Ich krieche mal hinterm Sofa hervor. Es ist keine Entschuldigung, aber ich war eine kleine Weile im Ausland:) und habe massig zu tun momentan, und so viele Dinge, die mir durch den Kopf gehen... Das Leben ist einfach verrückt und das reinste Chaos, aber wenn es anders wäre, würde ich mich sicher darüber beschweren, dass es zu langweilig ist. Weiter geht es also. Wird ja höchste Zeit.
Herzlichen Dank an SharonandAndy, SevMine und Erin [haha, zum Thema 'Professor McGonagall aufklären'... auf die Szene freue ich mich:D - heute darf sich Ginny aber erst mal noch ein bisschen drüber lustig machen:)] für eure Reviews und Treue!
Viel Spaß - es geht steil aufs Ende zu. ;)

In Kapitel 23: Die Prüfungen sind vorbei, Ginny hat den Jungs offiziell Chris vorgestellt und die Planung für eine geheime Party der Siebtklässler bei den Ravenclaws laufen auf Hochtouren. Doch zuerst hat Hermione noch etwas zu erledigen...


Kapitel 24 - Der Geschmack von Freiheit


„Bist Du bereit, bist Du bereit? Du bist wirklich bereit, oder?"
Ginny schien mindestens so aufgeregt zu sein wie Hermione selbst – nicht dass sie glaubte, dass das möglich wäre. Ihr Puls raste und ihr Herz pochte so schnell, dass es kaum auszuhalten war. Äußerlich bemühte sie sich dennoch um Gelassenheit und unterdrückte das Zittern, das die Aufregung immer wieder durch ihren Körper zu schicken versuchte.
„Ich bin nicht sonderlich bereit, aber ich muss ihm ja auch nur das Buch zurückbringen", erwiderte sie mit schwacher Stimme. Sie ging ins Bad und schaute in den Spiegel; in der Abendsonne hatte sie sich bei der kleinen Prüfungsfeier am See einen leichten Sonnenbrand im Gesicht geholt, doch das störte sie nicht weiter. Sie zog ihren Schulumhang über ihr Sommerkleid, ging zurück ins Zimmer und nahm schließlich Snapes Buch zur Hand. Die Ältere drehte sich zu ihrer besten Freundin um und hielt kurz inne, um tief durchzuatmen.
„Ich bringe ihm nur das Buch", sagte sie lahm. „Wenn er andeutet, dass er darüber reden möchte, oder mich sogar direkt hereinbittet, gehe ich darauf ein, ansonsten verschwinde ich sofort wieder."
Ginny kam zu ihr und legte ihr die Hand auf den Arm. „Genau das ist der Plan. Du machst das, Hermione." Sie gab ihr einen Kuss auf die Wange und nickte dann in Richtung Tür.
„Wenn das Professor McGonagall gesehen hätte", grinste Hermione und wandte sich zum Gehen.

Die größte Überwindung war das Klopfen, denn sie wusste, dass es dann kein Zurück mehr gäbe. Snape war in seinem Büro, sie konnte Bewegung hinter der Tür hören, wegrennen konnte sie also nicht mehr, sobald sie –
„Miss Granger!"
„Prof-Professor Snape!", sagte Hermione schockiert. Durch die noch halb offene Tür konnte sie sehen, dass es im Büro nun dunkel war, Snape war also aller Wahrscheinlichkeit nach bereits im Begriff, in seine Räume zu gehen. Sie riss sich zusammen und sah ihm in die Augen.
„Ich habe Ihr Buch immer noch, ich wollte es Ihnen endlich zurückbringen." Sie hielt es ihm hin, bereit, sofort in Richtung Eingangshalle zurückzurennen, sobald er es genommen hatte. Er schien ihren Fluchtinstinkt zu bemerken und ignorierte ihre hingehaltene Hand.
„Wie schön, dass Sie sich doch noch dazu entschlossen haben, auf unsere Gesprächsvereinbarung zurückzukommen. Ich nehme an, Sie haben es längst durchgelesen und sich Gedanken gemacht?" Ehe sie antworten konnte, drehte er sich um und lief in Richtung seiner Räume. „Was ist, kommen Sie?"
Atemlos folgte Hermione dem Professor die Gänge entlang und schließlich durch die Wand, die zu seinen privaten Zimmern führte. Im Wohnzimmer brannte bereits ein Feuer und durch die verzauberten Fenster schien der Mond ins Zimmer. Er wies auf das Sofa und sie nahm Platz, während er noch leise mit einem Hauselfen sprach, der kurz darauf eifrig nickend verschwand.

„Wie waren die Prüfungen?", fragte er dann überraschend und setzte sich ihr gegenüber in den Sessel.
„G-gut, Professor, das Lernen hat sich gelohnt, ich denke, sie sind alle sehr gut gelaufen", antwortete sie, mit überschlagenen Beinen unsicher auf der Sofakante sitzend. Sie schwiegen einen Moment, in dem der Hauself erneut erschien, und Hermione bemerkte, dass es eine Elfe war. Sie strahlte die junge Frau an, als sie eine Kanne Tee und zwei Tassen auf dem Tisch abstellte, und Hermione hatte das Gefühl, sie schon einmal irgendwo gesehen zu haben; sicher während ihrer BElfeR-Aktion, vielleicht strahlte die kleine Elfe deshalb so.
„Danke, Torrie", sagte Snape und strich ihr sanft über den Arm, ehe sie mit einem leisen Plopp verschwand. Hermiones Augen weiteten sich und sie spürte das Bedürfnis, dem Tränkemeister für diese liebevolle Geste um den Hals zu fallen. Viel zu schnell flatterten Bilder vor ihr inneres Auge von einem Kuss, sie beugte sich unwillkürlich vor, so als wolle sie aufstehen, zu dem schwarzen Mann hinübergehen, sich auf seinen Schoß setzen, sein Gesicht berühren, seine Lippen...

„Ich würde gerne Mastergrade in Verwandlung und Zauberkunst machen", sagte sie stattdessen ohne Umschweife und verfluchte sich selbst, weil ihre Stimme heiser und schwach klang. Um ihre verträumte Bewegung nach vorne zu tarnen, nahm sie ihre Tasse vom Tisch und legte das Buch ab, das sie noch immer in der Hand gehalten hatte. Sie blickte gerade noch rechtzeitig auf, um Snape eine Augenbraue hochziehen zu sehen.
„Eins reicht Ihnen nicht, Sie wollen gleich zwei machen?" Leichter Spott lag in seiner Stimme und sie wahr nicht sicher, wie ernstgemeint er war. „Sie haben eine Vorstellung davon, wie anstrengend es ist, einen einzigen Mastergrad zu erwerben? Er reicht in der Regel völlig aus. Wo wollen Sie damit hin?"
„An die Schule, denke ich. Irgendwann. Vorerst würde ich gerne reisen, forschen, schreiben."
„Nun also doch schreiben?", fragte der Tränkemeister, nun eindeutig amüsiert.
Sie legte den Kopf schief und lächelte leicht. „Ich würde mir gerne einen Ruf erarbeiten, der über das Goldene Trio hinausgeht. Und wenn ich forsche, ist es natürlich naheliegend, geradezu zwingend, auch darüber zu schreiben."
„Sie wollen frei forschen? Das ist schwierig, ist Ihnen das klar? Eine befristete Anstellung im Ministerium könnte Ihnen Möglichkeiten bieten, die Sie als freie Reisende nicht hätten. Es gibt auch andere Institute, die sich speziell mit der Entwicklung von neuen Zaubern oder Transformations- und Wirkungsformen beschäftigen, dort wären Sie eventuell ein wenig freier als im Ministerium."
Hermione dachte einige Minuten über diese Worte nach und nippte an ihrem Tee. „Wo gibt es solche Institute? Hier in Großbritannien?"
„Etwas außerhalb von London, davon haben Sie sicher schon einmal gehört. Das Garrigle's, eine internationale Ausbildungs- und Forschungsstätte, an der auch Minerva gearbeitet hat, bevor sie zurück nach Schottland kam."
„Davon habe ich gelesen. Es soll sehr schwierig sein, dort reinzukommen", gab sie zu bedenken, dennoch gefiel ihr die Idee.
„Aber doch nicht mit Noten und Führungsqualitäten, wie Sie sie aufweisen!"
Hermione sah ihm an, dass er gesprochen hatte ohne nachzudenken. Sein Tonfall war auf eine hitzige Art scharf gewesen, als würde er sie auf etwas Offensichtliches hinweisen, das sie übersehen hatte.

„Reden Sie mit Minerva, wenn Sie Informationen über das Garrigle's wollen. Sie spricht in hohen Tönen von diesem Institut und hat es zu großen Teilen mit aufgebaut und beeinflusst. Sie könnten dort auch Ihre Mastergrade erwerben; es wäre sicher kein Fehler, es dort zu versuchen."
Snape war aufgestanden, hatte das Buch vom Tisch genommen und es an seinen Platz im Regal zurückgestellt.
Hermione nickte, obwohl sie sich bewusst war, dass er sie nicht sehen konnte. „Das ist eine ausgezeichnete Idee. Ich werde sie übermorgen nach Verwandlung gleich ansprechen." Sie machte eine Pause, in der sie sich im Wohnzimmer umsah und schließlich bemerkte, dass Snape noch immer zum Bücherregal gewandt stand. Sie erhob sich ebenfalls und ging zu ihm. Er schien ihre Präsenz zu ignorieren und ihren Blick angestrengt zu meiden. Sie kreuzte die Arme vor der Brust und ihr Herz schlug plötzlich schneller, als sie in dieser Bewegung seine Hand mit ihrer gestreift hatte. Es war eine ganz leichte Berührung gewesen, und doch hatte sie eine Welle elektrischen Schocks durch Hermiones Körper geschickt.
„Vielen Dank, Professor", sagte sie leise.
Nach einem erneuten kurzen Schweigen, während dem Snape mehrmals zuckte, so als wolle er sich zu seiner Schülerin umdrehen, räusperte er sich und schüttelte energisch den Kopf. „Sie sollten gehen, es ist spät."
Hermione bewegte sich keinen Zentimeter, sie blieb einfach stehen und sah ihn unverhohlen an. Er ließ es eine Minute lang zu und verharrte wortlos, bis er aus dem Augenwinkel zu bemerken schien, dass ihr Körper sich sehr langsam seinem entgegen lehnte. Er drehte den Kopf und seine Augen trafen ihren liebevollen, fast flehenden Blick.
Seine Stimme war nicht hart oder kalt, als er sprach, und seine knappe Zurechtweisung klang nicht, als würde er sie gerne aussprechen. „Miss Granger, es ist Zeit."
„Offensichtlich nicht", flüsterte die junge Frau traurig und wandte sich zur Tür. „Offensichtlich ist jetzt nicht die Zeit", fuhr sie fort, ohne sich umzusehen. „Aber irgendwann vielleicht."

~x~


Als Hermione zurück in den Gemeinschaftsraum kam, war es höchste Zeit, sich für die Party bereitzumachen. Harry und Ron hatten sie bereits erwartet und sie hätte schwören können, dass beide Jungen sie mit einem wissenden Blick bedacht hatten, als sie durch das Portraitloch in den Gemeinschaftsraum geklettert war.
„So eine schöne Frau", schwärmte Ginny, als sie mit Hermiones Makeup fertig war und ihr Werk betrachtete.
„Das sagt ja die Richtige", entgegnete Hermione mit einem Lächeln.
„Kein Wunder, dass der schwarze Mann Dir kaum widerstehen konnte. Lange wird er das nicht mehr durchhalten." Der ernste Blick und der sanfte Tonfall unterstrichen die Tatsache, dass Ginny ihre Worte genau so meinte und sich nicht etwa über die Situation lustig machte.
„Danke Dir."
Die Rothaarige schaute auf die Uhr und nickte. „Kurz nach halb elf, perfekt. Harry und Ron müssten auch schon wieder unten sein. Dann mal viel Spaß und lasst euch nicht erwischen!"
Mit einem letzten Zwinkern verschwand Hermione durch die Tür, nahm leichten Schrittes die Treppe und traf im Gemeinschaftsraum tatsächlich auf Harry und Ron, die sich einen Quaffel zuwarfen. Harry warf sich dem Ball entgegen mit einem gespielten Seufzer zu Boden, als er Hermione erblickte, und Sekunden später erfüllte das Lachen des Trios den Raum. Mit beiden Beinen auf dem Boden, wo sie sich sicher fühlte, spielte auch Hermione mit, bis im Laufe der nächsten Minuten auch die anderen Siebtklässler hinzukamen.
Harry packte die Karte des Rumtreibers aus und koordinierte die geheime Wanderung zum Ravenclawturm. Nacheinander schickte er die Mitschüler in Kleingruppen los und verfolgte ihren Weg zu den Ravenclaws.
Hermione blickte ihm über die Schulter und stellte mit einem Grinsen fest, dass Professor Flitwick weit weg von den Gemeinschaftsräumen patrouillierte. Einmal kam ihm Professor Sinistra entgegen und ging in Richtung Küchen, wo sich der Hufflepuff-Gemeinschaftsraum befand, doch Flitwick musste sie zurückgerufen und in ein Gespräch verwickelt haben, denn sie kehrte um und ging mit ihm gemeinsam in die andere Richtung weiter.
Nach Ron und Neville machten sich als letztes Team schließlich Harry und Hermione auf den Weg. Harry hatte vorsichtshalber den Tarnumhang eingesteckt, doch auch sie erreichten die Party problemlos.

„Na dann", seufzte Harry, als sie durch die Tür zum Gemeinschaftsraum der Ravenclaws traten, die Dean Thomas ihnen aufhielt. Sie nickten ihm lächelnd zu. „Zeit, die Freiheit zu feiern."
Ron trat zu ihnen und sah ähnlich bedächtig aus wie seine Freunde.
Hermione grinste schief in Harrys Richtung. „Ich will Deine Euphorie ja nicht bremsen, zumindest nicht heute Abend, aber ich fürchte, wir werden schnell feststellen, dass uns dort draußen vieles erwartet, aber garantiert keine Freiheit." Sie zwinkerte ihren besten Freunden zu, die nun ebenfalls schmunzelten.
„Ich weiß", sagte Harry schließlich nachdenklich. „Ich weiß. Hogwarts bedeutete die größte Freiheit für mich, ich werde das Schloss vermissen."
„Ich bin sicher, Du kannst ab und zu mal wieder hier vorbeischauen", erklang eine verträumte Stimme. Luna hatte sich zu ihnen gesellt und die letzten Sätze ihrer Unterhaltung mitbekommen. Sie sah Hermione mit einem merkwürdigen, aber liebevollen Blick an und die Schulsprecherin beschlich das Gefühl, dass Luna etwas ahnte. Dass sie etwas wusste, was unwahrscheinlich, doch die junge Hexe war schon immer sehr sensibel für zwischenmenschliche Beziehungen gewesen und hatte Hermione und den Meister der Zaubertränke sicher hin und wieder in der Großen Halle beobachtet.
„Aber jetzt ist nicht der Zeitpunkt, traurig zu sein", fuhr Luna fort. „Kommt, lasst uns zu den anderen gehen und uns nicht hier am Rand als Kleingruppe ausschließen."
Verblüfft folgte das Trio der Ravenclaw weiter in den Raum und nahm zum ersten Mal wahr, dass die Gryffindors und Hufflepuffs noch dabei waren, per Zauberhand etwas zur Dekoration des Raumes beizutragen, den die Ravenclaws bereits geschmückt hatten. Drei riesige Hauswappen zierten die Wände rundherum, während die Decke, wie die der Großen Halle, verzaubert worden war, um den Sternenhimmel draußen zu zeigen.
Hermione zückte ihren Zauberstab und richtete ihn auf die Decke, um in unregelmäßigen Abständen Sternschnuppen auf die Schüler niederregnen zu lassen. Eine Welle von entzückten „Oh"s und „Ah"s erfüllte den Raum und Hermione machte eine mentale Notiz, den Sternschnuppenregen zu beenden, sobald der Alkoholpegel anstieg und die ersten ihrer Mitschüler versuchen würden, die entmaterialisierten Gebilde zu fangen.

„Oh man, wir haben gerade fast zehn Minuten gebraucht, um diese Frage zu beantworten. Wäre ein Passwort nicht einfacher, und auch sicherer?"
Gerade war die Tür zum Gemeinschaftsraum erneut aufgegangen und zwei weitere Partygäste waren hindurchgetreten. Schlagartig wurde es still im Raum und alle Augen waren auf die Tür gerichtet.
„Oh hi, Daphne, hi, Blaise", sagte Luna schließlich in einem Tonfall, der nichts von der Absurdität dieser Situation ahnen ließ, „schön, dass ihr es geschafft habt, wir dachten schon, ihr hättet euch erwischen lassen."
„Hi, Luna", antworteten Daphne Greengrass und Blaise Zabini im Chor.
„'Wir' dachten?", flüsterte Harry Hermione ins Ohr. „Wer wusste denn noch davon, dass wir grünen Besuch bekommen?"
Wie um seine geflüsterte Frage zu beantworten trat Terry Boot einen Schritt aus der Menge heraus. „Hey Blaise, hey Daph, schön, dass ihr da seid." Die Menge um sie herum verharrte nach wie vor regungslos, als er auf die Neuankömmlinge zuging und sie mit Handschlägen begrüßte. „Es macht euch doch nichts aus, dass Luna und ich noch zwei Freunde aus Pflege magischer Geschöpfe eingeladen haben?", wandte er sich, leicht errötend, an seine Mitschüler.
Niemand antwortete, doch ein Kopfschütteln ging durch den Raum; niemand konnte recht glauben, dass zwei Slytherins zur Party gekommen waren - als Freunde, nicht als Duellgegner. Hermione konnte sehen, dass sie nicht die Einzige war, die merkwürdig gerührt war von diesem außergewöhnlichen Moment in der Geschichte ihres Jahrgangs.
„Wunderbar", warf Luna ein und winkte Daphne und Blaise zu sich, „kommt, hier gibt es etwas zu trinken."

„Verrückt, oder?", fragte Ron eine Stunde später, während der jeder der Anwesenden mindestens einmal die Geschichte gehört hatte, wie Terry, Luna, Daphne und Blaise sich bei einer Exkursion mit Pflege magischer Geschöpfe angefreundet hatten.
„Das ist also alles, was es braucht, um vier vollkommen verschiedene, verfeindete Menschen zusammenzubringen", seufzte Hermione. „Da sieht man doch, dass diese ganze Feindschaft zwischen Slytherin und den anderen Häusern eine Farce ist."
„Na ja, sie waren schon Idioten", sagte Harry nachdenklich.
„Sie wurden so erzogen, Harry", gab Hermione zu bedenken.
„Ja. Von ihren Slytherin-Eltern", entgegnete Ron. „Das Problem ist, dass diese Feindschaft weit über die Schule hinausgeht. Im Freundeskreis unserer Familie ist keine einzige Slytherin-Familie, über Generationen hinweg werden die schon so erzogen und kriegen diesen Hass gegen Muggelstämmige und Blutsverräter nicht aus den Köpfen."
Harry runzelte die Stirn. „Und Snape zum Beispiel mit seiner Bevorzugung der Slytherins und dem Abwerten der anderen Häuser trägt auch nicht gerade zur Versöhnung bei."
„Dazu muss man fairerweise sagen, dass die anderen Lehrer uns zwar nicht bevorzugen, aber auch nichts tun, um zu einer Versöhnung beizutragen", warf Hermione ein, dem Drang nachgebend, Severus Snape zu verteidigen.
Die Jungen zuckten mit den Schultern und stimmten ihrer besten Freundin mit einem halbherzigen Nicken zu.
„Hey, darf ich euch kurz stören?", fragte Parvati Patil da mit einem verlegenen Lächeln. Sie war unbemerkt zu ihnen getreten und stand nun eine Armlänge von Ron entfernt.
„Klar", antwortete dieser und drehte sich zu Parvati um. Hermione bemerkte, dass er ihr eine Weile in die Augen sah, ehe er murmelte: „Geht's Dir gut?"
„Ich bin nicht betrunken, falls das die Frage ist", antwortete sie, noch immer verlegen lächelnd. „Aber ich habe mir gezielt ein bisschen Mut angetrunken, um genau das hier zu tun. Deshalb platze ich auch gerade mitten in eure Unterhaltung, was streng genommen nicht so diplomatisch war." Die junge Gryffindor zog die Stirn kraus. „Ich rede zu viel. Hast Du Lust zu tanzen?"
Ron verschluckte sich fast an seiner eigenen Spucke. Harry klopfte ihm auf den Rücken und warf ihm, ungesehen von Parvati, einen bedeutungsschweren Blick zu. „Na los", wisperte er.
Der Rotschopf nickte. „Klar", sagte er erneut und räusperte sich. „Sehr gerne." Damit legte er Parvati eine Hand auf den Arm und lenkte sie zur Tanzfläche, nicht ohne einen dankbaren Blick zurück zu seinen Freunden zu werfen.

„Das kam unerwartet, aber hat Potential", stellte Hermione mit offenem Mund fest und musste plötzlich lachen.
„In der Tat", nickte Harry und stimmte in das Lachen mit ein.
Als beide wieder verstummten, wurde Hermione nachdenklich. „Dann sind wir wohl bei unserer Entlassung aus diesem Paradies hier in die große weite Welt alle ein bisschen verliebt."
„Ausgerechnet jetzt, wo sowieso schon so viel Neues auf uns zukommt", grinste Harry.
„Wohl wahr."
„Andererseits können manche Beziehungen durchaus erleichtert werden, wenn ein Partner nicht mehr das ach so junge Ding ist, das noch nicht mal mit der Schule fertig ist."
Die Anmerkung verleitete Hermione zu einem Schmunzeln. „Ich bin also nicht die Einzige, die sich in jemand Älteres verguckt hat?"
Harry lächelte. „Dann tanzt Ron ja ganz schön aus der Reihe."
„Irgendjemand muss ja vernünftig sein", zwinkerte Hermione amüsiert. Sie war jedenfalls nicht die Vernünftige in diesem Fall.
Sie wandten sich lachend zur Tanzfläche um und suchten ihren besten Freund.
Harry stieß einen leisen Pfiff aus. „Er tanzt ja gar nicht aus der Reihe, er tanzt richtig gut!"

~x~


Vom nächsten Tag an schien die gesamte siebte Jahrgangsstufe Kopf zu stehen. Die Lehrer zeigten sich begeistert von der Mitarbeit, die die Schüler im Unterricht noch darboten, doch sobald es klingelte, verwandelte sich jede Klasse in eine fröhliche und schwatzende Meute, die ihre letzten beiden gemeinsamen Wochen noch voll auskostete.
Hermione machte am Montagmorgen einen Termin mit Professor McGonagall aus, um noch am selben Abend mit ihr über das Garrigle's Forschungsinstitut zu sprechen und war heilfroh, dass die Professorin davon absah, ihre vermeintliche Beziehung mit Ginny anzusprechen. Sie hatte so leidenschaftlich vom Garrigle's erzählt, dass Hermione wusste, dass sie alles daran setzen würde, dort hinzukommen, und als sie zurück in den Schlafsaal kam, setzte sie mit Ginnys Assistenz gleich eine Bewerbung auf.
Am nächsten Morgen klopfte Professor McGonagall an ihre Tür und überreichte ihr ein Empfehlungsschreiben. Ginny hatte sich schlafend gestellt, um einer Zurechtweisung zu entgehen. Als sie hörte, wie die Tür wieder ins Schloss fiel, öffnete sie vorsichtig die Augen und schwieg noch einen Moment lang, bis sie sicher war, dass die Professorin außer Hörweite war.
„Schade", kommentierte sie dann mit unterdrücktem Lachen, „wenn ich gewusst hätte, dass sie das ist, hätte ich schnell mein Oberteil ausgezogen, meine Haare ordentlich durchgewuschelt und mich in Dein Bett gelegt."
Schallendes Lachen folgte.

Die Abende verbrachte Hermione nach wie vor mit Ginny - ihre beste Freundin würde sie schließlich bald kaum noch zu Gesicht bekommen. Bei den anderen Mahlzeiten saßen die Siebtklässler nun jedoch meist zusammen am oberen Ende des Hufflepuff-Tisches (was Ginny als Anlass genommen hatte, sich neben Chris an den Ravenclaw-Tisch zu setzen) und zogen durch laute Späße oft die Aufmerksamkeit der jüngeren Schüler auf sich. Das größte Aufsehen erregten Daphne und Blaise, als sie sich am Donnerstagabend zur Gruppe gesellten. Hermione hatte die beiden bereits beobachtet, als sie die Halle betreten und sich unsicher angeschaut hatten. Es musste sie Überwindung gekostet haben, vor den anderen Slytherins offen zu ihrer Freundschaft mit den Mitschülern der anderen Häuser zu stehen, und tatsächlich kamen vom Nachbartisch ein paar „Buh!"-Rufe und abfällige Kommentare, die sich jedoch schnell legten. Auch das Gemurmel an den anderen Tischen verstummte und zwei Tage später war es bereits für alle Anwesenden selbstverständlich, dass am Slytherin-Tisch zwei Plätze leer blieben.

Der Einzige, der die Versammlung der Siebtklässler auch in der folgenden Woche noch beäugte - ob es mit Missfallen oder eher mit Interesse war, vermochte Hermione einfach nicht zu sagen - war Severus Snape. Die junge Hexe neigte dazu, an ihre Interessen-Theorie zu glauben, weil es ihr Hoffnung gab; tatsächlich schien sein Blick oft an ihr hängenzubleiben.
Am Abschlussball würde sie vielleicht mit ihm... Mit einem Seufzen verbot sie sich die Gedanken an den Abschlussball. Er schien seit dieser Woche ohnehin das einzige Thema zu sein, das die Siebtklässler hatten.
„Was meinst Du, was ich am Abschlussball tragen soll?", fragte Ron am Dienstagabend, als Harry beim Quidditchtraining war und er mit Hermione am Kamin des Gemeinschaftsraums saß. „Meinst Du, mein roter Festumhang wird ihr gefallen?"
„Dein neuer roter Festumhang ist wunderhübsch, Ron, und er passt gut zu ihren Augen, und sie wird ihn lieben", ratterte Hermione mit einem schiefen Grinsen und liebevollem Tonfall herunter.
„Und wenn sie ein rotes oder orangenes Kleid anhat?", kam die besorgte Rückfrage.
Hermione verdrehte die Augen. „Dann wird es einen Zauberspruch lang dauern, bis ich Deinen Umhang perfekt an die Farbe ihres Kleids angepasst habe, Liebes."
Ron schaute zufrieden drein. „Entschuldige", sagte er dann mit einem verlegenen Grinsen.
„Nur zu, ich freue mich, Ron. So sehr." Sie legte dem Jungen eine Hand auf die Schulter und drückte sie sanft.
„Danke. Über Dein Outfit müssen wir uns ja keine Gedanken machen", lächelte er.
Hermione blinzelte und versuchte die Bilder von sich selbst in ihrem wunderschönen Kleid und dem schwarzen Mann, der sie über die Tanzfläche wirbelte, aus ihrem Kopf zu verjagen.

Ja, alles drehte sich um den Abschlussball, einfach alles.


~x~