Lokis Tränen

Kapitel 3

Ein alter Bekannter

In Harukas Träumen spielten sich die Geschehnisse der vergangenen Tage und Wochen ab.

Die Hilflosigkeit, die sie überkam, wandelte sich in panische Angst um. Ihre Träume wurden zu Albträumen. Sie sah, wie sich ihre Eltern gegenseitig anschrien und sich schon mit Schlägen drohten. In weiteren Szenen sah sie die Silhouetten ihrer verstorbenen oder ausgewanderten Freunde. Die Zähne zusammen beißend, versuchte sie sich gegen die bevorstehenden Szenarien zu wehren, doch scheiterte kläglich. In ihren Träumen rannte sie vor Verzweiflung des öfteren beinahe vor das ein oder andere Auto. Mit einem Mal änderten sich aber die Szenen. Die Umgebung wurde in ein etwas dunkleres Grün getaucht und die Orte, die weiter weg waren, wurden schwarz überzogen. Haruka staunte bei dem Anblick nicht schlecht. Nun strahlte etwas goldenes vom Himmel herab. Auf einem hohen Felsen stand Loki! Sein Helm reflektierte das Sonnenlicht, sodass es genau auf Haruka hinab schien und sie sogar leicht blendete. In Lokis Hand war der Speer, den er vor einigen Jahren gegen die Avengers verwendet hatte. Am Himmel flogen auf einmal Engel umher. War das ein Zeichen seiner Herrschaft? Zu seinen Füßen lag noch etwas. Bei genauerem betrachten, erkannte man, dass es der Körper seines Bruders Thor war!

Blutverschmiert und tot lag er dort. Haruka wurde auf einmal eiskalt. Ein Schneesturm begann.

Der Mantel von Loki flatterte im Wind, während er auf sie hinab sah. Langsam streckte Loki seine freie Hand nach ihr aus und zarte Schneeflocken tänzelten nun um Harukas Wangen. Doch plötzlich änderte sich das komplette Szenario! Der Himmel färbte sich rot und die Engel, die vorhin noch so glücklich und rein aussahen, verwandelten sich zu Teufeln. Sie stürzten auf Loki nieder.

Der Felsen, auf welchem er stand, begann zu zerbrechen und er war drauf und dran in den Tod zu stürzen. Haruka wusste nicht was sie tun sollte und sah einfach zu. Die Schatten einiger undefinierbaren Kreaturen reihten sich um das hilflose Mädchen und starrten mit roten Augen auf sie hinab. Die Augen zusammen kneifend, wollte sie schreien, doch konnte nicht.

Mit einem Mal wachte Haruka ruckartig auf und rief: „Loki!" Mit verwundertem Blick sah dieser zu ihr. „Anwesend." gab er nur von sich. Anscheinend war er schon wach gewesen, als sie noch träumte. Ihr Her schlug schnell und stark. Ihr Gesicht war kreidebleich und sie zitterte. „Was ist denn mit dir passiert? Albträume?" Loki hob eine Augenbraue. „Was? Das waren nur Träume? Odin sei Dank! ...Das war unheimlich..." plapperte sie vor sich hin. Loki legte sanft seine Hand auf ihren Kopf und wuschelte ein mal durch ihre, schon zerzausten, Haare. Mit frechem Grinsen sah er auf sie hinab. „Ist die Wirkung der Tabletten eigentlich schon komplett vergangen?" fragte Haruka mit einem Mal und starrte ihn an. Loki zuckte nur mit den Schultern. „Woher soll ich das wissen? Bin ich Odin oder was?" Haruka dachte einige Momente zurück und fragte sich, warum sie eigentlich solch starke Tabletten mitgenommen hatte. „Stimmt ja... Ich hab einfach auf gut Glück in den Schrank gegriffen und irgendetwas mitgenommen. ...Vielleicht hätte ich mir das alles ersparen können, wenn ich richtig hingesehen hätte." In ihren Gedanken tobte wieder ein Sturm. Sie fühlte sich einfach dämlich. „Mal nebenbei... Ich denke, wir sollten lieber weg von hier. Vorhin habe ich einige merkwürdige Pferde gesehen. Seltsamerweise passten da sogar vier Personen hinein und man war im Pferd. Was sind das für Geschöpfe?" Haruka überlegte kurz, was er meinen könnte.

„...Das was du gesehen hast, waren keine lebendigen Geschöpfe, sondern Autos. Das sind einfach Maschinen. Die gibt's in jeder erdenklichen Größe. Das sieht manchmal ganz schön bescheuert aus..." In ihren Gedanken spiegelte sich der alte Käfer wider, welcher ihr Vater einst bei einer Auktion ersteigert hatte. Bis heute hin besaß er dieses... Geschöpf. Loki legte auf ihren verstörten Gesichtsausdruck hin, seinen Kopf schief.

Plötzlich hörte man die Sirenen einiger Polizeiwagen. Haruka und Loki sahen sich gegenseitig an, schnappten ihre Sachen und machten sich eilig aus dem Staub. „Und das war?" fragte Loki, während sie um ihr Leben rannten. „Die Bullen!" Haruka hechelte schon fast. „...Stiere?" Das schwarz-grüne Männchen sah sie ungläubig an. „Nein, das sind... Ach, halt jetzt einfach die Klappe und renn' weiter!" In Harukas Augen spiegelte sich große Angst wider. „Verflixt... Wenn die Loki und mich finden, sind wir so gut wie erledigt! Ich müsste wieder zu meinen Eltern und er -... Ich will das eigentlich gar nicht so genau wissen!" dachte sie verängstigt. Ihrem Gekeuche zufolge, hatte sie schon beinahe keine Kraft mehr. Das war ja auch nicht weiter verwunderlich. Wer kann schon einen Marathon laufen, wenn er gerade erst aufgewacht ist und noch nichts gegessen hat?

Nach einer Weile wurde Haruka immer langsamer und ihr Hecheln wurde immer schlimmer. Loki merkte das zum Glück und hielt mit ihr an, aber wusste nicht, was nun zu tun war. Er versuchte auf die Schnelle einen geeigneten Unterschlupf zu finden, doch um sie herum war nichts als Staub und kleine, vertrocknete Büsche. Er sah die Lichter der Polizeiwagen schon auf sich zu kommen. Mit einem Mal konnte er aber nicht mehr den Boden unter seinen Füßen spüren und seine Augen weiteten sich. „Warum zum Teufel -...?!" Haruka reagierte ungefähr genauso. Loki wollte nicht nach oben sehen, weil er schon eine dumpfe Vermutung hatte, wer das alles mit ihnen anstellte. Seine Augenlider sanken ein Stück. „Na toll..." Das Mädchen, welches neben ihm in der Luft hing, reagierte verwundert und verwirrt auf seinen unglücklichen Blick. „Dieser Gesichtsausdruck bedeutet sicherlich nichts Gutes..." dachte sie nur und schluckte ängstlich. Loki verschränkte die Arme, schloss die Augen. „Drei, zwei, eins..." Wie auf Kommando schlug seine Körper auf dem harten Boden auf. Haruka wurde im Gegensatz zu ihm sanft abgesetzt. Verwundert drehte sich Haruka um und erblickte einen jungen Mann, dessen Arme dicker waren, als seine Beine. „Oh... Der Hammerbruder." flüsterte sie positiv überrascht. Thor war gekommen um sie zu retten! Loki lag breit auf dem harten Boden und atmete langsam ein und wieder aus. Haruka zitterte ein wenig und betrachtete Loki, während er so regungslos herumlag. Thor stapfte langsam auf seinen jüngeren Bruder zu und bückte sich zu ihm. „Ah, hallo Bruder. Na, wie geht's? Alles in Ordnung mit dir und deiner Geliebten? Ja? Na dann, ich würde mich jetzt am -" Thor hob Loki auf und drückte ihn an sich. Peinlich berührt, wurden Lokis Wangen ein wenig rot und er sah immer wieder hin und her. Haruka kicherte ein wenig. In den Armen seines Bruders feststeckend, sah er zu Haruka, welche beinahe einen Lachanfall bekam und dachte: „Du bist keine besonders große Hilfe... Ja, lach nur! Lach mich ruhig aus!" Thor hatte währenddessen mit den Tränen zu kämpfen. Immer wieder flüsterte er den Namen seines jüngeren Bruders, welcher er beinahe zerdrückte. „Großer, es reicht langsam. Ja, ich weiß, dass ich Loki heiße. Ich weiß auch, dass ich dein Bruder bin... Na ja, Halbbruder. ...Ja, ich hab dich auch vermisst." Auf den letzten Satz hin zuckte Thor zusammen, ließ ihn los und musterte ihn aufdringlich. „...Normalerweise würdest du solche Dinge nie sagen. Wer bist du und was hast du mit meinem Bruder gemacht?!" Loki starrte ihn nur kopfschüttelnd an. „Jeder kann sich mal ändern. Das ist nur normal." Thor hob die Augenbrauen ein wenig an und betrachtete ihn etwas näher. Haruka sah den beiden zu und wirkte etwas verstört. „...Ich habe ja gehört, dass er nicht der Hellste ist, aber das habe ich nicht erwartet." Loki sah zu ihr und nickte leicht. „Da haben wir wieder das Klischee, dass die Schlauen die Bösen sind. ...Schlau und heldenhaft passt wohl einfach nicht zusammen." Thor musste auf Lokis Aussage hin grinsen und klopfte ihm sanft auf die Schulter. „Das ist der Loki, den ich kenne... Schon besser." Loki grinste ihn nur schief an und stand auf. „Aber eins frage ich mich da noch... Du bist doch eigentlich gestorben, also wieso lebst du und was machst du hier?" fragte Thor als sich Loki umdrehen wollte, um zu gehen. „...Es gibt Dinge, zwischen Asgard und Midgard, die muss man nicht verstehen..." flüsterte Loki daraufhin und verschwand. „Jetzt hat der mich hier ernsthaft allein gelassen... Na, von mir aus!" Seufzend drehte sich auch Haruka weg und ging in irgendeine Richtung. Thor blieb dort allein stehen. „Für immer allein, wie ein Stein, wie?" lachte Loki hinter einigen Felsen versteckt.

Plötzlich änderte sich sein frecher Blick, in den Blick eines besorgten Mannes. „Vielleicht sollte ich sie nicht einfach allein lassen..." Gesagt, getan und Loki war wieder bei Haruka. Sie erschreckt sich zwar ziemlich, aber war auch froh, dass sie nicht mehr allein war. Vor Schock machte sie eine Pose wie ein Ninja... Mehr oder weniger. Sie fiel dabei fast um. Loki musste sich deshalb das Lachen verkneifen. „Wohin geht's nun?" kicherte er weiter. Sein freches Grinsen ließ Haruka erröten. „Äh... Wir sind ziemlich vom Weg abgekommen. Ich habe keine Ahnung, wo wir gerade überhaupt sind..." antwortete sie und kratzte sich beschämt am Kopf. Für einige Sekunden war es still. „Wusstest du überhaupt schon mal, wohin du gehst?" Loki sah sie mit ungläubiger Mine an.

Haruka grinste schief. „...Nein." Haruka sah einige Momente umher. „Wo ist eigentlich der blonde Bär mit dem fabulous hair?" Loki starrte sie an und dachte nur: „Was?" Trotz allem war ihre Frage nicht dumm, denn Thor stand auf einmal nicht mehr an der Stelle, an der sie ihn zurück gelassen hatten. Loki wunderte sich jedoch nicht schlecht, als ihm jemand auf die Schulter tippte. Thor stand hinter ihm! „Wie bist du denn hier her gekommen?!" erschrak Loki und fuchtelte kurz mit den Armen. Thor hob nur eine Augenbraue und zog seinen kleinen Bruder hinter sich her. Loki stotterte dabei nur ein bisschen herum: „Hey... Was machst... Wieso... Was habe ich... Warum... Hä?!"

Haruka ging den beiden Halbbrüdern hinterher und fragte sich, wo das wohl noch hinführen würde...