Kapitel 7
Nichts, keine weitere Strafe, kein Schmerz, nicht mal ein Wort. Harry lag einfach nur auf seinem Bett, doch Gott meldete sich nicht, obwohl der Schöpfer ihm vor kurzem noch solche Schmerzen bereitet hatte, für sein Vergehen, für seine unzüchtigen Gedanken an seinen Engel Alice. Nur so dazuliegen und sich dann auch nicht auf seine Sinne, besser gesagt, seine Augen verlassen zu können, war aus Harrys Sicht zermürbender als eine Standpauke und ein Wortgefecht. Daher versuchte sich der Gryffindor abzulenken und dachte an seine Freunde, die er gezwungenermaßen zurückgelassen hatte. Er dachte an Hermine, an Ron und an Ginny. Auch Luna und Neville spukten durch seinen Geist. Harry sah sie alle und wie sie mit ihm zusammen im Ministerium gekämpft hatten. Er erinnerte sich an das, was geschehen war, die Jagd, die Verletzungen seiner Freunde und schließlich Voldemort und wie er versuchte, sich Harrys Geist zu bemächtigen.
Schließlich aber veränderte sich das Bild vor Harrys innerem Auge und der Gryffindor sah seine Freunde nun wieder gesund und munter und wie sie gemeinsam im Hogwarts-Express zurück nach London fuhren. Allerdings war die Stimme, die zum Beispiel aus Rons Mund kam, nicht die seines rothaarigen Freundes. Nein, vielmehr gehörten sie der Person, die Gott vorhin immer Emmett genannt hatte. Es machte auch keinen Sinn, was Ron da sagte. Doch die Stimme, sie kam laut Harrys Gefühl von rechts, meinte, dass er mit dem Seilzug fertig sei und dass der Strick Harrys Gewicht auf jedem Fall aushielt und man ihn ohne Bedenken aufhängen konnte.
Harry erschrak ein wenig und zuckte zusammen, was ihm allerdings die Aufmerksamkeit von der Person, die er als Gott vermutete und dem Engel Emmett einbrachte. Undeutlich konnte der Gryffindor noch hören, wie die sanfte Stimme meinte, dass Emmett nun gehen sollte, zum Jagen. Und dass er eine gewisse Rosalie und auch Alice, Harrys geheimnisvollen Engel, mitnahm, damit auch sie frisches Blut gegen ihren Durst bekamen. Dies alles jedoch macht für Harry keinen Sinn und eine Vorahnung beschlich den Gryffindor.
„Nun Harry, ich denke es wird Zeit, dass du wieder unter den Lebenden weilst", sagte Gott, berührte ihn am Arm und Harry konnte einen leicht ironischen Unterton heraushören. Irgendwie hatte der Verlust seines Sehvermögens dafür gesorgt, dass seine Ohren umso besser funktionierten. Kurz darauf erklang ein leicht surrendes Geräusch, eine Motorgeräusch und sein Oberkörper wurde langsam in eine aufrechte Position gebracht. Gott hatte also ein elektrisches Bett.
„Wo bin ich?", war Harrys erste Frage, gefolgt von: „Bist du Gott?"
Ein Lachen hallte durch den Raum und Harry spürte wie die Hand von seiner Schulter zu seinem Gesicht wanderte. Allerdings war diese ungewöhnlich warm und roch leicht nach Desinfektionsmittel. Gott musste sich die Hände extrem heiß gewaschen haben und das kam Harry dann doch etwas komisch vor. Es machte nicht wirklich Sinn, oder?
„Nun Harry, der liebe Gott, für den du mich offenbar hältst, der bin ich natürlich nicht. Obwohl man meine Zunft ab und zu als Halbgötter in Weiß bezeichnet. Mein Name ist übrigens Dr. Cullen, aber du kannst ruhig Carlisle zu mir sagen."
„Carlisle", wiederholte Harry leicht zögerlich, seine Gedanken waren noch etwas wirr und seine Stimme krächzte etwas. Und so langsam drang es in ihn ein, dass er wohl doch nicht im Himmel war.
„Und weil ich weiß, dass es sehr beängstigend sein kann, wenn man nicht weiß, wo man ist und dann sich nicht einmal orientieren kann, denke ich, wir sollten zuerst die Verbände deiner Augen entfernen." Harry nickte und ließ geduldig die gesamte Prozedur über sich ergehen. Nicht mal als er das Ziepen, welches sich beinahe so anfühlte wie damals in der Hölle, wo man ihm das Fleisch vom Körper gerissen hatte, spürte, gab der Gryffindor einen Mucks von sich. Und dann war es soweit. Harry öffnete seine Augen und schloss sie gleich wieder, da ihn das Licht blendete.
„Langsam, Großer. Nicht dass du dir die Augen verblitzt. Du hast sie schließlich fast zwei Wochen nicht benutzt", ermahnte ihn Carlisle mit lachender Stimme und Harry versuchte es daraufhin langsamer. Er öffnete die Lider jetzt nur einen Spalt und dann etwas mehr, bis ihm das Licht keinen Schmerz mehr bereitete. Verschwommen nahm Harry dann sogar die ersten Umrisse vom Zimmer und schließlich die Silhouette des Vampirs wahr.
„Und Harry, wie sieht es aus?", fragte Carlisle und beugte sich leicht vor, um die Pupillen des Gryffindors zu beobachten.
„Na ja, verschwommen halt. Ich trage sonst eine Brille", erwiderte Harry leicht verlegen und konzentrierte sich darauf, seine Augen scharf zu stellen. Doch Carlisle wusste dies ja schon und hatte durch seinen Kontakt zu Ernest Fullert schon eine Ersatzbrille für seinen Patienten besorgt. „Hier Harry, die dürfte dir helfen." Vorsichtig setzte er Harry das Gestell auf die Nase.
Augenblicklich wurde Harrys Sicht klarer und nach ein-, zweimal Blinzeln sah er so gut wie früher. Allerdings war das, was er erblickte, alles andere als gut für seine Seele. Binnen von Sekunden rasten die Gedanken in seinem Kopf. Er starrte Carlisle an und erkannte das Gesicht sofort wieder. Allerdings war die Erinnerung an die Schönheit des blonden Vampirs eine nicht wirklich erfreuliche, hatte sich das Gesicht des Blonden beim letzten Mal binnen von Sekunden in das einer Bestie verwandelt. Als Harry dann noch die Worte von vor ein paar Minuten, die Sätze über das Blut, die Jagd und das sie ihn hängen wollten, dazurechnete, verkrampfte sich sein ganzer Körper. Dabei bemerkte er auch die Fesseln an seinen Armen und Beinen und ein leises „shit" entfuhr seinem Mund.
Carlisle war vom Verhalten Harrys etwas überrascht und bedachte seinen Patienten mit sorgevollem Blick. „Was ist Harry?", fragte er und wollte sich dem Jungen nähern, jedoch wich Harry leicht zurück. „Nein, nicht", sagte er ängstlich und dann: „Weg … Geh weg von mir, du … du Blutsauger."
Überrascht stockte der blonde Vampir über diese Erkenntnis seines Patienten und musste sich selbst kurz sammeln. „Du weißt also, was ich bin, Harry? Nun, ich muss sagen, ich bin beeindruckt. Doch du brauchst keine Angst haben. Wir wollen dir nichts …" Weiter kam Carlisle nicht, denn ein Geräusch drang an sein Ohr und es rührte von der Tür her. Beide schauten in deren Richtung und eine Frau, ebenso schön wie Carlisle, jedoch mit der mütterlichen Ausstrahlung einer Molly Weasley betrat den Raum. Es war Esme, die Herrin des Hauses und sie lächelte beide an.
„Habe ich da Harrys Stimme gehört?", fragte sie und bedachte den Jungen mit einem für Harrys Geschmack eher sonderbaren Blick. Carlisle lächelte ihr zu und nickte, worauf sich der weibliche Vampir plötzlich die Hände rieb und sagte voller Vorfreude: „ Oh, na endlich. Ich kann´s kaum erwarten. Zeit fürs Essen." Die jedoch in dem Moment noch voller Enthusiasmus glänzenden goldenen Augen von Esme weiteten sich nun aber vor Überraschung. Esmes Gesichtszüge froren von einer auf die andere Sekunde ein und Carlisle, der bis eben noch seiner Frau zugelächelt hatte, drehte sich wieder zu Harry, der besorgniserregend zu zittern begann.
„Harry nicht. Beruhige dich. Es ist nicht so, wie du denkst …", versuchte Carlisle auf den jungen Patienten einzureden. Ihm war klar geworden, wie die Worte seiner Frau auf Harry gewirkt haben mussten. Wenn man dann noch bedachte, dass der Junge wusste, was sie waren, konnte man getrost sagen, dass hier eindeutig was schief gegangen war.
„Beruhigen?", schrie Harry und zerrte an seinen Fesseln. Ihm war egal, ob er sich damit selbst verletzte. Er hatte einfach nur Angst. Angst, die zur Panik wuchs und ihm einen Ausbruch wilder Magie bescherte. „Ich soll mich beruhigen. Soll ich lachen. Oh ja, scheinbar ist es das, was das Schicksal will… einen Lacher." Immer weiter steigerte sich der Gryffindor in etwas rein und Carlisle wusste nicht so recht, wie er zu ihm durchdringen sollte, denn die Tirade ging weiter. „Erst ist es Voldemort, der mir meine Eltern, dann Sirius, also meine gesamte Familie nimmt … dann stürze ich mit dem Flugzeug ab und verbrenne ... dann werde ich aus der Hölle gerettet… nur um danach …." In diesem Moment lösten sich durch Harrys Magieausbruch und sein ständiges Rütteln die Bremsen seines Krankenbettes und er begann quer durch den Raum zu rollen. Dies unterbrach den Gryffindor kurz, aber eben nur kurz und es gab ihm auch neue Munition, denn voller Sarkasmus beendete er seinen Satz. „ … na klasse, nur um jetzt als Essen auf Rädern zu enden."
Carlisle schaute seinen Patienten entgeistert an. Er hatte ja schon viel erlebt in den Jahrhunderten, die er nun schon auf der Erde wandelte. Aber solch einen Ausbruch von Magie? Nein, dies war auch für ihn neu. Ganz zu schweigen von Harrys Worten und als diese dann schließlich erst so richtig in Carlisles Kopf eingedrungen waren, konnte der Vampir einfach nicht anders und er begann zu lachen. Er lachte und ließ sich vor allem den letzten Satz immer wieder durch den Kopf gehen. Und wie es beim Lachen so ist, es ist ansteckend und so begann auch Esme erst zu lächeln und dann immer mehr zu lachen.
Harry auf der anderen Seite starrte die beiden allerdings nur an und es baute sich sowas wie Wut in ihm auf. Lachten sie ihn jetzt auch noch aus? „Ja, lacht nur. Vielleicht vergeht euch ja der Appetit oder aber mein Blut wird sauer, wenn ich mich weiter aufrege."
Bevor Harry sich aber versah, hatte Carlisle den Abstand zwischen ihm und dem Bett überbrückt. Er drückte den Jungen auf die Matratze zurück und dann tat er etwas, das Harry stutzen ließ und verwirrte. Carlisle band ihn los, indem er vorsichtig die ledernen Bänder löste und dann seinen Patienten tief in die Augen blickte. „Nun Harry, ich weiß nicht, ob dein Blut sauer wird wenn du dich aufregst, denn ich habe noch nie menschliches Blut getrunken. Meine Familie und ich selbst, wir ernähren uns nämlich ausschließlich von tierischem Blut. Deshalb habe ich Emmett, Alice und auch Rosalie zur Jagd geschickt."
„Und was ist mit ihr?", fragte Harry und schaute über Carlisles Schulter hinweg zur Tür. Dort stand immer noch die blonde Frau mit der Ausstrahlung von Molly Weasley und sie schien nicht so recht zu wissen, was sie tun sollte. Eine Situation, in der sie wohl nicht sehr oft war.
„Oh, das ist Esme, meine Frau und es ist wohl ihre Schuld, dass unser Start etwas schiefgelaufen ist", erwiderte der blonde Vampir und lächelte. Dann winkte er Esme zu sich, legte seinen Arm um sie, küsste sie danach liebevoll auf den Mund und fuhr fort. „Harry du musst ihr aber einfach verzeihen. Nie könnte Esme einem Menschen wehtun. Sie hat sich eben nur so gefreut, dass du wach bist. Ja, eigentlich wartete sie seit deiner Ankunft darauf, für dich zu kochen. Es ist eine ihrer Leidenschaften, der sie jedoch, wie du dir vorstellen kannst, nur selten nachkommen kann."
Esme schaute verlegen und lächelte entschuldigend. Eine Geste, die bei Harry gar nichts anderes zuließ, als den beiden zu glauben. Schließlich trat auch die Vampirfrau an sein Bett heran und sagte: „Hallo Harry."
„Hey", erwiderte der Gryffindor jetzt etwas verlegen über seinen Ausbruch und wandte sich dann wieder Carlisle zu, der mittlerweile sämtliche „Fesseln" gelöst hatte. „Aber wo bin ich denn nun genau?"
„Nun ja Harry, du bist hier bei mir im Haus, im wunderschönen, amerikanischen Örtchen Forks." Carlisle lächelte, da im sofort klar wurde, was wohl der nächste Gedanke des Jungen war. „Ja genau, Forks wie die Gabel. Lach nicht, aber es ist so. Denn der Grund, warum du hier bist, ist ja wohl nicht so lustig, oder? Du erinnerst dich doch an den Absturz, oder?"
Harry versank in Gedanken und nickte leicht abwesend. „Ja", flüsterte er, „und auch an das, was danach kam. Das Feuer … die Dämonen … die Hölle … Nie hätte ich geglaubt, dass …"
„Die Hölle? Harry?", Carlisle schaute Harry fragend an und dieser überlegte, wie er dem blonden Vampir nun seine Erlebnisse vermitteln sollte. Es musste doch einfach stimmen, so real wie ihm alles vorgekommen war. „Na ich meine, nach dem Absturz, Carlisle. Ich weiß, dass ich dort war. Ich habe sie gesehen, habe es gespürt …" Und während er dem Arzt erzählte, was ihm alles passiert war, bemerkte er, dass sich ein Lächeln auf dem Gesicht des Vampirs abzeichnete.
Verständnislos und leicht ärgerlich, fragte Harry sein Gegenüber, ob dieser ihn auslache. Carlisle hob aber beschwichtigend die Hände und erwiderte: „Natürlich lache ich dich nicht aus. Es ist jedoch faszinierend, jedenfalls für mich als Arzt, was der menschliche Geist in seinem Unterbewusstsein doch so alles projizieren kann, wenn der Körper unter extremen Stress, Schmerzen oder Drogen steht …"
„Ich nehme aber keine Drogen", rief Harry empört und etwas lauter, als er es wollte. Carlisle schüttelte seinen Kopf und sagte: „Natürlich nicht, Harry. Nicht willentlich jedenfalls. Doch im Krankenhaus haben wir dir Schmerzmittel, sehr starke sogar, gegeben und diese können Nebenwirkungen haben."
„Im Krankenhaus vielleicht. Aber was ist mit der Zeit davor? Ich habe es mir doch nicht eingebildet. Ich meine den Schmerz, das Blut, die Toten und dann die Dämonen?" Hier lachte Carlisle wieder kurz auf. „Nein, das hast du nicht, Harry. Aber es war vielleicht nicht so wie du denkst. Überleg doch mal, es gibt keine Höllenmonster und ich denke, dass die Personen, die ich denke, dass du sie meinst, es dir übel nehmen, wenn du sie so bezeichnest."
„Was?", fragte Harry verwirrt und der Vampir strich ihm sanft über den Arm. „Harry, überleg doch mal. Es ist ein Schritt, das Erlebte zu verarbeiten. Du sagtest, die Monster kamen kurz nach dem Absturz und schwebten durch die Luft. Du sagtest, ihre Haut brannte und sie hatten riesige Rüssel und in ihren Augen loderte das Feuer." Harry nickte. „Nun Harry, du hast durch dein bisheriges Leben, so etwas vielleicht noch nie gesehen, aber könnten deine Monster nicht auch deine Retter gewesen sein? Könnten es nicht auch die Feuerwehrleute, die sich aus den Hubschraubern abgeseilt haben, gewesen sein?"
Harry starrte den blonden Vampir an und langsam drang das Gesagte in seinen Geist. Schließlich machte es Sinn und er nickte. Dann aber versteifte er sich und bedachte Carlisle mit einem eher sonderbaren Blick. „Aber … aber was ist dann später passiert? Ich meine … oh … oh mein Gott …" Harry wich jetzt wieder etwas zurück und begann zu zittern. Carlisle spürte an welchem Punkt seiner Erinnerungen Harry jetzt wohl angekommen war und das Gesicht des Vampirs spiegelte plötzlich Schuld wieder.
„Es tut mir leid, Harry. Aber ich war verzweifelt. Du lagst da, an der Schwelle zum Tode und hast gefleht, dass du nicht sterben darfst …" Esme hatte verstanden, worum es gerade ging und nahm die Hand ihres Mannes. Sie drückte sie und wandte sich dann mit sanfter Stimme an Harry. „Glaub mir Harry, die ganze Situation ist nicht sehr einfach für Carlisle gewesen. Wir alle, ich, Rosalie oder auch Emmett und Edward, wir alle verdanken Carlisle unser Leben, weil wir ihn angefleht haben, uns zu helfen und ihn damit wider seiner Überzeugung dazu brachten, einen Menschen zu beißen und zu einem von sich zu machen."
Harry schaute in die goldenen Augen der Frau und konnte keine Lüge erkennen, dann aber überkam ihn ein anderer Gedanke und Panik überzog seinen Körper. Langsam bewegte sich sein Arm, der wie der Rest seines Körpers noch mit einer Bandage überzogen war, in Richtung seines Halses. Harry spürte zwar, was es ihn an Kraft kostete, fühlte den leichten Schmerz der gebrochenen Knochen und das Ziepen der verbrannten Haut, doch er musste es einfach wissen und schaffte es schließlich die Hand auf die linke Halsseite zu legen, dort wo Carlisle in seinem Traum versucht hatte, ihn zu beißen.
„Harry, nein", entfuhr es dem blonden Vampir, als dieser erkannte, was Harry offenbar durch den Kopf ging. „Ich habe dich nicht verwandelt. Du bist noch am Leben und dein Herz schlägt. Ich konnte es nicht tun. Etwas ganz tief in dir hat es nicht zugelassen. Etwas in dir hat mich in dem Moment, wo ich es tun wollte, nicht an dich herangelassen. Etwas, eine unbändige Kraft …", Carlisle fuhr sich dabei selbst mit der Zunge über seine Zähne und schien sich zu erinnern, „… hat mich von dir weggeschleudert und ich hatte plötzlich eine Erinnerung im Kopf, die nicht mir gehörte. Ich sah eine Frau, eine rothaarige, wunderschöne Frau mit ihrem Baby auf dem Arm und dann traf mich ein grüner Lichtblitz …"
„Mum", entfuhr es Harry und sein Körper versteifte sich. „Ihr Schutz, ihr Opfer."
„Wie bitte?", fragte Carlisle und sah Harry verwundert an. Dieser ließ seinen Arm wieder sinken, da die Kraft nachließ und er blickte zu Carlisle auf. „Ich sagte, es war die Magie meiner Mum, ihr Schutz, den sie auf mich gelegt hat, als sie sich für mich geopfert hat. Ein Professor meiner Schule hat mir einst erklärt, dass solch ein Opfer, solch ein Zeichen der Liebe, eine Spur hinterlässt. Und ich denke, das war es, was dich aufgehalten hat. Carlisle, du hättest es nicht geschafft, mich zu verwandeln, solange ich es nicht bedingungslos zugelassen hätte."
„Deine Mutter musst dich wirklich geliebt haben, um so etwas zu schaffen", sagte Esme und bedachte Harry mit einem anerkennenden Blick, dann drehte sie sich zu Carlisle und drückte dessen Hand liebevoll. Es schien für sie geklärt zu sein, was mit Carlisle passiert war, als er damals erschöpft von Charlie nach Hause gebracht worden war. Da Harry dem blonden Vampir zu verstehen gab, dass er sich für sein Handeln nicht schuldig fühlen brauchte, konnten sie auch wieder zum Thema zurückkehren, von welchem sie abgekommen waren.
„So Harry, weiter zu deinem Traum. Den Teufel hätten wir damit auch abgehakt, bleibt also nur noch der Höllenhund, oder wie du ihn mir beschrieben hast." Carlisle lachte hier sogar wieder ein wenig und meinte, dass dies jedoch ein Punkt war, wo ein wenig Harry unfair und persönlich wurde, wenn er die arme Kelly so beschrieb. „Kelly?", hatte der Gryffindor daraufhin gefragt und Carlisle hatte ihm erklärt, um wen es sich dabei handelte und was sie so liebevoll und aufopfernd für ihn getan hatte. Er beschrieb die junge Schwester und spürte, wie sich Harry leicht verkrampfte.
Allerdings war es keine Schuld, wie er es anfangs dacht. Nein Harry durchzuckte ein anderer Gedanke. Dem Gryffindor war gerade klar geworden, dass ihn während seines nun ja eher unfreiwilligen Schlafes ein Mädchen, dass nicht viel älter war als er selbst und nach Carlisles Beschreibung eines, dass man auch als hübsch bezeichnen konnte, seinen ganzen Körper, ihn also völlig nackt und hilflos gesehen und berührt hatte. Gott war Harry froh, dass der Vampir nur die Verbände an seinen Augen entfernt hatte. Das Schamgefühl und das damit einhergehende Erröten würde daher keiner zu sehen bekommen.
Dann aber sprach Carlisle einen Punkt an, der Harrys Herz allerdings ein wenig verkrampfte. Der blonde Vampir schaute ihm tief in die Augen und fragte den Gryffindor, ob er sich erinnerte, ob er mit noch jemand zusammen gereist war. Denn da er als einziger „Potter" auf der Passagierliste stand, seinem Alter nach aber noch nicht alleine in einem Flugzeug reisen durfte, fehlten den Offiziellen also seine Begleitpersonen.
„Meine Tante … mein Onkel … und … und Dudley", kam es zögerlich aus dem Mund des Jungen und seine Stimme war fast gebrochen. Trauer schwang mit und auch wenn sie ihn nie wirklich wie einen der ihren behandelten, ihn als Freak angesehen hatten, so musste er dennoch Dumbledore recht geben. Sie waren seine Verwandten und hatten ihn aufgenommen und ihm doch irgendwie ein Heim gegeben. „Dursley war ihr Familienname, Carlisle. Sie saßen aber in der ersten Klasse und ich weiß nicht …"
„Harry, es tut mir wirklich leid. Aber niemand aus der ersten Klasse hat überlebt." Soweit waren es jedenfalls die Informationen, die der blonde Vampir von Charlie Swan bekommen hatte. Sein Herz tat ihm weh und er fragte sich, was wohl aus Harry werden würde, wo er doch jetzt wirklich niemanden mehr hatte. Würde Mr. Aldum ihn zu sich nehmen? Oder aber, würden sie ... Carlisle konnte den Gedanken nicht zu Ende führen, da Harry sich mit einem Male komisch benahm. Zuerst dachte Carlisle, dass Harry der Verlust stärker traf, als er angenommen hatte. Indessen bemerkte er dann aber, dass Harry nach unten blickt, sich unwohl fühlte und es nicht mehr schaffte ihm in die Augen zu schauen.
Einige Sekunden später erkannte der Arzt auch, was los war. Er roch es und drehte sich daher kurz zu seiner Frau um. „Esme, meine Liebe, ich denke du kannst jetzt langsam anfangen, etwas für unseren jungen Harry vorzubereiten. Gib uns eine halbe Stunde. Ich möchte ganz ungestört mit Harry sein und ihm die Verbände abnehmen."
Der letzte Satz ließ Harry noch weiter in sich zusammen sinken und man konnte sogar um seine Augen herum die Verlegenheit sehen. Esme lächelte ihrem Mann sanft zu, nickte und verließ das Zimmer. Carlisle schob sich einen Stuhl an Harrys Bett und ging dann kurz durch eine Tür zu Harrys Rechten ins Bad. Zurück kam er mit einem Schüssel, einem Lappen und einigen Handtüchern.
„Weißt du Harry, es muss dir nicht peinlich sein, dass dies passiert ist. Versteh einfach, dass sich dein Körper erst wieder völlig genesen muss." Carlisle lächelte, doch dies machte es für Harry nur schlimmer. „Du hast leicht reden. Dir ist es ja nicht passiert."
„Stimmt Harry. Aber ich hatte ja auch nicht bis vor einer Stunde einen dünnen Schlauch in meiner Harnröhre. Es ist natürlich, dass sich deine Blase und die restlich Muskulatur erst wieder straffen muss." Mit diesen Worten zog Carlisle die Decke weg und kümmerte sich um Harrys kleines Missgeschick. Das ganze dauerte fünf Minuten und während Carlisle Harry säuberte, stellten sie auch fest, dass noch ein ganzes Stück Arbeit vor ihnen lag. Harrys Ausbruch vorher hatte ihm wohl seine letzten Reserven gekostet, denn der Gryffindor konnte kaum die Arme heben. Gut, sie taten nicht mehr weh und die Brüche waren gut verheilt. Und dies in einer Geschwindigkeit, die sogar Carlisle erstaunen ließ, doch Brüche heilen war eine Sache, Muskelaufbau eine andere. Und wie der blonde Vampir so dabei war, die ersten Verbände zu lösten, fragte Harry etwas, worauf Carlisle schon die ganze Zeit gewartet hatte. „Werde ich wieder ganz gesund, Carlisle? Ich meine, die Verbrennungen?"
Sein Gegenüber lächelte. „Ja das wirst du, Harry. Dein Körper verfügt über enorme Selbstheilung. Ich würde fast sagen, es ist Zauberei." Carlisle lachte nun offen und erklärte seinem Patienten, dass es aber einige Wochen dauern könnte und dass sie einer extrem strengen Prozedur folgen mussten, bei der man nicht abweichen durfte. Und dann war es soweit. Harry spürte einen leichten Luftzug um seinen Kopf herum. Allerdings konnte er nicht gleich nach seinem Gesicht tasten. Seine Arme machten einfach nicht mit und so holte Carlisle einen Spiegel.
„Langsam", bat Harry und der Arzt drehte den Handspiegel in Zeitlupe so, dass sein Patient erst seine Stirn, dann die Augen und schließlich sein komplettes Gesicht sah. Der Gryffindor starrte auf die silberne Scheibe und schüttelte den Kopf. „Oh mein Gott … nein". Das war er nicht. Harrys Hände begannen zu zittern, einige Tränen bildeten sich und Carlisle zog den Spiegel weg.
„Keine Sorge, junger Mann, du wirst bald der schönste Schüler in Hogwarts sein. Es werden alle Wunden heilen, alle Narben verschwinden, außer der einen, die dich ja irgendwie berühmt gemacht hat." Harry verzog sein Gesicht und wollte protestieren, dass Carlisle gerade das nicht sagen soll, doch der blonde Vampir ging nicht darauf ein. Zu wenig wusste er über Harrys Leben. Daher beschränkte er sich auf das hier und jetzt. „Allerdings ist deine Haut noch frisch, empfindlich und gerötet. Immerhin geht das mit den Bädern weg. Du musst mir nur vertrauen. Und wenn dann deine Haare wieder sprießen, wird Mr. Aldum keinen Unterschied zum alten Harry Potter erkennen."
„Wer?", fragte Harry überrascht und Carlisle blickte ihn verwundert an. „Na Mr. Aldum, Brian Aldum, der ältere Mann, der mich gebeten hat, auf dich aufzupassen."
„Aber … aber ich kenne keinen Mr. Aldum …", erwiderte Harry und seine Gedanken begannen zu rasen.
„Du musst aber, Harry. Noch nie habe ich jemanden gesehen, der so besorgt um einen anderen Menschen war. Harry, ich habe gespürt, dass es ihn sehr viel Überwindung gekostet hat, jemandem wie mir zu vertrauen. Es kam mir so vor, als würde er das Kostbarste aus den Händen geben, was er besaß. Du weißt schon, sein Kind, seinen Enkel oder so. Und doch hat er es getan, damit du in Sicherheit bist."
Harry versuchte seine Gedanken zu sammeln und noch während er den Namen Brian Aldum auseinander nahm, fragte er Carlisle das Naheliegende: „Wie sah der Mann aus?" Carlisle begann leicht zu grinsen und legte den Spiegel aus der Hand. Er hatte schließlich noch einige Verbände zu entfernen und das konnte er ja auch tun, während sie dem Rätsel auf den Grund gingen. „Nun er ist sehr einfach zu beschreiben, Harry, wenn du ein wenig mystische Geschichte im alten England kennst. Kurz gesagt er sah aus wie Mer…"
„Merlin", unterbrach Harry ihn und grinste irgendwie erleichtert. Dann sah er seinen Doc an und sagte: „Oh eines muss man dem alten Mann lassen. Er hat Humor und kann seine Spuren verwischen."
„Alter Mann?", fragte Carlisle und Harry erwiderte mit einem ertappten Grinsen: „Jepp Dumbledore. Ihn kann man getrost alt nennen. Selbst für Zaubererverhältnisse sind über hundertfünfzig Jahre eine Seltenheit. Und wenn man dann den Namen bedenkt, den er hier benutzt hat, und wenn man ihn und seinen Humor kennt, macht sein Pseudonym auch Sinn. Brian Aldum … Brian ist einer seiner vielen Vornamen und Al …dum setzt sich ja ohne Zweifel aus Al-bus und Dum-bledore zusammen. Ich hätte es wissen müssen oder zumindest ahnen."
Beide lachten nun und dann kümmerte sich Carlisle um das, was er ja eigentlich tun wollte, um Harrys Verbände. Vorsichtig legte er mit dem Skalpell erst Harrys Bauch frei und dann die Beine. Dabei überprüfte er auch gleich die Reflexe und musste innerlich schmunzeln, da sich der Junge etwas verkrampfte, als seine wohlgemerkt wieder etwas angewärmten Hände von den Knien aufwärts wanderten. Manchmal vergaß man halt, wie es war mitten in der Pubertät zu stehen. Um Harry abzulenken und auch weil Carlisles Gehör die Stimmen seiner Kinder leise hörte, nahm er sich erst einmal ein grünes Op-Tuch und legte es über Harrys Blöße.
Harry war ihm dankbar und beobachtete dann, wie auch der letzte Verband vom seinem rechten Arm abfiel. Allerdings brachte dies etwas zum Vorschein, was sein Herz stocken ließ. Es war eine weitere Narbe, die sich wie ein Band spiralförmig um seinen Unterarm zog und die durch ihre dunkelrote Farbe extrem aus der schon geröteten Haut hervorstach.
Auch Carlisle war überrascht und zeigte dies seinem Patienten auch. Denn soweit er es bei Harrys Operationen gesehen hatte, hatte es an Harrys Armen keine schwereren, narbenbildenden Verletzungen geben. Brüche ja, Abschürfungen auch, aber keine Schnitte.
Harry sah den leicht verwunderten Blick des Vampirs und fragte, was dies für eine Narbe sei. Carlisle tastete sie langsam ab. Oder aber, er wollte es. Doch schon bei der ersten Berührung sog sein Patient schmerzhaft die Luft ein. „Entschuldige Harry", sagte Carlisle rasch und zog die Hand weg. Nachdenklich jedoch betrachtete er die Form der Narbe, da er trotz der Kürze der Berührung etwas Ungewöhnliches gespürt hatte. Die Narbe war nicht nur oberflächlich. Nein, sie ging tiefer und schien sogar den Knochen des Armes berührt zu haben. Aber um dieses Phänomen genauer bestimmen zu können, bedurfte es noch einiger Untersuchungen.
Das musste aber warten, auch wenn Harry es eigentlich gleich wissen wollte. Carlisle meinte aber, dass sie dem Rätsel noch früh genug auf den Grund gehen würden. Dann stand er aber plötzlich auf, legte sein Werkzeug weg und räumte um Harry herum auf. Dies aber konnte der Gryffindor dann aber nur noch vermuten, anhand des Ergebnisses. Denn kaum hatte Carlisle das Skalpell weg gelegt, wurde Harry blitzschnell hochgehoben und noch bevor sein Körper sich verkrampfen oder anderweitig sich bewegen konnte, landete er wieder sanft auf dem Laken und dieses war frisch und sauber.
„Wow", entfuhr es Harry und der Vampir grinste schelmisch. „Ja genau, Harry. So sehen es viele und glaub mir: Bei der US Armee würden sie mich hassen, weil ich die Norm fürs Bettenmachen versaue." Dann zog der Blonde Harry ein neues OP-Hemd über und danach hieß es den Rest der Familie zu begrüßen. Etwas worauf Harry schon sehr gespannt war.
