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Kapitel 5

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Nachdem Teresa sich umgezogen hatte, begutachtete sie sorgfältig das frisch ausgemalte Kinderzimmer. Es wirkte frisch und hell, ungewohnt. Sie hatte den Raum selten bis nie benutzt, ihn damals nicht einmal frisch gestrichen, als sie vor Jahren eingezogen war. Als Büro war es eine reine Ablagefläche gewesen, gearbeitet hatte sie dort nie, eher Sachen abgelegt, und nie wieder angesehen

Jane kam mit Madelaine die Stiegen hinauf und sah, wie Teresa im Türrahmen des Kinderzimmers stand.

„Danke, Patrick."

„Kein Problem. Teresa?", fragte er vorsichtig und wartete, bis sie sich zu ihm umdrehte. „So schön das Zimmer jetzt ist und so sehr ich dein Haus mag, das", er zeigte auf das Kinderzimmer, „ist keine Dauerlösung. Es ist viel zu klein."

„Hm…", stimmte Teresa zu und nahm ihm die Kleine ab. „Ich weiß, im Moment reicht es aus."

„Aber nicht lange, glaub es mir. Ein Kinderbett und der Wickeltisch, dann ist das Zimmer voll und du hast noch nicht einmal ein kleines Regal und einen kleinen Kasten oder eine Kommode, um ihre Kleidung zu verstauen."

„Das ist mir klar."

„Ich möchte nicht indiskret sein, Reese, aber hast du die finanziellen Rücklagen für ein größeres Haus?"

Lisbon sah ihn an, hob die linke Augenbraue an und musterte den Mann, der ihr nun gegenüber stand. Wie konnte er sie, in einem solch perfekten Moment, eine Frage wie diese stellen, eine Frage deren Antwort ihn überhaupt nichts anging? Auf der anderen Seite schien er sich um Lanie und sie zu sorgen, nur das Beste für beide wollen. Sie blickte auf den Boden. Sie könnte ihn anlügen, könnte ihm sagen, dass sie genügend gespart hatte und es keinerlei Probleme darstellen würde. Jane würde es allerdings herausfinden.

„Nicht viel. Ein paar Tausend Dollar habe ich auf der Seite." Sie habe in den letzten Jahren die Schulden aus der Zeit der Polizeiakademie abbezahlt.

„Hatten euch eure Eltern nichts hinterlassen?"

Mit dem Baby am Arm gingen sie schließlich in Richtung des Autos, fixierten den Kindersitz und unterhielten sich weiter. Alles was sie verheimlichen würde, würde er von selbst entdecken. Und es wäre ein Triumph für ihn, einer den sie ihm nicht gönnen wollte.

„Als Mutter verstarb bekam mein Vater von ihrer Lebensversicherung eine kleine Summe. Der Mann, der an dem Unfall schuld war, wurde niemals gefunden. Also konnte niemals verurteilt werden. Nach Vaters Selbstmord bekamen wir von der Feuerwehr eine kleine Summe Geld, aber da es ein Selbstmord war, war keine Lebensversicherung an einer Auszahlung interessiert. Ich verkaufte das Haus, wahrscheinlich damals unter seinem Wert, aber wir mussten weg aus Chicago. Das Haus. Die Erinnerungen. Das Bisschen, das wir hatten, brauchten wir für die Kaution in San Francisco, die Schulgebühren meiner Brüder. Auf der Akademie und in den ersten Jahren im Streifendienst sind wir kaum über die Runden gekommen."

Jane fuhr das Auto und hörte ihr kommentarlos zu. Er hatte das Gefühl, Elliots Briefe immer besser zu verstehen. Er schien einer der wenigen gewesen zu sein, dem sie sich damals anvertraute und umgekehrt. „Und die Schulden aus diesen Jahren habe ich schließlich vor drei oder vier endgültig abbezahlt. Das Haus gehört nicht mir."

„Ich weiß."

„Für den Ernstfall habe ich etwas angespart. Ich habe oftmals Adam finanziell etwas unterstützen müssen, teilweise auch James, da gingen immer wieder Reserven verloren."

„Du musst dich nicht rechtfertigen."

Das war ihr bewusst, aber es war einfach so aus ihr herausgesprudelt. Sie genierte sich nicht dafür, was sie in ihrem Leben erlebt oder auch geleistet hat. Sie war sich bewusst, dass es teilweise unorthodoxe Entscheidungen waren, die sie getroffen hatte. Wenige Menschen hatten sie in ihre Vergangenheit eingebunden, wenigen hatte sie erzählt, was sie alles erlebt hatte. Das Verhalten ihre Vaters, der frühe Tod ihrer Mutter. San Francisco. Ihre Brüder. Ihre lange finanzielle Not. Greg. Elliot. Es gab viele Sachen, die niemand wusste, von denen nicht einmal Jane etwas ahnte. Doch war er in den letzten Tagen ein guter Zuhörer geworden, beinahe ein Vertrauter. Er wendete keine seiner Tricks an ihr an, machte sich nicht über sie lustig. Vielleicht hatte er erkannt, wie schwer die aktuelle Situation für sie war.

Den Rest der Fahrt schwiegen sie einander an. Irgendwann blieb Jane vor einem großen Möbelhaus stehen. Er hatte sich bereits überlegt, was gut in das kleine Zimmer passen würde. Für eine Wiege war Lanie bereits zu groß, aber ein Gitterbett, bei dem man später einmal das Gitter entfernen konnte, um es länger benutzen zu können. Jane wusste, wo man was erhielt. Immerhin hatte er eine gesamte Nacht Zeit gehabt, sich darüber Gedanken zu machen.

Als Patrick aus dem Auto stieg, nahm er das Tragetuch mit, welches er erworben hatte und ohne Teresa lange zu fragen, legte er es ihr vorne an. Nun trug sie Lanie ganz nahe an ihrem Körper, ein ungewohntes Gefühl. Jane knotete es wie erforderlich hinten zusammen.

„Nun hast du deine Hände frei", kommentierte er. Es war eigenartig. Lanie war bereits müde gewesen, als sie ins Auto gestiegen waren und hatte gekämpft, dass ihr die Augen nicht zufallen. Sobald Lanie an ihren Körper gepresst war, waren ihre Augen bereits geschlossen. Bevor sie weggegangen waren, hatte sie ein frisches T-Shirt angezogen und nun spürte sie, wie das Baby sabberte, ihr Leibchen nass wurde. So war es also Mutter zu sein – Mutter? Bedeutete es, so lange es ein Kleinkind war, dass man keine saubere Kleidung mehr besaß? Janes mit Spinat verunstaltet. Sie angesabbert. Wie sollte es weitergehen?

Doch hatte Jane Unrecht – freie Hände waren tatsächlich hilfreich.

Das Möbelhaus war riesig und Jane führte sie zielstrebig in die Kinderabteilung.

„Hast du dir schon überlegt, was wir machen werden, wenn wir außerhalb von San Diego ermitteln müssen?"

„Wie meinst du das?", fragte Lisbon.

„Mit Lanie. Wir können sie ja nicht einfach so mitnehmen."

Sie hatte sich heute darum bemüht, mit ihrem Vorgesetzten gesprochen, da sie erkannt hatte, dass es früher als später passieren konnte, dass sie irgendwo in Kalifornien ermitteln mussten. Was sollte sie dann mit ihr machen? So war sie heute in seinem Büro gewesen, hatte ihm ihre aktuelle Situation geschildert und ihr Problem. Er hatte ihr erlaubt, die Kleine vorerst mitzunehmen, da es wahrscheinlich einfacher für sie und für Lanie wäre, besonders weil sie sich erst aneinander gewöhnen mussten. Und so erzählte sie Jane von der Unterhaltung und dem Arrangement. Natürlich würde es nicht einfach sein, aber Jane versicherte ihr, dass sie es schon irgendwie schaffen würden.

In Wahrheit war das Problem, dass sie außerhalb des Büros eigentlich keine Freunde hatte, ihre Brüder waren unzuverlässig und immer irgendwo, also nicht greifbar. Sie würde Zeit benötigen, um sich einen passenden Babysitter zu suchen, doch hatte sie keinerlei Erfahrung bei so etwas. Wahrscheinlich würde sie Janes Hilfe benötigen und es kam ihr vor, als würde er Freude an dieser Einbindung in ihr Leben finden.

„Weiß oder Birke?", fragte Jane.

„Weiß?", antwortete Teresa zögerlich. Sie war sich unsicher. Egal wohin sie ziehen würde, ein weißes Gitterbett würde immer überall gut passen.

Den restlichen Nachmittag und frühen Abend verbrachten sie mit dem Einkauf des Bettes, dazugehöriger Bettwäsche und einer kleinen Kommode, die unter den Tisch passte und somit keinen zusätzlichen Platz benötigte.

„Ich hatte schon Angst, du würdest zu der violetten Bettwäsche mit dem Leoparden-Print greifen", machte Jane sich lustig. Beide lachten. Kurzzeitig sogar unbeschwert.

Im Endeffekt war eine hellblaue mit Wölkchen geworden und eine mintgrüne mit Punkten. Dezent. Austauschbar.

„Ich habe es heute dem Team gesagt", sagte Teresa leise, als wäre es ein Geheimnis, „und sie wollen Lanie unbedingt kennenlernen. Ich habe sie zum BBQ eingeladen, morgen."

Anfänglich hatte Cho sie gemustert, sie ahnen lassen, dass er verwundert war, wie sie das alles managen wolle. Grace hingegen schien enthusiastisch, Rigsby erfreut, dass sein Sohn vielleicht bald einen Spielkameraden habe. Die Idee, dass sie einen gemeinsamen Abend verbringen würden, erfreute alle. Es war Van Pelts Idee gewesen zu grillen. Sie würden am kommenden Nachmittag direkt nach der Arbeit um fünf zu Teresa fahren, Lanie kennenlernen. Würden sie merken, dass es mehr Vertrautheit zwischen Jane und ihr gab? Dass er einen Schlüssel zu ihrem Haus hatte, sich darin auskannte und trotzdem nichts zwischen ihnen war?

„Ich habe gar keinen Griller bei dir gesehen", erklärte Jane vorsichtig.

„So etwas besitze ich auch nicht."

„Soll das ein Wink sein, dass wir noch einen kaufen müssen?"

Mit einem Grinsen auf den Lippen und über Lanies Kopf streichelnd hob sie die Schultern und blickte ihn fragend an. „Könnte sinnvoll sein?"

Für Außenstehende sah all dies wahrscheinlich wie der Ausflug einer kleinen Familie in ein Kaufhaus aus. Sie machten Späße, Jane strich Lane ab und zu über die dunklen Locken oder versuchte herauszufinden, ob sie noch schlief. Seine Hand rastete oftmals auf Teresas Rücken und als es ums Zahlen ging, bestand Jane darauf, ihr dies abzunehmen mit dem Kommentar, dass sie noch genügend Ausgaben haben werde.

Wie die Möbel für das Kinderzimmer rasch ausgesucht waren, war es auch der Griller und das notwendige Zubehör. Jane freute sich darauf, mit dem Team mehr Freizeit zu verbringen, war allerdings auch etwas skeptisch, wie er auf sie wirken würde. Wenn Lanie weinte, war er es, der sie am schnellsten beruhigen konnte. Wenn sie hungrig war und er Dampflok mit ihrem Essen spielte, musste sie lachen, aß aber sogar Spinat.

Ohne gebeten zu werden, baute Patrick Jane die Kinderzimmermöbel zusammen, ordnete sie so an, wie sie sinnvoll erschienen und Teresa konnte ihm lediglich mit viel Dank ein Bier anbieten. Als sie Lanie beschäftigte, stellte er den Griller auf die rückwertige Terrasse und empfand bereits eine Vorfreude auf den morgigen Abend. Es kam nicht oft vor, dass sie außerhalb des Reviers Zeit mitsammen verbrachten, die nicht gerade Dienstzeit war. Normalerweise gingen sie – zumindest Lisbon und das Team – getrennte Wege. Ob und wann sich Rigsby und Van Pelt trafen, hinterfragte keiner. So lange niemand offiziell etwas wusste, war es einfacher und sicherer. Denn dann müsste die Teamleiterin keinen Bericht erstatten.

„Ich weiß gar nicht, wie sehr ich mich bei dir bedanken kann", erklärte Teresa, als sie ebenfalls mit einem Bier auf die Terrasse kam und über den Garten blickte.

„Ich mag Lanie", sagte er lediglich und stellte die leere Flasche auf den kleinen Tisch. „Ich werde jetzt aufbrechen", kündigte er an. „Wann soll ich morgen hier sein?"

„Wie heute?", fragte sie vorsichtig. Sie war auf seine Hilfe in diesem Fall angewiesen, konnte weder ein noch aus.

Nickend verschwand er durch das Haus. Sie hörte irgendwann die Türe ins Schloss fallen und schließlich hatte sie zum ersten Mal an diesem Tag Zeit, tief durchzuatmen.

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„Beruhig dich doch endlich", murmelte Teresa. Das weinende Baby hatte sie am Arm und sie schrie, tobte, warf Arme und Beine um sich. Hielt Lisbon Lanie, tobte sie, bewegte sich so, dass sie kaum wusste, wie sie sie halten sollte. Legte sie sie in die Gehschule, streckte sie ihre kleinen Arme nach ihr aus und weinte unaufhörlich, schrie. Ihr Kopf war bereits dunkelrot.

Irgendwann wusste sie nicht mehr, was sie machen sollte und wählte Janes Nummer. Das Problem musste die dunkelhaarige Frau ihm nicht schildern, Jane hörte es laut und deutlich.

„Schnuller?", fragte er.

„Spuckt sie wieder aus."

„Hunger oder Durst?"

„Beides versucht."

„Hm …", es kam zu einer kurzen Pause. „Wenn Charlotte nicht aufhören wollte zu weinen, hat manchmal ein Bad geholfen."

„Sie lässt sich kaum halten", erklärte Lisbon. Sie war nervlich am Ende und hatte das Baby erst wenige Tage. Wie sollte sie das jemals schaffen? Die meisten Frauen hatten Schwestern, Mütter, Schwiegermütter oder zumindest Freundinnen, bei denen sie nachfragen konnte. Nun rächte sich ihr Leben an ihr, ihre wenigen sozialen Kontakte zur Außenwelt. Und der Fakt, dass sie den Kontakt zu ihren Brüdern nach einigen Differenzen schleifen hatte lassen.

„Geh mit ihr an die Wanne. Leg sie auf die Brust. Der Herzschlag und das Wasser haben Charlotte immer beruhigt."

„Ich kann das einfach nicht. Ich bin nicht dafür gemacht, ein kleines Kind zu haben." Es war ein ernstgemeintes Jammern, eine ehrliche Aussage gespickt mit einem gewissen Maß an Verzweiflung.

„Das wird schon. Gib euch etwas Zeit, ihr müsst euch an einander gewöhnen. Lanie wurde aus ihrer Familie rausgerissen und du weißt nicht, wie sie mit ihr umgegangen sind. Du kennst ihre alten Gewohnheiten nicht, also gib ihr die Möglichkeit, neue zu entwickeln."

Wahrscheinlich hatte er Recht aber es war schwer, ihn das wissen zu lassen. Vielleicht bedeuteten in einem Moment wie diesen weniger Worte mehr.

Das tobende Kind in den Armen machte sie sich auf ins Badezimmer und begann warmes Wasser einzulassen. Bereits das Geräusch des rinnenden Wassers schien etwas in Lanies Verhalten zu verändern.

Die Wanne war nun halb voll und Teresa entkleidete sich und das Baby, was keine leichte Aufgabe war. Als sie schließlich mit Lanie am Arm in die Wanne stieg, niedersank und das Kleinkind so auf ihre Brust legte, dass es bis zum Po im Wasser lag, den Kopf zwischen ihren Brüsten liegen hatte. Eine von Lisbons Händen war unter Madelaines Po, die andere schützend auf ihrem Rücken und innerhalb weniger Momente hatte das Weinen aufgehört. Doch blickten sie nun große Augen an.

Ein eigenartiges Gefühl stieg in Teresa auf, etwas das sie nicht kannte. Es war ein gutes Gefühl. Eines das sie von innen erwärmte.

Lanie griff nach ihrer Brust, wendete den Kopf als würde es nach der mütterlichen Brust suchen, um sich zu nähren. Vielleicht war sie gestillt worden, bevor ihre Mutter ums Leben kam. Sie ließ nicht zu, dass des Babys Kopf sich weiter in Richtung ihre Brustwarze bewegte, hielt es auf. Trotzdem weinte Madelaine nun nicht, blickte sie nur groß an und lächelte.

Vielleicht waren es diese Momente, die sie zusammenbrache. Eventuell war diese Art von Körperkontakt der, der eine Bindung entstehen lassen würde. Es würde seine Zeit brauchen, aber in diesem Augenblick erkannte Lisbon, dass es das wert sein würde.

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Ende Kapitel 5

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