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Kapitel 16

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Als er an ihrem Krankenbett saß, die schlafende Form studierte, sagte er sich, dass er es ihr nicht einmal verdenken könnte, falls sie die Schlösser im Haus austauschen hätte lassen. Zu grausam war er zu ihr gewesen. Und was war er bloß für ein Idiot gewesen? Seit mehr als vier Monaten hatte es von Red John keine Nachricht mehr gegeben, kein Wort. Nicht, dass sie sich nun in Sicherheit hätten wiegen können, aber trotzdem hatte er sein Verhalten nicht geändert.

Er würde dafür sorgen, dass ein neumodisches Alarmsystem im Haus eingebaut werden würde mit all den Extras, die man sich vorstellen konnte. Vielleicht einen Wachhund kaufen, obwohl Lisbon ihm klar zu verstehen gegeben hatte, was sie von der Anschaffung eines Hundes halte.

Und doch saß er nun an ihrem Bett, hielt ihre Hand und wusste nicht, was er sagen sollte, falls sie jeden Augenblick aufwachte. Und irgendwann überrumpelte ihn seine Müdigkeit und er schlief in dem unbequemen Krankenhaussessel ein.

Grace war es, die ihn in den Morgenstunden weckte, als sie mit Lanie vor Dienstbeginn vorbeikam um Teresa zu besuchen. Lanie beäugte Jane kritisch, insofern man das von einem Kleinkind behaupten konnte und blieb bei Grace. Wenige Augenblicke später streckte sie ihre Arme in Richtung Jane aus und wollte von ihm gehalten werde.

„Fahr mit ihr nachhause", flüsterte Grace, „das ist alles zu viel für sie."

„Wie ist es passiert?", fragte Jane und deutete auf Lisbon.

„Angeblich hatte sie Krämpfe"; erklärte die rothaarige Polizistin. „Sie sagte uns nichts, bis sie im Büro schließlich zusammenbrach. Dann wurde sie mit der Rettung hierher gebracht. Den Rest hast du wahrscheinlich schon gelesen."

„Habt ihr es gewusst?" Grace nickte nur. Jane fuhr sich nervös durchs Haar.

Jeder hatte es gewusst, nur er nicht, weil er nicht da war, wenn sie ihn gebraucht hatte.

„Man sieht es bereits", fügte sie leise hinzu. „Aber wir haben schon länger gewusst. Es ist nicht mehr zu übersehen." Grace konnte die Trauer in seinen Augen sehen, den Zorn auf sich selbst. Immerhin war es sein Kind und alle hatten es vor ihm erfahren, was wahrscheinlich auch daran lag, dass er sich entschlossen hatte, andere Wege einzuschlagen. Und all das nur aus Angst. Angst, sich noch einmal zu verlieben. Oder es sich eingestehen zu müssen. Angst, alles noch einmal zu verlieren. Doch jetzt konnte er nicht weglaufen, sich verstecken, nicht mit dem Wissen, das er jetzt hatte. Er konnte es Lisbon nicht antun. Dafür war sie ihm zu wichtig, viel zu wichtig.

Und sie hatte es behalten. Wahrscheinlich hatte sich für Teresa als gute Katholiken die Frage eines Abbruchs auch gar nicht eröffnet gehabt, vermutete Jane. Gerade bei solchen Sachen kam ihre konservative Haltung durch. Und ihr Kind wuchs bereits elf Wochen in ihrem Leib heran. Elf Wochen. Eigentlich unglaublich.

Nun war es an der Zeit, gestand sich Jane ein, sich selbst zurückzunehmen, alle seine Bedürfnisse hinten an zu stellen. Jetzt war es seine Aufgabe, sich um Teresa, Lanie und das ungeborene Kind zu kümmern. Er hoffte nur inständig, dass sie es auch zulassen würde.

„Wann wird sie entlassen?", fragte Jane vorsichtig, als er kurz davor war mit Lanie den Raum zu verlassen.

„Der Arzt hat noch nichts gesagt. Es kommt auf die Blutwerte und den heutigen Ultraschall an."

Er nickte nur, ließ seine Augen ein letztes Mal über Lisbons schlafenden Körper wandern, bevor er mit dem Kleinkind am Arm aus dem Raum ging.

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Als Jane am späteren Nachmittag mit Lanie am Arm, Blumen und etwas zu lesen wieder ins Spital kam, war es ein eigenartiger und unbeschreibbarer Moment. Patrick hatte den Raum betreten und versucht zu lächeln, doch Teresa lächelte nicht zurück. Lanie streckte ihre kleinen Arme nach Lisbon aus und er konnte nicht anders, als das Kind zur ihr zu setzen, war sie doch kurz davor zum Weinen zu beginnen .Sofort hatte die dunkelhaarige Frau das kleine Wesen in ihre Arme geschlossen und Lanie kuschelte sich an des Mutters Brust.

Teresa blickte Jane an und ihre Augen wirkten noch größer als sonst, in ihrem blassen Gesicht.

Nein, sie hatte ihn all die Wochen nicht angerufen, ihm keine Kurznachricht oder Email geschickt. Sie hatte ihn auf keine erdenkliche Weise kontaktiert.

Fragend sah sie ihn schließlich an.

„Cho hat angerufen."

Sie hätte es wissen müssen, dass in einem Moment wie diesem, ihre Nummer eins sich eines Besseren besann, erwachsen reagierte und den notwendigen Anruf tätigen würde. „Cho", sagte sie schließlich nur leise, sodass es kaum hörbar war. Sie vertrauten dem Asiaten blind.

„Ich kann gehen", bot Jane an.

„Nein", entgegnete sie etwas zu rasch.

Lanie lehnte an ihr, zeigte Jane ihren kleinen Rücken. Ihre Hände zirkelten Lisbons Brustkorb. Das Bett war so eingestellt, dass sie halbwegs aufrecht darin saß. Lanie wollte nichts anders, als ihrer Mutter nahe sein. Die Nacht war relativ unruhig verlaufen, Jane hatte kein Auge zubekommen, weil sie ständig weinte, nach ihrer Mama verlangte oder Ähnliches. In diesen Stunden war ihm bewusst geworden, wie falsch es gewesen war, sie mit dem Kind alleine zu lassen. Und Jane hatte sich eingestehen müssen, dass er dabei war, sehr viel zu verlieren – wenn es nicht schon passiert war. War es das wert, alles zu riskieren?

Die junge Frau lächelte nicht über die Anwesenheit des blonden Mannes, sie duldete ihn lediglich in ihrem Krankenzimmer. Dass es Lanie gut ging, war ihr wichtig, dass es ihrem Baby gut ging, war stets ein wichtiger Gedanke, der ihr heute vom Arzt bestätigt wurde. Es waren nur mindere Blutungen gewesen, aber Schonung stand nun an erster Stelle, immerhin war sie keine 25 mehr, die Schwangerschaft wurde als Risikoschwangerschaft eingestuft aufgrund ihres Alters.

Jane studierte ihre Features. Ihr Haar war wieder etwas kürzer, aber immer noch so, dass sie es zusammenbinden konnte. Stirnfransen fielen ihr ins Gesicht und die dunklen Ringe, die er gestern unter ihren Augen gesehen hatte, waren nicht mehr ganz so deutlich vorhanden.

„Ich bin schwanger", sagte sie schließlich nach fast einer halben Stunde. Sie sah ihn dabei aber nicht an. Wollte die Reaktion seinem Gesicht nicht ablesen. „Ich konnte nicht abtreiben."

Jane lächelte sie daraufhin nur an. Was hatte das zu bedeuten?

„Das hätte ich auch nicht von dir erwartet." Er setzte sich in den Stuhl, in dem er bereits am Vortag längere Zeit gesessen war. „Aber du musst jetzt kürzer treten."

„Ich weiß schon, was ich tue", gab sie schnippisch zurück.

„Nein, Teresa …"

„Doch. Ich kümmere mich um mein Kind und mich, ernähre sie und kümmere mich um Haus und Garten." Ihre Stimme war weder freundlich noch duldsam, sie wollte und brauchte kein Kontra seinerseits hören, da sie wusste, dass sie im Recht war. Und er sollte erkennen, dass die aktuelle Situation bis zu einem gewissen Prozentanteil auch seine Schuld war, zumindest, dass es soweit gekommen war. „Du hast dich offen gegen uns entschieden und daher brauchst du eigentlich nicht einmal hier sein oder mir sagen, was ich wie machen solle. Du bist gegangen, wohin auch immer. Du hast den Schritt gemacht, nicht ich. Du …"

„Aber Teresa …"

„Und jetzt möchtest du wieder gut Freund sein? Welchen Grund hast du? Nur weil ich dein Kind in mir trage?", erklärte sie und machte eine kurze Pause. „Das ist einfach falsch."

Es war von einem gewissen Vorteil für Jane, dass gerade in diesem Augenblick der Arzt kam und Jane bat, aus dem Zimmer zu treten, damit er Teresa untersuchen konnte. Ihr Blutdruck war wieder gestiegen und das hatte den Arzt alarmiert.

„Alles okay?", fragte Jane, als der Mediziner den Raum wieder verließ.

„Ja", sagte der Mann in weiß. „Kindsvater?", fragte er vorsichtig. Der Mann hatte das kleine Mädchen gesehen, dass eng an ihrer Mutter gekuschelt eingeschlafen war.

„Ja."

Der Arzt stand in der Türe und blickte in Richtung Lisbon: „Sie müssen auf ihren Blutdruck achten und zu viel Aufregung vermeiden, sofern sie der Bettruhe entgehen wollen." Teresa nickte zustimmend. Bettruhe. Das schlimmste Übel von allen. Man würde sie ans Bett fesseln müssen. „Wenn ihr Blutdruck unten bleibt, machen wir morgen in der Früh noch einen abschließenden Ultraschall und dann können wir sie morgen, noch vor dem Mittagessen entlassen. Sofern alles in Ordnung ist. Eine der Schwestern wird ihnen einen empfohlenen Ernährungsplan für Schwangere bringen, an den können sie sich halten, er dient aber nur zur Orientierung.

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Der Ultraschall zeigte einen absolut gesunden Fötus in der mittlerweile 12. Woche. Das Geschlecht war zu erkennen gewesen, doch als der Arzt Lisbon fragte, ob sie es wissen wolle, verneinte sie es. Das Wichtigste für Lisbon war, dass das Kind gesund war. Mädchen oder Junge war nebensächlich für sie, hatte sie doch nie damit gerechnet, noch eine Familie zu gründen. Eine eigene kleine Familie zu haben.

Grace holte sie ab. Sobald Lanie ihre Mutter erblickt hatte, wollte sie nicht mehr von ihrer Seite weichen. Sie klammerte sich fest, ließ nicht mehr von ihr ab. Sobald Grade sie nehmen wollte, sodass Lisbon zum Beispiel einfacher ins Auto hätte einsteigen können, begann sie zu toben. Am Weg nachhause gingen sie noch einkaufen, kauften die Produkte, die einen positiven Schwangerschaftsausgang fördern sollten. So viele Lebensmittel hatten sich schon seit Ewigkeiten nicht in Teresas Einkaufswagen befunden.

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Licht brannte im Haus, als sie vorfuhren. Als nun angezogen in der Garage aus dem Auto stieg, war der Bauch wahrhaftig nicht mehr zu übersehen. Sie war klein und der Arzt hatte ihr von Anfang an gesagt, dass sie es nur sehr kurze Zeit verbergen können werde würde. Sie war immer klein und schlank gewesen. Seitdem Lanie in ihr Leben getreten war, hatte sie ihre sportlichen Aktivitäten nicht mehr in den Ausmaß wahrnehmen können, sie lief zwar noch ihre Runden, hatte sich extra einen zweiten Kinderwagen zum Joggen gekauft, aber seit sie schwanger war, zudem war es Winter, war sie zu nichts mehr gekommen. Ihr Stil sich zu kleiden erlaubte keine Extrapfunde und sie hatte von ihrem Stil auch keinen Abstand genommen, nichts verändert. Noch passten gewisse Teile ihrer Garaderobe, andere hatte sie ergänzt. Ihr Jeans waren immer tief geschnitten gewesen und die taillierten Blusen, darunter trug sie nun passende Tops und ließ die notwendigen Knöpfe offen, die sie nicht mehr zubekam. Auch heute trug sie eine Bluse, in einem hellen Rosa. Früher war sie locker gesessen, nun lag sie eng an, das weiße Top, das sie darunter trug, blitzte im Bereich ihrer Brust hervor.

Als sie das Haus betrat, studierte Jane sie, nickte ihnen zu, als Grace den Maxi-Cosi auf den Esstisch stellte, die Einkaufstasche auf den anderen. Er studierte Lisbon, die rasch in den ersten Stock ging, um sich umzuziehen. Nach einigen Minuten, in denen Grace die restlichen Tüten aus dem Auto geholt hatte, kam sie in grauen Jogginghosen, einem T-Shirt und einer Sweatshirt-Jacke, die sie offen trug, wieder die Treppe hinunter. Barfuß. Sie versteckte ihren Bauch nicht, auch nicht vor ihm, der an all dem überhaupt erst schuld war.

Jane war dabei, Teresas Einkauf in den bereits vollen Kühlschrank zu räumen und Grace verabschiedete sich in dem Moment, in dem sie ihre Chefin wieder im Erdgeschoß des Hauses erblickte, gab vor, noch einen Termin zu haben. Es war notwendig für sie, so schnell wie möglich dieses Umfeld zu verlassen, damit die beiden endlich gezwungen waren, zu sprechen. Es war Zeit, dass sie die Probleme lösen. Grace sagte sich immer wieder, dass Lisbon nun schwanger war und sie vor ihren Gefühlen für einander nicht mehr davonlaufen könnten, ohne dem anderen schwerwiegende, wahrscheinlich fatale Verletzungen zuzufügen.

Am Herd stand ein Topf, etwas kochte darin. Sie hob den Deckel an, es war Gemüse. In der Pfanne daneben befand sich Hühnchen. Dann blickte Lisbon in Richtung Kamin und dort saß Jane mit Lanie auf einer Spieldecke, die er neu gekauft zu haben schien und spielte mit Holzblöcken. Ein idyllisches Bild, wenn da nicht die Vergangenheit wäre.

Sie schenkte sich ein Glas Saft ein, nahm sich die Tageszeitung und setze sich auf die Couch, doch sie las nicht, sondern sah Jane zu, wie er mit Lanie spielte. Die Kleine lachte und beachtete Teresa nicht, nicht einmal im Geringsten. Vielleicht sollte es so sein? Vielleicht war sie nicht von Gott dafür geschaffen worden, glücklich zu sein, sondern lediglich anderen Menschen ein gutes, schönes und fröhliches Leben zu bescheren – so war es einst bei ihren Brüdern gewesen und nun hatte sie Lanie und das ungeborene Baby in ihrem Leib. Vielleicht war genau das ihre Aufgabe?

Sie strich über den Bauch. Bald würde sie jede Bewegung spüren, bald würde das Leben komplexer werden, noch schwieriger. Aber sie würde es schaffen, so wie ihr Leben immer gemeistert hatte. Immer.

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Ende Kapitel 16

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A/N: Gestern habe ich mich spontan an einer „The Guardian" Fanfic versucht, Pairing natürlich Nick/Lulu. – „Es geschah in einer Nacht" .de/s/525f03fb000189288810a8f/1/-The-Guardian-Es-g eschah-in-einer-Nacht- Es ist ein One-Shot, also schnell gelesen … und da kommt sicher noch der eine oder andere, weil es sich wirklich anbietet.