Kapitel 16
Der Störenfried, der Harrys und Alice Zweisamkeit unterbrochen hatte, war Carlisle gewesen. Zurück aus dem Krankenhaus bereitete er nun alles vor, um seine Schwiegertochter untersuchen zu können. Das frischvermählte Paar würde, wenn alles glatt ging wohl so gegen sechs Uhr am Abend hier zuhause eintreffen. Eine Tatsache, die bei Harry die Anspannung wachsen ließ. Denn er war schon mächtig neugierig auf die beiden letzten Familienmitglieder der Cullens. Allein schon wenn man den Geschichten von Emmett Glauben schenken wollte. Obwohl ein wenig Sorge machte sich der Gryffindor auch. Carlisles Gesicht über eine mögliche Schwangerschaft hatte Bände gesprochen und so etwas wie Sorge hatte Harry bisher im Gesicht des blonden Vampirs noch nicht gesehen.
Jetzt aber stand Harry erst einmal am Fenster und schaute hinaus in den dunklen, fast majestätisch anmutenden Wald. Dafür öffnete der Gryffindor sogar sein Fenster, um auch etwas von der reinen Luft der Natur abzubekommen. Alles in seinem Blickfeld erinnerte ihn an die Ländereien rund um Hogwarts und soetwas wie Heimweh wuchs langsam in Harrys Brust. Doch um dies zu schaffen, um in sein wirkliches Zuhause zurückzukehren, musste er erst vollends genesen sein und daher hatte Harry auch schon seine Sportsachen, sprich den Jogginganzug, an.
Leichtes Ausdauer- und Gehtraining stand heute auf dem Plan damit die Muskeln im Beckenbereich, welche ja durch die Brüche und die anschließende Operation auch extrem geschwächt worden waren, wieder an Kraft gewannen. Ein letzter Blick ging aus dem Fenster hin zum satten Grün und den ganz weit oben zu erkennenden Sonnenstrahlen. Harry fragte sich, wie schön es doch wäre, gerade diese jetzt über seine Haut wandern zu lassen. Würde es sich warm anfühlen? Oder würde er sich leicht verbrennen? Seine Haut war ja noch nicht wieder zur ihrer alten Form „gereift". Ein Schauder überzog seinen Arm und eine leichte Gänsehaut bildete sich allein schon bei dem Gedanken.
Doch dies verging auch rasch wieder und Harry wollte sich gerade niedergeschlagen umdrehen, als ihn ein kühler Hauch im Nacken streifte. Dann drückte sich jemand von hinten sanft an heran und eine warme Stimme fragte: „Ist alles in Ordnung Harry?"
Es war Alice, die einmal mehr ohne, dass es der Gryffindor gemerkt hatte, an ihn heran getreten war und nun auf den Zehnspitzen stehend leichte Küsse auf Harrys Hals platzierte. Sanft geschah dies, sanft und doch prickelnd für Harry, wobei das Vampirmädchen das Kribbeln noch verstärkte, da sie ihre Arme um Harrys Körper schlang und ihn förmlich gefangen hielt. Als dann aber ihre Küsse immer weiter in Richtung von Harrys Halsschlagader kamen, da zuckte der Schwarzhaarige dann doch kurz und verkrampfte sich leicht.
„Schsch Harry, entspannt dich und vertraue mir doch einfach ein wenig. Du solltest wissen, dass Vertrauen für mich in einer Beziehung das Wichtigste ist." Sanft hauchte sie diese Worte in Harrys Ohr und küsste dabei sein Ohrläppchen. Nichts lag ihr fernen als Harry zu ängstigen. Natürlich war dem Vampirmädchen bewusst, dass es neben Harrys Unerfahrenheit auch noch den Punkt ihrer eigenen Natur gab, welche den Jungen vielleicht etwas unsicherer mit der ganzen Sache umgehen ließ. Obwohl sie dann wiederum zugeben musste, dass das Verhalten des Gryffindors, seine Unschuld und wie sein Herzschlag auf ihre Berührungen reagierte auch einen gewissen Reiz hatte. Harry war so viel anders als Jasper und dies gefiel ihr, obwohl sie die Zeit mit ihrem früheren Partner niemals missen wollte.
Schließlich aber gab Harry seinen Gefühlen nach und die Verspannung in seinem Körper löste sich. Er atmete tief durch und Alice lächelte, als sie spürte, dass sich auch der Herzschlag ihres Freundes beruhigte. Allerdings bemerkte sie auch den leicht wehmütigen Glanz in Harrys grünen Augen und wie er so zum Himmel und vor allem zur Sonne schaute. Ja, heute war mal wieder ein sonniger Tag im Staate Washington. Etwas, das sehr selten war und was die Cullens sonst nicht wirklich glücklich sein ließ, da sie sich dann nicht so frei bewegen konnten.
Diesen Umstand aber mal beiseite schiebend kam Alice dann eine Idee im Bezug auf Harrys Gesicht und wie man etwas dagegen tun könnte. Zwar bedeutete dies, dass sie einerseits das Training mal Training bleiben ließ, andererseits aber auch, dass sie ihr kleines Geheimnis was ihren Körper, ihre Haut und die Reaktion auf das Sonnenlicht verraten würde. Doch das war ein Umstand mit dem Alice leben konnte. Ihr Blick wanderte über Harrys Körper und seine Klamotten und nachdem sie die für okay befunden hatte, trat sie an ihren neuen Freund heran und sagte: „Halt dich fest Harry und vertrau mir. Ach … und noch was, mach lieber den Mund zu."
Harry schaute für einen Moment verwundert, wurde dann aber sanft gepackt und landete huckepack auf Alice Rücken, ein Anblick der nun wirklich nicht passte, da Harry trotz dass man immer sagte, er sei schmächtig, er Alice um fast einen halben Kopf überragte. Bevor der Gryffindor dann jedoch noch fragen konnte, was Alice vor hatte, fühlte er sich aber auch schon so, als würde er wieder auf seinem Besen sitzen und durch den Wald fliegen. Wobei ihre kleine Reise zuerst mit einem für Harrys Verhältnisse schon gewagtem Sprung aus dem Fenster begann und dann in einer atemraubenden Geschwindigkeit durch das satte Grün der fork'schen Wälder weiterging.
Enden tat das Ganze für Harry aber ebenso schnell wie es begonnen hatte und der Gryffindor immer noch leicht vom Rausch benommen, hätte fast wie ein kleines Kind gerufen … „nochmal, nochmal". Doch Harry verkniff es sich, da er im nächsten Moment allein dastand. Allein und auf einer Lichtung die man nur mit einem Worte beschreiben konnte … traumhaft.
Blumen in den schönsten Farben und Formen von Mutter Natur gemalt und sattes, grünes Gras, welches sich im leichten Sommerwind hin und her wog. Allerdings fühlte Harry trotz all der Schönheit um ihn herum, dass etwas fehlte und dieses „Etwas", nein dieser „Jemand" war Alice, die kaum dass sie im Licht der Sommersonne gelandet waren einen Abstand zwischen sie beide gebracht hatte und nun im Schatten der Bäume stand. Alarmiert schaute Harry in Richtung seines Engels und fragte besorgt: „Alice was ist los?"
„Es ist alles in Ordnung Harry. Es droht keine Gefahr", versuchte Alice Harry zu beruhigen. Ihre Stimme blieb dabei aber leicht gespannt und sie sagte weiter: „Aber es gibt da noch etwas, dass du über mich, über uns Vampire wissen solltest. Es gibt einen Grund warum wir uns nicht im Sonnenlicht zeigen. Und ich meine damit nicht, dass wir zu Asche verbrennen." Und während sie dies sagte, trat sie langsam auf die Lichtung hinaus.
„Bei Merlin", entfuhr es Harry und er musste leicht die Augen zukneifen bei dem was er sah. Weil abwenden konnte er seinen Blick einfach nicht. Das Bild, welches sich bot, war einfach nur atemberaubend, schon von dem Moment an, wo Alice ins Sonnenlicht trat und ihre Haut begann wie ein riesiger Diamant zu funkeln oder besser so als wäre sie mit tausenden dieser kleinen Schätze besetzt. Harry war sich sicher, dass er diesen Anblick wohl niemals in seinem Leben wieder vergessen würde.
Allerdings brachte das Fehlen einer Reaktion oder eines Wortes seitens Harrys Alice dazu sich etwas unsicher zu fühlen ob sie das Richtige getan hatte. Dann jedoch bewegte sich Harry und er überbrückte den Abstand zu seiner Freundin. Er schaute sie mit immer noch leicht zusammen gepressten Augen an und sagte: „Alice du bist … bist … wow. Ich glaube mir fehlen die Worte. Obwohl der Satz, du strahlst wie ein Diamant läge mir zwar auf der Zunge. Doch das wäre jetzt wohl etwas plump und billig, oder?"
Alice begann zu lächeln und legte ihren Arm um Harry. Sie zog ihn zu sich runter und dann drückte ihm auch schon sanft ihre Lippen auf den Mund. „Danke", flüsterte sie und nachdem beide ihre Augen geschlossen hatten und sich ihren Gefühlen hingaben, sanken ihre zwei Körper auf den Boden und damit auf das weiche Bett aus Gras und Blumen.
Wie lange sie so gelegen hatten, würde wohl keiner der Zwei später sagen können. Einzig dass Harry ab und an Luft holen musste, zeigte ihnen, dass sie nicht träumten. Schließlich aber legte Alice ihren Kopf auch Harrys Brust und hörte dem Herzschlag zu, während ihr Freund den Mut besaß seine Hand durch ihr Haar zu streichen und dann sogar ihren Rücken hinab.
Kurz vor Alice Hosenbund war dann aber Schluss. Zum einen da Harry sich selbst etwas erschreckte, als er ihren Gürtel berührte und seine Hand wegzog und zum anderen, da genau in dem Moment wo er diese Stelle berührt hatte, Alice Mobiltelefon sich meldete und zwar mit einem Klingelton, der an einen ausgelösten Alarm erinnerte.
Leicht sauer über den wirklich unpassenden Moment des Anrufs und innerlich fluchend griff sie das Handy und hätte es am liebsten zertrümmert. Endlich hatte sie Harry mal soweit, dass er etwas aus sich heraus ging, da störte auch schon jemand. Alice schaute auf das Display und las den Namen „Charlie Swan". Etwas verwundert ging sie ran: „Ja Charlie, was gibt's?" Doch alles was sie zu hören bekam war ein Rauschen und Knacken und die abgehackte Stimme von Bellas Dad. Ein kurzer Blick auf das Display erklärte dann auch diesen Umstand, denn hier auf der Lichtung gab es so gut wie keinen Empfang.
„Na toll, kein Netz", fluchte Alice und Harry schaute sie verwirrt an. Muggelerfahrungen hin oder her, aber was das Mobilfunknetz der nichtmagischen Menschen betraf, nun da hatte Harry nicht wirklich Erfahrung. Selbst Onkel Vernon hatte sich immer gegen diese neue Masche des Telefonierens gewehrt. Auch wenn es manche als besonderen Status ansahen so ein neues Gerät mit sich rum zu schleppen.
Und weil Alice Harrys Blick richtig zu deuten schien, erklärte sie schnell: „Weißt du Harry, nicht überall kommen die Funkwellen an. Besonders im Wald und hier auf der Lichtung scheint ein Funkloch zu sein. Bleib doch einfach noch kurz hier liegen, ich renne in der Zwischenzeit mal kurz da hoch auf den Berg um einen besseren Empfang zu bekommen. Wer weiß was Charlie will. Er ruft sonst eigentlich nicht so grundlos an."
Harry blinzelte kurz und nickt. „Beeil dich aber", fügte er noch hinzu und dann war Alice auch schon weg. Zeit um seine Gedanken etwas zu ordnen und um gegen das Vampirgift anzukämpfen, denn egal wie bequem so eine Jogginghose war, sie hatte auch ihre Grenzen. Daher legte sich Harry auf den Rücken, schloss die Augen und ließ seine Gedanken schweifen, wobei ihn der Duft der Natur vor allem an Hogwarts denken ließ.
Der Weg den nächsten Hügel hinauf und bis zu einer Stelle wo die Bäume nicht ganz so dicht standen, nun dafür benötigte Alice keine dreißig Sekunden. Elegant schwang sie sich dann noch auf einen der hohen Bäume und wählte dann mit der Kurzwahl Charlies Nummer. Immer noch fragte sie sich, was der Polizeichef von Forks von ihr wollte. Hoffentlich war nichts mit Bella passiert. Und als sie dies so dachte, merkte Alice wie oft sie sich doch auf ihre Gabe verlassen hatte und mit dem Wissen um die Zukunft unbeschwert durchs Leben gegangen war.
„Swan", klang die tiefe Stimme von Bellas Dad.
„Hey Charlie, ich bin's Alice. Tut mir leid, aber ich hatte im Wald gerade ganz bescheidenen Empfang", meldete sich Alice und hörte überrascht wie Charlie leicht die Luft einzog.
„Im Wald Alice? Wo im Wald bist du genau?", fragte er und man konnte eine leichte Besorgnis heraus hören.
„Nun ich bin auf der Lichtung südlich von unserem Haus. Du weißt schon so gute vier Meilen von Forks weg und in der Nähe des Flusses", erklärte Alice und das Nächste was sie hörte war, dass Charlie leise fluchte.
„Verdammt Alice, das ist gar nicht gut. Nein verdammt, es ist gefährlich dort. So ein paar betrunkene Hobbyjäger aus der Stadt haben heute Morgen, trotz Schonzeit ein Bärenweibchen angeschossen und verletzt. Und das Tier ist nun genau in deine Richtung unterwegs. Die Idioten haben es regelrecht in Richtung Forks getrieben bevor ich sie erwischt habe."
„Eine Bärenweibchen?", fragte Alice überrascht und hob unbewusst den Kopf. Sie sog tief die Luft ein und versuchte die Gerüche der Umgebung zu sondieren.
„Ja Alice ein Weibchen, riesig wenn du die Abdrücke ihrer Pranken im Schlamm als Maßstab nimmst. Hörst du, das Tier ist verletzt und gefährlich. Mach dass du da weg kommst und zwar so schnell wie möglich. Ich habe schon mit einigen der Jungs im Ort, die ein Gewehr haben, gesprochen, damit sie mir bei der Jagd helfen. Doch ein Großteil ist noch mit den Aufräumarbeiten an der Absturzstellen des Flugzeugs beschäftig. Und aus dem Reservat kommt leider auch keiner. Sam Uley wollte sich mir zwar anschließen, doch Billy hielt ihn komischerweise davon ab und meint, sie könnten mir nicht helfen, da sie die Gegend um euer Haus herum nicht betreten dürfen. Ich hab keine Ahnung was dies soll. Du vielleicht Alice? Na ja, das kläre ich später mit Billy. Forks Sicherheit geht vor."
Natürlich hatte der quirlige Vampir eine Ahnung warum sich die Wölfe weigerten. Doch das konnte sie Charlie natürlich nicht sagen. Jedenfalls nicht, ohne dessen heile Welt von Forks für immer zu zerstören. Im nächsten Moment passierten dann zwei Dinge. Das eine war, dass die Verbindung zu Charlie abriss und das andere wie eine Windbö, die aufkam und Alice Nase plötzlich etwas auffing, dass sie entsetzt aufblicken ließ. Es war der Geruch von Blut … Bärenblut. Und was viel schlimmer war, war die Richtung aus welcher der Geruch kam. Blitzschnell rannte Alice los und hatte nur noch einen Gedanken im Kopf … Harry.
Harry lag immer noch auf der Wiese und genoss die leichte Brise, welche über seinen Körper hinweg wehte. Seine Gedanken waren die letzten Minuten zwischen so vielen Dingen hin und her gesprungen. Da waren Ron und Hermine, seine besten Freund gewesen und wie sie die letzten Jahre in Hogwarts, dem Ort, welchen er als sein Zuhause ansah, verbracht hatten. Dann sah Harry plötzlich Onkel Vernon im Fernsehsessel vor sich und auch Petunia, wie sie hinter der Gardine stand und die Nachbarschaft beobachtete. Ein Bild was es in seiner Kindheit so oft gesehen hatte und das es wohl nie wieder geben würde. Denn seine Verwandten waren tot.
Harry ließ die Augen geschlossen und atmete tief. Sein Magen verkrampfte leicht, als ihm bewusst wurde, dass es die Dursleys wirklich nicht mehr gab. Sie waren seine Familie gewesen … ja doch … irgendwie. Allein schon diesen Gedanken konnte Harry einfach nicht abstreifen. Denn auch wenn seine Tante, oder Onkel Vernon, ihn nie wie ihren eigenen Sohn behandelt hatten, auch wenn sich Vernon immer beschwert hatte, was er, Harry, für eine Belastung für die Familie war, so musste Harry sich im Nachhinein und mit dem Wissen, welches er jetzt hatte, eingestehen, dass Dumbledore mit einer Aussage recht hatte. Die Dursleys mochten ihn vielleicht nicht geliebt haben oder gar gewollt. Und dennoch hatten sie ihn als Bay bei sich aufgenommen.
Eine Tatsache, die der Gryffindor nicht abstreiten konnte und die, wenn man die ganze verworrene Sache mit der Prophezeiung und dem Schutz seiner Mutter mit in Betracht zog, ihm das Leben gerettet hatte. Denn eines wurde Harry nun klar. Wäre er nach dem Tod seiner Eltern zu einer Zaubererfamilie in Pflege gekommen, so hätte ständig die Gefahr bestanden, dass sich die noch verbliebenen Todesser für den Sieg über ihren Herren rächen würden. Nevilles Eltern waren ja der beste Beweis dafür, wozu diese Monster fähig waren.
Harrys Gedanken wanderten weiter durch seine Geschichte und sein Herz verkrampfte sich ein weiteres Mal, denn nun sah er plötzlich Sirius vor seinem inneren Auge und wie dieser gekämpft hatte, um seinen Patensohn zu schützen. Und Harry sah ein weiteres Mal wie Sirius durch den mysteriösen Torbogen, oder wie es ein Mitarbeiter des Ministeriums genannt hatte, den Schleier des Todes fiel.
Harry wollte lauthals schreien, doch keine Silbe kam über seine Lippen. Nein vielmehr änderte sich die Szene wieder und nun blickte Harry in die Augen seines Engels. Er sah sich Alice gegenüber und wie sie ihn hielt, hielt, damit er nicht unterging. Und er sah, wie sich ihrer beider Lippen zum ersten Mal berührten.
„Oh man Potter, wie hast du das nur wieder geschafft? Verliebst dich in einen Vampir …" – Weiter konnte Harry seinen Gedanken nicht führen, denn ein Geräusch von links ließ ihn aus seinen Gedanken zurückkehren. Er lächelte, ließ die Augen geschlossen und wollte gerade sagen, dass Alice sich nicht anzuschleichen bräuchte. Doch was er dann erblickte, als Harry seine Augen öffnete, ließ sein Blut und seinen Körper erstarren. Alles was er noch sah war eine riesige braune Fellmasse, die sich keine drei Meter vor ihm aufbäumte und mit einem Ohren betäubendem Gebrüll das Ende seines Lebens in Aussicht stellte.
„WOAAAHHH", entfuhr es Harrys Kehle und er versuchte panisch nach hinten zu krabbeln. Doch viel Glück hatte er damit nicht. Sein Körper wollte nicht, war noch zu erstarrt, um überhaupt etwas tun zu können. Bevor ihn aber die Pranke der Bärin erwischen konnte, wurde diese jedoch plötzlich mit voller Wucht aus seinem Blickwinkel geschleudert. Wild brüllend überschlug sich der riesige Fleischberg mehrfach, bevor er gut dreißig Meter weit entfernt liegen blieb.
Harry, der die Augen geschlossen hatte und dem Tode entgegen sah, riss diese wieder auf und schaute sich um. Zuerst erblickte er die Bärin, die immer noch leicht benommen wirkte und dann drehte Harry seinen Kopf noch ein Stück weiter, um zu erkennen, wer ihn gerettet hatte. Der Anblick welcher sich ihm nun aber bot, den würde er wohl niemals wieder vergessen.
Sein Retter, oder besser seine Retterin war keine Geringere als Alice und sie befand sich keine zehn Meter weit entfernt von der Bärin. Und anders als bei der, musste ihre Landung alles anderes als plump gewesen sein. Nein Harrys Freundin hockte grazil lauernd auf dem Boden, das rechte Bein ausgestreckt und ihr ganzer Körper in Anspannung. Leicht federn fixierte Harrys geliebter Engel, der nun allerdings eher einem Todesengel glich, ihren Gegner. Die Augen, welche jetzt schwarz leuchteten, nicht mal für eine Sekunde von der Bärin nehmend.
Diese brauchte aber auch nicht sehr lange um wieder klar zu werden und brüllte nun in Richtung Alice. Sie schien in ihrer tierischen Logik zu entscheiden, wer wohl ein leichteres Ziel für sie sei und entschied sich für den kleineren der beiden Zweibeiner… für Alice. Ein Fehler wie es sich keine fünf Sekunden später herausstellte. Denn kaum hatte die Bärin ihr Opfer erwählt und war in Alice Richtung losgestürmt, kam auch Bewegung in deren Körper. Blitzschnell rannte Alice los. So schnell, dass Harry nur schemenhaft etwas erkennen konnte. Doch Alice schien ihr Wesen, ihren natürlichen Jagdinstinkt vollends heraus zu lassen und das nächste, was Harry mitbekam oder besser hörte, war ein lautes, schmatzendes und bei näherer Überlegung reißendes Geräusch und dann auch schon einen dumpfen Aufschlag, der den Boden der Lichtung leicht zum Beben brachte.
Harry versuchte immer noch zu begreifen was geschehen war und starrte auf den riesigen, blutenden Körper der Bärin. Wobei komplett war dieser gar nicht mehr. Alice war nämlich mit einer geschmeidigen Bewegung über die riesige Bärin gesprungen und hatte mitten im Flug deren Kopf gepackt. Und diesem Ruck, dieser abrupten Bewegung völlig entgegen der Richtung in die sich der Rest des massigen Körpers eigentlich bewegte, konnten Fell, Fleisch und Wirbelsäule nichts entgegenbringen und somit riss Alice der Bestie im wahrsten Sinne des Wortes den Kopf ab.
Die Sekunden verstrichen und Harry stand einfach nur da. Alice, seine Alice, hatte ihn gerettet und das mit ihren bloßen Händen. Er konnte es immer noch nicht fassen. Er wollte sofort zu ihr, um sie in seine Arme zu schließen. Doch da geschah etwas, das sich wohl genauso in seine Erinnerungen brennen würde, wie der Kampf von eben. Denn Alice, die wohl den gleichen Gedanken hatte wie ihr Freund, wurde im nächsten Moment von ihren Instinkten übermannt.
Offenbar gesteuert von diesen, dem Adrenalinrausch in ihrem Körper und dem Duft des Blutes getrieben, rannte sie zum toten Körper der Bärin und versenkte ihre Zähne in deren klaffender Wunde. Sie schien völlig die Welt um sie herum zu vergessen und trank Schluck für Schluck das Blut des Tieres. Harry konnte erneut nur eines tun und starrte.
Minuten vergingen. Minuten in denen der Gryffindor nicht wusste, wie er sich verhalten sollte. Konnte er zu seiner Freundin hinüber gehen und sich für die Rettung zu bedanken? Oder würde sie ihn als Bedrohung, als Futterdieb ansehen? Harry hatte ehrlich keine Ahnung und blieb daher erst einmal entfernt stehen.
Alice auf der anderen Seite gab sich völlig ihrem Wesen hin und genoss ihren Sieg, ihre Beute. Ein wirklich erhabenes Glücksgefühl durchströmte ihren Körper. Ihr Gehirn durchfuhren nur zwei Gedanken. Sie hatte ihn gerettet. Sie hatte ihren Harry, ihren Liebsten gerettet. Und natürlich eine zweite Idee … Emmett wird sich totärgern. Ein Lächeln schlich sich auf Alice Gesicht. Doch dieses erstarb keine drei Sekunden später, als sie aufblickte und Harrys erstarrten, vermeintlich verschrecktes Gesicht sah. Im nächsten Moment schien für sie eine Welt zusammen zu brechen und mit einem zunehmenden Gefühl von Angst und Ekel vor sich selbst durchfuhr nur ein einziger Gedanke ihren Geist… Was habe ich getan? Alice ganzer Magen verkrampfte sich und sie wollte sich übergeben. Harry konnte sie nur noch hassen, musste angewidert sein und vielleicht sogar Angst vor ihr haben. Sie hatte in nur einer Minute alles kaputt gemacht, alles verloren.
Panik umschloss ihr Herz und sie schaute sich hastig um. Sie musste hier weg. Sie musste ganz schnell hier weg und mit einem Gesicht der Trauer wollte sie sich umdrehen und loslaufen. Alice vernahm noch nicht einmal ihren eigenen Namen, als Harry ihn rief. Doch kaum dass sie sich aufgerichtet hatte und ihre Muskeln sich anspannten um los zu sprinten, da musste Alice plötzlich erkennen, dass sie nicht vom Platz kam. Irgendetwas, eine unbekannte Kraft hielt sie zurück und als Harrys Freundin sich umdrehte, bemerkte sie Harry und seinen ausgestreckten Arm und das Leuchten welches von seiner Handfläche ausging.
Harry auf der anderen Seite schien Alice Gefühle, ihre Gedanken förmlich zu spüren und hielt sie davon ab weg zu rennen. Langsam humpelte er zu seiner Freundin hin, konzentrierte sich auf den Lähmzauber und legte dann seine Arme um sie. „Nein Alice, tu es nicht. Lauf nicht weg … nicht wegen dem, was du getan hast. Weißt du noch, was du selbst gesagt hast ? Weißt du noch, was dir am wichtigsten ist in einer Beziehung … Vertrauen ? Und nun möchte ich, dass du auch mir vertraust."
„Aber Harry …", flüsterte Alice leicht zweifelnd.
„Kein aber. Das bist nun einmal du, dein Wesen, deine Art. Ich weiß, was du bist und auch was du isst. Und ich fühle mich nicht angeekelt oder so. Eyh…" - Harry lachte jetzt regelrecht auf, als erinnerte er sich an etwas. „Ich meine, ich habe Ron's Essmanieren überlebt, da kann mich das eben nicht wirklich schocken. Obwohl die Klamotten kannst du wohl weghauen."
Alice von Harrys ungewohnt komischen Kommentar überrascht, schaute an sich hinab und bemerkte all das Blut auf ihren teuren Sachen. Etwas, dass es in so vielen Jahrzehnten der Jagd nicht mehr gegeben hatte. „Da hast du wohl recht." Nun musste auch Alice leicht schmunzeln, hatte Harry ihr doch schon einige Episoden über seinen besten Freund erzählt, und eine nicht zu übersehende Erleichterung machte sich in ihrem gesamten Körper breit. Überglücklich legte sie ihre Arme um Harry. Sie wollte ihn einfach nur halten, ihm danken dafür dass er sie so nahm, und beide versanken in einen Kuss voller Liebe und Leidenschaft. Nun ja … jedenfalls so lange bis Harry sich plötzlich abrupt von Alice löst, sich abwand und dann der Welt lauthals zeigte, was Esme ihm alles heute zum Frühstück gemacht hatte.
Ohne ein besonderes Anzeichen übergab sich der Gryffindor mit einem Male und Alice schaute ihn besorgt an. Hatte er sich wieder an ihren Zähnen verletzt? War sie zu forsch gewesen? Jeder Versuch eine Frage zu starten wurde mit einer erhobenen Hand seitens Harrys unterbunden. Und erst als dieser dann endlich fertig war und mit seinem Ärmel die Überreste des Erbrechens wegwischte, grinste er Alice schelmisch an. „Weißt du Schatz, ich habe nichts gegen deine Diät. Doch ein Rachengold jetzt mal `ne Maßnahme."
Alice brauchte noch einen Moment um zu verstehen. Doch dann hielt sie entsetzt ihre Hand vor den Mund und sagte sie leise: „Sorry". Wie konnte sie das nur vergessen. Gerade eben hatte sie mehr als zwei Liter Bärenblut getrunken, ihre Klamotten sahen furchtbar aus und der Geschmack aus Gift und Lebenssaft, der bei ihr die Glückshormone ausschütten ließ, musste für Harry wohl genau das Gegenteil bewirken. Nein, das mit dem Knutschen konnte sie bis heute Abend wohl vergessen.
Harry versuchte unterdessen sich etwas vom Thema abzulenken und betrachtete die Überreste der Bärin. „Wow Alice, du hast ihn wirklich besiegt. Ich meine … mmh … das Tier ist riesig …"
„Jepp Harry … und ein Weibchen, ein verletztes Weibchen … glaub mir Emmett wird Rotz und Wasser heulen, wenn ich ihm das erzähle." Für die nächsten Minuten war die Lichtung vom Lachen erfüllt und es erstarb erst, als Alice meinte, es wäre Zeit nach Hause zurück zu kehren. Schließlich wollten sie ja vor Edward und Bella da sein. Und dann mussten sie sich ja noch umziehen. So könnte sie ihrem Bruder auf gar keinem Fall unter die Augen treten. Daher hieß es für Harry wieder Huckepack zu reisen und mit einem Lächeln genoss er den kurzen Trip so als würde er auf seinem Besen fliegen.
