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Kapitel 8

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Cho sah Rigsby verwundert über die gestellte Frage an.

„Ich glaube nicht, dass uns das etwas angeht", antwortete der Asiate und nahm den letzten Schluck aus der Bierflasche.

„Grace?"

Sie hob die Schulter an und lächelte. „Irgendetwas hat sich verändert zwischen ihnen."

„Nach all den Jahren wäre es ja ein Wunder", erklärte Rigsby, „wenn sie endlich sehen würden, wie der andere in Wirklichkeit fühlt."

„Seit wann bist du ein Profi in diesem Bereich?", fragte Cho und ließ etwas Sarkasmus mitklingen. Es war eine passende Anspielung auf die eigenartige Beziehung, die Wayne und Grace führten.

„Belassen wir es doch einfach dabei, dass sie einander nun näherstehen als zuvor. Vielleicht hilft Jane Lisbon auch einfach nur mit der Kleinen, er hat ja immerhin Erfahrung damit."

Ja, er war schon einmal Vater gewesen und hatte ein Kind aufgezogen, dessen waren sich alle nur all zu bewusst.

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Jane hatte zuerst das obere Geschoß verlassen und war in die Küche gegangen, um sich zu sammeln, bevor er zu den restlichen Teammitgliedern auf die Terrasse gehen wollte. Es hatte sich so unglaublich angefühlt, Teresa halten zu dürfen, doch wenn sie nicht dasselbe empfand wie er, musste er das wenige in sich aufsaugen, das sie ihm anbot. Die Zeit, die sie mitsammen verbrachten. Die wenigen Augenblicke, die er sie halten durfte. Lanie.

Teresa, die aus dem Kinderzimmer in ihr Badezimmer gegangen war, kühlte sich ihr Gesicht ab. Die Sicherheit und Geborgenheit, die sie in seinen Armen gefühlt hatte, war etwas Neues für sie. Niemals hatte sie für einen Mann so empfunden, ihm so vertraut. Allerdings wusste Lisbon, dass Jane niemand war, der noch einmal sesshaft werden würde. Der noch einmal eine Familie wollte, zu sehr hing er immer noch an der, die ihm genommen worden war. Er trug immerhin noch seinen Ehering und sprach von seiner Angela und Charlotte, als würden sie noch leben, obwohl sie seit einer Dekade bereits nicht mehr unter den Lebenden weilten.

Mit fünf frischen Bier ging Jane auf die Terrasse hinaus und überraschte die drei Kollegen bei ihrer Unterhaltung, die plötzlich ins Stocken geriet.

„Schläft sie?", fragte Grace, um wieder ein Thema am Tisch zu haben, bevor sie zu dem neuen Bier griff.

„Sie war absolut übermüdet", bejahte Patrick.

„Es war ein langer Tag für sie", fügte Wayne hinzu.

„Lisbon?"

„Ich denke, sie kommt gleich wieder hinunter."

„Es ist eine große Aufgabe, die man ihr aufgebürdet hat. Ich wüsste nicht, ob ich das machen könnte", erklärte Wayne.

„Könntest du denn eine deiner Nichten oder Neffen einfach in eine Pflegefamilie geben?" Chos Frage war berechtigt und erntete Zustimmung. „Ihr Bruder wird sich schon bei dieser Entscheidung, die ihm sicher nicht leichtgefallen ist, etwas gedacht haben. Wie viele von uns haben solch einen Passus in unserem Testament?" Abermals stimmte man ihm zu.

„Wir werden helfen, so gut es geht", ließ Rigsby Jane wissen.

„Das müsst ihr Lisbon sagen."

„Sie will nie Hilfe."

„Da liegt ihr dieses Mal falsch. Sie weiß, dass sie es alleine nicht schaffen kann und wir als Team funktionieren müssen. Ihre Brüder sind quer über die Staaten verstreut, die zwei noch Lebenden, sie werden wahrscheinlich nicht einmal zur Beisetzung kommen."

Verwundert sahen die drei Jane an.

„Die Urne kommt nächste Woche aus Montana. Es wird eine furchtbare Woche für sie werden. Sie hat bereits Mutter und Vater beerdigen müssen und jetzt muss sie es auch noch beim jüngsten Bruder."

Das Trio hatte zwar die Familiengeschichte ihrer Teamleiterin gekannt, doch war ihnen nicht bewusst gewesen, wie hart diese Situation für sie sein musste. Sie musste nicht nur ihren Bruder zu Grabe tragen, nein, sie musste auch sein Kind aufziehen, ohne jemals auf diese Situation vorbereitet worden zu sein. Grace hatte sich schon mehrmals gefragt, ob Lisbon einmal Kinder wollte. Sie war nicht mehr die jüngste, ihre innere Uhr tickte – das hatte Grace bei sich selbst auch schon festgestellt. Aber niemals hatte sie auch nur eine Andeutung in diese Richtung gemacht – bis sie plötzlich Mutter für ihre Nichte spielen musste.

„Sch ….", gab Grace von sich, als sie Lisbon die Terrasse betreten sah. Sie setzte sich auf den leeren Stuhl und nahm einen Schluck des noch kalten Biers.

„Sie ist brav eingeschlafen", kommentierte Teresa ruhig.

„Schläft sie die Nacht durch?", fragte Cho.

„Meistens. Manchmal wacht sie auf, weil sie ihren Schnuller ausgespuckt hat."

„Aber sie schläft in deinem Bett?", fragte Grace.

„Jetzt nicht mehr. Sie muss sich daran gewöhnen, in einem eigenen Bett zu schlafen"; erklärte Jane. „Ein Kind, das ewig im Bett der Eltern schläft, ist irgendwann nicht mehr in der Lage, alleine zu schlafen und es wird unendlich schwierig, es ihnen wieder abzugewöhnen. Abgesehen davon, wenn man ein Kind neben sich schlafen hat, schläft man selbst nicht besonders tief und unentspannt."

Lisbon hatte noch keine Zeit gehabt, sich mit der Problematik zu befassen. Sie hatte sich zwar gewundert, dass Jane so erpicht darauf gewesen, das Kinderzimmer fertigzustellen. Doch jetzt machte es natürlich Sinn. Seine Erfahrungen waren Gold für sie wert. Woher sollte sie es denn auch wissen?

„Meine Schwester", begann Grace, „ließ ihre Tochter die gesamten ersten zwei Jahre bei ihr im Ehebett schlafen."

„Das muss ein tolles Eheleben ergeben haben", antwortete Jane leise, ohne über die Wirkung seiner Worte im Vorfeld nachgedacht zu haben. Hatte er nun implementiert, dass Lisbon mit jemanden das Bett teilen würde? „So meinte ich das nicht, aber …"

„Nein, nein, du hast schon Recht. Ihr Mann hat sich damals darüber beklagt. John meinte, dass wenn es so weitergehen würde, sie niemals ein zweites Kind bekommen würden."

Jane hätte gerne gelacht, doch war es einfach nicht angebracht gewesen. Zu nervös wirkte Teresa in diesem Augenblick. Wieso hatte ein solch unbedachtes Kommentar sie so aus dem Konzept gebracht?

Cho und Wayne lachten leicht, Jane stimmte ein. Teresa hingegen saß in diesem Moment stumm da und trank ihr Bier.

„Ist das Haus denn groß genug für ein Kind?", fragte Cho schließlich.

„Nicht wirklich, das Kinderzimmer ist winzig. Ich werde mir ein paar Immobilien ansehen", kommentierte Teresa vorsichtig.

„Was stellst du dir denn vor?" Janes Frage kam nicht unerwartet. Lisbon wusste, dass sie darüber nicht wirklich gesprochen hatten und es ein Thema war, das besprochen gehören würde. Sie konnte solche Entscheidungen nicht immer alleine treffen, wusste sie doch nicht, was für ein Kind wirklich benötigt wurde.

„Also ein Garten muss vorhanden sein und ich hätte gerne drei oder vier Schlafzimmer."

„Wieso?", wollte Grace wissen.

„Lanie braucht ein Zimmer und wenn ich mehr zuhause sein muss, um mich mit ihr zu beschäftigen, dann brauche ich ein Arbeitszimmer. Abgesehen davon, ein Gästezimmer ist niemals ein Fehler."

„Nein, ist es nicht", kommentierte Jane leise. Teresa sah ihn in die Augen und erkannte, was er mit seinem leisen Statement sagen wollte. Und tatsächlich hatte sie daran gedacht, ihm das Zimmer anzubieten, sofern sie ein Haus finden würde, das sie sich leisten konnte.

„Ich werde mein Haus in Malibu verkaufen", offenbarte Jane plötzlich und zog damit alle Blicke auf sich.

„Wieso nach all den Jahren?", fragte Grace.

„Es wird Zeit. Abgesehen davon möchte ich das Geld in Lanie investieren, also in das Haus, das du für sie kaufen möchtest."

Teresas Blick zeigte Verwirrung. Wie kam er nur auf die Idee, dass sie dieses Angebot annehmen konnte. Es war viel Geld, das er für das Anwesen bekommen würde, viel mehr als sie ihm jemals zurückzahlen könnte.

„Ich glaube, es ist Zeit, dass wir gehen", warf Cho ein und die beiden andern Teammitglieder schlossen sich an, verabschiedeten sich und gingen, verwundert über Janes letzte Mitteilung, in Richtung Wagen.

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„Wie kannst du so etwas einfach so sagen?", fragte Teresa, als sie die dabei war, den Geschirrspüler einzuräumen.

Jane hob unschuldig die Schultern. „Weil ich denke, dass es Zeit wird."

„Dann leg das Geld gut an."

„Das mache ich, in dem ich es in das Haus investiere."

„Das kann ich nicht annehmen."

„Gut, dann kaufe ich ein Haus und vermiete es dir um den symbolischen Dollar."

„Jane, das geht nicht."

„Patrick", besserte er aus

„Patrick", wiederholte Lisbon. „Ich muss etwas finden, das ich mir leisten kann." Sie wusste, und das konnte man auch aus der Stimmlage heraushören, dass es nicht einfach werden würde, eine Immobilie zu finden, die sie sich leisten konnte und trotzdem ihren Ansprüchen genügte.

„Du kannst dir doch einmal im Leben helfen lassen. Ich habe da Geld. Ich habe das Haus, das seit Jahren leer steht und das ich seit Jahren nicht betreten habe. Und auch nicht betreten möchte. Ich bekomme jedes Jahr gute Angebote und bisher habe ich keinen Grund gehabt, es auf den Markt zu werfen. Dein Haus ist nett, es für eine Person schön und auch wenn du jetzt schnell eine passende Immobilie findest, bis sie bezugsfertig ist, wird es Wochen wenn nicht sogar Monate dauern. Daher solltest du bald beginnen, dich umzusehen."

Wahrscheinlich hatte Jane Recht und sie würde sich am morgigen Abend mit dem Laptop auf die Suche machen, nachdem sie Lanie zu Bett gebracht hatte.

„Welche Bedingungen stellst du an das Projekt?", fragte die dunkelhaarige Frau plötzlich. Sie wusste, dass es etwas geben würde. Sie ahnte auch, dass sie niemals ein Objekt finden würde, dass sie sich leisten könnte und vier Schlafzimmer hatte. Eventuell würde sie eine Hypothek aufnehmen können, aber ihre Reserven und Sicherheiten waren quasi nicht existent.

„Das Gästezimmer … ich hätte gerne das Gästezimmer."

Lisbon sah ihn verwundert und fragend an. Jane wollte bei ihr wohnen? Nein, eigentlich wollte er lediglich einen Platz zum Schlafen und Duschen. Vielleicht würde er Zeit mit Lanie verbringen wollen. Würde sie es ertragen können, noch mehr Zeit mit ihm zu verbringen, ohne dass er etwas von ihr wollte, obwohl sie mehr für ihn empfand.

Ein schrilles Weinen unterbrach die unangenehme Stille in der Küche und verlangte von einem von beiden nach oben zu gehen, um sich um das Baby zu kümmern. Teresa sagte kein weiteres Wort und schritt die Treppe hinauf.

Lanie wollte gewickelt, auf den Arm genommen und geschaukelt werden. Sie summte das Wiegenlied ihrer Mutter und ging mit Lanie auf dem Arm auf und ab. Aber die Kleine wollte sich nicht beruhigen.

Auf der einen Seite hätte sie gerne mit Jane weiter geredet, auf der anderen Seite wollte sie an diesem Abend keine Entscheidungen mehr treffen, keine Versprechen eingehen.

Mit Madelaine auf dem Arm putzte sie sich die Zähne, zog sich aus und legte sich ins Bett, zog das Laken über sie beide und streichelte die das weiche Haar des Kleinkinds.

„Wir bekommen das schon auf die Reihe und wenn es bedeutet, dass Jane bei uns wohnen muss, werden wir das wohl auch überstehen. Er will nur dein Bestes, ich ebenso. Jeder will dein Bestes und jeder liebt dich, Lanie. Niemals darfst du daran zweifeln. Wenn du alt genug bist, werde ich dir von deinem Vater erzählen. Er war ein wunderbarer Mann."

Es dauerte nicht lange und Lisbon schlief mit Lanie auf ihrer Brust ein. Diese Position war beiden vertraut und ihr Herzschlag ließ Lanie sich beruhigen, neben der warmen Haut und der intimen Haltung, die sie auf diese Weise innehatten.

Jane saß in der Küche und ahnte, dass die Polizistin nicht mehr zu ihm hinunterkommen würde. Er räumte das Geschirr weg und richtete sein Nachtlager auf der Couch her.

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Ende Kapitel 8

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A/N: Irgendwann werde ich das Rating hochsetzen müssen. Ich kann entsprechende Szenen einfach nicht in jugendfreier Fassung „zu Papier" bringen. Das tut mir wirklich leid ;(