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Kapitel 14
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Jane verstand nicht, oder wollte nicht verstehen, was Teresa Lisbon eigentlich von ihm wollte. Es war ja nicht so gewesen, als hätte er sie verführt. Sie war es gewesen, die plötzlich ihre Lippen um seine Erektion geschlossen hatte. Hatte sie wirklich geglaubt, dass dies etwas ändern würde zwischen ihnen? Wieso auch?
Red John war immer noch am Leben und eine Bedrohung für jeden, der ihm nahestand. Jeden den er liebte. Liebte? Liebte er Teresa und Lanie? Was bedeutete Liebe überhaupt für ihn. Es waren so viele Unsicherheiten, so viele Punkte, die ihm nicht aufhörten zu quälen. Was war Liebe überhaupt? Eine Emotion? Ein Bedürfnis, das gestillt wurde? Er war sich nicht sicher, ob er sich noch an Liebe erinnern konnte.
Ja, er hatte seinen Ehering abgelegt. So viele Jahre waren bereits seit ihrem Tod vergangen, so viele Wochen und Monate in denen er gewusst hatte, dass nur Lisbon eine ebenbürtige Gegnerin war. Eine ebenbürtige Partnerin. Teresa ließ sich nicht alles gefallen, aber sie spielte gerne mit ihm – früher war dies zumindest immer so gewesen. Seit Lanie in ihr Leben getreten war, kam es immer auf die Thematik an. War Lanie auch betroffen, baute sie eine Mauer um sich auf, eine, die nicht einmal er einstürzen konnte. Ging es lediglich um sie zwei, war sie beinahe ebenso spielerisch unterwegs wie zuvor. Früher. Einst. Teresa gab ihm Kontra. Doch vielleicht hatte er gerade eben so viel riskiert.
Wieso hatte er sich an diesem Morgen darauf eingelassen? Wieso hatte er sie nicht weggestoßen? Es wäre doch so einfach gewesen. Natürlich wäre Lisbon eingeschnappt gewesen, sie hätten vielleicht nicht darüber gesprochen, aber sie hätten die Situation gemeistert. .Doch als sich ihre Lippen dann schlossen, wie es seine Augen auch taten, fühlte es sich so unglaublich an. Unglaublich. Unbeschreibbar. Einmalig. Perfekt.
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Auch die CBI-Agentin zweifelte an all dem, das geschehen war. Wieso war sie in das Zimmer gegangen, war in dem Türrahmen stehen geblieben, nachdem sie gesehen hatte, was er gerade dabei war zu tun? Wieso hatte sie ihn gleich befriedigen müssen? Wieso? Warum hatte sie es so weit kommen lassen?
Es war untypisch für sie. Nun saß sie am Boden vor Lanies Bett und beobachtete sie durch die Sprossen. Hatte sie denn wirklich geglaubt, dass sie ihn durch Sex an sich binden könnte? Ihm die Impression geben, dass er so Charlotte und Angela vergessen könne? Wie verrückt war sie denn in diesem Moment gewesen? Sein altes Leben zu vergessen und ein neues, ein zweites beginnen?
An eine eigene Familie hatte Lisbon so gut wie nie gedacht, nie einen Gedanken verschwendet und jetzt konnte sie sich einen Tag ohne Lanie nicht mehr vorstellen. In ihrer irren Fantasie hatte sie sich vorgestellt, wie Patrick als Vater wohl sein würde, wenn Lanie erst einmal so weit wäre, auf einen Ball zu gehen, den ersten Jungen nachhause brachte oder das Fahrradfahren lernen würde. Ja, sie wollte ihn in ihrem Leben, in Lanies. Die Kleine liebte ihn bereits so sehr.
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Das Arbeitsklima war getrübt zwischen Jane und Lisbon, jedem am Revier war es aufgefallen und immer wieder hörte man die Leute sagen, dass genau dies der Grund wäre, wieso man gegen Beziehungen am Arbeitsplatz wäre. Es wurde zudem wild spekuliert, dass es bereits den ersten großen Streit gegeben hätte. Jane trat Teresa nicht unter die Augen. Gut, dass sie in diesem Moment die meiste Zeit vor Gericht verbrachte, vor kurzem hatte erst der Prozess gegen einen Serienmörder begonnen und sie war in den letzten Tagen bei der Prozessvorbereitung gewesen, nun war sie von früh bis spät im Gerichtssaal.
Sieben Tage waren seit dem Beischlaf vergangen – sieben Tage voller geheimer Vorwürfe, Selbstbeschuldigungen, Zweifel.
Sieben Tage, an denen sie so gut wie kein Wort miteinander wechselten.
Sieben Tage, während deren sie sich im gemeinsamen Haus quasi voreinander versteckten.
Cho hatte bereits angemerkt und er war sicherlich nicht das Teammitglied, das leicht etwas sagte, aber er fand die aktuelle Situation unerträglich. Er war gemeinsam mit Rigsby und Grace im Pausenraum gestanden und hatte Teresa gesehen, die gerade dabei war, für ein paar Telefonate in der Mittagspause aufs Revier zu kommen, wie sie ihre Augen über die schlafende Form auf der Couch gleiten ließ. Ihr Blick war ernst, hart, traurig. Sie war blass, die Ringe unter den Augen wurden dunkler und sie versuchte sie gar nicht unter einigen Schichten Make-up zu verstecken.
„Was sollen wir machen?", fragte Wayne. „Wieso verhalten sie sich so eigenartig?"
Graces Antwort war mit einem breiten Grinsen verbunden. „Troubles in paradise?"
Chos Blick war einmalig und brachte alle drei zum Lachen. „Blödsinn", entgegnete er.
„Wieso nicht? Seit Jahren leben sie in einem Abhängigkeitsverhältnis", erklärte die Rothaarige.
„Sie würde niemals gegen das Reglement verstoßen und damit so viel beruflich riskieren", widersprach Cho.
„Diese Regeln gelten ja bei ihnen nicht, Jane ist ja nur Berater. Außerdem glauben einige im Haus seit Jahren, dass sie eine Affäre haben."
„Das stimmt doch nicht …"
„Doch leider schon", erklärte Rigsby und meinte natürlich nicht die Affäre sondern die Gerüchteküche.
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Teresa saß in ihrem Büro, Jane auf der Couch, sie war nicht mehr zum Gericht gefahren. Wayne brachte gegen Abend eine große Pizza, doch Jane gab vor, keinen Hunger zu haben. Grace brachte Lisbon ein Stück auf einem Teller ins Büro.
„Was ist los?", fragte sie und schloss die Türe hinter sich.
„Nichts", kommentierte ihr gegenüber.
„Jeder hat bereits gemerkt, dass etwas nicht stimmt, Lisbon."
„Grace, danke für dein Bemühen, aber es ist wirklich nichts los."
Im Grunde hatte sie Van Pelts Verdacht mit ihrer Art zu handeln nur noch bestätigt. Es stimmte etwas nicht, absolut nicht, aber Lisbon gehörte nicht zu den Menschen, die mit Außenstehenden über ihre Probleme sprach. Sie behielt alles für sich. Machte alles mit sich selbst aus.
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Die trübe Stimmung setzte sich fort. Weihnachten stand vor der Türe. In Californien schneite es so gut wie nicht, aber es kühlte ab. Es fror ab und zu, alle fünf Jahre gab es wirklich etwas Schnee. In diesem Winter war es nur kalt. Der Wind war eisig. Die Luft trocken.
Cho und Rigsby brachten Teresa am Wochenende vor Heilig Abend einen Christbaum vorbei. Die meisten Häuser hatten seit Wochen Weihnachtsdekoration angebracht, bei ihnen stand noch nicht einmal ein Baum. Wayne hatte angeboten, ihr einen schönen auszusuchen, Grace sorgte für die passenden Ornamente, Lichterketten.
Als das Team versammelt war, lief leise zur Untermalung Weihnachtsmusik und Lanie war bestens gelaunt. Die Stimmung zwischen Jane und Lisbon war zum Schneiden, es war unübersehbar. Während der gesamten Zeit des Baumaufstellens und Schmückens hatte sich Patrick in seinem Zimmer eingesperrt, war nicht ein einziges Mal aus dem Raum gekommen.
Alle drei sahen Teresa fragend an. Sie zuckte lediglich mit den Schultern und versuchte sich abzulenken, ging durch den Raum und stand schließlich am Fenster. Als Grace auf sie zukam, sah sie Tränen Lisbons Wangen hinablaufen. Die beiden Frauen sahen noch, wie Jane mit einer Reisetasche in der Hand in seinen Wagen stieg und davon fuhr – er hatte seinen eigenen Ausgang gewählt, um zu verschwinden, kein Wort verloren. Nein, nichts gesagt.
Grace nahm Lisbon an der Hand und führte sie in den ersten Stock. Sobald die ältere Frau außer Sichtweite war, brach sie zusammen – das erste Mal in Lisbons Leben gab es Zeugen für einen emotionalen Zusammenbruch. Zum ersten Mal hatte sie nicht alle Türen geschlossen, Fenster verbarrikadiert. Grace war keine Fremde mehr, in den letzten Wochen, seitdem Lanie in ihr Leben getreten war, war sie mehr geworden – eine Freundin.
Allmählich, auf ihrem Bett sitzend, berichtete Lisbon mit gesenktem Haupt, von Janes Absenzen, den Tagen und Wochen, in denen er nicht anwesend war. Doch von ihrem sexuellen Erlebnis berichtete sie nichts. Die rothaarige Agentin wusste genau, dass ihr etwas verschwiegen wurde, doch konnte sie nicht nachfragen – das neugewonnene Vertrauen war ihr zu wichtig. So stellte sie keine Fragen, immerhin war sie auch ihre Vorgesetzte. Grace hielt sie schließlich im Arm und zögerlich hatte Lisbon ihre Arme um ihre Kollegin gelegt, vorsichtig. Zögerlich. Irgendwann hatte sie nicht mehr anders können.
Wahrscheinlich war es Überforderung, die Lisbon heimsuchte – Lanie und Jane, zwei Faktoren, die sie einfach nicht kontrolliere konnte. Und Teresa brauchte Kontrolle in ihrem Leben, sie lebte quasi davon. Kontrolle war wichtig. Als Alleinerzieherin hatte sie bereits Listen gehabt, diese abgearbeitet. Sie hatte über jeden Cent Buch geführt, hatte sich jeden Entwicklungsschritt ihrer Brüder, jede Note notiert. Für jeden ihrer Brüder hatte sie in der Küche einen Kalender aufgestellt, in dem alle Termine notiert werden mussten, erst dann erhielten sie Taschengeld. Kontrolle.
Und heute schien sie mehr und mehr die Kontrolle zu verlieren. Über alles. Ihr Leben. Ihre Gedanken. Alles.
Jede freie Minute dachte sie an Jane und wie er in manch einer Situation reagieren würde. Sein blonde Haar, seine braunen Augen, seine sanften Finger. Und das tat in ihrem Herzen weh, gab ihr einen Stich, jedes einzelne Mal. Es schmerzte – seine ständigen Zurückweisungen. Wohin verschwand er ständig? Wieso?
Gefiel es ihm bei ihnen in seinem Haus denn nicht? Gab es jemand anderen? Wie hatte sie in dieser Situation nur so ihren Kopf verlieren können? Und ihr Herz?
Van Pelt tröstete sie, sprach ihr gut zu, obwohl sie nur die Hälfte der Geschichte kannte. Wie viele Freunde hatte Lisbon schon? Grace war eine der wenigen, die ihr zur Seite standen. Ansonsten gab es niemandem. Niemandem.
Später deutete Grace Wayne gegenüber an, dass sie vermute, dass mehr zwischen ihrer Vorgesetzten und Jane gewesen sei, auch wenn Teresa nicht darüber sprach. Lisbon hatte ihr keine Details verraten und so tat es Grace ihr gleich. Keine Details. Keine Informationen.
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Am Wochenende kam das Trio wieder und putzte schließlich den Baum auf. Lisbons erster Weihnachtsbaum seit Adam ausgezogen war. Ihr erster Weihnachtsbaum in Sacramento. Grace hatte den Baumschmuck kaufen müssen, Lisbon hatte keine einzige der Schachteln aus San Francisco übersiedelt – alles hatte sie der Wohlfahrt gespendet.
Graces Entscheidung war auf die Farben Rot, Blau und Gold gefallen, unterschiedliche warme Farben. Die Männer montierten die Lichterketten und die Frauen hängten die Kugeln auf, montierten alle anderen Ornamente, währen die Männer Eierlikör tranken. Lanie hatte Lisbon am Arm und plauderte mit ihr, die kleine gab lustige Geräusche von sich, als wollte sie ihr antworten.
Irgendwann stand plötzlich Jane im Wohnzimmer.
„Was macht ihr hier?", fragte er forsch und blickte Grace an.
„Den Baum aufputzen", antwortete sie kurz.
„Das ist nicht eure Aufgabe sondern die meine." Lisbon sah ihn entrüstet an.
„Dann hättest du es gemacht, wärst da gewesen, anstatt wieder einmal zu verschwinden", entgegnete Cho in seiner trockenen Art.
Jane wendete sich Teresa zu und dann blickte in die Runde. Jane hatte getrunken, es war deutlich erkennbar. „Nur weil ich dich einmal gefickt habe, kannst du mein Leben nicht bestimmen", fauchte er. Jane war wütend, kochte und taumelte auf Lisbon zu. In diesem Zustand war er Auto gefahren? Jane betrank sich?
„Patrick", versuchte Lisbon ihn zu zügeln. Cho und Rigsby sahen einander nur an, schluckten merklich. „Rede ja nie wieder so mit mir", schlug sie zurück, „nie wieder!"
„Ich rede, wie es mir beliebt. Abgesehen davon … einmal Sex heißt ja nicht, dass ich ein Gelübde abgelegt habe."
„Ich möchte nicht mehr …"
„Reden? Du hast es ihnen doch eh bereits erzählt. Alles erzählt…"
Sie schüttelte nur den Kopf. „Nichts habe ich erzählt. Nichts, Jane."
Ungläubig und verwundert blickte er in ihre großen Augen. Konnte es wahr sein?
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Ende Kapitel 14
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A/N: Eine lange Arbeitswoche mit einem verplanten Wochenende. Ich hoffe, dass ich morgen noch ein Kapitel „Dancing Queen" hochladen kann, aber sicher ist es nicht. „Abuse" ist auch in Arbeit, darauf wurde nicht vergessen, aber es schreibt sich einfach nicht so fließend.
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