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Kapitel 35

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Umso näher sie der Wohnung kamen, umso ruhiger wurde Kate. Sie trug seinen Ring, aber er hatte nichts dazu gesagt. Gesehen hatte er die Veränderung mehrmals und immer hatte Beckett darauf gewartet, dass er auch nur ein Wort von sich gab, es in irgendeiner Form kommentierte, aber nichts dergleichen war geschehen. Und sie wollte keine Diskussionen, ihn nicht darauf ansprechen.

Zuhause angekommen, ging Kate, nachdem Alexis Rick förmlich in der Sekunde, in der er die Türe geöffnet hatte, überfallen hatte, in den ersten Stock. Sie machte ein Feuer im Kamin des Wohnbereichs, legte eine Mediations-CD in den Player, zog sich ihre Yoga-Hose und ein weites langärmeliges Top an. Anfänglich machte sie einige Aufwärmübungen, ging aber schließlich zu verspannungslösenden und die Haltung stärkenden Übungen über, ab und an machte ihr ihr Rücken, so wie nach dieser Autofahrt, etwas zu schaffen. Etwas vollkommen Natürliches, das wusste sie, trotzdem wollte sie diese Zeit auch nutzen, um das Wochenende noch einmal Revue passieren zu lassen. So vieles war passiert.

Schließlich stand ihr Schweiß auf der Stirne. Jedes andere Mal machten diese Übungen ihren Kopf frei, ab diesem Abend hatte es seine Wirkung vollkommen verfehlt.

„Kate? Ich gehe mit Alexis zu Toni's …", kam es aus dem unteren Geschoß.

„Viel Spaß", rief sie zurück. Kate war beinahe froh, dass sie ihm nicht gleich wieder begegnen musste und vor allem nicht sofort Zeit mit Alexis verbringen musste. Das Mädchen würde die Veränderung sofort wahrnehmen und unangenehme Fragen stellen.

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Nach einem Teller Karottencremesuppe, die Kate aufgetaut hatte, ging sie schließlich duschen und schließlich relativ zeitig ins Bett. Sie war müde und immer noch gingen ihr so viele Sachen durch den Kopf, die sie nicht klar in Kategorien ordnen konnte.

Als Rick schließlich mit Alexis wieder die Wohnung betrat, hatte er gehofft, mit Kate sprechen zu können, doch im Untergeschoß war sie nicht. Er sah lediglich das benützte Geschirr in der Abwasch. War er egoistisch gewesen und hätte sie einladen sollen, mit ihnen auszugehen? Alexis hatte ihm allerdings keine Change gegeben, zu rasch nach ihrer Rückkehr hatte sie auf ihn eingeredet, erklärt, dass sie unerträglichen Hunger hätte und nur eine von Tony's Pizzen dieses Problem lösen könnte. Schließlich erzählte sie ihm von den zwei Universitäten, die spezielle Sommerprogramme anboten, an denen sie teilnehmen wollte, sich aber nicht mit sich selbst einig werden konnte, welches das bessere Programm war. Berkeley oder Stanford. Und nach der Pizza waren sie noch in ein altes Kino gegangen, dass „Philadelphia Story" brachte, einen alten schwarz-weiß-Film mit Katherine Hepburn, Cary Grant und James Stewart.

Im ersten Stock der Wohnung brannte kein Licht mehr, im Kamin glühte der letzte Holzscheit noch etwas, die Yoga-Matte lag unaufgerollt davor und ein Teehäferl stand am Couchtisch. Er wendete seinen Blick in Richtung Kates Schlafzimmer, ging zur Türe und musste feststellen, dass sie zu war. Nicht angelehnt. Zu.

Leise öffnete er sie und sah sie inmitten des Bettes, zusammengerollt. Sie trug ein langärmeliges Shirt, das erkannte er, da der Mond das Zimmer etwas illuminierte. Auf der Kommode bei er Türe lag ihre Kette, beide Ringe. Hatte sie ihn wieder abgenommen, nicht nur von ihrem Finger, um zu schlafen, sondern komplett? Was hatte es zu bedeuten? Rick war immer der Ansicht gewesen, dass man Ehe- und Verlobungsringe nicht abnahm. Niemals.

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Becketts Wecker läutete wie an jedem Arbeitstag, nur dieses Mal kam es vor, als wäre es zu früh, viel zu früh. Sie hatte zwar acht Stunden geschlafen, allerdings hatte sie nicht das Gefühl, ausgeschlafen zu sein. Der entkoffeinierte Kaffee machte es nicht besser. Aus Ricks Schlafzimmer hörte sie ein leises Schnarchen, die Türe war weit offen. Doch war außer Beckett noch niemand wach, vielleicht weil es erst halb sieben war.

Sie aß ein Joghurt, kleidete sich danach an – Jeans, ein seidenes Unterleibchen ein warmer, enganliegender Rollkragenpullover in einem schönen Blau. Ihr ihre Handtasche gab sie eine Haube und ein zweites Paar warme Handschuhe, bevor sie abermals in die Küche ging und auf den Block, der am Kühlschrank hing, folgende Zeilen schrieb:

Rick,

bin am Revier.

16 Uhr Ultraschalluntersuchung – Amneozentese? Nacken-Transparenzmessung.

-Kate"

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Kates Arbeitstag verflog. Es gab keine neuen Mordfall und Kevin im Krankenstand zu Kates Verwunderung. Esposito und Beckett arbeiteten Berichte auf – Sachen, die vor Weihnachten nicht mehr erledigt hatten. Sachen, die einfach liegen geblieben waren.

Die Ringe trug sie unter dem Pullover, nahe an ihrem Herzen. Sie hatte ihn für Rick getragen, an ihrem letzten Tag in den Hamptons und er hatte es nicht kommentiert –das war das eine. Aber für die Kommentare der Arbeitskollegen war sie noch nicht bereit, daher hatte sie ihn in der Früh wieder an die Kette gehängt, wissend, dass es ihn verletzten würde, wenn er es sehen würde. Aber sie würde es ihm einfach erklären und hoffen, dass er sie verstünde.

Sie verließ das Revier früher, wunderte sich, von Rick immer noch nichts gehört zu haben. Irgendwann sagte sie sich, dass er einfach bei Dr. Montgomery auf sie warten würde. Doch es wurde 16:10, 16:20. Kein Castle.

Als die Ärztin den Ultraschall schließlich machte, die Nackenfaltenmessung vornahm, war Kate alleine. Und sie fühlte sich noch mehr alleine, sofern das überhaupt möglich war. Sie war nervös, furchtbar nervös, immerhin war es möglich, dass etwas mit dem Baby nicht stimmte. Die Angst war bei jeder Untersuchung vorhanden, auch wenn Dr. Montgomery ihr bestes tat, ihr diese zu nehmen. Mary beruhigte sie. Alles war in Ordnung mit dem Baby – einem Mädchen. Kate hatte es wissen wollen nachdem die Gesundheit des kleinen Wesens in ihrem Bauch gesichert war und sie fünf Minuten dem starken und regelmäßigen Herzschlag ihrer Tochter gehört hatte. Es war ein schönes, regelmäßiges Schlagen gewesen, die Tränen waren ihr die Wangen hinabgelaufen.

„Was ist los, Kate?", fragte Mary Montgomery schließlich.

„Ach nichts….", antwortete sie und wischte sich mit dem Handrücken über die Wangen.

„Ich sehe doch, dass etwas nicht stimmt. „

„Ich möchte nicht darüber sprechen …"

„Gut", tat es Dr. Montgomery schließlich ab. „Aber wenn du jemanden brauchst …"

Kate nickte lediglich, nahm den Ausdruck, kaufte sich auf dem Weg nachhause beim Chinesen süßsaures Huhn und eine Suppe. Leise drehte sie den Schlüssel, schob vorsichtig, um ja kleine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, die Türe auf und ging in ihr Reich. Es war doch ihr Reich, oder?

Als Rick nachhause kam, nach einem Besuch bei Kevin Ryan, der sich als perfekter Organspender für Kates Vater herausgestellt hatte, war ihre Schlafzimmertüre abermals zu, doch hing ihre Jacke in der Garderobe bei der Türe, doch das Licht, das durch den Schlitz zu sehen war, ließ ihn wissen, dass sie sehr wohl zuhause war.

Aus Ehe eins und zwei hatte er gelernt, Frauen ihre Spielräume zu lassen, ihnen die gewünschte Zeit zu geben, Rückzugsmöglichkeiten anzubieten. So blieben bei ihm geschlossene Türen geschlossen.

Allerdings war es eigenartig, dass auch Alexis an diesem Abend relativ schnell das Weite suchte, vorgab, noch Hausübungen machen zu müssen – wobei Rick wusste, dass sie diese bereits am Abend zuvor gemachte hatte, hatte sie ihm doch bei Tony's davon berichtet. Er versuchte ein paar Seiten zu schreiben, nicht viel, nur ein paar wenige Seiten. Doch war er mit dem Ergebnis nicht zufrieden und löschte schließlich alles wieder.

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„Was ist los?", fragte Castle schließlich am folgenden Vormittag am Revier, nachdem sie sich abermals aus dem Haus geschlichen hatten.

„Nichts", antwortete sie und blickte nicht einmal auf, griff nicht nach dem mittlerweile ausgekühlten Kaffee, den er ihr gebracht hatte.

„Kate?"

„Rick?"

„Was ist los?"

Ihr Ring war abermals nicht an ihrem Finger, der Autor nahm an, dass er an ihrer Kette hing. Erhoffte es.

„Was soll sein, Castle?"

Subtile Anspielungen wollte sie an diesem Tag wohl nicht verstehen, dachte sich Rick. Er antwortete nicht, wusste aber, dass etwas so gar nicht stimmte. Gar nicht. Kate war vor ihm und ging auf seine Fragen nicht ein.

Wie hätte sie reagieren sollen? Bedingt durch die Feiertage und Weihnachten hatte sie den Termin vor sich hergeschoben und Anfang Dezember einen für nach Weihnachten ausgemacht, diesen am gestrigen Tag schließlich bekommen. Und nach dem Wochenende hatte sie erwartet oder besser gesagt, sie hatte gehofft, dass er es als selbstverständlich erachten würde, sie zum Arzt zu begleiten. Zumindest eine Nachfrage. Etwas Interesse. War es denn zu viel verlangt?

„Detective Beckett?", kam es vom Captain. Sofort war sie aufgesprungen und im Büro ihres Chefs verschwunden. Er wollte wissen, wie Kates sich die kommenden Wochen vorstelle und wie ihre Pläne aussehen würden. Bisher hatte sie sich eigentlich keine Gedanken gemacht, wie es weitergehen sollte.

Am Nachmittag sprach Rick sie wieder an. Eine Mischung aus Frust und Wut ließ Kate in die Tasche greifen. Sie zog das Ultraschallbild heraus, den Befund der Nackenfaltenmessung und knallte ihm beides auf den Tisch, griff nach ihrer Jacke, ihrer Rasche und verließ sturmartig das Revier.

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Der Wind tobte, blies einem den Schnee ins Gesicht. Er fühle sich wie tausend kleine Nadeln an, die sie ins Gesicht stachen. Viele kleine Stiche. Viele. Es tat weh und zugleich tat es gut. Zu Fuß ging sie in den Central Park, kaufte sich einen heißen Becher Tee und schritt durch die weißen Massen, die sich in den letzten Tagen überall in New York angesammelt hatten. Auf manchen Stellen schien mehr als ein Meter zu liegen. Es würde nicht mehr lange dauern und überall würden Wintersportler ihr Bestes geben, versuchen aus dem winterlichen Wetter alles herauszuholen. Kate musste an Lawinen denken, Schneemänner und Schneeengel. Ihre linke Hand hatte sie in der Tasche, sie rastete auf ihrem Bauch.

Egal was komme, er würde ihrer Tochter in guter Vater sein. Egal was kommen möge.

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Währenddessen sah Rick die Bilder und studierte die Befunde. Hundertprozentig gesund. Der Ultraschall zeigte ihm tatsächlich schon ein menschliches Wesen. Sein Kind.

Als er Kate nicht an ihren üblichen Plätzen fand – dem Coffeeshop an der Ecke zum Beispiel – überlegte er schließlich, wo das Problem liegen könnte. Warum war sie alleine beim Arzt gewesen? Eigentlich war er davon ausgegangen, dass sie ihn dabei haben wollen würde. Und nun war sie abermals davongelaufen und wieder einmal suchte er nach ihr, entschied sich schließlich doch in Richtung Central Park zu gehen. Dort musste er nicht lange nach ihr Suchen, entdeckte ihre schwarze Jacke innerhalb der ersten zehn Minuten. Sie saß auf einer Parkbank in einem kleinen Seitenweg, der zufälligerweise geräumt worden war. Sie starrte die weiße Schneewand auf der ihr gegenüberliegenden Seite an.

„Kate?" Sie blickte nicht einmal auf, als er ihren Namen nannte. Castle nahm neben ihr Platz, zog sie an sich, enger an sich, aber sie machte kein Geräusch, keine Muckser. Er spürte sie lediglich zittern, bibbern vor Kälte. Rasch zog er seine eigene warme Jacke aus und legte sie über Kates Schultern, nicht darauf achtend, dass es einige Minusgrade hatte und es seiner Gesundheit keinesfalls gut tat.

„Kate, sprich mit mir."

„Wäre es nicht gesund gewesen, ich hätte es mir nehmen lassen und du hast dich entschieden, bei der Untersuchung nicht dabei zu sein."

Fragend sah er sie an.

„Woher hätte ich es … ?"

„Rückfahrt aus den Hamptons? Die Nachricht am Kühlschrank?"

„Am Kühlschrank?" Ungläubig saß er da und starrte nun auch die weiße Masse auf der anderen Seite des Weges an. Auf der Kühlschranktüre? War es möglich …?

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Ende Kapitel

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A/N: Es war keine Schreibblockade oder etwas Derartiges, nein. Es war einfach nur purer Stress – wenn man um Mitternacht ins Bett fällt und glücklich ist, wenn man einmal ganze sechs Stunden Schlaf bekommt, findet man leider keine Zeit zum Schreiben Aber jetzt sind ja Ferien!