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Kapitel 24

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Auf der Fahrt nachhause ging Rick so viel durch den Kopf. Es war einfach nicht richtig, was Jim Beckett von ihm verlangte. Kate anlügen war eine schiere Unmöglichkeit. Anfänglich würde sie ihn anstarren, sich fragen, was er im Schilde führe. Dann würde sie gezielt Fragen stellen und ihn merken lassen, dass sie wusste, dass er etwas vor ihr verbarg. Und dann würde der Punkt kommen, an dem es ihn innerlich zerfraß.

Der Schneefall war intensiver geworden und er kaufte am Weg noch frische Croissants ein, um einen kleinen Vorwand gehabt zu haben. In dem Moment, als er das Loft betrat, Jims Geschenke im Wandschrank verstaut hatte, sah er, wie seine zwei liebsten Frauen, neben seiner Mutter selbstverständlich, dabei waren, das Kreuzworträtsel der Times gemeinsam zu lösen.

Vor Kate stand ein Teller mit kalten Pancakes, ein halbes Glas Orangensaft, eine halbe Grapefruit und die Teekanne war immer noch komplett gefüllt mit der rötlichen Flüssigkeit des Früchtetees. Beckett hob nicht einmal den Kopf, als er den Raum wieder betrat, doch griff sie schuldbewusst nach einer kalten Pancake bis Rick ihr den Teller entzog. Innerhalb weniger Minuten waren frische Pancakes auf Kates Teller und sie begann zögerlich sie zu essen, ohne Sirup, ohne irgendetwas. Normalerweise hätte Rick einen Witz darüber gemacht, wissend, wie gerne sie frühstückte, weil es ein Ritual gewesen, war – ihre Mutter hatte das Brunchen geliebt. Hatte diverse Speisen zubereitet und sie hatten es genossen. Doch jetzt, jetzt war alles anders.

Den gesamten Tag über blieb Kate relativ still. Sie gingen zum Tagesplan über, schmückten gemeinsam den Christbaum, den sie zuvor hatten aufstellen lassen. Genügend Schmuck war vorhanden, obwohl Kate keinerlei mitgebracht hatte. Außerdem kamen am Nachmittag Kevin, Javier, Lanie und Martha, um ihnen beim Ausräumen der weiteren Kisten zu helfen. Die Männer installierten gemeinsam alle Elektrogeräte im Wohnzimmer, während Martha versuchte einen Draht zu Kate zu finden. Lanie war bei Alexis und man hörte es oftmals Lachen aus diesem Teil der Wohnung. Sehr oft. Das erfreute Rick, wissend, dass die letzten Monate für Alexis viele Umstellungen mit sich gebracht haben, die nicht leicht zu verkraften gewesen waren. Doch sein Mädchen war erwachsener als er selbst, das wusste Castle, daher war ihm auch bewusst, dass ein Nachmittag wie dieser viel sinnvoller und erfolgreicher war, als irgendein Gespräch zwischen ihr und ihm.

„Das sollst du nicht heben", erklärte Martha und griff auf Kates Schulter.

„Das ist nur eine Kiste mit Schuhen", erklärte Kate und schob sie schließlich zum Schuhregal im begehbaren Schrankraum.

„Du musst dich etwas schonen. Als ich mit Rick schwanger war, damals war alles noch anders. Alles noch viel frauenfeindlicher und somit für Schwangere komplizierter. Ich war alleinstehend …. Ach, ich will dich nicht langweilen, Kiddo, aber glaube mir, genieße die Zeit, in der es noch ruhig um dich ist. Wenn das Kind nach Rick kommt, wirst du lange schlaflose Nächte haben."

Während Martha gesprochen hatte, war Kate zu Boden gesunken und hatte sich gegen eine der wenigen Schranktüren gelehnt. Sie war müde, erschöpft. Castles Mutter hatte gemerkt, dass Kate nicht entspannt war. Dass etwas vorgefallen sein musste, dass sie so angespannt sein ließ. Doch sie fragte nicht nach. Vielleicht wäre es gut, wenn sie über Weihnachten ein paar Tage hier verbringen würde, dachte sich Martha, um die Situation zu beobachten und mit ihren mütterlichen Instinkten gegen zu wirken, wenn es notwendig sein würde.

Doch irgendwann konnte sich Martha nicht mehr kontrollieren. „Was ist los, Kiddo? Ich sehe doch, dass dich etwas beschäftigt!"

„Ach Martha …", sagte Kate und hängte eine ihrer Lederjacken auf.

„Kate?", antwortete die Rothaarige mit einem Lächeln und setzte sich auf einen der noch befüllten stabilen Kartons.

Auf der einen Seite wusste Kate, dass es eine Thematik war, die Martha nichts anging, sie würde sie wahrscheinlich auch nicht verstehen. Auf der anderen Seite stellte sie sich seitdem sie mit ihr den Raum betreten hatte die Frage, ob sie nicht vielleicht die richtige Person war, um mit jemandem über dieses Problem zu reden. Lanie würde sie trösten, aber verstehen würde sie das alles nicht. Rick, Rick war selbst zu wütend und hatte letzte Nacht bereits das Beste getan, um sie von ihren inneren Qualen zu befreien.

Vorsichtig setzte sich Kate auf den Boden neben sie. Kurz griff sie an den Bund ihrer Jogginghosen, die sie an diesem Tag trug. Es waren dunkelblaue mit einem schmalen Bund, einem, der einst einmal perfekt gesessen hatte. Nun musste sie das Band offen lassen und die Hose saß tiefer auf ihren Hüften. Ihre Hand lag auf dem entblößten Bäuchlein, das ihr bereits so unglaublich groß vorkam, obwohl es das in Wahrheit ja nicht war.

„Ich möchte dich nicht damit belasten, Martha."

„Ach Kiddo …"

Und dann sprudelte es aus ihr heraus. „Mein Vater war gestern hier. Und plötzlich ist er gläubig. Plötzlich hat er katholische Werte. Hat mir erklärt, dass ich eine Sünde begehe." Nach jedem Satz merkte man, wie es Kate schwerer fiel, etwas zu sagen, wie sich ihre Stimme immer mehr mit Tränen füllte. „Er freut sich nicht für mich. Nicht über sein Enkelkind."

Anfänglich war Martha auf der Box gesessen, doch als schließlich die Tränen über Kates Wangen zu liefen, rutschte sie in ihrer Tigerprinthose zu ihr auf den dunklen Paketboden und nahm sie in den Arm.

„Gib ihm etwas Zeit, wahrscheinlich kam es für ihn sehr überraschend."

„Nein, so hat er nicht reagiert. Er war sich sicher, dass ich gegen alles verstoße, an das er glaubte. Bisher war er nie gläubig. Das letzte Mal war er in der Kirche, als meine Mutter bestattet worden war. Martha …", und nun begann es sie zu beuteln, ihr gesamter Körper zitterte und sie konnte kein Wort mehr artikulieren.

Das dunkle Haar der Polizistin mischte sich mit dem roten der älteren Frau, Tigerprint mit dem dunklen Blau der Sweatshirt-Jacke.

Martha verurteilte sie nicht. Sie wusste zu wenig über Kate und ihre Familie, um diese Beziehung bewerten zu können, doch schien Jim der einzige Angehörige zu sein, den Kate noch hatte. Und trotzdem schien er ihr das Leben schwer zu machen.

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„Danke für eure Hilfe", sagte Rick, als er die Türe hinter den gemeinsamen Freunden schloss und froh war, wie wieder etwas Ruhe einkehrte.

Ohne viel nachzudenken öffnete er eine Flasche Rotwein und goss sich ein Glas ein. Es war quasi eine Art Ritual. Mit dem Weinkelch in der Hand schritt er in Richtung Fenster und warf einen sehnsüchtigen Blick hinaus. Der Schneefall war stärker geworden. Und allmählich kam weihnachtliche Stimmung bei den Castles auf, zumindest bei Rick und Alexis. Kate hingegen war ein Fall für sich.

Sie hatten in so kurzer Zeit so viel geschafft. Es war unglaublich. Nicht nur, dass er Kate geschwängert hatte und sie tatsächlich eingewilligt hatte, zu ihm und Alexis zu ziehen, nein. Sie waren sich auch irgendwie auf eine spezielle Art und Weise näher gekommen. Und die Wohnung war beinahe fertig, es fehlte lediglich die hellblaue Couch für oben. Auch das Auspacken und Einräumen hatte problemlos funktioniert, da sie Freunde hatten, die vor Arbeit nicht wegliefen. Und immer wieder hatte man ihm in letzter Zeit die Frage gestellt, was er für Kate empfand und er konnte darauf keine klare Antwort geben. Tief in ihm wusste er es, aber artikulieren war etwas komplett anderes.

Er hörte Schritte die Treppe hinabkommen, stellte das Glas auf den Couchtisch und ging in Richtung Küche, um Kate etwas zum Trinken herzurichten.

„Möchtest du Tee?", fragte er vorsichtig als sie vor ihm stand. Ihr Haar war zurückgebunden, sie wirkte müde, doch war das nicht verwunderlich.

„Gerne", antwortete sie und griff nach einer Packung Bambustee, den Martha ihr mitgebracht hatte. Er beinhaltete kein Tein, was aufgrund der Schwangerschaft wichtig war, und war auch sonst ein Wellness-Wunder, so hatte Martha es ihr versichert. Schaden konnte er auf alle Fälle nicht.

„Hast du deine Bücher ausgepackt?"

„Nein, dazu bin ich noch nicht gekommen."

„Kann ich dir dabei helfen?", fragte sie vorsichtig und blickte ihn von der Seite her an, kokett an den Küchen lesen gelehnt. Das schien nun die andere Seite zu sein, die Rick normalerweise nicht zu sehen bekam.

Mit einer vollen Teetasse gingen sie gemeinsam in Richtung Raumteiler, der stilistisch dem in seinem Loft sehr ähnlich war, nur größer.

Buch für Buch wurde aus den Kartons entnommen und begutachtet, danach wurden sie nach kurzer Beratung und den perfekten Standort, sowie dem passenden sarkastischen Kommentar über den Inhalt in das ideale Regal geräumt. Rick besaß viele Erstausgaben seiner liebsten Konkurrenten, viele davon signiert. Aber auch weniger populäre Autoren fanden sich wieder, europäische. Manche Widmung war lustig, manche frech, andere waren reine Provokation. Natürlich befanden sich auch Ricks Werke unter den Büchern. Ein Ordner mit den Korrekturen seiner Romane der Nikki-Heat-Reihe. Kate konnte nicht widerstehen und öffnete ihn. Sie sah Anmerkungen, Streichungen und eigenartige Zeichen, die sie nicht zuordnen konnte. Lektoren-Sprache? Dann befanden sich auch Kommentare am Rand dabei, was er noch einbauen sollte.

„Gina?", fragte Kate und zeigte auf die Korrekturen.

„Oh ja", kam es zurück.

Wenn es nach der Blondine gegangen wäre, wäre die Sexszene viel expliziter gewesen, beinahe pornographisch. Doch im Endeffekt war es dem Künstler überlassen, was er veränderte. Ein Lektor gab Ratschläge.

Als sie, mit leicht gerötetem Gesicht, nachdem sie die von Gina modifizierten Liebesszenen gelesen hatte, den Ordner in das unterste Regalbrett gestellt hatte, griff sie abermals in die Kiste und stieß auf gerahmte Bilder von Alexis als Kind. Sie war entzückend gewesen. Ein Lockenkopf. Eines zeigte sie kurz nach der Geburt in Ricks Arm. Ein strahlender, glücklicher Vater.

Dann entdeckte sie ein Foto von Rick und Alexis. Sie war wahrscheinlich vier Jahre oder älter. Es war eine schwarz-weiße Ansicht, zeigte die beiden von Hinten. New York City bot eine atemberaubende Hintergrundkulisse. Sie hielten sich an einer Hand. Auch wenn man ihre Gesichter nicht sehen konnte, sagte es so viel über die Beziehung zwischen Vater und Tochter aus. Und das erinnerte sie wieder an ihren Vater.

Als nächstes griff sie nach einem schwarzen Rahmen. Es war ein Bild von ihr. Von ihr? Sie starrte es an. Es war eine Farbaufnahme aber etwas älter, vielleicht ein Jahr? Sie trug eine blaue Bluse, ihre Haare hatte sie hinters Ohr geschoben und strahlte, lachte. War es auf der Weihnachtsfeier des Reviers aufgenommen worden? Sie kam sich jung vor, ihr Haar so kurz, ihr Blick so nicht ahnend, was Rick in ihrem Leben alles verändern würde. Wo hatte Rick das Foto überhaupt her?

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Es dauert genau vier Tage, bis das Geheimnis Rick auffraß. Kate hatte irgendwann bemerkt, dass er etwas vor ihr geheim hielt. Nach der Arbeit hatte sich Beckett wahrlich bemüht Zeit mit Alexis und Castle zu verbringen, aber er war ihr aus dem Weg gegangen, hatte immer wieder Arbeit an seinem neuen Buch vorgeschoben. Sobald sie auch nur den Namen ihres Vaters erwähnte oder das Gespräch andeutete, wechselte er das Thema. Zudem war es ihr nicht unverborgen geblieben, dass er an diesem Samstag, an dem er zeitig das Haus verlassen hatte, und nervös wieder nachhause gekommen war.

Auch bei der Arbeit war Rick nicht derselbe und es wurde immer deutlicher, dass er ein Geheimnis vor ihr hatte. Eines, das ihn innerlich auffraß. Zudem hatte er sie immer wieder belogen, als Kate ihn in den letzten Tagen gefragt hatte, was mit ihm los sei. Für die Polizistin war es klar, dass es eine gewisse Barriere zwischen ihnen errichtete.

Vollkommen in Gedanken versunken, saß Rick mit seinem iPhone auf seinem Stuhl und starrte auf den Monitor, ohne auch nur einen Finger zu rühren.

„Rick … was ist los mit dir?", fragte sie und nahm einen Schluck entkoffeinierten Kaffee zu sich.

Doch er reagierte nicht. Erst als Kate mit dem Fuß gegen den Sessel stieß hob er geistesabwesend den Kopf und sah Kate verwirrt an. Was wollte sie von ihm?

Ihre Stimme war nun viel ernster und er konnte auch an ihrem Gesichtsausdruck erkennen, dass sie nun nicht mehr locker lassen würde. „Was ist los?"

Es kostete Rick einige Überwindung ihr in die Augen zu sehen. Dieses herrliche Grünbraun. In der rechten Hand hatte sie einen Bleistift, die andere hatte sie, wie so oft in diesen Wochen, auf ihrem Bauch liegen. Vielleicht hatte es eine beruhigende Wirkung auf sie? Oder gab ihr eine gewisse Sicherheit?

„Hier nicht. Zuhause dann", wimmelte er sie ab und ging in den Pausenraum. Rick war in den letzten Tagen nicht tatenlos gewesen. Er hatte einen Bluttest veranlasst und einige Leute in sein Vorhaben eingeweiht. Nur Kate nicht. Einen Bluttest, der ihn in diesem Fall als Organspender ausschloss. Das hatte er bereits am Montag gewusst, nachdem er Jims Blutgruppe ausfindig gemacht hatte. Zudem hatte man ihn aufgeklärt, dass nur Familienmitglieder und gute Freunde als Leberspender infrage kommen würden und auf eine Fremdspende zu warten, würde ewig dauern. Also legte Rick sich bereits eine Geschichte zurecht, eine, die es zulassen würde, dass auch gute Freunde von ihm in Frage kommen würden. So hatte er sich auch Ryan, Esposito und Lanie anvertraut, die ihm das Versprechen abgenommen hatten, dass er Kate davon erzählen müsse, falls sich einer von ihnen als passender Spender herausstellen würde.

Und nun waren sie alle dabei, getestet zu werden. Von Anfang an hatte Rick klargestellt, dass er für alle Kosten aufkommen würde – die Krankenhausrechnungen, dem Dienstentgang. Er hatte bereits einen kompletten Plan erstellt. Auch wenn sich Jim am Anfang weigern würde, würde ihm am Ende nichts anderes übrigbleiben, als einzuwilligen und das würde er machen – für seine Tochter. Sein Enkelkind. Zumindest war das Ricks Hoffnung.

Alles was er plante, war eine Selbstverständlichkeit. Er konnte nicht zusehen, wie Kate litt. Es brach ihm das Herz.

Castle wusste, dass Jim inzwischen nach Europa abgereist war. Sein Flug war am Montag gegangen. Rick hatte seine Flugnummer und alle anderen wichtigen Daten ausfindig machen können.

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Sobald die Haustüre hinter ihnen geschlossen war, fragte Kate ihn direkt, was denn nun das Problem darstelle. Rick hatte bei der Fahrt nachhause geschwiegen, obwohl er eigentlich so viel zu sagen gehabt hätte. Doch war es weder der richtige Zeitpunkt noch der richtige Ort.

Castle sagte nicht viel, zog sich die vom Schnee nassen Schuhe im Vorraum aus und ging in Richtung seines Zimmers. Kate ging ihm hinterher und sah, wie er begann seine Hose aufzuknöpfen und sah zu, wie er aus dieser stieg. Seine muskulösen Beine. Die enganliegenden roten Boxershorts. Sie sagte nichts, stand lediglich im Türrahmen. Obwohl der Anblick ihr mehr als nur gefiel, war es nicht der richtige Moment, um einen Schritt auf ihn zu zu machen. Und nachdem sie am Wochenende in seinen Armen eingeschlafen war, war ihr bewusst geworden, dass sie sich so sehr nach seiner Wärme sehnte.

Rick schlüpfte in bequeme Freizeithosen und kam wieder auf Kate zu. Normalerweise hätte er sicherlich gelächelt, ein spitzes Kommentar für ihre Beobachtung übrig gehabt, aber an diesem Tag war ihm nicht nach Späßen.

Beim Verlassen des Zimmers griff Rick nach ihrer Hand, der zarten Hand, die sicherlich in der Lage war, Magisches zu vollrichten. Er führte sie, die immer noch erstaunt dreinsah, zur Couch. Alexis war bei einer Freundin, seine Mutter wohnte nicht mehr bei ihnen, also hatten sie das Apartment für sich alleine. Und das war notwendig. Er konnte es ihr einfach nicht mehr verheimlichen. Es fraß ihn auf. Zerstörte das zarte Band, welches sie in den letzten Wochen so sorgfältig aufgebaut hatten.

In den Tagen zuvor hatte Kate sich zurückgezogen, war zwar oft bei ihm und Alexis gewesen, aber wenn es dann darum ging, nach dem Abendessen die Zeit zu verbringen, hatte sie sich verabschiedet und vorgegeben, schlafen zu gehen. Die ungewohnte Größe des Apartments hatte sie die Einsamkeit fühlen lassen, die sie bisher nicht gewohnt gewesen war und sobald ein Lachen aus der unteren Etage gekommen war, hatte es ihr einen Stich gegeben. Hatte ihr Herz geschmerzt.

Als sie auf der Couch platzgenommen hatte, entzündete er ein Feuer im Kamin und kniete sich vor ihr auf den Boden. Was auch immer er ihr zu sagen hatte, es musste etwas Schwerwiegendes sein, denn so hatte er sich ihr gegenüber noch nie verhalten.

„Kate, du musst mir etwas versprechen. Egal was ich dir jetzt erzählen werde, du darfst nicht böse auf mich sein."

Er verlangte ein Versprechen von ihr, dass sie ihm eigentlich nicht geben konnte. Doch hatte die Polizistin gemerkt, wie sehr er sich in den letzten Tagen gequält hatte.

„Ich kann und möchte dich nicht länger belügen und ich kann dir auch nichts verbergen."

Und schließlich begann er ihr von seinem Gespräch mit Jim zu erzählen. Langsam. Seine Stimme war tief, sanft. Seine Erzählweise bedacht, die Wortwahl gut überlegt.

Anfänglich wollte sie aufstehen und ihn anschreien, doch hielt er sie in ihrer Position fest, ließ es nicht zu. Und als er beinahe fertig war, ihr von diesem Samstag zu erzählen, wurde Kate klar, dass er nicht anders hatte handeln können, immerhin war er dabei, ein Versprechen zu brechen, welches er ihren Vater gegeben hatte.

„Wieso bist du überhaupt zu ihm gefahren?", fragte sie. Die Wut hatte sich gelegt und Unklarheit konnte man ihrem Gesicht entnehmen. Wieso?

„Wie konnte ich da einfach auf mir sitzen lassen? Es war nicht nur unfair und ungerecht, was er sagte, Kate, es war eine Verurteilung, die ich einfach nicht so dastehen lassen konnte. Kate, wir bekommen ein Kind zusammen und ich habe nicht vor, mir dieses Glück von jemandem zerstören zu lassen, der …" Es war sein Gerechtigkeitssinn, der ihn wohl dazu getrieben hatte, Jim aufzusuchen.

„Rick …"

„Abgesehen davon, ein Vater sagt solche Sachen zu seiner Tochter nicht."

„Oh Rick …", sagte Kate und strich Rick über die Hand. „Dad war immer extrem nach Mums Tod. Der Alkohol. Frauen. Er fiel von einem Extrem ins nächste. Für alles haben wir eine Selbsthilfegruppe gefunden und diese besuchte er dann auch … meist regelmäßig. Und es waren viele Frauen. Niemals Beziehungen."

Rick blickte Kate tief in die Augen.

„Er hat den Tod meiner Mutter nie ganz überwunden. Jedes Extrem war ein Versuch, darüber hinwegzukommen."

Obwohl es ihr schwer fiel, es offiziell zu gestehen, Kate hatte keiner neuen Frau im Leben ihres Vaters jemals eine Chance gegeben. Niemals.

Rick lässt das Thema, Thema sein, zieht Kate an sich heran, gemeinsam sinken sie auf den Boden, ihre Rücken gegen die Couch gelehnt. Sie saß zwischen seinen Beinen, eng an ihn geschmiegt. Und er hielt sie, ließ sie weinen. Die Kate, die er vor der Schwangerschaft gekannt hatte, wäre aufgestanden, hätte das Weite gesucht. Aber Hormone können einen Menschen verändern und ihre waren gerade dabei, sie zu verändern, sie emotionaler zu machen. Doch er sagte nichts über diesen Wandel. Wahrscheinlich war er ihr bereits aufgefallen und wie er sie kannte, würde es sie so und so beschäftigen.

Und als er ihr sanft über den Rücken strich, ihren Atem durch sein T-Shirt spürte, das von ihren Tränen nasse Flecken aufwies, erklärte er ihr, dass er sich darum kümmern würde, dass sie einen passenden Spender fänden.

„Du bist einfach zu gut für mich", murmelte sie in sein Shirt.

Rick küsste ihren Kopf, legte seine Arme enger um sie. „Du bist zu gut für mich", entgegnete er und war sich dessen sicher. Dass Kate sich innerhalb so kurzer Zeit von ihm zweimal halten lassen würde, das war nicht die Kate, die er zuvor gekannt hatte. Aber er mochte die neue Kate. Die, die sein Kind in sich trug.

Und Gott, sie war schön, auch wenn sie weinte. Ihre feinen Gesichtszüge. Die rosigen Lippen, die geröteten Augen, der lange Hals, die sanften Rundungen ihres Körpers.

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Ende Kapitel 24

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A/N: 600 Zugriffe auf diese Geschichte seit Veröffentlichung des letzten Kapitels? Wow. Auch wenn einige Bots dabei gewesen sein mögen, ist das immer noch sehr viel. Herzlichen Dank.

Auch bei allen anderen Lesern und Review-Schreibern … herzlichen Dank. Mir ist diese Geschichte so richtig ans Herz gewachsen.