Kapitel 15

Es war kalt, er war nackt und schwamm in einer Lache aus grünem Wasser und seinem eigenen Blut. Und obwohl der Körper eigentlich vor Kälte hätte zittern müssen, so war alles was Harry spürte das Feuer und die glühende Hitze in seiner Kehle. Hinzu kam dann noch ein derart drückendes Gefühl gegen seinen brennenden Gaumen, als hätte irgendjemand ihm etwas dickes, schwammiges in den Rachen hinein gestopft. Immer noch wand sich der Gryffindor mehr oder weniger schreiend auf dem Boden und versuchte zu ergründen was schief gegangen war. Da war am Anfang Alice gewesen, dann sein Ausrutscher … ihre Arme, die ihn hielten und ihr Kuss. Ein Kuss der so schö …

„Harry … ich … es tut …tut mir so leid …" Es war die Stimme seines Engel, welche an sein linkes Ohr drang und Harry drehte leicht seinen Kopf in diese Richtung. Vielleicht konnte Alice ihm sagen, was falsch gelaufen war. Woher kam der Schmerz, der zwar immer noch enorm war, an den sein Körper sich aber allmählich zu gewöhnen schien? Denn auch wenn es immer noch brannte, so hatte blieb die Intensität des Schmerzes konstant und wurde nicht schlimmer. Harry sah das mal als gutes Zeichen.

„… Aah … Aall …"

`Oh du heilige Scheiße`, durchfuhr es den Gryffindor, als im bewusst wurde, dass das Ding in seinem Mund nicht fremd war, sondern eigentlich schon immer vorhanden. Es war seine Zunge, seine eigene Zunge, die sich jetzt so anfühlte, als wäre sie zehnmal so groß wie sonst. Auch kam es Harry so vor als hätte jeder einzelne Muskel der Zunge einen Muskelkater und dann, Sekunden später als er die Zunge nur kurz bewegte, umspülte seine Geschmacksnerven wieder dieser Geschmack, wieder dieses Gefühl er würde an einem Stück Eisen lecken. Es brannte zwar nicht so wie vorher, aber der Geschmack war trotzdem da. Ohne Zweifel blutete es wieder stärker. Etwas, dass Harry auch bestätigt wurde, als Alice mit zusammengepresstem Mund und verzogenem Gesicht aus seinem Blickfeld verschwand.

Der weibliche Vampir war eigentlich zu ihm gekrochen, um zu sehen, was sie tun konnte. Doch nun verschreckte sie das erneut hervortretende Blut und Panik stieg in ihr hoch. Was konnte sie nur tun? Sie musste Harry doch irgendwie helfen. Aber wie nur? Ihre Gedanken wurden kurz darauf unterbrochen, als ein leises Geräusch, eines das für einen Menschen noch nicht mal ansatzweise zu hören war, ihr Ohr streifte.

Carlisle! Hilfe!", rief sie so laut, wie sie nur konnte und im nächsten Moment hörte Alice, wie der AMG Motor von Carlisle Mercedes aufheulte und der Schotter unter den Reifen weggeschleudert wurde. Drei Minuten später klappte die Autotür und nicht nur die. Nein, noch jemand anderes hatte zeitgleich das Haus erreicht. Und so stürmten Sekunden später nicht nur Alice Adoptivvater ins Badezimmer, sondern auch Emmett.

„Heilige Scheiße. Alice, was hast du getan?", fragte Emmett entsetzt und hielt sofort die Luft an. Er hatte zwar genug Wild heute erlegt, um nicht vom menschlichen Blute gereizt zu werden, doch man musste es ja nicht riskieren. Rasch kniete sich der Vampir neben Harry und bettete dessen Kopf auf seinen Oberschenkeln. „Ruhig Kleiner, alles wird gut", flüsterte Emmett und wischte mit dem Handtuch auf dem Boden erst einmal das Blut etwas beiseite.

„Alles wird gut, Emmett? Alles wird gut?" Zum ersten Mal in seinem Leben sah der bullig Vampir Alice hysterisch werden und so etwas wie Furcht empfinden. „Ich … ich … er ist vergiftet. Mein Gift … Emmett … verstehst du? … Meins. Mein Gott, das wollte ich nicht … oh nein die Werwölfe …"

Alice!" Carlisles Stimme war ungewohnt hart und seine Tochter zuckte merklich zusammen, worauf der blonde Vampir etwas sanfter wurde. „Bitte geh zur Seite und hol ein paar Decken für Harry. Wir wollen ihn doch nicht so liegen lassen, so völlig nackt und schutzlos." Das Mädchen mit den schwarzen, wirren Haaren schaute Carlisle überrascht an und rutschte. Ihr Vater untersuchte seinen jungen Patienten sofort und nahm aus der Tasche, die er noch schnell geholt hatte, mehrere Spritzen und Fläschchen heraus. Man konnte die dreihundert Jahre Erfahrung förmlich spüren und mit gekonnten Griffen legte Carlisle Harry so zurecht, wie er es für ihn am besten hielt.

„Ok, er hat einen langen Riss in der Zunge. Den muss ich wahrscheinlich kurz klammern."

Dabei nahm er aus der Tasche so etwas wie einen Tacker und noch bevor sich Harry wehren konnte, hatte Carlisle das Ding in seinem Mund. Emmett und Alice schauten sich an und verstanden nicht so recht, warum ihr Vater dies tat. Warum wollte dieser die Wunde heilen? Sie sollte doch ihr kleinstes Problem sein. Doch Carlisle ließ sich nicht beirren und maß danach Harrys Puls und Blutdruck. Der Gryffindor schien derweil in einer Art Trance zu sein, denn er sagte nichts und ließ den Arzt einfach machen. Immer noch schwirrte in seinem Kopf der Gedanke herum, dass er sich am Zahn eines Vampirs verletzt hatte, er also quasi gebissen worden war.

Schließlich schien sich Harrys Körper zu beruhigen und auch die Wunde im Mund blutete schwächer. Allerdings war die Zunge immer noch sehr angeschwollen, sie brannte wie irre und daher wandte sich Carlisle an seine jüngste Tochter. „Wie viel Gift war im Spiel?", fragte er und Alice sah verwirrt aus. „Wie viel?", fragte der blonde Vampir erneut, diesmal fordernder und Alice zuckte leicht zusammen.

„Nicht viel, Carlisle. Eigentlich nur das, was ich naturgemäß in meinem Speichel habe. Ich war nicht … ich meine… ähm … der Kuss … also, es war nicht so viel, wie wenn wir weiter gegangen wären …" Wenn ein Vampir dazu fähig wäre, rot zu werden, Alice wäre es jetzt geworden. Sie sah Carlisle ja immer als Vaterfigur und auch wenn da hundert Jahre Erfahrung dahinter standen, so kam es immer auf die Person an, der man solche intimen Details erzählte. Besonders wunderte es Alice, wieso er das wissen wollte. Ein Biss reichte doch aus, um die Verwandlung in Gang zu setzen. Bella wäre der wohl lebende Beweis dafür gewesen, hätte Eduard das Gift nicht wieder aus ihrem System gesaugt. Eine neue Welle des Schmerzes brachte sie jedoch von ihren Überlegungen ab, da der Gryffindor sich aufbäumte und Blut spukte.

„Carlisle bitte. Wir müssen ihm helfen. Er darf sich nicht verwandeln. Wir haben doch versprochen, im zu heilen. Wir müssen das Gift stoppen … Carlisle bitte … Ich … ich bin doch kein Monster …" Alice schien am Verzweifeln zu sein und die Schuld an Harrys Zustand brachte sie fast um den Verstand.

„Alice beruhige dich. Alles wird gut und niemand wird hier verwandelt", versuchte Carlisle seine Tochter zu beruhigen. Allerdings brachte ihm sein Satz eher das Gegenteil ein. Selbst Emmett schaute den blonden Vampir an, als wollte dieser ihn verarschen. Doch Carlisle ließ ihnen gar keine Zeit etwas zu erwidern und sagte: „Ich bezweifle sogar, dass du es schaffen würdest, wenn du eine größere Menge deines Giftes in Harry pumpen würdest. Sein Blut, der Schutz seiner Mutter, ihr Opfer, würde die Verwandlung nie zulassen…" Carlisle strich sich bei diesem Satz kurz über seine Lippen, wo ihm der grüne Blitz bei seiner ersten Begegnung mit Harry getroffen hatte. Dann wandte er sich an seine beiden Kinder und erklärte weiter. „Außerdem, bedarf es mehr als nur einen Schwall deines Giftes. Wenn meine Untersuchungen stimmen, ungefähr fünfmal so viel, wie du bei einer Jagd unter extremen Hunger produzieren würdest."

„Was?", fragten beide Vampire gleichzeitig und Carlisle lächelte, während er die Klammerzange bei Seite legte und einige Tupfer aus seinen Koffer holte.

„Ihr habt schon richtig gehört. Unser lieber Harry ist was ganz besonderes oder besser gesagt sein Blut. Ich weiß jetzt aber nicht, ob es nur daran liegt, dass er ein Zauberer ist oder aber, dass etwas anderes dafür verantwortlich ist. Ich hab mich ein wenig mit seinem Blut beschäftigt, die Neugier und Verlockung waren einfach zu groß, und ich hätte es fast geschafft, das Geheimnis zu ergründen, doch als ich die verschiedenen Bestandteile von Harrys Blut in die Zentrifuge gegeben habe, blieb am Ende nicht viel von selbiger übrig. Das letzte was ich gesehen habe war, dass neben dem Plasma und den sonst so üblichen Bestandteilen sich zwei weitere heraus gelöst hatten. Eine fast pechschwarze Flüssigkeit, die sofort, als die Rotation aufgehört hatte, begann das Glasröhrchen zu zersetzen und bevor ich sie entnehmen konnte unglücklicherweise auch die Zentrifuge. Und dann war da noch etwas zähflüssiges, das nur zwei Sekunden brauchte, um sich zu entzünden und das Reagenzglas zum Schmelzen brachte."

„Wow", entfuhr es Emmett und er strich Harry sanft über die Schulter.

„Und ich vermute, dass diese beiden mir unbekannten Substanzen dafür verantwortlich sind, dass dein Gift Harry heute nicht verwandelt hat. Es war einfach zu wenig. Rein theoretisch müsstest du wie schon gesagt die fünf- bis sechsfache Menge an Gift haben und dann müsste Harrys Puls so hoch sein und das Blut so schnell zirkulieren, dass dein Gift binnen von Sekunden seinen ganzen Körper durchströmt und es nicht neutralisiert werden kann."

Harry konnte den Worten kaum folgen. Noch immer war seine ganze Konzentration auf den Schmerz und die extrem stark angeschwollene Zunge gerichtet. So ungefähr musste sich Dudley gefühlt haben, als ihm Fred und Georg eine ihrer Zungen-Würg-Toffees untergejubelt hatten. Als die Vampire jedoch anfingen vom Gift, vom Verwandeln und von seinem Blute zu reden, da erwachte der Gryffindor etwas aus seiner Starre und mit großer Anstrengung hörte man aus seinem Mund die Laute: „ Äääh … Alliilllii ….Öll..ölli…ähh ee …"

„Nein Harry, nicht reden. Das macht es nur schlimmer", unterbrach ihn Carlisle und dann spürte Harry, wie etwas in seine linke Armbeuge gestochen wurde. „Harry, dass hier ist erst einmal ein leichtes Schmerz- und Beruhigungsmittel und dann geb ich dir etwas gegen die Allergie. Denn so wie ich das sehe, ist es nichts anderes. Dein Körper reagiert auf Alice Gift und deshalb ist deine Zunge so geschwollen. Sieh es wie einen Bienenstich … ähm … Ok … einen mächtig gewaltigen Bienenstich", fügte Carlisle noch lächelnd hinzu, als er die ungläubigen Augen seines Patienten sah.

Harry nickte und dann machte sich die Erleichterung in ihm breit. Er wurde also kein Vampir oder starb möglicherweise und so spürte Harry schließlich auch wie sein Körper sich entspannte. Sekunden später wurde es dem Gryffindor dann auch wärmer. Alice hatte die Decken geholt und Emmett half ihr dabei, zuerst eine unter Harry zu legen und danach wurde er vorsichtig zugedeckt. Etwas, dass dem Gryffindor ziemlich recht war, den er war ja immer noch im Adamskostüm und auch wenn er in den letzten Minuten anderweitig abgelenkt war, so wurde ihm dies jetzt wieder bewusst, ebenso wie die Anwesenheit von Alice. Glücklicherweise sollte die Schamesröte im Moment aber nicht auffallen, da sein Kopf vor Anstrengung glühte.

„So Harry, du bleibst jetzt noch kurz hier liegen und dann bringen wir dich ins Bett. Zuvor allerdings sollten wir uns aber darum kümmern, dass deine Zunge schnell wieder heilt und daher …", Carlisle sagte noch etwas zu Emmett, doch das ging so schnell, dass der Gryffindor es nicht verstand und der bullige Vampir verschwand blitzschnell aus dem Bad, „ … und daher die Frage, was magst du lieber. Schoko oder Vanille?"

Harry schaute den blonden Arzt überrascht an und sagte dann unsicher: „Ähm Schoko?" Zwei Sekunden später stand Emmett wieder neben ihm und hielt einen leeren Becher in der linken und eine Packung Schokoeis am Stiel in der rechten Hand. Carlisle nickte und sein Sohn beugte sich zur Wanne hinab. Dort füllte er den Becker mit dem Heiltrank und sagte mit einem Grinsen im Gesicht. „Na Harry, ich hoffe doch, dass du dich benommen und nicht ins Wasser gepieselt hast."

Das Gesicht des Gryffindors war einfach nur zum Schreien und wenn er gekonnt hätte, hätte er wohl auch laut „Nein" gerufen. Doch mit der Zunge war er nicht dazu in der Lage. Ebenso wenig wie sich gegen einen weiteren ekelhaften Schluck Heiltrank zu wehren. Allerdings wurde sein Mut auch belohnt und er durfte das Brennen des Trankes in seinem Mund mit einem leckeren Schokoeis kühlen.

Alice beobachtete die ganze Sache von der Seite und war froh, dass es Harry wieder besser ging. Allerdings machte sie sich auch so ihre Gedanken und etwas Furcht breitete sich in ihrer Brust aus, was die Zukunft betraf. Als Carlisle sich zu ihr umdrehte, fragte sie ihren Ziehvater auch frei weg: „Carlisle, ich denke wir sollten reden. Ich meine, wie wird es weiter gehen? Was bedeutet dieser kleine Zwischenfall für uns, für unsere Zukunft?"

Der blonde Vampir zögerte und musterte beide eindringlich. Sein Blick ging erst zu Harry, der wohl auch schon diesen Gedanken gehabt zu haben schien und dann schaute er Alice an. Sie hatte in ihrem Blick einzig und allein die Hoffnung, da sie wirklich Gefühle für den Jungen zu entwickeln schien. Allerdings konnte Carlisle auf ihre Frage noch keine Antwort geben. Es gab noch so viele Faktoren.

Um nicht gänzlich ohne Antwort da zustehen, hatte das Schicksal vorgesorgt und Emmett eine Stimme gegeben. Und wie es bei ihm nun einmal war, konnte aus seinem Mund nichts Sinnvolles herauskommen. Harrys „großer Bruder" grinste nämlich plötzlich so breit wie es nur ging und sagte: „Was dies bedeutet, Alice ?Also ich finde das ist ja wohl offensichtlich, wenn du dir Harrys Zustand ansiehst, Alice."

„Ach ja, Emmett. Und das wäre?", hakte Alice nach.

„Ist doch klar Schwesterchen. Einen Blowjob ist für Harry nur mit Boxermundschutz drin, so gibt's 'ne Schwellung, die dir den Kiefer sprengt."

Emmett!", fauchte Alice schockiert und total verlegen. Etwas, dass dem Vampir noch breiter grinsen ließ. Carlisle hingegen schüttelte nur den Kopf und verkniff sich ein Lachen. Bei Emmett hätte er einfach damit rechnen müssen. Als sein Blick jedoch zu Harry wanderte, um zu sehen wie dieser den Spruch aufgenommen hatte, so war er sich im nächsten Moment gar nicht mal so sicher, dass dieser ihn noch mitbekommen hatte. Harrys Augen waren geschlossen und das Eis lag halb aufgegessen auf seiner Brust und zerlief.

Carlisle stahl sich ein Lächeln ins Gesicht und er zog noch einige Spritzen auf. Dann bat er Emmett, der sich gerade vor den Fäusten von Alice schützen musste, ihren jungen Patienten in sein Bett zu bringen und dann flüsterte er Alice zu, dass alles irgendwie gut werden würde. Doch bevor es soweit sein sollte, wäre es besser, wenn sie sich ein paar neue Kleider anziehen würde. Alice schaute Carlisle überrascht an, blickte dann an sich herunter und wenn es ihr möglich gewesen wäre, wäre sie leicht rot geworden, denn von ihrer Jeans und dem Shirt, welches sie getragen hatte, waren im Moment nicht mehr viel da und ein weiterer Fetzen Stoff löste sich gerade oberhalb ihres Bauchnabels in Wohlgefallen auf. Fast hätte man ihre Brüste sehen können, doch Alice bedeckte sich rasch. Carlisle hatte also recht behalten, als er gesagt hatte, dass das Zeug für Harrys Bäder ziemlich aggressiv sei.

`Ich habe sie geküsst`, dieser Gedanke schwirrte, während er träumte, immer wieder durch Harrys Kopf und regte seinen Geist zu den schönsten Gedanken an. Er sah Alice vor sich, sah ihr Lächeln und ihre Augen und eine Gänsehaut überzog seinen ganzen Körper. Dann aber kamen auch die Erinnerungen an den Schmerz und kurz bevor Harry erwachte, fühlte sich sein Mund trocken an und schmeckte wie als wenn er sich mehrere Tage die Zähne nicht geputzt hatte.

Doch das war etwas, was man ja schnell abstellen konnte und so öffnete der Gryffindor langsam seine Augen und wollte rasch aufstehen und ins Bad gehen. Allerdings kniff er sie gleich darauf wieder zu und sein Herz fing an schneller zu schlagen. Sein ganzer Körper verspannte sich und eine einzige Frage beschlich den Gryffindor. Was war geschehen? Was war hier los? Denn er, Harry, war nicht allein. Gut im Normalfall würde ihm dies nichts ausmachen, er hatte sich ja daran gewöhnt, dass Emmett zu spüren schien, wenn er erwachte und somit immer da war, wenn er aufstehen wollte. Doch jetzt und hier wusste der Schwarzhaarige nicht so recht wie er sich verhalten sollte. Denn wie schon gesagt, er war nicht allein und zwar allein im seinem Bett. Jemand lag neben ihm. Und nicht nur irgendein jemand, sondern Alice. Oh Mann was sollte er jetzt tun?

Seine ganzen schönen Gedanken des Traums waren auf einmal fort und Harry wurde zusehends unsicherer. Er merkte nicht einmal wie Alice sich bewegte und seine Hand in die ihre nahm. „Harry beruhige dich", sagte sie mit leiser Stimme und Harry lief ein Schauder über den Rücken, als er ihren kalten Atem in seinem Gesicht spürte. „Ich werde dir nichts tun. Ich wollte dich doch nur um Verzeihung bitte, für das, was ich getan habe."

„Um Verzeihung bitten?", fragte Harry überrascht und schlug abrupt die Augen auf. Allerdings war er zu mehr dann nicht mehr imstande, da er erst einmal kräftig hustete. Irgendwie hatte er doch glatt vergessen, wie trocken sein Mund war und die wenigen Worte taten ihr Übriges. Hinzu kam, dass seine Zunge immer noch ein wenig geschwollen und steif war und so trieb es dem Gryffindor auch einige Tränen ins Gesicht. Alice setzte sich auf und zog Harry mit sich. Sie klopfte ihm auf den Rücken und dann wurde ihm auch schon ein Glas Wasser an die Lippen gehalten.

„Hier Harry, trink erst mal was. Es ist warmer Kräutertee", erklärte Alice, als Harry die grüne Flüssigkeit beäugte. Das letzte was er jetzt brauchte war ein Schluck Badewasser, so viel stand für den Gryffindor auf alle Fälle fest.

Nachdem es seinem Rachen dann wieder besser ging, kam Harry jedoch wieder auf Alice Aussage zurück und meinte, dass sie sich überhaupt nicht entschuldigen müsste. Es war schließlich ein Unfall gewesen und dafür kann ja niemand etwas. Außerdem war er es ja gewesen, der sie geküsst und sich dann so ruckartig zurückgezogen hatte. Bei letzterem wurde Harry leicht verlegen und Alice fragte sich insgeheim, was denn falsch gelaufen war, was sie falsch gemacht hatte. „Hat dir der Kuss denn nicht gefallen?", fragte sie leicht nervös, ein Gefühl welches sie seit ihrer Verwandlung nicht mehr kannte. Harry schüttelte den Kopf.

„Nein, natürlich hat es mir gefallen und ich würde es jederzeit wied …", Harry unterbrach sich selbst und schaute Alice mit großen Augen an. „Würdest du Harry?", fragte sie und man konnte in ihren Augen ein Funkeln sehen, wie man es lange nicht mehr bei Alice kannte.

„Ähm, ja." Harry fuhr sich nervös über den Kopf und vor einigen Wochen noch wäre seine Hand dabei durch die unordentlichen Haare gegangen, doch heute bereitete ihm diese Bewegung aufgrund der Stoppeln nur Schauder. Schließlich blickte er Alice in die Augen und nahm all seinen Mut zusammen. „Weißt du Alice, ich hab vielleicht nicht ganz so viel Erfahrung wie andere in meinem Alter. Voldemort hat mir dazu nie wirklich Raum gelassen. Aber ich glaub, ich mag dich wirklich gern und … und …"

Für Alice reichte dies völlig aus und sie legte ihren Finger auf Harrys Lippen. Dann nahm sie ihm den Becher ab, stellte ihn zurück auf den Nachttisch und drückte Harry sanft aber bestimmt zurück auf sein Kissen. „Weißt du Harry, Erfahrungen sie dazu da, dass man sie macht." Und mit diesen Worten setzten beide da an, wo sie das Blut und der Schmerz gestern Abend unterbrochen hatte. Alice beugte sich über Harry, ihre rechte Hand ging in seinen Nacken und ihre Lippen verschmolzen wieder. Eines allerdings vermieden die Zwei heute am frühen Morgen jedoch und dass war der Kampf der Zungen. Eine Lingualerektion reichte fürs Erste.

Wie lange die Zwei sich diesmal geküsste hatten, konnte keiner der beiden sagen. Sie gaben sich einfach den Gefühlen hin und genossen die Gegenwart des anderen. Allerdings endete der Kuss erneut abrupt und wieder von Harrys Seite aus, was Alice alarmiert nach Spuren von Blut suchen ließ. Doch sie fand keines, nicht den kleinsten Tropfen und war daher umso verwirrter, warum der Junge in ihren Armen sich wieder so überraschend zurückgezogen hatte. Außerdem schien Harrys Körper wie schon gestern unter einer extremen Anspannung zu stehen und er schaffte er nicht sie anzublicken. Das Gesicht war von ihr abgewandt und der Gryffindor schaute in eine ganz andere Richtung. „Harry?", versuchte Alice ihn dazu zu bewegen, dass er sie anblickte, doch sie bekam nur ein „Bitte Alice, nicht".

Unterbrochen wurde das Ganze jedoch von Emmetts Stimme, die von der Tür her erklang. „Siehst du Dad, sie können es einfach nicht lassen." Und als Alice sich herum drehte und in Carlisles Gesicht blickte, schwang sie sich aus dem Bett wie ein erwischter Teenager. „Carlisle es ist nichts passiert", sagte sie und strich ihr T-Shirt glatt. Harry versuchte dasselbe mit der Bettdecke, ließ es aber im nächsten Moment sein, da er es aus einem bestimmten Grunde nicht konnte.

„Natürlich nicht, mein Engel. Und Harrys geschwollene Lippe kommt vom Kräutertee." Der blonde Vampir klang nicht ärgerlich. Vielmehr schien er amüsiert und stellte sein Tablett mit den medizinischen Instrumenten auf den Nachttisch. Dann bat er Alice um ein wenig Platz und untersuchte seinen Patienten.

„Ja das sieht gut aus, Harry", bestätigte der blonde Arzt das, was Harry selbst für sich schon beschlossen hatte. „Emmett du kannst das Frühstück holen."

Etwas verwirrt schaute Harry dem Vampir hinterher und fragte dann an Carlisle gewandt, wo denn Esme war. Carlisle lächelte und erwiderte, dass seine Frau und auch Rose nach Seattle gefahren waren, um Edward und Bella vom Flughafen abzuholen. Dies schien dann auch für Alice neu zu sein und sie fragte überrascht „Wieso das denn?"

Hierauf wurde Carlisle plötzlich ernst und er antwortete: „Weil Bella sich nicht wohlfühlt. Irgendetwas stimmt nicht mit ihr und ich muss sie so schnell wie möglich untersuchen."

„Daaad!", rief Emmett mit einem vollen Tablett in der Hand und trat durch die Tür. „Wir haben uns doch immer an die Wahrheit gehalten. Also kannst du es ihr auch sagen …" Bevor Carlisle allerdings antworten konnte, entfuhr Alice ein erstickter Schrei. „Neeiinnn!", rief sie laut aus. „Er hat es getan. Er hat sie verwandelt, oder?"

„Nein Alice, hat er nicht", sagte Emmett und grinste breit übers Gesicht. „Aber vielleicht hättest du zu all diesen heißen Dessous auch noch eine Packung Fromms Riesen einpacken sollen. Unser lieber Edward einen Volltreffer gelandet und so wie es aussieht ist Bella jetzt schwanger. Na wie klingt das – Tante Alice?"

„Schwanger? Oh mein Gott, Bella!", war das einzige was Alice dann noch heraus bekam. Carlisle meinte danach, dass er seine Schwiegertochter erst einmal untersuchen müsste, um genaueres sagen zu können und schloss das Thema damit ab. Er wandte sich an Harry und Alice und bedachte besonders seine Tochter mit einem ernsten Blick.

„Alice du weißt, ich mische mich im Grunde niemals in die Beziehungen anderer ein. Ich habe es bei Edward nicht gemacht und werde es bei euch auch nicht tun. Aber hatte ich dich nicht gebeten, Harry nicht zu drängen?"

„Drängen Carlisle? Sie hat mich nicht gedrängt. Ich habe sie zuerst geküsst. Das musst du mir glauben." Harry wäre fast aufgesprungen, um das Mädchen zu verteidigen. Carlisle lächelte daraufhin und erwiderte. „Und wie kommt es, dass du dann den Kuss so abrupt abgebrochen hast, was ja zur ganzen Aufregung des gestrigen Abends geführt hat?"

Harry verstummt und schaute verlegen auf die Decke. Er schaffte es von einem auf den anderen Moment seinem Arzt nicht mehr in die Augen zu blicken. Hinzu kam, dass Alice nun ebenfalls neugierig geworden war und auch leise fragte warum.

Harry hob den Blick nicht. Er konnte es ihnen nicht sagen. Es war ihm einfach zu peinlich. Doch was sollte er machen? Mädchen … Gefühle … zärtliche Berührungen, für ihn war dies alles Neuland und er selbst wusste nicht wieso, aber als er gestern Alice geküsst hatte, ihre Zungen sich berührten, miteinander spielten und er Alice schmeckte, da hatte sein Körper reagiert. Und nicht nur, dass er eine Gänsehaut oder so bekommen hatte. Nein er war hart geworden, so richtig hart und beinahe wäre er auch noch gekommen. Und das beim ersten Kuss. Bei Merlin das konnte er ihnen nicht sagen, nicht Carlisle und schon gar nicht Alice. Was sollte sie nur von ihm denken?

Harry schaute immer noch aufs Bett und seinen Schoss, wo unter der Decke die Reaktion auf den letzten Kuss allmählich verschwand. Allerdings schien Carlisle sich zu sorgen, was mit seinem Patienten war und er legte seine Hand auf Harrys Schulter. „Wollen wir das Gespräch allein fortsetzen? Du weißt schon von Arzt zu Patienten?"

Harry schaute kurz mit rotem Gesicht auf und erblickte dabei das von Alice, die nicht so recht wusste, was mit Harry los war, was ihn möglicherweise bedrückte. Harry auf der anderen Seite schien in einer Zwickmühle. Carlisle war sein Arzt und hatte versprochen, dass er immer zu ihm kommen konnte. Da fiel dem Gryffindor aber ein, dass dies auch für noch einen Vampir galt und sein Blick landete schließlich bei Emmett, der ungewohnt ernst, und immer noch mit dem Frühstück in der Hand, etwas entfernt an der Tür stand. Ohne auf Carlisles Worte zu reagieren fragte er leise: „Emmett, kann ich dich mal kurz sprechen?"

Sein großer Bruder nickte und stellte das Tablett ab. Dann traten Carlisle und Alice etwas zurück, damit Emmett vorbeikam und Harry flüsterte ihm ins Ohr, was ihn gerade beschäftigte. Allerdings wollte er kaum, dass er damit fertig war, auch schon tot umfallen. Denn ein überraschtes „Oooh" von Alice drang an sein Ohr und als sich beide umdrehten, sahen sie zum einen Carlisle, der Harry erstaunt ansah und dann Alice, deren Augen groß waren wie die von Dobby.

„Scheiße", rutschte es dem Gryffindor raus und dann wollte er auch schon aus dem Zimmer rennen. Wie konnte Harry nur so dumm sein? Wie konnte er diese verdammten übermenschlichen Sinne der Vampire, ihr unnatürlich feines Gehör vergessen? Harry hätte sich ohrfeigen können. Wie sollte er vor allem Alice nur jemals wieder in die Augen schauen?

Und eben jene Alice war nun an Harry heran getreten, hinderte ihn aus dem Zimmer zu rennen und nahm ihn in den Arm. „Harry es ist doch nicht schlimm. Es ist doch normal", versuchte sie den Jungen, der ihr mit jeder Sekunde mehr ans Herz wuchs, zu beruhigen. Doch dies schien Harry nur noch schneller verschwinden wollen. Der Gryffindor versuchte sich aus der Umarmung zu befreien. Allein wenn er schon hörte, es sei normal. Denn das war es nicht, konnte es nicht sein. Allerdings schwanden seine Versuche sich zu befreien mit jedem Atemzug, den er nahm und wo er Alice Duft einatmete. Carlisle war in der Zwischenzeit auch an die beiden herangetreten und bat sie sich kurz aufs Bett zu setzen. Dann lösten sich Harry und Alice und das Mädchen kam nicht umher zu schmunzeln, als sie das rote Gesicht von Harry sah. Er musste wohl gerade die Hölle durchmachen.

Allerdings versprach sie sich selbst, dass sie versuchen würde, Harry ein wenig zu helfen, was seine in ihrer Sicht doch übertriebene Verklemmtheit anging. Der erste Schritt dafür kam aber nicht von ihr, sondern von Carlisle, der sich einen Stuhl genommen hatte und Harry musternd anschaute. Harry bemerkte dies und schaute kurz auf und dies nutzte der Vampir.

„Harry ich gebe dir recht. Es ist nicht normal, was dir da passiert." Der Gryffindor schnappte daraufhin nach Luft, denn damit hatte er nicht gerechnet. Aber auch Alice fuhr auf. „Dad!", rief sie, „natürlich ist es normal. Wie kannst du das nur sagen." Dann wandte sie sich schnell an ihren Harry und legte ihren Arm um ihn. „Hör nicht auf ihn, hörst du Harry."

Allerdings bemerkte der Schwarzhaarige etwas in Carlisles Blick, was ihn stutzen ließ und seine Scham, mal vergessend fragte er: „Wie meinst du das? Es ist nicht normal." Carlisle lächelte ihn an und erwiderte: „Nun ich denke, ich weiß, was mit dir los ist. Und um dich ein wenig zu beruhigen, kann ich dir sagen, dass es zum größten Teil gar nicht in deiner Macht steht, dich gegen die Reaktionen deines Körpers zu wehren. Doch um hundertprozentig sicher zu sein, gestatte mir eine Frage …"

Harry schaute den Vampir an und nickte. Carlisle atmete daraufhin tief ein und fragte: „Harry, wie schmeckte Alice?"

„Wie bitte?", entfuhr es dem Gryffindor überrascht und Carlisle wiederholte. „Ich habe dich gefragt wie Alice für dich schmeckt wenn ihr euch küsst. Welchen Geschmack hat deine Zunge aufgenommen kurz bevor du … du … ähm bevor es dich dermaßen erregt hat, dass du den Kuss so abrupt abgebrochen hast?"

Und da war sie wieder, diese peinliche Stille die einherging mit einem knallroten Kopf bei Harry und einem mehr als nur interessiertem Gesicht bei Alice, die Gott dankte, dass Vampire nicht rot werden konnten. Harry musterte wieder seine Füße, während Emmett in der Ecke leise kicherte. Das war zu viel für den Gryffindor. Seine Scham verwandelte sich in leichten Ärger und den Rest der Unterhaltung musste der bullige Vampir kopfüber verfolgen. Und hier ließ Harry auch nicht mit sich handeln.

Es war dann schließlich Alice, die diese Stille durchbrach und zu ihrem Vater sagte: „Dad, das kannst du nicht wirklich fragen. Es ist zu persönlich und geht nur Harry etwas an. Ich habe auch gar keine Ahnung, wieso du das wissen willst."

Carlisle lächelte und erwiderte: „Aus rein wissenschaftlichen Gründen und um heraus zu finden, was mit Harry los ist. Du weißt doch, dass ich mich viel mit den Eigenarten von uns Vampiren beschäftigt habe und als dieses ist unser Gift von wissenschaftlicher Seite her betrachtet schon ein Mysterium, wenn das Gift es doch schafft, einen Menschen zu verwandeln. Und glaub mir, es gibt nicht sehr viele lebende Menschen, denen man eine solche Frage stellen kann. Vampir und Menschen küssen sich nun ja nicht jeden Tag."

„Außer Bella und Edward", warf Emmett ein und Carlisle nickte. „Richtig, außer den beiden. Und auch wenn es dich gleich empört Alice, ich habe Bella diese Frage auch gestellt und möchte nun versuchen, ihre Antwort mit der von Harry zu vergleichen."

„Sie hat geantwortet? Wirklich?", fragte Alice eher überrascht und ihr Dad nickte. „Ja hat sie mein Engel. Allerdings meinte sie auch, dass es nur sehr selten vorkam, dass sie überhaupt etwas Besonderes bei ihren Küssen geschmeckt hat. Und sie betonte dabei ausdrücklich den Geschmack, nicht das Gefühl. Das war ihr sehr wichtig. Nicht dass ich es falsch verstehen würde. Wie dem auch sei, mein Engel. Edward hat wohl die Angewohnheit übermäßig oft sein Gift und seinen Speichel runter zu schlucken, um es für Bella erträglich zu machen. Denn es heißt, dass das Vampirgift für einen Menschen sehr bitter schmecken soll."

Harry hörte dem nur mit halbem Ohr zu. Seine Gedanken rasten immer noch darum, dass er den Dreien eben gebeichtet hatte, was ein Kuss von Alice bei ihm angerichtet hatte. Doch als er sich dann wieder etwas gefasst hatte, überlegte er, wie es Carlisles Frage beantworten sollte und versuchte sich zu erinnern, wie Alice Mund geschmeckt hatte. Ihm kamen dabei wieder die Erdbeeren und der Honig in den Sinn. Etwas, dass Alice bestimmt aufhorchen ließ. Und dann meinte Harry mit nachdenklicher Miene: „Carlisle, es ist schwer zu beschreiben. Doch was ich sagen kann ist, dass sie auf gar keinem Fall bitter, sondern vielmehr nach mehr geschmeckt hat. Ich war fast wie im Rausch und zwar so, wie ich es noch nie gespürt habe oder gewesen bin."

Für Carlisle schien dies als Antwort zu genügen und er lächelte. Dann legte er seine Hände mit gespreizten Fingern gegeneinander, so wie Dumbledore es beim Nachdenken auch manchmal tat und sagte: „Nun meine Lieben, irgendwie scheint la tua cantante für unseren Zirkel ein Familienmuss zu sein."

„Was? Noch ein Sänger?", rief Alice überrascht und schüttelte dann vehement ihren Kopf. „Aber nein Carlisle, das kann nicht sein. Harry ist nicht mein … ich meine sein Blut singt nicht für mich. Ich habe nicht wie Edward bei Bella den Drang über Harry herzufallen …"

„Sah aber eben anders aus", meldete sich Emmett und Harry musste den Vampir bewundern. Er hing nun schon kopfüber in der Luft und konnte sich nicht bewegen. Und doch ließ er einen dummen Spruch ab. Alice quittierte dies mit einem Kissen, welches blitzschnell in Emmetts Richtung flog und ihn am Kopf traf. Dann ging ihr Blick aber wieder zu Carlisle und sie sah ihren Vater erwartungsvoll an.

„Ich weiß mein Engel. Und ich meinte ja auch nicht, dass Harrys Blut für dich singt. Sondern, dass du der Sänger bist. Es wäre dein Blut, welches Harry verrückt machen würde, wenn er ein Vampir wäre und wenn du noch menschlich wärst, also wenn dein Blut noch warm sein und zirkulieren würde. Aber weil es dies nicht mehr tut, hat die Natur etwas anderes geschaffen und zwar dein Gift. Es singt zwar nicht für Harry. Doch das bedeutet nicht, dass es für seine Sinne harmlos ist. Ich denke, es wirkt für ihn wie ein extrem starkes Aphrodisiakum."

„Unmöglich Carlisle", erwiderte Alice, verstummte jedoch sofort als Harry sonderbar aufstöhnte und meinte, dass er schon andere Sachen, die man für unmöglich erachtet hatte, geschafft hätte. Carlisle musste daraufhin lächeln, denn er hatte ja Ernests Akte gelesen.

„Oh doch, mein Engel, es ist möglich und ich bin mir ganz sicher. Und bevor du fragst wieso, erkläre ich es dir. Du weißt doch, dass ich einiges Dekaden in Volterra gelebt habe, zusammen mit Aro, Caius und den anderen Volturi."

Alice nickte und schien sich an ihr letztes Treffen mit der Herrscherfamilie der Vampire zu erinnern. Harry merkte sofort, wie sich das Mädchen verkrampfte. Offenbar waren es keine guten Erinnerungen und nun war es Harry, der Alice Hand nahm und sie drückte.

„Und als ich dort war", fuhr Carlisle fort, „also ich in ihren Reihen lebte, verbrachte ich die meiste Zeit mit einem alten Vampir namens Nathan. Von vielen hatte er auch den Beinamen „der Weise", doch das hatte nichts mit dem Nathan aus der Feder des deutschen Schriftstellers Lessing zu tun. Nein, vielmehr beruht er auf der Tatsache, dass Nathan eine besondere Fähigkeit besaß und zwar die, dass er sich ein enormes Wissen angeeignet hatte. Er konnte sich Unmengen merken, alles was er jemals gelesen oder gesehen hatte, und er konnte es mit einer einzigen Berührung weitergeben."

„So wie Aro sich im Grunde alles mit einer Berührung holen kann?", fragte Alice und Carlisle nickte. „Ja genau so, mein Engel. Daher gehört Nathan auch zur Wache der Volturi. Nur dass seine Aufgabe nicht der Schutz der Volturi selbst ist, sondern der ihrer Geheimnisse, ihres gesamtes Wissens. Aro und seine Brüder, so solltet ihr wissen, verfügen nämlich über einen riesigen Schatz, eine riesige Bibliothek in die niemand außer ihnen selbst hinein darf. Einzige Ausnahme ist eben jener Nathan, der das ganze Wissen behütet. Ich selbst durfte einst nur für eine halbe Stunde in die Vorhalle der Bibliothek und glaubt mir wenn ich sage, dass allein war schon beindruckend. Dort hängen Kunstwerke, die viele schon für verloren hielten."

Als Harry dies hörte fiel ihm sofort Hermine ein und er musste lächeln. Dies entging den anderen nicht und so musste der Schwarzhaarige sich auch erklären. Beim Namen Hermine Granger horchte Carlisle dann auf. Harry tat es aber damit ab, dass der Vampir sich wahrscheinlich nur über den Namen amüsierte. Viele taten dies ja und fragten sich, warum man seiner Tochter einen Namen aus einem Stück von Shakespeare gab.

„Du scheinst ihn gemocht zu haben, diesen Nathan? Ich meine so wie du von ihm sprichst, im Vergleich dazu wie sonst deine Worte wählst im Bezug auf die Volturi, Carlisle", meldete sich Emmett zu Wort und der blonde Vampir drehte sich zu seinem kopfüber hängenden Sohn um.

„Ja, das habe ich auch, Emmett. Mit Nathan konnte man sich gut unterhalten und er verstand sogar meinen Weg und meine Einstellung zu bestimmten Dingen. Er verstand es, warum ich kein menschliches Blut zu mir nahm und gegen das Monster in mir ankämpfte. Denn damals war der Kampf zwischen mir und meinen Instinkten noch lange nicht gewonnen. Auch half er mir beim Studium der Medizin."

„Aber folgen wollte er deinem Weg nicht, oder?", fragte Harry dazwischen und Carlisle schüttelte den Kopf. „Nein Harry, ganz so einfach war es bei ihm nicht. Er hätte vielleicht gewollt, aber nicht gekonnt."

„Wieso?", hakte Harry nach, da es ihn wirklich interessierte.

„Wegen seines Alters, Harry. Nathan war schon sehr alt. Und ich meine nicht sein Dasein als Vampir, sondern seinen menschlichen Körper. Er war so um die achtzig Jahre als er verwandelte wurde. Und das ist ein Alter, welches in der damaligen Zeit kaum ein Mensch erreicht hat."

„Na und, er wäre doch nicht gealtert?", meinte der Gryffindor daraufhin.

„Das nicht Harry, aber das menschliche Blut hilft ihm seinen Körper besser zu regenerieren. Außerdem glaube ich, dass Aro es nicht besonders geschätzt hätte, denn er hatte Nathan schließlich zu dem gemacht, was er heute ist…"

„Aro? Aro war der Vampir, der ihn gebissen hat? Und da bleibt er bei ihm?" Harry verstand es nicht wirklich. Allerdings hob Carlisle beschwichtigend die Hände. „Nein Harry, es ist nicht so wie du denkst. Nathan wurde nicht gegen seinen Willen zum Vampir. Er wollte es um jeden Preis. Allerdings nicht aus niederen Gründen, wie vielleicht Macht oder dem Verlangen zu töten."

„Nicht?", fragte Harry, da er sich nicht wirklich vorstellen konnte, warum ein Mensch sein Leben aufgab, um dann für alle Ewigkeit auf dieser Welt zu wandeln. Nun, Harry kannte bis dahin ja auch noch nicht Isabella Cullen.

„Nein Harry, Nathan sagte mir einst, er habe ein schönes, langes Leben gehabt. Allerdings war der Gute auch besessen vom Wissen. Und ich meine damit jedes Wissen. Er hat jede Schrift und jedes Buch, welches es in der damaligen Zeit gab, gelesen und als sich das gerade neu entwickelnde Christentum dann eines Tages an seiner Familie verging und sie wegen ihrer Ansichten und fortschrittlichen Denkweisen als Hexen und Gotteslästerer umbrachte, da schwor sich Nathan, dass er den Gläubigen eines Tages beweisen würde, wie falsch sie lagen. Allein um des Wissens wegen, wurde er zu dem, was er jetzt ist."

Harry, Alice und Emmett hörten dem blonden Vampir aufmerksam zu. Vor allem die beiden Vampire waren immer fasziniert, wenn ihr Vater aus seinem Leben erzählte und sie mehr über die Geschichte erfuhren als in ihren ganzen Jahrzehnten an der High School. Auch Harry fand es sehr interessant, fragte dann jedoch ob der blonde Vampir eine Lösung für sein Problem hatte.

Carlisle lächelte und erwiderte: „Nun Harry, ich glaube, ich kann dir da nicht wirklich helfen. Du bist ein Teenager und als solches sind diese Reaktionen auf das andere Geschlecht nun mal normal. Versuch einfach damit zu leben und es zu akzeptieren und glaub mir, dein Körper wird sich mit der Zeit nicht mehr so stark bemerkbar machen …"

Harry schaute Carlisle ungläubig an und sein Kopf begann zu glühen. Dann ging sein Blick zu Alice, die genau wie Emmett grinste und er wollte jetzt eigentlich nur noch hier raus. Alice hielt ihn aber wieder fest und zog den Gryffindor an sich heran. „Harry mach' es dir doch nicht so schwer und vertraue mir einfach ein wenig. Ich mag dich, weiß jetzt, dass es an mir liegt und würde dich doch niemals aufziehen. Nein, vielmehr sehe ich es an Kompliment, wenn dein Körper reagiert."

Carlisle nickte zustimmend und weckte dann die Hoffnung bei Harry, als er sagt, dass sich sein Körper wahrscheinlich auch mit der Zeit an Alice Gift gewöhnen würde. Er würde es zwar niemals vollständig neutralisieren können und Reaktionen waren möglich. Dann wiederum lag es aber nun einmal in der Natur des menschlichen Körpers, sich an bestimmte Umstände oder Gifte und Medikamente anzupassen. Harry schaute ihn daraufhin dankbar an und entspannte sich ein wenig.

Carlisle war beim letzten Satz dann auch wieder eingefallen, was er seinen Patienten fragen wollte im Bezug auf die beiden Substanzen in Harrys Blut. Doch da mischte sich Alice ein und sie sagte voller Unglaube: „Aber Carlisle, du kannst doch unser Vampirgift nicht mit einem Medikament vergleichen. Wir töten damit und …"

Der Satz des Vampirmädchens ging im Lachen von Emmett unter. Und als sie ihn empört anschaute, grinste der bullige Vampir noch breiter und sagte: „Warum nicht, Schwesterchen. Vampirgift als Medikament, also das wäre doch mal was anderes. Und wir müssen doch nur die richtigen Konsumenten, also Leute mit Harrys Merkmalen für dein Gift finden. Oh ja, ich kann mir den Slogan auf der Phiole voller Spucke schon richtig vorstellen … Viagranette … oder besser … Alice liquid – für das Ständerchen zwischendurch."

Harry hätte es sich niemals vorstellen können. Nicht bei Alice engelsgleichem Gesicht und ihrer Erscheinung, doch sie sprang plötzlich auf und mit gefletschten Zähnen begann sie den kopfüber hängenden jungen Mann zu würgen. „Du … verdammter … Idiot", fauchte sie jedes Mal wenn Emmetts Kopf gegen die Wand schlug und der Putz absplitterte. Und dem bulligen Vampir schien dies auch noch zu gefallen, denn er lachte sich halb tot dabei.

Harry glaubte nicht was er das sah und auch nicht, als Carlisle zu lächeln begann. „Kinder, ach ja. Sie sind manchmal so drollig, oder Harry?" Der Vampir schien sichtlich amüsiert und wartete noch einige Dellen in der Wand ab, bis er die beiden ermahnte, sich wieder zu beruhigen. Alice tat dies dann auch und als sie zu Harry blickte, der sie immer noch anstarrte, glaubte der Gryffindor in ihrem Gesicht einen Rotschimmer zu entdecken, auch wenn dies nicht möglich sein sollte.

„Sorry", sagte Alice mit entschuldigender Miene, worauf Harry leicht lächeln musste. „Schon okay", erwiderte er, „dann brauch ich ihn nicht mehr zu bestrafen." Was darauf folgte waren Minuten, in denen sich die beiden nur anschauten und keiner den Blick vom anderen nehmen konnte. Das Ganze wurde dann schließlich von Emmett unterbrochen, der sich über das Verhalten der Zwei amüsierte. „Ähm Erde an Harry und Alice. Wir wollten noch was klären, bevor ihr den Orbit verlasst."

„Was? Wie?", zuckte Harry zusammen und Emmett grinste. Eine Eigenschaft, die er seinem großen Bruder noch austreiben würde, wenn er nur wieder bei vollen Kräften war.

„Na ja Harry, wir wollten doch noch klären was „Alliilllii…" und „Öll..ölli…ähh ee" sind". Dabei ächzte der Vampir Harrys Laute von gestern Abend nach und machte sich damit nicht unbedingt Freunde. Carlisle unterband jeglichen Kampf aber sofort und wandte sich an Harry.

„Richtig Harry. Du wolltest uns gestern was erzählen. Denn es sah so aus als wüsstest du oder aber du hast eine Vermutung darüber ist, was sich in deinem Blute befindet, dass so stark ist, dass es unser Gift zu neutralisieren scheint."

Harry musste kurz überlegen, wie er es Carlisle sagte und erwiderte dann. „Nun ich kann es auch nur vermuten, Carlisle. Doch ich denke, dass es sich dabei um die Reste zweier sehr magischer Substanzen handelt, mit denen ich in meinem zweiten Schuljahr in Berührung gekommen bin. Das eine war Basiliskengift und das andere die Tränen von Fawks, Dumbledores Phönix."

„Ein Phönix? Ein richtiger, lebender Phönix?", fragte Carlisle überrascht. „Es gibt sie wirklich?"

Harry nickte und gab den drei Vampiren einen kleinen Überblick über die Geschehnisse seines zweiten Jahres in Hogwarts. Und während Alice und Carlisle den Gryffindor erstaunt, ja fast bewundernd anschauten, war Emmett eher fasziniert vom König der Schlangen. Er fragte sofort, wo man so ein Ding her bekam und ob man gut mit ihm ringen konnte. Harry konnte daraufhin nur mit dem Kopf schütteln.

Carlisle auf der anderen Seite erkannte nun, dass seine über dreihundert Jahre reichende Erfahrung im Grunde nichts war, wenn man die Möglichkeiten der magischen Welt und ihrer Geschichte betrachtete. Harry beobachtete den blonden Vampir aufmerksam und schien zu erahnen, was in Carlisle vorging und auch dass sich in dessen Kopf ein Gedanke, ein Wunsch formte.

Bevor er ihn aber darauf ansprechen konnte, lenkte Carlisle vom Thema ab und meinte, dass sie sich langsam mal daran machen sollten, ihre heutigen Aufgaben zu erledigen. Im Klartext hieß dies, dass Emmett einkaufen fahren sollte, da man für Bella ja auch etwas zu essen brauchte und während Emmett dies tat, würde er selbst ins Krankenhaus fahren um einige Medikamente und Tests zu holen.

Am Ende blieb also nur Alice übrig, die sich um Harry kümmern würde und das störte den Gryffindor ja nur bedingt. Er schaute den beiden Männern hinterher und wartete bis die Tür ins Schloss gefallen war. Erst dann drehte er sich zu Alice um und sie beide schauten sich wieder tief in die Augen. Dabei wurde es Harry wieder etwas komisch im Bauch und er überlegte, wie er anfangen sollte.

Alice kam ihm aber zuvor und mit einer für sich nicht vertrauten Unsicherheit sagte sie schließlich: „Ähm Harry, ich denke, du solltest dich vielleicht erst einmal anziehen. Und dann überlegen wir, wie es weiter geht. Was meinst du?"

„", rasselte es plötzlich zwischen Harrys Zähnen durch und dann senkte er seinen Blick.

Alice starrte ihn an und versuchte zu verstehen, was Harry eben genuschelt hatte. Natürlich hatte sie den Sinn seiner Worte verstanden. Allerdings umspielte ihr Herz daraufhin ein bedrückendes Gefühl. Meinte Harry dies ernst? Doch wohin sollte dies führen? Dies waren wohl die ersten Fragen, die ihr durch den Kopf schossen. Dann wiederum erinnerte sie sich an ihr Gespräch mit Carlisle und wie er ihr gesagt hatte, dass man sich bei manchen Entscheidungen eher auf sein Herz und nicht auf seinen Verstand verlassen durfte. Auch hatte er ihr versprochen, ihr beizustehen und zu helfen, egal wie ihre Entscheidung aussehen würde.

Und mit diesen Worten im Ohr traf sie hier und jetzt ihre Entscheidung. Bevor sie Harry aber antwortete, beschloss sie, dass es Zeit wurde für seine erste Lektion in Sachen Selbstvertrauen und Mädchen. Sie sah den Gryffindor an und sagte mit sanfter Stimme: „Sorry Harry, ich habe dich nicht verstanden. Könntest du es wiederholen?"

Harrys Kopf wurde noch roter und zuerst sah es so aus, als wollte er das ganze vergessen. Doch dann straffte sich seine ganze Haltung, sein Gesicht wurde ernster und er sah Alice tief in die Augen. „Ich habe dich eben gefragt, Alice, ob du meine Freundin sein möchtest. Und bevor du antwortest, ich weiß, dass es ungewöhnlich und gefährlich ist, mit einem Vampir eine Beziehung einzugehen. Doch ich habe keine Angst. Voldemort hat mir gezeigt, das Leben zu leben und zu genießen solange man es kann und auch einmal Risiken einzugehen. Denn man weiß nie, wann man stirbt…"

Nachdem der Satz verklungen war, fiel Harrys ganzes Selbstvertrauen wieder in sich zusammen und er sah nun eher hoffend in Richtung des quirligen Vampirmädchens. Dieses ließ die Worte des schwarzhaarigen Jungen noch einige Moment auf sich wirken, bevor sie begann zu lächeln und sich zu Harry vor beugte. Sanft legte sie ihre Lippen auf seinen Mund und küsste ihn. „Natürlich will ich das, Harry", hauchte sie bevor ihre rechte Hand hinter Harrys Nacken glitt und sie ihn noch näher an sich heran zog. Die nächsten Minuten trennten sich ihrer beider Münder kaum noch, höchstens zum Atmen. Und aus den Minuten wurden Stunden und schließlich meldete das Kratzen des Schotters vor dem Haus, dass entweder Carlisle oder aber Emmett mit dem Wagen vorgefahren war. Damit hieß es erst einmal die Knutscherei zu beenden und für Harry, dass er sich endlich anzog.