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Kapitel 6

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Im Gegensatz zu vielen Tagen zuvor, war Lanie in der Nacht unruhig gewesen. Nach dem gemeinsamen Bad war sie zwar rasch eingeschlafen, doch dann immer wieder wachgeworden, immer wieder hatte sie geweint. Als Lisbons Wecker läutete, war sie müde – viel müder als jemals zuvor. Sie wusste, dass das normal war, dass Kinder manchmal unruhig schliefen. Bei ihren Brüdern war es auch immer wieder vorgekommen. Oftmals war einer von ihnen, nach dem Tod der Mutter, in Teresas Bett geklettert und hatte die körperliche Wärme und Sicherheit gesucht. Obwohl sie Lanie immer wieder streichelte, mit ihr auf und ab ging, wurde sie nicht ruhiger. Erst, als sie wieder auf ihrer nackten Brust lag, Haut an Haut, beruhigte sie sich. Doch so fand Lisbon keinen Schlaf, konnte das Baby lediglich beobachten, aus Angst, sich irgendwie im Schlaf zu bewegen und sie abermals aufzuwecken.

Als sie schließlich in den frühen Morgenstunden duschen ging, hatte sie Lanie in die Mitte des Bettes gelegt. Jane stand im Schlafzimmer, als sie lediglich mit einem Handtuch bekleidet ins Zimmer trat.

„Patrick …"

„Eine unruhige Nacht?" Ihr Blick verriet ihre innere Unsicherheit, wie er diesen Eindruck bekommen hatte. „Die dunklen Ringe unter deinen Augen?", kommentierte er lediglich. Lanie war hellwach. „Mach dich fertig, ich werde starken Kaffee kochen."

In dem Moment, in dem sie die Küche betrat, erkannte Jane, dass sie zu zweifeln schien. Er konnte sie lesen, wie ein offenes Buch. Genauso wie sie nicht in der Lage war, ihn anzulügen.

„Solche Nächte kommen vor, ab und an."

„Und wenn sie nicht mehr durchschläft?"

„Das wird sie, Reese."

Sie strich sich übers Gesicht. Die Müdigkeit stand ihr ins Gesicht geschrieben.

„Vielleicht kannst du früher Schluss machen, damit du dich etwas hinlegen kannst, bevor die anderen zum Grillen kommen? Wir zwei", begann er und hob Lanie hoch, „werden so und so alles vorbereiten."

„Vielleicht geht es sich aus"; murmelte Lisbon noch, trank ihre Tasse Kaffee aus und griff bereits nach ihrer Tasche. Sie küsste Lanie auf den Kopf, ließ ihre Hand kurz auf Janes Schulter – eine Geste des Dankes – ruhen, bevor sie schließlich das Haus verließ.

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Und der Arbeitstag gestaltete sich wahrhaftig ruhig. Cho verhörte für eine andere Abteilung einen Zeugen, da er bekannt dafür war, aus den Leuten alles rauszubekommen. Alle anderen erledigten Papierkram für den am Tag zuvor abgeschlossenen Fall.

Irgendwann legte sich Teresa kurz auf die Couch, die normalerweise nur Jane frequentierte und schlief umgehend ein. Es war schließlich Grace, die sie nach der Mittagspause weckte, um sie nachhause zu schicken, um etwas in Ruhe zu schlafen.

Im Endeffekt verabschiedete sich Teresa kurz nach zwei Uhr, um alles für den BBQ vorzubereiten. In Wahrheit würde sie versuchen, sich im Schlafzimmer zu verschanzen, den Ventilator aufzudrehen, den sie die letzten Nächte ausgelassen hatte, damit sich Lanie nicht verkühlte, um etwas die Augen zu schließen.

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Als sie wenig später die Türe aufschloss, hörte sie Geräusche aus dem Garten. Jane hatte die Gehschule, die sie gekauft hatten, in den Garten auf die Wiese gestellt, einen großen Sonnenschirm aufgestellt – Seit wann besaß sie so etwas? – und spielte mit Lanie durch das Gitter.

„Teresa …", sagte er mit einem Lächeln auf den Lippen. Er strahlte und dies brachte Lisbon dazu, zurückzulächeln. Er wirkte so befreit von all seinem Zorn, der Wut, die tief in ihm schmorte und es verhinderte, dass er ein neues Leben begann, allmählich über den Tod von Frau und Tochter hinweg zu kommen.

Als er sie in ihrem ärmellosen Top, den schmalen dunklen Hosen die Treppe von der rückwärtigen Veranda hinabsteigen sah, konnte er nicht anders. Ihr Haar hatte sie in einen Pferdeschwanz zusammengebunden, so kam ihr Hals viel mehr zur Geltung, wie auch ihre Schlüsselbeine. Außerdem wirkten ihre Augen noch viel größer.

Nicht dass er Gefallen an ihr finden würde als Frau, obwohl sie sich in den Jahren unglaublich verändert hatte. Ihre Frisur hatte sich verändert – glatt, gelockt, Stirnfranzen und keine. Die Haarlänge differierte auch. Ihrem Kleidungsstil blieb sie treu – die engen oder leicht ausgestellten Hosen, Blusen in verschiedenen Farben, Tops mit dezentem Ausschnitt, stets in gedeckten Farben. Sie besaß zahlreiche Blazer, einige Lederjacken, viele Schuhe und aß liebend gerne Äpfel.

Es waren viele Kleinigkeiten, die er im Laufe der Jahre gelernt hatte. Sie hatte sogar einen Ford Mustang, doch stand dieser in einer bewachten Garage und wurde selten bewegt. Vielleicht würde sie ihn nun verkaufen, da er nicht unbedingt dafür geeignet war, ein Kind herumzuführen. Auf der anderen Seite machten dies auch viele Hollywood Stars.

Lanie streckte die Hände aus, wollte hochgehoben werden, als Lisbon nahe genug an ihr war. Natürlich konnte sie nicht anders und hob sie hoch, ließ es zu, dass das Mädchen sich an sie schmiegte.

„Ich bin ja da", flüsterte Lisbon vorsichtig und streichelte ihr über den Rücken. Als Jane mit einem Fläschchen aus dem Haus kam, war alle Zuneigung verflogen und sie wollte sofort zu Patrick.

„Nütze die Möglichkeit und leg dich hin", sagte er vorsichtig und ruhig, ohne viel Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und so ging sie durch das Haus, stieg die Treppe hinauf und öffnete die Türe zum Schlafzimmer. Ihr Bett war gemacht, es war gelüftet worden und der Ventilator hatte das Zimmer bereits etwas hinabgekühlt. Lanies Sachen waren nicht zu sehen. So ging sie zurück in den Flur, öffnete die zweite Türe und sah, dass Jane das Gitterbett vorbereitet hatte. Auf dem Tisch stand der Sender des Babyphones. Wie gut er war bei all diesen Sachen, ging es durch Lisbons Kopf. Er war der geschaffene Vater. Er wusste, auf was man achten musste, was wichtig war. Sie konnte nur raten. Ihre Brüder waren alle älter gewesen, als sie in diese Rolle gedrängt worden war, zudem war sie immer die große Schwester gewesen, niemals die Mutter. Zudem hat lange Zeit ihr Vater die erzieherischen Wege bestritten, sie hatte lediglich getröstet, die Tränen weggewischt, die blauen Flecken mit Salbe versorgt und die anderen Wunden versorgt.

Adam hatte sich nach dem Tod ihrer Mutter jede einzelne Nacht zu ihr ins Bett verirrt und das bis er beinahe zehn Jahre alt war. Irgendwann hatte sie sich daran gewöhnt, ihn nicht mehr zurückgetragen. Sie hatte sogar gelernt, neben ihm weiterzuschlafen, nachdem er wieder eingeschlafen war. Es waren Kleinigkeiten, aber auch Lanies Verhalten, die Art und Weise wie sie sie anblickte, all das erinnerte sie an Adam.

Sie zog sich bis auf ihren Slip und das Top aus, warf die gebrauchte Kleidung in über den Stuhl in der Ecke, den ausgezogenen BH dazu und legte sich einfach auf das gemachte Bett. Die hellen Laken waren kühl. Innerhalb weniger Augenblicke war sie eingeschlafen.

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Jane klopfte dreimal. Keine Reaktion. Als er vorsichtig die Türe öffnete, war er nicht in der Lage, gleich einzutreten. Lanie lag in der Gehschule im Schatten und schlief. Lisbon lag am Bauch, hatte ein Bein leicht angewinkelt. Seine Augen wanderten über ihren teilweise entblößten Körper, den dunkelblauen Satin Slip, die nackten Beine, den Po. Ihre Zehennägel waren dunkelrot lackiert –ein Detail, das ihm bisher nie aufgefallen war, meist trug sie Schuhe oder zumindest Socken in seiner Gegenwart.

Ihr Rücken und ihr Schultern wiesen zahlreiche Sommersprossen auf, ihre Beine ebenso aber auch Muttermale. Ihre Beine waren trainiert.

Jane sagte sich immer wieder, dass es nicht richtig war, sie zu beobachten, ihren Körper zu studieren. Es fühlte sich an, als würde er Angela hintergehen. Allerdings wusste er, dass es nicht so war. Es waren mehr als zehn Jahre vergangen. Und ihr Körper war beeindruckend. Zierlich, trainiert und doch an den richtigen Stellen weiblich proportioniert.

Leise schritt er an den Kopfbereich und kniete sich auf den Boden, um mit ihr in Augenhöhe zu sein, wenn sie diese öffnen würde.

Mit viel Bedacht strich er beinahe zärtlich über ihr Gesicht und nannte ihren Namen. Mehrmals.

„Reese", wiederholte er.

Schließlich öffnete sie ihre Augen, ihre großen grünen Augen.

„Patrick ...", murmelte sie verschlafen.

„Es ist bereits nach fünf, bald werden Cho, Grace und Rigsby kommen."

„Hm ….", gab sie nur von sich und schloss die Augen wieder.

„Wenn du möchtest, dass man dich nur in der Unterwäsche vorfindet, dann kannst du ruhig liegen bleiben. Ich dachte aber, dass du dir etwas anziehen möchtest … vielleicht etwas Blaues oder Grünes? … dich frisch machen. Ich habe bereits begonnen Kaffee zu kochen, richtigen italienischen Espresso, Reese, keinen Filterkaffee.

Sie schrak nicht hoch, wie Jane erwartet hatte sondern richtete sich lediglich auf, stützte sich auf den Unterarmen ab, sodass ihr ihre dunklen Haare ins Gesicht fielen.

„Etwas Blaues oder Grünes?", fragte sie ihn. Ihre Pupillen waren leicht geweitet, dies entging Jane nicht.

Es bringt deine Augen besser zur Geltung. Außerdem wenn ich etwas anderes als meinen dreiteiligen Anzug trage, könntest du etwas in den Farbenpool tauchen – kein schwarz, kein weiß, kein grau."

„Betont also meine Augen…", wiederholte sie in einer tieferen Stimmlage.

„Ja, das solltest du bereits gemerkt haben. Abgesehen davon … solltest du dich bald um deine Wäsche kümmern."

„Ich weiß … ich räume die Waschmaschine noch ein, bevor die Gäste kommen", erklärte sie und setzte sich auf. Natürlich war es ihr unangenehm, dass er sie in beinahe nichts sah. Was bedeckten ein Slip und ein Top schon? Doch es war Jane. Jane, der niemals auch nur einen Annäherungsversuch gewagt hatte. Er machte Anspielungen, flirtete etwas, aber nichts, das jemals ernst gewesen war.

Doch Janes Körper hielt seine Erregung nur dank Bio-Feedback zurück. Er wusste seinen Körper zu kontrollieren, das konnte er schon immer. Solch ein Anblick ließ nicht einmal Patrick Jane kalt. Wie oft hatte er in den letzten Jahren eine halbnackte Frau abgesehen von Lorelei gesehen? Abgesehen davon war es Lisbon, Teresa Lisbon, die keinerlei Scheu zu haben schien.

Bevor er aufstand, blickte er rasch in seinen Schritt, um zu kontrollieren, dass ihn nichts verriet. Er durfte so auf keine Frau reagieren, immerhin war er ein verheirateter Mann. Tja, verheiratet. Angela war seit mehr als zehn Jahren tot und er war bis Lorelei zölibatär gewesen, hatte keinen Gedanken an eine andere Frau verschwendet. Lorelei war kein Lustobjekt gewesen, nur dank Bio-Feedback war er in der Lage gewesen, überhaupt mit ihr zu schlafen. Nicht dass sie unattraktiv gewesen wäre, bei Gott war sie es nicht, aber irgendwie hatte sie ihn nicht erregt, stets hatte er sich konzentrieren müssen.

Ohne ein weiteres Wort verließ er das Schlafgemach und nahm in der Küche schließlich die Kaffeekanne vom Herd. Er wollte ihr zeigen, wie richtiger Kaffee schmeckte im Gegensatz zu dem bräunlichen Abwasser, welches sie in der Arbeit trank.

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Der Blick wie er sie angesehen hatte, ging ihr nicht aus dem Kopf, als sie unter der Dusche stand. Seine Pupillen waren geweitet gewesen und er hatte gelächelt. Seine Stimme hatte anders geklungen. Und dann rügte sie sich, dass sie sich nicht doch rasch bedeckt hatte. Natürlich war es nur Patrick gewesen, doch auch er war ein Mann.

Um ihm einen Gefallen zu tun, zog sie zu den dunkelblauen Capri-Hosen ein kräftig grünes Top an und musste feststellen, dass er Recht hatte. Die Farbe ihrer Augen kam tatsächlich besser zur Geltung.

Langsam zog der Geruch von frisch gebrühtem Kaffee in den ersten Stock und schließlich beeilte sich Teresa, zu dem dunklen Liquid zu gelangen.

Auf der Terrasse saß Jane mit Lanie am Schoß, neben ihm stand eine italienische Kaffeekanne, mit der man am Herd Kaffee brühte – Espresso besser gesagt. Er war in zwei Kaffeegeschäften gewesen, um die passende Sorte zu finden – herb, aber nicht zu kräftig. Zudem lag alles an der Röstung.

Seine Augen wanderten über ihre Kleidungswahl und man konnte seinem Gesicht entnehmen, dass er zufrieden war. Sofort wollte Madelaine zu Lisbon und diese nahm sie auch sofort auf den Schoß. Sie wusste, was sie wollte. Wusste, wann sie wie weinen musste, um zu bekommen, was sie wollte und das im Alter von wenigen Monaten. War das in Wahrheit der Lisbon Charme?

Als Teresa die Tasse Kaffee an ihre Lippen führte, nahm sie den herrlichen Duft war, der von dem heißen Getränk verbreitet wurde. Der erste Schluck war heiß. Langsam ließ sie ihn ihren Mund erobern. Der Geschmack war voll. Anmutig. Aufreizend. Atemberaubend. Wie konnte sie jemals etwas anderes trinken?

Vielleicht verbrachten sie noch zwanzig Minuten in der ruhigen Idylle ihrer Terrasse bevor das restliche Team eintraf, vielleicht auch weniger. In dieser Zeit hatte Lisbon erkannt, dass sie diese Nähe dem Team schuldig war, bisher hatte sie sie immer auf Distanz gehalten, wenn es um Emotionen ging. Um ihr Privatleben.

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Ende Kapitel 6

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A/N: Sorry, dass es so lange gedauert hat, aber ich war etwas über zwei Wochen auf Urlaub und dann musste zu Hause alles erledigt werden. Aber nun geht es weiter.