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Kapitel 28
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Die vor kurzem entstandene Wärme zwischen ihnen, war von einen Tag auf den anderen nicht mehr existent. Gina hatte ihn überredet eine Neujahrsparty zu veranstalten, einige Bekannte aus dem Verlag und der Branche einzuladen. In demselben Moment, in dem er dies Kate mitteilte, ließ sie ihn wissen, dass sie am letzten Tag des Jahres am Revier gebraucht werden würde. Es war nicht die Wahrheit, aber glaubte es gut zu kaschieren.
Rick hatte sie vorzeigen wollen, ihr gemeinsames Apartment, das neue Leben, das sie in sich trug, aber Kate ließ es nicht zu.
Sie wollte weder Zeit mit Gina noch mit Jamie verbringen. Die Nacht nach der Premiere hatte sei weinend im Bett verbracht. Wieso hatte sie ihm vertraut? Wieso? Er war doch der Macho, Frauenheld, der er immer gewesen war. Wie hatte sie sich nur so irren können? Und wer konnte es ihr verkennen? Den einen Tag machte er ihr quasi einen Antrag, am nächsten geht er quasi freiwillig mit einer anderen Frau aus, mit der er dann auch noch Neujahr feiern möchte, in der eigenen Wohnung. War dies nicht eindeutig?
Während Caterer und die zwei Putzfrauen am 31. Dezember das Apartment säuberten, dekorierten, Getränke und alles hergerichtet wurden, verschwand Kate ohne viel zu sagen im Laufe des Vormittags aufs Revier. Sie hatte sich keine Schichte einteilen lassen und wusste, dass Ryan und Esposito nicht dort sein würden – das spielte ihr in die Hände. Es gab einen alten Fall, den sie bereits zu den Akten gelegt hatten, diesem widmete sie sich, als wäre er aktuell. Die Mehrheit des Reviers war auf den Straßen unterwegs, versuchten die trinkenden Massen zu beruhigen, Schlägereien zu verhindern. Manchmal sehnte sie sich nach dieser Freiheit zurück, einfach das machen zu können, was sie früher gemacht hatte. Plötzlich verspürte Kate ein eigenartiges Gefühl, eine Art Flattern in ihrem Bauch. Sie hielt inne. Da war es abermals. War es das, das im Internet immer als erste Bewegungen beschrieben worden war? Dieses magische erste Mal, dass sie ihr Kind fühlte? Wieso gerade jetzt, in einem Moment innerer Zerrissenheit? In einem Moment, in dem sie Castle am liebsten stranguliert und zugleich an ihr Bett gefesselt hätte, um unaussprechbare Sachen mit ihm zu machen. Doch dann erinnerte sie sich wieder an seine Party, an Jamie und Gina. Die linke Hand lag nun auf der Wölbung ihres Bauches, die rechte hatte automatisch nach den Ringen gegriffen, die sie um den Hals trug. Wann würde sie bereit sein, eine Bindung fürs Leben einzugehen. Würde sie das jemals sein?
Eigentlich hatte sie vorgehabt, sich die Tage frei zu nehmen, doch mittlerweile war ihr einfach nicht mehr danach. Zeit mit Castle verbrachte sie gerne, aber mit ihm alleine, mit Martha und Alexis, aber sie brauchte weder Gina noch Jamie – beide erinnerten sie zu sehr an den Fakt, dass es eine Zweckgemeinschaft war, die sie hier hatten. Sie führten keine romantische Beziehung, die es ihr erlaubte, Eifersucht zu fühlen.
Nun war es nach 20 Uhr und sie schien die einzige am Revier zu sein, die einzige, die nicht hier sein sollte. Sie sollte in der Wohnung sein, ein nettes Kleid tragen und sich gut unterhalten. Kate war müde, ihre Beine schmerzten und am liebsten würde sie sich jetzt in ihrem Bett befinden, mit geschlossenen Augen.
Eine Stunde später stand sie vor ihrer eigenen Eingangstüre und hielt den Schlüssel in der Hand. Wenn sie die Türe nun öffnen würde, würde sie wahrscheinlich mitten in die Partie platzen. Doch sie wollte immer noch mit den Leuten, die eingeladen waren, etwas zu tun haben. Nicht heute. Nicht in einem Moment wie diesem.
Rick hörte den Schlüssel, der die Türe öffnete. Er hörte auch, wie jemand leise, wahrscheinlich nur in Socken, die Stiegen hinauf ging. Doch wenn sie nicht mit ihnen feiern wollte, wollte er ihr die Freiheit geben, sich zurückzuziehen. Daher blieb er bei Gina, Jamie und einigen anderen Freunden und Kollegen – insgesamt zwölf Leuten. Martha war bei einer Aufführung mit nachheriger Party und Alexis übernachtete bei einer Freundin.
Irgendwann vor Mitternacht ging Richard in den ersten Stock hinauf. Ursprünglich wollte er seine Gäste auf die Terrasse einladen, ihnen die tolle Aussicht zeigen, doch dies fühlte sich momentan nicht richtig an und so sah er schließlich Kate, die im Dunklen auf dem Sofa saß.
Sie sagte kein Wort, obwohl sie ihn hatte kommen sehen. Sie saß gerne im Dunklen, es kam ihr heimeliger vor als das grelle Licht, das vieles noch kühler erscheinen ließ. Rick stellte das Sektglas auf ein Regalbrett bei der Stiege. Kate fragte sich die gesamte Zeit, wie sie nur hatte so blind sein können, so unglaublich blind. Er war ein Mann und hatte Bedürfnisse und offensichtlich harmonierten sie nicht so weit, dass dies ein Thema sein könnte bzw. zu sein schien. Zumindest hatte er keinen Schritt auf sie zu gemacht. Keinen einzigen. Schließlich schob sie all die Gedanken auf ihre eigenen Hormone, die verdammten Hormone.
Ja, auch sie hatte Bedürfnisse, mehr als jemals zuvor, doch suchte sie nicht nach einem fremden Mann, um sie zu befriedigen. Vielleicht war dies der Unterschied zwischen Männern und Frauen, zwischen ihr und ihm? Nein, es gab auch andere Methoden …
„Kommst du nicht hinunter?", fragte er vorsichtig, als er hinter ihr stand.
„Nein."
„Katie …"
„Nein."
„Vergnüg dich doch etwas mit uns", forderte Rick sie auf.
„Nein danke, ich ertrage Jamies Anblick nicht." Hatte sie dies tatsächlich gesagt?
Um jeglicher weiteren Diskussion aus dem Weg zu gehen, stand sie auf, ging in Richtung ihres Schlafzimmers und ließ am Weg dorthin, für Rick nicht sichtbar, ihre Kleidungsstücke fallen. Eines nach dem anderen. Nackt stand sie am Fenster, blickte den Schneeflocken beim Fallen zu, einem Paar, das sich auf der anderen Straßenseite küsste. Sie ignorierte die Musik, die von unten kam. Bald würde sie ein Kind in Armen halten, dann wäre so und so alles vorbei. Alles. Schließlich schlüpfte sie unter die Decken.
Gelächter und Stimmen, die immer leiser wurden, drangen aus dem unteren Geschoß hervor. Irgendwann war Kate schließlich eingeschlafen. Plötzlich bewegte sich ihr Bett, die Matratze. Rick. Sein Geruch. Seine Wärme.
„Du bist betrunken", murmelte Kate und drehte sich nicht um.
„Ich hatte lediglich zwei Gläser Sekt", antwortete Rick und glitt weiter unter Kates Decke.
„Du lügst."
„Tu' ich nicht."
„Rick …" – noch bevor sie etwas sagen konnte, berührte sein beinahe nackter Körper den ihren. Er trug lediglich Boxershorts, die sie an ihrem nicht bekleideten Hinterteil spürte. Ricks Haut war warm, weich. Haut an Haut. Kate sagte nichts, war es leid, jedes Mal etwas sagen zu müssen. Sie sagte nichts und er tat nichts. Schließlich ließ sich die dunkelhaarige Frau von dem Mann in ihrem Bett halten, ihren nackten Körper und vertraute darauf, dass ihr Körper sie nicht betrog. Ihre Brustwarzen waren hart vor Erregung und auch seine Erektion war deutlich zu spüren. Aber er machte nichts und sie sagte nichts. Rick lag lediglich neben Kate, sein Penis, verhüllt durch die Boxershorts, an ihren Po gepresst, eine seiner Hände an ihrer Brust. Schlussendlich schliefen sie in dieser Position ein, ohne dass jemand etwas gesagt oder gemacht hätte, um seinen oder ihren Unmut zu deklarieren. Nichts. Ja, es wirkte harmonisch. Ruhig. Vieles lag zwischen ihnen, aber in diesem Augenblick waren sie nur Mann und Frau. Sie waren Eltern des Kindes, das sie in sich trug. Zwei Erwachsene.
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Am Morgen, als Kate die Augen öffnete, lag ihr Kopf auf seiner entblößten Brust. Die Decke hatte sie bis über die Schultern hochgezogen, beide ignorierten seine morgendliche Unpässlichkeit. Rick war ebenfalls wach, strich sanft über ihren Rücken.
„Keine Jamie Allister?"
„Nein", erklärte Rick.
„Nein", wiederholte sie, zog das Laken schließlich noch etwas höher und machte ihre Augen wieder zu. War die Angelegenheit damit geregelt? Alles schien kompliziert und war in Wahrheit doch so einfach.
Als Kate später wieder aufwachte, war sie alleine im Bett. Rick saß im Sessel am Fenster und beobachtete sie aufmerksam. Jede Bewegung hatte er wahrgenommen, jeden Laut, den sie von sich gab. Jede Kleinigkeit. Sie setzte sich auf und das Laken rutschte samt der wärmeren Decke hinab, gab kurz ihre Brust preis. Rick hatte sie nicht übersehen können. Er lächelte. Natürlich. Mit dem um sich gewickelten Decken kam sie auf Rick zu.
„Was sollte das gestern?", fragte Rick ruhig. Er wollte nicht, dass sie sich ärgerte über seine Frage, noch dass sie zu lange hinterfragte.
„Ich war einkaufen", schob sie vor. Es war keine Lüge.
„Danach?"
„Am Revier."
„Danach?"
„Ich war müde Rick, müde."
„Und die Party, man hat auf dich gewartet."
„Es war deine Party und es waren deine Freunde."
„Freunde?", stellte Rick in den Raum und lachte auf.
„Dann halt Bekannte"; besserte Kate aus. „Was sollte das heute Nacht?"
Castle zuckte lediglich mit den Schultern. Er konnte nicht erklären, wieso er sich zu Kate ins Bett gelegt hatte, wieso er ihren nackten Körper berührt hatte. Was er wusste war, dass es sich gut angefühlt hatte. Sehr gut sogar. Natürlich hatte Rick sich nach ihr gesehnt, ihrem Körper, ihrem Geruch, dem Gefühl ihr nahe zu sein.
„Jamie Allister?"
„Was soll mit ihr sein, Kate?" Ihr blick war fragend, die Augenbraue gehoben, die Lippen aufeinander gepresst.
„Sie ist eine junge Autorin in Ginas Verlag … sie glaubt, was sie glauben möchte. Sie sagt, was sie glaubt, das gut wäre."
„Es gibt Augenzeugen, dass du ihren Wünschen nicht abgeneigt warst", antwortete Kate und meinte die Zeitschriften, all die Bilder, die sie gesehen hatte.
„Ich habe Gina gestern abermals wissen lassen, dass ich zukünftig eine Begleitung für alle formalen Einladungen habe und sie für Jamie einen anderen berühmten Schriftsteller finden muss, um ihr bekannter zu machen."
„Begleitung?"
„Wir werden dir wohl das eine oder anderen passende Kleid kaufen müssen."
„Ich?", lachte Kate.
„Du kannst nicht beides haben Kate. Ich brauche eine Begleitung für diese Events und du möchtest offensichtlich nicht, dass ich sie mit Jamie besuche, also wirst du mit mir dorthin gehen."
„Ich bin schwanger … die Medien …", es war ihr unangenehm, sie stand weder gerne im Blitzlichtgewitter, noch mochte sie die Aufmerksamkeit der Medien.
„Ich stehe zu dem Kind."
„Das meinte ich nicht, Rick … Die Fotos …"
„Dann sollen sie Fotos von deinem Bauch machen, es ist nur eine Frage der Zeit, dann wird es so und so jeder wissen. Natürlich können wir unseren ersten Auftritt in den Medien planen …"
„Nein", erklärte sie und das war eine klare Antwort. „Ich werde keine Kommentare abgeben."
„Okay", antwortete Rick ruhig und zog sie zu sich auf den Schoß mit all ihren Decken, die sie um sich gewickelt hatte.
„Hab keine Angst, Kate. Es gibt keine Situation, die wir nicht meistern können."
Der Moment war nicht erotisch aber intim. Sie hatten vielleicht das erste Mal über einen wichtigen Schritt in ihrem gemeinsamen Leben gesprochen und Beckett dementierte ihre Eifersucht nicht.
Kate war nie schwach. All ihre sexuellen Abenteuer, die wenigen, die sie gehabt hatte, waren stets von ihr ausgegangen – und von ihr beendet worden. Sie hatte stets die Kontrolle und die Männer hatten niemals ein Problem damit gehabt.
„Ich möchte keine öffentlichen Auftritte machen", sagte Kate leise. Ihr Kopf war an seine Schulter gelehnt du Rick konnte ihre Mimik nicht lesen.
„Dann darf ich mit Jamie gehen?", fragte er und das gewisse Amüsement in seiner Stimme war nicht zu überhören.
„Du musst mich nicht um Erlaubnis fragen, Rick."
„Und wenn ich das aber möchte?"
„Was möchtest du?"
„Wenn ich wählen kann, dann würde ich dich lieber zu Filmpremieren, Buchpartys und all diesen Sachen mitnehmen. Nicht Jamie."
„Weil du keine Sorge haben musst, dass ich auf den Geld aus bin, nicht aufdringlich werde", sagte Kate trocken, die Laken eng um sich gezogen.
„Und wenn doch…?"
„Nicht", flüsterte Kate lediglich.
„Dann muss ich morgens nicht flüchten, keine Nummern aufschreiben …"
„Oh, so…. ich bin also so billig zu haben?", lachte sie.
„Nein, das wollte ich damit nicht sagen. Ich würde ich auf alle Fälle nachhause bringen, dafür sorgen, dass du sicher ankommst. Und ich würde dir Frühstück machen, dir die Füße massieren. Alles dazwischen würde dir obliegen."
„Nur mir? Interessant!". Sarkasmus, es war deutlich zu hören.
„Also, was möchtest du, Kate?"
„Ich würde gerne einmal wieder tanzen gehen"; gab sie zu. Die Musik fühlen, sich zu ihr bewegen, vielleicht würde sie all das ablenken.
„Gut", antwortete Rick.
„Muss ich alleine hinfahren und dann nach dir Ausschau halten? Oder fahren wir gemeinsam, in einem Auto hin?"
„Zusammen. Übernächste Woche."
„Wieso zwei?"
„Kommenden Freitag bin ich in Dallas auf einer Buchmesse."
„Oh …"
„Keine Sorge, Kate."
„Du bist mir keine Rechenschaft schuldig."
„Ich weiß … trotzdem …. Das Baby bedeutet mir alles. Du auch, Kate. Beides würde ich nicht leichtfertig riskieren."
„Gut?"
„Du denn schon?"
„Wie meinst du das?"
„Passt du noch in die Schutzweste?"
„Rick …", versuchte sie abzulenken. Sie war ihr zu eng, sie konnte sie nicht mehr einwandfrei schließen.
„Kate …", er forderte eine Antwort.
„In Ordnung, ich werde kürzer Treten", gestand sie schließlich ein. „Mehr Verhöre, weniger Außendienst."
„Gut. Vielleicht auch flachere Schuhe?"
„Schuhe?", war das wirklich seine größte Sorge?
„Flache Schuhe. Ich kann noch ein Regal in deinen Schrankraum einbauen lassen, wenn das notwendig sein sollte, um all die neuen Schuhe unterbringen zu können."
„Ich trage so gut wie nie flache Schuhe", kommentierte sie.
„Tu es einfach, Kate."
Dann forderte sie eine Erklärung und er gab sie ihm. Die Gefahr, dass sie mit den hohen Schuhen stolperte war groß, sehr groß und das wollte er nicht. Jeder Sturz barg Gefahr in sich, Gefahr für Kate und das Baby. Abgesehen davon würde die Entlastung ihrem Rücken gut tun. Sie musste weder ihm noch jemand anderem beweisen, dass sie trotz Schwangerschaft eine kompetente Polizistin war, die all die Aufgaben erfüllen konnte, die jeder andere in ihrem Beruf auch erfüllte. Jeder hatte ihren Bauch bemerkt, auch wenn man keine Fragen stellte. Jeder hatte erkannt, dass sie kürzer treten sollte und niemand würde es ihr verübeln, doch war es ein Punkt in ihrem Leben, den sie schließlich selbst akzeptieren musste.
„Möchtest du mich kontrollieren?", fragte sie zögerlich.
„Nein, ich bitte dich nur um etwas."
„Und wann konnte ich dir jemals eine Bitte ausschlagen?", fragte sie und schloss die Augen abermals. Seine Wärme war angenehm, seine Haut so weich.
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Ende Kapitel 28
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A/N: Danke für das wunderbare Feedback zum letzten Kapitel! Mehr, mehr, mehr!
