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Kapitel 3

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Es dauerte nicht lange und sie hatte sich wieder gefangen, doch war es ihr anzusehen, dass sie geweint hatte und dafür genierte sich Teresa. Mit großem schauspielerischen Können wie Lisbon sich sagte, legte Jane seinen Arm um ihre Schulter und schob mit dem anderen den Kinderwagen in Richtung Kinderbekleidungsgeschäft.

Der Einkauf endete damit, dass das Auto vollgepackt war mit Tüten, gefüllt mit Kleidung, Babynahrung, dem Kinderwagen und natürlich auch einer Gehschule. Nachdem Jane Lanie eine Falsche mit Milch gegeben hatte, war sie abermals ein zufriedenes Kind. Er schien sich so natürlich zu verhalten, als wäre ein Baby das Normalste, das man sich vorstellen konnte. Als würde er stets wissen, was ihm fehlte, was es dachte und wie er das kleine Wesen zum Lachen bringen könnte. Er schien so und so alles viel besser zu können als sie.

Als Teresa vor ihrem eigenen Haus aus dem Auto stieg, war sie keineswegs zufrieden oder glücklich. Das Gegenteil war der Fall. Sie war verwirrt und aufgewühlt. Wie sollte es weitergehen? Im Moment war Madelaine ruhig, schien sogar zu schlafen, aber wie sollte sie reagieren wenn das Baby aufwachte? Wenn es gebadet werden sollte? Windeln konnte sie wechseln, aber was wäre, wenn ein Ausschlag auftrete?

Sie sagte sich immer wieder im Geheimen, dass sie keine Ahnung von Kleinkindern hatte. Wieso auch? Sie hatte niemals vorgehabt, auf diese Art und Weise Mutter zu werden. War sie denn jetzt eine Mutter? Eigentlich war sie nur eine Tante, die sich um ein Waisenkind kümmerte, das zufällig das Kind ihres Bruders war. Sie würde Lanie wissen lassen, dass sie nicht ihre Mutter war. Vielleicht nicht heute oder morgen, aber wenn sie alt genug dafür war.

Ihr Haus war nicht groß, eigentlich hatte es immer genau die richtige Größe gehabt für sie. Doch als Jane alles ausgeladen hatten, und diverse Tüten im Wohnzimmer standen, erkannte sei, dass es vielleicht vorübergehend eine Lösung war, auf keinen Fall eine dauerhafte – auch weil das Zimmer, das früher das Büro gewesen war – viel zu klein war. Solange Lanie ein Baby war, würde das alles kein Problem sein, doch über früh oder spät würde sie sich nach etwas Größerem umsehen müssen.

„Teresa?", fragte Jane vorsichtig. Sie stand immer noch in der Türe und starrte das Chaos an, welches die Tüten, Kartons ausmachten. Jane hatte einfach alles hineingetragen, ohne einen Augenblick damit zu verschwenden, ein System zu entwickeln. „Teresa", wiederholte er und holte sie somit aus ihrer Trance zurück.

„Ja?", war ihre leicht fragende Antwort.

„Ich denke, du solltest eine Kleinigkeit für Lanie zum Abendessen herrichten."

„Reicht denn das Fläschchen nicht?"

„Nein, natürlich nicht. Wir haben doch diesen Brei gekauft. Auf der Verpackung steht, wie man ihn anrührt", erklärte der blonde Mann. „Wo soll sie schlafen?", fragte er noch, bevor Lisbon den Raum in Richtung Küche verlassen konnte.

„Im Büro."

„Büro?"

„Das kleine Zimmer neben meinem Schlafzimmer."

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Mit Lanie am Arm schritt Patrick die Stiegen hinauf in Richtung Schlafbereich und zum ersten Mal wurde ihm bewusst, dass sie es zuließ, dass er diese Etage betrat. Zuvor war er niemals über das Erdgeschoß hinweg gekommen. Es hatte sich aber auch nie eine Möglichkeit angeboten.

Die Türe zu Lisbons Schlafzimmer war offen, das Bett war ungemacht. Es war eine Mischung aus dem, was er sich erwartet hatte und viel Unerwartetem. Ihr Bett war aus Metall, war ähnlich einem Himmelbett aber ohne Himmel. Doch befand sich dort keine wilde Ansammlung als Pölstern in weiß mit Spitze oder etwas dergleichen. Nein. Die Bettwäsche war dunkelgrün, vier Pölster, zwei davon unberührt. Selbst der Bettüberwurf war im selben Grün gehalten. Die restlichen Möbel waren hell, vielleicht Birke - dachte sich Jane. Vorsichtig betrat er den Raum, wissend, dass er das nicht tun sollte und entdeckte die Bilder auf der Kommode. Es waren gerahmte Fotos. Alte Fotos. Eines zeigte vier Kinder und eine junge Frau – es musste sich um Teresas Mutter und ihre Brüder handeln. Sie sah ihr zum Verwechseln ähnlich. Daneben war ein Rahmen, der Teresa in Uniform zeigte mit einem ihrer Brüder, einem sehr jungen, jungen Mann – vielleicht war dies Madelaines Vater, Adam. Das dritte Bild zeigte die drei Brüder und sie, als sie Teenager waren. Als Jane das Bild in die Hand nahm und es genau studierte, viel ihm ihr Lächeln auf. Es war keineswegs unbeschwert, aber herzlich. Ein Lächeln, das er heute nicht kannte. Lisbon trug ein weißes Trägershirt und einen bunten Rock. Ihre Brüder umarmten sie alle, schmiegten sich an sie und der Größenunterschied wurde deutlich – alles waren deutlich größer als sie. Doch die meisten Leute, die Jane kannte, waren größer als Teresa mit ihren 160cm.

Vorsichtig und ohne ein Geräusch zu machen, stellte er die Bilder wieder in der richtigen Reihenfolge auf die Kommode und ging in das ehemalige Arbeitszimmer. Es war kahl. An einer Wand stand noch ein Tisch.

So konnte kein Kind leben. Farbe musste her.

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„Wenn ich den Schlüssel zum Haus haben kann, dann könnte ich morgen das Zimmer frisch ausmalen. Ich meine … ich glaube, dass du das so und so machen wolltest. In welcher Farbe?", fragte Jane.

Die dunkelhaarige Polizistin fühlte sich überrumpelt. Sie war müde, wollte eigentlich nur ins Bett gehen, aufwachen und hoffen, dass es sich nur um einen bösen Albtraum gehandelt hatte, dass ihr Bruder Adam noch lebt, seine Tochter bei ihm lebe und sie nicht gerade dabei war, Jane ihren Zweitschlüssel zu geben. Aber das Glück schien nicht auf ihrer Seite zu sein.

Plötzlich begann das im Wohnzimmer in der Gehschule schlafende Baby zu weinen. Lisbon schien einen kurzen Augenblick zu warten, bevor sie den Raum wechselte – von der Küche ins Wohnzimmer ging – und das Baby hochhob, welches sich aber keinesfalls gleich beruhigte. Teresa streichelte seinen Rücken, strich vorsichtig über seinen Kopf, aber es weinte und weinte. Hilflos sah sie Jane an.

„Babys weinen manchmal einfach. Vielleicht hat sie etwas erschreckt oder sie hat schlecht geträumt?", versuchte er sie wissen zu lassen.

„Aber sie … sie beruhigt sich nicht."

„Vielleicht war es auch für sie ein langer Tag, Lisbon. Ein langer Tag, der nun für euch beide ein Ende haben sollte. Geht schlafen."

„Aber es ist erst nach neun Uhr …"

„Ich mach dir einen Vorschlag. Du gehst duschen, machst dich fertig und ich wickle Lanie, richte noch ein Fläschchen für die Nacht und bringe sie dann hinauf."

„Hinauf?" Vielleicht verstand sie nicht, was Jane wollte, aber sie hatten die Gehschule im Wohnzimmer aufgestellt. In ihr Schlafzimmer würde sie niemals passen und auch das Kinderzimmer war zu klein für dieses Möbelstück.

„Wir haben noch kein Kinderbett gekauft, daher dachte ich, sie schläft bei dir im Bett. Ich kann morgen eines besorgen …"

Lisbon nickte nur, als sie die Stiegen erklomm. Nicht an seine Anwesenheit denkend, begann sie sich bereits an ihrer Schlafzimmertüre auszuziehen und Kleidungsstücke führten nun in Richtung Dusche. Der ganze heutige Tag erschien Teresa surreal. Wie ein Film.

Sie drehte das Wasser auf, achtete dabei auf die Temperatur und stieg unter den heißen Strahl. Sie wusch sich und ihr Haar und als sie dann auf ihren Hals griff, die Kette spürte, die sie tagein tagaus trug, wurde ihr wieder bewusst, dass sich ihr gesamtes Leben abermals an einem einzigen Tag verändert hatte – wie damals, als ihre Mutter verstarb. Oder an dem Tag, an dem ihr Vater beschlossen hatte, seinem Leben ein Ende zu setzen. Es war jedes Mal lediglich ein einziger Tag gewesen – einmal 24 Stunden, die ihre Welt auf den Kopf gestellt hatten.

Ihre Haut brannte, da das Wasser viel zu heiß gewesen war, doch hatte sie das Bedürfnis gehabt, Schmerz zu fühlen, zu sehen, dass sie noch lebte. Und das heiße Wasser hatte sie in die Realität zurückgeholt.

Als sie nur in ein Handtuch gewickelt in ihr Schlafzimmer trat, stand Jane bereits an ihrem Bett – als hätte er nie etwas anderes gemacht – und hatte aus einer Decke, die sie normalerweise am Rücken ihres Sofas platziert hatte, eine kleine Absperrung gebaut, damit das Lanie nicht aus dem Bett rollen konnte. Trotzdem stand sie etwas verblüfft im Türrahmen und sah ihm zu. Madelaine hatte er bereits auf die Matratze gelegt und eine kleine Decke, die er in ihrem Karton gefunden hatte und sauber erschien, über sie gelegt.

„Patrick …?", fragte Lisbon vorsichtig.

„Sie ist schon eingeschlafen", erklärte er vorsichtig und war dabei das Zimmer auch wieder zu verlassen. „In welcher Farbe soll ich das Kinderzimmer nun ausmalen?", fragte er noch, waren sie doch zuvor von Lanie unterbrochen worden.

Lisbon überlegte kurz. „Ein helles Gelb würde mir gut gefallen. Ich könnte dann Tierbilder oder etwas Ähnliches aufhängen." Die Polizistin hatte bisher keinen Gedanken an die Optik des zukünftigen Kinderzimmers verschwendet, sie hatte einfach keine Zeit dafür gehabt. Gelb war eine helle und freundliche Farbe, selbst an dunklen Wintertagen heiterte sie diese Farbe auf. Sie selbst würde sie nicht zu ihren Lieblingsfarben zählen, aber für ein Kinderzimmer war sie ideal.

„Eine gute Entscheidung", sagte er noch, bevor er aus dem Zimmer trat. „Ich kümmere mich um alles. Ich kann auch auf sie aufpassen … morgen meine ich … wir haben keinen Fall und du kannst sie ja schwer in die Arbeit mitnehmen …"

„Das stimmt. Ich brauche noch eine Tagesmutter oder einen Krippenplatz", fügte sie hinzu.

„Wir … du schaffst das schon. Mach dir keine Sorgen."

Und Sorgen machte sie sich wirklich keine, da sie jetzt erst allmählich dabei war, ihre Situation zu realisieren. Teilweise sogar zu akzeptieren, dass sie nun Mutter war. Abermals, wie damals nach dem Tod ihrer Mutter, die Mutterrolle zu übernehmen hatte. Ohne gefragt worden zu sein.

Als unten die Türe ins Schloss fiel, ließ Teresa das Handtuch fallen und griff nach einem Slip und einem weiten T-Shirt, das sie manchmal zum Schlafen trug, sonst kümmerte sie Nachtkleidung nicht all zu viel. Vorsichtig stieg sie ins Bett, drehte das große Licht im Zimmer ab und schaltete hingegen die Nachttischbeleuchtung an. Sanft wurde der Raum nun illuminiert.

Der Wecker auf ihrem Handy war gestellt und als sie sich umdrehte, sah sie das Baby zum ersten Mal vollkommen entspannt schlafen und Teresa konnte nicht anders, als ihre Finger sanft über die kleine Nase gleiten zu lassen, ihre Wange zu berühren und mitanzusehen, wie sich ein kleines Lächeln zeigte. Madelaine war ein wunderschönes Baby. Zierlich und doch nicht zerbrechlich, hatte feine Gesichtszüge und große Augen. Ihr dunkles Haar war wie das ihre.

Wahrscheinlich würde wirklich jeder annehmen, dass es ihre Tochter sei, die sie im Wagen vor sich herschob, mit der sie nun einkaufen gehen würde.

Es würde nicht leicht werden, aber sie würde es schaffen. Sie hatte es auch die letzten zwei Mal geschafft. Damals war es nicht einfach und heute würde es das auch nicht sein, doch hatte sie nun Freunde, die an ihrer Seite standen – sie hatte Patrick Jane.

So lästig und mühsam sein Verhalten manchmal sein konnte, so hilfreich war er nun gewesen und hatte keine unnötigen Fragen gestellt. Eher das Gegenteil war der Fall gewesen – er hatte alles so hingenommen, wie es ihm präsentiert worden war. Das Baby. Sie. Die gesamte Situation.

Und war scheinbar wirklich ein guter Vater gewesen und hatte es im Blut, wusste, wie man mit Kleinkindern umging und es schien ihm egal zu sein, ob das Baby ihn anspuckte oder nicht, er wusste sich stets zu helfen.

Damals, vor all den Jahren, als ihre Mutter ums Leben gekommen war, damals hätte sie einen Mann an ihrer Seite gebraucht und noch dringender während all der Jahre, die ihr Vater betrunken nachhause gekommen war – ein Mann, der ihr zur Seite stand. Sie beschützte – und genau so war Patrick, auch wenn sie sich das nicht gerne eingestand.

So lag sie nun auf ihrer Seite, etwas Sicherheitsabstand zu Lanie wahrend und schloss die Augen, atmete einige Male tief ein und schon war sie eingeschlafen.

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Jane hatte zwar Lisbons Haus verlassen, saß aber immer noch auf der Terrasse und ließ sich all die Ereignisse des heutigen Tages durch den Kopf gehen. Natürlich hätte er sich auch in ein Taxi setzen können, ein Hotel aufsuchen und dort all die Überlegungen anstellen können, aber es fühlte sich richtig an, hier zu sitzen. Zumindest vorerst.

Den Augenblick, als er erkannte, dass sie weinte – als sie im Einkaufszentrum waren – würde er sein Lebtag nicht vergessen. Natürlich war es kein schöner Anblick gewesen, aber es war einer der wenigen Momente in ihrer Partnerschaft gewesen, in der sie zugelassen hatte, dass er sie hielt. Vielleicht hatte sie sich eingestehen müssen, dachte sich Jane, dass man manche Situationen nicht alleine meistern konnte, man manchmal eine zweite Person benötigte. Ob er das immer sein könnte, wusste er nicht. Aber Lanie war ein entzückendes Kind und er war ihr bereits verfallen, das hatte er rasch bemerkt. Dem Lächeln, den großen Augen – dem Charme. Dem typischen Lisbon Charme.

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Ende Kapitel 3

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A/N: Also … wie gefällt es euch bisher? Es sind immer noch kleine Schritte, doch hoffe ich, dass sie in die richtige Richtung gehen.