Eintritt ins Geisterreich
Im Keller war das Heulen des Windes leiser geworden. Sam stieg ein paar Stufen hinab, hielt inne und schaute wieder zurück. Hinter ihr schloss Nick gerade die Tür, bedächtig darauf es leise zu tun. Er verharrte jedoch mit der Hand an der Klinke und starrte auf den Boden. Sam beobachtete ihn eine Weile, seine gleichmäßige Atmung, sein leichtes Zittern. Er wirkte nervös, also entschied Sam sich ihn abzulenken.
„Was meinst du, war das Absicht, dass Josh Chris und Ash zusammen losgeschickt hat?"
Nick schaute weiter auf die geschlossene Tür.
„Sonst hätte er es wohl nicht gemacht, oder?"
Sam seufzte.
„Nein, ich meine… Meinst du, er hat sich dabei was gedacht?"
Jetzt schaute Nick langsam zu ihr. Er lächelte, was irgendwie verschlagen aussah.
„Sicher. Er hat die ganze Zeit davon gesprochen, dass er sie an diesem Wochenende verkuppeln will."
„Na ja, sie sind schon ein süßes Paar."
Sam lächelte ebenfalls. Zu ihrer Überraschung verdrehte Nick die Augen.
„Schon, aber… Chris ist nicht gerade die hellste Kerze im Leuchter. Wenn er sich nicht bald beeilt, dann sucht sich Ash einen anderen."
„Nick, das ist nicht sehr nett", schalt Sam.
„Aber wahr."
„Nick, zu deiner Information: Chris ist nicht der einzige junge Mann in dieser Lodge, der so manche Dinge nicht blickt", mahnte Sam streng. Nick entglitten leicht die Gesichtszüge.
„Wen…"
„Nicht wichtig."
Schon konnte Nick ihr nicht mehr in die Augen sehen und schaute wieder auf den Boden. Sam sah, wie er den Mund bewegte, anscheinend etwas flüsterte. Aber sie verstand kein Wort.
„Nick, alles okay?", fragte sie schließlich.
Nick zuckte sichtbar zusammen und schaute wieder zu ihr hoch.
„Ja, ja, alles gut."
Er holte einmal tief Luft, ließ dann die Klinke los und trat die paar Stufen zu ihr herunter.
„Komm, schmeißen wir den Boiler an, damit du in die Wanne kommst."
Er schaltete die Taschenlampe, die er von einem der Schränke im oberen Stockwerk mitgenommen hatte, an und leuchtete nach vorne. Sam trat einen Schritt zur Seite und ließ ihn voran gehen.
„Pass auf wo du hin trittst", warnte Nick.
„Ich glaube, Treppen laufen kann ich schon ganz alleine", antwortete Sam, lächelte aber.
„Na gut."
Nick zuckte nur mit den Schultern und ging weiter. Am Ende der Treppe hielt er an und ließ den Schein der Taschenlampe hin und her wandern. Sam blieb auf der Stufe hinter ihm stehen, sodass sie etwas größer war als Nick. Sie beugte sich leicht vor und legte ihm die Hände auf die Schultern. Sie spürte den warmen Stoff seines Sweaters unter ihren Fingern.
„Ich dachte, du wüsstest, wo es langgeht."
Sam spürte, wie Nicks Körper von einem Zitteranfall geschüttelt wurde. Er griff mit seiner freien Hand nach dem Gurt seiner Kamera und krallte sich so stark daran fest, dass die Fingerknöchel weiß hervortraten.
„Sam… nicht anfassen, bitte", flüsterte er gepresst.
„Oh, tut mir Leid."
Sofort ließ Sam ihn los und richtete sich wieder auf. Sie konnte sehen, wie Nick seine Schultern drehte, ehe er den Gurt wieder losließ und ein paar Schritte nach vorne ging. Mit der Taschenlampe leuchtete er die Wände entlang, bis er den Schein wieder auf den Boden richtete. Vor ihnen erstreckte sich ein Gang tiefer in den Keller, ein zweiter führte nach rechts. Nick beleuchtete beide Richtungen lange, schien nachzudenken. Dabei murmelte er leise vor sich hin. Sam entschied sich ihn nicht zu drängen. Auch wenn ihr immer noch ziemlich kalt war.
„Rechts", murmelte Nick schließlich etwas lauter und setzte sich in besagte Richtung in Bewegung. Sam folgte ihm.
„Nick?", fragte sie schließlich.
„Hm?"
„Ist, alles okay? Ich meine, wegen gerade…"
Ruckartig hielt Nick an, sodass Sam kurz gegen ihm stieß. Er wandte sich zu ihr um, seine grünen Augen musterten sie. Hier, so nahe, fielen ihr seine dicken Augenringe auf, die auf gebräunten Haut auf Entfernung eher wenig auffielen. Anders als seine Schwester hatte er mehr Sommersprossen im Gesicht, auch wenn man sie nur aus der Nähe sah.
„Ich… werde einfach nicht mehr so gerne angefasst. Das ist alles", erklärte er ruhig.
Sam nickte. Es war seltsam. Noch vor einem Jahr war es völlig normal gewesen, dass er sie in den Arm genommen hatte. In der Nacht, in der Hannah und Beth verschwunden waren, hatte sie den Kopf an seine Schultern gelehnt und er nach ihrer Hand gegriffen. Und nun, nun bekam er schon Panik, wenn sie ihn durch seine Kleidung anfasst. Viel hatte sich verändert in diesem einen Jahr, doch bei Nick Jones schien es sich um eine völlig andere Person zu handeln.
Sam wusste, dass die Anderen Nick für verrückt hielten. Sie sagten, er sei nach dem Verschwinden der Zwillinge durchgedreht. Jeder hatte gewusst, dass er und Beth einander sehr gemocht hatten. Und nach ihrem Verschwinden war Nick ebenfalls für Monate von der Bildfläche verschwunden. Erst nach dieser Zeit war er plötzlich vor dem Haus der Washingtons aufgetaucht. Er hatte Josh helfen wollen. Doch jedem war seine Abkehr vom Sport und seine neue Affinität für die Fotografie sofort aufgefallen. Dazu noch die Tatsache, dass er bei jedem Problem zu seiner Schwester rannte.
Doch Sam war sich sicher, irgendwo unter dieser neuen Fassade steckte der alte Nick.
„Nick, auch wenn wir wegen Josh hier sind, du weißt, du kannst jederzeit…", fing Sam an, doch Nick unterbrach sie, indem er die Hand erhob.
„Samantha, ich weiß deine Bemühungen wirklich zu schätzen, aber ich brauche deine Hilfe nicht."
„Oh. Da hat mir deine Schwester aber war ganz anderes erzählt, Nikolas."
Nicks rechtes Auge zuckte einmal kurz bei der Erwähnung seines ganzen Namens. 'Du hast angefangen', dachte Sam, den Blick weiterhin auf ihr Gegenüber gerichtet. Sie waren zwar wegen des Boilers hier unten, aber vielleicht war das hier auch die einzige Möglichkeit mal in Ruhe unter vier Augen mit Nick zu reden. Doch dieser schüttelte nur den Kopf und trat einen Schritt von Sam zurück, als würde ihm selbst die Nähe zu ihr jetzt zu viel werden.
„Los, kümmern wir uns um den Boiler", meinte er und ging dicht an Sam vorbei weiter den Gang runter.
Sie folgte ihm, auch wenn sie nicht zufrieden mit dem Ergebnis des Gesprächs war. Vor einem Metallkasten, der eng an der Wand stand, hielt Nick an. Mit einer fließenden Bewegung öffnete er ihn. Er ging etwas in die Knie und leuchtete mit der Taschenlampe ins Innere. Kurz griff er etwas, betrachtete es genauer und lehnte es irgendwo neben den Kasten an die Wand. Sam blieb in einiger Entfernung stehen und beobachtete ihn.
„Ich verstehe nicht, wieso Josh uns beide hier runter geschickt hat. Einer hätte es auch getan", brummte Nickt ohne Sam anzuschauen.
„Nun, vielleicht hatte er einfach Angst, dass du dich verläufst", meinte Sam grinsend.
Nick schmunzelte, schaute aber immer noch nicht zu ihr. „Erst musst du dir draußen die Füßen platt stehen und jetzt mit mir in den Keller. Irgendwie nicht fair."
„Nick, besorg mir einfach heißes Wasser, dann gehts mir super", antwortete Sam und trat ein paar Schritte an ihn heran.
Nick erhob sich wieder etwas, weiterhin den Blick fest in das Innere des Kastens gerichtet.
„Ich meine, ich bin froh, dass ich mitgekommen bin. Ich würde nicht wollen, dass du alleine hier runter gehst."
Er ging wieder in die Hocke, wobei er auf seinen Hacken vor und zurück wippte und schaute zu Sam hoch. Diese war etwas überrascht durch den Satz, lächelte aber und begann auf und ab zu gehen. Dabei rieb sie sich die Arme.
„Naja, es ist definitiv gruselig hier unten."
„Wem sagst du das."
Nick stand wieder auf und ging zu einer Schalttafel an der Wand. „Hier wäre ich nur ungerne alleine."
Er beäugte die Tafel im Schein seiner Taschenlampe.
„Naja, ich bin ja bei dir", neckte Sam.
„Gut zu wissen", antwortete Nick trocken.
Seine Kamera stieß bei jeder seiner Bewegung gegen seine Brust oder die Wand. Kurzerhand umfasste er mit einer Hand den Gurt und zog ihn sich über den Kopf. Er hielt Sam die Kamera hin.
„Hier. Kannst du mal halten?"
„Klar."
Vorsichtig nahm Sam die Kamera an sich, während Nick weiter die Schalttafel musterte. Sie betrachtete die Kamera genauer. Es war eine Digitalkamera, aber schon ein älteres Modell. Eine Schiene im oberen Teil war wohl zum Aufsetzen eines extra Blitzes gedacht, schwarzes Leder umspielte den Griff und gab guten Halt. Das Objektiv konnte bei Bedarf abgenommen und durch etwas anderes ersetzt werden. Trotz einiger Gebrauchsspuren wie Kratzer wirkte die Kamera sehr gepflegt. Der Gurt schien aus Stoff zu sein, trug die gleichen Farben wie Nicks Armeejacke.
„Schicke Kamera", lobte sie Nick.
„Danke. Hat meinem Vater gehört."
„Dein Vater ist Fotograf, richtig?"
Nick nickte und ging zurück zum Metallkasten. Dort hockte er sich wieder hin, leuchtete mit der Taschenlampe rauf und runter.
„Und woher der Armeegurt?", fragte Sam. Sie spürte, dass Nick gerne über das Thema redete. Seine Kamera und die Fotografie waren ihm wichtig. Vielleicht lenkte ihn das von ihrem vorherigen Gespräch ab.
„Von meinem Opa. Der war Soldat", erklärte Nick. „Meine Jacke und Mayas Hose sind Erbstücke von ihm, Teile seiner alten Uniform. Aus einer anderen Uniform von ihm hat meine Mutter den Gurt für die Kamera genäht."
„Ein Soldat. Hatte bestimmt viel zu erzählen."
„Keine Ahnung. Er war schon tot, als Maya und ich geboren wurden. Seine Klamotten hatte meine Mutter neben ihren Uniformen im Schrank. Waren die einzigen, mit denen wir als Kinder spielen durften."
„Deine Mutter ist auch…"
„War Soldatin, ja."
Nickt erhob sich und schaute wieder zu Sam. Langsam schien sie sich mit ihrer Neugier auf dünnes Eis zu begeben. Nick wirkte skeptisch.
„Du bist doch Pazifistin, oder? Warum interessierst du dich so für Soldaten?"
„Ich interessiere mich nicht für Soldaten, Nick", meinte Sam und schwieg.
Nick zog fragend eine Augenbraue hoch. Sie lächelte ihn freundlich an, er lächelte schließlich zurück. Kurz schien er nachzudenken, dann hielt er ihr die Taschenlampe hin.
„Kannst du das auch mal kurz halten."
„Hm, irgendwie komm ich mir leicht wie ein Packesel vor."
„Machst aber eine gute Figur dabei."
Sam hängte sich die Kamera um den Hals und nahm die Taschenlampe an sich. Nick hockte sich wieder vor den offenen Kasten. Gerade als Sam hineinleuchten wollte, erklangen irgendwo hinter ihr Schritte. Sofort schreckte sie auf und wandte sich um, wobei der Taschenlampenschein vom Kasten weg leuchtete.
„Was war das?", fragte sie leise.
„War was was?", entgegnete Nick etwas verwirrt.
Sam begann sich umzusehen, leuchtete dabei mit der Taschenlampe ihre Umgebung ab. Nick seufzte gut hörbar und zog ihr am Jackenärmel.
„Hey, Sammy, leuchte bitte hierhin, damit ich sehe was ich tue."
Obwohl sie immer noch das Gefühl hatte, dass sie hier nicht alleine waren, wandte Sam sich wieder um und leuchtete über Nicks Kopf hinweg in den Kasten. Er drückte an ein paar Knöpfen und klopfte gegen ein paar Anzeigen.
„Sieht gut aus", murmelte er. „Aber verteilen wir das Fell nicht, ehe wir den Bären erlegt haben. Wir müssen zuerst den Wasserdruck erhöhen, dann können wir den Boiler in Betrieb nehmen."
„Klingt kompliziert", antwortete Sam.
„Nicht wirklich. Schau mal."
Damit lehnte er sich wieder etwas zurück und deutete auf die Schalttafel an der Wand, vor der er öfter schon gestanden hatte.
„Geh du da rüber zu der Tafel, wir müssen das Ganze aufeinander abstimmen. Okay?"
„Ich… werds versuchen."
Sam ging zu der Tafel und betrachtete die Schalter und Anzeigen genauer.
„Leg den Schalter zum Ein und Ausschalten um", erklärte Nick. „Dann warte, bis die rote Lampe leuchtet. Und dann haust du mir voller Wucht auf den Schalter mit der Flamme drauf. Ganz einfach."
Sam verdrehte die Augen. 'Ja, ganz einfach', dachte sie, holte tief Luft und legte den rot glänzenden Schalter um. Sofort sprang das Gerät laut scheppernd an, ratterte und knarrte. Der Pfeil auf der Anzeige für den Wasserdruck bewegte sich langsam, aber stetig zur rechten Seite. Sam schaute ganz genau auf die einzige Lampe, wohl die, die Nick gemeint haben musste. In dem Moment, in dem diese rot aufleuchtet, drückte sie mit aller Kraft auf den gelben Knopf. Wieder schepperte es, dann erklang das gleichmäßige Geräusch des Boilers.
„Whoa." Sam hatte sich etwas erschrocken und stolperte einen Schritt zurück.
Nick, der immer noch auf dem Boden hockte, breitete die Arme aus.
„Siehst du, hat doch wunderbar funktioniert. Schon mal über eine Karriere als Mechanikerin nachgedacht?"
„Eher nicht, nein."
Nick stand wieder auf und ging auf Sam zu. Erst jetzt fiel ihr ein, dass sie immer noch seine Kamera um den Hals trug. Sie packte den Gurt, hielt dann aber inne. Kurzerhand hob sie Kamera und richtete das Objektiv auf Nicks Gesicht.
„Lächeln."
Sie hatte erwartet, dass Nick ihr die Kamera aus der Hand reißen würde, doch stattdessen setzte er ein charmantes Lächeln auf. Schnell drückte Sam den Auslöser, die Kamera knackte einmal und auf dem Display erschien das etwas dunkle Foto von Nick. Nicht besonders begeistert verzog Sam das Gesicht. Schon packte Nick den Gurt, wobei seine Finger kurz über Sams nackten Hals strichen und nahm seine Kamera wieder an sich. Als er auf das Bild sah, musste er lachen.
„Himmel, Sam, das mit dem Fotografieren üben wir aber noch."
„Hey, für die Fotos haben wir doch dich", gab Sam zurück.
Nick hängte sich die Kamera wieder um den Hals, hob sie für einen Moment an und machte ein schnelles Foto von Sam. Als er die Kamera wieder senkte, grinste er zufrieden.
„So geht das."
„Du Paparazzo."
Ohne hinzuschauen, schloss er den Metallkasten wieder hinter sich. Sam verschränkte die Arme vor der Brust.
„Aber gute Reaktion, Respekt."
Dankend neigte Nick den Kopf in ihre Richtung. Sam musste lachen.
Mit einem Mal ertönte ein dumpfes, gleichmäßiges Klopfen im Keller. Erschrocken zuckte Sam zusammen und wirbelte herum.
„Du… du hörst das doch auch, oder?", fragte sie Nick.
Dieser antwortete nicht, sondern krallte seine Hände wieder in seine Kamera und schaute sich ebenfalls um. Sein Blick war nicht zu lesen. Er ging an Sam vorbei, ließ den Blick unablässig durch den Keller gleiten.
„Nick, das klingt seltsam gleichmäßig", meinte Sam drängend. Sie hielt die Taschenlampe fest umklammert und schaute an Nick vorbei.
„Jaaa, seltsam", murmelte dieser.
Jetzt trat Sam neben ihn. Ihre Finger strichen kurz über seinen Arm, genau über das Handgelenk. Ein Zittern jagte über seine Haut und Nick ging langsam ein paar Schritte nach vorne. Sam blieb schräg neben ihm, leuchtete mit der Taschenlampe nach vorne.
„Sollen wir nachschauen gehen?", fragte sie leise.
„Warum?"
„Was ist, wenn da ein Rohr kurz vorm Platzen steht oder es ist ein Problem mit dem Ofen."
Nick wiegte den Kopf von links nach rechts, er schien nachzudenken.
„Könnte sein, aber… ist unwahrscheinlich. Josh hätte so etwas erwähnt."
Sie gingen die ganze Zeit langsam immer weiter nach vorne, tiefer in den Keller.
„Ist nur meine Meinung", drängte Sam. „Aber ich würde nicht wollen, dass die Hütte hier abfackelt."
Wieder wiegte Nick den Kopf nachdenklich hin und her, kaute auf seiner Unterlippe herum. Seine Augen wanderten hektisch hin und her. Sie erreichten eine Abzweigung, wo es nach rechts weiterging. Nick zögerte etwas, verlangsamte wieder seine Schritte, sodass Sam etwas vor ihm ging. Das Klopfen wurde immer lauter. Vorsichtig leuchtete Sam mit der Taschenlampe um die Ecke.
Im nächsten Moment sprang eine Gestalt vor sie. Sie trug eine lange, schwarze Kutte und eine Art Hockeymaske im Gesicht. Vor Schreck schrien Sam und Nick auf.
„LAUF!", brüllte Nick.
Als Sam herumwirbelte, rannte er schon längst den Weg zurück, den sie gekommen waren. Sam glaubte ihren Verfolger hinter sich atmen zu hören. Ihr Blick war fest auf Nicks Kreuz gerichtet, der vor ihr lief. Schlitternd bog er um eine Ecke, stieß dabei einige Paletten um. Sam holte zu ihm auf. Sie rannten kurz hintereinander die Treppe in Richtung Ausgang hoch. Oben angekommen begann Sam wie eine Verrückte an der Tür zu rütteln. Doch die rührte sich keinen Millimeter. Nick schob sich etwas vor seine Freundin, legte dabei, ob unbewusst oder nicht, eine Hand auf ihren Rücken und schaute immer wieder hektisch zwischen Sam und der Treppe hin und her.
„Komm schon! Wieso ist die abgeschlossen?", brüllte Sam panisch und schaute zu Nick.
Sie sah fragende Verzweiflung in seinem Gesicht und fühlte sich in keinster Art und Weise unterstützt.
„Keine Ahnung. Vielleicht wollte Josh, dass keiner hier rein kommt", brabbelte er und schaute weiterhin hektisch immer wieder von Sam weg und zu ihr hin.
„Verdammt, hilf mir!"
Sam flehte regelrecht, doch Nick rührte sich nicht. Er schien starr vor Angst, unfähig etwas zu tun. Da tauchte die schwarz gekleidet Gestalt hinter ihnen auf. Das Gesicht lag im Dunkeln der Kapuze, die Hände waren leicht nach vorne gestreckt. Sam drückte sich mit ihrem ganzen Gewicht gegen die Tür, spürte Nicks Hand auf ihrem Rücken mehr als deutlich.
„Hey", sagte plötzlich eine sehr vertraute Stimme.
Sam war zwar in Panik, doch diese Stimme erkannte sie. Sie hörte auf an der Tür zu ruckeln und wandte sich um.
„Was?", fragte sie, vor lauter Panik leicht nach Atem ringend.
„Hey", wiederholte die Gestalt und warf dabei die Hände in die Luft.
Nick war immer noch wie erstarrt, sein Mund stand ein Stück offen, seine Atmung war kaum zu sehen. Was er an Schock hatte, hatte Sam an Panik.
„Was zum Teufel?", bellte sie.
„Buh." Damit lüftete die Gestalt ihre Kapuze und entpuppte sich als… Chris. Er grinste zufrieden und deutete auf seine beiden Freunde. „Ich hab euch erwischt!", rief er zufrieden.
„Was?" Noch immer konnte Sam es nicht begreifen. Chris hatte sie gerade… er hatte… Sie schaute zu Nick, der langsam begann den Kopf schütteln.
„Was… was sollte das?", fragte er leise.
„Ja, was sollte das denn?", unterstützte Sam ihn etwas lauter.
Chris trat einen Schritt zurück und deutete über seine Schulter zurück in den Keller.
„Hier liegt überall dieser coole, alte Filmkrempel rum", erklärte er. „Hätte ich mir die Gelegenheit etwa entgehen lassen sollen?"
Durch den Höhenunterschied der Treppenstufen ragte Sam etwas über Chris hinaus, was sie jetzt ausnutzte. Sie baute sich auf, ballte die Hände zu Fäusten. Sie kannte die dummen Streichen der Jungs, aber das hier… Das hier war zu viel.
„Das… das… ist das dein Ernst?", fragte sie laut und schaute wieder zu Nick. Dieser spielte nervös an dem Gurt seiner Kamera herum, schaute zwischen ihr und Chris hin und her und schien wieder in seinen Gedanken versunken zu sein. Nur anhand seiner unregelmäßigen Atmung konnte man den Schrecken noch sehen, den er eben erfahren hatte.
„Hast du mal an Nick gedacht?", bellte Sam ärgerlich in Chris' Richtung.
„Hey, ich hab nur an ihn gedacht", antwortete Chris, schaute aber jetzt nicht mehr so selbstzufrieden grinsend zu Nick. Dieser holte tief Luft, hob plötzlich seine Kamera und machte ein Foto von Chris. Der kleine, eingebaute Blitz erhellte kurz den Keller. Langsam senkte Nick die Kamera wieder.
„Geht schon", meinte er beruhigend an Sam gewandt. „Alles gut. War nur der… Schreck."
Damit verfiel er wieder in Schweigen, lächelte aber leicht. Chris ging an seinen Freunden vorbei und öffnete die Tür. Er und Sam verließen den Keller als Erste, Nick verschloss die Tür fein säuberlich hinter ihnen.
„Okay, ich gebe zu, dass dein dummer, kleiner Streich möglicherweise ein bisschen lustig war", gab Sam an Chris gerichtet zu.
„Jokemeister!", rief Chris laut und triumphierend.
„Hey, ich sagte nichts von witzig. Ich sagte Streich, der dumm war."
Mit einem amüsierten Grinsen auf den Lippen schaute Sam zu Nick, der mit schnellen Schritten wieder zu ihnen aufschloss. Als er neben ihr stand, hielt er ihr das Display seiner Kamera hin. Es zeigte das Foto von eben. Auf diesem sah Chris aus wie die nicht gerade hellste Kerze im Leuchter. Jetzt musste Sam wirklich lachen. Auch Nick lachte. Sam knuffte ihm gegen die Schulter und er ließ das Display wieder erlöschen.
Während Sam die Treppe hinter Chris her wieder nach oben stieg, legte Nick die Taschenlampe zurück.
„Ich glaube, du hattest etwas Angst", neckte er Sam mit einem Mal.
Auf der Treppe wandte sich Sam zu ihm um.
„Hatte ich nicht."
Nick blieb neben ihr stehen.
„Doch, ich glaube, du hast dir ein kleines bisschen in den Slip gemacht."
„Du warst nicht besser."
„Habe ich nie behauptet. Aber ich trage keinen Slip."
Mit schnellen Schritten lief Nick wieder die Treppe nach oben. Sam folgte ihm kopfschüttelnd.
Im Wohnzimmer brannte mittlerweile ein warmes Feuer im Kamin. Vor diesem hockten Maya und Ashley, neben ihnen an der Wand lehnte Conner. Josh saß hinter den beiden Freundinnen. Sie alle wurden vom Schein des Feuers angestrahlt. Als sie die Schritte der Gruppe vernahmen, horchten sie auf. Josh sprang auf die Beine und kam Chris entgegen.
„Und, Bro, hats geklappt?", fragte er erwartungsvoll.
Chris reckte den rechten Daumen in die Luft.
„Eins A mit Sternchen."
„Sauber."
Conner hielt seinem Freund die Hand hin und Chris schlug ein. Sam schaute etwas entrüstet zu Conner und Josh.
„Ihr habt also davon gewusst?"
„Komm schon, Sammy, es war ein Witz", meinte Josh entschuldigend.
Conner nickte. „Ein harmloser Scherz unter Freunden."
Während Maya noch sitzen blieb und etwas im Feuer herumstocherte, war Ashley aufgestanden und musterte Chris, vor allem die schwarze Robe, die er trug.
„Was in aller Welt hast du da an?", fragte sie verwirrt.
Als Antwort machte Chris mit einer Hand vor ihr ein Kreuz und faltete danach die Hände in einer betenden Haltung zusammen.
„Ich hab zu Gott gefunden", erklärte in der Tonlage eines Priesters.
Conner, Maya und Josh lachte auf, wobei Conners Lache etwas dreckiger klang als die der anderen. Auch Ashley schmunzelte.
„Hm. Bitte sag mir, dass du das Schweigegelübde ablegst."
Dabei machte sie ebenfalls eine betende Handbewegung. Sofort stieg Chris drauf ein, bewegte den Mund ohne etwas zu sagen und gestikulierte übertrieben herum. Vor dem Kamin hatte sich Maya etwas zurückgelehnt.
„Gut zu wissen. Hast du wenigstens dieses Hexenbrett?", fragte sie schmunzelnd.
Aus dem viel zu großen Ärmel der Robe holte Chris mit einen lauten „Boing!" besagtes Hexenbrett heraus. Er hielt es über seinen Kopf, als er an Ashley vorbei und hinter den anderen herging.
„Hier ist unsere Eintrittskarte ins Geisterreich", verkündete er mit unheilsschwangerer Stimme.
Sam hatte das ganze Spektakel von außen beobachtet. Sie streckte sich einmal.
„Wisst ihr was", fing sie an, sodass die anderen nach und nach zu ihr blickten. „Also, nein, ich hatte gerade genug Spuk für eine Nacht, okay. Ich sehe ein heißes Bad in meiner Kristallkugel. Okay. Viel Spaß noch."
Sie war die ersten paar Stufen nach oben gestiegen, als Nick Anstalten machte ihr zu folgen. Mit einer Hand am Geländer wandte er sich noch einmal um.
„Ich hau mich mal ein Stündchen oder so hin. Sonst übersteh ich das Wochenende nicht. Weckt mich, wenn ihr Cthulhu beschworen habt."
Er hob die Hand zum Abschied und stieg dann ebenfalls die Treppe nach oben. Die anderen blieben im Erdgeschoss zurück. Josh schaute den Rest seiner Freunde nacheinander durchdringend an.
„Aber ihr seid alle dabei, oder?"
Ashley nickte sofort, ebenso Conner. Chris meinte nur:
„Ich habe da unten alles auf den Kopf gestellt, jetzt möchte ich auch was davon haben."
Maya zögerte am längsten, lehnte sich nach vorne und betrachtete interessiert den Kamin. Conner schwang sich von der Wand weg und kniete sich neben seine Freundin.
„Komm schon, Babygirl, das wird lustig."
„Ja, Babygirl, lass uns nicht hängen", neckte Chris, woraufhin Maya ihm die Zunge rausstreckte. Ihr Blick wanderte zu Ashley, die nur aufgeregt nickte. Schließlich seufzte Maya und stand auf.
„Okay. Aber versprecht mir, dass ich mich danach vor den Kamin legen darf und nicht mehr bewegen muss."
„Nur, wenn ich mich dazu legen darf", meinte Conner und grinste dabei.
„Sollen wir zuschauen?", fragte Josh.
Maya verdrehte die Augen und stand auf.
Nur etwas später setzten sich die fünf Freunde an einem runden Tisch zusammen. Einige Kerzen spendeten etwas Licht, ansonsten war es dunkel. In der Mitte des Tisches lag das Hexenbrett. Josh setzte sich als Letzter an den Tisch. Erwartungsvoll blickten die Freunde zu Chris, der das Buch, welches beim Hexenbrett dabei gewesen war, studiert hatte.
„Also", fing er an. „Hier steht drin: 'Zum Kommunizieren mit der Geisterwelt müssen Sie Ihren Verstand befreien, von allen Vorurteilen lösen, alle Hemmungen fallen lassen und sich insgesamt rückhaltlos öffnen für den Willen der anderen und alles unterordnen unter die Wünsche des Geistmeisters."
Sofort schoss Conners Hand in die Höhe.
„Meine Rolle."
„Nein."
Maya packte die Hand ihres Freundes und zog seinen Arm wieder nach unten. Ashley schüttelte nur den Kopf.
„Das steht da nicht drin."
Unbeeindruckt für Chris fort. „'Und alle Beteiligten werden sich nach meinem Ermessen völlig entkleiden und…'"
„Chris, komm schon, jetzt sei mal ernst", warf Josh strenger als gewohnt ein.
„Ohhhh. Oh, ich bin todernst", antwortete Chris.
„Ach sei still", wiegelte Ashley ihn ab. Dann fügte sie, etwas enthusiastischer, an: „Probieren wirs aus."
„Ja, bitte", meinte Josh.
Chris hob die Hände abwehrend hoch. Die Freunde beugten sich vorne, schauten auf das Hexenbrett. In der Mitte des Bretts lag der dreieckige Zeiger, mit dem die Buchstaben ausgewählt werden konnten. Sie legten alle die Händen auf dem Brett ab, die Fingerspitzen Zentimeter vom Zeiger entfernt. Sie schwiegen, schauten sich fragend an. Schließlich wandte Chris seinen Blick in Ashleys Richtung.
„Ashley, du als gerade Bekehrte, du solltest heute unser Medium sein."
Angesprochene schluckte einmal und schaute dan langsam zwischen ihren Freunden hin und her. Diese erwiderten erwartungsvoll den Blick. Ashley holte einmal tief Luft.
„Okay. Ähm… Ist jemand da? Würdet ihr euch uns dann zeigen, falls ihr da seid?"
Sie wirkte nicht sehr überzeugt, sogar etwas zögerlich. Nacheinander legten den Freunde je den Zeigefinger der rechten Hand auf den Zeiger und warteten ab. Zuerst geschah gar nichts. Dann bewegte sich der Zeiger mit einem Ruck in Richtung von Josh. Chris lachte auf.
„Warte mal."
„Wart ihr das?", fragte Josh etwas unsicher.
„Leute, wirklich", meinte Maya und schüttelte etwas genervt den Kopf.
„Ich hab gar nichts gemacht", verteidigte sich Ashley.
„Psst", zischte Conner nur und schaute streng zwischen seinen Freunden hin und her.
Der Zeiger bewegte sich weiter über die Platte, immer in Richtung von einem der Fünf.
„Es bewegt sich schon wieder", stellte Chris fest und klang dabei wie ein kleines, freudiges Kind.
Der Zeiger fuhr weiter hin und her, blieb dann kurz auf dem Buchstaben H stehen. Allmählich machte sich erste Panik breit.
„Okay, wer von euch schiebt?", fragte Maya jetzt etwas unsicher.
„Ich schiebe nicht", beharrte Ashley.
„Leute, echt", meinte Josh, seine Augen waren ruhelos.
Der Zeiger ruhte in der Brettmitte, es hatte ein Wort gebildet.
„'Hilfe'?", fragte Conner leise. „Wem helfen?"
„Was soll das heißen?", fragte jetzt Ashley.
„Wir müssen wissen wer das ist, wenn wir helfen sollen", meinte Chris, der noch ziemlich ruhig wirkte. Wieder schauten alle zu Ashley.
„Okay, okay. Wer bist du?"
Wieder begann der Zeiger über das Brett zu rasen, verharrte hin und wieder über einem Buchstaben und sausten dann weiter. Jetzt schwiegen die Freunde, jeder beobachtete den Zeiger. Etwas versetzt murmelte sie die neu hinzukommende Buchstaben.
„'Schwester'", hauchte Ashley schließlich. „Schwester?" Sie schaute, wie auch alle anderen, zu Josh. Dieser war kreidebleich geworden, sein Atem ging schwer und er starrte in die Leere.
„Wessen Schwester?"
„Ach, komm schon, ist das euer Ernst?", warf Chris und schüttelte nur den Kopf.
„Sei still", unterbrach Josh ihn und schaute schnell wieder zu Ashley.
„Frag wessen Schwester."
Doch Ashley schien sich nicht sicher zu sein, ob sie weitermachen sollte. „Josh, das… das ist bestimmt…"
„Ja, okay, na… welche Schwester ist es denn?"
„Ashley, frag einfach wer es ist", meinte Maya. Sie versuchte ruhig zu bleiben, obwohl ihre Stimme leicht zitterte. Ashley zögerte etwas, schluckte einmal und holte tief Luft.
„Okay. Wer spricht da mit uns? Hannah, bist du das?"
Wieder dauerte es etwas, bis sich der Zeiger bewegte. Den Freunden kam es vor wie eine Ewigkeit. Schließlich bewegte er sich, ganz langsam. Über dem Wort JA blieb er stehen.
„Oh Gott", murmelte Ashley.
Chris hatte dafür nur ein amüsiertes Grinsen übrig. „Also echt. So ein Blödsinn."
Als Antwort bekam er von Conner einen ziemlich kräftigen Schlag gegen den Oberarm. „Alter, reiß dich zusammen", zischte er.
Maya richtete ihren Blick auf Josh, der stark zitterte. „Josh, geht es dir gut?"
„Alles gut", war die leise Antwort.
„Bist du sicher? Wir können auch aufhören", schlug Ashley vor.
„Nein, nein. Ich will hören was es sagt."
Wieder kehrte Schweigen ein. Ashley schaute nervös zwischen ihren Freunden hin und her.
„Ich weiß nicht was ich fragen soll", zischte sie, als glaube sie, dass der Geist sie so nicht hören könne.
Chris hatte eine Idee. „Denk mal nach: Wäre das da tatsächlich Hannah, dann finden wir raus was passiert ist."
„Alter, wirklich?", warf Conner ein. „Du willst einen gottverdammten Geist befragen was passiert ist?"
„Hast du eine bessere Idee?"
Conner biss sich auf die Unterlippe, schüttelte aber nur den Kopf. Mit der freien Hand wischte er sich etwas Schweiß von der Stirn. Ganz langsam bekam er Angst. Seine Freundin hingegen schaute besorgt zu Josh.
„Josh, ist alles…"
„Ich kann das."
Auffordernd blickte er zu Ashley. Sie suchte nach den passenden Worten, schaute sich in der Umgebung um.
„Hannah", fing sie schließlich an, „du fehlst uns. Wir möchten wissen was dir zugestoßen ist. Sag es uns. Was ist passiert?"
Und wieder begann der Zeiger über das Brett zu rasen, verharrte auf einzelnen Buchstaben.
„'Betrogen'", murmelte Chris schließlich.
„Was bedeutet das?", fragte Josh.
„Leute, es geht weiter", meinte Conner.
Buchstabe um Buchstabe reihte sich aneinander. Bis…
„'Ermordet'", brachte Josh atemlos hervor.
„Wir haben sie nicht ermordet!" Ashleys Stimme überschlug sich fast. „Das war bloß ein Streich!"
Chris startete einen Versuch sie zu beruhigen. „Ash, beruhige dich. Wir müssen mehr erfahren."
Doch Ashley versuchte ihr tiefes Schluchzen mit der freien Hand zu ersticken.
„Es tut mir so Leid", murmelte sie wie ein Mantra wieder und wieder.
„Ashley, ganz ruhig. Keiner von uns hat Hannah ermordet", erklärte Maya mit leicht angespannter Stimme. Zögernd schaute sie zu Chris und Conner. „Ich meine, das stimmt doch, oder?"
Conner nickte nur. „Ja, ja. Sicher." Doch auch er wirkte nervös, fing an zu zittern.
„Moment", warf Josh ein. „Was meint sie damit? Wie ermordet?"
„Frag sie was passiert ist, nur so finden wir es heraus. Frag sie, Ash", meinte Chris, der als Einziger noch wirklich ruhig wirkte.
Ashley nickte. „Okay. Wer war das? Hannah, wer hat dich umgebracht?"
Diesmal setzte sich der Zeiger sofort in Bewegung, war aber etwas langsamer. Gespannt verfolgten die Freunde, wie ein Buchstabe nach dem anderen sich zu einem Wort zusammenfügten.
„'Bibliothek'", platzte es aus Conner heraus. „Eventuell finden wir etwas in der Bibliothek. Wir sollten…"
„Es geht weiter", unterbrach Chris ihn, als sich der Zeiger unablässig weiter über das Brett bewegte.
„'Beweise'", warf Maya ein. „Es gibt Beweise."
„In der Bibliothek?", fragte Ashley.
Maya nickte. „Ganz sicher, wir müssen…"
Mit einem Mal erzitterte das Brett mitsamt Tisch und der Zeiger sprang von diesem herunter. Vor Schreck schrieen Ashley und Maya auf, Ashley sprang von ihrem Stuhl und Conner polterte mit seinem auf den Boden, sodass es laut schepperte. Ashley atmete die Anspannung aus und legte die Hände auf den Kopf.
„Ach du heilige Scheiße. Chris?"
Hilfesuchend schaute sie ihren besten Freund an. Doch dieser war ebenso sprachlos wie alle anderen. Conner blieb sogar auf den Boden liegen, starrte mit vor Schreck geweiteten Augen zu seinen Freunden hoch. Josh erhob sich kopfschüttelnd.
„Wisst ihr was… Nein, das ist Schwachsinn, das ist nicht real."
„Josh." Ashley trat einen zögernden Schritt auf ihn zu. „Ich weiß nicht was hier vor sich geht."
Doch Josh entfernte sich weiter von der Gruppe, deutete nach und nach auf jeden Einzelnen von ihnen.
„Hört zu, ich weiß nicht… ich weiß nicht ob ihr glaubt, so ein Blödsinn würde mir helfen meine Trauer zu vergessen oder was auch immer, aber das ist nicht cool."
„Josh, das mit dem Hexenbrett war deine Idee", meinte Maya. Ashley nickte unterstützend.
„Komm runter, Mann, es ist nicht Ashleys Schuld", unterstützte Chris die Frauen.
Doch Josh war schon vom Tisch weg, drehte sich jedoch noch einmal zu der Gruppe um.
„Ich kann das jetzt nicht brauchen, okay! Ihr seid voll daneben!"
Damit stürmte er die Treppe nach unten. Die Anderen blieben ratlos am Tisch sitzen und schaute ihm nach.
„Sollen wir ihm nachgehen?", fragte Ashley in die Runde.
„Keine gute Idee", antwortete Conner und stellte seinen Stuhl wieder aufrecht hin. „Der braucht seine Zeit. Lass ihn runterkommen, dann wird das wieder, Kleine."
Maya stieß einen lauten Seufzer aus und beugte sich vor, sodass sie das Gesicht in die Hände legen konnte.
„Ich wäre an seiner Stelle auch durchgedreht. Das war total verrückt. Der Zeiger ist einfach so, peng, vom Tisch geflogen."
Chris lachte leicht auf.
„Ich meine, wenn das ein Fake war, dann war Ash verdammt überzeugend."
„Das war kein Fake, ehrlich nicht!", warf Ashley ihm ärgerlich entgegen. Dann, etwas ruhiger und an alle gewandt: „Wir sollten tun, was es sagt. Wir sollten in der Bibliothek nachsehen."
Conner nickte und schwang sich von der Rückenlehne seines Stuhl weg, an der er sich bis dahin festgehalten hatte.
„Klingt nach einem guten Plan."
Langsam erhoben sich auch Maya und Chris von ihren Plätzen. Ashley hatte sich eine Kerze von einem der Schränke geschnappt und hielt diese als Lichtquelle vor sich. Um noch etwas mehr Licht zu haben, schnappte sich Maya eine weitere Kerze vom Tisch, ehe sie ihren Freunden die Treppe nach unten folgte.
„Glaubst ihr wirklich die Mädels haben mit uns kommuniziert?", fragte Chris mit einem Mal.
„Keine Ahnung", antwortete Maya.
„Ich weiß nicht, ob ich mir das überhaupt wünsch oder nicht", meinte Ashley.
„Lasst uns das herausfinden", beschloss Conner und stapfte vor seinen Freunde her die Treppe hinab.
Schweigend stiegen sie Stufen für Stufen nach unten. Draußen heulte der Wind, Schnee wurde gegen die Fensterscheiben gedrückt. Mit einem Mal stieß Maya einen lauten Seufzer aus. So laut, dass Conner und Chris leicht zusammenzuckten.
„Ich habe so ein schlechtes Gewissen wegen Josh", erklärte sie. „Wir hätten diesen Hexenbrettmist gar nicht anfangen sollen."
„Es war seine Idee", warf Conner ein und versenkte die Hände in den Taschen seiner Hose.
„Trotzdem."
Maya schaute ihren Freund streng an. Doch dieser verdrehte nur die Augen und wandte den Blick ab.
„Meint ihr, wir hätten seine Schwestern nicht erwähnen sollen? Vielleicht hätten wir einfach abbrechen sollen", meinte Ashley. Maya nickte nur.
„Hey, er wollte, dass wir wieder hier her kommen", sagte Chris und bekam diesmal Unterstützung durch ein Nicken von Conner.
„Für einen Wochenende, Christopher, nicht für eine Seance", antwortete Maya ärgerlich.
Chris schüttelte nur den Kopf. Ashley hielt kurz an und wandte sich zu ihren Freunden um.
„Lasst uns nach diesem Beweis suchen, dann sehen wir weiter."
Damit waren alle einverstanden. Mittlerweile hatten sie einen Raum erreicht, an dessen Wände Bücherregale bis unter die Decke ragten. Vor ihnen lagen zwei Türen. Eine davon war geschlossen, die andere stand sperrangelweit auf. Als sie die offene Tür ansteuerte, fiel Ashley eine Metallplatte im Boden auf. Durch diese glaubte sie Licht dringen zu sehen. Kurzerhand drückte sie Conner die Kerze in die Hand und trat an die Platte heran. Davor ging sie auf die Knie. Conner blieb hinter ihr stehen und beobachtete alles aus der Nähe. Chris und Maya standen ein paar Schritte entfernt, konnte aber gut auf die Platte schauen. Mit einer Hand öffnete Ashley die Platte. Durch die Bodendielen strahlte ihr helles Licht genau ins Gesicht.
„Whoa", stieß Chris aus. „Ihr seht das auch, oder?"
„Yeah", antworteten seine Freunde synchron.
„Und dabei haben wir nicht einmal Strom", schloss er an.
„Seltsam", murmelte Ashley, schloss die Klappe wieder, stand auf und nahm sich von Conner die Kerze zurück.
Nacheinander gingen sie durch die offene Tür. Dahinter lag eine Art Arbeitszimmer. Wieder standen überall Regale an den Wänden, in der Mitte des Raumes erhob sich ein großer Schreibtisch. Gerade als alle vier neben dem Regal standen, flogen schlagartig mehrere Bücher auf sie hinab. Eines erwischte Chris am Kopf, ein zweites fiel Ashley auf den Fuß, ein drittes traf Conner am Oberarm und ein viertes schlug Maya in die Seite.
„Vorsichtig!", rief Chris und warf schützend die Hände über den Kopf.
Die Freunde stolperten von dem Regal und den angriffslustigen Büchern weg. Doch der Spuk endete so schnell, wie er begonnen hatte.
„Oh mein Gott", keuchte Ashley.
„Alles okay?", fragte Chris in die Runde.
„Glaube schon." Conner rieb sich den Oberarm. Maya nickte nur.
„Schaut mal!", rief sie plötzlich. „Da war etwas hinter den Büchern."
Sie trat neben Ashley und reckte etwas den Hals. Doch ihre Freundin war schneller.
„Ist das ein… Knopf?"
„Wozu in Dreiteufelsnamen sollte da ein Knopf sein?", fragte Conner etwas ungehalten.
Chris wandte sich zu ihm um. „Sehr gute Frage."
„Sollen wir, keine Ahnung, draufdrücken?", fragte Maya etwas zögerlich.
„Dazu sind Knöpfe da, schätze ich", antwortete Chris.
Es war Ashley, die an das Regal herantrat und den gut hinter den Bücher versteckt gewesenen Knopf drückte. Etwas ratterte hinter dem Bücherregal. Ein Teil davon fuhr ruckelnd nach hinten und verschwand dann in der Wand.
„Wand geht auf", fing Chris an.
„Kopf explodiert", schloss Conner.
Alle Vier sahen skeptisch in das schwarze Loch, welches sich hinter dem Regal aufgetan hatte.
„Sind wir hier in 'nem Film oder so was?", fragte Ashley verblüfft.
„Falls ja, hoffe ich auf eine Rom-Kom", antwortete Chris.
„Typisch für die Washingtons. Sogar mit Geheimgängen im Haus", meinte Ashley.
„Das Haus ist uralt", erklärte Maya ruhig von weiter hinten. „Kann sein, dass sie es gar nicht wussten. Also, sollen wir reingehen?"
Fragend schaute sie einen ihrer Freunde nach dem anderen an. Auffordernd deutete Chris in Richtung der Dunkelheit.
„Klar, geh vor."
Sofort hob Maya abwehrend die Hände.
„Nein, nein, nein, ohne mich. Einer von euch starken Jungs soll sich das mal anschauen."
Ashley nickte, drückte Chris ihre Kerze in die Hand und trat neben Maya.
„Na schönen Dank auch", murmelte Chris.
Sein Blick wanderte zu Conner, der sich gerade sehr intensiv die Umgebung ansah. Chris stieß einen Pfiff aus, sodass Conner ihn anschauen musste. Mit dem Kopf deutete er in Richtung Dunkelheit. Conner seufzte, senkte ergeben den Kopf und trottete Chris hinterher.
Der Kerzenschein beleuchtet einen kleinen Raum, der einer Abstellkammer nicht ganz unähnlich sah. Nach ein, zwei großen Schritten stand Conner an der Wand. Vorsichtig klopfte er einmal mit den Fingerknöcheln dagegen. Chris hingegen entdeckte ein Regal zu ihrer Linken. Dieses war zum großen Teil leergeräumt. Als er es sich jedoch genauer ansah, entdeckte er ein Foto. Ein Porträtbild von Hannah und Beth, relativ neu, denn Hannah hatte schon ihr Schmetterlingstattoo auf dem Oberarm. Conner schaute über Chris' Schulter. Dieser drehte das Foto einmal herum. Erschrocken zuckte die zwei Freunde zusammen. In blutroter Schrift und riesigen Lettern stand etwas auf der Rückseite des Bildes:
ICH WERDE SIE HOLEN UND WIE SCHWEINE AUSBLUTEN LASSEN UND IHNEN DIE WEICHE, WEIßE HAUT ABZIEHEN!
16 BESCHISSENE JAHRE!
16 JAHRE HABE ICH AUF DIE BEIDEN SÜßEN HANNAH UND BETH GEWARTET!
„Oh scheiße", hauchte Chris.
„Große Scheiße", stimmte Conner zu.
„Was, was ist denn?", drängte Maya.
„Was habt ihr gefunden?", fragte auch Ashley. Die Freundinnen lehnten sich halb in den Raum hinein, trauten sich jedoch nicht diesen zu betreten.
Chris hielt das Foto weiterhin in der Hand und schaute fragend zu Conner hoch. Der hochgewachsene junge Mann kaute nervös auf seiner Unterlippe herum, die Augen fest auf die Botschaft gerichtet. Schließlich seufzte er nur und wandte sich um.
„Ladys, wir wollen euch ja nicht verunsichern, aber… schaut euch mal das an."
„Das ist wahrscheinlich der Beweis, den uns das Hexenbrett zeigen wollte. Aber nicht gleich ausflippen", schloss Chris an, als er den Freundinnen das Foto hinhielt.
Beide betrachteten das Bild und lasen danach die Nachricht. Während sich Mayas Augen bei jedem Wort vor Schreck zu weiten schienen, wurde Ashley schlagartig blasser. Wenn das noch möglich war.
„Eindeutig eine Drohung", meinte Conner und verschränkte die Arme vor der Brust.
Ashley schaute von der Nachricht auf. „Jungs, das ist kein Spaß. Wir müssen zu Josh, jetzt gleich."
Die Freunde nickten. Sie ließen den Raum offen stehen und verließen die Bibliothek mit schnellen Schritten. Quietschend öffnete sich die Tür im vorderen Bereich, die bis dahin noch verschlossen gewesen war. Das bremste die Gruppe etwas.
„Was… was war das?", fragte Maya leise.
„Nichts", brummte Conner beruhigend. „Absolut gar nichts."
Die anderen beiden schwiegen nur. Trotz der Tatsache, dass sich die Tür sehr eigenmächtig geöffnet hatte, was sie eigentlich stutzig machen sollte, schritten die Freunde durch ebendiese Tür in den nächsten Raum.
„Glaubt ihr", fing Ashley an, „jemand war wirklich hinter Hannah und Beth her?"
„Das wäre total verrückt, wenn es denn so wäre", antwortete Chris.
Wieder verfielen sie in tiefes Schweigen, lauschten dem Wind. Am Ende des Ganges, der mit einigen abgedeckten Möbelstücken und ein paar Bildern verziert war, befand sich eine weitere Tür. Diese blieb geschlossen und musste von Conner, der vorneweg ging, aus eigener Kraft geöffnet werden. Sie befanden sich wieder in der Haupthalle. Mit einem Mal hielt Maya, die seit einigen Minuten sehr nachdenklich geworden war, an.
„Leute, ich muss die ganze Zeit schon an was denken, was ich unten bei der Seilbahnstation gesehen habe", erklärte sie.
Ihre Freunde hielten ebenfalls inne und schauten sie fragend an.
„Was?", fragte Ashley.
Maya schien etwas zu brauchen, um die Worte in ihrem Kopf richtig zu ordnen. „Eine Art Steckbrief. Wie aus den alten Western."
„Hm." Mit einem Mal wirkte Conner sehr nachdenklich. Er starrte eine Weile den Boden an, bis er wieder aufsah.
„Als wir draußen gewartet haben, dass unser Jokemeister hier die Tür aufbekommt, hat Sam mir erzählt, dass sie sich auf dem Weg nach oben verfolgt gefühlt hat."
„Moment, wartet mal", fuhr Ashley dazwischen. „Wollt ihr damit sagen, hier ist ein Verbrecher auf dem Berg, bei uns?"
„Vielleicht war er das ja vorhin unten im Keller", schlussfolgerte Chris.
„Was?" Jetzt schien Ashley noch verwirrter zu sein.
Chris schüttelte nur den Kopf. „In der Bibliothek, unter den Holzdielen. Das Licht."
„Und dieser irre Psychobrief", schloss Conner an.
Ashley begann sich die Arme zu reiben, als wäre ihr schlagartig sehr kalt geworden.
„Jungs, wenn das eure Art ist mich aufzumuntern, seid ihr gefeuert. Alle beide."
Gerade wollte Maya etwas sagen, als die vorher fest verschlossene Doppeltür neben den Freunde zu wackeln begann. Als würde jemand verzweifelt versuchen sie zu öffnen. Sofort schauten die Vier zu der sich ruckelnd bewegenden Tür. Von der anderen Seite her erklang eine Art Schrei. Ein eindeutig männlicher Schrei.
„Hört ihr das?", fragte Chris jetzt leicht nervös.
Ashley war schon zur Tür gerannt.
„Das war Josh", meinte sie und öffnete eine Seite der Doppeltür. Vorsichtig spähte sie in den Raum dahinter.
„Das kam aus der Küche", erklärte Conner und lief Ashley mit strammen Schritten hinterher. Als er hinter stand, packte jemand aus dem Inneren des Raumes die junge Frau und zerrte sie nach drinnen.
„Ash!", riefen die Freunde erschrocken.
Conner reagierte und schlüpfte durch den Spalt in die Küche, ehe sich die offene Tür krachend schloss. Chris und Maya warfen sich hektisch einen Blick zu, dann rannten sie zu der Tür. Chris drückte Maya die Kerze in die Hand und packte mit beiden Händen den Türknauf. Doch er konnte so fest er wollte daran drehen und ziehen, die Tür rührte sich nicht. Von der anderen Seite hörte man panische Schreie von Ashley.
„Ash, was ist los?", brüllte Chris panisch und begann sich mit der Schulter gegen die Tür zu werfen. „Lass mich rein!"
Jetzt kamen Kampfgeräusch dazu. Conner schrie auf.
„Conner!", brüllte Maya, ließ die Kerze fallen, die klappernd auf dem Boden aufschlug und erlosch, und warf sich ebenfalls gegen die Tür. Doch auch das brachte nichts.
„Zusammen!", rief Chris. Maya nickte.
Auf ein gemeinsames Zeichen warfen sich beide mit ihrem gesamten Körpergewicht gegen die Tür. Diese erzitterte, blieb aber verschlossen.
„Nochmal!", kommandierte Chris.
Ein zweites Mal warfen sie sich dagegen. Beim dritten Mal gab die Tür nach und schwang auf. Durch ihren eigenen Schwung stolperten beide in den Raum, verloren das Gleichgewicht und fielen auf den kalten Küchenfußboden. Maya stemmte sich schneller als Chris wieder auf die Beine. Sie entdeckte Ashley und Conner, beide anscheinend ohnmächtig auf dem Boden liegend.
„Conner!", rief sie und wollte zu ihrem Freund, als sie etwas hartes direkt auf dem Hinterkopf traf. Sie stürzte auf die Knie, ehe sie längs auf den Boden fiel. Es wurde schwarz um sie herum.
Chris sah nicht was Maya getroffen hatte, er kam stolpernd wieder auf die Beine und konnte nur dabei zusehen, wie die junge Frau zu Boden stürzte.
„Maya!", rief er entsetzt. Und dann fiel sein Blick auf seine beiden ohnmächtigen Freunde. "Ash! Conner!"
Im nächsten Moment raste eine geballte Faust auf ihn zu, traf ihn direkt im Gesicht und schickte auch ihn in das Land der Ohnmacht.
