Lokis Tränen

Kapitel 4

Gute oder schlechte Begegnungen?

Während Loki von Thor mitgezogen wurde, fragte sich Haruka, wohin sie wohl eigentlich gingen und wann sie wohl ankommen würden. Die Sicht war klar und die Sonne strahlte fröhlich auf sie hinab. Man konnte trotzdem riechen, dass etwas faul war. Nein, nicht etwa die Kadaver der verstorbenen Tiere, die manchmal neben dem Weg lagen. Eine unschöne Anspannung hatte sich mittlerweile breit gemacht.

Plötzlich verdunkelte sich der Himmel. Graue Wolken schwebten nun über ihnen und einige Blitze schlugen auf dem Boden ein. Kleine Regentropfen prasselten auf die drei ungewöhnlichen Personen hinab. Warum drei ungewöhnliche Personen und nicht nur zwei? ...Das wird sich noch ergeben. „Offensichtlich hast du Vater erzürnt..." murrte Thor und biss die Zähne zusammen. Loki hob eine Augenbraue und sah verwirrt nach oben. „Das kann nicht sein! Ich habe mich um das Volk gekümmert und ohne Druck regiert! ...Warum könnte er so wütend sein?" Loki rief seine Worte schon fast gen Himmel. Thor sah ihn verschreckt an. „Du hast... geherrscht? Du warst der König?!" Loki stand mittlerweile vor Thor und drehte sich zu ihm. Nickend bejahte er Thors Frage. Haruka verstand nicht ganz, was los war, aber hörte trotzdem einfach weiter zu. Thors Mine wurde grimmig und wohl ebenso wütend, wie die seines Vaters. Loki sah rasch zu Haruka hinüber. „Haruka, geh jetzt bitte weg und versteck' dich! ...Das könnte gleich unschön werden." Sie musste seine Worte zwar erst verarbeiten, aber rannte dann rasch hinter einen größeren Felsen. Lokis Blick richtete sich nun wieder auf seinen älteren Halbbruder. „Was wirst du nun tun, oh, du starker, großer Held? Mich zermalmen, weil ich Asgard regiert habe und dabei niemand leiden musste?

Willst du mich dafür töten, dass ich den Thron bestiegen habe, obwohl ich nicht König bin?"

In Lokis Zeit als König musste tatsächlich niemand leiden, so merkwürdig es auch klingen mag. Eigentlich regierte er so, wie ein König regieren sollte. Natürlich machte auch er den einen oder anderen Fehler, aber das war ja nur normal. Die Nahrung wurde nie knapp und es kamen auch keine Rebellionen auf. Es war, wie als hätte sich sein Herz einfach verändert und er wäre zu einer ganz anderen Person geworden!

Plötzlich wollte Thor auf seinen jüngeren Bruder losgehen, doch ein Blitz schlug zwischen den beiden ein und erschrocken brachen sie ihr Vorhaben ab. „...Offensichtlich beobachtet Vater uns." sprach Thor und sah gen Himmel. „Loki, Thor! Heimdall bringt euch zurück nach Asgard. Ich muss mit euch sprechen!" War das die Stimme von Odin gewesen? Doch ehe man auch noch etwas dazu sagen konnte, begann ein merkwürdiges Licht am Himmel zu erstrahlen. Mit einem Mal waren die Halbbrüder verschwunden.

Haruka konnte nicht ganz glauben, was da gerade geschehen war. Verwirrt sah sie umher und trat einige wenige Schritte nach vorn. „Was nun?" dachte sie leicht benommen. Sie bemerkte gar nicht, dass sie jemand beobachtete. Ein paar Bekannte von Thor und Loki waren einige Meter hinter ihr. Auch sie hatten das Spektakel beobachtet. Das war zwar wohl eher Zufall gewesen, aber das tut ja recht wenig zur Sache.

Als Haruka plötzlich einen riesigen Schatten über sich bemerkte und nach oben sah, erblickte sie den Helicarrier! „Ach du mein Goethe..." Ihre Augen weiteten sich schlagartig. Der Helicarrier flog weit über ihr, doch er sah wirklich riesig aus! ...Aber das war ja auch nicht weiter verwunderlich.

„...Haruka, wir müssen uns kurz unterhalten!" erschallte hinter ihr eine männliche und nur allzu bekannte, Stimme. Haruka dreht sich mit einem leisen Glucksen um und siehe da: Nick Fury kam mit langsamen Schritten auf sie zu! Nicht richtig dazu fähig, ein Wort heraus zu bekommen, stand sie einfach nur starr und verschreckt vor ihm. „Offensichtlich haben Sie mit etwas zu tun gehabt, dass nicht aus unserer Welt stammt. Darüber sind sie sich doch wohl im Klaren, oder?"
Haruka nickte nur leicht und schluckte. „Was macht er wohl jetzt mit mir?" fragte sie sich in Gedanken. Ihren Vermutungen nach, würde man sie jetzt wohl knebeln und verhören, doch dazu kam es natürlich nicht. „Haben Sie von Loki irgendwelche geheimen Pläne oder sonstiges Wichtiges erfahren?" Sie überlegte kurz, doch schüttelte dann nur leicht den Kopf. „...Ich würde Sie nun bitten, mit mir zu kommen." Gehorsam watschelte die verängstigte Haruka hinterher und wurde ganz Blass.
Als sie in einen kleinen Helikopter einstieg, waren sie nicht allein. Steve Rogers, oder auch Captain America, saß vor ihnen. Neben ihm saß Phil Coulson. Anscheinend waren beide angriffsbereit, sodass Haruka schon etwas eingeschüchtert wurde. „Normalerweise wäre das eine große Ehre für mich, S.H.I.E.L.D. Agenten und Avengers zu treffen... Doch normalerweise werde ich auch nicht von ihnen mitgenommen oder gar verhaftet und auf den Helicarrier gebracht!" dachte sie sich und begann leicht zu zittern.

Während des Fluges kamen ihr so einige Szenarien in den Kopf. Sie könnte gefesselt und geknebelt werden. Vielleicht würde sie auch immer wieder, angekettet an einen Stuhl, in einen Wasserbehälter getaucht werden, damit sie endlich etwas sagt. ...Wäre sie nicht in einem Helikopter, wäre sie wohl kreischend davon gerannt. Man wird ja schließlich nicht jeden Tag von Nick Fury aufgefordert, mit zu kommen!

Nach wenigen Minuten landete der Helikopter auch schon dem Helicarrier. Zaghaft und zitternd steig Haruka aus. Ihre Blässe sah schon fast krank aus. Von einigen Agenten wurde sie in einen Raum gebracht, in dem es eigentlich ganz gemütlich aussah. Ein Bett stand unter einem Fenster, welches ungefähr in der Mitte der Wand war. Hinter dem Bett standen eine Couch und ein Fernseher. Daneben eine Kommode. ...Darauf standen Blumen. „Sehr männlich..." dachte sich Haruka amüsiert. Wenigstens wurde sie nicht in eine enge Zelle gebracht. „Wartet hier!" wies sie einer der Agenten an, bevor diese aus dem Zimmer gingen und die Tür hinter sich verschließen.

Haruka sah sich genauer um. Am Ende des Raumes war eine... Holztür? Sie öffnete diese und stand in einem Badezimmer. Es war recht schlicht eingerichtet und wirkte ein wenig kalt, aber es war sauber. „...Okay?" Langsam schloss sie wieder die Tür und setzte sich auf das Bett, welches einen merkwürdigen Bezug hatte. Sie sah sich das genauer an. Die Avengers waren abgedruckt.

„...Freakshow. Definitiv eine Freakshow, die hier abläuft. Wo ist die versteckte Kamera? In was für einer Comedy-Show bin ich hier gelandet?" Verwirrt sah sie in alle Ecken des Raumes, doch sie konnte nichts finden. „...Das ist weder eine Comedy-Show, noch ein Verhör. Sie können ganz beruhigt sein. Stattdessen möchte ich Ihnen ein Angebot machen..." Nick Fury kam durch die Tür. ...Nein, nicht die Badezimmertür, sondern die Tür, aus welcher die Agenten vor einigen Minuten noch heraus gegangen waren. „E-ein Angebot? Mir?!" stotterte Haruka verschreckt und stand ruckartig auf. Nick beruhigte sie. „Keine Angst. Wenn Sie dem Angebot zustimmen, wird dies Ihr Zimmer sein. ...Sie sollten sich darüber freuen, denn alle anderen Agenten schlafen in kleinen, engen Kajüten." Nick starrte auf sie hinab. Auch wenn er nur noch ein Auge hatte, machte es das für Haruka nicht unbedingt angenehmer. „...Und was i-ist dieses Angebot nun?" fragte sie ängstlich und zog den Kopf ein wenig ein. „Mein Angebot lautet wie folgt: Wir werden Sie als Agentin einstellen und trainieren. Sie bekommen dieses Zimmer und somit ein Zuhause. ...Die Gegenleistung wäre jedoch Ihre volle Bereitschaft für Missionen. Falls sich eine Situation, wie noch vor einigen Jahren in New York, ergibt, müssen sie mithelfen, diesem Chaos ein Ende zu bereiten. So gesagt: Sie müssen Zivilisten mit ihrem Leben beschützen. Komme was wolle. ...Wären sie zu solchen Dingen bereit?" Harukas Mund weitete sich ein wenig. Sie wusste nicht, was sie in einer solchen Situation ausrichten könnte. Ihr Gesicht ähnelte dem „Surprised Patrick"-Meme, welches im Internet kursiert. „Entschuldigen Sie, Mr. Fury Sir, aber ich habe weder besondere Fähigkeiten, noch bin ich mutig genug, mich solchen Dingen zu stellen! ...Schon als ich vorhin mit Ihnen im Helikopter war, wäre ich am liebsten schreien davon gerannt." Beschämt sah sie zu Boden und kratzte sich am Hinterkopf. Nick seufzte leicht lächelnd. „Ja, das hat man durchaus gemerkt. Agent Coulson hat schon damit gerechnet, dass Sie ohnmächtig werden und er Sie auffangen muss. Dazu kam es ja glücklicherweise nicht. ...Wissen Sie, beinahe jeder hat solche Gedanken am Anfang des Trainings. Niemand rechnet damit, irgendwann etwas Besonderes zu sein. ...Es ist ein sehr altes Klischee, also quälen Sie sich damit besser nicht herum. ...Außerdem wissen sie doch bis jetzt nicht einmal, wohin Sie nun gehen sollten, nachdem Sie von Ihrem eigentlichen Zuhause abgehauen sind, nicht wahr? ...Dadurch erleichtert sich Ihre Entscheidung doch ungemein, oder nicht?" Haruka sah den grinsenden Mr. Fury verwundert an. „Woher wissen Sie, dass ich abgehauen bin, Sir?" Nick hob eine Augenbraue an. „Ich bin der Super-Spion, schon vergessen?

...Wie lautet nun Ihre Antwort?" Das überrumpelte Mädchen dachte angestrengt nach. Er hatte ja recht, aber sollte sie ihm vertrauen? Er war zwar der Anführer von S.H.I.E.L.D., doch für sie immer noch ein Fremder. Aber was würde wohl geschehen, wenn sie dieses Angebot ablehnen würde? Er würde sie doch nicht etwa aus dem Fenster werfen, oder?! ...Ihre Fantasie ging ein wenig mit ihr durch.

Letztendlich, nach einigen Minuten der Stille, nahm sie Nicks Angebot an. Das war wohl eher weniger ihr eigener Wille gewesen, aber somit war sie erst einmal in Sicherheit und brauchte nichts zu Befürchten. ...Das hoffte sie zu mindestens.