Wir waren doch Freunde
„Conner, lass einfach gut sein."
Sam wandte sich ab und blickte wieder in die Landschaft. Conner schob sich die Hände unter seine Mütze und raufte sich die Haare. Verstand Sam ihn absichtlich nicht oder tat sie nur so? Er fixierte sie mit seinem Blick, seine breiten Schultern hoben und senkten sich im Stile seiner Atemzüge. Er ballte die Hände zu Fäusten, schüttelte sich immer wieder. Doch Sams strenge Ansage brachte ihn dazu, dass er schlussendlich doch aufgab.
„Na schön", knurrte er und zog sich seine Mütze wieder zurecht.
Sam wandte sich um. Jetzt lächelte sie wieder.
„Siehst du, war doch gar nicht so schlimm. Gehen wir zurück zu den anderen?"
Er nickte und folgte ihr immer noch leise brummelnd zurück zum Eingang der Lodge. Er sah wie Chris und Josh einen seitlichen Pfad hinauf verschwanden. Irgendetwas planten seine beiden Freunde wieder, das ahnte er. Doch er ging ihnen nicht hinterher, sondern trat hinter Maya, die sich sehr angeregt mit Ashley unterhielt. Sobald er direkt hinter seiner Freundin stand, legte er beide Arme um sie. Sofort stieg ihm der Geruch ihres Shampoos in die Nase, er lächelte zufrieden. Vor ihrem Bauch verschränkte er die Hände, zog sie nahe an sich heran. Er spürte, wie sich an ihn schmiegte, den Kopf unter sein Kinn drückte. Durch das Leder spürte er die Kälte ihrer Hände, also umschloss er sie mit seinen. Über ihren Kopf hinweg schaute er zum Rest der Gruppe. Mittlerweile war auch das noch fehlende Mitglied aufgetaucht und unterhielt sich gerade mit Matt. Oder eher, führte einen Monolog, während Matt daneben stand. Sie war komplett in schwarz gekleidet, der Fellkragen an der Jacke wirkte erstaunlich echt. Genauso wie das Fell an den Stiefeln.
Emily
Mikes Ex
Intelligent
Einfallsreich
Überzeugend
„Sie sieht nicht sehr begeistert aus", brummte Conner gegen Mayas Scheitel. „Er aber auch nicht."
Keiner antwortete. Conner wandte seinen Blick wieder von dem Pärchen ab und schaute zum Rest der Gruppe. Ashley lächelte die ganze Zeit vielsagend zu ihm hoch. Er schaute skeptisch zurück.
„Ist was, Kleine?", fragte er nach.
„Ihr beide habt grad schwer den Anschein eines Pärchens", meinte sie und lächelte dabei wissend.
Sam lachte auf.
„Das fällt dir jetzt erst auf, Ash?"
Überrascht schaute Conner zwischen den jungen Frauen hin und her. Waren sie wirklich so leicht zu durchschauen? Doch Maya lachte nur, legte dann aber einen Finger auf die Lippen und hauchte ein leises 'Pssst' zu ihren Freundinnen. Mit den Augen deutete sie in Richtung von Nick, der etwas weiter abseits am Waldrand hockte. Jetzt schaute auch Conner zum Bruder seiner Freundin.
Nich hockte im Schnee, einige Nüsse vor sich liegend. Er hatte die Kamera erhoben und schien darauf zu warten, dass das Eichhörnchen, welcher unter einem Busch hockte, sich heraustraute. Seine Umgebung schien Nick total ausgeblendet zu haben, für ihn gab es nur noch sich, das Hörnchen und die Kamera. Es war fast schon entspannend.
Sam rieb sich die Arme und begann leicht auf und ab zu laufen.
„Man, wie lange brauchen die denn um eine einfach Tür aufzumachen?", murmelte sie.
„Werden sicher gleich wieder da sein", versuchte Maya die anderen zu ermutigen.
Doch sie selbst schien ebenfalls stark zu frieren. Conner verstärkte seinen Druck in den Armen, begann Mayas Hände zu massieren. Die Zeit verstrich, der Schnee fiel unablässig auf sie hinab. Doch weder Josh noch Chris tauchten wieder auf. Die Tür zur Lodge blieb fest verschlossen. Irgendwann gesellte sich Nick wieder zu ihnen, den Blick fest auf das Display seiner Kamera gerichtet.
„Schaut mal."
Er hielt die Kamera so zwischen seine Freunde, dass jeder auf das Display schauen konnte. Er hatte genau den Moment eingefangen, in dem das Eichhörnchen seine kleine Zähne in die Schale einer Nuss grub.
„Süß", meinte Sam mit einem Lächeln.
Nickt schaute sofort zu ihr hoch, wieder dieses kindliche Lächeln auf den Lippen.
„Nicht wahr. Die anderen sind nicht so gut, aber…"
Plötzlich gähnte er lauthals. Er kam nicht einmal dazu sich die Hand vor den Mund zu halten, sodass jeder für einen kurzen Moment einen perfekte Blick auf seine blanken Zähne hatte.
„Nick, widerlich", beschwerte sich Emily von weiter hinten.
„Hey, lass ihn. Er ist müde", verteidigte Matt seinen Freund.
Nick schaute nur kurz in ihre Richtung, dann schnell zu seiner Schwester. In seinem Blick stand Unsicherheit, er zitterte stark. Wohl nicht nur durch die Kälte. Doch Maya lächelte nur aufmunternd. Schon hörte das Zittern etwas auf. Und Nick gähnte wieder herzhaft, diesmal hielt er sich die Hand vor den Mund.
„Warum bist du denn so müde?", fragte Sam nach.
Nick zuckte nur mit den Schultern.
„Josh wollte gestern noch, dass ich ein paar Sachen für ihn erledigen. Und irgendwie hat mich das echt müde gemacht."
Conner lachte dreckig auf.
„Du musst mal ein paar Nächte mit mir und Chris durchmachen, wenn wir an unseren Apps rumschrauben. Dann packst du eine Nacht ohne Schlaf locker."
„Wenn die Hölle zufriert", murmelte Nick etwas ungehalten, woraufhin Maya ihm leicht gegen das Schienbein trat. Nick trat einen Schritt näher an Sam heran, als erhoffe er sich von ihr Schutz. Ashley stand auf und trippelte auf der Stelle.
„Allmählich wird das echt unerträglich kalt. Conner, könntest du mal nachschauen?"
Sie schaute ihn bittend an. Conner legte den Kopf schief.
„Ash, der Blick funktioniert vielleicht bei deinem lieben Chris, aber nicht bei mir."
Wie aufs Stichwort legte Maya den Kopf in den Nacken, sodass sie sich an Conners Brust drückte und schaute mit einem bittenden Blick zu ihm hoch.
„Bitte, bitte?", fragte sie jetzt.
Wenn sie ihn so ansah, konnte er nicht anders. Mit dieser Stimme, mit diesem Blick, da schmolz sein Herz. Seufzend ergab er sich, drückte ihr einen sanften Kuss auf die Stirn und ließ sie dann los. Er ging an seinen Freunden vorbei und folgte den Weg hinauf, den er Josh und Chris hatte raufsteigen sehen. Die Fußspuren waren sogar noch gut zu erkennen. So ging er seitlich an der Lodge vorbei. An einem großen Metallkasten direkt unter einem offenen Fenster hörten die Fußspuren auf. Ein einzelnes Paar Fußspuren führte vom Kasten weg, weiter den Weg entlang. Conner war etwas verwirrt, kletterte aber auf den Kasten und steckte seinen Kopf durch das offene Fenster.
„Chris? Josh?", rief er fragend in die Dunkelheit.
Keine Antwort. Conner nahm den Kopf wieder zurück, blickte zu den Fußspuren, die wegführten. Er entschied sich im Keller nachzuschauen. Also schwang er sich über die untere Fensterkante, landete mit den Füßen auf einer Art Arbeitsplatte und sprang von dort auf den Boden. Es knallte einmal laut, als seine dicken Stiefel auf dem Boden aufschlugen. Doch ansonsten blieb es still.
„Hallo?", rief Conner wieder in die Dunkelheit.
Zögernd ging er weiter. Er sah nicht wirklich viel. Sofort griff er nach seinem Handy, fummelte es aus seiner Jackentasche und schaltete die Taschenlampe an. Im gleichen Moment sprang die Warnleuchten für den Akku an.
„Verdammte Scheiße", fluchte Conner leise.
Er ließ den Schein der Lampe über den Boden und die Regale um ihn herum gleiten. Noch immer keine Spur von seinen beiden Freunde. Langsam tastete er sich vor, ließ den Schein seines Handys wie einen Suchscheinwerfer über den Boden gleiten. Da erschien im Schein der Lampe ein erloschenes Sturmfeuerzeug, daneben eine Hand in einem dunkelblauen Jackenärmel. Sofort ließ Conner die Lampe nach vorne gleiten.
„Chris!", rief er erschrocken.
Sein bester Freund lag ohnmächtig auf dem Boden. Neben seiner linken Hand entdeckte Conner etwas, was ihm sehr bekannt vorkam. Ein Totem. Kurz knurrte er, dann legte er sein Handy mit der Lampe nach oben neben sich und begann Chris an den Schultern zu rütteln.
„Chris. Hey, Chris, komm zu dir. Verdammt, Bro, wach auf."
Chris begann mit den Augenlidern zu zuckten, bewegte die Gesichtsmuskeln. Er fuhr sich mit einer Hand an die Stirn, stieß ein leises Stöhnen aus und öffnete die Augen.
„Ah, mein Kopf", murmelte er.
Er schüttelte sich, blinzelte ein paar Mal und schaute dann etwas verwirrt zu Conner.
„Conner? Was machst du hier?"
„Hab dich gesucht, Bro. Wo ist Josh?"
„Der wollte was erledigen. Ah, mein Kopf."
Chris rieb sich mit schmerzverzerrtem Gesicht die Stirn. Da sich sein Freund mittlerweile aufgesetzt hatte, nahm Conner wieder sein Handy an sich und hielt den Schein der Taschenlampe zwischen sich und Chris.
„Kannst du aufstehen?", fragte Conner nach einer Weile.
Chris nickte und stemmte sich in die Höhe. Er blickte auf das Totem hinab. Als er sich wieder danach bücken wollte, kam Conner ihm zuvor. Er trat das Stück Holz in eine dunkle Ecke. Sofort schaute Chris wieder auf. Conner blickte ihn ernst an.
„Was hat du gesehen?", fragte er direkt heraus. Er hatte keine Lust auf Smalltalk, er wollte klare Antworten.
„Nicht so wichtig", antwortete Chris leise.
Er bückte sich nach dem Feuerzeug, hob es auf und ließ die kleine Flamme wieder aufflammen. Um den Akku seines Handys zu schonen, löschte Conner die Taschenlampe und verließ sich ebenfalls auf die spärliche Lichtquelle. Chris schaute sich noch einmal um, ging dann weiter. Conner folgte ihm.
„Wir müssen ins Bad", erklärte Chris leise.
„Warum ins Bad? Wir sollen die Tür aufmachen, die Mädels erfrieren draußen."
„Die Tür ist vereist, wir müssen sie erst abtauen. Dafür brauchen wir Deo aus dem Bad."
„Deo?"
Jetzt war Conner so verwirrt, dass er stehen blieb. Chris sprach in Rätseln. Was zur Hölle sollten sie mit Deo? Sein Freund hielt vor ihm an, wandte sich um und schaute ihn mit einem Blick an, der Conner an seinen alten Französischlehrer erinnerte. So hatte dieser ihn immer angeschaut, wenn Conner mal wieder etwas nicht verstanden hatte. Naja, man musste sich die Brille wegdenken. Und einen langen Schnauzbart dazu. Aber sonst passte es.
„Es ist ein Spray", erklärte Chris.
„Und?" Noch immer hatte Conner keine Ahnung.
„Bro, manchmal habe ich das Gefühl, dein Verstand wandert langsam, aber stetig in deine Muskeln."
„Hey, kein Grund beleidigend zu werden", polterte Conner sofort los.
Chris seufzte. „Erinnerst du dich an unsere Spielzeugsoldaten, als wir klein waren?"
„Ja, die haben wir… Oh."
Jetzt hatte Conner verstanden. Er nickte wild und grinste wie ein kleines Kind, mit diebischer Freunde auf den Lippen.
„Der Flammenwerfer. Genial."
„Genau. Dann heißt es Bye bye vereistes Schloss."
„Klasse. Dann mal los, sonst müssen wir danach die anderen enteisen."
Im Schein der kleinen Flammen gingen die beiden jungen Männer weiter durch den Keller. Metallkästen mit Rollen darunter standen an einer Wand, ansonsten erhoben sich Regal um sie herum. Durch eine offene Tür verließen beide den kargen Raum und schienen eine komplett neue Welt zu betreten.
Warmes Holz an den Wänden, in gleichen Abständen Nischen, die mit Steinwänden abgetrennt waren. Dunkles Laminat. Hin und wieder standen ein paar Blumen in den Ecken oder Bilder hingen an den Wänden. Die Schritte der Freunde ließen den Holzfußboden knarren. Chris schwenkte das Feuerzeug hin und her, das Licht begann Formen an die Wände zu werfen. Vor ihnen erschien ein Bild über einem kleinen Schrank. Im goldenen Rahmen spiegelte sich der Schein der Flamme, es ließ diesen glitzern. Langsam konnten sie die abgebildeten Gestalten auf dem Bild erkennen. Fünf Personen, drei Frauen, zwei Männer. Vor dem Bild hielten die Freunde an. Von der Leinwand her schauten sie die Schwestern Beth und Hannah, ihr Bruder Josh und ihre Eltern freundlich an.
„Cool", kommentierte Chris.
„Nicht mein Stile", meinte Conner und trat einen Schritt von dem Bild weg.
Er zog Chris am Ärmel seines Jacke, sodass dieser sich schließlich ebenfalls von dem Bild löste und sie nebeneinander her weiter den Flur runter gingen. Nach ein paar Schritten durchzuckte das laute Krachen einer zuschlagenden Tür die Stille. Synchron zuckten die zwei Freunde zusammen.
„Was war das?", fragte Chris etwas nach Atem ringend.
„Keine Ahnung. Vielleicht ist irgendwo ein Fenster auf", murmelte Conner, auch wenn er nicht sehr überzeugt von seinen eigenen Worten war. Er schob sich die Mütze etwas nach oben, um sich besser ein paar Tropfen Schweiß von der Stirn wischen zu können. Angstschweiß, da war er sich sicher. Durch den Schreck. Nichts anderes. Mit einer schnellen, fast schon reflexartigen Bewegung zog er sich die Mütze wieder gerade, sodass sie seinen Haare komplett bedeckte. Beim Gedanken daran erinnerte er sich, dass er bald mal wieder zum Friseur musste.
Chris öffnete eine verschlossene Tür und beide betraten den unteren Bereich der Lodge. Möbelstücke waren mit weißen Tüchern abgedeckt. Wo das nicht der Fall war, hatte sich Staub abgelegt. Hier war schon lange niemand mehr gewesen.
Vor ihnen, am Ende des Vorraums, in dem sie standen, lag eine weitere Tür. Durch das milchige Glas im oberen Bereich schien Licht herein. Chris ging ein bisschen schneller, erreichte die Tür und versuchte den Türknauf zu drehen. Ohne Ergebnis, die Tür blieb fest verschlossen. Neben ihm spähte Conner durch das Fenster. Draußen entdeckte er Sam, Ashley, Maya und Nick, die anscheinend immer mehr froren und wild diskutierten. In dem kindlichen Teil seines Gehirns formte sich ein Plan. Sein Blick wanderte in Richtung von Chris. Manchmal kommunizierten die beiden Freunde ohne Worte. Chris nickte nur. Sie stellten sich jeweils links und recht neben der Tür auf. Conner holte tief Luft, nickte seinem Freund zu und gemeinsam stimmten sie das gruseligste Geistergeheul an, das sie konnten. Sie hörten, wie ihre draußen wartenden Freunde zusammenzuckten, dann trat jemand an das Fenster.
„Hi Jungs, sehr witzig", meinte Sam von der anderen Seite der Tür.
„Woher wusstet ihr, dass wir es waren?", fragte Chris etwas enttäuscht.
Conner schwang sich von der Wand weg und schaute durch das Fenster nach draußen. Neben Sam stand seine Freundin und lächelte ihn zufrieden an. Kurz neigte er den Kopf in ihre Richtung. Damit hätte er rechnen können. Korrektur, damit hatte er gerechnet, aber er hatte diesen Scherz trotzdem durchgezogen.
„Solltet ihr nicht was erledigen, zum Beispiel das Schloss aufkriegen?", durchdrangen Sams Worte Conners Gedankengang. Chris schwang sich ebenfalls von der Wand weg und deutete an in Richtung der Mädchen zu salutieren.
„Sind dran."
Die jungen Männer verließen den kleinen Vorraum und betraten einen größeren. Breite Treppenstufen führten nach oben, durch die Fenster schien etwas Licht hinein. Doch die größte Lichtquelle war immer noch die kleine Flamme vom Feuerzeug in Chris' Hand. Der Wind rüttelte an den Fensterläden. Vor einer großen Treppe hielte die Freunde inne. Ein Geländer hielt unvorsichtige Besucher davon ab, in den Keller zu fallen. Dahin führten zwei Treppe in einigen Schritten Entfernung. Eine breitere nach oben, in die erste Etage. Auf der Hälfte der Strecke teilte sich diese in eine linke und eine rechte Treppe. Conner deutete nach vorne.
„Nach oben?"
„Wäre ein Anfang."
Chris hob das Feuerzeug etwas höher, als wolle er so die obere Etage absuchen. Conner versenkte die Hände in den Jackentaschen und begann mit dem Aufstieg der Treppenstufen. Das alte Holz knarrte unter seinen Füßen, manche der Dielen bogen sich unter seinem Gewicht. Auf der Hälfte hielt er inne und schaute in Richtung der ersten Etage. Er erinnerte sich daran, wie er, Josh und Chris sich hinter dem Geländer versteckt und von oben die kommenden und gehenden Freunde der Familie Washington beobachtet hatten. Leise tuschelnd hatte Josh ihnen allerlei schmutzige Sache über diesen und jeden Neuankömmling berichtet. Wenn ihnen langweilig geworden war, waren sie ins Joshs Zimmer gegangen und hatten teilweise mit unglaublicher Akribität ihre kleineren und größeren Streiche geplant. Oder eben ihre Spielzeugsoldaten mit Deo und Feuerzeug zum Schmelzen gebracht. Die Allianz des Schreckens halt.
Chris schlug ihm beim nach oben steigen auf die Schulter, eher er ihn überholte. Conner folgte dem kleinen Lichtschein die Treppe hinauf. Ein Fenster stand offen, sodass die offene Fensterläden durch den Wind immer wieder gegen den Rahmen schlugen. Es klapperte laut.
„Links oder rechts?"
Chris ließ die Flamme von links nach rechts wandern. Conner wiegte den Kopf hin und her, blickte betont lange in die beiden Richtungen.
„Jetzt wird mir erst klar, wie lange ich nicht mehr hier war", brummte er.
„Raus aus meinem Kopf, Bro."
Chris knuffte ihm lachend gegen die Schulter und ging an ihm vorbei nach links. Conner jedoch blieb stehen, lachte auf.
„Da ist so viel Platz, lass mich."
Chris winkte über seine Schulter ab. Da das Licht der Flamme immer kleiner wurde, sah Conner sich gezwungen seinem besten Freund doch hinterher zu laufen. Seine schweren, schnellen Schritte hallten an den Wänden wieder, ein paar Dielen knarrten. Erst als er wieder neben Chris ging, wurde er langsamer.
„Conner, sag mal", fing Chris nach einer Weile wieder ein Gespräch an. Conner schaute fragend zu ihm.
„Ja?"
„Josh hat mir gesagt, er hat dir einen Tipp gegeben. Wegen Maya und…"
In diesem Moment passiert etwas in Conners Kopf, was er nicht genau beschreiben konnte. Kaum, dass Chris Mayas Namen in den Mund genommen hatte, wirbelte Conner herum, packte seinen Freund am Kragen seiner Jacke und drückte ihn an die Wand. Sein ganzes Körpergewicht legte er in diesen Stoß, drückte Chris mit so einer Kraft an die Wand, dass es laut rummste. Seine Finger krallte sich in den Kragen der Jacke, die Daumen lagen bedrohlich über der Kehle. Durch die Wucht war Chris leicht die Brille verrutscht, weswegen das eine Augen etwas kleiner aussah als das andere. Obwohl beide vor Schreck geweitet waren.
„Bro", brachte Chris keuchend hervor.
Sofort wurde Conner wieder klar und ließ seinen besten Freund los.
„Tschuldige, Sorry, das… das wollte ich nicht. Ist alles gut?"
Chris rieb sich den Hals, holte einmal tief Luft und nickte nur.
„Ja, ja, geht schon."
Conner schämte sich furchtbar für seinen Ausraster. Er wusste nicht, was in ihn gefahren war. Das war sein Auftreten anderen Kerlen gegenüber, aber das hier war Chris, sein bester Freund. Er kannte ihn seit der dritten Klasse. Er wollte ihn nicht verletzen, er würde ihm nie wehtun.
„Chris, ich wollte nicht…"
„Schon gut, vergessen wirs."
Chris richtete sich wieder auf und winkte ab. Er schaute Conner immer noch etwas verschreckt an und schien darüber nachzudenken, ob er weiterreden sollte.
„Du… wolltest mich etwas fragen?", griff Conner schließlich die Thematik von eben auf.
Chris nickte.
„Ja Ja. Also, Josh hat mir auch einen Tipp gegeben. Wegen Ash. Und… naja… also… dass du und Maya jetzt zusammen sind, hat das was mit dem Tipp zu tun?"
Vor Schreck weiteten sich Conners Augen etwas. An einer Doppeltür, von der eine Seite offen stand, hielt er an und umfasste mit einer Hand die Klinke. Chris drückte die schon offene Tür noch etwas weiter auf, hielt aber inne und schaute Conner fragend an.
„Woher…", fing dieser leise an.
„Hab euch in der Gondel gesehen", gab Chris zu und selbst im spärlichen Licht konnte Conner sehen, wie sein Freund leicht rot wurde. Er holte tief Luft, nickte dann aber nur. Es war zu erwarten gewesen. Sam und Ashley hatten es ja auch schon bemerkt, es hätte ihm klar sein müssen, dass der Kuss in der Gondel nicht unbemerkt geblieben war. Conner nickte nur, ließ endlich die Klinke los, die er so verkrampft festhielt.
„Josh hat nur gesagt, ich soll endlich den Arsch hochkriegen, sonst kommt mir jemand zuvor."
„Was du dann ja auch getan hast."
Conner nickte schweigend. Sie ließen die Tür hinter sich und durchquerten einen weiteren Flur. Sie ließen Regal, Sofas und Blumen hinter sich. Der Wind heulte, rüttelte an den Wänden der Lodge. Sie steuerten eine verschlossen Holztür an. Fast schon etwas zögerlich stieß Chris diese auf, leuchtete in das Innere dahinter. Ein Badezimmer.
„Bingo", murmelte Conner und schob sich an seinem Freund vorbei.
Er ging von dem Schrank unter dem Waschbecken auf die Knie. Da er nichts sehen konnten, wartete er, bis Chris hinter ihm stand und ihm mit dem Feuerzeuglicht etwas Licht spendete. Erst jetzt öffnete Conner eine Seite des Schränkchens. Darin stand, als hätte es auf sie gewartet, eine Dose Deospray. Sofort griff Conner danach.
Etwas Großes sprang plötzlich aus dem Schrank heraus auf ihn zu, gegen seine Brust und riss ihn rücklings zu Boden. Er hörte Chris laut fluchen und zurückstolpern. Das Ding rannte mit schnellen Schritten davon.
„Son of a…", fing Conner an, als er sich auf den Bauch drehte, Chris lautes „So ein Dreck!" übertönte ihn aber. Er rappelte sich wieder auf und schaute in seine rechte Hand. Dort hielt er die Dose Deo. Triumphierend schwenkte er diese vor Chris' Gesicht.
„Auftrag ausgeführt."
„Dann retten wir mal die holden Damen."
Mit schnellen Schritten, immer darauf bedacht das Feuerzeug nicht ausgehen zu lassen, liefen sie wieder zurück zu der Tür, vor der ihre Freunde warteten. Dort angekommen warf Conner Chris das Deo zu. Sollte sein Freund den großen Auftritt haben und Eindruck schinden, würde ihm gut tun. Also blieb er stehen, während Chris sich vor der Tür hinstellte, das Feuerzeug vor der Deo hielt, das Schloss anvisierte und einmal auf die Dose drückte. Sofort schoss eine Stichflamme auf das vereiste Schloss. Als Chris die Tür öffnete, zuckte er kurz zusammen und schüttelte sich die Hand.
„Na, heiß?", fragte Conner leicht grinsend.
„Ach, was."
Die Tür flog auf und vor den beiden jungen Männer standen ihre leicht verfroren aussehenden Freunde. Chris machte eine Verbeugung in Richtung der drei vor der Tür wartenden Frauen.
„Danke, danke, danke, die Show läuft die ganze Woche."
Conner schmunzelte. Da rannte etwas gegen seine Beine, riss Chris fast von den Füßen und verschwand nach draußen. Vor lauter Schreck stießen die beiden Freunde nicht ganz männliche Schreie aus. Als Conner sich wieder gefangen hatte, hörte er die Freundinnen vor der Tür laut lachen.
„Man. Das Ding hat mich erschreckt", murmelte Chris und schüttelte sich.
Immer noch grinsend fragte Ashley: „Was war das? Seid ihr zwei okay?"
„War ein Bär oder ein Tiger", brummte Conner.
Doch Sam schüttelte nur den Kopf.
„Oh, es war nur ein süßer, kleine Babyfielfraß."
„Baby?", meinte Chris und Conner gleichzeitig, beide etwas ungläubig.
Derweil war Josh hinter den Freundinnen aufgetaucht. Er grinste.
„Keine Sorge", meinte er, „ihr beide werdet bald große Jungs sein."
Conner winkte nur ab, wandte sich um und stapfte zurück in den großen Raum. Er hörte schwere Schritte hinter sich, laute Stimmen. Anscheinend betraten jetzt auch die anderen nach und nach die Lodge. Conner ließ sich auf die einzige nicht mit einer weißen Decke abgedeckten Couch fallen, breitete die Arme über die Rückenlehne aus und wartete. Als Josh den Raum betrat, hob er einmal die Arme über den Kopf und ließ den Blick durch die Lodge kreisen.
„Home sweet home."
„So würde ich das nicht ausdrücken", murmelte Matt und stellte die zwei Koffer, die er mit reingebracht hatte, neben dem Durchgang ab.
„Es tut so gut wieder drin zu sein.", warf Maya ein und ließ sich neben Conner auf die Couch fallen.
Ashley trat hinter Sam die kleine Stufe zum Raum hinab. „Auch wenn es etwas eisig ist."
„Ich mach mal Feuer."
Damit ging Josh mit strammen Schritten in Richtung des Kamins, dem Blickfang im Haus. Die anderen sahen sich interessiert und gespannt zugleich um.
„Hier hat sich ja gar nichts verändert", meinte Matt.
Josh erklärte:„Es war niemand hier oben."
„Hast du nicht gesagt, dass die Polizei ständig hier war?", fragte Nick, der gerade zur ersten Etage hinaufsah.
„Na, in letzte Zeit war nicht viel los", warf Chris ein.
„Nope", bestätigte Josh.
Die Gruppe verteilte sich. Nick setzte sich auf unteren Treppenstufen zu Ashley und Sam, während Chris etwas unschlüssig hin und her lief. Matt hatte es sich auf dem Wohnzimmertisch vor der Couch, auf der schon Maya und Conner saßen, bequem gemacht. Derweil versuchte Josh den Kamin anzumachen. Mit schweren Schritten betraten Mike und Jess die Lodge. Zu Begrüßung riss Mike die Arme in die Luft.
„Was geht, Partiepeople!"
Hinter ihm erhob Jess zum Gruß die Hand. Conner stieß ein genervtes Stöhnen aus und legte den Kopf in den Nacken. Dabei fiel sein Blick auf Matt, der in dem Moment, in dem Mike den Raum betreten hatte, sichtbar zusammengezuckt war.
„Fühl dich ganz wie zu Hause, Bro", meinte Josh in Richtung von Mike.
„Klar doch", antwortete dieser.
Jess setzte sich derweil auf die Couch von Conner und Maya, rutschte dabei aber möglichst weit weg von den beiden. Fragend zog Conner eine Augenbraue hoch, konnte aber sehen, wie Maya das Gesicht verzog. Sie rutschte etwas näher an ihn heran, woraufhin er sofort den Arm um sie legte. In Jess' Gesicht las er kurz Verwunderung.
Mit einem Mal sprang Matt auf, den Blick auf Mike gerichtet.
„Ja, komm doch rein. Machs dir bequem. Nimm dir was du willst. Aber das machst du ja sowieso, stimmts?"
Er kam langsam auf Mike zu, bis sie eine halbe Armlänge von einander entfernt waren. Mike wirkte etwas überrascht und hob abwehrend die Hände kurz hoch.
„Woah, ganz ruhig, Cowboy."
Matt verschränkte die Arme vor der Brust.
„Warum warst du mit Emily auf dem Weg?", fragte er geradeheraus.
„Was?" Mike wirkte noch überraschter.
„Ich hab euch gesehen. Durch das Teleskop."
„Vorhin? Wir haben uns zufällig getroffen. War eine Weile her, darum haben wir uns umarmt", erklärte Mike ruhig. „Ist das verboten?"
Conner beobachtete Matt ganz genau, lehnte sich dabei etwas vor, bereit im Notfall einzuschreiten. Doch Matt trat einen Schritt von Mike weg und nickte mit einem Mal.
„Klar. Ja, man. Sorry, war ein langer Tag, ich hab einfach überreagiert."
„Hey, man, kein Ding." Mike schien zufrieden zu sein, dass die ganze Situation geklärt war.
„Alles cool?", fragte Matt noch einmal nach.
„Ja, alles cool."
Conner lehnte sich wieder zurück und spähte zu Chris in Richtung Treppe. Er verdrehte die Augen. Chris nickte und wischte sich erleichtert etwas imaginären Schweiß von der Stirn. Die Couch senkte sich einmal kurz, als Mike sich neben Jess fallen ließ. In diesem Moment betrat Emily als Letzte die Lodge. Als sie ihren Ex und seine Neue entdeckte, verzog sie gut sichtbar das Gesicht.
„Oh mein Gott, das ist so eklig. Hast du vor sein Gesicht aufzufressen?"
„Runde zwei", flüsterte Maya Conner ins Ohr. Er nickte und erhob sich von der Couch, um einmal herum zu gehen.
„Em", versuchte Matt seine Freundin zu beruhigen, wurde jedoch von ihr unterbrochen.
„Im Ernst jetzt, durchschaubarer geht's ja bald nicht mehr."
Conner blieb zwischen Couch und Treppe stehen. Genau wie alle anderen beobachtete er die Situation. Und genau wie alle anderen wusste er, gleich würde es unangenehm werden.
„Niemand will dir dein Revier streitig machen, Schätzchen", stichelte Emily weiter.
Und Jess stieg direkt auf ein, erhob sich von ihrem Platz. „Entschuldige bitte, hast du was gesagt?"
„Oh, hast du mich nicht gehört? War deine Flittchenshow zu laut?"
„Das ist wohl jemand verbittert, weil sie nicht landen konnte."
„Ja, ist ja auch wie beim Viehmarkt bei deinem Traumtypen. Glückwunsch zur schönsten Kuh."
„Nein wie kreativ, nennt Miss Homecoming eine Kuh."
Nick schüttelte die rechte Hand, als hätte er sich verbrannt. Er und die anderen waren mittlerweile von der Treppe weg gegangen und standen in Conners Nähe. So als Gruppe fühlte man sich immer sicherer, wenn Jess und Emily aufeinander losgingen. Zu Conners großen Überraschung schritt Matt in den Streit ein.
„Hey, du verdirbst allen hier die Partiestimmung, Jess", meinte er streng in Richtung der Blondine.
„Eifersüchtig?", fragte diese sofort mit einer gespielt mitleidigen Stimme. „Emily lässt dich wohl auch nicht ran."
Das hatte Matt etwas aus dem Konzept gebracht. Er begann zu stottern. „Hey, das ist nicht… Hör…"
Jess fiel ihm ins Wort. „Von mir aus. Es ist mir sowas von egal was du denkst."
Jetzt war Emily wieder im Spiel. „Wenigstens kann ich denken. Jahrgangsbeste, Einserzeugniss. Denk daran, wenn du den Chef vögelst, damit er dich einstellt."
„Wer braucht Noten, wenn man schon alle natürlichen Vorzüge im Überfluss hat."
„Oh bitte."
„Du könntest nicht mal schimmliges Brot kaufen mit deinem dürren Arsch."
„Ist das dein Ernst? Glaubst du, das ist eine Beleidigung?"
Jess wandte Emily den Rücken zu und sprach weiter zu Mike. „Das Flittchen ist auf Crack oder so was."
Conner fing Nicks Blick auf, der in Richtung seiner Schwester ging. Der jüngere Jones wirkte leicht verzweifelt, eindeutig forderte er Maya auf etwas zu unternehmen. Diese schaute über die Sofalehne zurück, blickte zu Conner, dann zu Sam und schließlich wieder zu Nick. 'Was soll ich denn tun?', fragte sie stumm. „Mach das sie aufhören, bitte", flehte Nick stumm in ihre Richtung, hauchte dabei aber die Worte, sodass Conner ihn hörte.
„Emily, stop. Das geht echt zu weit. Es gibt keinen Grund sich so aufzuführen", schritt Matt wieder ein.
„Ja, Em, was streitest du dich um deinen Exlover." Jess war anscheinend nicht bereit, einfach so den Streit gut sein zu lassen.
„Schluss jetzt, alle beide!"
Jetzt hatte auch Maya sich entschlossen etwas zu machen.
„Uh, sieh an, das Mauerblümchen mischt sich ein", wandte sich Emily an Maya.
„Emily, Matt hat Recht. Es gibt kein Grund für dieses Benehmen, also hört auf."
„Als hättest du mir etwas zu sagen", antwortete Jess schnippisch.
Maya erhob sich von ihrem Platz. Sofort machte Conner seine Schultern etwas strammer, bereit einzuschreiten.
„Wir sind aus einem Grund hier", fing Maya mit lauter Stimme an. „Aus einem einzigen. Und der ist nicht, dass ihr zwei…"
„Große Worte aus deinem Mund", unterbrach Emily sie. „Schau mir dabei noch in die Augen, dann hör ich dir vielleicht auch zu."
Sofort nahm Maya Blickkontakt mit Emily auf, öffnete den Mund, verstummte dann aber wieder und schaute zu Jess. Emily lachte auf.
„Dachte ich mir. Und, was willst du jetzt machen? Diesmal habe ich keine Alkohol in der Hand."
„Ich meine einfach nur, ihr beidet solltet…", fing Maya wieder an, doch dieses Mal fuhr ihr Jess über den Mund.
„Wen interessierts? Du bist doch eh nur als Anstandshundchen für deinen bekloppten Bruder hier. Also halt dich mal schön zurück."
„Mein Bruder ist nicht bekloppt!"
Drohend trat Maya einen Schritt auf Jess zu, das Gesicht von einer Sekunde auf die anderen vor Wut verzerrt. Mike erhob sich etwas, woraufhin Conner mit einem leisen Knurren einen Schritt auf die Couch zutrat. Seine Hände waren zu Fäusten geballt, die Zähne angriffslustig gebleckt. 'Gib mir einen Grund, Michael', dachte er. 'Nur einen. Komm schon'. Jess lachte.
„Oh, hab ich da einen wunden Punkt getroffen?"
„Hört auf!", brüllte jetzt Josh und trat vom Kamin weg. Alle sahen zu ihm. „Das ist nicht der Grund für unser Treffen, das hilft uns nicht. Das ist nicht was ich wollte." Er holte tief Luft.
„Okay. Ehe wir uns nach zehn Minuten schon umbringen, brauchen wir vielleicht eine Pause. Mike, sieh dir doch mal die Gästehütte an, von der ich dir erzählt hab."
Mike nickte, erhob sich von der Couch und trat ein paar Schritte von dieser weg.
„Ja, ja, okay."
Er hielt Jess, ganz ein Gentleman, für den er sich wohl hielt, die Hand hin.
„Willst du mitkommen?"
„Hauptsache weg von dieser Hure", antwortete seine Freundin.
„Sie liegt ein Stück den Weg hoch", erklärte Josh dem Paar. Mike nickte und verschwand mit seiner Freundin an der Hand durch eine Tür. Ihre Schritte verloren sich.
Matt trat ein paar Schritte zurück und machte in Richtung der Gruppe rund um Conner eine Bewegung, als würde sein Kopf explodieren. Dabei murmelte er: „Soviel dazu." Nick nickte und ahmte die Bewegung fast eins zu eins nach. Während Emily in Richtung ihrer Taschen ging, traten Maya und Matt zusammen zu Josh an den Kamin.
„Also, Josh, sollen wir Feuer machen?", fragte Matt.
„Wo ist meine Tasche?", fragte Emily mit einem Mal nicht besonders freundlich in Richtung ihres Freundes. Dieser zuckte zusammen und wandte sich zu ihr.
„Heh?"
„Meine Tasche. Die… das kleine Ding mit dem pinken Muster, die vom Rodeodrive. Matt, hörst du mir zu?"
Er schaute sie immer noch fragend an. Conner grinste und er glaubte die anderen neben sich leise kichern zu hören. Er beobachtete, wie Josh ruckartig aufstand und in die Richtung verschwand, in die Mike und Jess gegangen war. 'Er hat bestimmt seine Gründe', dachte Conner und schaute wieder nach vorne. Emily trat gerade entsetzt einen Schritt zurück.
„Weißt du das nicht mehr? Neben dem italienischen Schuhgeschäft. Da gabs diese Stilettos und… du hast das Regal umgeworfen, weil du die Kassierin angegafft hast."
„Was? Ich mein, sie hat doch nur nach meiner Teamjacke gefragt", verteidigt sich Matt und ging auf seine Freundin zu.
„Klar", antwortete diese. „weil sie echt abgefahren ist auf deine 'Designerteamjacke'."
„Was hast du gegen meine Jacke?"
„Matt, ich brauche meine Tasche!"
Conner schielte neben sich, wo Ashley leise kicherte. Der Grund dafür war Nick, der im Schutz von Conners breitem Rücken in bester Comedymanier Emily imitierte. Jetzt, wo sie nichts mehr sagte, streckte er ihr die Zunge entgegen und feixte dabei wie ein kleines Kind. Jetzt musste auch Conner lachen. Sam, trotzdem sie grinste, knuffte Nick in die Seite und zischte ihm ein 'Lass es' ins Ohr. Conner wandte seine Aufmerksamkeit wieder in Richtung des Gesprächs um Emilys Tasche.
„Mein Gott, Emy, vielleicht hast du sie nur vergessen", warf Matt gerade ein.
„Glaubst du ernsthaft ich vergesse meine Tasche?"
„Also, ich…"
„Glaubst du's?"
„Schätze nicht", gab Matt leise zu.
„Du musst sie an der Seilbahnstation vergessen haben."
Matt antwortete nicht, sondern schaute sich leicht hilfesuchend um.
„Komm mit, Schatz", drängte Emily. „Wir sind bald zurück."
Seufzend ergab sich Matt. „Und dann können wir uns aufwärmen?"
„Ja. Und zwar richtig warm."
„Okay. Okay, dann los."
Emily ging voran, als die beiden die Lodge auf dem Weg verließen, durch den sie gekommen waren. Im gleichen Moment tauchte Josh wieder auf und ging zurück zum Kamin. Nun, wo beide Streitparteien wieder weg waren, war es seltsam still in der Lodge. Maya ging neben Josh in die Hocke und beugte sich etwas zu ihm.
„Hey, Josh, tut mir Leid. Wegen gerade eben."
„Ist schon gut. Vergiss es", antwortete Josh ohne sie anzusehen.
Hilfesuchend schaute Maya in Conners Richtung. Dieser zuckte mit den Schultern, die Hände in den Jackentaschen. Er kannte Josh, nach so etwas sollte man ihn in Ruhe lassen. Naja, er glaubte Josh zu kennen. Seit dem letzten Jahr war er sich da nicht mehr so sicher.
Sam klatschte einmal laut in die Hände und holte sich so die Aufmerksamkeit ihrer Freunde.
„So, ich nehm jetzt ein Bad."
Ohne einen Kommentar abzuwarten, stieg sie Treppe hinauf und verschwand im oberen Stockwerk. Die anderen lauschten ihren Schritte, die sich nach und nach entfernten.
„Und was machen wir?", fragte Nick geradeheraus in die Runde.
„Nach dem Katzenkampf gerade könnte ich was zu trinken vertragen", antwortete Conner und rieb sich den Nacken.
„Da spricht der Schotte aus dir, Bro", meinte Chris und Conner knuffte ihm gegen die Schulter.
„Hey, ich liebe meinen inneren Schotten. Das ist Blut, das durch meinen Adern rinnt."
Theatralisch schlug er sich vor die Brust.
„Ich dachte, das ist Whiskey in euren Adern", neckte Josh, der jetzt vom Kamin weggetreten war und neben der Gruppe stand.
Conner hielt inne, die Faust noch immer an seiner Brust, und schaute Josh skeptisch an. Dieser winkte ab und rief in Richtung erste Etage:
„Sammy!"
„Was?", fragte Sam von oben.
„Kannst du uns helfen das Feuer anzukriegen?"
„Tja, ähh… ich wollte gerade in die Wanne!"
„Oh!"
Josh hielt kurz inne, grinste dann aber und knuffte Nick leicht gegen die Brust.
„Oh, kann ich dir dabei irgendwie behilflich sein? Oder Nick hier, der brennt förmlich darauf dir zu helfen!"
„Ha ha haha!", lachte Sam laut.
Josh lachte auf und schaute dann in das Gesicht eines völlig entsetzten Nick. Dieser stieß ihn leicht nach hinten.
„Spinnst du?", fragte er.
Josh verstummte zwar, grinste aber weiterhin. „Hey, ganz locker. War doch nur ein Witz."
„Ein Witz? Ich würde nie… nicht als Witz… ich meine…"
„Hey, entspann dich."
Beruhigend legte Chris Nick die Hand auf die Schulter, welche dieser sofort abschüttelte, dabei leise grummelte und etwas von der Gruppe weg trat. Er schlurfte in Richtung Sofa, murmelte dabei leise vor sich hin. Nach und nach zogen die anderen ihre dicken Winterjacken aus. Conner reckte sich und trat zu seiner Freundin, die immer noch vor dem Kamin hockte.
„Und, are you the firestarter?", fragte er neckend.
Als Antwort streckte Maya ihm die Zunge raus. Sie hatte ihre dicke Jacke neben sich gelegt und versuchte, jetzt ohne Josh, noch immer das Feuer im Kamin anzumachen. Conner schaute sich um. Nick hockte jetzt auf der Couch und beschäftigte sich wieder mit seiner Kamera. Ashley, Josh und Chris standen ein paar Schritte von ihm entfernt und unterhielten sich.
„Kann ich dir helfen, Babygirl?", fragte Conner Maya liebevoll.
Sie lächelte, erhob sich etwas und gab ihm einen Kuss auf das bärtige Kinn.
„Geh ruhig mit deinen Freunden spielen, Großer."
Conner strich ihr kurz über den Kopf, schlenderte dann aber zu der Dreiergruppe.
„Ein Ouija Brett. Wirklich, Josh?", fragte Ashley gerade etwas verängstigt.
„Was für ein Brett?", mischte sich Conner ein.
„Josh hat gerade vorgeschlagen, wir sollten doch sein altes Ouija Brett ausprobieren", erklärte Chris. Er wirkte nicht sehr begeistert. „Die Dinger sind ein Witz, Leute, totale Verarsche."
„Quatsch nicht, Bro", meinte Josh, „wir haben das früher ständig gemacht. Ich und… naja."
Während des Gesprächs war Sam aufgetaucht. Mit strammen Schritten kam sie die Treppe runter und unterbrach die Unterhaltung.
„Hey Josh, kein heißes Wasser ist irgendwie ein mieser Service, findest du nicht?"
Sie klang etwas anklagend. Mit einem charmanten Lächeln wandte sich Josh zu ihr.
„Ja. Ja, man muss nur den Boiler anschmeißen. Er ist im Keller."
Jetzt ließ er seinen Blick über die Gruppe schweifen. Mit einer Hand deutete er auf Chris und Ashley.
„Okay, ihr zwei, schaut doch bitte mal nach dem Hexenbrett."
Ashley nickte und ging ein paar Schritte vor, während Chris, der sich neben Conner auf den Wohnzimmertisch gesetzt hatte, sich keinen Zentimeter rührte. Kurzerhand winkte Ashley ihn drängend heran.
„Chris, na los, suche wirs. Das wird wie eine Schnitzeljagd."
Seufzend ergab sich Chris. Als er aufstand, gab Conner ihm lachend einen kleinen Schubser gegen die Schulter.
„Okay, dann los", meinte Chris nur und folgte Ashley, die schon in einem anderen Raum verschwunden war.
„Cool, ihr werdet es nicht bereuen", sagte Josh ihnen noch hinterher.
„Bevor ihr die Geister der Verstorbenen und Verdammten beschwört, kann mir bitte jemand mit dem Feuer helfen?", mischte sich jetzt Maya vom Kamin her ein.
Josh nickte wild. „Klar, klar. Ähm… Nick."
Angesprochener zuckte zusammen und schaute auf.
„Du weißt, wo der Boiler ist und wie er funktioniert?", fragte Josh.
Nick schien kurz nachzudenken, nickte dann aber. Josh grinste.
„Gut. Gehst du mit Sam runter und machst ihn an?"
„Äh… sicher."
Nick erhob sich etwas zögernd und schlurfte langsam zu Sam und Josh. Sam lächelte ihn an, woraufhin er endlich seine Kamera wieder los ließ. Mit dem Kopf deutete er in die Richtung, in der sie mussten. Zusammen mit Sam stieg er die Treppe in das untere Geschoss hinab.
„Gut." Conner stand auf und ließ erwartungsvoll die Schultern kreisen. „Also, erst Feuer machen und dann Geister beschwören. Klingt nach einem spaßigen Abend."
