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Kapitel 15
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„Ich habe bereits akzeptiert, dass du keine Rolle in unserem Leben übernehmen möchtest, keine fixe auf jeden Fall. Nichts Dauerhaftes. Also bitte ich dich einfach, nicht mehr ungefragt in den ersten Stock zu kommen. Nicht ungefragt oder unangemeldet. Ich möchte nicht, dass du Lanie vom Kindergarten abholst oder für uns einkaufen gehst. Ich habe schon einmal drei Kinder großgezogen, da werde ich eines schon meistern können. Ich hatte gehofft, dass du deine Ansichten änderst, aber wie es scheint, ist das der Weg, den du einschlagen möchtest. Mir soll es recht sein. Wenn du möchtest, dass wir ausziehen, machen wir das natürlich."
„Man sieht, was aus deinen drei Brüdern geworden ist …"
„Was möchtest du damit sagen?"
„Drogen konsumierend, alleinerziehender Kopfgeldjäger …"
„Die Entscheidungen, die sie als Erwachsene treffen, kannst du mir nicht anlasten", erklärte Lisbon bestürzt. So hatte sie ihn noch nie erlebt. Noch nie. „Abgesehen davon vergisst du eines, ich war 18 Jahre alt, als mein Vater sich umbrachte." Krampfhaft versuchte Teresa ruhig zu bleiben, sich ihre Entrüstung nicht anmerken zu lassen, Tränen zu unterdrücken.
„Hättest ich gewusst, dass du so willig bist …"
Doch in diesem Augenblick platzte Teresa der Kragen und sie schlug zu. Ihre flache Hand landete in seinem Gesicht, berührte mit voller Wucht seine Wange, den Backenknochen und sein Kinn. Seine Nase. Sie hatte fest zugeschlagen und bereute es danach nicht. Blut tropfte auf Janes Hand, als er sie unter sein Kinn hielt. Er sah verwundert und entsetzt drein.
Lisbon drehte sich um und ging. Sie lief davon. Sie wollte nicht mehr diskutieren, streiten und dann vielleicht noch nachgeben, vorgeben ihn zu verstehen.
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Am nächsten Morgen stand Janes Zimmertüre offen. Das Bett war gemacht, die Kastentüre geöffnet – leer. Verwundert betrat sie. Die Files waren nicht mehr da. Seine Anzüge waren weg. Er war weg.
Ein plötzlicher Stich in der Herzgegend ließ Teresa zu Boden sinken.
Was war nur passiert. Wieso hatte sie es all das sagen müssen?
Als sie vor ihrer Tasse Kaffee saß, wusste sie nicht recht, was sie von all dem halten sollte. Es war schwieriger geworden, seitdem sie mitsammen geschlafen hatten. Sehr schwierig. Aber wieso musste er sie gleich verlassen? Flüchten?
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Gemeinsam mit ihrem Team bereitete sie Lanie auf ihr erstes Weihnachtsfest vor. Viele bunte Lichter wurden im und am Haus montiert, Geschenke gekauft und eingepackt, unter dem Christbaum drapiert. Doch abseits von all den Feierlichen saß Teresa und fragte sich, wieso es zu viel für ihn, eine Rolle zu übernehmen, die er am Anfang so willig gespielt hatte. Er wollte sich in ihr Leben drängen, war vom ersten Tag an für sie beide da und es schien, als würde es keine Barrieren geben. Und dann war alles anders. Alles. Wieso musste er ständig weglaufen?
Auch an Neujahr war er nicht anwesend oder am Valentinstag. Wayne überreichte Grace an diesem Tag eine rote Rose und abermals spürte Lisbon dieses vertraute Stechen in ihrem Herz. Zuvor war ihr dieser Schmerz unbekannt gewesen, aber seit Janes Verschwinden gab es Momente, in denen sie sich nur an die Brust fassen konnte, um es zu überstehen.
Wochen waren vergangen, von Jane kein Wort. Keines. Nichts. Und nun hielt sie am Valentinstag in dreifacher Ausführung das Unbeschreibbare, das Unglaubliche in der Hand. Es war kein passendes Geschenk für diesen Tag. Nein. So hatte sie sich all das nicht vorgestellt. Und doch zeigte das Plastik dreimal deutlich ein Plus an. Sie war schwanger. Einmal Beischlaf, ein Leben lang … - an Verhütung hatten sie an diesem Morgen nicht gedacht, danach erst, wesentlich danach. Da hatten sie diskutiert und sie hatte ihm erklärt, dass es nie wieder passieren würde. Wie hatte sie nur so unvorsichtig sein können? Sie, die stets das Gefühl haben musste, alles unter Kontrolle zu haben?
Als sie ihn berührte hatte und er sie, hat sich all das so vertraut angefühlt, so unglaublich vertraut, als würden sie das schon seit Jahren machen. Und es war so gut gewesen, an was auch immer es gelegen haben möge. Die weiche Haut, der maskuline aber natürliche Geruch, sein weiches Haar und die dezente natürliche Bräune? Einmalig. Und dann in der Küche – überraschend, riskant für ihre Verhältnisse und neu. Wieso hatte sie beide Male nicht an ein Verhütungsmittel gedacht? Bisher war es stets ein Tabu gewesen kein Kondom zu verwenden, er war der erste gewesen, der erste mit dem sie komplett „nackt" geschlafen hatte.
Drei Tests. Drei Plus. Sie hatte im Büro mittels Kalender nachgerechnet. Einen Termin beim Arzt ausgemacht – übermorgen wäre es so weit. Sie kam auf sieben Wochen. Sieben verdammte Wochen, in denen ihr Körper sie nichts hatte wissen lassen, nicht einmal erahnen, dabei war sie immer stolz darauf gewesen, wie gut sie ihren Körper lesen könnte. Tja und hier saß sie nun am Rand der Badewanne.
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Bluttest – positiv.
HCG Level über 1000.
Dr. Susan Franklin bestätigte ihre Vermutung. Sieben Wochen. Sieben verdammte Wochen. Ihre Gynäkologin war in ihren 50ern und hatte kurze rotblonde Haare, war sehr groß, wahrscheinlich fast 190cm und trug eine Lesebrille, die tief auf ihrer Nase saß.
„Sie haben drei Optionen: die Schwangerschaft selbst, Abtreibung, Adoption. Doch bevor sie eine Entscheidung treffen, machen wir noch einen Ultraschall. " Zu Lisbons Überraschung wurde dieser nicht über ihren Bauch gemacht sondern vaginal. Und dann sah sie auf dem Bildschirm nur grau in grau. Dr. Franklin erklärte ihr aber, was hier der Dottersack und die Fruchthöhle sei und ein Baby in diesem Stadium einen Millimeter pro Tag wachse.
In diesem Moment wusste Lisbon, dass eine Abtreibung nicht zur Diskussion stand. Und dann war plötzlich ein Herzschlag zu hören und Lisbon liefen Tränen die Wangen hinab. Es war ein überwältigendes Gefühl, unbeschreibbar. Ein Wesen, das nicht aussah wie ein Mensch, hatte aber dessen Herzschlag. Sie wusste gar nicht, was sie gerade überkam.
Dr. Franklin reichte ihr einige Broschüren, zu allen drei Thematiken und sie machten sich einen neuen Termin aus. Lisbon würde in vier Wochen wieder kommen. Die Flyer studierte sie am Weg zum Auto. Der erste, der in den Mistkübel wanderte war die Abtreibung. Dann die Adoption. Schließlich hielt sie nur noch eine Schwangerschaftsbroschüre in ihrer Hand.
Alleine mit zwei Kleinkindern. Das war ihr niemals in den Sinn gekommen. Niemals.
Eine alleinstehende Frau, an die 40 Jahre alt mit zwei Kindern, einem gefährlichen Job und einer kaputten Familie und einer dezenten Vorliebe für einen gewissen blonden Mann, der nichts von ihr und ihrer kleinen Familie wissen wollte, es vorzog, seine Zelte woanders aufzuschlagen, Zeit mit anderen Menschen zu verbringen.
Nun saß sie vor dem Feuer im Wohnzimmer am Boden, ihr Rücken lehnte sich an die Couch an. Sie starrte in die Flamme. Nicht, dass es draußen so kalt war, dass man den Kamin hätte anheizen müssen, nein, aber Teresa hatte das Bedürfnis verspürt. Es war ein eisiger Wind am Nachmittag gegangen und sie hatte da Gefühl, dass sie diesen immer noch spürte.
Im Laufe der kommenden Tage sammelte alle seine Kleinigkeiten im Haus zusammen und packte sie in zwei Kartons, stellte sie in sein Zimmer und schloss die Türe hinter diesen.
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Als sie schließlich die 9. Woche ihrer Schwangerschaft erreicht hatte, ließ sie ihr Team die Neuigkeit wissen. Alle drei waren überrascht, gratulierten ihr zwar, aber die Überschwänglichkeit hielt sich in Grenzen, wussten sie doch – ohne dass ein Namen genannt werden musste – wer der Vater des Kindes war und wie sie im Moment mit der Einsamkeit kämpfte. Es war nicht zu übersehen, für niemanden. Der leere Blick in ihren Augen. Der Fakt, dass sie immer wieder auf die leere Couch starrte, aus seiner blauen Teetasse ihren Kaffee trank.
Auf der Damentoilette studierte Grace Teresa schließlich aufmerksam.
„Wie lange weißt du es schon?", fragte die Rothaarige.
„Zwei Wochen", antwortete Lisbon und wusch sich die Hände. Grace hob die Augenbraue und sah sie fragend an. „Ich brauchte Zeit …" Was sie ausdrücken wollte, war eindeutig, sie hatte Zeit zum Überlegen gebraucht, wie es weitergehen sollte.
Über kurz oder lang würde sie es auch ihrem Vorgesetzten sagen müssen und man würde sie wahrscheinlich rasch hinter den Schreibtisch verbannen. Wie war sie nur in diese Situation gekommen? Wie hatte sie nur so dumm sein können?
Neun Wochen. Zwei Monate und eine Woche.
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Mit Lane an ihren Körper gepresst, das Baby schlafend, saß sie vor dem Fernseher. Eishockey, aber wie es stand, wusste sie nicht. Lisbon hatte schon vor längerer Zeit aufgehört aufzupassen.
Natürlich würde sie es schaffen, zwei Kinder großzuziehen. Eines oder zwei, wo war der Unterschied? Sie hatte drei Jungs durch die Schule gebracht. Und jetzt war sie beinahe vierzig, hatte einen Beruf, mit dem man wirklich Geld verdiente und lebte in einem großen Haus. Sie hatte Grace, eine treue Freundin.
Sollte sie das Baby bekommen oder sich doch dagegen entscheiden? Was hatte sie ihm in Wirklichkeit zu bieten? Keinen Vater. Keine Familie. Eine Mutter, die zu viel arbeitete. Einen Kontrollwahn hatte und im privaten Leben wenig Selbstsicherheit besaß?
Noch war es kein Mord, wenn sie sich gegen das Baby entscheiden würde. Nach der Definition war es erst Leben, eine juristische Person, sofern es nach der Geburt einen Atemzug getätigt hatte. Sich die Lungen entfalten konnten. Wer war nur auf diese Idee gekommen? Die Kirche sagte, dass es Leben wäre, sobald Ei- und Samenzelle sich vereinigten. Es hätte schon eine Seele. Sie konnte sich keines von beiden recht vorstellen.
Vorsichtig strich sie über den Rücken des schlafenden Kleinkindes. Lanie war gut zu ihr, ließ sie nachts schlafen und untertags weinte sie nicht viel, quengelte kaum herum, obwohl sie zahnte. Und nun hatte sie einen Unterarm unter Lanies Po, der Kopf des Babys lag auf ihrer Schulter und Lisbon war mit ihren Gedanken meilenweit entfernt.
Patrick wusste von all dem nichts. Wie hätte er auch. Wie lange würde er dieses Mal weg sein? Würde er überhaupt zurückkommen? Und wenn er sich meldete, würde sie ihm von ihrer Schwangerschaft erzählen? Natürlich könnte sie ihm eine Kurznachricht oder ein Email schicken, doch dafür war ihre Enttäuschung noch immer zu groß. Sie war nicht nur enttäuscht sondern auch wütend. Wie konnte ein erwachsener Mann nur so stur und eigensinnig sein und einfach davonlaufen, nur weil sich einmal ein Problem aufgetan hatte? Aber wegen des Babys sollte er auch nicht zurück in ihr Leben kommen.
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Abermals saß Jane auf der Wiese vor den Grabsteinen seiner Frau und Tochter. Abermals konnte er seine Gedanken nicht sortieren, sah immer wieder Charlotte vor sich. Ihr blondes Haar im Wind. Wie oft war er in den letzten Wochen und Monaten nur hier gewesen, war bei Wind und Wetter auf der Wiese gesessen und hatte die Grabsteine angestarrt in der Hoffnung, dass sie ihm sagen würden, was er tun solle.
Er hatte Angela erzählt, dass er sich verliebt hatte, zum ersten Mal seit ihrem Tod. Zum zweiten Mal in seinem Leben. Zudem ließ Jane sie wissen, dass es eine andere Art von Liebe war, eine erwachsene. Teresa war erwachsen und sie wusste mit seiner Vergangenheit umzugehen. Sie hatte sich ihm willentlich angeboten und rückblickend schien ihr der Sex auch Spaß gemacht zu haben. Lisbon war gut gewesen und motiviert, anders als er sie sich vorgestellt hatte. Doch war das alles?
Nachts schlief Jane in einem schäbigen Motel neben dem Friedhof. Er traf keine Freunde, aß auf seinem Zimmer, kochte Tee in dem kleinen Wasserkocher, den er im Laden an der Ecke gekauft hatte. Er suchte keinen Kontakt zu anderen Menschen. Jane wollte alleine sein. Er musste alleine sein, um in sich gehen zu können, um in der Lage zu sein, zu entscheiden, wie er verfahren sollte.
Patrick wollte Teresa und Lanie –aber zu seinen Bedingungen. Er brauchte Freiräume, ohne diese wäre es ihm unmöglich eine Beziehung einzugehen.
War denn Teresa bereit dazu?
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Jane war Anfang März in einen Trailerpark gezogen, aber er hatte nur die Miete für ein Monat hinterlegt. Langsam aber doch war er sich sicherer geworden, dass er zurück zu den zwei weiblichen Wesen wollte, die ihn in seinem Leben benötigten.
Seit langem einmal klingelte sein Handy. Verwundert griff Jane nach dem Gerät und erkannte Chos Nummer. Ihm war sofort bewusst, dass dieser ihn niemals anrufen würde, wenn es nicht wichtig wäre.
„Cho?", sagte er freundlich, übertrieben freundlich.
„Sie ist im Spital", antwortete er trocken, monoton – so wie immer. „Mery General."
„Cho, ich kann nicht."
„Du solltest", sagte er bestimmt.
Es dauerte, trotz regelmäßiger Tempoüberschreitung, fünf Stunden von Malibu nach Sacramento mit Janes französischem Oldtimer. Als Jane unten nach der Zimmernummer fragte, erklärte man ihm, dass sie auf der Gynäkologie liege – Zimmer 9A.
Und tatsächlich sah er ihre blasse Gestalt in einem Krankenhausbett liegen, als er die Türe öffnete. Sie hatte die Augen geschlossen und schlief vermutlich. Da er keine Krankenschwester gesehen hatte, schloss er die Türe rasch hinter sich, um keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Lisbon war blass, ihre Sommersprossen noch deutlicher sichtbar. Was war los mit ihr? Niemand war an ihrer Seite. Nicht Grace. Nicht Cho. Nicht Rigsby. Offensichtlich war, dass sie nicht angeschossen worden war.
Vorsichtig zog er die Krankenakte aus dem Halter auf der Vorderseite des Bettes. Er sollte sie nicht lesen, aber die Schwesternstation war nicht besetzt gewesen, so hatte er nicht nachfragen können.
Blutungen. Eisenmangel. Dehydration. Abort verhindert. Vorerst Bettruhe – das waren die Worte, die unter Diagnose geschrieben worden waren.
Blutungen? Abort verhindert? Janes Augenbrauchen zogen sich zusammen. Waren das nicht Begrifflichkeiten, die man in Verbindung mit einer Schwangerschaft benutzte? Lisbon erwartete ein Kind? Die genaueren Angaben fand er hinten in der Akte. 11. Woche. Ultraschall ohne Befund. Herzschlag gut. Die Handschrift des Arztes war schwer zu entziffern, aber Jane hatte keine Probleme dabei. Seine innere Nervosität stieg an. Was war ihm hier entgangen? Wie konnte ihm all das entgangen sein? 11 Woche ? so lange war er beinahe weggewesen.
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Ende Kapitel 15
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A/N: Danke an all die Leser, die gedrängt haben, rasch weiterzuschreiben – und hier ist euer Kapitel. Ich weiß nicht, wie viel Zeit ich kommende Woche finde, aber ich versuche mein Bestes.
Also … Reviews bitte!
