Kapitel 8
„Emmett, die Tür bitte."
Es war die sanfte Stimme von Esme und kaum hatte ihr Sohn den Weg ins Zimmer frei gemacht, kam die wunderschöne, blonde Frau auch schon mit einem Tablett, vollbeladen mit Essen, herein. Carlisle schmunzelte und sagte: „Schatz, ich denke eine leichte Suppe hätte gereicht."
„Die ist doch auch dabei", erwiderte Esme gespielt schnippisch. „Der Rest ist doch nur, wenn Harry vielleicht doch noch mehr essen will." Harry schüttelte ungläubig den Kopf, denn was alles auf dem Tablett zu sehen war, hätte wohl ausgereicht, um Ron dreimal satt zu machen. Harry erkannte Toast, Pfannkuchen, Rührei und sogar Muffins. Und ganz im Zentrum der Platte stand eine große Tasse dampfender Suppe. Der Duft von Hühnchen und Gemüse erfüllte den ganzen Raum und Harry lief das Wasser im Munde zusammen.
Allerdings wurde seine Aufmerksamkeit gleich darauf vom Essen abgelenkt, da hinter Esme drei weitere Personen sein Zimmer betraten. Der erste war ein Hüne von einem Mann, nein Jungen wenn man sein Gesicht betrachtete. Allerdings wurde Harry klar, dass dieser Bursche weitaus älter war, als er den Anschein machte. Dies musste Emmett sei, dachte Harry und als Mister Universum den Mund aufmachte, erkannte der Gryffindor auch die Stimme des „Engels" wieder.
„Na Kleiner, wieder unter den Lebenden?" Allein schon dieser Satz und das Auftreten von Emmett ließen Harry vermuten, dass dieser ein lebenslustiges Kerlchen war, mit dem man eine Menge Spaß haben konnte.
Hinter Emmett betrat noch jemand den Raum, für den Harry nur einen Ausdruck hatte … eine Göttin. Es war Rosalie, die modelgleich durch die Tür kam, ihr Gesicht allerdings in einer Maske, als könne sie gar nichts berühren. Harry sah, wie Carlisle und Esme leicht lächelnd den Kopf schüttelten, so als würde sie das Auftreten ihrer Tochter amüsieren. Emmett hingegen beließ es nicht beim Kopfschütteln und wandte sich an Harry. „Dies, mein kleiner Zauberer, ist unsere kleine Rosalie, meine Frau, wenn du so willst. Doch du musst ihr Gesicht entschuldigen. Mein Schatz hatte vorhin etwas Pech bei der Jagd. Sie hat es heute nur auf ein jämmerliches, halblahmendes Reh geschafft."
Der Blick, mit dem Rosalie im nächsten Moment den bulligen Vampir bedachte, hätte jeden anderen in die Flucht geschlagen. Emmett jedoch legte nur seinen Arm um Rosalies Hüften und flüsterte: „Ach komm schon Schatz. Ich mach es nachher im Bett auch wieder gut." Dass es nicht wirklich ein Flüstern war, interessierte Emmett offenbar nicht. Die Mutter des Hauses allerdings schon.
„Emmett, das gehört jetzt nicht hier her", sagte Esme leicht tadelnd, doch Carlisle kannte seinen Sohn und lächelte. „Tu das Sohn. Doch bedenke, wir sind auch noch hier im Haus."
„Carlisle", dreht sich Esme nun zu ihrem Mann um und dieser grinste. „Ach komm schon, Schatz. Lass ihn …"
„Ja Esme, lass mich. Es gibt nun einmal Pflichten im Leben eines Mannes, die …" Sein Blick ging zu Harry und er grinste. „Tja Harry sieh es mal so. Manchmal muss Mann im Leben auch mal was tun, was einem keinen Spaß macht." Glücklicherweise lenkte der kleine Rippenstoß von Rosalie, der jedem anderen Menschen wohl das Leben gekostet hatte, die anderen davon ab, zu sehen, wie Harrys Gesicht an Röte zunahm. Einzig Emmett hatte es bemerkt und zwinkerte nun verschwörerisch in Harrys Richtung. Kurz darauf wurde das Thema allerdings fallen gelassen, da es ja noch jemanden gab, der das Zimmer betreten wollte. Oder zumindest hatte die Person es vor, zögerte dabei aber leicht. Fünf Augenpaare waren nun auf sie gerichtet und als sie sich schließlich durchgerungen hatte und durch die Tür trat, klappte Harry der Mund auf. Das war sie. Dort in der Tür stand sein Engel, dort stand Alice und jetzt, da Harry wieder klarer sah, schaffte er nur eines … er starrte.
„Hey", sagte Alice schüchtern oder vielmehr unsicher. Anhand der Reaktion von Carlisle, bemerkte Harry, dass dieses Verhalten wohl sonst nicht so ihre Art zu sein schien.
„Auch hey", erwiderte Harry. Es war zwar ein blöder Spruch, doch was sollte er sonst sagen und außerdem begann das Eis zu brechen. Schritt für Schritt kam Alice näher und Harry fragte sich, ob es vielleicht an seinem Aussehen, seiner Erscheinung lag, dass das Mädchen so zögerte. Kurz darauf spürte Harry Carlisles Hand auf seiner Schulter und der blonde Vampir drehte seinen Kopf so, dass er ihm direkt in die Augen schauen musste und sagte beruhigend: „Keine Sorge, es liegt nicht an dem, was du vielleicht denkst. Alice hat nur vor kurzem einen Schicksalsschlag erlitten. Nimm es ihr nicht …"
„Carlisle", brauste Alice auf und ihr Vater verstummte. „Ich kann selbst für mich sprechen. Und ich denke, dass meine Geschichte wohl das letzte ist, was Harry wissen will."
„Ja, mein Engel. Du hast natürlich recht. Für unseren jungen Harry ist es wichtiger wieder zu Kräften zu kommen und gesund zu werden." Carlisle schob dabei einen kleinen Beistelltisch näher an Harrys Bett heran und räumte dann das Feld für Esme, die schon wie auf heißen Kohlen saß. Zwei Sekunden später stand vor dem Gryffindor eine Schüssel mit dampfender Suppe. Allerdings hatte Harry ein Problem in den Genuss eben dieser zu kommen. Er schaffte es einfach nicht seinen Arm zu heben. Immer wieder zog sich ein leichter Schmerz durch die Gelenke, geschweige denn davon, dass er die Kraft besaß, den Löffel zu nehmen und zu halten. Und dass um ihn herum auch noch fast völlig fremde Menschen standen, die seiner Hilflosigkeit als Zeugen beiwohnten, machte es für den Gryffindor noch schlimmer.
Verlegen, ja nahezu beschämt schaute Harry nach unten und wusste nicht, ob er weinen oder einfach um Hilfe bitten sollte. Carlisle beobachtete seinen Patienten in seinem inneren Konflikt genau. Sein Blick ging dabei immer wieder zwischen Harry und Alice hin und her und er schalt sich im nächsten Moment, dass ihm dies entfallen war. Wie konnte er Harry dies nur antun? Allerdings hatte der Vampir auch eine kleine Entschuldigung, da seine Gedanken etwas länger bei Alice, bei seinem kleinen Engel, verweilt waren. Irgendwie war in den bis vorhin noch leblosen Augen seiner Tochter plötzlich ein Funkeln aufgetaucht. Nun galt es aber Harry zu helfen und somit bat der blonde Vampir im nächsten Moment alle, außer Emmett, sie allein zu lassen.
Überrascht schaute seine Familie, oder vielmehr die Frauen auf und es war Esme, die protestieren wollte. Das gütig bittende Gesicht ihres Mannes jedoch, ließ diesen Protest auch sehr schnell wieder verschwinden. Schlussendlich allein setzte sich Carlisle aufs Bett und nahm Harry den Löffel aus der schlappen Hand, in welchen Esme ihn gelegt hatte. „Keine Sorge Harry, es bleibt unser kleines Geheimnis", sagte er und fütterte Harry danach regelrecht. Harry kam sich komisch vor und versuchte sich abzulenken indem er die leckere Suppe brav und voller Genuss aß.
Allerdings merkte er dabei sehr rasch, dass nicht nur seine äußere Haut mit dem Feuer gespielt hatte. Schon beim ersten Schluck zog sich ein leichtes Brennen durch seinen Rachen bis hin zur Speiseröhre. Carlisle bedachte ihn mit sorgevollem Gesicht, doch der Gryffindor meinte, dass es halb so schlimm wäre. Da musste er halt durch, wenn er ein Mann werden wollte. Emmett konnte sich auf diese Bemerkung hin aber nicht zurück halten und meinte mit der Augenbraue zuckend: „ Das und noch was anderes …" Carlisle warf seinen Sohn daraufhin einen warnenden Blick zu, weil Harry sich in seiner Verlegenheit verschluckt hatte. Mit entsetzten Augen starrte er den bulligen Vampir an und Emmett grinste.
Zehn Minuten später war die Schüssel dann leer und Harry fragte sich, was nun kam. Die Antwort darauf bewegte sich nur Augenblick später in Form eines Rollstuhls durch den Raum. Emmett hatte ihn in der Zwischenzeit hereingeholt und außerdem sagte er etwas zu Carlisle, dass Harry aber durch die Geschwindigkeit der Worte nicht verstand. „Gib mir eine halbe Stunde", war alles was der Gryffindor aus Carlisles Mund vernahm und dann lächelte der blonde Arzt auch schon.
„Nun Harry, ich denke wir haben noch einiges zu tun, ein, zwei Sachen, die wir heute noch erledigen sollten. Danach kannst du dich ausruhen."
„Sachen?", fragte Harry und beäugte den Rollstuhl, der so rein gar nichts mit denen gemeinsam hatte, mit denen Harry in seiner Kindheit und im Krankenhaus Bekanntschaft gemacht hatte. Gut, es hatte zwei große Räder und zwei kleine. Doch dann sah das Gerät irgendwie modern und wie aus einen futuristischem Film aus. Es schien nicht ein Metallteil verbaut zu sein. Die Speichen waren aus Kunststoff und der Sitz aus Plaste und hatte Löcher und rechts und links Ösen an denen man die seitlichen Stützwände beziehungsweise Lehnen einfach hineinstecken konnte.
„Ja Harry, aber nichts Schlimmes und alles ist dafür da, deine Heilung in Schwung zu bringen. Bevor wir damit anfangen, sage ich es dir noch einmal, Harry. Nichts was hier geschieht verlässt den Raum. Emmett und ich, wir sind deine Vertrauten, wenn du es so willst und nicht mal Esme werde ich was verraten. Es muss dir nichts peinlich sein oder so …"
Schon allein diese Worte jagten dem Gryffindor wieder einen Rotschimmer ins Gesicht. Was kam denn noch alles? Harry hatte diese Frage zwar nicht laut gestellt, doch Carlisle, der über jahrhundertalte Menschenkenntnis verfügte, hatte sie durch Harrys Gesichtsausdruck trotzdem klar und deutlich verstanden. Und um es Harry leichter zu machen, begann er auch mit der leichteren der beiden Sachen. Er half Harry hoch und setzte ihn in den Rollstuhl.
Harry ließ es einfach geschehen, da Carlisle meinte, sie wollten dem Geheimnis der sonderbaren Narbe auf seinem Arm auf den Grund gehen. Allerdings sog der Gryffindor dann leicht die Luft ein, als Carlisle ihm beim Absetzt leicht das OP-Hemd öffnete und so sein blanker Hintern Bekanntschaft mit der kalten Plaste des Rollstuhls machte. Der Vampir grinste nun und legte danach seinem Patienten eine Decke über, damit sich Harry nicht vollkommen nackt vorkam.
Dies dann geschafft und Harry versorgt, ging es zum ersten Mal für Harry aus dem Zimmer, welches sich im oberen Geschoss des Hauses befand. So viel hatte der Gryffindor schon herausgefunden, als er den Blick vorhin durch den Raum und aus den Fenstern hatte streifen lassen. Doch nun sollte er noch mehr von seinem jetzigen Aufenthaltsort erfahren. Die Fahrt ging dabei an mehreren Zimmern vorbei und Harry stellte fest, dass die Farben und die Einrichtung der oberen Etage sehr freundlich waren und keinesfalls vom hiesigen Baumarkt stammten. Alles sah sehr modern und edel aus, wobei Bilder namhafter Maler wohl an der Tagesordnung waren.
Schließlich hatten Carlisle und sein Patient die Treppe erreicht und hier konnte Harry zum ersten Mal sehen, was darunter zu verstehen war, wenn sie in Hogwarts davon sprachen, dass Vampire über unnatürlich große Kraft verfügten. Carlisle machte sich nicht einmal die Mühe, seinen Griff umzusetzen und trug Harry samt Rollstuhl die Treppe runter, als wöge er nichts. Selbst einem Gewichtheber wäre bei dieser Art des Tragens das Handgelenk weggeknickt.
Am Fuße der Treppe schob Carlisle ihn dann in einen Raum, der wohl sonst so etwas wie der Sportraum war. Harry konnte noch die Hantelbank sehen, die man jetzt jedoch mit einem Laken abgedeckt hatte. Und dann fiel sein Blick auf einen Apparat, der nun so gar nicht hierher passte. Alles was Harry sagen konnte war, dass es ein medizinisches Gerät war und es oblag Carlisle dieses zu benennen.
„So Harry, dann wollen wir mal. Keine Angst, es wird nicht wehtun. Alles was ich will, ist deinen Arm noch einmal zu röntgen."
„Röntgen? Carlisle? Du hast einen Röntgenapparat? Zuhause?" Der Vampir grinste. „Ähm na ja, irgendwie schon. Es ist ein Weihnachtsgeschenk von Alice gewesen… Socken waren ihr zu langweilig und da sie mal wieder die Lottozahlen eine Woche vorher gesehen hat …. Na ja …"
Harry schüttelte nur mit dem Kopf und glaubte fest daran, dass der blonde Vampir sich einen Scherz erlaubte. Dem war aber nicht so und kurz drauf hatte Carlisle Harrys Arm auch schon auf dem Gerät platziert und einige Bleidecken über dem Rest von Harrys Körper verteilt. Fünf Minuten später war es dann geschafft und während Carlisle noch schnell die Bilder entwickelte, fragte er sich, was wohl als nächstes kam. Ein MRT vielleicht? Glücklicherweise war der medizinische Teil aber fertig und Carlisle schob Harry weiter ins nächste Zimmer. „Die Aufnahmen besprechen wir nachher Harry", sagte er noch und dann wurde der Gryffindor von Emmett in Empfang genommen.
Der Raum, in den er nun geschoben wurde, diesen konnte Harry nur mit einem anderen Raum der Welt vergleichen – dem Bad der Vertrauensschüler in Hogwarts. Ein riesiges Becken erwartete ihn, eingelassen in weißen Marmor und mit goldenen Armaturen versehen. Harry schaute sich voller Staunen im Raum um. Sein Blick ging von der im Boden eingelassenen Wanne zu den beiden Duschen, bis hin zum Doppelwaschtisch. Hängen blieb er dann aber an etwas, das so gar nicht in den Raum passte. Es handelte sich hierbei um ein weißes Nylonseil, welches an einer Art beweglichen Dreharm hing und den Anschein eines Galgens machte. Mit einem Mal kamen Harry Emmetts Worte über das Hängen oder was auch immer er in seinem Dämmerzustand gehört hatte, wieder in den Sinn. Die beiden Vampire hatten doch übers Aufhängen gesprochen und dass der Strick ihn, Harry, tragen müsste.
Harrys Blick ging zu Emmett und der bullige Vampir grinste. „Siehst du Harry, nichts mit aufhängen. Alles nur für dein Bestes. Obwohl … wenn ich daran denke, was jetzt kommt. Na ja … ich weiß nicht ob …"
„Emmett", erklang Carlisles Stimme, „mach ihm keine Angst. So schlimm wird es nun auch nicht." Harry schaute den blonden Arzt jetzt eher skeptisch an und fragte, was dieser meinte. Carlisle lächelte jedoch nur leicht und meinte, dass er dies gleich sehen würde. Und mit einem eher mulmigen Gefühl schaute er dem blonden Vampir zu, wie dieser ein elektronisches Thermometer in die Wanne, welche mit klarem Wasser gefüllt war, hielt. „17,5°C, genau richtig", kommentierte der Blonde die Digitalanzeige und erkundigte sich dann bei seinem Sohn nach der Wassermenge.
„Es sind genau 1350 Liter, Dad", kam es aus Emmetts Mund und nun war es an Harry auch mal was zu sagen. „Und das ist wichtig, Carlisle?", fragte er, worauf der Vampir ihm direkt in die Augen sah. „Ja Harry, das ist es. Ich habe ganz genau Anweisungen bekommen und dass ich die Werte ohne Ausnahme einhalten soll."
„Anweisungen?", erwiderte Harry überrascht, da er geglaubt hatte, dass der Arzt wüsste, was er tat. Carlisle machte bisher nicht den Anschein, als bräuchte er noch jemanden, der ihm sagte, wie er etwas zu tun hatte. Doch Carlisle nickte nur und holte dann aus einem Schrank eine große braune Apothekerflasche, eine solche, wie sie Harry auch aus Hogwarts kannte.
„Ja Harry, sie kamen zusammen mit dem hier und glaub' mir, die Art, wie sie in meine Hände gelangt ist, werde ich wohl niemals wieder vergessen. Kannst du dir das vorstellen, Harry? Die Flasche wurde von einer Eule geliefert. Einem riesigen Waldkauz. Allerdings habe ich noch nie ein Tier gesehen, welches so hin und her gerissen war, zwischen dem Ausliefern und der Flucht vor mir."
Im nächsten Moment hörte Harry Emmett kichern und als er sich umdrehte, meinte Carlisles Sohn: „Also, ihr müsst den Tieren einen wirklich mächtigen Gehorsamszauber auferlegt haben, Harry. Selbst ich als kleines Unsensibelchen habe die Panik des Vogels gespürt, als er sich unserem Haus genähert hat. Du solltest wissen, dass es eigentlich kein Tier gibt, das größer als eine Maus ist, welches noch in die Nähe unseres Hauses kommt. Keine Ahnung, wieso das so ist …",Emmett grinste nun breit, „na jedenfalls, kaum dass der Kauz sein Paket abgeliefert hat, durchbrach er auch schon die Schallmauer."
Harry schüttelte nur mit dem Kopf und sein Blick ging zurück zur ominösen Flasche, aus welcher Carlisle gerade mit einem Messbecher eine ganz bestimmte Menge ekelhaft grünlich schimmernde Flüssigkeit abfüllte. Was konnte das nur für Zeug sein und wo kam es her?
Flashback
Albus Dumbledore stand mit seinem langen Bart zwischen den Fingern und der halbmondförmigen Brille auf der Nase hinter seinem Schreibtisch und schaute aus dem Fenster. Mit gemischten Gefühlen betrachtete er die Prozession, welche gerade über die Ländereien von Hogwarts schritt. Es war ein Trauermarsch und er gehörte zu etwas, wogegen sich der alte Zauberer vehement gewehrt hatte. Man trug Harry Potter zu Grabe.
„Albus, ich verstehe dich nicht", erklang die Stimme seiner alten Freundin und Kollegin Minerva McGonagall. „Genau mit so etwas gibst du ihnen doch wieder Angriffsfläche. Hast du nur gelesen, was diese Schmierfinken vom Propheten geschrieben haben?" Dabei deutete sie auf die heutige Ausgabe der meistgelesenen Zeitung der Zauberwelt, die auf dem riesigen Schreibtisch des Direktors ausgebreiten lag und las den Artikel mit verächtlich verzogenen Lippen noch einmal durch.
Mentor lässt den Auserwählten fallen
Ja meine lieben Leser, Sie haben richtig verstanden. Auch wenn wir hier beim Propheten nicht die geringste Ahnung haben wieso, weigert sich der amtierende Direktor von Hogwarts, Albus Dumbledore, von dem wir alle immer glaubten, dass Harry Potter in seinem Herzen einen besonderen Platz einnahm, dem Junge-der-lebte die letzte Ehre zu erweisen. Nicht einmal mit der Tatsache, dass man Harry Potter auf den Ländereien von Hogwarts beisetzt, ließ sich das Herz des bisher als magisches Idol angesehen Zauberers erweichen. „Man sollte doch wenigstens warten, bis Harry im Sarg läge" oder aber „Cornelius, ihr könnt es gar nicht abwarten, ihn zu beerdigen", waren nur einige der Sätze mit denen sich Dumbledore versuchte heraus zu reden, auf die Frage hin, warum er nicht an der Trauerfeier teilnahm. Ich persönlich finde …
Weiter kam Professor McGonagall nicht. Ihr Lesen wurde abrupt unterbrochen von einem lauten Knall und durch ein Beben im Innersten des Schlosses. Es war eine Explosion und alarmiert schauten sich Minerva und der Direktor an. „Was war das?", fragte die alte Hexe und nach kurzem Überlegen erwiderte Albus: „Das kam von unten aus den Kerkern. Oh Merlin … Severus!" Mit raschen Schritten machten sich beide auf den Weg hinunter ins Reich der Slytherins.
Der Anblick, welcher sich den beiden Professoren dann jedoch bot, war verheerend. Immer noch qualmte es aus den Gemächern des Professors für Zaubertränke oder besser gesagt aus den Räumen, die Severus für seine privaten Forschungen nutzte. Vorsichtig betrat Albus den Raum und musste dabei über die Reste der einstmals massiven Eichentür klettern. „Severus?", fragte der alte Zauberer in den Raum hinein und er befürchtete das Schlimmste. Allerdings fand er Snape fast völlig unverletzt an eine Wand gelehnt vor. Sein Gesicht jedoch war nicht das, was man sonst von ihm kannte. Severus Snape grinste nämlich. Er grinste die beiden an und sein Blick schien entrückt.
Erst als Albus und Minerva näher kamen, bemerkten sie den Grund für das Verhalten ihres Kollegen, nämlich die Flasche Feuerwhisky in Snapes Hand. „Hähähä alter Mann, du hast versagt … wir haben versagt… ich habe versagt …"
„Oh bei Merlin, Severus, was ist nur geschehen?"
„Potter ist geschehen, alter Mann", fauchte Snape. „Er hat es geschafft, endlich geschafft sich töten zu lassen. Und das nicht mal vom dunklen Lord… hä hä hä"
Professor McGonagall sog scharf die Luft ein. So hatte ihr Kollege noch nie mit Albus geredet. Der Direktor allerdings bedachte den Meister der Tränke mit einem eher mitleidigen Blick und Minerva glaubte dann so etwas wie Schuld in den blauen Augen zu sehen.
„Oh Severus, bitte reiß dich zusammen", versuchte Albus dann zu ihm durchzudringen. Snape hob jedoch nur die Flasche und nahm einen weiteren Schluck. „Auf Lily … meine Lily und aufs Versagen." Und dann geschah etwas, dass wohl keiner der beiden alten Magier jemals gesehen hatte. Severus Snape rollte eine Träne übers Gesicht und dann noch eine. Er begann regelrecht zu weinen und während er immer wieder aus der Flasche trank, nicht mehr voll wahrnehmend, wer bei ihm war, schluchzte er und offenbarte, welche Gefühle sich in den letzten Jahren aufgebaut hatten. Minerva hörte zum ersten Male davon, wie ihr früherer Schüler in Harrys Mutter verliebt gewesen war und sie bis heute liebte. Minerva hörte, wie Severus Lilys Tod bedauerte und dass er geschworen hatte Harrys Leben zu schützen.
Schließlich meinte Dumbledore, dass es immer einen Silberstreifen am Horizont gab und bat seine Kollegin Stillschweigen darüber zu bewahren, was sie hier erlebt hatte. Albus wusste, wie sehr es Snape ans Herz ging, was in den letzten Jahren passiert war, hinzu kam noch seine Tätigkeit als Spion. Wenn der Herr der Tränke dann auch noch am nächsten Morgen erfahren würde, was er alles soeben an die alte Hexe weitergegeben hatte, nun dann war sich Albus sicher, Gryffindor würde es niemals wieder über hundert Hauspunkte schaffen. Kaum war Minerva weg, wandte sich der Direktor nochmal an Severus, meinte, wenn auch mehr zu sich selbst, dass dieser schnell wieder klar werden müsste und legte danach einen kleinen Umschlag auf den Tisch neben Snape. Das letzte, was er dann noch machte, war, die nun leere Flasche aus Snapes Hand zu nehmen und ihm dann eine Decke über zu legen.
„Oh Albus, all die Trauer. Hast du Mr. Weasley gesehen? Harry war sein bester Freund. Oder Molly? Ich dachte, sie bricht zusammen."
Minerva schaute ihren alten Freund an und erwartete, dass dieser etwas erwiderte. Dumbledore reagierte jedoch nicht, sondern blätterte nur im Tagespropheten, so als würde er etwas Besonderes suchen. Dann aber ruckte sein Kopf hoch und er blickte zur Tür. Auch Minerva drehte sich um und das nächste, was sie sah, war die schwarze Robe von Severus Snape, der ins Büro des Direktors gestürmt kam und eine Phiole mit einem Stückchen irgendwas Schwarzem in der Hand hielt.
„Du bist zu weit gegangen alter Mann", fauchte Snape. „Niemand spielt mit mir und meinen Gefühlen."
Minerva sprang auf und begann Albus zu verteidigen. „Vergreif dich nicht im Ton, Severus Snape. Wie kannst du es wagen?" Snape jedoch hob nur die Hand und brachte damit die alte Hexe zum Schweigen. Dann schaute er zwischen ihr und dem alten Zauberer hinter seinem Schreibtisch hin und her und die Erkenntnis traf ihn. „Sie weiß es nicht oder, Dumbledore? Sie hat keine Ahnung, richtig?"
Der Direktor machte ein ertapptes Gesicht und atmete geschlagen durch. „Nein Severus, sie weiß es nicht, noch nicht. Es ist noch zu früh. Allerdings wollte ich es dir sagen. Doch nach deinem kleinen Zusammenbruch gestern, hatte ich noch keine Möglichkeit, mein Junge. Jetzt sag mir aber, wie du es heraus …"
„ … herausgefunden hab. Albus, du unterschätzt mich, alter Mann. Ich bin ein Meister meines Faches und als ich den Brief mit der Bitte um einen Heiltrank gefunden habe, war mein erster Schritt heraus zu finden, was die Verbrennung der Haut verursacht hat. Kerosin? Kein Zauberer verwendet Kerosin. Aber Muggel verwenden es als Treibstoff für ihre Flugmaschinen. Dachtest du, ich könnte nicht eins und eins zusammenrechnen?"
„Natürlich nicht, Severus. Ich habe dich nicht unterschätzt, nur nicht damit gerechnet, dass du gleich an die Arbeit gehst, sondern wir uns noch vorher einmal treffen, damit wir die nächsten Schritte planen können. Eile ist geboten …"
„Schritte? Eile? Albus, was ist hier los?", meldete sich nun eine mehr als nur verwirrte Professor McGonagall zu Wort und sie schaute ihren alten Freund an. Die Antwort kam allerdings von Snape und sie riss die alte Hexe fast von den Beinen. „Es bedeutet Minerva, dass Potter noch lebt."
„Was?", entfuhr es der Vorsteherin von Gryffindor und sie fasste sich an die Brust. Bevor sie aber weiteres sagen konnte, bestätigte der Direktor Severus Aussage und meinte, er würde ihr gleich alles erklären. _Zuerst müsse man sich aber um Harrys Genesung kümmern und er wandte sich wieder an Professor Snape. Dieser schien schon im Kopf alle Möglichkeiten abzuwägen und versprach, sich um eine Lösung zu kümmern. Allerdings rümpfte er etwas die Nase, als Albus meinte, dass es aber eine Methode sein müsste, die auch Muggel praktizieren können, denn vorerst würde keiner erfahren, wo Harry sich aufhielt.
Flashback Ende
„Na dann wollen wir mal, Harry", sagte Carlisle und holte dann eine Stoppuhr aus seinem Arztkittel. „Der Zeitrahmen, welcher mit dem Zeug hier kam, ist wirklich sehr eng." Der blonde Vampir aktivierte die Uhr und gab dann das grüne Zeug ins Badewasser, welches daraufhin anfing zu sprudeln und zu blubbern.
Harry starrte auf die Wanne und fragte sich, ob das Carlisles Ernst war. Nie und nimmer würde er in diese kochende Brühe gehen. Dass sie immer heißer wurde sah man auch am Digitalthermometer, welches Emmett auf den Tisch neben der Wanne gelegt hatte. „Nein, da geh ich nicht rein", flüsterte Harry, wurde dann aber abgelenkt, da Emmett blitzschnell hinter ihm aufgetaucht war. „Und ob Little Wizard." Mit diesen Worten zog er das Handtuch von Harrys Schoss und befestigte dann mit mehreren Karabinerhaken die Seile vom Flaschenzug am Rollstuhl.
Harry sah die ganze Sache mit schockiertem Gesicht und überlegte dann, wie er da wieder rauskam. Abhauen konnte er nicht. Nein, dafür taten ihm seinen Beine und Arme noch zu weh. Und dass er außerdem noch viel zu schlapp war, kam erschwerend dazu. Vielleicht half ja bitten und flehen. Allerdings konnte er sich im nächsten Moment nicht mehr auf seine Flucht konzentrieren, da Emmett etwas tat, was Harry nun gar nicht mehr verstand und was ihm die Röte ins Gesicht schießen ließ. Der bullige Vampir zog sich nämlich plötzlich und vor Harrys Augen vollkommen nackt aus. Harry, vom Adonis gleichem Auftreten des Vampirs überrumpelt, kam nicht umher den makellosen Körper anzustarren. Erschwerend kam hinzu, dass Emmett es offenbar genoss den Gryffindor zu triezen, indem er meinte, dass dies erst der Anfang sei und sie sich gleich noch viel näher kommen würden.
Das war dann der Punkt wo Carlisle einschritt und seinen Sohn ermahnte, es für Harry nicht noch schwieriger zu machen. Daraufhin erklärte er Harry, dass der Heiltrank in seiner jetzigen Konzentration wohl Emmetts Badesachen zersetzen würde. Der Gryffindor hatte unterdessen eine Veränderung seines Aussehens vorgenommen und die blasse Röte seiner Gesichtshaut in ein leuchtendes Magenta verwandelt. Schließlich ging es dann ganz schnell und Harry spürte, wie Emmett hinter ihm am Flaschenzug zog und er in die Luft gehoben wurde. Dann glitt er durch die Luft und schwebte über der Wanne mit der ekelhaft blubbernden Flüssigkeit. „Na los Emmett, sonst wird das Wasser wieder zu kalt."
„Klatsch!" Ohne Vorwarnung sauste Harry nach unten und wurde vom nach Fichtennadeln duftenden Wasser umspült. Er schluckte es sogar und panisch versuchte er die Orientierung wieder zu erlangen. Doch da umschlangen ihn auch schon zwei kräftige Arme und Emmetts Stimme versuchte ihn zu beruhigen. „Alles okay Harry, du hast es geschafft", sagte der bullige Vampir und Harry schaute ihn immer noch schockiert in seine goldenen Augen. Noch bevor er schreien und fragen konnte, ob Emmett den Verstand verloren hatte, meint dieser, dass es manchmal besser war, wenn es kurz und schmerzlos von statten ging.
Was Harry dann aber noch mehr schockierte, als diese Aussage, war die Tatsache, dass der blonde Vampir Recht hatte. Ja, es hatte kurz gebrannt, als er ins Wasser getaucht war, aber nun, nun fühlte sich das Bad mehr als nur angenehm an. Es prickelte etwas auf der Haut und an manchen Stellen, an denen, wo das Fleisch am meisten angegriffen worden war, brannte es vielleicht noch etwas länger. Aber im Großen und Ganzen fühlte es sich gut an.
Dies schien auch Carlisle in Harrys Gesicht lesen zu können und die Miene des Vampirs entspannte sich. „Du musste jetzt etwa eine halbe Stunde im Wasser bleiben, Harry. Emmett wird dir dabei helfen, dich zu waschen."
„Was?", entfuhr es dem Gryffindor überrascht. Doch im Nachhinein wurde ihm klar, dass er nicht mal den Waschlappen halten könnte und etwas breitete sich in Harry aus, was man eindeutig als Hilflosigkeit und Scham bezeichnen konnte. So schlimm hatte es den Gryffindor noch nie erwischt. Nicht einmal als Lockhart ihm seinen ganzen Arm knochenfrei gemacht hatte, hatte sich Harry so unselbständig gefühlt. Beschämt senkte der Junge seinen Blick.
„Ach komm schon Harry. Ich mach`s auch ganz vorsichtig. Es sei denn, es stört dich, dass ich ein Mann bin. Vielleicht sollten wir Alice oder Esme fragen, ob sie das Waschen übernehmen könnten. Eine weibliche Hand hat mit Sicherheit mehr Feingefühl und vielleicht auch heilende Kräfte."
Das Gesicht, oder vielmehr der leuchtend rote Ball auf Harrys Hals, gab Emmett dann eine eindeutige Antwort und mit einem Grinsen nahm er vom Wannenrand einen weichen Schwamm, trat sachte hinter den im Wasser und auf dem Stuhl hockenden Jungen und begann die Überbleibsel der Verbrennungen und Heilsalben aus dem Krankenhaus wegzuwaschen. Harry brauchte zwar noch einige Augenblicke, doch dann entspannte er sich merklich und begann sogar das warme Wasser zu genießen. Es war eindeutig ein magischer Trank, der hier im Wasser wirkte, denn seine Muskeln entspannten sich und er spürte sogar wie so etwas wie Kraft in seine Gliedmaßen zurückkehrte. Allerdings überwog die Entspannung und dann hörte er nur noch wie Carlisle meinte, er würde sie beide jetzt erst einmal allein lassen und dann fielen Harry die Augen zu.
