„… Oh göttlich-güldener Gerstensaft wie stärkst du meine Glieder – gestern hast du mich sauvoll gemacht – aber heut trink ich dich wieder …"
Ich hoffe ihr alle habt den Vatertag gut überstanden und kämpft heute nicht mit einem Kater, der einen bengalischen Tiger wie ein kleines Kätzchen aussehen lässt. Und um euch ein wenig Entspannung zukommen zu lassen, wünsche ich euch nun viel Spaß mit dem nächsten Kapitel.
Kapitel 10
… Es war warm…
… Nein, war es nicht…
… Es war heiß, kochend heiß und Harry bekam das Gefühl nicht aus dem Kopf, dass er dies schon einmal erlebt hatte. Vorsichtig, ja fast ängstlich öffnete er seine Augen und er erschrak. Blut und Tod, die Schreie von Menschen; all jene Grausamkeiten bildeten wieder sein Umfeld. Panisch schaute er an sich hinunter und mit Entsetzen stellte der Gryffindor fest – er war zurück in der Hölle. Seine Haut sah jetzt nicht mehr leicht rosa aus, wie sie es noch vor wenigen Minuten bei seinem Gespräch mit Carlisle getan hatte, nein, das was er seine Haut nannte, war wieder etwas, das blutverschmiert, verbrannt und eiterig schimmerte. Ganz abgesehen davon, dass es fürchterlich wehtat. Die Erkenntnis traf Harry wie ein Hammer und er taumelte leicht zurück.
Geschockt sackte der Gryffindor zusammen. Was war nur geschehen? Hatte er die letzten Stunden nur geträumt? War seine Rettung nur ein Wunsch gewesen und hatte der Fürst der Hölle sich einen bösen Scherz erlaubt, um sich nun an seinem Leid zu laben? Es durfte einfach nicht wahr sein und wie der Gryffindor es aus alten Filmen her kannte, kniff er sich in den Arm.
„Autsch, das tat weh", sagte Harry und Angst umspülte seinen Geist. Riesige Angst breitete sich wie ein Geschwür in seinem Körper aus und lähmte ihn. Gleich würde er das kalte, höhnische Lachen des Teufels hören, würde wieder von seinem Schoßhund zerfleischt werden und dies für alle Ewigkeit.
Bevor die Furcht ihn jedoch ganz umspülen konnte, hörte er Stimmen. Sie waren grausam verzerrt und kalt. „Es kommt neues Fleisch", sagte eine der dämonenhaften Gestalten, welche wohl gerade an Harrys Höllenloch vorbei gingen. „Wie können sich diese Fleischlinge auch anmaßen zu fliegen? Diese Gabe sollte einzig uns gegeben sein. Nur wir wurden so geschaffen."
„Ja, wir oder diese ekelhaften Speichellecker von Engeln, die Ihm dienen und denken, sie seien etwas Besseres. Doch los, komm. Sonst sind die besten Stückchen wieder weg. Es heißt, es sollen wieder Magieträger dabei sein. Und du weißt, dass ich diese besonders liebe. Ihr Blut ist so süß … und dann ihre Emotionen, ihre Sorge um den letzten Zauberer, der hierhergekommen ist. Du weißt schon, der neulich erst das Grillhähnchen gemimt hat. Ach ja … die abgestürzte Maschine und jetzt dazu die ausgesandte Rettungsexpedition. Es ist eine wahre Pralinenschachtel und mir läuft das Wasser im Mund zusammen."
Harry traute seinen Ohren nicht und ein ungutes Gefühl beschlich ihn. Mühsam stand er auf und schleppte sich zur Tür seiner Zelle. Er konnte sich jetzt nicht um die anderen Opfer in diesem Loch hier kümmern. Er wollte Gewissheit, er brauchte sie einfach und ließ sich gegen die Tür fallen, stemmte sich dagegen, bis sie aufsprang und den Weg in einen dunklen Gang freigab.
Langsam kroch Harry über den Boden, mit Schmerzen in den Beinen, die er verdrängen musste und schließlich endete sein Weg in einer riesigen Höhle, auf deren Boden Ströme aus Lava, Elend und Tod herrschten. Und dann sah er sie, die Neuzugänge… Es waren Ron, Hermine und all seine Freunde, die ihm ins Ministerium gefolgt waren.
„Nein!", schrie Harry aus voller Kehle und er strampelte, um zu seinen Freunden zu kommen. Sie durften nicht hier sein. Sie durften nicht tot sein. Sie durften nicht beim Versuch ihn zu finden, selbst verunglücken.
Doch plötzlich war Schluss. Es gab einfach kein Weiterkommen mehr und seine Umgebung wurde verzerrt. Irgendwer oder -etwas hielt ihn zurück. „Nein! Ich muss …", schrie Harry, wirbelte panisch mit seinen Armen und dann umschlungen ihn selbst zwei kalte, kräftige Gliedmaßen.
„Harry…", sagte eine sanfte Stimme, die so gar nicht zu der Kälte des ihn umschlingenden Körpers passte.
„Harry wach auf. Alles ist ok", sagte die Stimme seines Engels und mit einem Ruck, der sich durch seinen Körper zog, riss der Gryffindor seine Augen auf und schaute in die bernsteinfarbenen von Alice.
„Sch sch … es war … es war nur ein Traum, ein fürchterlicher Alptraum", versuchte sie ihn zu beruhigen und strich sanft über Harrys Rücken. Harry brauchte aber noch einige Augenblicke, um dies auch wirklich zu realisieren, denn viel zu real war ihm alles vorgekommen. Ja, selbst jetzt schien er sich seines Umfeldes nicht bewusst zu sein. Er schien nicht zu realisieren wie nah er dem Vampirmädchen war und wie er sich in ihre Umarmung schmiegte. Dann beruhigte sich auch langsam Harrys Atem und sein Puls und Alice glaubte sogar so etwas wie ein Schluchzen zu hören. Überrascht war sie dann jedoch, als sie etwas Feuchtes an ihrer Schulter spürte. Der Traum musste den Jungen in ihren Armen wirklich arg mitgenommen haben. Schließlich weinte er und das taten Jungs ja nicht, zumindest in der Gegenwart von Mädchen.
Bevor die ganze Situation für Harry jedoch zu peinlich wurde – er heulte sich schließlich an der Schulter eines beinahe fremden Mädchens aus, das seine Gefühlswelt schon allein durch ihre Anwesenheit beim letzten Treffen durcheinander gewürfelte hatte – wurde die Tür zu seinem Zimmer geöffnet und Carlisle trat ein. Ihm folgten Esme, Emmett und Rosalie, wobei besonders die Blondine, die hier vorgefundene Situation mit einem nicht gerade fröhlichen Gesicht bedachte.
„Alice, was ist passiert?", fragte der blonde Arzt und sein Blick ging prüfend über Harrys Körper. Was war geschehen? War Harry aus dem Bett gefallen und hatte sich verletzt? Warum Alice schon da war, erklärte er sich damit, dass ihr Zimmer gleich nebenan war. Allerdings musste er schmunzeln, als er die beiden so zusammen sah. Alice hatte endlich jemanden, der sie von Jasper ablenkte.
„Harry hatte einen Alptraum, Carlisle. Er … er hat geschr…"
„Verstehe mein Engel", erwiderte Carlisle und sein Gesicht wurde entspannter. Allerdings meinte er, dass es gut war, dass der Gryffindor erwacht sei. Schließlich wäre die Zeit für sein Bad reif. „Echt?", fragte Harry überrascht, da ihm klar wurde, wie lange er weg gewesen sein musste. Dann schaute er sich im Zimmer um und erblickte die anderen. Rasch versuchte er die immer noch leicht feuchten Augen zu verbergen. Er musste sie unbedingt trocknen. Was sollten sie denn von ihm denken? Allerdings spürte Harry im Zuge der Bewegung, wie sich Alice harte, jedoch wohlgeformte Brust durch ihr dünnes T-Shirt hindurch gegen seinen nackten Oberkörper drückte. Irgendwie hatte er wohl das Pyjamaoberteil im Schlafe abgestreift und die Berührung wurde dadurch noch intensiver. Na jedenfalls ließ der Rotschimmer, welcher nun sein Gesicht zierte, die anderen im Raum schmunzeln. Glücklicherweise bekam der Gryffindor davon nichts mit, denn kaum hatte er sich von Alice weggedreht, galt seine Sorge dem Traum und er wandte sich an Carlisle.
„Ich muss ihnen schreiben, Carlisle. Ich muss meinen Freunden sagen, dass es mir gut geht. Hermine, Ron und Ginny, sie werden sich Sorgen machen." Seine Stimme war dabei schon fast flehend und erst als Carlisle sich neben ihn aufs Bett setzte und Alice bat, Harry etwas Luft zu geben, beruhigte sich dieser wieder.
„Ich fürchte Harry, dass dies nicht möglich ist. Zum einen habe ich keine Eule hier und dann gibt es da etwas, dass ich selbst erst vor kurzem erfahren habe. Etwas, dass dein Professor aus einem mir anfangs nicht verständlichen Grunde wohl zugelassen hat, damit man dich nicht sucht und du außer Gefahr bist."
„Zugelassen? Carlisle, was hat er getan?" Harrys Stimme wurde etwas lauter und der blonde Vampir brauchte einige Versuche, damit er wieder zu Harry durchdrang. Dabei legte er seinen Arm um ihn und sagte in kurzen Worten: „Harry, du giltst in der magischen Welt als tot. Ich habe es in einem Artikel eurer Zaubererzeitung gelesen. Du hast den tragischen Flugzeugabsturz leider nicht überlebt."
„Was?", schrie Harry auf, allerdings verhinderte Carlisles Arm, dass er aufspringen konnte.
„Beruhige dich Harry. Es ist nicht so schlimm wieder denkst…"
„Nicht so schlimm wie ich denke? Ich bin nicht tot, aber meine Freunde denken es und … und …"
„… und ich glaube, da irrst du", erwiderte Carlisle. „Ich denke, dass ich Menschen sehr gut einschätzen kann und dein Direktor wird sich bestimmt um deine Freunde gekümmert haben."
„Glaubst du wirklich?", fragte Harry überrascht und der blonde Arzt nickte.
„Hallo Mrs. Weasley, kann ich rein kommen?", fragte die kindliche, verträumte Stimme von Luna Lovegood, nachdem sie an die Hintertür des Fuchsbaus geklopft hatte. Fast jeden Tag war die blonde Ravenclawschülerin nun hier gewesen, um nach einem ihrer Mitschüler zu sehen.
„Oh natürlich, mein Kind", erwiderte Molly Weasley mit willkommen heißendem Blick und mit einem kurzen Wink ihres Zauberstabes öffnete sich die untere Hälfte der in der ländlichen Gegend so üblichen zweigeteilten Holztür. Luna trat ein und stellte eine kleine Schachtel auf den Tisch in der Mitte.
„Ich habe Plätzchen gebacken, Mrs. Weasley. Vielleicht können wir uns nachher zusammen zum Tee setzen." Freundlich wie man Luna kannte, lächelte sie die Chefin im Hause Weasley an, doch dieses Lächeln war nicht ganz so unbeschwert, wie es noch vor einigen Wochen gewesen wäre. Dann verdunkelte sich ihr Gesicht leicht und die Ravenclaw fragte nun mit Sorge: „Und wie geht es Ron?"
Molly schluchzte: „Er kapselt sich ab, Luna. Ich meine, die ganzen Ferien nach dem Zwischenfall im Ministerium ging es aufwärts. Er blühte richtig auf. Seine Verletzungen waren gut verheilt und glaub nicht, ich habe nicht bemerkt, was da zwischen euch gelaufen ist… und auch noch läuft."
Luna wurde leicht rot und schaute verlegen zur Seite. Klar war sie seit Beginn der Ferien öfters hier gewesen. Meist hatte sie dabei aber Ginny besucht und der Weg von ihrem Haus zum Fuchsbau war ja nun auch nicht sooo weit. Doch als das dann mit Ron so ungefähr eine Woche vor dem Absturz begann, hatten sie immer versucht, so weit wie möglich außer Mollys Sicht zu bleiben. Besonders wenn sie Ron so weit hatte, dass er sich traute sie zu küssen.
„Was denn gelaufen, Mrs. Weasley?", fragte Luna ausweichend und Molly lächelte. „Nun dein Einfluss auf meinen kleinen Starrkopf natürlich. Luna, du hast ihm gutgetan und wie es aussieht mag Ron dich. Vielleicht kannst du ihm helfen, denn mich lässt er nicht an sich ran."
Luna war überrascht und die Röte in ihrem Gesicht nahm nun so weit zu, dass man die Radieschenohrringe beinahe nicht mehr sah. Allerdings überwog dann die Freude, dass sie vor Rons Mum bestanden hatte und nachdem ihr Molly noch gesagt hatte, dass sie gegen vier Uhr den Tee fertig habe, wollte sich die blonde Ravenclaw auch gleich auf den Weg zu Rons Zimmer machen.
Allerdings blieb es beim Wollen, denn noch bevor sie die Zimmertür erreicht hatte, erklang hinter ihr das bekannte Ploppgeräusch, welches die Apparation eines Zauberers ankündigte. Luna wirbelte herum und erblickte die mit jeder Menge Sachen beladene Silhouette von Albus Dumbledore.
Der alte Zauberer trug ziemlich viele Dinge mit sich herum. Luna erkannte einen schweren Reisekoffer, einen Käfig und etwas, das aussah wie ein Besen, den man in ein rotes Stoffbanner gewickelt hatte. Dies alles waren Dinge eines Zauberers und bei näherer Betrachtung weiteten sich die Augen der jungen Ravenclaw, denn es waren nicht die Sachen irgendeines Zauberers, nein, es waren Harrys Sachen.
„Oh Albus, mit dir habe ich ja nun gar nicht gerechnet", sag Molly überrascht und legte ihr Geschirrhandtuch zur Seite. Sie wischte sich die Hände an ihrer Schürze trocken und ging dem alten Mann entgegen.
„Verzeih wenn ich störe Molly, doch es ist wichtig. Ich muss mit euch sprechen."
„Aber du störst doch nicht, Albus. Ich war nur überrascht. Komm ich nehm dir was ab." Molly merkte, dass sie sich vielleicht falsch ausgedrückt hatte und griff nah dem leeren Käfig von Hedwig. Sie stellte ihn auf den Küchentisch und schaute dann neugierig in Richtung Albus. Dieser hatte nun auch Luna entdeckt und lächelte sie an: „Aah Miss Lovegood, es ist auch schön Sie hier zu treffen. Das spart mir nachher einen Weg."
„Guten Tag Professor", erwiderte die Ravenclaw die Begrüßung. Allerdings ging sie etwas unter da von der Tür her eine nicht gerade freundlich Stimme erklang und fragte: „Was will der hier?"
„Ronald Weasley! Wie kannst du es wagen!", fuhr Molly ihren jüngsten Sohn an, der gerade in der Tür stand und seinen Direktor böse anfunkelte. Ron hatte Lunas Stimme gehört und war neugierig geworden.
Allerdings geschah dann etwas, womit die sonst so resolute Hexe nicht gerechnet hatte. Denn ihr Sohn zuckte nicht etwa zusammen, wie man es eigentlich gewohnt war, sondern Harrys bester Freund baute sich auf und erwiderte immer lauter werdend: „Nein Mum, wie kann ER es wagen. Wie kann ER es wagen, hier her zu kommen und dann auch noch …" Ron bemerkte nun die Sachen, die Albus bei sich hatte und zu den tränenbenetzten, roten Augen mischte sich Wut. Das Gesicht des Rothaarigen wurde noch finsterer und dann schrie er förmlich: „ … und dann auch noch mit Harrys Sachen. Hauen Sie ab. Ich will Sie und die Sachen nicht hier haben! Harry war mein Freund, mein bester Freund und er hat zu Ihnen aufgesehen. Und Sie… und Sie … Sie erweisen ihm nicht einmal die letzte Ehre …"
„Ronald, ich weiß …", begann Dumbledore mit ruhiger Stimme, „ich weiß, was dir Harry bedeutet und ich verstehe deinen Schmerz. Doch die Sachen müssen hier bleiben. Ronald, du kannst dir gar nicht vorstellen, was ich durchgemacht habe, um sie hier her zu bringen. Und außerdem wollte ich auch nicht, dass du sie bekommst, sondern …"
„Warte Albus", mischte sich nun Molly ein. Sie stand bis zu diesem Moment immer noch wie vom Donner gerührt da. „Was meinst du damit, was du durchgemacht hast, um sie zu bekommen?"
Albus Dumbledore wirkte im nächsten Moment sehr alt und müde und schaute Molly mit traurigem Gesicht an. „Was passiert ist, Molly? Cornelius ist passiert. Ich kam gerade noch rechtzeitig, bevor ein ganzes Schwadron Auroren über den Ligusterweg kam wie ein Schwarm Heuschrecken. Molly, du kannst dir doch sicherlich vorstellen, dass mit dem Tode von Petunia Dursley der Blutzauber, den ich vor fünfzehn Jahren geschaffen habe und der zum Schutz von Harry gegenüber all denen, die ihm gefährlich werden oder ihn bedrängen könnten, über ihrem Hause erloschen ist. Und somit konnten nun nicht nur Voldemorts Leute, sondern auch die Leute des Ministeriums sich dem Hause der Dursleys nähern."
„Und Vo… Vo … der Unsäglich war sofort bei Harrys Verwandten, Albus? Aber wieso dann die Bemerkung mit den Heuschrecken?", mischte sich Rons Mum ein.
„Nein Molly, Voldemort war nicht dort. Aber anscheinend wollte unser Minister die Gunst der Stunde nutzen und alles, was mit Harry zu tun hatte, alles was ihm gehörte, ins Ministerium und in seine Obhut bringen. Arthur übrigens gebührt der Dank, dass es nicht so gekommen ist. Er hat mich gewarnt, nachdem dein Mann offenbar mitbekommen hat, dass Cornelius so etwas wie ein Harry Potter Gedenkzimmer im Ministerium einrichten will."
„Ach nicht einmal das gönnen Sie Harry?", fragte Ron mit immer noch zorniger Stimme. „Sie wollen wohl, dass man ihn ganz schnell vergisst?" Und ehe man sich versah, hatte der Rothaarige seinen Zauberstab in der Hand und richtete ihn auf den alten Zauberer.
„Ron, bist du wahnsinnig?", riefen Molly und Luna zeitgleich, da auch Albus reagiert und seinen Stab gezückt hatte. Die Spannung im Raum war zum Zerreißen und Molly schien der Verzweiflung nahe.
„Albus nicht. Er hat doch keine Ahnung, was er da tut. Ich bitte dich, er ist mein Sohn." Dann wandte sie sich an Ron und bat ihn den Stab runter zu nehmen. Verschärft wurde die ganze Sache dann auch noch, als Ginny, ohne Zweifel durch die lauten Stimmen angelockt, ebenfalls mit erhobenem Stab in die Küche stürmte und Molly rechnete nun mit dem Schlimmsten. Ihr Sohn mochte vielleicht nicht der beste Schüler in Hogwarts sein. Doch dass er magischen Potential, eine teuflische Wut und einen extreme Starrkopf besaß, stand außer Frage und das war in dieser Situation nicht gerade hilfreich.
Albus auf der anderen Seite mochte zwar der wohl gütigste Mann auf Erden sein, den die rothaarige Mutter kannte, doch waren seine Geschichte und sein Talent im Umgang mit dem Zauberstab – besonders in Duellen – legendär. Er wüsste sich auf alle Fälle zu verteidigen.
Schließlich machte der Direktor den ersten Schritt und ohne dass er auch nur ein Wort sagte, begann die Spitze seines Zauberstabes zu glühen. Er schaute sich konzentriert im Raum um und dann wurden allen vier anderen auch schon die Stäbe buchstäblich aus der Hand gerissen. Danach folgte ein lautes Sirren im Raum und Molly, Ron, Luna und Ginny begannen in einem gelblichen Licht zu schimmern. Ein Zustand, der auch noch anhielt nachdem der Direktor von Hogwarts seinen Zauberstab gesenkt hatte. Verwirrt schauten die vier Magier sich an und jeder schien zu überlegen, was dies für ein Zauber war, der da auf ihnen lag.
„So das hätten wir dann mal geschafft", sagte Albus freundlich, geradezu gelassen und so als wäre nichts in den letzten Minuten geschehen. Dabei legte er die Zauberstäbe der anderen auf den Küchentisch. „Und wenn sich Ronald wieder beruhigt, dann können wir …" Albus stoppte mitten im Satz und sein Blick wanderte über den großen Holztisch, an dem die ganze Familie Weasley für gewöhnlich saß und er verharrte schließlich auf der Schachtel, welche Luna vorhin mitgebracht hatte. Vorsichtig beäugte er sie und schien dann mit seiner hakenförmigen Nase in die Luft zu schnuppern.
„Bei Merlin. Miss Lovegood sind das etwas Mohn-Walnussplätzchen? Die, die ihre geliebte Mutter früher immer so hervorragend hinbekommen hat?"
„Ähm ja, Sir", erwiderte Luna überrascht und verwirrt, „ich hab sie vorhin erst gebacken."
„Darf ich? Bitte?", fragte Albus und schielte in Richtung Plätzchen.
„Ähm ja", antwortete die Ravenclaw und ihr Blick ging danach zu Molly, die wie der Rest im Raum aussah, als wären sie eine Gruppe Karpfen auf dem Trockenen. Was ging hier nur vor sich? Eben noch standen sie alle vor einem Blutbad und jetzt verhielt sich der Direktor wie ein Kleinkind zu Weihnachten. Albus bekam davon aber nur wenig mit. Nein, der alte Zauberer schien gefangen und steckte sich gleich zwei Plätzchen in den Mund.
„Aaahhh köstlich. Ich habe solche Plätzchen seit Jahren nicht mehr gegessen. Ihre Mutter selbst, Miss Lovegood, hat mir sonst jedes Jahr zu Weihnachten oder an meinem Geburtstag eine kleine Schachtel geschenkt." Schließlich bemerkte Albus wieder seine Umgebung und er wurde etwas verlegen. „Oh verzeiht. Ihr wisst schon, die Macken eines alten Mannes. Ich bin ja nicht wegen der Plätzchen hier, sondern weil ich etwas mit euch besprechen muss."
„Besprechen Albus?", fragte Molly. „Und was ist mit Harrys Sachen und was ist das für ein Zauber, der auf uns liegt?" Besorgt schaute sie zu den Kindern, die ebenso wie sie immer noch gelblich leuchteten.
„Das werde ich euch gleich erklären. Aber vielleicht sollten wir uns dazu setzen", erwiderte der Direktor und als sie alle fünf am Tisch saßen und sich Albus noch einen Keks stibitzt hatte, begann er zu erklären: „Nun Molly, ich habe heute Harrys Sachen hier her gebracht, damit sie in Sicherheit sind und damit ihr sie verwahren könnt, bis sie wieder gebraucht werden."
„Wieder gebraucht? Niemand wird sie jemals wieder benutzen. Sie gehörten Harry Potter und jeder der es wagt, sie anzufassen, bekommt es mit mir zu tun." Ron war wieder aufgesprungen und funkelte den alten Mann erneut an. Dumbledore kam nicht umher zu lächeln, wie schnell doch Ron seine Meinung ändern konnte. Auf der anderen Seite freute es den alten Zauberer.
„Da gebe ich dir Recht, Ronald. Und das bringt auch zur zweiten Frage deiner Mutter, nämlich was für einen Zauber ich vor wenigen Augenblicken über euch gelegt habe. Es ist ein sehr, sehr alter und nur noch bei wenigen bekannter Gedächtnisschutzzauber, der verhindern soll … und ich hoffe, besonders du Ronald nimmst es mir alten Mann nicht übel, … dass ihr euch aus Versehen verplappert. Große Freude oder großes Leid bringen einen Menschen nämlich manchmal dazu, so etwas, auch wenn er es gar nicht will, zu tun."
„Sie meinen so, wie es Hagrid manchmal passiert?", fragte Ron und die Augen des Direktors begannen zu funkeln. „Ähm ja, genau so. Menschen mit großen Herzen, sind meist offener." Nun mussten alle schmunzeln, denn jeder kannte ja Hagrid. Dann aber wurde Dumbledore ernst und hob seinen Zauberstab. Er richtete ihn gen Decke und murmelte noch einen zweiten Zauber, der wie Molly erkannte, ein Schutzzauber gegen eventuelles Abhören war. Dann steckte er den Zauberstab wieder in seinen lilafarbenen Umhang und sagte: „Ronald natürlich freut es mich, dass du Harrys Sachen verwahren willst, denn da Hedwig ja schon bei euch ist, wäre hier alles komplett. Doch du musst dich nicht sorgen, denn es wird nicht für sehr lange sein. Spätestens zum Beginn des neuen Schuljahres werde ich alles wieder abholen und nach Hogwarts bringen, da …."
„Nein nicht dorthin …", rief Ron und fragte auch gleich lautstark, warum Dumbledore dies tun wollte. Die Antwort kam aber nicht von ihm, sondern von Luna, die der ganzen Sache aufmerksam gefolgt war und nun das heraus sagte, was sie dachte und was alle dazu brachte, einmal mehr zu glauben, sie sei nicht ganz von dieser Welt.
„Der Direktor will die Sachen in Hogwarts wissen, damit sie Harry wieder bekommt. Harry lebt … richtig Professor?"
Dumbledore begann nun förmlich hinter seinem Bart vor Freude zu strahlen und er nickte. „Ja Miss Lovegood, Harry lebt. Zwar ist er immer noch schwer verletzt, doch er lebt und ist in Sicherheit."
Die Weasleys starrten zwischen den beiden hin und her. Molly wollte es immer noch nicht glauben und erst das schluchzende Geräusch zu ihrer rechten ließ sie aus ihrer Starre hochfahren. Sie drehte sich zu Ron um und sah, wie dieser auf dem Stuhl zusammen gesackt war und Tränen über sein Gesicht liefen. „Ist es wirklich wahr, Professor?", fragte er immer noch ungläubig, hoffend, dass es wirklich stimmte und Dumbledore stand auf und legte seine Hand auf Rons Schulter.
„Ja mein Junge, es ist wahr. Und es tut mir so unendlich leid, dass ich euch das alles hier, die ganze Trauer angetan habe. Doch es war die Entscheidung eines alten Mannes, der verschiedene Zufälle und Missverständnisse zweier noch sehr junger, unerfahrener Auroren einfach genutzt hat, um Harry in seinem jetzigen Zustand zu schützen. Etwas, wofür ich irgendwann einmal die Verantwortung tragen werde. Doch ich hoffe ihr verzeiht mir."
Ron schien es immer noch nicht zu begreifen und es brauchte erst die Nähe und Wärme von Luna, die ihren Freund nun in den Arm genommen hatte, um dies zu bewerkstelligen. „Ich hab es immer gewusst", flüsterte sie und dann drückte sie Ron ganz sanft ihre Lippen auf den Mund. Ihr war es egal, dass gerade zwei Erwachsene anwesend waren. Etwas, das wohl auch auf den Rothaarigen übergriff, denn er erwiderte den Kuss, bevor er sich wieder kurz von Luna löste und an Dumbledore gewandt fragte, ob er seinem Freund einen Brief schicken könne.
Der Direktor schüttelte aber, sehr zu Rons Entsetzen, den Kopf. „Nein Ronald, heute nicht. Niemand kann Harry derzeit erreichen und das ist gut so. Seine Sicherheit ist mir das wichtigste und wir wollen doch niemanden auf die Spur unseres Freundes bringen. Und deshalb …" – Der alte Zauberer hob seinen rechten Zeigefinger – „… deshalb auch dieser alte Zauber, den ich auf euch gelegt habe. Er wird mit meinem Verschwinden nachher erst so richtig komplett und ihr werdet euch an nichts von unserem Gespräch gerade erinnern."
„Was?", rief Ron entsetzt. „Aber dann werde ich vergessen, dass Harry lebt, wo immer dies auch ist."
„Nun ja, das wirst du, Ronald. Nur wird Harry für dich, für euch alle, lediglich im Urlaub sein. Einen Urlaub, von dem ihr nicht wisst, wo er ihn verbringt. Und außerdem habe ich den Zauber so manipuliert, dass ihr auf Harrys Tod angesprochen, einen Anfall von Traurigkeit bekommt und unbedingt allein sein wollt. Seht es als Schutz für Harry an und als Chance für euch Zwei, eure Ferien zu genießen."
„Ich verstehe Professor", sagte Luna und drückte Ron aufmunternd die Hand. „Aber was ist mit dem Rest der Familie Weasley? Bei meinem Vater brauchen wir uns keine Sorgen zu machen, er bricht ja übermorgen zu seiner jährlichen Schwedenexpedition auf."
„Miss Lovegood, ich sehe, Sie denken weiter und gehören wirklich ins Hause Ravenclaw. Nun was Arthur, die Zwillinge und den Rest von Mollys Kindern angeht, die besuche ich im Anschluss. Ich sagte doch, dass ihr Erscheinen hier, mir einen Weg erspart hat."
„Und Percy?", fragte Ron leicht verunsichert, da das Verhältnis zu seinem älteren Bruder nicht wirklich das Beste war, genau wie beim Rest der Weasleys.
„Nun Percy lassen wir außen vor. Ich denke, er wird in den nächsten Wochen nicht hier her kommen. Ich habe gehört, dass er kaum noch das Ministerium verlässt und voll in seiner Arbeit aufgeht." Diese Worte des alten Zauberers brachten Ron dazu sein Gesicht angewidert zu verziehen und ein leises „Schleimscheißer" verließ seine Lippen. Überraschenderweise kam kein Protest von seiner Mutter und das sagte schon etwas über ihr Verhältnis zu Percy. Dann aber wünschte Dumbledore allen schöne Ferien, meinte Ron und Luna sollten sie genießen und versprach ihnen sofort mit ihnen in Kontakt zu treten, wenn sich die Möglichkeit ergab, dass sie Harry einen Brief schreiben konnten.
