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Kapitel 21
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Im Spital war Jane jede Minute an Teresas Seite, ließ sie keinen Augenblick aus den Augen. Nicht einmal, als sie seine Hand so fest drückte, dass er glaubte, sie würde sie ihm brechen, ließ er von ihr ab. Fünf Stunden Kreissaal, bis es endlich vollbracht war – kurz vor Mitternacht.
Ein kleiner, rosa Körper mit einem blonden Flaum und großen Augen, der ganz kräftig aus ganzer Lunge brüllen konnte, ja dieses Wesen hatte Lisbon entbunden.
Als man das Baby gesäubert, vermessen, gewogen und untersucht hatte, legte man es ihr mit einem Weichen Tuch an die Brust – Mutter und Kind, Haut an Haut.
„Wir brauchen einen passenden Namen", sagte Jane mit einem breiten Lächeln auf den Lippen. Er konnte sich nicht mehr an den Tag erinnern, an dem er zuvor so glücklich gewesen war. Stolz und glücklich. Und dazu hatte Teresa ohne Murren, ohne Medikamente, ohne fremde Hilfe dieses perfekte Wesen, mit zehn perfekten Fingern und zehn perfekten Zehen auf die Welt gebracht.
„Felicity Philomena – Glück und Liebe", murmelte Teresa.
„Philomena … die Geliebte, die zu Liebende … die das Leben liebende … perfekt, Teresa."
Vorsichtig strich er seiner Tochter über den Kopf. Sie hatte sofort heraus gehabt, wie man sich an des Mutters Brust schmiegte und daraus Profit zog. Eine Schwester hatte Lisbon zeigen wollen, wie das Stillen funktioniere und wie man ein Baby am leichtesten dazu bringen würde, zu trinken – doch Felicity hatte nicht mehr gebraucht als den Hautkontakt, den Geruch und wenige Sekunde später hatte sie die Brustwarze schon zwischen ihren Lippen. Die frischgebackene Mutter war kurz erschrocken, war es ein so vollkommen neues Gefühl, eine neue Empfindung.
Patrick saß nun an Teresas Bett, an sie geschmiegt und beobachtete seine Tochter.
„Sie kommt ganz nach ihrem Vater", erklärte Lisbon mit einem Lachen am Ende. Fragend sah er sie an, nicht ahnend, worauf sie anspielte. „Die Brust … sie kann genauso wenig wie du davon ablassen."
Und tatsächlich schienen Stunden zu vergehen, dabei waren es nur wenige Minuten, in denen sie Felicity beim Stillen beobachteten. Der perfekte kleine Mund, die rosig-roten Lippen, die geschlossen Augen mit den langen blonden Wimpern.
55cm weiche, rosa Haut. Ein kleiner runder Po. 3890 Gramm. Reiner Perfektionismus.
Irgendwann kam eine Schwester ins Zimmer, kontrollierte die jungen Eltern. Ihr Blick war ernst. Kontrolliert.
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Am Tag nach der Entbindung wurden Mutter und Kind bereits nach einer letzten Untersuchung entlassen und zuhause erwarteten sie bereits ihre Freunde vom CBI, die inzwischen auf Lanie aufgepasst hatten. Cho, Rigsby und Van Pelt hatten sich freiwillig bereits im Vorfeld gemeldet, dass sie sich um das kleine Mädchen kümmern würden, wenn es einmal so weit sein würde.
Als Lisbon, nur in dunklen Sweathosen und einem einfachen Top, einer Sweatshirtjacke, das Haus betrat, kamen alle drei bereits voller Begeisterung auf sie zugestürmt – Lanie hingegen, die auf Graces Arm saß, sah skeptisch drein. Sie schien sich über das aktuelle Vorgehen zu wundern, in soweit man das von einem kleinen Kind überhaupt erwarten konnte.
Felicity schien Lanie einfach nicht geheuer zu sein. Ein kleines Wesen das schrie und wenn sie dies tat sofort an die Brust – ihrer – Mutter gelegt wurde? Man konnte beinahe die Rädchen in Lanies Kopf sehen, wie sie versuchte, die neue Situation zu verarbeiten.
Teresa merkte rasch, bereits am ersten Nachmittag, dass ein Ungleichgewicht herrschte – immerhin war ihr Eifersucht unter den Geschwistern nichts Neues. Ihre Brüder hatten immer wettgeeifert. Daher nahm sie Lanie, als das Baby das nächste Mal nach ihr verlangte, an der Hand und nahm sie mit, als sie Janes altes Schlafzimmer betrat, um sich beim Stillen nicht stören zu lassen.
Nicht einmal einen Tag lang war sie nun wirklich – wirklich – Mutter und es schien bereits ein natürlicher Prozess zu sein. Sie wickelte, reinigte und legte das Baby an ihre Brust, als hätte sie in all den Jahren zuvor nie etwas anderes gemacht. Und doch hätte ihr Alltag vor 13 Monaten nicht anders aussehen können!
So setzte sie sich mit Lanie und Felicity auf das große Doppelbett, drapierte einen Polster auf ihrem Schoß und begann das Neugeborene zu säugen. Lanie beobachtete sie angestrengt.
„Mama", murmelte das ältere Mädchen und starrte das Baby an.
Vorsichtig nahm Teresa Lanies Hand und ließ sie über des Babys Kopf gleiten – zärtlich, vorsichtig, als würde etwas zerbrechen können.
„Mama", wiederholte sie.
„Felicity. Ihr Name ist Felicity", wiederholte sie ganz langsam. Doch in Wahrheit war Lanie nicht wirklich an dem Kind an Lisbons Brust interessiert, es war vielmehr die Aufmerksamkeit, die sie nun teilen musste. Die Nähe suchend, schmiegte sie sich an die dunkelhaarige Frau, die ihren Arm um das kleine Wesen an ihrer Seite gelegt hatte.
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„Wo ist Teresa hin verschwunden?", fragte Grace vorsichtig, als sie wieder aus dem Garten ins Haus kamen. Weit und breit war kein Ton zu hören. Nichts. Absolute Stille. Kurz kam in Jane dezente Panik auf, dass etwas passiert sein könnte, doch diese wurde sofort gelindert, als er die offene Schlafzimmertüre sah.
Teresa hatte die Pölster hinter sich drapiert und war in einer halb sitzenden Position mit immer noch entblößtem Oberkörper, stillend, eingeschlafen. Und es war ihr nicht zu verdenken, hatte sie doch erst in der Nacht zuvor ihr erstes Kind auf die Welt gebracht.
Vorsichtigen Schrittes näherte sich Jane, nahm ihr Felicity ab und reichte diese an Grace, die sie voller Entzücken in ihre Arme schloss und mit ihr ins Wohnzimmer ging; er knöpfte beinahe zärtlich zwei Knöpfe von Lisbons Bluse zu und deckte sie mit einer dünnen, am Bett liegenden, Decke zu. Sie wirkte entspannt, glücklich und zufrieden – so ruhig schlafend hatte er sie schon lange Zeit nicht mehr gesehen. Und an ihrer Seite, in ihrem Arm, ihre Nichte. Rein rechtlich war sie nun ihre Tochter und Janes Gedanken waren bereits mehrmals um die Idee der Adoption der kleinen Lanie gekreist, wollte er doch, dass sie ebenso ein vollwertiges Familienmitglied war wie seine eigene Tochter. Er hatte es sich geschworen, keinerlei Unterschiede zwischen den Kindern zu machen, niemand hatte diese Differenzierung verdient.
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Die ersten Wochen waren anstrengend, weitaus energieraubender als Jane es in Erinnerung gehabt hatte. Die Nächte waren kurz, die Tage intensiv und es blieb wenig bis keine Zeit für Zweisamkeiten. Manchmal sehnte er sich einfach nach einer Stunde, in der er Teresa in seine Arme schließen konnte, um diese Momente einfach zu genießen.
Doch das war ihnen klar gewesen, als sie kurz vor der Entbindung gestanden hatten, dass die Idylle nun für einige Wochen, Monate vorbei sein würde. So unauffällig Lanie in ihrem Verhalten immer gewesen war, so brav sie durchgeschlafen hatte, ab dem Zeitpunkt, an dem sie zu Teresa gekommen war – umso gegenteilhafter war Felicity.
Untertags war sie ein Energiebündel, begeisterte jeden Gast, der sie besuchen kam. Sie grinste und ihre blauen Augen strahlten, sobald sie ein fremdes Gesicht sah. Mit nur wenigen Tagen war sie bereits in der Lage, jeden Besucher um den Finger zu wickeln, ihn für sich zu gewinnen. Irgendwann merkte Grace an, dass es wahrscheinlich Janes Gene waren, die sie so verführerisch strahlen ließen.
Allmählich fand auch Lanie mehr Gefallen an der Umstellung, doch vielleicht lag es auch daran, dass all die Gäste die allmählich vorbeikamen, um Jane und Teresa zu gratulieren, auch Geschenke für sie mitbrachten. Ihre anfänglich lustigen Laufversuche waren in den letzten Tagen immer stabiler geworden, was sicherlich auch damit zusammenhing, dass man nicht mehr jedes Mal aufsprang, wenn sie einen Laut von sich gab, sondern sich nun auf zwei sehr aktive Wesen im Haus konzentrieren musste.
So saßen Grace und Teresa eines Samstagnachmittags auf der Terrasse auf der Terrasse. Teresa war weicher geworden in ihrem gesamten Verhalten innerhalb der letzten Wochen, offener. Sie war auf ihr Aussehen bedacht, machte sich aber nichts mehr daraus, Felicity in Graces Gegenwart zu stillen. Anfänglich war dies für sie eine große Hürde gewesen, ein Vertrauensbeweis, den sie nicht so leicht aussprechen konnte. Langsam hatten sie sich zu der Status Quo hingearbeitet. Das erste Mal, hatte sie Grace schüchtern gefragt, ob es sie stören würde – immerhin war es für Lisbon keine Selbstverständlichkeit gewesen. Van Pelt hingegen war mit solchen Vorgängen aufgewachsen, alle ihre Freundinnen aus der Teenagerzeit hatten bereits Kinder, so ihre Schwestern und niemand machte sich Gedanken über Intimitäten.
Es waren kleine Schritte, aber es waren welche und so entwickelte sich allmählich eine innige Freundschaft zwischen den zwei Frauen.
„Wann wirst du wieder zu arbeiten beginnen?", frage Grace und trank von dem frisch zubereiteten Eistee, blickte in den weitläufigen Garten, der hinter dem Haus angelegt worden war. Es war ein sonniger Nachmittag und vor kurzem hatten sie erst die beiden Mädchen zum Schlafen bewegt. So rasch Lanie bisher immer zu Mittag eingeschlafen war, umso mehr Zeit ließ sie sich jetzt – erst wenn man sich neben sie gesetzt hatte, ließ sie es zu. Und dann dauerte die Ruhephase im Hause Lisbon-Jane maximal eine Stunde.
„Ich weiß es nicht. Der Arzt meinte, ich könnte aus rein medizinischer Sicht jederzeit wieder beginnen. Ich habe 13 Wochen, die ich mit minder reduzierter Bezahlung zuhause bleiben kann und ich überlege, ob ich sie nicht komplett nutze." Teresa stellte ihr Glas zur Seite. „Wir können uns die Gehaltsreduktion leisten und man versäumt so viel in den ersten Wochen …"
„Du überlegst doch nicht etwa …?", deutete die rothaarige Frau an und sah ihre Vorgesetzte mit einem ernsten Blick an, die allerdings auf ihre Hände starrte.
„Doch …", gab sie leise zu. „Ich überlege, ob es so weitergehen kann. Ich habe mein gesamtes Erwachsenenleben der Polizei gewidmet, der Suche und Jagd von Verbrechern und nun, nun habe ich zwei kleine Kinder und allein die Idee, dass ich angeschossen werden könnte und dadurch eventuell Felicitys erste Schritte nicht erleben könnte oder nicht dabei sein könnte, wenn eine der beiden den ersten Schultag hat …"
„Ich verstehe …"
„Grace, du verstehst es nicht. Für dich bedeutet der Job im Moment noch alles. Dort war ich. Dort war ich letztes Jahr noch. Aber dann kam Lanie in mein Leben und Kinder und dieser Job sind unvereinbar. Ich könnte einen Verwaltungsposten annehmen, etwas stabiles, etwas, wo ich nicht reisen müsste."
„Und was sagt Jane dazu?"
„Patrick … er sieht ein, dass wir in Sicherheit sein müssen. Das Haus, der Garten, alles hier ist überwacht, überall sind versteckte Videokameras untergebracht. Natürlich will er Red John immer noch fangen, keine Frage. Aber vielleicht werde ich nicht mehr die tragende Rolle bei dieser Jagd in Zukunft spielen? Wer weiß …"
„Was sagt er dazu?"
„Er überlässt mir die Entscheidung."
Sie nickte abermals. Auf der einen Seite verstand sie die Überlegung, sich beruflich verändern zu wollen. Es gab Wochen, in denen sie nur darauf warteten, einen neuen Fall zu bekommen. Und dann gab es Monate, in denen sie maximal vier oder fünf Nächte am Stück in den eigenen Betten verbringen konnten, da sie jede andere Nacht in einem billigen Motel verbrachten, in einem Bett schliefen, wo schon hundert andere auch geschlafen hatten. Und wie wollte sie dies als Chefin mit zwei kleinen Kindern koordinieren? Es war ja nicht so, als ob Jane zuhause bleiben würde.
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Als Jane und Teresa an einem Abend in der folgenden Woche gemeinsam am Esstisch saßen, frisch gemachte Pizza aßen und Wasser tranken, unterhielten sie sich über den gestiegenen Verbrauch an Babyfeuttüchern – eine Banalität, die sie herzlich lachen ließen. Kaum war dieses verebbt, begann sich schon Felicity zu melden. Einen Kontrollblick auf die Uhr später, war sie auch schon in Teresas Armen.
„Du bist so schön", erklärte Jane und rutschte näher an Lisbon, beobachtete sie, wie sie begann, das Baby zu nähren. „Alleine diese Anblick … so perfekt, Teresa. So unglaublich perfekt."
Und keiner der beiden sah die Gestalt, die in ihrem roten Mantel durch den Garten huschte, seitlich der großen Balkontüre stehen blieb und durch diese spähte – eine Silhouette in Rot.
Weder Teresa noch Patrick rechneten damit, dass sie beobachteten wurden, dass jeder ihrer Schritte in den letzten Wochen und Monaten beobachtet worden waren. Niemals hatte er sie aus den Augen gelassen, niemals hatte Red John eine ihrer Handlung nicht protokolliert – doch er wartete auf den richtigen Augenblick. Den richtigen Moment.
So stand er auch an diesem Abend in seinem Versteck, nachdem er das Überwachungssystem ausgetrickst hatte und studierte die perfekte kleine Familie – eine Idylle. Perfektion.
Wie lange würde er sie in dieser Welt leben lassen?
Wie lange würde er zusehen können?
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THE END
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A/N: Ein herzliches Danke an alle Leser, die so brav durchgehalten haben. Nun ist meine erste The Mentalist Fanfiction endgültig zu ende gegangen und ich weiß nicht, ob es wirklich mein Fandom zum Schreiben ist.
Doch diese 21 Kapitel haben viel Spaß gemacht, sehr viel Spaß sogar … besonders all eure Reviews.
