A/N: Ich möchte den über 8000Lesern/Zugriffen dieser Geschichte danken – es ist schön, die Leserzahlen hochspringen zu sehen. Auch all den Reviewern – allen 131. Keep them rolling!
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Kapitel 23
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„Ich … ich bin nicht ganz gesund." Rick sah ihn verdutzt an. „Meine Leber", erklärte Jim. „Es waren einfach zu viele Jahre, die ich damit verschwendet habe, meine Probleme zu ertränken." Er holte tief Luft. „So habe ich auch Valetta kennengelernt. Sie war ebenso Alkoholikerin. Sie hat dasselbe Problem wie ich – Leberzirrhose."
„Mr. Beckett, da gibt es Möglichkeiten …"
Jim hob abwehrend die Hand, um Rick zu stoppen.
„Valettas Familie lebt in Italien, also zwei ihrer Brüder und es wird Zeit, Abschied zu nehmen. Für beide von uns. Sie meinen eine OP? Dafür bräuchte ich einen Spender. Und Katie kann ich jetzt nicht fragen, eine Unmöglichkeit bei einer Schwangerschaft."
Rick begann nun zu verstehen, wieso Jim sich über Kates Schwangerschaft und das baldige Enkelkind nicht freuen konnte – vielleicht würde er es niemals kennenlernen. Die Schwangerschaft bedeutete für ihn, wenn er mit einer Lebendspende gerechnet hatte, den baldigen Tod.
„Wahrscheinlich ist es die Strafe Gottes, dass ich mein Mädchen um diesen Gefallen nun nicht mehr bitten kann. Die Strafe Gottes hat sie diese Sünde begehen lassen."
„Haben sie wirklich gedacht, dass Kate noch Jungfrau ist?"
Jim lacht. „Bei Gott nein, aber ich habe ihr etwas mehr Intelligenz unterstellt, als sich von einem bereits zweimal geschiedenen Kollegen schwängern zu lassen, der sie zwar bei sich aufnimmt, sie aber nicht ehelicht – so wie es sich gehören würde.
„Das können sie nicht wissen", versuchte Rick einzuwenden.
„Ich habe keinen Ring an Katies Hand gesehen."
„Selbst wenn ich sie gefragt hätte, Kate hätte abgelehnt. Sie ist noch nicht bereit dafür. Sie hat mir deutlich zu verstehen gegeben, dass sie sich das nicht erwartet."
„Trotzdem …"
„Außerdem, möchte ich noch hinzufügen, dass ihre Tochter auch keine Frühgeburt war." Rick konnte nicht anders als ihn darauf hinzuweisen, dass Kate bereits sechs Monate nach der Hochzeit ihrer Eltern auf die Welt kam und somit auch ein Kind der Sünde war, wenn man es so hinbiegen wollte. Aber weitere Kommentare zu diesem Thema wollte und konnte Castle nicht machen, da er die so fragile Beziehung zwischen Kate und ihre Vater nicht noch mehr strapazieren wollte.
Jim nickte lediglich.
„Kate würde Valetta niemals akzeptieren", sagte Mr. Beckett und wechselte somit rasch das Thema. „Für Katie wird es niemals eine Frau geben, die den Platz ihrer Mutter einnehmen könnte, aber ich habe viele Jahre gewartet. Und Valetta und ich sind und sehr ähnlich, wir haben dieselben Probleme. Wir werden beide nicht mehr lange leben und wir haben Frieden mit Gott geschlossen."
„Frieden mit Gott?"
„Ja, wahrscheinlich ist das für sie schwer vorstellbar, aber wenn man einem Priester all da erzählen kann, was man über die Jahre hin gemacht und erlebt hat, dann fühlt man sich erleichtert."
„Wieso sollte ich das nicht verstehen können?", fragte Rick und begann allmählich zu verstehen, wieso sich Jim der Religion zugewendet hatte. In verzweifelten Augenblicken klammerte man sich an die essenziellen Bedürfnissen der Menschheit und das ist auf der einen Seite die Reinheit der Seele vor dem Ableben, die Suche nach Gemeinschaft und die Klarheit, dass man nichts Negatives zurücklässt.
Und Jim befand sich mitten in diesem Prozess. Er schien den Prozess der Beiche bereits durchlaufen zu haben. In der Kirche hatte er die Gemeinschaft gefunden und in Valetta eine Partnerin, die ihn scheinbar nicht verurteilte für das, was er in der Vergangenheit durchgemacht und getan hatte. Und dann wollte er auf Pilgerreise gehen, der letzte Schritt.
„Sie wirken nicht so auf mich, als würden sie viel auf Religion und Glauben geben."
„Man muss nicht an einen bestimmten Gott glauben, um das was dahinter steht zu wollen. Sich danach zu sehnen, da wir alle nicht wissen, wie es nach unserem Ableben weitergeht."
Es herrschte eine kurze Pause.
„Was sagen die Ärzte?", fragte Castle vorsichtig.
„Ich nehme harntreibende Medikamente und blutdrucksenkende und sie haben mich auf die Transplantationsliste gesetzt. Aber auch eine Operation ist nicht ohne Risiko. Der Flug nach Europa stellt bereits ein kleines Risiko dar, aber ich muss das machen. Ich muss pilgern."
„Wieso sagen sie es Kate nicht einfach?"
„Rick … Darf ich doch Rick sagen? … Ich kann es Katie nicht sagen und sie können es ebenso wenig. Das müssen sie mir versprechen."
Rick blickt vorsichtig auf. „Ich kann ihnen helfen, ich kann ihnen die besten Ärzte …"
„Rick, nein. Gott hat mir diese Aufgabe gestellt und nun muss ich sie meistern. Wenn er möchte, dass man eine Leber für mich findet, dann wird das passieren. Wenn nicht, so ist es Gottes Wille."
„Und was ist mit Kate?" Rick verstand nicht, wieso es immer nur um ihn ging und er niemals an seine einzige Tochter dachte, die einzige Person die noch Familie darstellte.
„Katie braucht mich jetzt noch weniger als ich gedacht habe. Sie hat sie, sie hat ihr Baby."
„Aber …"
„Nicht Rick. Ich kann es ihren Augen ablesen, dass sie ihnen sehr viel bedeutet. Meine Katie ist stur. Das hat sie von ihrer Mutter. Wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hat, dann bekommt sie es auch. Außerdem verehrt meine Katie sie, seitdem sie ihr erstes Buch in Händen gehalten hatte. Johanna las immer nur Krimis und Katie kommt ganz nach ihr. Sie haben ihr damals über den Tod ihrer Mutter hinweggeholfen und jetzt wird es dann der meinige sein – nur sind sie jetzt real."
„Jim … ich kann Kate nicht belügen … sie liest es mir sofort von den Augen ab, ahnt sofort, dass etwas im Busch ist."
„Ja … das ist meine Katie"; sagte Jim leise und lächelte. „Mir erging es mit Johanna ebenso."
Rick lächelte zurück. „Kate ist wichtig für mich, auch wenn wir nicht verheiratet sind. Sie ist die einzige Person, der ich blind vertrauen kann. Ich werde immer für sie und unser Kind da sein, egal was passiert."
„Ich weiß. Sie ziehen auch jetzt ihre Tochter selbst auf. Lassen ihrer Ex-Frau ihre Träume. Trotzdem verdient meine Tochter, dass sie sie ehelichen. Eine ehrbare Frau aus ihr machen und somit das Kind legitimieren."
„Die Vaterschaft erkenne ich so und so an. Das ist kein Diskussionsthema."
„Vor Gott."
„Gott weiß, was ich für ihre Tochter empfinde, welche Rolle sie in meinem Leben spielt."
„Die, die Valetta in meinem nun eingenommen hat. Genießen sie die Zeit, Rick, die Zeit, die ihnen gemeinsam bleibt. Sie wissen nie, wie viel Zeit sie haben."
„Lassen sie mich ihnen helfen. Ich kann ein paar Anrufe machen. Ich kenne einige Ärzte."
„Danke Rick, aber kümmern sie sich lieber um meine Tochter, machen sie sie glücklich. Seien sie da für sie. Seien sie derjenige, der sie zum Lachen bringt, ihre Augen zum Strahlen. Seien sie da, wenn mein Enkelkind auf die Welt kommt. Lassen sie sich von ihrer Sturheit nicht beeindrucken."
„Das mache ich nicht", kommentierte Rick und musste lächeln und an Kate denken, als sie darauf bestand, ein hellblaues Sofa zu bestellen. Immer wieder hatte er ihr versucht es auszureden, darauf hinzuweisen, wie wenig eine hellblaue Couch und ein Kleinkind harmonieren würden. Sie hatte aufgestampft – natürlich nur so dass man es nicht wirklich sehen konnte, aber er kannte sie einfach zu gut. Hatte mehrmals die Augen gedreht. Alles was dazugehörte. Und im Endeffekt hatte sie bekommen was sie wollte, aber das hätte sie so und so. Rick war nicht in der Lage ihr einen Wunsch auszuschlagen, nicht wenn ihn diese großen Augen anblickten. Dann war er wie Butter, in der Wärme zum Schmelzen verurteilt.
„Lieben sie sie?"
Das war eine gute Frage, die sich Rick schon seit Langem nicht mehr gestellt hatte. Liebe? Was war das noch einmal? Der Moment in dem alle Lieder Sinn machten?
„Rick, sie brauchen darauf nicht zu antworten, es geht mich auch überhaupt nichts an."
Und das hatte Rick auch nicht vor. Vielleicht sollte er sich mit dieser Thematik näher auseinandersetzen. Vielleicht sollte er sich bewusst werden, ob es Liebe war, die er für sie empfand. Er schätze ihre Nähe. Fühlte sich einsam, wenn sie nicht in seiner Nähe war. Ihr Köper erregte sie.
Jim stand auf und ging in Richtung Flur. Wenige Augenblicke später kam er mit einem Fotorahmen in seiner Hand zurück. Er reichte ihn Castle.
„Das war Katie, Johanna mit ihr aus dem Spital kam. Sie hat schon damals ihren Kopf gewusst durchzusetzen. Und Johanna hatte sie bereits am ersten Tag um den Finger gewickelt. Und auf dem zweiten Bild hat sie ihren ersten Schultag. Sie wollte unbedingt etwas Hellblaues anziehen und wir hatten damals lange Diskussionen. Und im Endeffekt war das Kleid dann hellblau."
Sie war ein hübsches Kind gewesen. Große Augen. Als Baby hatte sie einen dunklen Flaum und ihr Augen strahlten. Als sie eingeschult wurde, strahlten ihre großen Augen und ihre Haare hatte man in zwei Zöpfe geflochten, zudem fehlte ihr ein Milchzahn vorne.
Castle sagte kein Wort, nein. Er starrte nur die beiden Bilder an und schmunzelte. Wieso zeigte Jim ihm diese? Wahrscheinlich würde er es niemals erfahren.
„Egal was sie ihnen in den kommenden Monaten an den Kopf wirft, sie dürfen kein Wort über meine Krankheit verlieren. Wenn sie wie Johanna ist, dann wird es teilweise laut werden. Hormone, hatten damals die Ärzte gesagt."
„Ich werde nichts sagen."
„Versprechen sie es?"
„Ja, natürlich. Aber sie müssen mir auch etwas versprechen. Sie müssen Kate wissen lassen, dass sie es nicht so meinten … Sie verehrt sie und sie haben ein paar sehr verletzende Sachen zu ihr gesagt."
„Sie wird alles verstehen."
„Nein. Wie soll sie auch?"
„Ich werde nach Italien gehen, sie wird vergessen."
„Kate vergisst nicht, sie verzeiht manchmal …"
„Dann wird sie mir verziehen haben. Aber ich kann nicht anders. Ein uneheliches Kind … Rick!"
Eigentlich war Rick so erzogen worden, dass er keinen besonderen Wert auf Religion und Glauben legte, Traditionen hingegen stellten eine Priorität dar. Und umso weniger konnte er Jims Worte nun verstehen. Wie auch? Egal was seine Tochter machen würde, egal was, er würde sie immer lieben, ohne all das auch nur zu hinterfragen. Natürlich verhielt sich Alexis oftmals erwachsener als er, doch wenn es hart auf hart ging, wusste sie, dass er immer für sie da war. Ein uneheliches Kind? Kein Problem. Eine Teenagerschwangerschaft – unglaubwürdig, aber sie würden das Kind schon schaukeln. Natürlich wäre am Anfang etwas Enttäuschung vorhanden, aber diese würde seine Liebe nicht im Geringsten verändern.
„Ich möchte ihnen mein Weihnachtsgeschenk für Katie mitgeben. Ich werde zu diesem Zeitpunkt irgendwo in Europa sein."
Das riss Rick aus seiner Gedankenwelt.
„Natürlich", kommentierte er und blickte Jim nach, als dieser in ein anderes Zimmer ging und zwei Taschen hervorbrachte.
„Ihre Geschenke sind hier drinnen. Bitte legen sie diese dann unter ihrem Baum."
„Gerne", antwortete Rick und stand auf. Es war Zeit zu gehen. Zuhause zu retten, was noch zu retten war. Er nahm ihm die Taschen ab und ging in Richtung Eingangstüre. „Sie müssen sie aber zu Weihnachten anrufen, Jim, tun sie mir diesen Gefallen."
Der ältere Mann nickte nur und sah ihm nach, als er zu seinem Wagen ging. Rick wusste, dass er ihm mehr gesagt hatte, als er ursprünglich vorgehabt hatte – und das galt für beide Seiten.
Castle wusste, dass es ihm sehr schwer fallen würde, Beckett nichts über das Zusammentreffen zu verraten, aber umso weniger sie wusste, umso weniger Lügen musste er sich überlegen.
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Ende Kapitel 23
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