Loki's Tränen

Kapitel 2

Spaziergang durch die Einöde

Haruka legte den Kopf ein wenig schief. „Was würde man mit den Steinen machen, wenn man sie in die Hände bekommen würde?" Da Loki neben ihr stand, konnte er ihr Gemurmel deutlich hören.

„Da bin ich mir selbst nicht so sicher... Die Steine der Regenbogenbrücke strahlen eine Art kosmischer Energie aus. Ob man das jedoch als Energielieferant benutzen kann, weiß ich trotz allem nicht." seufzte er und machte beim sprechen theatralische Posen. Haruka sah ihn mit einem Blick an, der Bände sprach. Er war eine Mischung aus „Wer hat dich denn gefragt?", „Was ist gerade passiert?" und „Warum bist du eigentlich noch hier?". Trotz allem bekam sie nur ein kleines, verstörtes „Du kennst dich gut aus..." heraus. Sie stopfte seufzend die Steine in ihre Tasche. „Nun ja, ich bin ja auch nur um die tausend Mal über die Brücke gegangen. Teilweise haben wir Pferde, die wir nur für die Brücke halten..." Loki sah grinsend den Himmel hinauf. „Ich glaube, die Schmerztabletten haben zu gut gewirkt..." dachte sie beschämt. Haruka wollte weitergehen, doch Loki ging ihr mit freudigem Lächeln und Gang hinterher. Mehrmals sah sie nach hinten. „Mann, der Typ nervt!"

murrte sie kleinlaut. Loki tat einfach so, als hätte er das nicht gehört und plapperte sie einfach voll.

„Sag mal, weißt du überhaupt wo du hingehst? Hier ist doch weit und breit nichts, oder? Von wo kommst du eigentlich? Und wo bin ich eigentlich? Midgard, nicht wahr? Mann, ich fühle mich irgendwie viel besser als jemals zuvor! Die Schmerzen sind so gut wie weg, mein Hunger ist gestillt und ich bin nicht mehr durstig. Außerdem gibt es hier weit und breit niemanden, der mich töten will und ich habe jemand neues kennengelernt! Was für ein wundervoller Tag!" Haruka verzweifelte fast. „Ich dachte, der Typ ist böse... Der ist höchstens bescheuert, aber nicht böse!

Besonders furchterregend sieht er jetzt auch nicht gerade aus. Eher wie ein... Gentleman?" In den Gedanken von Haruka braute sich ein besorgniserregender Sturm zusammen.

Selbst noch nach drei Stunden in dieser Einöde, war Loki munter und glücklich. Von Haruka sollten wir lieber nicht reden. Sie hatte sich zwar damit abgefunden, dass er ihr hinterher läuft (Aus welchem Grund auch immer...), aber trotzdem fand sie, das er nervte. Er nervte auf höchster Stufe! Sie konnte einfach nicht glauben, dass er mal die Welt unterjochen wollte. „Der Typ ist doch wahnsinnig... Ich hätte ihn wirklich einfach liegen lassen sollen!" dachte sie sich und versuchte, ihn zu ignorieren. Sie versuchte das zwar schon seit Stunden, aber die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt! ...In diesem Fall starben wohl zuerst ihre Nerven.

Nach einer Weile wurde es finster und die Sonne ging unter. „Es ist umwerfend!" brüllte Loki plötzlich, sodass sich Haruka vor Schreck erst einmal an einem Felsen abstützen musste.

„Eh... Was? Was ist umwerfend? Werden wir angegriffen?!" Hysterisch sah sie umher, konnte aber niemanden erblicken. „Der Sonnenuntergang! Es ist wundervoll, ihn aus einer anderen Perspektive bewundern zu können! Er ist so schön!" Haruka's Mund weitete sich ungläubig. „Jetzt reicht's..." flüsterte sie am Ende ihrer Nerven, packte einen der Steine aus und warf ihn Loki an den Kopf.

Sie traf außerordentlich gut, denn er fiel sofort um. „Schon besser..." schnaufte sie zufrieden und nickte lächelnd. „Ha, LOKI'D!" Loki stand plötzlich wieder auf und lachte aus vollem Hals.

Haruka seufzte nur, ließ den Kopf hängen und ging einfach weiter. Loki stoppte sofort in seiner Bewegung, als er merkte, dass sie nicht mal grinste. „Was hat sie denn jetzt?" dachte er verwundert und haschte ihr sofort hinterher. „Schmollt da etwa jemand?" Er kam ihr mit seinem Gesicht etwas näher und machte ihren unfreundlichen Gesichtsausdruck nach.

„Hast du dich irgendwie an 'nem Stein gesto-... Ne, halt. Das ist ne dumme Frage. ...Ich sage dir aber eins: Schlucke nie wieder eine dieser Tabletten! Das ist ja nicht auszuhalten mit dir! Du sollst ein Schurke sein, der hunderte Menschenleben auf dem Gewissen hat? Du willst mir doch 'nen Thor aufbinden!" Haruka war am Ende. Loki blinzelte verwundert und legte den Kopf schief. „Einen Thor aufbinden? Sagt man so was heutzutage?" Seine Mine sagte schon aus, dass er verwirrt war. „...Das ist 'ne Alternative zu dem Bär, in dem Sprichwort. ...Wegen dem Bart und so.

Es gibt auch das Sprichwort: Den Loki aus dem Sack lassen! ...Warum du eigentlich die Katze bist, weiß ich nicht." Haruka verschränkte die Arme und kratzte sich am Kopf. „Warum erzähle ich ihm das eigentlich?" murmelte sie, nachdem sie sich umgedreht hatte und weiterging. Ihre Kraft ging aber langsam zuneige. Loki war aber wahrscheinlich nicht der einzige Grund. Das Theater um ihre Eltern und die ganze Aufregung hatten ziemlich an ihren Kräften genagt.

Als Haruka in ihre Tasche sah und ein wenig herumkramte, fand sie noch drei Brote und vier kleine Wasserflaschen. Die große Flasche hatte ja Loki aufgebraucht... Mal nebenbei: Wo war der überhaupt? „Hinter mir ist er jedenfalls nicht... Anscheinend hat er sich nach meiner Standpauke in Luft aufgelöst und schmollt. ...Na ja, umso besser für mich!" sprach sie lächelnd und zuckte mit den Schultern.

Nach einer Weile begann sie jedoch zu frieren und suchte einen Ort, an dem sie übernachten könnte. „Mist... ich hab die Decke Zuhause liegenlassen." bemerkte sie plötzlich und schüttelte beschämt den Kopf. „Nein, dieser Tag konnte doch noch schlimmer kommen..." fügte sie noch hinzu. Zitternd und müde sah sie immer wieder umher. „Wo Loki wohl ist und was er gerade macht... Er hat noch weniger als ich. Vielleicht hätte ich ihn nicht so anbrüllen dürfen." Ein flaues Gefühl machte sich in ihr breit. „Warum habe ich jetzt Schuldgefühle? Ich kann doch nichts dafür, dass er so unerträglich ist!" versuchte sie sich einzureden, doch es half nichts. Einige Tropfen fielen vom Himmel, welcher schon mit grauen Wolken überdeckt war. „Im Ernst?" dachte sie nur und blieb stehen. Die kühlen Tropfen fühlten sie ganz gut auf ihrer aufgeschürften Haut an.

Für einige Momente schloss sie die Augen und ließ sich, im wahrsten Sinne des Wortes, berieseln.

Plötzlich legte sich etwas um das junge Mädchen. Es war Loki's Mantel! „Er ist mir also doch gefolgt... Was für ein Glück!" Loki tätschelte kurz ihren Kopf und sprach sanft: „Ich habe in der Nähe ein Lager aufgeschlagen. Komm mit und wärm' dich erst mal auf!" Haruka's Mund öffnete sich ein bisschen. „Seit wann ist er denn so freundlich?" In ihren Augen sammelten sich Tränen, als er freundlich auf sie hinab lächelte. Langsam ging sie ihm hinterher und konnte nicht glauben, dass das wirklich mal ein Schurke gewesen sein sollte. „Er ist doch so lieb..."

Haruka war damals zwölf Jahre alt gewesen, als das Unglück in New York geschah. Da ihr Vater dort arbeitete und sein Büro zerstört wurde, verlor er seinen Job. Ihrer Mutter ging es genau andersherum. Sie arbeitete in einem Krankenhaus und hatte alle Hände voll zu tun. Während ihr Vater somit nur Zuhause saß und langsam Alkoholiker wurde, kam ihre Mutter immer später und gestresster nach Hause. Für Haruka blieb dabei wenig Zeit. Durch die fehlende Fürsorge ihrer Eltern war sie schon bald allein. Freunde hatte sie keine mehr, denn auch diese waren entweder umgekommen oder durch die Geschehnisse ausgewandert. Ihre Welt wurde einfach zerstört.

Die Nahrung in der Umgebung von New York wurde auch immer teurer, doch die Qualität ließ zu wünschen übrig. Somit ging sie oftmals hungrig schlafen. Doch als sich ihre Eltern begannen zu streiten und die Scheidung erwähnten, war für sie alles vorbei und sie fasste den Beschluss, abzuhauen. Sie dachte, dass es überall besser wäre, als bei ihr Zuhause. Sie wusste nicht, was sie erwarten würde. Das wusste niemand.

Als die beiden endlich am Lager, einer kleinen Höhle mit einem Lagerfeuer in der Mitte, angekommen waren, begann Haruka's Magen zu knurren. Sie hatte sich schon in Loki's Mantel eingekuschelt. Sie konnte doch jetzt nicht einfach, vor seinen Augen, etwas essen und so tun, als wüsste sie nicht, dass auch er Hunger hatte. Sie seufzte leicht und holte zwei Brote heraus.

Eines davon gab sie Loki, welcher es dankbar annahm. „Das Brot auf Midgard ist anders, als das aus Asgard... Eures ist etwas fester und hat mehr Geschmack. Das ist eine willkommene Abwechslung!" sprach er grinsend, als er an dem Brot knabberte und seinen Blick auf Haruka gerichtet hatte. Auch er sah müde und erledigt aus. Haruka hörte ihm einfach zu, denn sie hatte nicht mehr die Kraft, zu antworten. In ihren Augen spiegelte sich das lodernde Feuer, auf welches sie schon die ganze Zeit starrte. „Was er wohl über mich denken mag... Wahrscheinlich nichts besonderes, aber es interessiert mich irgendwie trotzdem." In ihren Gedanken spielten sich einige Szenen ab. Sie stellte sich vor, wie Asgard wohl aussehen mochte und sah nun gen Himmel.

Loki sah ebenfalls ruckartig zum Himmel und zögerte einige Momente, doch dann setzte er sich neben Haruka und bat sie, einen der Regenbogensteine heraus zu holen. Sie nickte kurz und nahm einen etwas kleineren aus ihrer Umhängetasche, welche auch schon voller Staub und Dreck war. Loki nahm den Stein aus ihrer Hand und konzentrierte sich darauf. Im nächsten Moment erschien über dem Stein eine kleine Miniatur von Asgard. Diese Miniatur glitzerte leicht und sah so aus, als wäre sie aus Sand gemacht, der in der Sonne glänzte. Es war beinahe schon Sternenstaub. Haruka's müde Augen weiteten sich ein wenig, genauso wie ihr Mund. „Das ist mein Zuhause... Das hier ist zwar nur der Palast, aber das ist eigentlich auch das größte, was es in Asgard zu sehen gibt." erklärte er. Mit einem Zeigefinger zeichnete er eine kleine Linie durch die Tore. „Und das ist die Regenbogenbrücke, die direkt aus dem Palast heraus führt. ...Ungefähr von dort bin ich auch heruntergefallen. Das Observatorium dahinter ist der Bifröst – das eigentlich Portal zu den anderen Welten." Er zeigte auf eine Stelle hinter der Regenbogenbrücke und eine kleine Kugel erschien. Haruka hob eine Augenbraue. „Bifröst? ...Das klingt wie eine Fastfood-Kette." Loki lachte leicht und bemerkte, wie Haruka's Augen langsam zu fielen. Sie schlief ein.

Sanft deckte er sie mit den Ärmeln seines Mantels zu und lehnte sich an die Wand, der Höhle, in welcher sie übernachteten. „Anscheinend bin ich nicht mehr der, der ich einst war..." flüsterte er.

Als er seine Augen schloss, bemerkte er gar nicht, wie ihm eine Träne über seine Wangen kullerte. Auch seine Kraft neigte sich dem Ende zu und er schlief ein...