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Kapitel 21

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Die letzten Kisten waren verpackt, zugeklebt und beschriftet, als Kate am Morgen ihr Apartment verließ. Sie trug die letzten dunkelblauen Jeans, die ihr passten, da sie einen sehr niedrigen Bund hatten. Dazu hatte sie sich für ihre Lieblingsbluse von Burberry entschieden. Das Haar hatte sie zu einem saloppen Knoten gebunden und wartete nun in strömendem Regen vor der Praxis von Dr. Montgomery auf Rick.

Beckett war an diesem Morgen eher ruhig und Rick bohrte nicht nach. Auch nicht als er neben ihr im Wartezimmer saß, inmitten vieler hochschwangerer Frauen. Und es gewisses Unbehagen kam in ihm auf. Würde er all das wirklich noch einmal durchstehen? Die Launen. Die Wehen. Das Geschrei.

Natürlich hatte Rick einige Erkundigungen über Kates Ärztin eingeholt, etwas Recherchiert. Sie war Gynäkologin, wie einige in ihrer Familie. Ihre Cousine war eine der bekanntesten Pränataldiagnostikerinnen der Vereinigten Staaten – Dr. Addison Forbes-Montgomery. Sie war eine schöne Frau, Addison, hatte Rick erkannt und fragte sich, in wie weit Mary ihr gleichen würde. Und Rick kannte Addison, immerhin hatten sie einen Sommer in England, besser gesagt in Eton, gemeinsam verbracht und waren sich in diesen Monaten nähergekommen. Doch als ihre Mutter erkannte, dass er aus keiner reichen Familie mit Ferienhaus in den Hamptons und Skihütte in Aspen entstammte, wurde der Kontakt abgebrochen.

Als sie schließlich den Untersuchungsraum betraten, hatte Rick keinerlei Zeit, um Mary genau zu studieren. Sofort drehte sich alles um Kate, die Wölbung ihres Bauches und deren Inhalt.

„Der Vater nehme ich an?", fragte Mary Kate kurz, die nur nickte.

„Rick", stellte er sich vor, verzichtete lieber auf den Nachnamen und Kate schien des zu gefallen.

„Bevor ich zum Ultraschall komme, gibt es Fragen, die euch beantworten kann?"

„Bei meiner ersten Tochter haben wir einen Geburtsvorbereitungskurs gemacht, ist das heute auch noch angesagt?"

„Sofern Kate keinen geplanten Kaiserschnitt haben wird auf alle Fälle." Beide Augenpaare richteten sich auf Kate.

„Normale Geburt."

„Gut, dann gebe ich euch einiges an Material mit. Es sind unterschiedliche Kurse. Manche dauern lediglich ein Wochenende, manche ziehen sich einmal in der Woche über einige Wochen. Ich würde Zweiteres andenken, da man mehr Erfahrungen dabei sammeln kann."

„Wie sieht es aus mit Pilates und Yoga?", fragte Rick und blickte Kate an. „Ich habe gelesen, dass es sogar gut für die Schwangere sein kann. Stimmt das?"

„Ja, Kate und ich haben uns das letzte Mal schon darüber unterhalten. Es gibt Übungen, die nicht gut sind, aber das merkt sie, da sie kein Neuling auf dem Gebiet ist."

„Kate? Gibt es Fragen von deiner Seite?" Sie schüttelte den Kopf. „Gut, dann würde ich sagen, beginnen wir mit dem Ultraschall."

Als Kate am Untersuchungsbett lag, knöpfte sie die Hose auf, zog ihre Bluse nach oben und versuchte sich zu entspannen, doch es wollte nicht recht funktionieren. Rick griff nach ihrer Hand und streichelte sie sanft, lenkte sie von der Kälte des Gels ab, welches über ihren Bauch verteilt wurde.

„Also …", am Bildschirm sah man lediglich etwas vollkommen Undefinierbares, wollte man Ricks Gesichtsausdruck Glauben schenken, doch Mary begann zu erklären. Sie zeigte auf diverse Punkte am Monitor. „Euer Baby kann bereits gut hören, wenn ihr also zum Beispiel laut Musik hört, bekommt es das mit. Manchmal reagieren sie sogar, also etwas später, wenn es etwas größer ist, auf Musik. Einfach einen Kopfhörer auf den Bauch legen."

Dann begann sie es zu vermessen. „Im Moment hat es 6,5 Zentimeter. Das passt wunderbar. Etwas übe den Durchschnitt." Weiters erklärte Die Gynäkologin, dass das kleine Wesen in Kates Bauch bereits hell von dunkel unterscheiden könne – man könnte es mit einer Taschenlampe schon reizen.

Sie markierte einige Punkte und erklärte weiterhin einiges über die Entwicklung des Kindes, wie dass es zum Beispiel bereits Stimmbänder habe. Dann drückte sie auf einen Knopf und plötzlich waren die Herztöne zu hören. Rick starrte auf den Monitor, Kate tat es ihm gleich und gemeinsam lauschten sie dem pumpenden Geräusch. Alles schien weniger wunderlich, weniger fern. Es schien realistischer.

Bisher war das Baby für Rick immer noch etwas gewesen, das unrealistisch erschien. Nun hatte er es gesehen. Seinen Herzschlag gehört. Er war fasziniert von dem, was er in der einen Nacht geschaffen hatte. Einer Nacht, die sein gesamtes Leben verändern sollte. Er würde ein zweites Mal Vater werden, etwas das er sich bereits mit Gina sehnlich gewünscht hatte. Doch nun war es wahr. Realität. Keine Phantasie mehr. Kein Wunschtraum. Kein Hirngespenst. Nein. Er würde Kate privat nicht mehr von seiner Seite weichen lassen. Irgendwann müsste er ihr das nur verständlich machen, die richtigen Worte finden.

„Blutungen oder etwas dergleichen?", fragte Montgomery Kate.

„Nein, bisher nichts."

„Gut. Wenn ihr Sex hattet und es zu Blutungen kommt, die nur kurz anhalten, dann braucht ihr euch keine Sorgen machen. Da Gewebe ist viel stärker durchblutet, viele kleine Äderchen müssen jetzt viel mehr Blut transferieren als früher, daher platzt schon einmal das eine oder andere. Von heftigen sexuellen Spielen würde ich Abstand nehmen, aber normaler …"

„Das ist kein Thema", erklärte Kate kurz und kühl.

„Okay", sagte Mary verwundert und warf einen Blick das Paar, das ihr doch so perfekt vorkam.

„Wie lange darf Kate im Außendienst tätig sein?", fragte Rick vorsichtig.

„So lange sie es für richtig hält."

„Das habe ich euch doch gesagt", murmelte Kate leise.

„Und so lange es eine Weste gibt, die sie tragen kann. Von hohen Absätzen würde ich absehen, aber das scheinst du bereits getan zu haben. Abgesehen davon – viel Schlafen, regelmäßige Mahlzeiten, wenig Stress."

„Wir ziehen gerade um …"

„Keine schweren Kisten", ermahnte sie noch, bevor sie Kate den Bauch abwischte und ihnen den Ausdruck des Ultraschalls zeigte. „Das nächste Mal können wir vielleicht schon das Geschlecht feststellen."

„Wir wollen es nicht wissen", erklärte Kate für sie beide. Sie haben zwar niemals darüber gesprochen, doch war es für Beckett klar, dass wenn sie es nicht erfahren wolle, dasselbe auch für Rick gelte.

Schließlich wurde Kate gewogen, ihr Bauch gemessen und ihr erklärt, dass es normal sei, 1.5 Kilogramm pro Monat zuzunehmen, daher sollte man auch in etwa 250 Kalorien am Tag mehr zu sich nehmen. Sie reichte Kate eine Broschüre über richtige Ernährung während der Schwangerschaft und eine weitere zur Geburtsvorbereitung.

Mit einem Rezept für Schwangerschaftsvitamine in der Hand waren sie dabei die Räumlichkeit zu verlassen.

„Soll ich Addison Grüße ausrichten?", fragte Mary mit einem Lächeln auf den Lippen.

Rick drehte sich verwundert um. Wie hatte sie so schnell eins und eins zusammenzählen können?

„Natürlich, danke."

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Es war zehn Tage vor Weihnachten, der erste Schnee fiel und es hatte gefährlich an Temperatur verloren. Die Straßen von New York waren vereist, der Wind trieb die Kälte in die Knochen der auf der Straße gehenden Bevölkerung.

An diesem Mittwoch hatte Rick die Arbeiter beim Aufbau der Küche und anderer Möbel beobachtet. Sie würden am Donnerstag Kates Sachen holen und am Freitag würden sie alle die erste Nacht in der dann wohl mit Kisten vollgepackten Wohnung übernachten. Das erste Mal eine Familie sein. Oder wie man das auch immer beschreiben wollte.

Währenddessen rief ihrem Vater an, sprach ihm abermals aufs Tonband mit der Bitte um Rückruf. Zwei Stunden später wählte sie noch einmal Jims Nummer und sprach ihm schließlich die neue Adresse aufs Band und die Bitte, am Freitagabend bei ihr vorbeizukommen, dann würde sie ihm alles erklären.

Dass ihr Vater sich nicht bei ihr meldete, machte Beckett nervös. Es war nicht sein Stil, doch hatte Jim schon immer eigenartige Anwandlungen gehabt. Nach dem Tod der Mutter hatte Jim getrauert, obwohl es eher ein in Alkohol-Ertränken gewesen war. Dann waren es Frauen. Kate zog aus, konnte ihm nicht in die Augen sehen. Sie versuchte verzweifelt den Mörder ihrer Mutter zu finden, während Jim dabei war, sie zu vergessen oder vergessen zu wollen.

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„Du hast kein System beim Einräumen", meckerte Kate, als am Freitagmittag Lanie dabei war, ihre Bücher im oberen Wohnzimmer ins Regal zu räumen.

„Größe", gab die dunkelhäutige Frau zurück.

„Wer sortiert Bücher nach Größe?", kam es von Kate, die nun neben ihr stand und begann die Bücher zu sortieren.

„Sortieren kannst du sie doch später einmal, jetzt geht es ums Ausräumen."

Und so ging es weiter. Lanie half ihr beim Befüllen ihres Schrankraums, bewunderte abermals ihre Schuhsammlung und die Masse an Lederjacken, die sie auf die linke Seite des Raumes hängte.

Irgendwie hatte der obere Bereich in den letzten Tagen ungemein an Wohnlichkeit gewonnen. Das Kinderzimmer war eingerichtet, wartete nur noch auf Dekorationselemente. Im Wohnraum stand oben die alte Couch, da die hellblaue noch einige Woche auf sich warten lassen würde. Auch diese passte wunderbar vor den Kamin und machte den Raum warm. Es gab noch keine Vorhänge vor den großen Fenstern, da sich Kate nicht entscheiden konnte, was sie wollte.

Im unteren Geschoß hingegen herrschte eher das Chaos. Martha half Rick, doch im Endeffekt artete es eher in sinnlosen Diskussionen aus. Bisher hatte sich stets eine Innenarchitektin um das Einräumen und alles was dazugehörte gekümmert.

Alles ging so schnell. Alexis hatte nur am Vormittag Schule gehabt und war innerhalb von drei Stunden mit dem Auspacken fertig gewesen. Es war schnell gegangen, da alle Möbel bereits an dem Platz waren, wo sie hingehörten. Nun war es nicht mehr das Zimmer eines älteren Kindes sondern einer jungen Frau. Gediegener, weniger bunt und mit mehr System.

Neben all dem Trubel hatte Rick sogar noch dafür gesorgt, dass ein großer Christbaum aufgestellt wurde. Er war allerdings noch nicht geschmückt, dafür würden sie das Wochenende benötigen.

Es war nach 20 Uhr, als schließlich alle Gäste gegangen waren und die drei gemeinsam beim Abendessen saßen – Alexis, Rick und Kate

Plötzlich läutete es an der Türe. Rick öffnete sie und vor ihm Stand Jim Beckett. Er sah verwundert und zugleich etwas verärgert aus.

„Mister Beckett", begrüßte er ihn und ließ ihn ein. Alexis verschwand aus dem Wohnzimmer in ihr Zimmer, wissend, dass es eventuell unschön ausgehen könnte.

„Dad", sagte Kate strahlend. Sie trug weite Jogginghosen, dicke Socken, ein Trägershirt und eine Sweatshirtjacke. Ein Outfit in dem man Kate selten zu sehen bekam.

Jim musterte die Szene sorgfältig. Er erkannte sofort, dass etwas im Busch war, was, war ihm allerdings noch nicht klar. Seine Tochter wohnte in einem neuen Apartment, viel zu groß und teuer für ihre Gehaltsstufe. Und dann war da noch Mister Castle, der Mann, der sie regelmäßig auf die Palme brachte, ihr einst allerdings über den Tod ihrer Mutter hinweg geholfen hatte – nicht er, seine Bücher.

„Setz dich, Dad", forderte Kate ihn auf und ging mit ihm zur nagelneuen Couch, die vor dem nicht brennenden Kamin stand, neben dem nicht geschmückten Christbaum.

„Ich kann nicht lange bleiben, Kate."

„Dad, bitte."

Rick hielt sich im Hintergrund. Auf der einen Seite hätte er Kate gerne beigestanden, auf der anderen wusste er nicht recht, wo die Grenze gezogen war. So stand er in der Küche, als sich Jim hinsetzte und Kate ihm gegenüber Platz nahm.

„Ich muss dir etwas sagen", begann sie.

„Dass ihr ein Paar seid? Das habe ich schon gesehen", erklärte er und zog eine Zeitschrift aus seiner Jackentasche. Den Enquire. Ein Klatschblatt. Als das Papier auf dem Couchtisch landete, sah Kate einige Fotos, die geschossen worden waren. Sie zeigten das Trio beim Einkaufen im Möbelhaus.

„So einfach ist das nicht."

„Nein? Wieso?"

„Wir sind kein Paar. Aber ich bin schwanger, Dad."

Entsetzt sah er sie an. So entsetzt, als hätte man ihm erklärt, dass seine Frau nach all den Jahren doch noch am Leben sein würde.

Nicht dass Kate gedacht hatte, dass er ihr um den Hals fallen würde und sie beglückwünsche. Nein, bei Gott nicht. Sein Gesicht war wie aus Stein, stoisch.

„Habe ich dich so erzogen?"

Rick kam einige Schritte näher an Kate heran, setzte sich schließlich neben sie und legte seine Hand auf ihren Rücken, vorsichtig und zögerlich.

„Dad …"

„Katherine Houghton Beckett, habe ich …?"

„Du Dad? Du warst die meiste Zeit während meiner Kindheit und Jugend nicht da. Wenn mich jemand erzogen hat, dann war es Mom. Also wirf mir das nicht vor." Sie atmete tief durch. „Freust du dich denn gar nicht für mich?"

„Wie soll ich? Du bist unverheiratet, mit dem Vater des Kindes nicht zusammen – es ist ein Kind der Sünde."

„Dad?" Kate war entsetzt. Ihr gesamter Körper hatte sich angespannt.

„Ich verstehe nicht, wie das passieren konnte. Ist wenigstens er der Vater?", fragte er und zeigte kurz auf Rick. „Immerhin scheint es so, als würdest du jetzt mit ihm zusammenleben."

„Ja, wir wohnen zusammen. Ich habe meinen Schlafbereich hier auf dieser Ebene und Kate oben", erklärte Rick, seine Stimme ernst und hart.

„Na immerhin …"

„Hast du getrunken, Dad?", fragte Kate und wusste nicht mehr, woran sie war. So hatte sich ihr Vater noch nie verhalten.

„Nein. Seitdem ich regelmäßig in die Messe gehe, ist kein Tropfen Alkohol notwendig. Ich werde für dich beten Kate. In Rom." Es kam zu einer kurzen Pause der Wortlosigkeit – Stille. Absolute Stille.

„Rom, Dad?"

„Ja, ich fliege nächste Woche mit Valetta nach Rom. Dann werden wir nach Santiago de Compostela pilgern."

„Valetta? Pilgern? Dad, seit wann …?"

„Still Kind", erklärte er und stand auf. „Ich habe genug. Ich habe meinen Glauben gefunden und das lasse ich mir von dir nicht zerstören. Valetta und ich werden heiraten, den Bund fürs Leben eingehen. Da wir die Jahre, die wir noch haben, gemeinsam verbringen wollen."

„Und was ist mit Mom?"

„Deine Mutter ist seit 12 Jahren tot. Ich will außerdem nicht mehr diskutieren. Ich werde für dich beten und ich hoffe, dass du den richtigen Weg findest. Und von ihnen, Mr. Castle, hätte ich mehr erwartet. Eine Frau, die man schwängert, heiratet man."

„Und was ist, wenn ich das nicht wollte?"

„Das würde mich mehr als nur wundern", erklärte er forsch. „Man kann es aber nicht mehr ändern. Immerhin hast du es nicht wegmachen lassen." Und mit diesen Worten ging er, ohne auf Rick oder Kate zu warten, zur Türe und ließ sie ins Schloss fallen.

Kate saß stumm, verwundet, gekränkt und zugleich verärgert auf der Couch. Sie hatte sich von Rick zurückgezogen, hatte die Beine angezogen und versuchte zu verstehen. Kate versuchte zu verstehen, was gerade passiert war. Was ihr Vater gerade gesagt hatte.

Eigentlich war es eine freudige Botschaft gewesen, die sie ihm mitteilen wollte und nun hatte es sie weiter entzweit als je zuvor.

Hatte er tatsächlich gerade die Religionskarte ausgespielt und sie wissen lassen, dass sie einen großen Fehler gemacht habe? Er und Religion? Religion? Niemals hatte diese in ihrer Familie eine Rolle gespielt. Und jetzt war er tiefgläubig, fuhr mit einer fremden Frau nach Rom, wollte Pilger werden?

Unverständnis.

Verzweiflung.

Angst.

Kate konnte ihre aktuellen Gefühle nicht beschreiben.

Es war zu viel für sie, viel zu viel.

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Ende Kapitel 21

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A/N: Okay, am Anfang war Jims Part etwas anders vorgesehen gewesen, aber irgendwie wäre es sonst langweilig gewesen. Zu einfach.

Tut mir wirklich leid …