Kapitel 9
Harry schreckte hoch. Es war wie beim Sekundenschlaf und der Gryffindor rechnete jeden Moment damit, dass er sich am ekelhaft grünen Badewasser verschluckte. Doch da war nichts, kein magisches, prickelndes Nass, kein Emmett, der ihn wusch und versuchte mit kleinen Spitzen den Rotton in Harrys Gesicht aufrecht zu erhalten, sondern nur wollige Wärme und der Duft von frischem Kaffee, Eiern und Speck.
Verwundert rieb Harry sich die Augen und war erstaunt, dass er seine Arme um einiges leichter als gestern noch bewegen konnte. Sein Blick fiel dabei auf Esme, die ihn mütterlich anlächelte und ein Tablett mit eben jenen Leckereien, die Harrys Nase aufgeschnappt hatten, an sein Bett trug.
„Morgen Schlafmütze", begrüßte die blonde Herrin des Hauses ihren Gast und Harry nickte lächelnd zurück, dann setzte er seine Brille auf und schaute sich um. „Bin ich wirklich in der Wanne weg getreten?", fragte er, während sein Blick über sein Bett und den blauen Pyjama glitt.
„Ja mein Lieber. Emmett hat dich gerade noch vorm Untertauchen bewahrt und dann ins Bett gebracht. Es war wohl ein wenig viel für dich gestern, Harry. Carlisle meinte jedoch, dass dies normal ist und du erstaunlicherweise schon weiter bist als manch anderer seiner Patienten." Damit schob sie den Tisch ans Bett heran und fragte danach, was Harry denn als Erstes haben möchte.
„Das Messer bitte. Dann könnte ich es selbst versuchen", erwiderte der Gryffindor, denn wenn er seinen Arm schon bewegen konnte, wollte er sich sein Brötchen auch selber schmieren. Esme schmunzelte und schob ihm das Besteck rüber. Harry nahm es und auch wenn es noch etwas unbeholfen aussah, aß der Gryffindor doch fast selbstständig. Einzig beim Tee half ihm die blonde Frau noch etwas und danach war es dann Zeit für Carlisles Visite.
„Morgen Harry", begrüßte ihn der blonde Vampir, küsste Esme im Vorbeigehen und untersuchte dann rasch die ziemlich gut heilenden Wunden an Harrys Brust und Rücken. Beim rechten Arm dann angekommen, unterbrach der Arzt seine Untersuchung jedoch und nahm drei für Harry komisch aussehende dunkelblaue Folien aus einem Umschlag. Er hielt sie gegen das Licht und Harry konnte schemenhaft die Knochen seines Unterarmes erkennen. Nicht nur das, sondern auch den dunklen Strich, der sich wie eine Schlange um die Unterarmknochen wand.
„Was ist das Carlisle?", fragte Harry sichtlich besorgt und schaute erwartend in die goldenen Augen des Vampirs.
„Ich hab keine Ahnung Harry, eine Idee ja, aber diese scheint mir verrückter als die eigentliche Existenz der Narbe. Und diese würde mit sich bringen, dass die Narbe zwar noch verheilen, aber nie ganz weggehen wird", erwiderte Carlisle und schaute nachdenklich auf die Röntgenaufnahmen.
„Sie wird bleiben?", fragte Harry nachdenklich und versuchte sich vorzustellen, wie sein Arm wohl später damit aussehen würde. Andererseits, so dachte Harry im nächsten Moment, sollte ihn das am wenigsten sorgen. Nein, vielmehr sollte der Gryffindor glücklich sein, noch zu leben. Und diese Narbe konnte man wenigstens mit einem langen Pulli verstecken. Carlisle schien Harrys Gedanken nachvollziehen zu können und nickte bestätigend. „Ja, das wird sie Harry und zwar weil es kein gewöhnlicher Schnitt ist. Vielmehr scheint es mir so, als rührt das Narbengewebe vom Knochen her. Es ist so, als habe sich etwas um die Knochen gelegt, wie eine …", Carlisle zögerte nun etwas, so als würde er die richtigen Worte suchen, „… Na ja Harry, ich weiß nicht inwiefern du dich als Zauberlehrling mit unserer nichtmagischen Technologie auskennst. Aber es sieht aus, wie eine dicke Schweißnaht, die ein Schlosser auf ein Stück Metall gelegt hat."
„Eine was?", fragte Harry mit einer Mischung aus Überraschung und Entsetzen und strich sich dann über den Unterarm, um das dass der Vampir ihm gerade versuchte zu vermitteln, zu spüren.
„Eine Schweißnaht Harry. Doch es ist kein Metall, was sich vielleicht vom Flugzeug gelöst hat und durch das Fleisch gedrungen ist. Nein, vielmehr ist es eine Verhärtung von Knorpel oder Knochenmasse. Also kein Fremdkörper …"
Die Worte waren nicht wirklich beruhigend und immer noch versuchte Harry etwas zu fühlen, dann sah er aber wieder auf und fragt Carlisle: „Und was ist jetzt deine Vermutung? Du sagtest, es sei dir eine verrückte Idee gekommen."
Carlisle lächelte und reichte seinem Patienten eine der Röntgenaufnahmen. „Hier Harry, was genau siehst du?" Der Gryffindor ergriff die Folie und hielt sie gegen das Licht. „Ähm na ja, es sieht aus wie eine Schlange, eine ziemlich dünne Schlange, die sich um meinem Arm windet." Harry erschrak etwas, da ihm plötzlich das dunkle Mal in den Sinn kam. Das durfte jedoch nicht sein und so versuchte er sich zu konzentrieren und ging ganz nah heran. Aber so wirklich mehr erkennen konnte er allerdings nicht.
„Nun Harry", erklang Carlisles Stimme, „eine Schlange ist es nicht. Allerdings funktionieren die Augen eines Vampirs, eines geborenen Jägers, um einiges besser als die eines Menschen. Daher konnte ich mit Hilfe meiner Augen doch so etwas wie eine Struktur ausmachen. Etwas, das wohl allenfalls unter einem Mikroskop sichtbar wird. Es handelt sich dabei nicht nur um eine, sondern um zwei unterschiedliche Muster, welche sich auf der Narbe abzeichnen. Und hier kommt das Verrückte. Denn was ich dort sehe, die beiden Muster machen für mich eine Mischung aus einer Holzmaserung und dem filigranen Gebilde einer Feder."
„Wie bitte? Holz? Feder? Aber woher?"
Bevor Harry sich diese Frage aber selbst beantworten konnte, hatte Carlisle in die Tasche seines Arztkittels gegriffen und etwas hervor geholte. Es war ein Stückchen verkohltes Holz an dem schlaff ein Rest eines roten Fadens herunter hing. „Ich denke Harry, dass beide Muster Überbleibsel von dem hier sind."
„Mein Zauberstab", entfuhr es dem Gryffindor schockiert, nachdem ihm klar geworden war, was der Vampir dort in seiner Hand hielt.
„Genau Harry. Du hast den Stummel regelrecht umklammert, als hänge dein Leben davon ab, als dich die Sanitäter in die Notaufnahme brachten. Nach einem Gespräch mit einem alten Freund weiß ich, dass es für einen Zauberer so etwas wie ein …" Carlisle brach ab, denn mit dem Folgendem hatte er nicht gerechnet. Harry begann zu zittern und dann brachen alle Dämme. Tränen flossen über das Gesicht des Jungen und Harry griff nach dem Rest seines Zauberstabes. Es war so, als würde er einen Freund, nein seinen besten Freund, tot im Arm halten.
Woher sollte Carlisle auch wissen, was es mit dem Zwillingszauberstab von Voldemort auf sich hatte und was der Gryffindor mit ihm schon erlebt hatte? Behutsam legte er seinen Arm um Harry und versuchte ihn zu trösten. „Ich weiß Harry, es ist ein Verlust. Doch dann wiederum ist es nur ein Gegenstand und kein Leben, das zerstört wurde. Ich verspreche dir, noch bevor du wieder nach England zurück gehst, hast du einen neuen Zauberstab. Ein Freund von mir hat schon alles in die Wege geleitet, damit du einen neuen Zauberstab bekommst. Ebenso wie deinen Pass und ein paar andere Dinge, die du beim Absturz verloren hast."
Harry schaute auf und fragte hoffnungsvoll: „Wirklich?" Carlisle nickte und lächelte ihn aufmunternd an: „Ja Harry, Ernest hat versprochen sich diskret darum zu kümmern und glaube mir, er ist in seiner Position wohl der beste Mann dafür."
Flashback
„Sorry, Dr. Cullen", rief Kyle Winters. Er war der Sohn des Besitzers des Diners in Forks. „Ich hab ja versucht, dass sich die Schlipsträger einigermaßen ordentlich hinstellen, doch sie zeigen nur auf ihre Marke und parken dann so dass sie drei Parkplätze mit einem Male belegen. Manchmal frage ich mich, ob ein Smart nicht der bessere Dienstwagen für das FBI wäre."
„Schon gut, Kyle. Ich kann ja ruhig ein paar Schritte laufen. Wie geht es der kleinen Maggie?", erwiderte Carlisle als er seinen Mercedes etwas weiter entfernt vom Diner geparkt hatte und an dem blonden Jungen vorbei zu seinem Treffen mit Ernest ging.
„Oh, ihr geht's gut, Doc. Sie isst schon wieder und hat nur ein wenig Schiss vor dem Fäden ziehen nächste Woche", antwortete Kyle und machte sich wieder daran die Rosen ums Diner herum zu schneiden.
„Na dann bestell deiner kleinen Schwester schöne Grüße und sag ihr, dass ich ganz vorsichtig sein werde. Sie braucht also wirklich keine Angst haben und von der Blinddarmnarbe wird man kaum noch was sehen, wenn sie mal groß ist." Damit betrat Carlisle das Diner und wurde auch gleich darauf von mehreren Beamten gemustert. Zwei wollten sogar aufstehen, da es so aussah, als würde ein offizielles FBI Treffen hier stattfinden. Doch da winkte Bellas Dad Charlie ihn auch schon heran und der blonde Vampir ging ohne Zeit zu verlieren in Richtung der hinteren Tische, wo Charlie saß und sich mit einem Mann im dunklen Anzug und leicht angegrautem Haar unterhielt.
„Guten Tag die Herren", begrüßte Carlisle schließlich die beiden und wandte sich zuerst an den Polizeichief: „Charlie, alles klar bei dir? Du siehst müde aus." Bellas Dad winkte nur ab. „Es geht schon und der Stress lässt ja, Gott sei Dank, langsam nach."
Dann aber galt das Interesse des Vampirs Charlies Gegenüber und der blonde Arzt lächelte schelmisch: „Na Ernest, immer noch süchtig nach Koffein?" Verwundert schaute Bellas Dad Carlisle an: „Ihr kennt euch?" Beide nickten, bevor der Zauberer sich erhob und beide Männer sich herzlich umarmten. „Lange nicht gesehen, Doc", sagte Ernest und bot Carlisle einen Platz an. Dieser setzte sich und bekam dann auch gleich die Frage gestellt, woher Carlisle und Charlie sich kannten. Das Antworten übernahm hierbei der Polizeichef und Charlie meinte: „Nun Forks ist eine kleine Stadt. Hier kennt jeder jeden." Er bemerkte dabei nicht, wie Ernest die Augenbraue hoch zog. „Des Weiteren sind wir ja auch irgendwie eine Familie, Subdirektor Fullert. Meine Tochter Bella hat Dr. Cullens Sohn Edward vor kurzem geheiratet."
„Wirklich?", entfuhr es Ernest und er starrte Carlisle mit großen Augen an. Konnte das Leben noch verrückter sein? Ein Vampir und ein Muggel, verheiratet? Das war dann der Punkt, an dem der blonde Arzt das Wort ergriff und sich an Charlie wandte: „Ich soll dich übrigens grüßen, Charlie. Bellas geht's gut und beide genießen ihre Flitterwochen. Bella meint sogar, du wirst sie gar nicht wieder erkennen, wenn sie zurück sind." Bevor Ernest jedoch die falschen Schlüsse ziehen konnte, setzte Carlisle hinzu: „Sie sagt, sie hat in den letzten Tagen mehr Farbe bekommen, als in ihren ganzen Sommern in Phönix."
Charlie musste nun lachen, denn er kannte seine Bella und wusste, dass sie seit Jahren versuchte Pigmente zu erhaschen und es trotzdem allenfalls auf einen Sonnenbrand brachte. Kurz darauf jedoch klingelte Charlies Handy und er musste los. Ein VKU, soweit hatte es Carlisle verstanden. Da sie im Krankenhaus auch oft mit solchen Abkürzungen zu tun hatten, hoffte der Vampir, dass es sich nur um einen Blechschaden handelte und er nicht gleich in die Notaufnahme gerufen wurde.
Hoffend schaute er Charlie hinterher und bemerkte dabei einen jungen FBI Beamten im dunklen Anzug und mit wachsamem Blick, der sich langsam in Richtung ihres Tisches bewegte. Seine Aufmerksamkeit war für jeden anderen unauffällig gänzlich auf Carlisle gerichtet und die Hand in der Anzugsjacke kam er immer näher. Ein ungutes Gefühl breitete sich in Carlisles Bauch aus und seine Sinne schalteten auf Alarm.
Dies allerdings entging Ernest nicht und er drehte sich um. Sein Blick traf den des jungen Mannes und als dieser sich zu ihm hin beugte und leise sagte, „Sir, Sie sollten aufpassen. Mit ihrem Gast stimmt etwas nicht. Ich glaube, er ist ein Vampir", da begann der Subdirektor plötzlich zu lachen und erwiderte nur für Carlisle und den jungen Agenten hörbar: „Ich weiß Alex. Doch er ist ein ganz zahmer und steht nicht auf unser Blut."
Daraufhin wurde Carlisle angestarrt, als hätte er zwei Köpfe und Ernest ebenso. Letzterer wandte sich daraufhin nochmals an seinen jungen Schützling, bei dem Carlisle klar wurde, dass dieser wohl auch ein Zauberer war, und meinte: „Aber danke für deine Aufmerksamkeit Alex und wenn du so nett sein könntest, ich würde mich jetzt gern mit meinem alten Freund unterhalten." Der junge Agent nickte und sah dies als einen Befehl. Jedenfalls drehte er sich sofort um und sorgte dafür, dass sich mehrere andere Agenten, die bis jetzt in der Nähe der zwei saßen und ihren Kaffee genossen, mit Dingen beschäftigen mussten, die außerhalb des Diners zu finden waren.
„Na dann, Carlisle, dein Anruf hat mich neugierig gemacht", begann Ernest und Carlisle schaute sich noch einmal prüfend im Diner um.
„Ich weiß, alter Freund. Irgendwie scheint man seiner Vergangenheit und deiner Welt nicht entkommen zu können, deshalb wollte ich nun etwas mehr über die Welt der Zauberer und Hexen wissen."
Der Subdirektor lächelte und erwiderte: „Und da fragst du als erstes nach Voldemort? Hast du eine Ahnung, was für einen Schreck du mir eingejagt hast? Ich dachte, er hat dich kontaktiert oder vielleicht rekrutiert. Denn jeder andere Mensch, der von der magischen Welt erfährt, fragt im Normalfall als allererstes nach dem berühmtesten Zauberer, nach Merlin oder bei uns in den Staaten, ob David Copperfield wirklich ein Zauberer ist."
Hier musste nun Carlisle schmunzeln, aber hinter seinem Lächeln verbarg sich auch Erwartung und die Hoffnung an den richtigen Mann gekommen zu sein. Schließlich lag in seinen Händen und auf seinen Schultern die Sicherheit und Verantwortung gegenüber Harry. Der Vampir schien sich in seinem alten Freund nicht getäuscht zu haben, denn Ernest griff wenige Augenblicke später nach seiner Aktentasche und holte einen dunkelbraunen Hefter hervor. „Hier Carlisle, zum Nachlesen", sagte er erst mit einem Lächeln, bevor er dann aber etwas ernster wurde und hinzufügte: „Aber keine Kopien machen oder herumliegen lassen. Es sind geheime Informationen, die nicht in die Welt der Muggel, ich meine damit in die Hände der nichtmagischen, völlig ahnungslosen Menschen, gelangen darf."
Carlisle nickte verstehend und begann im Ordner zu blättern. Ernest begann nebenbei zu erzählen: „Also Carlisle, du hast nach Voldemort gefragt. Ich muss sagen, dass mir schon der Klang des Namens eine Gänsehaut beschert. Es ist zwar nicht so wie bei den Briten, die sich nicht mal trauen den Namen auszusprechen, doch Voldemort ist ein wirklich dunkles und keineswegs abgeschlossenes Kapitel unserer Geschichte. Vielleicht sollte ich etwas weiter ausholen…"
Carlisle schaute nun von den vor ihm liegenden Notizen auf und bedachte seinen alten Freund mit einem erwartungsvollen Blick.
„Nun Carlisle, Voldemort ist ein Zauberer, der wohl die schlimmste Alpträume in einem Menschen wecken kann. Keiner in der Geschichte der Magie war so mächtig, so gierig und grausam wie er. Ein Genie, ein teuflisches Genie, wenn du mich fragst, dass seine Ziele eiskalt verfolgt. Unterstützt wird er dabei von seinen Anhängern, welche sich selbst Todesser nennen und ihrem Herrn teilweise bis zum Tode treu ergeben sind. Getrieben dabei sind sie von unterschiedlichen Motiven, aber meist sind es Machtgier oder Angst. Denn wer einmal in Voldemorts Kreise ist, hat keine andere Wahl. Es gibt kein Kündigungsrecht und der dunkle Lord, wie sie ihn nennen, verzeiht nicht."
„Aber es ist nur ein Mann, ein Mensch. Warum haben sich bis jetzt keine Offiziellen zusammengeschlossen und ihn bekämpft? Haben denn alle Angst vor ihm?"
„Oh, natürlich gab und gibt es solche Leute, Carlisle. Doch du musst verstehen, dass das Gefährlichste an Voldemort nicht nur sein Wissen um die dunkle Magie und sein magisches Potential ist, sondern sein Handeln im Verborgenen. Er liebt es Intrigen zu spinnen, Menschen für sich auszunutzen und seine Leute an den richtigen Punkten zu platzieren. Das machte ihn bis zu seinem ersten Fall auch so gefährlich. Niemand wusste, wer auf welcher Seite stand. Angst und Schrecken, Überfälle und Morde waren an der Tagesordnung. Und selbst später hatten wir hier in unserem Land damals alle Hände voll zu tun, heraus zu finden, ob diejenigen, die nach Voldemorts Untergang hier in den Staaten auftauchten, einfach nur neu anfangen wollten oder ob es Todesser waren, die ihrer Strafe entgehen wollten."
„Aber er wurde schon einmal besiegt", mischte sich Carlisle ein.
„Ja, das wurde er. Aber eben leider nicht komplett. Etwas mit dem viele Bewohner der magischen Welt nie gerechnet hatten. Zu schön war der Frieden der letzten Jahre und viele der Zauberer und Hexen, die in der Öffentlichkeit stehen, sind nur noch ein Schatten von dem, was sie einst mal waren. Doch so ist es nun mal in der Politik: Sie macht weich, bequem und selbstgefällig. Jetzt ist Voldemort plötzlich wieder da, mächtiger und Angst einflößender als zuvor, wenn man den Berichten der letzten Wochen glauben mag. Wenn man dann noch bedenkt, dass … dass … ihre Hoff…"
„Dass?", Carlisle musste nun etwas nachhaken, denn sein alter Freund schien plötzlich die Stimme verloren zu haben und starrte nun lediglich in Richtung Fenster. Dann zuckte er aber zusammen und wandte sich wieder an den blonden Vampir. „Was? Oh … ich war plötzlich in Gedanken. Verzeih, Carlisle. Ich hab mich nur gerade daran erinnert, wie Voldemort damals besiegt wurde."
„Und wie? Ich meine, es muss doch ein Kraftakt gewesen sein, Voldemort zu besiegen." Carlisle blätterte dabei im Ordner, um vielleicht dort die Antwort zu finden.
„Ein Kraftakt … nein. Ein Wunder … ja. Genauso ist es in die Geschichte eingegangen und hat das Leben eines Menschen, eines Kindes, eines kleinen, unschuldigen Jungen total verändert. Voldemort war damals auf dem Höhepunkt seiner Macht und hat jeden, der sich ihm in den Weg stellte, erbarmungslos umgebracht. Es gab glaub ich nur einen Zauberer auf der Welt, vor dem das Monster Angst, oder auf jedem Fall Respekt hatte… Albus Dumbledore."
„Und dieser hat ihn besiegt", entfuhr es Carlisle, doch Ernest schüttelte den Kopf. „Nein, denn magiemäßig sind sich Dumbledore und Voldemort ebenbürtig. Beide hervorragende Duellanten und Strategen im Umgang mit der Zauberei. Carlisle, bitte versteh mich hier richtig, ich meinte nicht, dass sich der dunkle Lord vor einem Kampf mit Dumbledore fürchtete. Nein, bei weitem nicht. Vielmehr ist es Dumbledores Wissen und seine Erfahrung im Bezug auf die Person Voldemorts. Nur wenige lebende Menschen wissen noch, wer der dunkle Lord früher einst war und woher er kam. Dumbledore ist einer davon. Er war sogar einst Voldemorts Professor, sein Lehrer, als dieser noch ein Kind war und zur Schule ging und der alte Zauberer mag noch so manches Geheimnis hinter seinem langen Barte verstecken. So viel sagt zumindest unsere Aufklärungsabteilung hinter vorgehaltener Hand."
„Ja, aber wer hat in denn nun besiegt? Und wer könnte es wieder schaffen?", fragte Carlisle und die Neugier stand ihm ins Gesicht geschrieben. Ernests Gesicht wurde nun ernst und nahm einen leichten Anschein von Trauer an. „Nun, besiegt wurde er damals wie schon gesagt, von einem kleinen Baby. Ein Wunder, wie viele behaupteten. Doch dieses Wunder wird es nicht noch einmal geben, denn der Junge von damals ist auch einer der Gründe, warum ich heute dienstlich hier bin. Harry Potter, so ist sein Name, war mit in der Maschine, welche hier runter gekommen ist und nun ist er tot."
„Tot", entfuhr es Carlisle überrascht und er starrte seinen Freund verständnislos an. Etwas, dass dem Beamten jedoch entging.
„Ja tot, Carlisle…", flüsterte Ernest nun fast nur noch und in seiner Stimme schwang nun auch so etwas wie Resignation mit. „Jenes was der dunkle Lord jahrelang nicht geschafft hat, erledigt nun ein Blitzeinschlag in die Maschine, welche ihn eigentlich nach L.A. bringen sollte, damit er sich vom Stress der letzten Monate und dem Tod seines Paten erholen kann. Es ist einfach nur ironisch."
„Ironisch?", fragte Carlisle überrascht und Ernest lachte kurz bitterlich auf. „Ja, ironisch. Denn das, dass den Jungen überall berühmt gemacht hat, nämlich eine blitzförmige Narbe auf seiner Stirn, hat ihn letztendlich auch getötet."
Carlisles Gedanken begannen zu rasen und er fragte sich, was wohl schief gegangen war. Wieso hatte Dumbledore es nicht richtig gestellt? Er wusste doch, dass Harry nicht tot war. Oder war die Bedrohung durch Voldemort wirklich so groß, dass er dies in Kauf nahm? Und wenn ja, sollte er das, was er eigentlich vorhatte, nun auch wirklich tun? Carlisle musste eine Entscheidung treffen und musterte Ernests nun ganz genau.
Natürlich merkte sein Gegenüber dies. Jahrelange Erfahrung und tausende von Verhören prägten einen Menschen nun einmal, und er betrachtete nun seinerseits den Vampir mit einem eher skeptischen Blick. „Was hast du, Carlisle?", fragte der Subdirektor und schaute sich im Raum um.
„Ich versuche dich einzuschätzen, Ernest", sagte Carlisle ganz offen. „Ich versuche herauszufinden, ob ich dich um einen Gefallen bitte oder nicht. Denn wenn ich es tue, lehne ich mich weit aus dem Fenster, obwohl mir jemand sein Vertrauen geschenkt hat."
Diese Aussage ließ Ernest aufhorchen und er bedachte den Vampir mit einem nachdenklichen Gesicht. Schließlich schien Carlisle ihm aber zu vertrauen, etwas, wofür ihm der Agent dankbar war und er holte etwas aus seiner Tasche. Ernest erkannte in den Dingen, die sein Freund auf den Tisch legte, einen halbverbrannten Pass, der jedoch so auf dem Tisch landete, dass man nichts erkennen konnte. Dann waren da die Überreste einer Brille und ein kleiner Stumpf Holz. Letzteres zog naturgemäß seine Aufmerksamkeit auf sich, handelte es sich doch um den Rest eines Zauberstabes.
„Ernest, ich bräuchte Ersatz hierfür", begann Carlisle, doch Ernest fuhr ihm ins Wort und meinte: „Das … das ist ein Zauberstab. Woher hast du ihn? Du darfst so etwas gar nicht haben …"
„Ich weiß … und er gehört mir ja auch gar nicht. Ich brauche nur einen Ersatz", versuchte Carlisle seinen Freund zu beruhigen.
„Ersatz? Ersatz?", der Subdirektor wurde nun sogar so laut, dass sich einige seiner Leute, darunter auch Alex, sich zu ihnen umdrehten. „Ein Zauberstab ist nichts, wofür man so einfach Ersatz bekommt. Ganz zu schweigen davon, dass man einen Zauberstab registrieren muss. Außerdem musst du wissen, aus was er besteht…"
„Elf Zoll, Stechpalme und Phönixfeder", sagte Carlisle und unterbrach nun wiederum die Tirade seines Freundes. Er kannte den Agenten zwar nur kurz und sie hatten sich eine ganze Weile nicht gesehen, doch dass sich Ernest so echauffieren konnte, damit hatte er nicht gerechnet.
„Wie bitte?", fragte Ernest überrumpelt und Carlisle wiederholte es. Ein Lächeln umspielte dann plötzlich seinen Mund, als er sah, wie sich die Augen des Agenten weiteten und dieser nach dem Ordner in den Händen des Vampirs griff. Er blätterte die Seiten so schnell durch, dass einige sogar aus dem Bügel rissen und dann schaute er auf: „Oh mein Gott… Carlisle… das… das kann..."
„Ich sagte doch, ich brauche einen Ersatz", lächelte der Vampir und drehte dann provokativ den halbverbrannten Pass so um, dass man sehen konnte, wem er gehörte. Was folgte war ein Rascheln und bevor Ernest wieder etwas sagte, griff er in seinen Anzug und zog seinen eigenen Zauberstab heraus. Der blonde Vampir zuckte etwas zusammen, denn er wusste, dass dies nun für ihn der Moment der Entscheidung war und er würde über sein Schicksal und vielleicht auch das von Harry entscheiden. Um umso erleichterter war der blonde Vampir, als sein Freund den Stab nicht auf ihn richtete, sondern hinter sich und er kurz etwas Lateinisches murmelte. Kurz darauf kam es Carlisle so vor, als hätte man einen Umhang um sie gezogen, denn die Geräusche des Diners waren von einem auf den anderen Moment gedämpft.
„Heißt das, dass Harry Potter noch lebt?", fragte Ernest voller Hoffnung und Carlisle nickte. „Ja, das tut er. Zwar ist er immer noch verletzt und muss gesund werden, doch er lebt und macht Fortschritte." Ernest musste sich in den nächsten Minuten erst einmal sammeln. Danach ging es für Carlisle ganz schnell und beide Männer schmiedeten Pläne für Harrys Zukunft. Unterbrochen wurden sie dabei nur kurz, als Alex zu ihnen trat und dem Subdirektor ein Fax reichte. Carlisle konnte auf die Schnelle nur den Namen Granger und das Wort Vermisstenanzeige lesen, doch Ernest maß dem Ganzen nicht sehr viel bei. Viel zu aufgeregt war er darüber, dass Harry Potter noch lebte. Er wies Alex an, sich mit Charlie Swan in Verbindung zu setzen und danach versprach er Carlisle, sich so schnell wie möglich um die Dinge für den Jungen, der lebte, zu kümmern.
Flashback Ende
In Harrys Augen flammte Hoffnung auf, als er hörte, was Carlisle zu ihm sagte. Ihm war bewusst, dass selbst wenn ihm der geheimnisvolle Freund des Vampirs, dieser Ernest, einen neuen Pass, Klamotten und andere Dinge besorgen konnte, er auf gar keinem Fall den Phönixstab wiederherstellen konnte. Der Zwilling von Voldemorts Zauberstab war verloren und somit auch der Effekt, die Besonderheit, welche es bei Zwillingsstäben geben konnte und die ihm beim Duell auf dem Friedhof das Leben gerettet hatte.
Nachdenklich wanderte Harrys Blick zu seinem Arm und er betrachtete die geschwungene Narbe. Carlisle hatte gesagt, sie würde niemals wirklich verheilen. Innerlich lachte Harry kurz auf. Also wieder eine mehr, sagte er zu sich und dann kam ihm plötzlich eine komische Idee. Phönixfeder und Stechpalme, oder zumindest ihre Abbilder, verschmolzen mit seinem Armknochen. Und dann fragte er sich, ob schon mal jemand in der Geschichte einen Knochen als Material für einen Zauberstab verwendet hatte. Auch wenn er nicht wirklich daran glaubte, so richtete er dennoch seinen Arm plötzlich Richtung Tisch und der darauf stehenden Blumenvase und sagte leise: „Wingardium Leviosa".
Was folgte, führte im Endeffekt dazu, dass sich Harry vor Überraschung verschluckte. Denn entgegen Harrys Erwartung begann die ziemlich teuer aussehende Porzellanvase anfangs nur kurz zu zucken und hob dann aber mehrere Zentimeter vom Nachttisch ab. Ihr Flug oder Schwebezustand, der bei Carlisle zu einem für den Vampir untypisches überraschtes Aufkeuchen führte, dauerte aber nur wenige Sekunden, denn da sich Harry wegen dieser magischen Reaktion verschluckt hatte und somit seine Konzentration versagte, übernahm die Schwerkraft wieder die Kontrolle und ein Scheppern verriet allen, dass die Cullens eine neue Vase brauchten.
„Gütiger Gott, was war das?", fragte Carlisle und er schaute seinen Patienten mit weiten Augen an. Esme und Emmett kamen durch das Geräusch des zersplitternden Porzellans ebenfalls ins Zimmer gestürmt und schauten verwirrt zwischen den Scherben, Harry und Carlisle hin und her.
„Magie… es war Magie", entfuhr es Harrys Mund und er starrte auf seine Hand. Er hatte stablos gezaubert. Obwohl es bei genauerer Betrachtung eigentlich nicht an dem lag. Nur langsam wollte ihm in den Sinn, dass sein Zauberstab nicht wirklich von ihm gegangen war, sondern … nun wie sollte er es beschreiben … in seinem Arm steckte.
Und um noch einen Beweis zu bekommen, richtete Harry seine Hand auf die Scherben am Boden und sagte laut und deutlich: „Reparo." Was diesen Worten folgte, ließ die drei Vampire an ihren Augen zweifeln, setzten sich die Überreste der alten, mit gelben Sonnenblumen bemalten Vase wieder zusammen und das gute Stück sah aus wie neu.
„Heilige Scheiße", entfuhr es Emmett und er wurde von Esme für seinen Ausdruck gerügt. Allerdings war auch sie fasziniert von dem, was sie gerade gesehen hatte. Carlisle entfuhr nur ein „Wow", was so gar nicht zu ihm passte. Doch dann holte sie alle die Realität wieder ein, als Harry meinte, er müsste die Vase wieder an ihren Platz befördern. Der Gryffindor hatte das gute Stück schon fast wieder über dem Nachttisch, als ein Stechen durch seinen Arm ging und er dann fühlte, wie ihn die Kraft verließ. Es war ein Gefühl, welches er in den letzten Stunden schon einmal gespürt hatte und zwar als er am gestrigen Abend mitten im Bad eingeschlafen war. Zaubern strengt nun einmal an und Harry war noch weit weg von seinem früheren Kraftlevel. Somit schepperte es ein weiteres Mal an diesem Tage, doch davon bekam Harry nichts mehr mit. Er war schon längst wieder ohne Bewusstsein und ins Land der Träume geglitten.
Carlisle, Esme und Emmett hingegen bedachte den Jungen mit einem sorgevollen Blick. „Oh, vor ihm steht noch ein langer Weg, Emmett. Harry braucht viel Ruhe und muss zu Kräften kommen."
„Ich verstehe, Dad. Ich passe auf meinen kleinen Bruder auf", erwiderte der bullige Vampir und Carlisle lächelte. Er war überrascht, wie gut Emmett mit Harry klar kam und dass er ihn als kleinen Bruder bezeichnete bedeutete schon etwas. Emmett mochte zwar nach außen hin immer den Starken markieren, doch genauso groß wie seine Kraft, war auch sein Herz.
„Ja, tu das. Aber da ist noch etwas. Etwas, das mir eben klar geworden ist und das unserm kleinen Freund vielleicht nicht gefallen wird. Emmett, wir dürfen Harry in manchen Situationen nicht allein lassen. Egal ob er es will oder nicht. Seine Kraft scheint blitzartig zu verschwinden. Offenbar braucht sein Körper sie, um sich selbst zu heilen und wenn Harry es übertreibt, dann schiebt ihm sein Körper einen Riegel vor. Besonders bei seinen Bädern sehe ich die größte Gefahr. Er wird nichts unversucht lassen, so schnell wie möglich wieder auf die Beine zu kommen. Und wenn ihn dann so ein Krafteinbruch ereilt … . Du weißt, was ich meine. Auch wenn es ihm besser geht, so habe ich bei Harry das Gefühl, dass er selbst nicht weiß, wann Schluss ist. Daher wird Harry nicht allein ins Becken zum Üben oder Waschen gehen.
