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Kapitel 2

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Teresa Lisbon und ein Baby?

Patrick Jane traute seinen Augen nicht. Die Frau, von deren Privatleben nichts bekannt war, hatte ein Baby? War ihm in den letzten Monaten etwas entgangen? Und das kleine Wesen war wirklich noch winzig.

Vorsichtig schritt er an das Wagerl und den Tisch, an dem die Polizistin saß , heran. Kommentarlos nahm er das Baby, dessen Augen weit offen standen und ihn anstarrten, aus dem Maxi Cosi und setzte sich ihr gegenüber hin. Die junge dunkelhaarige Frau schien mit ihren riesen großen grünen Augen in die unbekannte Ferne zu starren, das Nichts.

„Lisbon?", fragte er vorsichtig und lenkte so ihren Blick auf ihn.

„Jane, was … ?"

„Patrick", verbesserte er sie. „Das hier alles scheint nichts berufliches zu sein."

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War es eine unvertraute Sicherheit, die er ihr in diesem Augenblick anzubieten schien. Eine neue Ebene ihrer Beziehung, ihrer Freundschaft. Sie waren doch Freunde?

„Patrick?", sagte sie vorsichtig und es fühlte sich ungewohnt an, ihn bei seinem Vornamen zu nennen. Ihn nicht als den nervenden Anhang zu betrachten, der sich als furchtbar hilfreich in den letzten Jahren erwiesen hatte und in jedem Haushalt den Teevorrat entdeckte, Rache an dem Mörder seiner Familie üben wollte – und nun war er nicht Jane, das ehemalige Medium, nein, in diesem Augenblick war er Patrick, der Mann im dreiteiligen Anzug, mit den großen Füßen, dem Hundeblick und der wirren blonden Haarmähne.

„Wer ist das?", fragte er vorsichtig, während er dem Baby über den Kopf strich.

Es war unbestreitbar, dachte sich Jane, dass dieses kleine Menschenkind mit der ihm gegenübersitzenden Frau verwandt war. Es hatte, obwohl es eine dünne Haube trug, dunkle Locken, keine langen, eher einen Flaum. Die Augen waren groß und blau – jedoch hatte fast jedes Baby blaue Augen. Er war sich sicher, dass sie noch grün werden würden. Wie alt könnte es sein? Sicherlich noch kein halbes Jahr. Patrick Jane war verwirrt. Zwar starrte ihn dieses entzückende Wesen – Madelaine – an, griff nach seinem Finger. Gurgelte beim Lachen.

„Meine Nichte", erklärte Lisbon vorsichtig.

„Nichte?", und als Jane diese Worte aussprach, sah er, wie ihr Tränen in die Augen stiegen. Wieso sollte sie ein Kind „geliefert" bekommen, wenn nicht etwas Furchtbares passiert war? Er ahnte also bereits Böses.

„Sie ist … mein jüngster Bruder ist bei einem Unfall ums Leben gekommen und ich soll mich nun um seine Tochter kümmern."

Jane griff nach den Papieren, die vor ihr lagen.

„Eine Obsorge Regelung", murmelte er.

Da ihr Tränen über die Wangen liefen und Jane weder ein noch aus wusste, legte er das Baby wieder in seinen Sitz, griff nach Lisbons Hand und führte sie zum Auto. Normalerweise hätte sie protestiert, als er die Hand ausstreckte und um den Autoschlüssel bat. Wissend was er tat, fixierte er den Kindersitz auf der Rückbank und ließ Teresa hinten einsteigen. Sie sagte kein Wort. Ihre Augen waren rot, ihr Mund geöffnet und eine leichte Röte rund um ihre Nase zeichnete sich ab.

Bisher hatte sie dem Kind keine Aufmerksamkeit geschenkt, es nicht ansehen können. Zu sehr erinnerte Lanie sie an ihren Bruder, seine großen Augen, die eine Mischung aus Blau und Grün gewesen waren. Obwohl sie immer die älteste war, war sie auch die kleinste gewesen. Adam war beinahe 190cm groß gewesen, ein Riese für ihre Verhältnisse. Aber diese Karte hatte er ihr gegenüber niemals ausgespielt, weder in Chicago noch in San Francisco. Das Gegenteil war eher der Fall gewesen. Er schien, obwohl er sehr sportlich gewesen war, immer der Teddybär zu sein, der an den man sich anlehnen konnte.

Als Jane im Auto saß, griff er nach seinem Handy und schickte Cho eine Textnachricht, dass sie im Stau stehen würden und alles dauern würde. Doch noch bevor er eine Antwort bekam, war er bereits am Weg zu Teresas Haus.

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Nun saß Teresa hinten in ihrem Wagen und starrte das kleine Wesen an. Man hatte ihr einen grünen Strampler angezogen, kleine Socken und ihre Finger, ihre Finger waren so klein. Alles an ihr war so klein. Und was tat Lanie? Sie starrte zurück. Beinahe zufrieden. Sie schien nicht hungrig zu sein oder eine volle Windel zu habe. Alles schien rundherum zu passen. Doch Teresa ahnte, dass es nicht immer so sein würde.

Doch wie sollte sie sich um ein Kind kümmern? Sie war ja nicht einmal in der Lage, eine intakte Beziehung zu führen. Mashburn war ihre letzte sexuelle Erfahrung gewesen, von einer Beziehung hatte man da nicht sprechen können. Es war eine relativ leidenschaftliche Nacht gewesen vor einigen Jahren. Jahren! So viel Zeit war vergangen und nun sollte sie ein Kind, welches nicht ihr eigenes war, großziehen. Sich um dieses kümmern, es umsorgen und lieben. Es wie ihr eigenes behandeln.

„Hast du das Notwendige eingekauft?", fragte Jane und riss sie aus ihren Gedanken.

„Nein, noch nicht", gab sie zu. Sie hatte sich darum kümmern wollen, aber es einfach nicht geschafft, zu viele Gedanken, vor allem Erinnerungen, waren ihr am letzten Tag durch den Kopf gegangen, zu viel um wirklich klare Strukturen in ihren Alltag zu bringen. Ja, sie war eine organisierte Polizistin, hatte ihr eigenes Team, ihren guten Ruf. Sie hatte ihre drei Brüder großgezogen, das Begräbnis ihres Vaters ausgerichtet. Sie hatte einfach alles gemacht, was man von ihr verlangte und es hörte nicht auf.

Natürlich würde sie Lanie lieben, ihr Bestes geben, einfach alles für das Kind tun. Trotzdem verlangte das Schicksal einfach zu viel von ihr. Außerdem würde sie alles wieder einmal alleine bewältigen müssen – so wie damals. Von Vater und Mutter verlassen. Obwohl ihr Vater erst Jahre nach dem Tod ihrer Mutter Selbstmord begangen hatte, hatte er sie in Wahrheit viel früher verlassen. Er war kein Vater mehr gewesen und an ihre Mutter, an ihre Mutter konnte sie sich nur noch wage erinnern. Sie hatte dunkel Locken, die bis in die Mitte ihres Rücken hinabfielen, war klein – so in etwa wie sie selbst – und hatte leuchtend grüne Augen. Sie hatte viele ihrer portugiesischen Attribute geerbt – die sonnenunempfindliche Haut, die dunklen Haare. Im Gegensatz zu ihrem aus Irland abstammenden Vater mit seiner beinahe weißen Haut, die sofort rote Flecken bekam, seinem dunkelroten Haar und den blauen Augen. Zwei solch unterschiedliche Menschen. Von wem sie all die Sommersprossen geerbt hat, konnte sie nur vermuten – wahrscheinlich ihrer Mutter. Ana Beatriz.

Es war schon viel Zeit vergangen, seitdem sie das letzte Mal das eine Fotoalbum, welches ihre Mutter von ihren Kindern gemacht hatte, zur Hand genommen hatte. Es waren ein einziger Band, ein in dunkelblaues Leder gebundenes Buch mit schwarzen festen Kartonseiten und seidenpapierartigen Zwischenblättern. Hauptsächlich befanden sich Babyfotos von ihren drei Brüdern und ihr selbst in diesem Buch, ein paar wenige zudem die zeigten, dass ihre Eltern einst einmal eine glückliche Ehe geführt hatten – bevor in an einem Tag die Welt aus den Fugen geriet. An einem Tag alles Glück sein Ende fand.

Plötzlich als das Auto stehen blieb, wurde Teresa bewusst, dass sie nun nicht einfach aussteigen konnte. Nein. Sie öffnete den Verschluss von Lanies sitz und hob sie aus der Schale heraus.

„Wo sind wir?", fragte Lisbon Jane.

„Bei einem Shopping Center."

„Wieso?", fragte sie etwas verwirrt.

„Einkaufen", antwortete er lediglich und ein großes breites Grinsen zeichnete sich auf seinem Gesicht ab. Kinder hatte Patrick immer schon geliebt, nicht nur seine eigene Tochter. Immerhin war er mit vielen aufgewachsen, den Zwang einer Schule hatte er niemals kennen gelernt, eigentlich – bis sein Vater sein „Talent" ausnützen wollte – hatte er beinahe eine unbeschwerte Kindheit und Jugend.

Bevor er den Karton in den Wagen verladen hatte, hatte er einen kurzen Blick hinein geworfen und er enthielt nicht viel, was ihm bei dem Gewicht nicht gewundert hatte. Es war eine Mappe mit Dokumenten vorhanden, Adams wie es schien und außerdem die wenigen, die Lanie bereits besaß. Einige Kleidungsstücke, die bereits bessere Tage gesehen hatte, eine handgenähte Stoffpuppe und ein Quilt für Kinderbetten.

Doch er vermisste Windeln, vielleicht etwas Babynahrung, Kleidung – die Notwendigkeiten.

Jane sperrte da Auto ab, reichte Lisbon aber nicht den Schlüssel, wie vielleicht erwartet. Dieser wanderte in seine Hosentasche und er nahm ihr zudem noch das Baby ab, welches sie am Arm gehabt hatte.

„Das ist nicht notwendig", versuchte sie ihm zu erklären, aber da war es bereits zu spät, da er in das Innere der Mall wanderte und nicht auf sie wartete. Schnellen Schrittes holte Lisbon ihn ein, sagte kein Wort. Schwieg einfach. Für ihn schien jede Bewegung, die er mit Lanie machte, so natürlich zu sein. Die Art und Weise wie er sie hielt, ihren Kopf stütze, ihr sanft über den Rücken strich.

„So … zuerst kaufen wir dir einmal einen Kinderwagen", erklärte Jane und marschierte schon in ein großes Geschäft hinein.

„Jane warte …", animierte Teresa ihn zum Stehenbleiben und er drehte sich sogar um. „Einen Kinderwagen?", fragte sie unsicher.

„Natürlich, wie möchtest du sie denn transportieren? Willst du sie die gesamte Zeit tragen? Das wird nicht möglich sein."

„Ich verstehe", erklärte sie. Bisher hatte sie an einen Kinderwagen gar keinen Gedanken verschwendet. Aber er hatte Recht, wie sollte sie sie sonst irgendwohin bringen, sie vielleicht sogar ins Büro mitnehmen.

Doch ahnte sie bereits, dass Jane eine feste Vorstellung hatte, wie ein Wagen auszusehen habe und sie nicht mit einem billigen Modell auskommen würde. Dieses Kind würde über kurz oder lang sicherlich ihr Budget sprengen. Dann mahnte sie sich wieder, dass sie in den letzten fünf Jahren so gut wie keinen Tag Urlaub hatte, Überstunden in Massen besaß, die sie sich nur einmal auszahlen lassen müsse. Abgesehen davon, war sie schon lange genug dabei, um ein vernünftiges Gehalt zu bekommen. Reich würde sie nie werden, das hatte sie aber bereits gewusst, bevor sie mit der Ausbildung begonnen hatte.

Rasch war eine Verkäuferin zur Stelle, die rasch merkte, wie unbeteiligt Lisbon reagierte und sich so auf Patrick konzentrierte, dass es diesem bereits wieder unangenehm war.

„Teresa?", fragte er vorsichtig. „Du wolltest doch den dunkelblauen Wagen, oder irre ich mich?"

„Ja, der dunkelblaue gefällt ihrer Frau sicher." Jane besserte sie nicht aus, ließ nur den Ehering, den er immer noch trug, auf die Verkäuferin wirken. Er legte die Kleine zur Probe in den Wagen und als sie zu weinen begann, griff Lisbon nach ihr, als wäre es ein Reflex, der sie zu dieser Bewegung animierte. Sie hoch Lanie hoch, legte sie an ihre Brust, sodass sie mit den Augen über ihre Schulter sehen konnte und streichelte ihr sanft über den Rücken.

„Sch … sch …", murmelte sie leise vor sich hin. „Sch … beruhig dich …" Und tatsächlich, kurze Zeit später schien sie eingedöst zu sein.

Patrick hatte das gesamte Szenario bewundert, es genau studiert – jeden einzelnen Gesichtszug, jede Bewegung, jeden Laut, der ihr über die Lippen gekommen war. Sie hatte den Blazer im Wagen gelassen und auf den Oberarmen konnte er zum ersten Mal in all den Jahren die Sommersprossen sehen, die sich über diesen Bereich ausdehnten. Ein Meer. Wieso waren ihm diese bisher noch nie aufgefallen?

Jane ließ sich die gesamte Ausstattung des dreirädrigen Gefährts präsentieren, lehnte einen Teil ab, bezeichnete manche Extras sogar als absolut unnötig. Wichtig war ihm eine Wickeltasche, der Regenschutz und dass der Wagen von der Höhe für Lisbon gut geeignet war, daher hatte er sich für ein Modell entschieden, bei dem die Höhe des Lenkers angepasst werden konnte.

Ohne zu diskutieren zahlte Lisbon für den Kinderwagen, ahnend, dass er nichts Schlechtes für sie aussuchen würde, nicht in einer Situation wie diesen. Und schon war Lanie, die ihre Augen nicht einmal in dem Moment geöffnet hatte, als Teresa sie in den Wagen legte, gut verstaut.

„Kleidung, Nahrung, Windeln", kommentierte Jane und schob den Wagen und schritt weiter durch die Mall, Lisbon nun an seiner Seite und nicht mehr hinter ihm.

So viele Gedanken schossen durch den Kopf der dunkelhaarigen Frau. Sie hatte gerade einen Kinderwagen gekauft, es war also wahr und kein Traum – Adam war tot. Adam hatte ein Kind. Adam hatte ihr das Kind hinterlassen, wollte, dass sie sich um das kleine Wesen aus Fleisch und Blut kümmere, es aufziehe und wie ihr eigenes behandle.

In dem Moment, als Jane merkte, dass Lisbon nicht mehr an seiner Seite war, blieb er stehen und drehte sich um. Er sah, dass sie, eine Hand vor Nase und Mund haltend, vor einem großen Schaufenster stand. Patrick ging zurück, griff ihr vorsichtig auf die Schulter und innerhalb weniger Augenblicke hatte sie sich zu ihm gewendet, ihren kleinen zarten Körper an seine Brust gepresst und ihr gesamter Körper zitterte, bebte, als sie weinte.

So verletzbar, verwundbar, hatte er diese Frau noch nie erlebt. Teresa Lisbon hatte er immer als stark, psychisch unverwundbar eingeschätzt. Manchmal hatte Jane sogar vermutet, dass sie eine Schutzwand um sich aufgebaut hatte, um ja nicht verletzt zu werden. Natürlich fungierte diese auch als Schutzschild, welches sie benötigte, um den Job ausüben zu können. Manche hatten Frau und Kind, Alkohol, Drogen oder – wie Lisbon – dieses magische Schutzschild. Doch in einer Situation wie dieser schien es nicht zu funktionieren.

Zudem war der Fall eingetreten, dass Jane nicht wusste, was er sagen sollte. Er wusste nicht, wie nahe sie ihrem Bruder gestanden hatte, wie viel sie über Lanie gewusst hatte. Er wusste gar nichts. Deswegen hielt er sie einfach, versuchte sie zu trösten, ohne viele Worte dabei zu verlieren. Und zum ersten Mal in all den Jahren, ließ sie diesen Kontakt zu, hatte ihn sogar gesucht, gebraucht – er war von ihr ausgegangen.

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Ende Kapitel 2

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A/N: Ich weiß, es sind kleine Schritte, die die Handlung im Moment vorwärts treiben, aber auch kleine Schritte sind ab und an notwendig, um die richtige Stimmung vermitteln zu können.