Kapitel 5
„Sie mögen unser Land wohl sehr, Dr. Granger? Oder was ist der Grund für Ihren zweiten Besuch in so kurzer Zeit?" Die Schalterangestellte am Flughafen lächelte breit und stempelte die Pässe der beiden Briten ab. Hermines Vater hingegen hatte tausend andere Dinge im Kopf und so dauerte es einen Moment, bis er auf die Aussage der Mittvierzigerin einging. „Was? Wie? Oh ja, es ist schön hier. Allerdings sind wir heute auf einer Suche."
„Einer Suche?", fragte die Dame am Schalter neugierig und brachte den Zahnarzt dadurch auf die Idee, zu fragen, ob seine Tochter vielleicht eine Spur hinterlassen hatte. Eine Frage war ja keine Klage. Zwar schaute sich Mrs. Grey, wie es auf einem kleinen Namensschild an der Uniform der Frau stand, leicht vergewissernd um, doch dann tippte sie kurz etwas in ihren Computer und verriet wenige Sekunden später, dass Hermine einen Flug gen Westen gebucht hatte. Sie dürfte laut Flugplan in weniger als einer Stunde in Denver landen.
„Denver?", fragte Jane Granger nach und ihr Blick ging zu ihrem Mann.
„Jepp Schatz, das dürfte auf dem Weg nach Seattle liegen." Erwiderte Hermines Vater, der gerade die Weltkarte, oder besser den nordamerikanischen Kontinent vor seinem geistigen Auge hatte. Lächelnd wandte er sich dann an Mrs. Grey und fragte, ob es einen Flug direkt nach Seattle gab. Die beiden Ärzte hatten Glück und sie würden in zwei Stunden fliegen können und fast zeitgleich mit einem American Airlines Flug, welchen Hermine höchstwahrscheinlich nehmen würde, in Seattle landen. Natürlich buchte Henry Granger sofort und bedankte sich mehrfach für die gute Beratung.
„Lang nichts voneinander gehört, oder Ernest?", sagte Carlisle ins Telefon und hörte wie der Mann am anderen Apparat mehrfach atmete, bevor er antworten konnte. Dann aber schien ein Damm zu brechen und obwohl der Vampir wusste, dass er eigentlich gleich zum Punkt seines Anrufen kommen sollte, unterhielten sich die beiden erst einmal angeregt und die Freude beim Subdirektor des FBI war mehr als nur deutlich heraus zu hören.
Schließlich aber war es soweit und Carlisle fragte: „Ernest, ich gebe zu, mein Anruf basiert nicht nur auf dem Interesse darüber, wie es dir geht. Nein, ich habe auch ein Anliegen. Eines, bei dem du mir vielleicht helfen kannst, denn es hat mit etwas zu tun, von dem du mir bei einem unserer ersten Treffen erzählt hast. Und zwar meine ich deinen Satz darüber, dass ich eigentlich zu einer anderen Welt gehöre, von ihr aber nichts wüsste …"
„Oh", hörte der Vampir den anderen Mann leise sagen und konnte sich vorstellen, wie dieser plötzlich in seinen Erinnerungen versank. Erinnerungen, die beide Männer zu so etwas wie Freunden machte, oder zumindest ähnlichem.
Flashback
„… Agent Fullert, ich muss sagen, ich bin stolz auf Sie. Sehr stolz sogar und glauben Sie mir, so etwas sage ich nicht sehr oft."
Ernest Fullert, seines Zeichens Greenhorn im Dschungel der wohl wichtigsten Behörde Amerikas, war sich nicht wirklich sicher, ob er sich über diese Worte seines Chefs freuen sollte. Wie konnte er mit seinen zweiundzwanzig Jahren auch; sahen seine älteren Kollegen sein Handeln doch eher als Todesurteil an. Keiner von ihnen hatte den Mut gezeigt, seinen Bericht über die letzten Vorkommnisse im Machtbereich des derzeitigen Mafiabosses, Don Guillano, so zu verfassen, dass man diesem Manne hätte habhaft werden konnte. Trotz der Morde, trotz der Überfälle hatten einige von Ernest Kollegen einfach geschrieben, was sie für sich als richtig erachteten.
Doch er, jung wie er war, keinen Esel zu kämmen und voller Datendrang, hatte sich anders entschieden. Er hatte Beweise gesammelt, wobei ihm sein Erbe, seine Zugehörigkeit zu einer der alten, geheimen englischen Familien geholfen hatte, und er war es auch gewesen, der nur wenige Wochen vorher Zeuge einer der Morde geworden war. Und genau dies machte ihn zum Hauptzeugen gegen den Don, bis zu dessen Verhandlung nur noch einige Tage hin waren. Sollte der Verbrecher doch für seine Taten bestraft werden.
Mit diesen Gedanken und sich nicht weiter darum kümmernd, verließ Ernest das Büro des Chefs und machte sich auf den Weg zu seinem eigenen. Glücklicherweise war es nicht sehr weit und er brauchte auch nur über die nächste Straße. Denn wie so oft, wenn man etwas geheim halten will, hatte er das Utensil, welches ihm neben seiner Dienstwaffe sonst einen gewissen Schutz verschaffte, nämlich seinen Zauberstab zu Hause gelassen. Wozu auch mitnehmen? Es gab hier in dieser Gegend kaum bis gar keine Zauberer und er wollte ja eh etwas Abstand zu dieser Welt.
Doch kaum auf der Straße schien den jungen Agenten das Glück wieder zu verlassen, denn plötzlich rauschte ein Lieferwagen auf ihn zu. Er war groß und grau und man hätte denken können, er stamme aus dieser neuen Fernsehserie mit Raimond Burr, der Chef oder so. Doch an dem lag es nicht. Nein, die Insassen dieses Wagens waren keinesfalls Ordnungshüter. Vier Mann sprangen aus dem Lieferwagen und noch bevor Ernest sich verteidigen konnte, wurde er überwältigt und landete unsanft im hinteren Teil des Wagens.
„Was wollt ihr von mir?", fragte der jungen Agent, bekam dafür aber nur ein „Schnauze" und einen Schlag, der ihm die Lichter vorerst ausknipste. Wie lange er ohne Bewusstsein gewesen war, das vermochte Ernest Fullert beim Aufwachen nicht zu sagen. Allein die Dunkelheit ließ ihn vermuten, dass es mehrere Stunden gewesen sein mussten. Vorsichtig versuchte der junge Agent sich einen Überblick zu verschaffen wo er war. Größter Hinweis hierbei war der Geruch, nein eher der Gestank, von Rindern und die unverwechselbaren Laute eben dieser Tiere. Er musste also, wenn man mal davon ausging, dass es Don Guillanos Männer waren, die ihn entführt hatte, auf dessen Ranch sein. Ein Gebäudekomplex, welcher wohl besser bewacht wurde als Fort Knox.
„Ah, er ist wach, der strebsame Agent", sagte eine raue, abfällige Männerstimme und Ernest erkannte sie sofort als die des Dons. Genau die gleiche Stimme hatte er gehört, als er vor einigen Tagen Zeuge des Mordes an einem Beamten des städtischen Bauamtes geworden war und langsam schlich sich doch so etwas wie Unbehagen in Ernest Brust. Das nächste, das folgte, war ein harter Schlag in sein Gesicht und dass er auf die Beine gezerrt wurde. Zwei Männer drückten ihn dann unsanft auf einen Stuhl und der Don setzte sich ihm gegenüber.
„So jung, so vielversprechend", musterte ihn der Mann mit dem Charme eines alten Italieners. „Wir hätten so gute Freunde werden können. Ich hätte dich weit nach oben gebracht." Allein die Knarre an seinem Kopf verhinderte, dass Ernest einen Kommentar abgab. Kurz darauf meinte der Mafiaboss, dass es Zeit sei, dass Ernest seinem Schicksal begegnete und dass er sich dafür was ganz besonderes habe einfallen lassen. Er nickte seinen Männern zu, wünschte Ernest viel Spaß mit dem Teufel und verschwand. Zurück blieben nur der junge Agent und zwei seiner Henker, die ihn in eine der Boxen schleiften, wo sonst die Stiere eingesperrt wurden.
„Noch einen Wunsch, Arschloch?", fragte einer der Männer und trat Ernest brutal in den Bauch. Da Ernest dadurch auf die Knie sank, machte es dies ihm nur leichter, den jungen Mann mit einer Hand an einem im Boden verankerten Eisenring zu fesseln. Kurz darauf lachten Ernests Henker, bevor sie sich ebenfalls aus dem Stall zurückzogen. Irgendwas schien am anderen Ende der Ranch los zu sein und Ernest glaubte leise Sirenen zu hören. Aber dies sollte im nächsten Moment sein kleinstes Problem sein. Denn bevor Don Guillanos Männer verschwanden, hatten sie noch das Gatter zu einer der Boxen geöffnet und ein paar Mal in die Luft geschossen.
Die Laute, welche nun den Stall durchhallten, waren alles andere als beruhigend und als Ernest wieder etwas klarer und der Schmerz in seiner Magengegend erträglicher war, stand er ihm wirklich gegenüber … dem Teufel. Oder wie es auf den Plakaten in der Stadt hieß … El Diablo. Es handelte sich dabei um den wohl mit Abstand größten Stier, den Ernest in seinem Leben gesehen hatte. Und wenn man den Geschichten auf den Plakaten in der Stadt glaubte, so waren schon über fünfzig Stierkämpfer an ihm gescheitert. Ja, einige sogar gestorben.
Und genau dieser Bestie sah sich Ernest nun gegenüber und El Diablo scharrte mit den Hufen. Angepeitscht von den Sirenen wurde der Stier immer wilder und der junge Agent schrie lauthals in der Hoffnung, das Tier damit beeindrucken zu können. Doch dem war nicht so, der Boden bebte und dann wurde Ernest auch schon auf die Hörner genommen. Ein Knacken, ein Reißen und unerträgliche Schmerzen durchfuhren seinen Körper, noch bevor dieser wieder Bekanntschaft mit dem Boden machte. Doch der Stier schien noch nicht befriedigt zu sein und nahm sein Opfer erneut ins Visier. Bevor er aber diesmal den zerbrechlichen Menschen überlaufen konnte, kollidierte etwas mit dem fast anderthalb Tonnen schweren Fleischberg und unter einem unmenschlichen Brüllen knallte der Kollos in einer der Stallboxen und jede Menge Holz und Staub flog durch die Luft.
Den Kopf eingezogen und mit dem Leben abgeschlossen, riss Ernest die Augen wieder auf und starrte auf das, was sich ihm bot, auch wenn ihm dieses Schauspiel noch abwegiger vorkam, als die Tatsache, dass der Stier ihn nicht getötet hatte. Mit offenen Augen und den Schmerz nicht mehr fühlend, blickte Ernest auf den riesigen, blutigen Fleischberg, der überwältigt am Boden lag, seine letzten Zuckungen von sich gebend und geschlagen von einem Mann im schwarzen Anzug von dem Ernest bisher nur den Rücken sah. Auch war dem jungen Agent unklar, was hier abging. Wer war der Fremde? Was machte er hier? Und wie zum Teufel konnte er den Stier überwältigen?
Die Antwort auf diese Frage brauchte aber einige Moment, lag sie doch in Ernest früher Jugend, oder besser in seiner Schulzeit. Einem Abschnitt seines Lebens, von dem seine Kollegen beim FBI nichts wussten. Für sie war er einfach ein Neuling aus der Provinz. Trotzdem sollte ihm seine Jugend die Antwort geben, gab es doch laut seinem alten Lehrbuch nur ein Wesen auf der Erde, welches annähernd menschliche Züge und die Kraft, so etwas zu schaffen, besaß. Doch noch bevor ihn die Erkenntnis richtig traf, drehte sich der Fremde um und Ernest musste entsetzt aufstöhnen, blickte er doch in das Gesicht eines Engels. Ok Erzengels, bedachte er das ganze Blut um den Mund des Mannes herum. „Oh mein Gott", stotterte Ernest und wollte zurückweichen, doch da holte ihn die Gegenwart wieder ein und ein höllischer Schmerz durchfuhr seinen Körper.
Lauthals aufschreiend blickte der junge Mann nach links zu seinem Arm, dem Arm mit dem er gefesselt worden war, und er bemerkte die doch sehr unnatürliche Haltung dieses Körperteils. Auch begann der Schmerz ihm plötzlich die Luft abzuschnüren und sein Atem wurde schneller, ja fast panisch. An die lange Risswunde am anderen Arm, da wo ihn der Stier mit seinen Hörnern erwischt hatte, wollte Ernest gar nicht denken. Sein Blut floss in Strömen und dies in der Näher eines Wesens dessen Nahrung einzig und allein daraus bestand.
Die Panik des jungen Agenten machte den blonden Vampir nun aber erst recht auf ihn aufmerksam. Der Blutsauger kam schnellen Schrittes auf ihn zu und Ernest schloss ein weiteres Mal mit seinem Leben ab. Ein zweites Mal an diesem Abend. „Mach es schnell, du Bestie", sagte er noch, bevor sich der Vampir über ihn beugte. Was folgte war aber nicht der Schmerz, den der junge Mann erwartet hatte, denn die tödlichen Zähne, welche schon dem Stier das Leben genommen hatten, kamen nicht mal in die Nähe seines Halses. Vielmehr umfassten Ernest zwei kräftige Hände und sie schienen seinen Körper abzutasten, ja regelrecht zu untersuchen.
Wollte die Bestie also noch ein wenig Spaß? Mit diesen Gedanken befürchtete Ernest das Schlimmste. Dann jedoch kniete sich der Vampir plötzlich auf ihn, fixierte ihn mit seinem Knie und der unbändigen Kraft, welche in jedem Blutsauger schlummerte, regelrecht am Boden und etwas Hartes berührte seine Lippen. Die Augen weit geöffnet schaute der Verletzte in das Gesicht seines Peinigers. Dieser sagte nichts. Seines Augen funkelten nur und dann verstärkte der Vampir den Druck und nutzte den Schmerzensschrei des Verletzten, indem er Ernest eine Stück abgesplittertes Holz, höchstwahrscheinlich von der zertrümmerten Stallbox, in den Mund und zwischen die Zähne drückte.
Danach ging alles rasend schnell, denn ein heftiger Ruck durchzog den ganzen geschundenen Körper und er bäumte sich unter unendlichen Schmerzen auf. Das Knacken war einfach nur grausam und Ernest Geist musste durch den ungeheuren Schmerz, welcher nun seinen Körper durchfuhr, abgeschaltet haben. Nur noch verzerrt hörte er die Worte: „Deine Schulter ist wieder drin. Bleib liegen, Junge", und dann wurde es schwarz um ihn herum. Das nächste Mal, als er erwachte, sah sich der junge Agent einem Heer von Ärzten und Schwestern gegenüber.
„Agent Fullert, können Sie mich hören?", fragte eine männliche Stimme. Ernest konnte aber nur nicken. Immerhin schien das dem Arzt zu genügen und er gab weitere Anweisungen an das OP-Team. Wie lange er operiert wurde vermochte der junge FBI-Agent später nicht mehr zu sagen. Allein, dass es beim Aufwachen taghell war, legte die Vermutung nahe, dass es mehrere Stunden gewesen waren. Und das erste Gesicht in das Ernest blickte, war das seines Chefs.
Direktor Gunningham war mehr als nur erleichtert seinen jungen Schützling wieder unter den Lebenden zu wissen. Kaum war der behandelnde Arzt aus dem Zimmer getreten und hatte Entwarnung gegeben, war Ernests Chef auch schon ins Krankenzimmer gestürzt und lächelte den jungen Mann erleichtert an. Hinter ihm folgten Dr. Brown, ein dunkelhaariger Mann um die Fünfzig herum, der eine Vorliebe für gutes Essen zu besitzen schien, und eine junge Krankenschwester. Beide hatte noch im Zimmer zu tun, als Gunningham seinen jungen Kollegen fragte, ob es ihm gut ging und ob er noch wisse, was passiert sei.
„Was passiert ist?", fragte Ernest verwirrt und langsam kam ihm alles wieder in den Sinn. „Ein Vampir hat mich gerettet …"
Von einer auf die andere Sekunde stockte jede Bewegung und jeder Laut im Raum und Ernest spürte die Blicke der drei auf sich. Sein Chef war der erste, der sich wieder fing. Und ohne weiter auf diese Behauptung einzugehen, wandte sich der derzeit mächtigste Mann beim FBI an die beiden Angestellten des Krankenhauses. „Das haben sie nicht gehört, verstanden. Sie stehen unter Schweigepflicht." Seine Stimme war hart und duldete keinen Einwand. Dr. Brown nickte und auch die jungen Krankenschwester, Olivia war ihr Name, schien verstanden zu haben.
Dies dann geklärt, wurde das Gesicht des älteren wieder etwas sanfter und als der Doc und Olivia das Zimmer verlassen hatten, begann der Direktor auch gleich wieder zu sprechen. „Hör zu Ernest, mein Junge. Ich weiß nicht, was genau passiert ist. Und du weißt, ich mag dich sehr, auch wenn ich es nicht zeige, doch was du heute lernst, geht ein wenig über die Polizeiarbeit hinaus. Heute lernst du etwas über Politik und unser Rechtssystem."
„Wie? Ich verstehe nicht ganz", erwiderte Ernest und bekam ein ungutes Gefühl, als sein Boss auch noch zur Tür ging und diese verriegelte.
„Nun Ernest, als erstes möchte ich, dass du den Vampir ganz schnell vergisst. Verbanne ihn in den hintersten Teil deines Geistes. Alles was du dir in den nächsten Wochen vor Augen zu führen hast, ist die Tatsache, dass dich der gefährlichste Mann des Landes töten wollte, dass du Zeuge bist für seine Verbrechen und dass unser erstes und einziges Ziel ist, ihn dafür zu bestrafen."
„Aber Sir, ich … ich weiß doch, was ich gesehen habe. Weiß, was mich gerettet hat…"
Ernest wusste nicht so recht. Nichtsdestoweniger trat sein Boss nun ganz nah an ihn heran. „Bullshit Ernest. Guillano wollte dich töten. Der Stier sollte dich zermahlen, aber das Vieh hat die Rechnung ohne den Gasmann gemacht. El Diablo hat bei seinem Angriff eine Petroleumlampe umgerannt und nachdem er dich einmal durch die Luft geschleudert hat und er es erneut tun wollte, hatte das Feuer einen Gastank erreicht. Den Rest kannst du dir denken. Der Stier ist Gulasch und dich hat es aus dem Stall geschleudert."
„Aus dem Stall, Sir?", fragte Ernest ungläubig.
„Ja, ganze zwanzig Meter. Du hättest tot sein müssen. Und nicht nur, dass du es nicht bist, nein, dein zweiter Aufschlag hat dir deine Schulter wieder eingerenkt und zwei schwere Holzbalken sind so auf dir gelandet, dass sie die Wunde am Arm abgedrückt haben und du nicht verblutet bist. Jedenfalls haben dich die Sanitäter so gefunden."
Ernest starrte seinen Boss mit großen Augen an und er wusste, dass dies nicht so abgelaufen war. Bevor er dies aber kund tun konnte, fuhr ihn der Ältere schon wieder an. „Du siehst also, kein Vampir und keine Magie. Zufall und Glück, das ist alles, was von Nöten war und das solltest du nicht vergessen. Vergiss den Gedanken an einen Vampir, der dich gerettet haben soll. Vergiss ihn, damit Guillanos Anwälte keinen Angriffspunkt haben, um dich als unglaubwürdig hinzustellen. Zu viele Menschen sind gestorben. Und zu viel Zeit und Unrecht hängt an diesen Fall."
Jetzt endlich verstand Ernest und er sank auf sein Bett zurück. Darum ging es … Politik. Doch das hatte sein Boss ihm ja auch gesagt. Ernest stand jetzt also vor einer wichtigen Entscheidung in seinem Leben und er entschloss sich, seinen Job zu machen. Es war ja keine Lüge in dem Sinne, dass er Unrecht tat. Nein, er verhalf dem Recht mit der offiziellen Version nur noch mehr auf die Sprünge. Etwas mit dem er leben konnte.
„Also kein Vampir, Sir. Es war ein Unfall." Sein Boss lächelte nun regelrecht sanft und großväterlich und setzte sich dann zu ihm aufs Bett. „Richtig, mein Junge, kein Vampir. Glaub mir, es ist besser so und wenn der Fall abgeschlossen ist, wirst du einmal groß werden in diesen Mauern. Das FBI ist für dich geschaffen. Ich gebe dir hiermit auch mein Wort, dass ich über dich wache und dir freie Hand lasse, wenn du, nachdem Guillano zur Hölle gefahren ist, dich auf die Suche nach deinem Retter machen willst."
Die letzte Bemerkung brachte Ernest dazu, sich zu verschlucken. Er starrte den Mann vor sich ungläubig an und dieser grinste. „Junge, ich habe schon zu viel gesehen, als dass ich es leugnen kann. Du bist nicht der einzige mit einer Vorgeschichte. Und weil ich dich mag, verrate ich dir auch ein kleines Geheimnis, Ernest Fullert. Ich … ich … Sagen wir einfach so, ich habe mehrere Chefs. Den einen, der glaubt, er sei die Krone der Schöpfung und der mächtigste Mann der Welt und dann gibt's da noch einen Mann, eine Institution, die seit Jahrhunderten im Verborgenen fungiert …"
„Cantherberry?", fragte Ernest und sein Boss grinste. „Jepp genau der. Minister Cantherberry, unser weiser amerikanischer Minister für Zauberei. Das heißt dann wohl, es gibt mindestens zwei Zauberer in dieser Muggelbehörde."
Ernest war überrascht und zugleich froh. Mit der Erkenntnis nicht allein zu sein und einem nicht minder zufriedenem Boss, schlief der junge, verletzte Agent wieder ein und es dauerte noch mehrere Tage, bis er das Krankenhaus verlassen konnte. Don Guillano sah Ernest erst zur Verhandlung wieder, einem Prozess, der ziemlich schnell vorüber war. Zu erdrückend waren die Beweise und auch das Urteil wurde im Eilverfahren vollsteckt. Insgesamt hatte der Don nur noch vier Monate nach seinem letzten versuchten Mord, bevor er auf dem elektrischen Stuhl landete und mit ihm starb auch eines der größten Syndikate.
Ernest hatte durch den Fall eine Menge an Zuspruch und seiner Karriere war es auch dienlich. Man hatte ihn zwar noch nicht befördert, nein dazu war er einfach noch zu jung, aber man ließ ihm weitestgehend freie Hand. Und da er dadurch seine Magie etwas spielen lassen konnte, waren die Ergebnisse seiner Ermittlungsarbeit dementsprechend positiv in der Bilanz. Das Verbrechen hatte es mit einem ziemlich schwierigen Gegner nun zutun.
Eines vergaß der junge Agent darüber aber nicht, seine ganz persönliche Suche. Er musste ihn einfach finden, den Vampir. Er wollte sich bedanken, wollte ihn wieder treffen und ihm Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen, und vor allem wollte er sich sicher sein, dass er sich die ganze Sache nicht eingebildet hatte. Doch es war schwierig und dauerte fast drei Monate bis Ernest einen Hinweis auf seinen Retter bekam und zwar von Doc Brown bei einer der Nachuntersuchungen, die für seine spätere Pension von Nöten war.
„Ah, Agent Fullert …", begrüßte ihn der Arzt mit einem Lächeln und machte sich auch gleich daran die Narbe an Ernest Arm und die ehemals blauen Flecken zu untersuchen. „Es ist schön, Sie wieder gesund und munter zu sehen." Dabei taste der Doc den Arm sorgfältig ab und kam schließlich auf die Schulter zu sprechen. Etwas, das Ernest mit Sicherheit auf seiner mentalen Frageliste gehabt hatte. Dr. Brown meinte, dass das Gelenk gut verheilt war und es keine bleibenden Schäden geben würde.
Als der junge Agent jedoch meinte, dass er bei seinem Sturz halt riesiges Glück gehabt hätte, da runzelte der Arzt plötzlich die Stirn. „Sturz Agent Fullert? Wohl eher nicht. Dieser Arm wurde von Hand wieder eingerenkt. Fachlich, präzise und von einer Person, die wohl noch nach den alten Büchern gelehrt wurde."
„Was?", rief Ernest überrascht und starrte den Arzt an. Dr. Brown zuckte merklich zurück und eine Krankenschwester kam besorgt ins Zimmer gelaufen. Der Doc beruhigte sie aber schnell und bat seinen Patienten sich kurz mit an den Schreibtisch zu setzen.
„Ich sagte, Agent Fullert, dass die Tatsache, dass sie ihren Arm noch bewegen können, darauf beruht, dass ihn jemand wieder eingerenkt hat. Sie haben dies wahrscheinlich nicht einmal mitbekommen, denn der Schmerz muss extrem gewesen sein, was bei vielen Menschen dazu führt, dass sie das Bewusstsein verlieren."
Ernest musste dies erst einmal sacken lassen, jedoch war er erleichtert, dass an der Sache mit dem Vampir etwas dran war. Allerdings keimte in seinem Geiste dann ein Gedanke auf, der wohl eine ganze Spur abwegiger war. Konnte der Vampir ein Arzt sein? Immerhin schien Doc Brown von medizinischer Sicht sehr angetan von dessen Arbeit. Doch wäre das nicht ein Widerspruch in sich? Ein Wesen, das für Blut tötet, um sich daran zu laben, arbeitet an einem Ort, wo die meisten Menschen durch ihre Verletzungen seinen Blutrausch ins Unermessliche steigern würde. Rasch dachte Ernest nach, ob er in der letzten Zeit Berichte von ungewöhnlichen Todesfällen in Krankenhäusern gehört hatte. Doch ihm kam nichts in den Sinn.
„Ok Doc, nehmen wir es einfach mal an, dass da noch jemand war, der mit geholfen hat. Was bringt Sie zu der Annahme, dass es ein älterer Arzt war oder eben einer, der wie Sie es sagen, nach alten Büchern handelt?"
„Oh, das ist einfach, Agent Fullert. Es sind die Male, welche ich bei Ihrer Einlieferung auf Ihrem Körper gesehen habe, die ich aber laut Ihrem Chef als Folge von Schlägen deuten sollte. Zwar hat mir dies damals leicht widerstrebt, doch Ihr Boss kann sehr überzeugend sein, wenn es um seine Interessen geht."
„Male?", fragte Ernest und zog leicht die Augenbraue hoch, worauf der Arzt um den Tisch herum kam und seinen Patienten, der eh sein Hemd noch offen hatte, bat, sich auf der Liegen lang zu machen. Dies getan, legte der Arzt seine rechte Hand auf Ernest Brustkorb und ergriff den linken Arm. Sofort kam bei Ernest eine Erinnerung, eine wirklich schmerzhafte wieder hoch und er erkannte, dass es annähernd die Position war, in welche ihn auch der Vampir gedrückt hatte, nur dass dieser ihn mit dem Knie fixiert hatte. Dies lag wohl daran, dass er damals im Dreck lag und nicht gut einen Meter über dem Boden und auf einer Liege.
„Sehen Sie, Agent Fullert? Dann muss man den Arm wieder einrenken. Allerdings benötigt man für diese alte Methode eine Menge Kraft und jede Menge Erfahrung. Und weil viele Leute diese nicht haben und früher versuchten dies damit zu kompensieren, indem sie sich auf den Brustkopf knieten, richteten sie dadurch viel mehr Schaden an. Oft wurden Rippen gebrochen oder noch schlimmer, die Lunge gequetscht. Daher ist dieser Griff verbannt, nicht mehr erlaubt und wird schon seit Jahren nicht mehr gelehrt. Ja, ich selbst kenne ihn nur, weil einer meiner Kommilitonen während meiner Studienzeit ihn mal anwenden musste, um einem Patienten schnell zu helfen. Doch der wusste, was er dort tat. Er war sehr begabt, was die Medizin anging."
„Echt? Wie hieß der Student?", fragte Ernest, dem bei Doc Browns regelrechter Schwärmerei etwas schwante und sein Gegenüber schaute überrascht auf.
„Wie er hieß? Oh, da muss ich überlegen. Es ist schließlich eine Weile her und der Kontakt blieb nicht bestehen. Einzig sein Vorname hat sich eingebrannt, da ich ihn für ungewöhnlich hielt … Carlisle. Der Nachname hingegen …", Doc Brown schien schwer zu überlegen, „… Der Nachname fing auf alle Fälle mit C an, denn ein Mädchen aus unserem Studentenheim nannte ihn immer CC."
Ernest atmete durch, denn wie es aussah hatte er heute wirklich Glück. Und es sollte noch besser kommen. Denn plötzlich schien dem Arzt noch etwas einzufallen und er kramte plötzlich in seinem Schreibtisch. „Wo hab ich es denn nur? Ach, dort bist du." Mit diesen Worten zog der Doc ein altes Bildnis aus der Schublade. Es war eine Art Abschlussfoto, welches eine Menge junger Menschen in schwarzen Abschlussroben zeigte und Ernest erstarrte, als er es in den Händen hielt. Denn da war er. Da auf dem Bild war der Mann mit den blonden Haaren. Da war sein Retter … der Vampir.
Ernest raste förmlich über die breite Straße, welches zum FBI-Gebäude führte und er konnte es gar nicht abwarten, sich in sein Büro zu begeben, Bescheid zu sagen, dass er wieder da war und dann hinunter in die Fahndungsabteilung zu gelangen. Dort schnappte er sich den erstbesten Neuling und verlangte, dass dieser ihn zum Archiv brachte, wo sämtliche Unterlagen aufbewahrt wurden, die mit Eintragungen, sprich Immatrikulierungen an amerikanischen Hochschulen zu tun hatten. Edgar Hoover hatte dies vor Jahren in Auftrag gegeben, um zu erfahren, wer in Amerika so alles studierte. Für Ernest war dies natürlich eine Goldgrube und so fand er auch sehr schnell den Namen, welcher sich hinter CC verbarg … nämlich Carlisle Cullen. Und eben jener Carlisle Cullen brachte Ernest jungen Handlanger fast zur Verzweiflung, tauchte sein Name glatt siebenmal auf und zwar an sieben verschiedenen Universitäten. Etwas, dass der Beamte, welcher das Archiv hier angelegt hatte, jedoch nicht wirklich für voll genommen haben muss. Somit war Carlisle Cullen der wohl einzige Medizinstudent der Welt, der es auf über vierundachtzig Semester Medizinstudium, also über zweiundvierzig Jahre medizinischer Lehre bringt und laut Zulassungsbehörde gleichzeitig seit Jahrzehnten praktiziert. Also diesen Mann musste Ernest einfach kennenlernen und sei es nur seines Lebenslaufs wegen.
Es dauerte aber noch vier Wochen bis der junge Agent dann endlich wusste, wo er zu suchen hatte und so kam es, dass er sich schließlich in Boston in einem Hotel wiederfand, wo der jährliche Ärztekongress abgehalten wurde. Alles was Rang und Namen hatte, war in diesen Tagen hier vertreten und Ernest kam sich schon ein wenig deplatziert vor. Gut, er trug einen Anzug, doch das taten die Kellner auch und so kam es, dass der junge FBI-Agent öfters mal den Ausweis zückte, damit man ihm keine leeren Gläser in die Hand drückte.
Das Objekt seiner Suche sollte sich laut der Dame vom Empfang gerade in einer gut besuchten Gesprächsrunde mit dem Thema „Blutkrankheiten" befinden und Ernest musste unwillkürlich schmunzeln. Dr. Cullen schien ein kleiner Witzbold zu sein und um ihn ja nicht zu verpassen, setzte sich der junge Mann auf eine Couch in der Lobby und beobachtete die Tür zum Konferenzraum ganz genau.
Lange musste er auch nicht warten, denn das Mittagessen im großen Restaurant des Hotels, welches als Buffetthema „Italien" hatte, stand an. Jedes einzelne Gesicht der hungrigen Menschen sah sich Ernest genau an und langsam wurde ihm mulmig, denn nachdem der größte Ansturm schon an ihm vorbei gedrängt hatte, war vom blonden Vampir keine Spur. Gab es vielleicht noch einen anderen Ausgang, der als Fluchtweg gedient hatte? Auf das Buffet war der blonde Arzt bestimmt nicht scharf.
Als dann nach fünf weiteren Minuten kaum noch jemand den Saal verließ, juckte es Ernest ernsthaft in den Fingern und er ging in Richtung Tür. Durch diese kamen noch zwei letzte Personen und dann war sein Weg frei. Vorsichtig linste Ernest in den Saal und sah, dass Carlisle als einzige Person noch in seinem Sessel am runden Tisch auf der Bühne saß. Sein Rücken war zur Tür gewandt und die Augen schien er geschlossen zu haben. Blitzschnell schaltete Ernest und schloss die Tür. Er griff langsam nach seinem Zauberstab und ging in Richtung Bühne. Carlisle schien ihn noch nicht bemerkt zu haben, obwohl es doch bekannt war, dass die Sinne eines Vampirs schärfer waren, als die eines Hundes oder anderen Raubtieres. Schließlich aber ruckte sein Kopf hoch und er ließ von einem Buch, in welches er wohl sehr vertieft gewesen war, ab.
„Sie wünschen?", fragte der blonde Arzt, doch keine Sekunde später schien er zu realisieren, wen er vor sich hatte und ein überraschtes „Sie" verließ seinen Mund. Gleichzeit schien er sich im Raum umzuschauen und seine Chancen auf ein Verschwinden ohne Aufsehen abzuwägen. Doch die Tür war zu und ein Mann mit einem komischen hölzernen Stab stand ihm im Weg. Es würde wohl doch nicht so leicht werden. Also spannten sich die Muskeln des Vampirs und er durchquerte binnen einer Sekunde den ganzen Saal. Dass er diesen jedoch nicht verlassen konnte, überraschte Carlisle eiskalt, denn ein blauer Lichtstrahl traf ihn und fror seine Bewegungen ein. Das nächste, was er sah, war das Gesicht des jungen Mannes, dem er vor Wochen geholfen hatte. Warum er sich aber nicht bewegen konnte, wollte der Vampir einfach nicht begreifen.
„Dr. Cullen, ich will Ihnen nichts tun. Ich weiß, was Sie sind und wozu Sie in der Lage sind. Verzeihen Sie mir meinen Angriff, doch ich möchte nur mit Ihnen reden und mich bedanken."
„Bedanken?", fragte Carlisle und sein Blick wandelte sich von leichter Panik, da er nicht wusste, was mit ihm los war, zu Skepsis. Es war schon grotesk, das Verhalten des jungen Mannes, wenn er doch wusste, wer oder was er war. Schien er denn keine Angst zu haben?
„Ja natürlich bedanken, Dr. Cullen. Schließlich haben Sie mir das Leben gerettet und deshalb werde ich Sie nun auch losmachen und hoffe, wir können uns dann kurz unterhalten. Mehr will ich ja gar nicht."
Ernest wedelte mit dem hölzernen Stab und murmelte etwas auf Latein und kurz darauf spürte Carlisle, dass seine Arme und Beine wieder frei beweglich waren. Sofort sagte ihm sein Instinkt, er sollte schleunigst verschwinden. Aber wie es mit Instinkten manchmal so ist, man verlässt sich nicht immer darauf und so standen sich die beiden Männer immer noch gegenüber, wobei der Blick des Vampirs nun musternd auf dem komischen Stab seines Gegners lag. „Wie haben Sie das gemacht? Bisher hat noch niemand es geschafft, mich oder einen anderen Vampir so zu fesseln."
„Oh, das war ein spezieller Fesselzau …" Ernest stockte und schaute nun seinerseits den Vampir kalkulierend an. Dann fragte er: „Sie sagen, Sie haben noch nie davon gehört? Nun dann wissen Sie wohl auch nicht, was ich bin oder was das hier ist, Dr. Cullen?" Der Vampir schüttelte überrascht den Kopf und Ernest lächelte als dieser neugierig auf den schwarzen Zauberstab blickte. Er musterte den blonden Mann vor sich nun genau und meinte dann nachdenklich. „Also das ist wirklich verblüffend, Dr. Cullen. Ich meine, Sie sind ein Vampir, eine wie wir Sie deklarieren würden „dunkle Kreatur", entsprungen einer so alten Welt und Gesellschaft von der Sie aber doch nichts wissen oder scheinbar auch nur ahnen."
Bevor Carlisle aber fragen konnte, was für eine Welt sein Gegenüber meinte, schüttelte dieser aber den Kopf, so als hätte er eine Entscheidung getroffen und erwiderte: „Nein, vielleicht ist es sogar besser so. Amerika ist im Bezug auf Leute wie mich noch sehr jungfräulich und auch unvoreingenommen. Vielleicht sollten Sie einfach weiter so leben wie bisher. Obwohl es mir dann schon widerstrebt, Sie gehen zu lassen. Denn ich laufe damit Gefahr, die Leute, dich ich ja aus Berufsgründen versuche zu schützen, wieder Ihren Belangen der Nahrungssuche auszusetzen."
„Aber ich trinke keine Menschenblut", erwiderte Carlisle und sah sich nun einem verblüfften Gesicht seitens des jungen Agenten gegenüber, der dies nicht wirklich zu glauben schien. „Ehrlich Agent Fullert, ich habe seit meiner Verwandlung nie einen Menschen getötet. Ich würde eher sterben, als mich dem bluttrinkenden Monster hinzugeben, welches Sie jetzt in mir sehen wollen." Wie zum Beweis deutete der Vampir dann auf seine bernsteinfarbenen Augen und erklärte, dass man solche nur bekommt, wenn man abstinent lebt. Ernest ging in sich, wog das Gehörte ab und eine seltsame Form der Vertrautheit umspielte plötzlich seinen Geist. Er glaubte Carlisle irgendwie und in der nächsten Stunde unterhielten sie sich noch über eine Menge von Dingen, die den jungen Agent interessierten. Allerdings wehrte er sich dabei vehement, etwas über die Zauberwelt zu verraten und Carlisle ließ es damit auch bewenden.
Flashback Ende
Beide Männer schienen zeitgleich aus ihren Erinnerungen zurückgekehrt zu sein und in beiden Gesichtern spiegelte sich ein Lächeln wieder, was der jeweils andere aber durch das Telefon nicht sah. „Nun Carlisle", begann die ins Alter gekommene, sanfte Stimme von Ernest. „Wie es aussieht, hat uns unsere Vergangenheit eingeholt. Jedenfalls entnehme ich dies deiner Frage."
Carlisle schwieg einen Moment, doch dann antwortete er: „Sieht wohl so aus, Ernest. Obwohl ich noch nicht einmal weiß, von welcher Welt wir sprechen. Du sagtest einst, ich gehöre dazu. Ich wüsste es nur nicht. Doch wozu? Wozu gehöre ich? Alles was ich weiß ist, dass es zum Beispiel mit deiner speziellen Waffe, diesem Holzstäbchen zu tun hat, mit der du mich damals gefesselt hast."
„Holzstäbchen? Holzstäbchen? Carlisle, das ist ein Zauberstab, der ganze Stolz einer jeden Hexe oder eines jeden Zauberers", erwiderte Ernest mit einem Lachen.
„Hexe? Zauberer? So wie Merlin oder …"
„Genau so, meine lieber, alter Blutsauger. Ihr seid nicht die einzigen, die real in der Welt der Menschen sind. Auch wir existieren, wenngleich unsere Gesellschaft noch mehr nach Geheimhaltung strebt, als ihr es vielleicht glaubt." Allerdings befand der Zauberer es für sicherer, das Gespräch vielleicht nicht übers Telefon weiter zu führen und dann stand da ja noch die Frage an, wieso sich Carlisle nach für seine Begriffe so langer Zeit nach der Welt der Magie erkundigte.
Carlisle rückte aber nicht gerade zügig mit der Antwort darauf raus und dies ließ den Subdirektor etwas stutzen. Schließlich jedoch fasste sich der Vampir ein Herz und sagte: „Nun Ernest, ich rufe an, da ich offenbar mit deiner Welt in Berührung gekommen bin. Zumindest sagt mir dies ein Gegenstand, den ich gerade in meinen Händen halte. Es ist ein, wenn du so willst, Überbleibsel eines Feuers, oder besser gesagt, der Rest eines Zauberstabes."
„Ein Zauberstab? Wirklich? Wo hast du ihn her?", sprudelte es aus Ernest heraus und Carlisle musste ihn etwas bremsen. „Ruhig Ernest, ich versichere dir, ich habe ihn nicht von meinem Mittagsmahl. Bevor ich dir aber mehr verrate, sag du mir, was du über eine Sekte in England weißt, deren Anführer sich Lord Voldemort nennt."
Im nächsten Moment war Funkstille und Carlisle befürchtete, er habe was Falsches gesagt, oder gar die falsche Person auf Harrys Feind hin angesprochen. Dann aber hörte der Vampir dank seiner erhöhten Sinne, wie Ernest zwar die Sprechmuschel zuhaltend, für Carlisle aber dennoch gut zu verstehend, sich an seine Sekretärin wandte und nach einem Agent Connery verlangte. Dann sprach Ernest wieder zu ihm und sagte: „Carlisle, ich denke wir sollten uns zu diesem Thema persönlich treffen. Ich habe zwar noch einen Termin im Westen des Landes. Doch so wie ich wieder hier bin, können wir reden."
Carlisle horchte auf, als der Agent vom Westen sprach und frage, wo Ernest denn hin müssen. Er könne ihm doch entgegenkommen. Umso überraschter war der Vampir als Ernest meinte, er müsse sich um einen Flugzeugabsturz in einem Nest namens Forks kümmern, da es dort auch den Tod eines jungen Zauberers zu beklagen gab und Carlisle lachte lauthals auf. „Oh dann treffen wir uns doch gleich morgen im Diner von Forks. Dann kann ich dir sagen, was die hauptsächlichsten Verletzungen aller Passagiere waren. Ich habe die meisten ja mit behandelt."
„Wie behandelt?", fragte Ernest verblüfft und Carlisle erklärte seinem alten Freund, dass er seit ein paar Jahren in Forks lebte und dass sie sich dort treffen konnten. Ernest lachte und meinte was davon, dass es doch manchmal Zufälle gab und versprach sich sofort nach seiner Ankunft bei Carlisle zu melden. Er versprach auch, ein paar Informationen über die Welt der Magie mitzubringen und kurz darauf beendeten beide ihr Telefonat. Carlisle lehnte sich in seinem Stuhl zurück und hoffte, er hatte das Richtige getan. Allerdings stand für den Vampir jetzt schon eines fest. Harry war einer von ihnen. Harry war ein Zauberer und sein Interesse für den Jungen wuchs von Minute zu Minute.
