Kapitel 3
Kelly Millers Füße brannten wie die Hölle und mit leicht schmerzverzogenem Gesicht streifte sie sich die schmutzig-weißen Turnschuhe ab. Die Arztsocken, die zum Vorschein kamen waren auch nicht mehr wirklich sauber. Doch nach fast zwei Tagen Dienst im Krankenhaus und der Unmenge an verbranntem Stoff, die sie von den verletzten Körpern geschnitten hatte, war dies nicht verwunderlich. Seufzend ließ sich das blonde, zwanzig Jahre alte Mädchen auf einen der braunen, bequemen Ledersessel im Schwesternzimmer sinken und umfasste die große Tasse, in welcher der Kaffee verlockend dampfte.
Ihr Gesicht wirkte müde, ausgemergelt und strahlte nicht wirklich, obwohl man unter anderen Voraussetzungen behaupten könnte, dass Kelly das blühende Leben und wirklich hübsch war. Seit gut einer Woche arbeitete sie nun hier im Krankenhaus ihrer Heimatstadt Forks. Ein Sommerjob, den sie freudig angenommen hatte und der ihr bei ihrem Medizinstudium helfen sollte. Und ein weiter Bonus, sie konnte dadurch mit Dr. Cullen arbeiten. Ein Mann, ein Arzt, welchen sie für sein Wissen und seine Professionalität bewunderte, was seine Arbeit anging. Dass der junge Mann, der ja kaum älter zu seien schien als ihr großer Bruder, dann auch noch sehr attraktiv war, machte den Job noch ein wenig interessanter.
Daher war Kelly auch so geschockt gewesen, als sie Carlisle bei einem Routinecheck im Zimmer des unbekannten Jungen bewusstlos vorgefunden hatte. Die Blonde hoffte, dass Dr. Cullen bald wieder auf dem Damm war und umso erfreuter war sie, nachdem sie unabsichtlich einige Stunden auf dem Sessel eingenickt war, als sie Carlisles Stimme vernahm. Erfreut und mit einem noch leicht verträumten Lächeln im Gesicht stand Kelly auf, hob die leere Tasse, die wohl in den letzten Stunden auf dem Boden gelandet war, wieder auf und schickte sich an, sich auf den Weg zu ihren Eltern zu machen. Denn Kelly braucht jetzt vor allem eines ... noch mehr Schlaf. Von der Stimme des Vampirs jedoch abgelenkt, änderte Kelly ihre Richtung und stand wenige Augenblicke später vor Carlisle, der sie sofort anlächelte.
„Oh, Sister K, du bist es", sagte Carlisle mit weicher, angenehmer Stimme und das Mädchen wurde etwas rot. „Es ist schön, dass ich dich noch antreffe, um dir zu danken. Schließlich hast du mich gefunden und Dr. Richards alarmiert."
„Ach Dr. Cullen ...", erwiderte die Medizinstudentin verlegen, da sich der blonde Arzt immer einen kleinen Scherz mit ihrem Namen erlaubte, seit er herausgefunden hatte, dass sie eine Vorliebe für Rap hatte.
„Carlisle, Kelly, du kannst mich Carlisle nennen, wenn wir unter uns sind."
Das brachte die junge Frau natürlich dazu, noch ein wenig roter zu werden. Doch sie nickte freudig. Carlisle lächelte und fragte dann, ob Kelly ihn nicht zu Harry begleiten wolle. Er musste unbedingt nach dem Jungen schauen, um zu sehen, wie es ihm ging. Kellys Gesicht erhellte sich, vergessen war der Wunsch nach einer Dusche und ihrem Bett, und sie kam mit. Allerdings spürte Carlisle, dass im Kopf des Mädchens noch etwas anderes herum spukte weshalb er Kelly noch einmal genauer ansah und dann sprudelte es einfach aus ihr heraus.
„Carlisle? Glaubst du an Wunder?" Von dieser Aussage überrascht, blickten die bernsteinfarbenen Augen des Vampirs nun fragend in die Grünen von Kelly. „Was meinst du damit? Du weißt doch, als Arzt bin ich ein Mann der Wissenschaft und sollte mich nicht mit so etwas beschäftigen.
„Das schon, Carlisle. Nur, wenn ich an den Jungen denke, dann ... dann ... Ach, es ist doch wirklich erstaunlich, wie gut er sich erholt. Dr. Richards meinte sogar, er habe noch nie gesehen, dass ein Mensch eine so gute Wundheilung aufzeigt. Und das, wie er sagt, wenn man bedenkt, dass Jacob Black früher ständig bei ihm war."
Carlisle musste auf die letzte Aussage hin lachen, denn Jacob war ja nun wirklich ein ungewöhnlicher Patient. Allerdings wusste er aus den Akten des jungen Indianers, dass Dr. Richards früher als dessen Kinderarzt wirklich eine Menge zu tun hatte. Wirklich etwas auf Kellys Frage hin erwidern konnte Carlisle natürlich noch nicht. Erst einmal musste er sich seinen Patienten richtig ansehen. Und hier bekam sogar der Vampir ein mulmiges Gefühl in seiner Magengegend. Denn als er Harry das letzte Mal zu Gesicht bekommen hatte, hatte ihn der Junge auf die Bretter geschickt und Carlisle hatte immer noch keine Ahnung, wie er das geschafft hatte.
Schließlich betraten die beiden Harrys Zimmer und sofort stieg dem Arzt der Geruch von verbranntem Fleisch in die Nase. Edwards Dad hatte schon eine Menge erlebt, doch dies hier sah man nicht alle Tage. Hinzu kam, dass die Sinne des Vampirs um einiges stärker waren, als die von Kelly und so musste Carlisle kurz stoppen. Sein Blick ging zu den Maschinen an Harrys Bett, die leise piepten und größtenteils grüne Lämpchen zeigten. Aufmerksam betrachtete der Arzt das geschundene, bandagierte Gesicht des Jungen.
„Meinen Sie, er wird jemals wieder so sein, wie er war, Doktor? Ich meine, körperlich natürlich. Seelisch kann ich mir nicht mal vorstellen, was er durchlebt hat."
Carlisle schaute zu Kelly herüber und schüttelte leicht den Kopf. „Nein, das kann sich wohl keiner vorstellen, meine Liebe. Alles was wir tun können ist, ihm beim Gesundwerden zu helfen."
„Wissen wir denn schon, wer er ist, Carlisle? Ich meine, du nennst ihn Harry, weil er diesen Namen gesagt hat. Vielleicht war Harry aber auch nur der Name eines Freundes, der mit in der Maschine war und von dem er wissen wollte, ob er noch lebt."
Die junge Frau schien sich Gedanken gemacht zu haben und Carlisle kam nicht umher, sie dafür ein weiteres Mal zu bewundern. Dann schaute er zu Harry hinab und erwiderte: „Da magst du Recht haben, Kelly. Bisher scheint ihn noch niemand zu vermissen. Andererseits haben Chief Swan und das FBI eine Menge zu tun und soweit ich es gehört habe, soll es mit den Passagierlisten immer noch nicht geklappt haben. Ich denke, wir müssen uns gedulden und bis dahin unsere Arbeit machen."
Mit diesen Worten nahm Carlisle eine kleine Nierenschale, einige Tupfer und ein Skalpell und begann den Verband an Harrys rechtem Arm zu öffnen. Kelly beobachtete die ganze Sache sehr aufmerksam und verschwunden war plötzlich ihre Müdigkeit. Gespannt wartete sie darauf, was wohl zum Vorschein kam und umso überraschter war sie, als Dr. Cullen plötzlich zögerte und ein leises „Unmöglich" hervorbrachte.
„Was ist unmöglich?", fragte Kelly und Carlisle winkte sie zu sich. Er deutete auf ein Stück blasses Fleisch, welches zwischen der schwarzen, krümeligen Kruste zum Vorschein kam und meinte, dass man solch ein Stadium der Wundheilung maximal nach vier Wochen zu sehen bekommen sollte. Dann probierte er es auch noch an einer anderen Stelle. Doch dort hörte er schnell wieder auf zu kratzen, denn die Heilung schien dort noch nicht so gut fortgeschritten zu sein. Nachdenklich nahm der Vampir eine Probe der verbrannten Haut und separierte sie in einem Reagenzröhrchen, dann drehte er sich zu Kelly um und lächelte. „Was hältst du davon, schon ein wenig mehr zu lernen, als es ein Student in deinem Semester sonst tut?"
Kelly schaute ihren heimlich Schwarm und inoffiziellen Mentor mit großen Augen an und war natürlich sofort Feuer und Flamme. Zwar wusste sie nicht, was Carlisle von ihr wollte, doch das war egal. Sie war nun mal ein Mensch, der gerne lernte und so kam es, dass Kelly neben ihrem Dienst am Empfang des Krankenhauses, nun täglich eine Stunde damit beschäftigt war, Harry zu versorgen und mit Geschick und einer Engelsgeduld die schwarze Hautschuppen von seinem Körper zu lösen, damit die neue Haut atmen konnte. Carlisle war schlichtweg begeistert vom Enthusiasmus seiner Schülerin und auch etwas froh, dass man ihm eine Arbeit abnahm. Denn eines wusste der blonde Vampir, das Schlimmste kam noch ... der Papierkrieg, der Kampf mit der Presse und der Versicherung der Airline. Daher freute sich der, für alle doch sehr jung wirkende Arzt, auf seinen freien Tag, den er auch nutzen wollte. Auch wenn dies in seinem Labor daheim war. Carlisle hatte noch die Hautprobe von Harry und auch eine Konserve seines Blutes, die er untersuchen wollte.
Kelly hätte nie gedacht, dass ihre Heimatstadt Forks mal so oft und so lange in den Nachrichten sein würde. Es war nun schon eine Woche vergangen und die Presse und die Bundesbehörden streiften immer noch durch den Ort. Besonders musste die Blondine immer lachen, wenn Leute zu ihr an den Tresen kamen, die kaum älter als sie waren, und in ihren schwarzen Anzügen "einen auf wichtig machten". Allerdings stand nun jemand vor ihr, der zwar auch einen Anzug trug, aber der nicht nur "auf wichtig machte", sondern es auch war. Sein Name war Norman Willard, seines Zeichens technischer Direktor der Klinik und der Mann, welcher hier die Gehaltsschecks unterschrieb.
„Hallo, Miss Miller, ich hoffe, es gefällt Ihnen hier?"
„Ja, danke, Sir. Wie kann ich Ihnen helfen?" Kelly lächelte freundlich und bekam ihre Antwort auch ohne Worte, denn ihr Chef, ein Mann mittleren Alters mit zwei schon sehr markanten Geheimratsecken im dunkelblonden Haarschopf, schaute suchend in Richtung einer der Bürotüren. Kelly schaltete sofort und sagte freundlich: „Car ... Doktor Cullen ist in seinem Büro, Sir."
Norman Willard nickte dankbar und schickte sich dann an, Carlisle in seinem Arbeitszimmer zu besuchen. Kelly schaute ihm nach, wurde dann aber abgelenkt, als sie von einer sehr sanften, großväterlich alt wirkenden Stimme angesprochen wurde.
„Einen wunderschönen guten Tag, mein Kind. Ich würde ..."
Kelly fuhr herum und das Gesicht der Studentin erstarrte für einen Moment, denn sie war sich sicher, dass die Person, welche ihr nun gegenüberstand, bei jedem Casting für die Rolle des Merlins mit Abstand gewinnen würde. Klar wusste sie, dass der alte englische Zauberer ein Mythos war, doch trotzdem konnte sich Kelly den Gedanken nicht verkneifen. Sie liebte nun mal Geschichten über Magie und Zauberei. Und so lächelte sie ihren Gegenüber an und musterte kurz dessen Garderobe. Der Mann mit dem langen, weißen, in der Mitte durch einen goldenen Ring gestrafften Bart, trug eine markante Brille mit halbmondförmigen Gläsern und einen schwarzen Anzug, der ihn aussehen ließ, wie den Angehörigen einer Amish-Familie, die sich in einigen Regionen der Staaten niedergelassen hatten.
„Wie kann ich Ihnen helfen?", fragte Kelly freundlich und lächelte dann leicht keck. Unter dem Bart des alten Mannes zeichnete sich ebenfalls ein Lächeln ab und er erwiderte: „Nun, mein Kind, ich suche jemanden. Einen Freund, der mit im abgestürzten Flugzeug saß und hoffe nun, dass das Schicksal es nicht gewollt hat, dass er von uns geht. Mein Name ist übrigens Brian Aldum. Nur der Höflichkeit wegen ... Schwester Kelly." Der fremde alte Mann beugte sich dabei scheinbar bewusst leicht nach vorn um das kleine Namensschild an Kellys Bluse zu lesen. Diese kam nicht umhin, Mister Aldum als sehr angenehm zu empfinden und so fragte sie, ob er vielleicht einen Namen habe, nachdem sie in den Akten suchen könnte.
„Natürlich", erwiderte der alte Mann und sagte dann: „Ich suche einen Jungen, etwa sechzehn Jahre alt, mit schwarzen Haaren, der auf den Namen Harry Potter hört."
„Harry?", fragte Kelly überrascht und Mr. Aldum horchte hoffend auf: „Du kennst ihn, mein Kind?"
„Ähm, ja, Sir. Wir haben hier einen Patienten, einen Jungen, von dem wir vermuten, dass er Harry heißt. Er liegt gleich da drüben im Zimmer. Aber sein Zustand ist ... ich weiß nicht, ob ich nicht erst einmal Dr. Cullen holen sollte."
Mr. Aldum hob abwehrend die Hand und meinte, dass dies nicht nötig sei. Er würde nur kurz einen Blick auf den Jungen werfen und dass man den Doktor deshalb nicht stören müsste. Zwar widerstrebte dies Kelly, doch aus irgendeinem Grunde ließ sie das Funkeln in den blauen Augen des Alten ganz schnell vergessen, was eigentlich Vorschrift war. Auch hatte die junge Frau plötzlich so ein Gefühl, dass man dem alten Mann einfach vertrauen musste. Und so ging Mr. Aldum geradewegs in das Zimmer von Harry und Kelly starrte ihm nach.
Kaum war er aber im Zimmer verschwunden, lenkten laute Worte die Aufmerksamkeit der Studentin auf die Bürotür von Dr. Cullen. Die Klinke war schon gedrückt und das weiße Türblatt einen Spalt auf: „... ich finde Sie übertreiben es, Carlisle..." Vernahm man die Stimme von Mr. Willard und Carlisle musste etwas erwidert haben, das ihm nicht wirklich gefiel. Neugierig spitzte Kelly die Ohren. Allerdings konnte sie dann nur noch Worte wie „Kosten" oder aber „Es ist Ihr Geld" hören. Dann war plötzlich Stille und schließlich verließ der technische Direktor das Zimmer des Arztes. Kelly schaute ihm nachdenklich hinterher und erschrak etwas, als Carlisle lautlos hinter ihr aufgetaucht war: „Denk nicht darüber nach, Kelly. Norman weiß, wie ich zum Thema Geld stehe und dass mir das Leben anderer heilig ist."
Einmal mehr bewunderte Kelly den Arzt für seine Einstellung. Allerdings sagte sie sich im Kopf auch, dass Geld bei den Cullens nicht wirklich ein Problem war. Was also konnte Norman so aufgeregt haben? Ging es um Harry? Und wie sie an ihren besonderen Patienten erinnert wurde, fiel ihr auch der alte Mann wieder ein. Kelly berichtete Carlisle davon und ihr Mentor ging schnellen Schrittes in Richtung des Patientenzimmers. Am liebsten wäre die junge Frau ihm gefolgt, doch sie konnte ihren Posten jetzt nicht verlassen, um als sorgsame Schwester nach ihrem Patienten zu sehen.
Das Gespräch zwischen Dr. Cullen und Mr. Aldum schien nicht sehr lange zu dauern. Kelly sah schon nach zehn Minuten, wie die Klinke der Tür sich bewegte. Bevor sie jedoch sehen konnte, wer wohl von beiden heraus kam, wurde die junge Frau daran erinnert, dass in den letzten Tagen das Krankenhaus eher einem Taubenschlag glich. Zwei neue Gesichter tauchten im Gang auf und während Mr. Aldum bereits sonderbar in seinem Anzug ausgesehen hatte, so hatten sich diese zwei Männer wohl gänzlich vertan. Alle beide trugen Anzüge aus dunkelbraunem Cord, die wohl nicht mal einer in den Siebzigern angezogen hätte. Auch schienen sie sich etwas unwohl im Krankenhaus zu fühlen, denn sie blickten sich um, als könnte hinter jeder Ecke Gefahr lauern oder aber, als hätten sie so ein Gebäude noch nie gesehen.
Der Hammer kam jedoch, als sie auf Höhe von Harrys Zimmertür waren und Mr. Aldum in den Gang trat. Da griffen die beiden in ihre Jacken und es sah so aus, als wollten sie eine Waffe ziehen. Überrascht fragte einer der Fremden: „Professor? Was machen Sie hier?", und als der alte Mann die beiden erkannte, verschwand plötzlich das gütige Lächeln hinter seinem Bart und es kam Kelly so vor, als würde plötzlich die Last der Welt auf seinen Schultern ruhen. Auch beschäftigte die junge Frau die Frage nach dem Titel des alten Mann und sie trat etwas näher an die kleine Gruppe heran.
„Haben Sie ihn gefunden, Professor?", fragte nun der andere Fremde und es machte für Kelly den Anschein, als müsste Mr. Aldum im Bruchteil einer Sekunde eine Entscheidung treffen. Das nächste, was sie hörte, wollte Kelly den Boden unter den Füßen wegreißen. Brian Aldum schob sich mit Daumen und Zeigefinger die Brille etwas nach oben und massierte den Rücken der extrem hakenförmigen Nase. Es lag plötzlich unendliche Trauer in seinen Augen und mit erstickter Stimme sagte er leise: „Er ist eben eingeschlafen. Ich konnte nicht einmal mehr mit ihm sprechen."
„Nein!", rief Kelly entsetzt und stürmte zur Tür. Auch die beiden Fremden wollten offenbar nicht glauben, was ihnen da gerade gesagt worden war und sie schauten an Mr. Aldum vorbei in das nun geöffnete Zimmer. In ihm befand sich Carlisle und er war dabei die verschiedensten Kabel von Harrys Körper zu entfernen. Sein Blick ging leicht entsetzt zu Kelly, die nur dastand und zitterte. Ihre Augen waren dabei nicht mal auf den Jungen selbst gerichtet. Nein, sie starrte auf den kleinen Monitor, der bis vor einer halben Stunde durch sein ständiges, rhythmisches Piepgeräusch verkündet hatte, dass mit ihrem Patienten alles in Ordnung war. Jetzt gab das Gerät nur noch einen langen schrillen Ton von sich und was das bedeutete, wusste jeder, der schon einmal eine Arztserie gesehen hatte.
„Und was nun, Professor?"
Kelly wurde aus ihrer Starre gerissen und schaute sich zu den drei Fremden um. Mr. Aldum atmete tief ein und erwiderte voller Trauer: „Jetzt können wir nur noch zurückkehren und versuchen das hier Geschehene so lange wie möglich geheim zu halten, damit wir unsere Vorbereitungen treffen können." Danach geschah etwas, das Kelly an ihrem Verstand zweifeln ließ. Die drei Männer gingen ohne ein Wort weg und noch vor der großen Tür zu dieser Station des Krankenhauses lösten sie sich offenbar in Luft auf.
Kelly brauchte noch gut zwanzig Sekunden um ihren Verstand klar zu machen, dass dies nie und nimmer geschehen und der Schock über den plötzlichen Tod von Harry daran schuld war. Hilfe beim wieder klar werden bekam sie von Carlisle, der die junge Frau plötzlich ins Zimmer zog und die Tür schloss. Er sah die Studentin an und gab ihr nicht einmal die Zeit, bestürzt zu Harry ans Bett zu kommen und forderte mit raschen Worten. „Kelly, geh da drüben an den Schrank, öffne die untere Tür und bring mir den orangen Koffer hier rüber."
Kelly schaute verwirrt, doch der Blick von Dr. Cullen machte ihr Beine und sie tat das, worum sie gebeten worden war. Sie holte den Koffer und stockte erst, als sie sah, wie der Arzt aus seinem Kittel sein Handy zog und eilig eine Nummer wählte. Allerdings dauerte es wohl eine Weile bis der Angerufene an sein eigenes Telefon ging. Als die Verbindung stand, lächelte Dr. Cullen und erkundigte sich nach dem Befinden seines Gesprächspartners. Etwas, das Kelly noch mehr verwirrte. Dann aber fragte Carlisle, wann Edward gedachte, wieder zu Hause zu sein und Kelly wurde bewusst, dass der Arzt seinen Sohn in den Flitterwochen angerufen hatte. Es wurde gemunkelt, Bella und er seien auf einer einsamen Insel und sie war hin und her gerissen zwischen Schwärmen und Verwunderung.
Die Antwort aus dem Telefonhörer schien den Arzt zufrieden zu stellen und er meinte, dass sie bis dahin eine Lösung gefunden hätten. Wie konnte die junge Frau auch ahnen, dass die beiden Vampire noch ganz anders kommuniziert hatten? Carlisle hatte einfach zu schnell für das menschliche Gehör gesprochen und ihm so sein Problem geschildert. Jedenfalls legte Carlisle auf und wählte eine neue Nummer. Diesmal rief er seinen zweiten Sohn an und nun war Kelly gänzlich verwirrt, denn Carlisle gab Emmett den Auftrag, Edwards Zimmer umzuräumen und einige bestimmte Dinge dort hin zu bringen. Und es waren eben diese Dinge, welche Kelly stutzig, zählten sie doch zu Geräten, die so manches Krankenhaus nicht hatte und sich danach die Finger lecken würde.
Bevor Kelly aber fragen konnte, was dies alles zu bedeuten hatte, legte Carlisle auf und lächelte sie an. „Und nun meine liebe, geschockte Kelly Miller, Traum vieler junger Medizinstudenten, kümmern wir uns um Harry. Er muss hier weg und so schnell wie möglich wieder an die Diagnostik." Mit diesen Worten befestigte Carlisle die Kontakte des orangenen Koffers, einem mobilen EKG, an den Kontaktpunkten auf Harrys Haut, die nicht bandagiert waren.. Dann deckte er den Jungen zu und begann die Bremsen des Bettes zu lösen.
„Carlisle, was wird das? Und was ist mit Harry?", fragte Kelly verstört. Der Doc lächelte sie aber nur geheimnisvoll an. „Also, als Erstes, Kelly, Harry ist nicht tot. Ich weiß nicht, wieso Mr. Aldum dies seinen Bekannten gesagt hat. Aber vielleicht wollte er ihn nur schützen. Soweit ich es verstanden habe, gibt es Leute, die unserem Freund nicht besonders freundlich gesonnen sind. Aus diesem, und auch aus dem Grunde versicherungstechnischer Probleme, nehme ich Harry mit zu mir nach Hause und pflege ihn dort weiter. Kelly, du musst mir einfach vertrauen."
Die Medizinstudentin wusste einfach nicht was sie denken oder wie sie sich verhalten sollte. Doch sie vertraute Carlisle und auf ein Versprechen seitens des Arztes hin, dass er Kelly jeden Tag über Harry berichten würde, traf sie eine Entscheidung und half dem Vampir Harry aus dem Zimmer zu schieben. Sie rief sogar in der Bereitschaft an und forderte einen Transport an, der Harry wenig später ins Haus der Cullens brachte. Carlisle folgte dem Krankenwagen mit seinem Wagen und schon bald fuhren sie die breite Einfahrt zum Krankenhau hinunter. Zurück blieb nur Kelly und sie schaute Harry nach, in der Hoffnung, ihn irgendwann mal wieder zu sehen.
