Kapitel 6

Sechzehn Jahre, dass das Voldemort und die gesamte Zaubererwelt in sechzehn Jahren nicht geschafft hatten, bewerkstelligte Mutter Natur in nur wenigen Augenblicken und mit Hilfe eines Blitzeinschlages in ein Muggelfluggerät. Dieser ironische Gedanke schoss Harry durch den Kopf, während neben ihm ein dicker Mann wie ein Mädchen schrie und sich eine gewaltige Feuerwalze durch den gesamten Flugzeugrumpf brannte. Harry spürte regelrecht, wie ihn die Flammen erfassten, seine Haare binnen Bruchteilen von Sekunden vernichteten und dann seine Haut mit Schmerzen überzogen. Doch dies sollte nur der Anfang sein. Ein gewaltiger Schlag ging durch die gesamte Maschine. Er durchzog Mark und Bein und es fühlte sich für den Gryffindor so an, als würde eine unbekannte Kraft ihn in der Mitte seines brennenden Körpers zerreißen. Harry konnte nicht anders und schrie nun ebenfalls aus Leibeskräften.

Dann überschlug er sich mehrfach, wurde aus seinem Sitz geschleudert und raste nach vorn in einen Sog, der wohl der Eingang zur Hölle war. An Harry flogen Trümmerteile und ein Stück Fleisch vorbei, ein blutiger, abgerissener Arm traf ihn im Gesicht. Dann war da dieser Knall und Harry krachte irgendwo auf, was ihn dann auch die Gesundheit seiner Arme kostete. Er spürte regelrecht wie sie brachen und das war vorerst das Letzte woran der Schwarzhaarige sich erinnern konnte. Das und der unmenschliche Schmerz in seinem ganzen Körper. Der Rest war Dunkelheit.

„Sirius", flüsterte Harry und bereute es auch gleich darauf, denn was er einatmete war wohl der Geruch der Hölle, der Atem der Verdammnis. Es schmeckte furchtbar und brannte in seiner Kehle, wie Feuer und verbranntes Fleisch. Letzteres erkannte Harry aber nur, weil er sich plötzlich an den Geruch erinnerte, da ihm vor Jahren mal ein Stück Braten bei Tante Petunia angebrannt war und er dafür die Strafe in Form von drei Tagen ohne Essen erduldet hatte. Dennoch war das hier um einiges schlimmer und auch nicht die penibel saubere Küche seiner Tante, sondern die Hölle. Sie musste es einfach sein, so wie ihm alles wehtat. Harry glaubte zwar nicht an ihn, doch Gott würde einem Menschen wohl niemals so etwas je zumuten. Und dass er tot war und in der Hölle, bestätigte sich, nachdem er es endlich geschafft hatte, seine wimpernlosen, verkrusteten und verklebten Augen leicht zu öffnen.

Um ihn herum herrschten das Chaos und der Tod. So also sah die Hölle aus, die in Muggelkirchen gepredigt wurde und er war wohl nicht der einzige, der es nicht in den Himmel geschafft hatte. Um Harry herum lagen Menschen, manche tot, manche verstümmelt oder immer noch brennend. Doch die Toten hatten es wahrscheinlich besser als die anderen, die bei Bewusstsein waren. Harry erblickte ein Mädchen, deren Kleidung, er erinnerte sich an ein leichtes Sommerkleidchen, welches die Kleine beim Einsteigen getragen hatte, immer noch lichterloh brannte und er wollte zu ihr, wollte ihr helfen. Doch er konnte sich nicht rühren. Sein Körper gehorchte ihm nicht mehr, nur der Schmerz verstärkte sich und erneut glaubte Harry, es riss ihn auseinander.

Hilflos schaute Harry zu, wie die Haut des Mädchens an manchen Stellen aufriss und Blut zum Vorschein kam. Einzig, dass die Kleine ihr Bewusstsein verlor und ihre Schreie verstummte, machte es für den Gryffindor erträglicher. Doch wie sollte etwas erträglicher werden, wenn man sich bis zum Ende aller Tage daran erinnerte?

„Hilfe", kam es leise von Harrys rechter Seite und mit zusammengepressten Lippen drehte er sich in Richtung der Stimme. Was er allerdings erblickt, ließ ihn entsetzt zusammenzucken. Neben ihm lag ein Mann, nein er lag nicht, er saß. Saß festgeklemmt in seinem Passagiersitz und während Harry dachte, die riesige Platzwunde am Kopf wäre schon schlimm, so war sie doch nichts im Vergleich zu dem spitzen, scharfkantigen und mit Blut überzogenem Metallstück, welches aus der Brust des Mannes ragte. „Bleiben Sie ruhig", wollte Harry noch sagen, doch seine Worte gingen in einem Gurgeln des Verletzten unter und dann traf Harry ein Schwall aus Blut und Speichel im Gesicht. Der Mann war tot.

Harry war der Verzweiflung nahe und schrie um Hilfe, die nicht kam. Vielmehr schienen seine Schreie etwas anderes angelockt zu haben. Wesen, die man sich nur in seinen schlimmsten Alpträumen vorstellen konnte. Es war Dämonen, Höllenwesen, ekelhafte Lakaien des Satans, die scheinbar auf ihrer Suche nach neuen Opfern und Nahrung waren. Undeutlich, durch einen Schleier aus Blut im Gesicht, sah Harry sie näher kommen, sah sie auf einer Woge aus Feuer und Rauch auf ihre Opfer zu schweben und dann hörte er ihr Lachen und ihren fauchenden Atmen. Harry hatte noch nie etwas so Grausames erlebt. Nicht einmal Voldemorts grelles Lachen, sein schlangenähnliches Gesicht und seine Kaltherzigkeit kamen an dies hier heran.

Panisch drehte Harry seinen Kopf in alle Richtungen. Egal war ihm der Schmerz geworden, er wollte nur hier weg. Dabei erhaschte er dann auch einen Blick auf sein Umfeld und sah wie einer der Dämonen, seine Haut bestand aus purem, loderndem Feuer, sich über einen Mann beugte, um sich mit seinem Rüssel, länger noch als der Schlund eines Dementors, an der Qual des Mannes zu laben. Sein Opfer jedenfalls schrie aus Leibeskräften und wehrte sich dagegen, dass man ihn aus seiner Position zog. Doch der Dämon machte kurzen Prozess. Harry sah mit Entsetzen, wie die Bestie plötzlich ein riesiges Beil erhob, es niedersausen ließ und dann war der Mann still.

Harry konnte nicht mehr. Er wandte seinen Blick ab und erschrak, da er nun selbst ins Antlitz eines Dämons schaute. Fauchend beugte sich das Monster über ihn, griff mit seinen brennenden Klauen nach seinem Arm und riss daran. Harry wehrte sich und schrie bis sein Kopf festgehalten wurde. Nun sah er in die riesigen hohlen Augen des Dämons, in denen das Höllenfeuer loderte, um ihn zu verzehren. „Ich hab dich", fauchte der Dämon und so etwas wie Freunde schien ihn zu erfüllen. Dann riss er Harry vom Boden und der Schmerz in seinem Körper ließ ihn ohnmächtig werden. Sein Schicksal war also besiegelt.

„Hilfe … ich darf nicht sterben…", flehte Harry, als er das nächste Mal so etwas wie sein Bewusstsein erlangte. Wo er war wusste er nicht, aber den Schmerz gab es noch. Dunkelheit umgab ihn und verzweifelt versuchte Harry jemandem, egal wer es war, zu sagen, dass er zurück müsse, zurück auf die Erde. „Er dürfe den Kampf gegen Voldemort nicht verlieren …"

Ein Luftzug ließ ihn in seinem Flehen stoppen und dann sah er sich jemanden gegenüber, der wohl das Gegensätzlichste darstellte, was man sich vorstellen konnte. Er starrte in das wohl schönste Gesicht der Welt. Doch war es das auch … schön? Blutverschmiert war es, ausgemergelt wirkte es und die Augen glänzten wie Gold. Aber noch bevor sich dieser Gedanke festigen konnte, öffnete der gottgleiche Mann seinen Mund, sein Gesicht verzog sich zu einer Grimasse und messerscharfe Zähne machten sich bereit ihn, Harry, zu zerfleischen. Alles was Gryffindor noch denken konnte war „Nein!" und dann durchzuckte ihn eine Energie, welche er nur ein einziges Mal in seinem Leben, in einer lange zurück liegenden Erinnerung, gespürt hatte. Es war Wärme und Geborgenheit, wie es nur eine Mutter geben konnte und mit einem grellen, grünen Licht wurde das Monster von ihm weggeschleudert. Danach war es wieder dunkel und Harry begann durch eben diese Dunkelheit zu schweben. Wohin? Das wusste er nicht.

Auch der Teufel schien sowas wie Gnade zu kennen, dachte Harry, als er offenbar aus seinem Zustand des umher Schwebens zurückkehrte. Denn der Schmerz in seinem Körper hatte nachgelassen und es fühlte sich jetzt mehr wie ein Druck auf seiner ganzen Haut an. Vielleicht hatte sich sein Körper aber auch nur an die Qual gewöhnt und so lag Harry in einem dunklen Raum und versuchte mit benommenem Verstand seine Umgebung zu erahnen. War er noch in der Hölle? Wenn ja, wo genau? Ein Höllenloch, wie Onkel Vernon es ihm immer vorhergesagt hatte? Waren seine Verwandten auch hier oder hatten sie den Absturz überlebt?

Harry hatte keine Ahnung und ein Gefühl der Müdigkeit umfing ihn. Dies wurde aber sehr schnell wieder weggeblasen, als er einen Luftzug wahrnahm und dann sah er sie. Es waren wieder die goldenen Augen und eine Stimme, die in Harrys Ohren wie Donner grollte. „Er gehört dir", sagte sie und dann schien Harrys Verstand auszusetzen. Denn was sein Geist erblickte, war die wohl schlimmste, abgrundtief hässlichste Kreatur, die er je gesehen hatte. Harry wusste nicht ob es ein Hund war oder ein Fisch oder was auch immer. Jedenfalls kam das Ding mit dem skelettartigem Körper eines gehäuteten Windhundes und dem Kopf eines Piranhas immer näher, Speichel tropfte aus seinem Maul und dann riss das Biest mit silbernen Zähnen ein ganzes Stück blutroter Haut von seinem Körper.

Harry wollte schreien, doch es kam kein Laut aus seinem Mund. Nicht einmal als das Ding ein weiteres Stück Fleisch von ihm abbiss und dann verschwand. Harry versuchte zu seinem Arm zu blicken, doch es gelang ihm nicht. Gelähmt lag er da und fühlte wie er langsam ausblutete. Das war also sein Ende, seine Bestimmung, dachte der Gryffindor und er fühlte sich bestätigt, als kurze Zeit später ein erneuter Besuch der Bestie anstand. Er sollte in alle Ewigkeit als Futter für das Vieh herhalten. Das war seine Strafe für was auch immer er auf der Erde getan hatte. Denn als der Gryffindor es dann doch mal geschafft hatte seinen Kopf zu bewegen, hatte er festgestellt, dass das Fleisch vom ersten Biss nachgewachsen war. Es würde also bis in alle Ewigkeit dauern, dass das Schoßtier des Teufels ihn verspeist hätte.

„Helft ihm bitte."

Die Worte brannten sich in Harrys Gehör und er glaubte, nein er wusste, dass er die dazugehörige Stimme kannte. Sie gehörte Professor Dumbledore und Harry fragte sich, ob sich sein alter Freund und Mentor an den Teufel gewandt hatte, um für seinen Seelenfrieden zu beten.

„Das werde ich", erwiderte eine zweite Stimme und sie klang für Harry wie himmlische Musik, als wäre es die Stimme Gottes. Kurz darauf durchfuhr seinen Körper oder besser die Hülle, welche er als Mantel für seine Seele hier unten in der Hölle ansah, ein Gefühl, als würde er erneut sterben und es kam ihm so vor, als bliebe sein Herz stehen. Allerdings hielt dieser Zustand nur kurz an und danach verwandelte sich die Dunkelheit um ihn herum in ein weißes Licht. Harry schwebte durch einen langen Gang. Stimmen hallten durch die Luft, erfüllten ihn mit Hoffnung und dann wehte ihm der Duft von Freiheit ins Gesicht. Harry war durch ein Portal geschwebt und erblickte mit seinen vom Fegefeuer geschwächten Augen in den Himmel.

„Wie geht es ihm? Gütiger Gott." Eine weitere Stimme erklang kurze Zeit später und Harry war sich sicher, sie gehörte einem Engel. Sanft, weich, weiblich und voller Sorge, nur so konnte der Gryffindor sie beschreiben und dann überkam ihn die Schwäche und er driftete ab. Und weil Zeit im Himmel keine Bedeutung mehr zu haben schien, war es Harry auch egal, wann er wieder zu Bewusstsein kam. Alles was zählte war, dass er der Hölle entronnen und vielleicht sogar bald mit seinen Eltern zusammen war.

Ein Ruckeln durchzuckte Harry, weckte den Gryffindor und es war so als würden ihn mindestens sechs Hände berühren. Dann aber schien einer der Engel, welcher ihn in ein sehr weiches Bett legte, plötzlich vor ihm zurück zu weichen und Harry hörte wie der Engel, es war die Stimme, die ihm so angenehm vorgekommen, panisch aufschrie und Worte wie „Nein, das darf nicht sein" oder „Ich muss hier raus" an sein Ohr drangen. Was passiert war, musste vorerst ein Rätsel für Harry bleiben, denn im nächsten Moment verflogen alle Gedanken an den Engel. Der Schmerz kehrte zurück und dies erbarmungslos und mit voller Wucht. Allein dass sich Harrys Geist vernebelte, half ihm dabei die Qual zu überstehen.

„Wo bin ich?"

Eine Frage, die wohl am stärksten auf Harrys Seele brannte, wiederholte er in seinem Geiste immer wieder. Vorsichtig versuchte der Gryffindor seine Umgebung wahr zu nehmen. Doch sollte ihm dies nicht gelingen, zumal Harry sich kaum bewegen konnte und dann auch irgendwas auf seinen Augen lag. Man hatte sie ihm verbunden und so blieb ihm nur übrig, sich auf seine anderen Sinne zu verlassen. Doch welchen zuerst? Harry begann mit dem Geruch und testete, ob es noch nach Hölle roch. Die Luft aber schien sauber zu sein. Es roch rein, ja fast sogar steril und doch mischte sich unter all dies auch noch ein anderer Duft. Harrys Nase fing einen Hauch von Jasmin ein und er musste sich eingestehen, dass ihm dieser sehr gefiel. So duftete also der Himmel und Harry versuchte so viel wie möglich von dem Blütenduft in sich aufzunehmen. Allerdings fragte er sich, warum er sich nicht bewegen konnte und hätte in seinem Grübeln fast nicht bemerkt, dass er nicht allein war.

Hastig versuchte Harry zu orten, woher die andere Präsenz kam und er konzentrierte sich darauf. Da aber verschwand die geheimnisvolle Person und mit ihr der Duft von Jasmin. Eine ungewohnte Traurigkeit überkam ihn und Harry schlief wieder ein. Jedenfalls solange, bis seine Nase erneut die Präsenz meldete. Harry konzentrierte sich nun ausschließlich auf den Duft von Jasmin und er versuchte sich vorzustellen, ob es einer der Engel war, die ihn gerettet hatten.

Das ganze Spiel zog sich hin und langsam entwickelte Harry so etwas wie Gefühle für seinen heimlichen Gast. Er wusste auch nicht wieso, doch er gab seinem Engel sogar einen Namen. Alice nannte er sie. Alice, der Engel. Es war einfach so gekommen, als hätte er den Namen irgendwann gehört und seine Fantasien, seine Träume befassten sich fast nur noch mit ihr. Und wie bei jedem Jungen in Harrys Alter formten sich die Träume auch hin in eine bestimmte Richtung. Es fing an, dass Harry seinen Engel, seinen geheimnisvollen, gesichtslosen Engel begann zu küssen und Alice diese Küsse auch erwiderte. Dann allerdings schien Harry einen Schritt zu weit gegangen zu sein, eine Grenze überschritten zu haben, die Gott nicht guthieß. Denn als Harry ein weiteres Mal mit seinem Engel zusammen war, sie küsste, streichelte und die Berührungen ihrer sanften Hände genoss, folgte Gottes Strafe auf den Fuß und in Form einer eisernen Hand, die ihn an seiner empfindlichsten Stelle packte und versuchte seine Männlichkeit abzureißen.

Vor Schmerz schreiend und lauthals um Vergebung flehend, bäumte sich Harry auf und wurde nur durch ein paar starke Bänder an seinen Armen und Beinen davon abgehalten, aus seinem Bett zu fallen. Alice auf der anderen Seite schien ebenso entsetzt und Harry glaubte zwischen seinen Schreien zu hören, wie sie aufgeregt rief, dass sie das nicht gewollt hatte und dass Harry sich beruhigen müsse. Dann polterte es plötzlich an der Tür, sie wurde aufgerissen und jemand, Harry erkannte durch das Rascheln ihrer Kleidung mindestens zwei weitere Personen, betrat Harrys Zimmer oder Zelle oder Wolke, wo auch immer er jetzt war und er wurde mit kräftigen Armen aufs Bett gedrückt.

„Harry, ruhig", befahl ihm ein Mann und die Autorität der Stimme sagte Harry, dass es Gott sein musste. Wenn er im Himmel war, dann musste es einfach Gott sein. Der Gryffindor wollte, konnte ihm aber nicht gehorchen, denn der Schmerz in seiner Mitte hörte nicht auf.

„Carlisle, bitte", flehte Alice und kaum hörte Harry sie, durchzog ihn eine neue Welle der Qual. Das war dann der Punkt, wo Gott sich an den Engel wandte und sie bat zu gehen. Aber Alice schien ihm nicht zu gehorchen und der Schöpfer allen Seins, wie ihn seine Tante stets nannte, wurde mit einem Male zornig. Gott erhob seine Stimme und schrie förmlich in den Raum: „Alice! Mach dass du hier raus kommst … sofort!"

Harry erschrak förmlich und wollte seinen Engel beschützen. Allerdings schien Alice nun auf ihren Herren zu hören, denn der Duft von Jasmin verschwand und eine Tür fiel ins Schloss. Zurück blieben also nur noch er, Harry, Gott und die andere, noch fremde Person. Sie war es dann auch, die den Allmächtigen ansprach und Harry nahm die nächsten Ereignisse nur noch durch einen Schleier war. Er wollte nur noch, dass der Schmerz aufhörte.

„Carlisle, was ist mit ihm? Ich dachte, er hat es geschafft? Warum die Schmerzen?"

Emmett schaute zu seinem Vater, der dabei war, Harrys Vitalfunktionen zu überprüfen. Dann bemerkte er, wie die Hand von Carlisle unter die leichte Decke fuhr, welche Harrys Körper schützte, sie über den Bauch des Jungen wanderte und sich nach kurzem Abtasten im Gesicht des Arztes so etwas wie Erkenntnis ausbreitete.

„ Oh herrje", sagte der blonde Vampir. „Emmett schnell. Da drüben im Schrank, oberster Schieber, sind mehrere Phiolen und Spritzen. Bring mir bitte eine von den kleineren Kanülen. Sie haben ein blaues Etikett und auf der Abdeckung ist eine vier. Sie liegen im dritten Fach von links. Und dann auch noch eine Phiole von ganz rechts, schwarze Banderole und gelbbraune Farbe."

Rosalies Freund tat wie ihm geheißen, wobei er überrascht war, wie genau Carlisle seinen Arzneischrank kannte und überreichte beides seinem Ziehvater. Der blonde Vampir nahm aber nur die Spritze und sagte: „Wir müssen Harry beruhigen und auf andere Gedanken bringen. Wirf die Phiole vor dem Bett auf den Boden."

Danach setzte er die Spitze mit dem Beruhigungsmittel in Harrys Ellenbogen und injizierte es. Dass er dabei die Luft anhielt hatte jedoch einen anderen Grund und dieser war die Phiole in Emmetts Hand, die kurz darauf zerbrach und dem jugendlich aussehenden, jedoch gestandenen Vampir fast dazu brachte, sich zu übergeben. Etwas, dass rein technisch gesehen, gar nicht möglich sein sollte.

„Urrgghh … Carlisle, was ist das für ein Zeug?" Ein Gestank breitete sich im Raum aus, den sogar Harry mitbekam und er daher sein Gesicht angewidert verzog. Für die beiden Vampire mit ihrem übernatürlichen Geruchssinn, war es aber noch um einiges schlimmer, geradezu bestialisch.

„Das mein Junge, ist das Geheimnis meines Erfolges", erwiderte Carlisle und grinste erleichtert, da Harry sich entspannte und auf sein Bett zurück fiel. „Das Zeug habe ich immer bei mir, wenn ich arbeite. Ich hab es aus unzähligen Substanzen und in jahrelanger Arbeit entwickelt. Und glaub mir Emmett, du willst nicht wissen, was drin ist. Denn schon der Gedanke daran und wie es jetzt riecht, lässt mich meinen Blutdurst vergessen."

„Bäähh, ich verstehe." Emmett spuckte auf den Boden und fragte: „Können wir jetzt aber lüften? Harry hat sich doch entspannt …"

Und nachdem Carlisle zustimmend genickt hatte und Emmett eines der Fenster geöffnet hatte, fragte dieser, warum sie dies eigentlich durchmachen mussten und vor allem, ob es nötig war Alice so anzufahren. Carlisle lächelte daraufhin und erwiderte: „Glaub mir Emmett, es tat mir genauso weh, wie ihr. Doch sie musste raus. Harrys Schmerz kam durch sie. Er hat ohne Zweifel und unter dem Resteinfluss des Morphium auf sie reagiert."

„Reagiert? Wie?", fragte der Jüngere und Carlisle sah den bulligen Vampir nun direkt und mit einem gewissen Amüsement im Blick an. „Nun mein lieber Sohn, Harry hat so reagiert, wie ein Teenager im Allgemeinen auf das andere Geschlecht, in Harrys Fallen auf ein Mädchen, reagieren kann. Oder anders gefragt, Emmett: Was ist dir früher passiert, wenn du mit Rosalie zusammen warst, ihr nicht gestört wurdet und sie dich gestreichelt hat?"

Emmett grinste leicht verlegen, dann aber auch irgendwie wieder dreckig und ohne Skrupel und antwortete: „Na, das kannst du dir doch denken, Dad. Ich war jung, unerfahren und hab bei jeder Gelegenheit ein Horn gekriegt."

„Richtig Emmett. Und genauso ist es Harry ergangen, als er Alices Geruch, ihre Stimme oder aber eben ihre Berührung wahrgenommen hat. Nur ist das bei Harry eben nicht gerade angebracht. Er hatte sich sein Becken gebrochen, was an sich schon gewisse Nachwirkungen bringt und dann auch noch ein Katheter in seiner Harnröhre."

Und während Carlisle dies sagte, zog er vorsichtig die Decke weg und Emmetts Augen weiteten sich. Daran hatte er gar nicht mehr gedacht, obwohl er selbst seinem Dad geholfen hatte ab und zu die Beutel zu wechseln. „Autsch", entfuhr es ihm. Er griff sich mitfühlend in den Schritt und er bekam Mitleid mit Harry, der nun Gott sei Dank wieder im Land der Träume war.

Carlisle rang der ganzen Sache hier aber auch was Gutes ab. Er sah Harrys Reaktion als ein Zeichen, dass Harry aus seinem Tiefschlaf, seinem komaähnlichem Zustand, erwacht war und sie damit beginnen konnten, seinen Heilprozess voran zu treiben. Daher nutzte der Arzt auch die Gelegenheit, dass Harry ruhiggestellt war und entfernte den künstlichen Blasenausgang. Und während er dies tat, meinte er, dass er gleich noch mit Alice sprechen würde. Natürlich tat es ihm selbst weh, seinen kleinen Engel so angefahren zu haben. Harry bekam davon allerdings nichts mehr mit und kämpfte im Traum eher mit den Worten, die er Gott ins Gesicht sagen würde, um seinen Engel zu beschützen.