eingefallen war und zum Ausdruck gebracht hatte, dass von ihrer Seite aus Gefühle im Spiel waren, belegte der Tränkemeister sie mit einem Gedächtniszauber.


Kapitel 16 - Der Anfang eines Neubeginns


Hermione schlug die Augen auf, schloss sie jedoch vor Schmerzen direkt wieder. Ihr war, als wäre sie gerade aus einem tiefen, jahrelangen Schlaf erwacht, und ihren Empfindungen und dem weichen Untergrund nach zu urteilen, war diese Möglichkeit sogar recht wahrscheinlich. War sie womöglich das Dornröschen, von dem die Muggel ihren Kindern immer vorlasen? Ihr Magen fühlte sich dagegen undornröschenhaft schwer an, als hätte sie zu viel gegessen; oder vielleicht eher zu viel getrunken. Hatte sie das?Langsam kamen die Erinnerungen hoch. Sie hatte viel getrunken, sehr viel sogar. Definitiv zu viel. Wie war sie in diesem Zustand in ihr Bett gekommen? Sicher hatten Harry oder Ginny sie in den Schlafsaal gebracht. Falls Ginny schon wach wäre, würde sie sie gleich danach fragen. Doch dazu musste sie zuerst die Hürde des Augenöffnens überwinden.
Beim zweiten Versuch klappte es nahezu reibungslos, und so wurde ihr ziemlich schnell klar, dass hier etwas faul war. Sie lag, in eine Decke gehüllt, auf einem Sofa. In welchen Schlafsälen standen Sofas? In ihrem jedenfalls nicht. Nur in den Privaträumen der Lehrer, soweit sie wusste, und dort hatte sie nichts verloren.

„Miss Granger?"
Sie hielt erschrocken inne. Der Raum wurde nur von den Flammen, die im Kamin flackerten, erhellt, was heißen musste, dass es noch Nacht war. Kein gutes Zeichen. Wobei es in den Tiefen des Schlosses durchaus Bereiche gab, in die auch bei Tag kein Lichtstrahl fiel, doch es war vollkommen absurd, dass sie sich gerade an einem dieser Orte befinden könnte.
„Wie spät ist es?", fragte die junge Frau schwach.
„Halb eins", war die samtige Antwort, die ihr nicht weiter half. Die Stimme kam ihr vage bekannt vor, doch sie klang zu dunkel, als dass sie zu einem ihrer Freunde gehören könnte.
Hermione stütze sich auf dem Sofa ab und zog sich mit der anderen Hand an der Lehne nach oben. Ihr Magen schien sich zu drehen und sie verspürte kurz einen Würgereiz, blieb aber dennoch hartnäckig sitzen.
„Halb eins nachts?", wollte sie wissen.
„Natürlich nachts. Sie haben nicht lange geschlafen, Miss Granger."
Verwirrung und Neugier gewannen die Oberhand, und die Hexe drehte sich schwerfällig um, um sich im Raum umzusehen und den Sprecher ausfindig zu machen. Was sie sah, kam so unerwartet, dass sie den erneuten Würgereiz weder unterdrücken noch unter Kontrolle halten konnte.

„Nicht schon wieder", hörte sie Professor Snape murmeln und schloss daraus, dass es nicht das erste Mal sein konnte, dass sie sich erbrach. Er war mit zwei großen Schritten zu ihr gehechtet, ließ den jämmerlich ausgekotzten Alkohol per Zauberhand verschwinden und Hermiones Kleider trocknen. Dann holte er ein Handtuch und gab es ihr.
„Danke", flüsterte sie beschämt, als sie sich wieder erholt hatte und sich auch direkt viel besser fühlte.
„Hoffentlich reagieren Sie jetzt nicht immer so, wenn Sie mich sehen." Was war es, das da mit dem Sarkasmus mitschwang? Hermione konnte es nicht deuten. Aber viel wichtiger war sowieso die Frage, wann und wie sie hierhergekommen war – und warum.
„Wie bin ich...?", begann sie leise, unfähig, dem Tränkemeister in die Augen zu sehen.
„Sagen Sie's mir, Miss Granger", gab er trocken zurück, ohne tatsächlich eine Antwort zu erwarten. „Aber mal eine andere Frage: Wie geht es Ihnen?"
„Ich lebe."
Seine Augenbrauen schossen in die Höhe. „Das ist hocherfreulich", kommentierte er trocken. „Und sonst?"
„Besser. Ich - es tut mir - oh Gott, was habe ich -"
„Ich bringe Sie jetzt zurück nach oben und wir verlieren kein Wort mehr hierüber; das dürfte sehr in Ihrem Interesse liegen. Einverstanden?"
Sie nickte und er wies sie an, ihm zu folgen. Als er sah, dass sie noch leichte Schwierigkeiten mit dem Aufstehen hatte, war er sofort zur Stelle und hielt ihr eine Hand hin. Sie wusste nicht, was sie noch sagen oder tun sollte außer immer wieder „danke" zu murmeln.

Die Situation war absurd und Hermione hätte zu gerne gewusst, wie sie dort hineingeraten war, doch sie war zu sehr mit den einfachsten motorischen Tätigkeiten beschäftigt als dass sie sich darüber Gedanken hätte machen können. Irgendwo in ihrem Hinterkopf klopfte die Scham an, auch sie wurde jedoch erfolgreich unterdrückt. Fürs Erste.
Snape lief dicht hinter ihr und ließ seine Schülerin nicht aus den Augen, aus Angst, sie könnte unterwegs zusammenbrechen.

„Mione?", rief eine aufgeregte Stimme.
Hermione blieb so abrupt stehen, dass der Professor sie fast umrannte.
„Miss G-", setzte er an, erblickte dann jedoch den Rotschopf, „Weasley! Gut, dass Sie da sind, Sie können mir Ihre Freundin abnehmen und sie nach oben geleiten. Aber lassen Sie sie bloß nicht aus den Augen, nicht dass sie noch mehr Lehrer aus dem Bett holt!"
Ginny starrte den Tränkemeister mit großen Augen an und ließ dann den Blick zwischen ihm und ihrer besten Freundin hin und her schweifen. Snape schob Hermione vor sich her an Ginny vorbei und gab ihr schließlich einen Schubs, sodass die junge Frau – noch immer nicht ganz Herr über sich selbst – nach vorne stolperte. Währenddessen packte Snape schnell Ginny am Arm und beugte sich zu ihr hinunter.
„Sie weiß nichts mehr von der Wette und jeglichen Folgen", flüsterte er, „und ich warne Sie, Miss Weasley, das soll so bleiben, zwingen Sie mich nicht, Sie demselben Zauber zu unterziehen! Gönnen Sie ihr einen Neuanfang."
Damit ließ er die Mädchen stehen und rauschte in die andere Richtung davon. Kurz bevor er außer Sicht war, drehte er sich noch einmal kurz um. Ginny meinte, Tränen auf seinem Gesicht sehen zu können, wurde jedoch von einer quengelnden Hermione abgelenkt.

„Ginny, lass uns gehen", drängte diese, und die Rothaarige nahm sie an der Hand und führte sie nach oben. „Wie bin ich hier hergekommen?"
„Das, liebe Hermione, wüsste ich allerdings auch gerne." Sie sah die Ältere unsicher von der Seite an. „Was ist das Letzte, das Du weißt? Und was in Merlins Namen hast Du dort unten gemacht?"
Erneut blieb Hermione abrupt stehen. „Gin, ich bin betrunken - versuchst Du grade ernsthaft, mir seriöse Informationen zu entlocken?"
„Wenigstens bist Du noch klar genug, um das zu realisieren."
„Wieder, Ginny. Nicht noch. Wieder. Nachdem ich Snape vor die Füße gekotzt, für unbestimmte Zeit auf seinem Sofa gepennt habe und sehr weit davon weg war, klar im Kopf zu sein." Bitterkeit schwang in Hermiones Stimme mit und Ginny wusste, dass sie sich spätestens am nächsten Morgen, wenn sie sich ihrer Taten voll bewusst wurde, dafür in Grund und Boden schämen würde.
„Was hat Snape dazu gesagt?" Ginny hoffte, dass ihre beste Freundin nicht bemerkte, wie steif und verkrampft sie neben ihr herlief.
„Dass wir darüber einfach kein Wort mehr verlieren und dass er mich jetzt hoch bringt. Er wollte wissen wie es mir geht und hat sich rührend um mich gekümmert." Hermione verzog perplex das Gesicht; jetzt wo sie es so aussprach, kam es ihr erst richtig komisch vor und sie beschloss, es vor Ginny herunterzuspielen. „Er wollte mich eben so schnell wie möglich loswerden", setzte sie deshalb hastig hinzu.
„Natürlich wollte er das. Er ist Snape." Die Jüngere verdrehte die Augen, zog jedoch insgeheim den Hut vor dem Professor. Sie wusste nicht was und wie viel, doch ihm schien etwas an Hermione zu liegen.

Am Gryffindorturm angekommen, flüsterte Ginny der Fetten Dame das Passwort zu und half Hermione durch das Portraitloch. Auf der anderen Seite angekommen, zog sie die beste Freundin zu Chris an den Ausschank, flüsterte ihm im Vorbeigehen ein „alles gut, ich bring sie ins Bett" zu und verschwand dann mit der Älteren in Richtung Schlafsäle.
„Ginny, lass mich nie wieder so viel trinken, ja?", flüsterte Hermione, als die Rothaarige sie ins Bett brachte und die Decke über sie warf.
„Nein, Mione. Und es tut mir auch leid, dass ich es diesmal zugelassen habe, ich war so beschäftigt, dass ich das gar nicht richtig mitbekommen habe. Aber weißt Du was? Sowas solltest Du einmal erlebt haben, das kannst Du irgendwann mal Deinen Enkeln erzählen", grinste Ginny.

Deinen Enkeln mit Harry', dachte sie etwas traurig. ‚Dank Snape. Ja, ihm scheint wirklich etwas an Dir zu liegen, auch wenn er es nie zugeben würde und Du es nie wissen wirst. Er hat recht, es ist besser so. Das Leben geht weiter, für uns alle.'
Hermione lächelte. „Ich bin nicht sicher, ob ich das je irgendwem erzählen will."
„Ich werd's nicht tun, das liegt ganz bei Dir", zwinkerte die Andere und ging zur Tür. „Gute Nacht, Große, schlaf gut und erhol Dich."
„Gin? ….danke!"
Ginny verdrängte den Gedanken an Harry und erwiderte das herzliche Lächeln ehrlich. „Für Dich immer."

~x~


Als Hermione am späten Sonntagvormittag aufwachte, fand sie ihre beste Freundin, in ein Buch vertieft, auf einem Stuhl vor dem Fenster sitzend. Sie bewegte sich nicht, um die Aufmerksamkeit nicht auf sich zu ziehen. Gerade war sie noch zu sehr mit sich selbst beschäftigt, als dass sie mit irgendwem hätte reden wollen. Sie fühlte sich komisch; nicht verkatert, aber verwirrt. Dunkel konnte sie sich an die letzte Nacht erinnern: Sie hatte viel getrunken und Ginny hatte sie ins Bett gebracht, viel mehr wusste sie nicht mehr. Waren Harry und Ron überhaupt da gewesen? Beim Gedanken an Harry wurde ihr etwas mulmig zumute und sie räkelte sich unbehaglich im Bett hin und her.
Die Rothaarige hörte das leise Rascheln der Bettdecke und hob alarmiert den Kopf, sah die Freundin jedoch nicht direkt an.

„Hey, Du bist wach, wie geht es Dir?", fragte sie. Ihre Stimme klang liebevoll, doch den besorgten Ausdruck auf ihrem Gesicht verbarg sie, indem sie stur an der Älteren vorbei schaute.
Hermione setzte sich auf und lehnte sich gegen die Wand. „Mir geht's gut", lächelte sie, „danke, dass Du Dich um mich gekümmert hast. Und entschuldige, dass ich so aus der Reihe getanzt bin." Beschämt sah sie auf ihre Hände hinab.
„Ist doch selbstverständlich. Und...", Ginny suchte nach Worten, „was weißt Du noch von...?"
Der Lockenschopf lachte leise. „Ehrlich gesagt nicht mehr allzu viel." Sie blickte nachdenklich ins Leere, ehe sie mit einem Mal blass wurde und ihre beste Freundin schockiert ansah. Gerade war ihr eingefallen, wo diese sie in der Nacht gefunden hatte. Und wem sie in dieser Nacht sonst noch begegnet war.
Ginny versuchte ein nervöses Lachen. „Da hat wohl gerade jemand einen Geistesblitz."
„Ist das, was ich denke, wirklich passiert?"

Die Jüngere sah sie amüsiert an. „Also weißt Du, ich fand es sehr unterhaltsam", setzte sie an, „und es wäre noch viel unterhaltsamer gewesen, wenn es wirklich passiert wäre. Aber leider war es nur das Ergebnis einer neuen Kreation von Fred und George, die sie Dir in das ungefähr zehnte Glas Feuerwhiskey gefüllt haben." Sie grinste breit und rügte sich innerlich für diese Lüge, doch sie war notwendig und längst mit den betreffenden Brüdern abgesprochen. „Ich bin sicher, für diese Halluzinogene werden sie niemals eine Erlaubnis kriegen, aber sie wollten sie testen, und dabei haben sie leider ausgerechnet Dein Glas erwischt." Sie zog eine Schnute. „Ich war am Ausschank und habe es nicht mitbekommen, sonst hätte ich verhindert, dass sie es überhaupt versuchen."
Hermiones Gesichtsmuskeln hatten sich mit jedem Wort ein wenig entspannt und wurden schließlich zu einem Grinsen. „Hauptsache, es ist nicht wirklich passiert. Das wäre das Schlimmste gewesen, das ich mir hätte vorstellen können. Wie sieht es unten eigentlich aus? Braucht ihr Hilfe beim Aufräumen?"
„Schon erledigt", winkte die Rothaarige ab. „Die Zwillinge und die Jungs sind nach der Party noch geblieben und wir haben alles aufgeräumt. Sei still, ist schon okay!", erstickte sie direkt den Protest der Älteren, die sichtlich das schlechte Gewissen plagte. „Lass Dich heute mal bei Harry blicken, er hat sich schon Sorgen gemacht."
Ginny zwinkerte ihr zu.

Beim Erwähnen von Harrys Namen zog sich Hermiones Magen schmerzhaft zusammen. Sobald sie wieder auf der Höhe ihrer geistigen Fähigkeiten war, würde sie sich darüber Gedanken machen müssen, was das zu bedeuten hatte. Vielleicht wusste sie es tief im Inneren schon, nutzte jedoch die Gelegenheit, diese Erkenntnis aufzuschieben.
Sie nickte stumm, während Ginny schon wieder nachdenklich zum Fenster hinaussah.

~x~


Es war schon später Nachmittag, als Hermione ihr Buch weglegte, mit Bedauern feststellte, dass nichts davon hängengeblieben war, und den Entschluss fasste, dass sie Harry nicht noch länger warten lassen konnte. Ginny hatte sich bereits ein paar Stunden zuvor für einen Spaziergang an den See verabschiedet und war seitdem nicht mehr aufgetaucht. Hermione selbst hatte das Bett bisher nur kurz verlassen um zu duschen.
Nun schälte sich die junge Hexe langsam aus den Laken und zog im Schneckentempo die Sachen an, die Ginny ihr bereitgelegt hatte. Anschließend stellte sie sich vor den Spiegel, betrachtete mitleidig das Häufchen Elend, das sie darin sah, und griff schließlich zur Haarbürste, um ihre widerspenstigen Locken zu einem Zopf zu bändigen.
Kurz darauf verließ sie die Schulsprecherräume und schlurfte hinunter in den Gemeinschaftsraum. Auf ihrem Lieblingsplatz in den Sesseln am Kamin fand sie sofort Harry und Ron, die sich angeregt zu unterhalten schienen. Sie bemerkten ihre Freundin erst, als diese sich zwischen ihnen durch drängte, vor ihnen in die Hocke ging und Harry sanft das Knie tätschelte.

„Hermione!", rief der Dunkelhaarige aus. „Wir dachten schon, wir müssten Dich holen und in den Krankenflügel bringen. Bist Du auf den Geschmack von Feuerwhiskey gekommen?", neckte er sie.
„Auf den Geschmack gekommen?", lachte Ron. „Ich wette, sie wird das Zeug nie wieder anrühren!"
Hermione bemühte sich, ihr Lachen so überzeugend wie möglich klingen zu lassen und schüttelte dann den Kopf. „Nie wieder!"
Harry stimmte in das Lachen mit ein, packte seine Freundin an den Armen, zog sie auf seinen Schoß und küsste sie. Überrascht erwiderte sie den sanften Druck seiner Lippen, doch sie fühlte sich unbehaglich; sie wusste, dass sie selbst den Kuss nicht begonnen hätte.

„Ehrlich, Mione, wir waren schon kurz davor, die alte Fledermaus zu bitten, Dir einen Trank gegen den Kater zu brauen!", quasselte Ron dazwischen, was Hermione als gute Ausrede empfand, sich von Harry zu lösen. Sie wandte sich ihrem besten Freund mit verständnislosem Blick zu.
„Was hat Krummbein Dir jetzt schon wieder getan?!", fauchte sie verärgert. „Und von welcher Fledermaus sprichst Du um diese Tageszeit?"
Die beiden Jungen brachen in schallendes Gelächter aus, während Hermiones Gehirn noch damit beschäftigt war, Rons Aussage zu verarbeiten. Schließlich schlug sie sich eine Hand an die Stirn und stöhnte laut auf.
„Okay, denkt nicht mal dran - ich möchte jetzt keine unqualifizierten Kommentare über meinen nächtlichen Alkoholkonsum hören! Und fürs Protokoll, der einzige Kater, den ich habe, hat ein plattgedrücktes Gesicht und schnurrt; ich bin nur noch etwas langsam im Denken heute Morgen."
„Okay, lassen wir das mit dem Alkohol. Meine Lieblingsstelle war sowieso, als Ginny Dich zurück in den Gemeinschaftsraum geholt hat, weil Du in nicht ganz nüchternem Zustand draußen gesessen hast und das Passwort nicht mehr wusstest!" Ron grinste schelmisch.

Aha, sie war also tatsächlich draußen gewesen. Sicher hatte sie versucht, die Vision nachzustellen, die sie durch die verbotene Substanz der Weasley-Zwillinge erlebt hatte, doch Ginny hatte sie davon abgehalten und es ihr verschwiegen, um sie nicht zu beunruhigen.
Danke, Ginny!', dachte sie im Stillen. Ihre beste Freundin hatte sie in so vielerlei Hinsicht gerettet, dass es Hermione umso unangenehmer war, dass sie sich so hatte gehen lassen. Erneut schwor sie sich, niemals wieder so viel zu trinken.
„Gott sei Dank ist sie nicht weggelaufen", feixte Harry, „ich meine, stell Dir mal vor, Ginny hätte sie im ganzen Schloss suchen müssen! Wer weiß, wo sie gelandet wäre."
Hermione verdrehte die Augen. „Was habe ich gerade über unqualifizierte Kommentare gesagt?"

~x~


„Ginny?"
Nachdem die Rothaarige nicht beim Abendessen gewesen war, hatte Hermione angefangen sich ernsthafte Sorgen zu machen; bei Chris konnte Ginny nicht sein, denn dieser hatte mit hängendem Kopf am Ravenclawtisch gesessen, einige Minuten lang appetitlos sein Essen angestarrt und war schließlich aus der Halle geschlurft, ohne es überhaupt angerührt zu haben.
Auch Hermione hatte sich von ihrem Platz erhoben und ihren halbvollen Teller stehen gelassen, um dem Jungen zu folgen, doch als sie durch die große Tür in Richtung Eingangshalle gelaufen war, war er bereits verschwunden gewesen. Daraufhin hatte die Siebtklässlerin zielsicher den Weg nach draußen eingeschlagen, war zum See gelaufen und hatte angefangen zu suchen.

Zwischen einigen Büschen am äußersten erreichbaren Rand der Schlossgründe konnte sie nun eine menschliche Silhouette ausmachen.
„Um Himmels Willen, Ginny, was ist denn los?"
Die junge Hexe saß auf dem Boden, die Knie angewinkelt und die Arme darum geschlungen. Dem Zittern und Zucken ihres Körpers nach zu schließen schien sie fürchterlich zu frieren und zudem pausenlos zu schluchzen.
„Hat es etwas damit zu tun, dass Chris heute genauso wenig zu Abend gegessen hat wie Du?", wollte Hermione schockiert wissen. „Lieber Himmel, und hat es etwas mit meinem Verhalten heute Nacht zu tun? Hab ich noch etwas Dummes angestellt?"
Ginny lächelte matt. „Hast Du nicht, Dich trifft keine Schuld. Aber ich habe vorhin mit Chris geredet, er ist mir über den Weg gelaufen, als ich alleine einen Spaziergang machen wollte, und irgendwie..." Sie brach ab.
Hermione kniete sich neben ihre beste Freundin, nahm sie in den Arm und legte ihren Kopf auf die Schulter der Jüngeren. „Was ist passiert?"
„Wir haben uns... wir nehmen eine Auszeit. Eine Trennung auf Probe. Vielleicht wird es wieder. Ich meine, wir waren ja noch gar nicht so richtig offiziell zusammen. Aber vorerst brauche ich Zeit, ein bisschen Zeit für mich."
Die Ältere schloss ihre Arme fester um den schlanken Körper. „Was bedrückt Dich, Ginny? Wofür brauchst Du Zeit?"

Ginny hob den Kopf und sah Hermione an. „Ich... ich glaube, ich bin verliebt, aber ich bin nicht sicher, in wen."

~x~


Die erste Stunde Zaubertränke in der nächsten Woche verlief für Hermione nicht besonders erfolgreich. Erst verwechselte sie Baumschlangenhaut mit Diptam, wodurch ihr Krafttrank ungewollt die Farbe wechselte und sie noch einmal von vorn beginnen musste; dann konnte sie eine Frage nicht beantworten, die Professor Snape ihr gestellt hatte, weil sie so abgelenkt davon war, an die Vision der vorletzten Nacht zu denken; und schließlich ließ sie das Fläschchen fallen, das sie zur Bewertung zum Pult hatte bringen wollen. Sie säuberte schnell per Zauberhand den Boden und musste eine neue Zaubertrankprobe abfüllen, die sie beschämt und äußerst achtsam nach vorne trug, ohne auch nur einen Blick in die Augen des Lehrers zu wagen.

„Bei Merlins grünen Unterhosen, wie hast Du es angestellt, dass er Dich nicht auf der Stelle gefoltert und unter schlimmsten Qualen getötet hat?", rief Ron aus, als sie die Kerkertreppen hinaufstiegen, um durch das große Eingangsportal in Richtung der Gewächshäuser zu laufen.
Harry nickte bekräftigend. „Ich hätte die Hand dafür ins Feuer gelegt, dass er Dich anschnauzt und Dich wahrscheinlich auch noch nachsitzen lässt!"
Hermione hörte kaum zu, schon wieder war sie mit ihren Gedanken bei der Vision, die der Trank von Fred und George heraufbeschworen hatte. Snapes Verhalten war dort ähnlich verständnisvoll gewesen wie in der Unterrichtsstunde. Auch gerade eben hatte er genervt die Augen verdreht und ihre Unachtsamkeiten mit einem spöttischen Lächeln quittiert, sie jedoch nicht dafür gerügt.
„Mione?", hakte Harry grinsend nach. „Ist alles okay, oder macht es Dir so sehr zu schaffen, dass Du gerade drei Fehler hintereinander gemacht hast?"
Die junge Hexe runzelte leicht die Stirn. Jungen konnten so taktlos sein. Und außerdem blind: Harry hatte zu viel Spaß daran, sie wegen ihrer Fehler zu necken, als dass er sich Gedanken darüber machen könnte, warum sie so unaufmerksam und nachdenklich war.
„Weißt Du, ich hatte einfach Lust, mich zur Abwechslung mal dem allgemeinen Niveau anzupassen", gab sie mit hochgezogenen Augenbrauen kalt zurück, beschleunigte ihre Schritte und eilte ihren Freunden voraus, ohne sie eines weiteren Blickes zu würdigen.

In der Doppelstunde Kräuterkunde arbeitete sie mit Neville zusammen und genoss es, jemanden an der Seite zu haben, der ernsthaft am Unterrichtsfach interessiert war und sich angestrengt daran beteiligte. Neville beäugte Hermiones Verhalten misstrauisch, ihre Ignoranz gegenüber Harry und Ron kam ihm komisch vor.
„Was ist mit den beiden?", fragte er schließlich und nickte unauffällig zu den Jungen hinüber.
Hermione zwinkerte ihm zu. „Die haben meine Geduld für heute überstrapaziert und dürfen jetzt eine Doppelstunde lang zusehen, wie sie ohne mich klarkommen."
„Scheint nicht allzu gut zu klappen", grinste ihr Partner.
Mit einem Blick hinüber stellte sie zufrieden fest, dass Harry und Ron es offenbar nicht halb gut schafften wie Neville und sie selbst, ihre Tentaculasamen zu bearbeiten.
„Vielleicht denken sie ja mal über ihr Verhalten nach, die beiden Lieben", kommentierte sie gelassen und nahm das Messer wieder in die Hand, um die Samen kleinzuhacken.

Nach der Stunde hatte Hermione die Jungen im Gewächshaus stehen gelassen und war mit Neville, in ein angeregtes Gespräch über Tentaculas vertieft, zurück zum Schloss gelaufen. Da sie jedoch nicht im Entferntesten die Absicht hatte, Harry und Ron von der Vision zu erzählen und dass eben diese der Grund für ihre Zerstreutheit war, beschloss sie, von nun an wieder ihre Freundin zu sein und nicht auf eine Entschuldigung zu warten. Sie ließ deshalb auch anstandslos zu, dass Harry sie küsste, als er neben ihr Platz nahm.
In diesem Moment hatte Snape die Große Halle betreten. Er blieb auf dem Weg zum Lehrertisch hinter Harry und Hermione stehen und fauchte: „Unterlassen Sie diese Schweinereien in aller Öffentlichkeit!" Ohne sich noch einmal umzudrehen und nachzusehen, ob seine Worte Wirkung gezeigt hatten, ging er weiter.
„Miese Fledermaus. Gott sei Dank war er heute Mittag gut drauf, sonst wäre das mit Dir nicht so glimpflich ausgegangen", flüsterte Ron seiner besten Freundin zu, die sich augenblicklich wie versteinert von Harry gelöst hatte und nun beklemmt nickte.
„Hey, mach Dir doch keine Gedanken wegen ihm, aus diesem Alter sind wir raus!", beruhigte Harry sie. „Der ist nur neidisch auf mich", zwinkerte er.
Hermione zeigte ihm den Vogel und Ginny, die das Geschehen von der anderen Tischseite aus mitverfolgt hatte, runzelte nachdenklich die Stirn.

~x~


Am nächsten Morgen beim Frühstück nahm Hermione neben ihrer besten Freundin Platz und legte ihr eine Hand aufs Knie.
„Wie geht's Dir?", fragte sie leise.
Ginny war nicht damit rausgerückt, in wen sie sich noch verliebt haben könnte, doch Hermione hatte eine vage Ahnung. Sie wollte es nicht ansprechen, ehe Ginny selbst bereit dafür war, doch sie so leiden zu sehen, verdrehte ihr immer wieder aufs Neue den Magen.
Ginny wiegte den Kopf hin und her und versuchte dem Blick der Anderen auszuweichen.
„Wenn Du nicht mit mir sprechen möchtest, ist das kein Problem, aber dann iss wenigstens etwas", wurde das Verhalten der Rothaarigen prompt kommentiert.
Diese griff daraufhin tatsächlich nach einem Stück Brot und beschmierte es mit Butter und Kürbismarmelade; zwar lustlos, aber sie kaute darauf herum. Als sie es gerade halb gegessen hatte, winkte Hermione jemandem am Eingang der Halle zu. Ginny drehte sich um und sah ihren Bruder und Harry, der freudestrahlend auf Hermione zugelaufen kam. Schnell legte sie ihr Brot weg, erhob sich, murmelte „bis später" und war verschwunden.

Die Ältere sah ihr so irritiert hinterher, dass sie ihren Freund fast nicht davon abhalten konnte, sie zu küssen. Gerade noch rechtzeitig streckte sie ihm eine Hand entgegen und drehte den Kopf weg. Sie hatte längst gesehen, dass Snape anwesend war.
„Nicht, Harry", bat sie und nickte in Richtung Lehrertisch.
Harry verdrehte ungläubig die Augen. „Du machst Dir wirklich immer noch Gedanken wegen Snape!"
„Dass Dich das mal wieder alles kalt lässt, war ja klar", erboste sich Hermione, „aber Du könntest wenigstens akzeptieren, dass es mich beschäftigt, dass es mir etwas ausmacht; ich weiß nicht, ob Du es bemerkt hast, aber die ganze Schule ist hier anwesend!"
„Es ist nur ein Kuss, Hermione", beharrte der Dunkelhaarige.
Sie hörte gar nicht zu und fuhr unbeirrt fort: „Und stell Dir vor, er ermahnt uns noch mal - diesmal würde es sicher Hauspunkte kosten!"

~x~


Hermiones Befürchtungen, Hauspunkte zu verlieren, bewahrheiteten sich nicht; ganz im Gegenteil.
Als sie Snape an diesem Tag wortreich die Frage beantwortete, für welche Zaubertränke man einen Bezoar verwenden könne und wie man ihn vorher verarbeiten müsse, lauschte er ihren Ausführungen interessiert und ließ sich am Ende zu einem „zehn Punkte für Gryffindor" herab, was bei den anwesenden Slytherins leises Empören und bei allen anderen Schülern große Verblüffung auslöste.

„Was habe ich heute anders gemacht als sonst?", fragte Hermione ehrlich verwundert, als sie mit den anderen Gryffindors zurück in den Gemeinschaftsraum lief, um dort eine Freistunde zu verbringen.
Gerade als Parvati Patil ihrer Mitschülerin freudig auf die Schulter klopfte, kam Ginny die Treppe zu den Schlafsälen herunter. Sie blieb stehen und beobachtete abwartend, wie die Siebtklässler ihrer besten Freundin, der das Ganze eher unangenehm zu sein schien, ihre Anerkennung aussprachen. Immer wieder lachten sie scherzhaft.

„Was ist passiert?", fragte sie leise an Ron gewandt, als sie den Raum halb durchquert hatte.
Ihr Bruder grinste breit. „Snape hat ihr Hauspunkte für eine richtige Antwort gegeben, nachdem er gestern schon darauf verzichtet hat, sie für Fehler zu ermahnen. Egal welche Drogen er nimmt, ich hoffe, er kommt nicht auf die Idee, sie abzusetzen!"
Ginny schlich schnell hinter Hermione und den anderen Siebtklässlern vorbei und kletterte ungesehen durch das Portaitloch.

'Oh, langsam glaube ich, seine sogenannte Droge wird er tatsächlich erst nach diesem Schuljahr absetzen können', dachte sie und war sich ganz und gar nicht sicher, was sie davon halten sollte.

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