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Kapitel 17
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Und dass Lisbon eine Art von Eifersucht empfand, plagte sie, da sie nicht wusste, wer ihr Gegenüber war und gegen wen sie anzukämpfen hatte. War es immer noch Angela? Dann war es wahrscheinlich ein bereits verlorenes Spiel, da sie gegen diese Frau niemals gewinnen können würde, nicht gegen sie, gegen die gemeinsame Vergangenheit oder die Rachegelüste, die er gegen den Mörder seiner Frau und Tochter hegte. Wäre es hingegen eine konkrete Person, könnte sie dies einfach und rational für sich rechtfertigen. In jeder Frau, die sie auf der Straße sah, sah sie mehr Frau als in sich selbst. Sie war immer eher ein burschikoses Mädchen gewesen, abgesehen von ihrer Größe. Sie bevorzugte Jeans und wenn nicht gerade notwendig war es der Sport-BH, die Seide und Spitze vorzog. Sie mochte ihre Waffen, den Nahkampf, Kickboxen und Judo – doch war sie oftmals zu leicht und klein für viele Gegner gewesen. Sie lief gerne, trank lieber Bier als Wein und mochte ein herzhaftes, saftiges, etwas blutiges Steak. Vielleicht lag es daran, dass sie unter Männern aufgewachsen war und stets ein Vorbild für ihre Brüder sein musste. Manche Frauen sahen toll aus und sie beneidete sie um ihre Attribute – sie hatten mehr Busen, tolle lange blonde oder rote Haare, eine makellose Haut, die nicht von Sommersprossen übersät war. Sie waren einfach alle feminier. Und dann war da sie. Jetzt mit ihrem Babybauch, einem Heißhunger auf Meloneneis und einem Kleinkind, das zwar ihr eignes war und doch nicht das ihre, einem großen Haus mit Garten, einem Kindsvater, der nur ab und zu seine verantwortungsvolle Rolle übernehmen wollte.
Während Jane mit Lanie spielte, die in den letzten Wochen so viel dazugelernt hatte, bald würde sie ein Jahr alt werden. Sie zog sich schon überall selbst hinauf, krabbelte durch die Gegend und manchmal hatte Lisbon ihre liebe Müde, sie noch zu erwischen, bevor sie eine Dummheit anstellte. Sie kam ganz nach ihrem Bruder. Bald würde sie im Baumarkt Sicherheitsvorkehrungen für die Stiegen und Kästen kaufen müssen, einen Safe anschaffen für ihre Dienstwaffe und viele andere Dinge. Sie hatte sich im Spital bereits eine Liste gemacht, die mit der Sicherung der Steckdosen begann.
Und Jane musste in diesem Augenblick einsehen, dass er bereits zwölf Wochen versäumt hatte, zwölf Wochen, in denen sich nicht nur sein eigenes Kind allmählich von einem Zellhaufen zu einem Lebewesen verändert hatte sondern auch sein Ziehkind – und als dieses betrachtete er Lanie im Augenblick, solch einen Sprung gemacht hatte. All das war unwiederbringlich verloren für ihn. Zwölf ganze Wochen.
Damals hatte er auch viele Schritte in Charlottes Leben nicht miterlebt, da er immer nur auf seine Karriere bedacht gewesen war. Er war immer auf Tour gewesen, immer. Als sie ihre ersten Schritte gemacht hatte. Sie die ersten Worte gemurmelt hatte. Als seine Tochter dann drei Jahre alt war, hatten sie das Geld beisammen, das große Anwesen zu kaufen, das sich nun so leicht hatte verkaufen lassen, erst dann hatte er mehr Zeit mit ihr verbracht und auch mit ihr mehr anzufangen gewusst. Doch vieles hatte sich verändert seitdem. Er selbst war erwachsener geworden, hatte gelernt einzusehen, dass manche Sachen im Leben einfach wichtiger waren als Geld. Vielleicht lag es aber auch daran, dass seine Konten heutzutage gefüllt waren, Jane in den nächsten fünfzig bis sechzig Jahren keinen Finger mehr bewegen müsste, er hatte ausgesorgt. Doch all die Nullen auf seinem Konto alleine würden ihn nicht glücklich machen, nicht wenn all das wieder passieren würde. Nicht, wenn er wieder alles verliere, das ihm etwas bedeutete, doch war er am besten Weg dorthin.
„Ich möchte an allem teilhaben", rutschte es ihm plötzlich heraus.
Lisbon wusste nicht, was sie darauf antworten sollte. Würde sie ihm nun sagen, dass er gehen sollte, wäre er für immer verschwunden, da war sie sich sicher. Doch was wollte sie? Wahrscheinlich hatte sie sich tatsächlich mit dem Fakt abgefunden, dass es ihr nicht bestimmt war, glücklich zu werden, sondern nur Freude zu geben. Sie musste jetzt an ihre Kinder denken, ihr Recht einen Vater zu haben oder zumindest jemanden, der einer Vaterfigur am ähnlichsten kam. Hatte sie in all den Jahren keinen Mann gefunden, der sich ihrer annahm, so würde sich das mit zwei Kindern nicht zum Positiven ändern und Patrick Jane war da, er wich ihr seit Jahren kaum von der Seite, außer wenn er auf mysteriöse Weise Tage oder Wochen lang verschwand.
„Einfach so, ab und zu?", antwortete sie schließlich und man konnte deutlich den Sarkasmus entnehmen, den sie mitschwingen ließ.
„Nein, nicht nur ab und zu."
„Und dann bist du wieder einige Tage oder Wochen nicht da …"
Jane stand auf, griff nach Lanie und setzte sich schließlich neben Teresa auf das Sofa. Und er griff nach ihrer Hand. Ihrer kalten, kleinen Hand.
„Ich habe ihn abgelegt", begann er zu erklären, „meinen Ehering." Er hob seine Hand, die ihre umschloss, und ließ sie den weißen Streifen erkennen, der zurückgeblieben war. „Ich habe ihn abgelegt und werde ihn nicht mehr anlegen." Lanie verlangte bei ihrer Mutter zu sitzen und er half ihr dabei, dann griff er auf ihr Kinn und schob dieses in seine Richtung, so dass er ihr tief in die Augen sehen konnte. „Ich habe dich vermisst. Aber das musste mir erst bewusst werden. Ich musste es einsehen und realisieren, dass ich jeden einzelnen Tag an dich denken musste, in der Früh und am Abend. Immer. Jeden einzelnen Tag. Anfänglich wollte ich es nicht wahrhaben."
Am liebsten hätte sie ihm geantwortet, dass er ihr auch abgegangen wäre, aber so war sie nicht. Sie behielt ihre Emotionen für sich, obwohl es mit jeder Woche der Schwangerschaft schwerer wurde. Allerdings ließ sie ihm ihre Hand halten. Und sie stieß ihn nicht weg, obwohl er so nahe an ihr saß, dass sie sein Rasierwasser wahrnehmen konnte.
„Und ich möchte, dass du mir die Chance gibst, diesem kleinen Wesen ein Vater zu sein."
„Patrick …"
„Abgesehen davon hoffe ich", Jane starrte auf ihre beiden Hände, „dass wir das auch irgendwie hinbekommen. Ich meine, wir bekommen ein Kind zusammen."
„Ich bekomme ein Kind." Dabei betonte Lisbon das erste Wort deutlich.
„Ja, du bist schwanger – mit meinem Kind. Und ich möchte der Vater sein. Ich möchte dabei sein, wenn er auf die Welt kommt. Wenn die Wehen einsetzen und wenn er seine ersten Schritte macht."
„Viele Erwartungen für jemanden, der immer davonläuft."
„Ich habe mit meiner Vergangenheit abgeschlossen. Ich werde nicht mehr davonlaufen."
Verwundert sah Teresa ihn an. Er hatte mit seiner Vergangenheit abgeschlossen, obwohl Red John noch nicht gefunden wurde? Es kam ihr etwas mysteriös vor, aus seinem Mund solche Worte zu vernehmen.
„Und was ist mit Red John?"
Er zuckte mit den Schultern. „Irgendwann werden wir ihn schnappen, aber ich werde mein Leben nicht aufs Spiel setzen", und genau dieser Erkenntnis hatte er in den letzten Wochen gefunden. Es ging nicht mehr um ihn, nein es ging um seine kleine Familie – und jetzt auch das Baby, also wirklich eine Familie. Auch wenn es ihm schwer gefallen war, es zu verstehen, so hatten sich die Prioritäten in seinem Leben geändert und wenn dies die Jagd auf Red John behinderte, dann passierte das eben. Aber er wollte nicht noch einmal eine Familie verlieren und Teresa wusste zu gut, was sie riskierte, wenn sie in seiner Nähe war.
„Morgen lasse ich ein Sicherheitssystem hier installieren und wir werden uns einen Hund zulegen, ich werde mich um ihn kümmern und mit ihm in die Hundeschule gehen. Einen Wachhund. Hier werden wir sicher sein. Hier wirst du sicher sein."
Ob all das nun ein Traum sein sollte, fragte sich Teresa mehrmals. Sie studierte sein Gesicht, während er ihr all das offenbarte und wusste nicht recht, was sie darauf sagen sollte.
„Glaubst du, dass damit wieder alles wie vorher ist?"
„Nein, wir bekommen ja ein Baby."
„Du weißt, wie ich es meine", erklärte Lisbon und strich mit ihrer freien Hand über Lanies Kopf. Zu gerne schmiegte sich das Mädchen an ihre Mutter, presste ihren Kopf an ihre Brust und ihren kleinen Körper gegen den wachsenden Bauch.
„Wir werden das schon irgendwie alles hinbekommen", erklärte Jane und drückte ihre Hand, „gib uns Zeit. Wir haben noch einige Monate bis unser Junge auf der Welt ist und bis zu diesem Zeitpunkt werden wir alle Differenzen zwischen uns aus dem Weg geräumt haben. Alle."
Aber wie er sich all das vorstellen würde, offenbarte er Lisbon nicht, denn er war sich selbst nicht sicher, wie schnell es gehen würde und wie müde sie war.
Müde, all seine Ausreden zu ertragen.
Müde, sein Gesicht jeden einzelnen Tag zu sehen.
Müde, sein Kind in sich zu tragen.
Während des Gespräches war Lanie auf Teresas Brust eingeschlafen. Jane stand auf, hob sie hoch und warf Lisbon einen Blick zu, der ihr eine Frage stellte. War es denn okay, wenn er den ersten Stock betrete? Sie nickte und stand dann aber mit ihm auf. So gingen sie schließlich gemeinsam in den ersten Stock hinauf.
„Wo warst du all die Zeit?", fragte sie schließlich auf den Stufen, in einem Moment, in dem er sie nicht ansah.
Nach einer kurzen Pause antwortete er: „Bei Angela und Charlotte."
Einen Moment blieb Lisbon stehen, dachte nach, bevor sie ebenfalls im ersten Stock ankam. Er war bei seiner Frau und Tochter gewesen, wahrscheinlich am Friedhof, hatte seinen Ehering abgelegt. Vielleicht waren es tatsächlich die ersten Schritte in die richtige Richtung. Allerdings war sie sich nicht wirklich sicher, zu oft hatte sie bereits gedacht, dass sie sich auf ihn verlassen könne und wurde dann enttäuscht, besonders seitdem sie in dieses Haus gezogen waren. Als sie noch bei ihr gewohnt hatten, damals war alles anders. Da er nicht bei ihr gewohnt hatte, also nicht wirklich, hatte sie sich niemals hundertprozentig auf seine Anwesenheit verlassen können und doch war er regelmäßiger da gewesen als in den letzten Monaten.
Wie hatte eine Sängerin einmal gesungen:
"Oh I know you're a dreamer
There's a child in your eyes
You save up all your memories
You're tired of all the lies."
Und jede einzelne passte zu Jane. Lisbon war müde, müde immer Lügen zu hören und sie sah das Kind in ihm. Sie wusste wenig über seine Kindheit und Jugend. Seine Mutter war früh gestorben und sein Vater war darauf bedacht, mit dem Talent seines Sohnes möglichst viel Geld zu machen. Welche Ausbildung er genossen hatte, wusste sie nicht, aber sie wusste etwas ganz anderes – sie wusste, dass er alles, wirklich alles in seinem Erinnerungspalast abgespeichert hatte. Jede Einzelheit seiner Vergangenheit. Und vielleicht hatte er nun eine Türe geschlossen, die in den letzten Jahren stets offen gestanden hatte. Und vielleicht war auch er nun müde, müde ihr immer irgendwelche Lüge auftischen zu müssen. Wenn er es mit Ehrlichkeit versuchen würde, wäre sicherlich alles wesentlich unkomplizierter zwischen ihnen, doch was war denn schon die Wahrheit. Eine Übereinstimmung mit der Wirklichkeit? Eine Tatsache? Ein Sachverhalt? Ode eine Absicht? Oder sollte es etwas mit der Reinheit der Gedanken zu tun haben?
Jane stand mit Lanie bei der Wickelkommode und zog ihr einen Pyjama an, den Lisbon vor kurzem erstanden hatte, da ihr der Großteil ihrer Sachen zu klein war. Sie wuchs so schnell. Und Jane musste sich eingestehen, dass sie Lisbon optisch ähnelte. Ihre großen grünen Augen, das dunkle, wellige Haar und wenn sie lächelte konnte man glauben, dass es tatsächlich Mutter und Tochter waren. Würde denn ihr Sohn ebenso aussehen? Er war sich so sicher, dass es ein Junge werden würde.
„Du machst das gut", lobte sie ihn und stand plötzlich neben ihm. „Bei mir hält sie nicht so ruhig."
„Sie ist müde und hat noch nicht einmal etwas zu Abend gegessen. Aber das werden wir gleich nachholen", sagte Jane und legte Lanie in ihr Bett. Er konnte nicht ahnen, dass sie die letzten Wochen immer in Lisbons Bett geschlafen hatte, weil sie sich zu müde fühlte, mehrmals in der Nacht aufzustehen, wenn sie weinte. Also hatte sie irgendwann das gemacht, von dem alle Bücher abgeraten hatten, sie ins eigene Bett geholt. Daher nahm sie sie nun wieder heraus und trug sie in ihr Zimmer, drehte zuvor aber im Kinderzimmer das Licht ab.
Jane war verwundert, als er in den ersten Stock kam und lediglich in Teresas Zimmer Licht brennen sah. Doch als er in der Türe stand, erkannte er ihr Vorhaben.
„Das ist nicht gut", erklärte er und kam mit dem Fläschchen näher.
„Aber einfacher."
„Du bekommst so nicht genügend Schlaf und den brauchst du dringend."
„Mehr als wenn ich nachts dreimal aufstehen muss."
„Sie hat doch schon durchgeschlafen."
„Tja, das war einmal. Nun sind wir mindestens zweimal, meist aber dreimal wach und glauben, dass das lustig ist."
Jane sah sie verwundert an. Sie wirkte müde und sollte heute Nacht in Ruhe schlafen. „Du kannst ihr hier das Fläschchen geben, aber sobald sie schläft, tragen wir sie hinüber und ich nehme das Babyphone mit in mein Zimmer."
Es schien ein faires Arrangement, daher konterte Lisbon gar nicht sondern nickte nur. Lanie war rasch eingeschlafen und als sie gemeinsam zu Abend aßen, schien es, als wären keine Wochen männlicher Abwesenheit von diesem Tisch vergangen. Nicht dass man scherzte, nein, so weit waren sie noch nicht, aber er erzählte ihr vom Friedhof, dem schäbigen Hotel und dass er Angela von ihr erzählt hatte, jeden einzelnen Tag, an dem er auf dem Rasen des Friedhofes vor den Grabsteinen von Frau und Tochter gesessen hatte. Er erzählte ihr, mit Tränen in den Augen, dass er eingesehen hätte, dass sein Leben weitergehen müsse, ob er nun Red John fange oder nicht und es nun andere Menschen in seinem Leben gebe, die ihm viel bedeuten würde. Für diese könnte er aber nur dann da sein, wenn er mit seiner Vergangenheit abschließe, da sie wie eine Barrikade zwischen ihm und seiner Zukunft stünde. Und so saß er nun am Tisch, trank Wasser und starrte in ihre grünen Augen, die einen sanften Schleier von Tränen zu verbergen versuchten.
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Ende Kapitel 17
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Lyrics: Bonnie Tyler „Silhouette in Red"
A/N: Spät aber doch noch und etwas schmalzig das Kapitel, ich weiß …
Red and Review …
