Kapitel 28
„Deine Temperatur ist noch ein wenig erhöht, Hermine. Doch ich gebe dir gleich etwas und dann solltest du es heute noch ein bisschen ruhiger angehen. Ok? Keine gesprengten Türen und kein Kampf mit Emmett."
Carlisle lächelte seine junge Patientin an, als diese leicht verlegen weg schaute. Natürlich war ihr der erste Auftritt bei den Cullens noch peinlich. Doch sie hatte wirklich geglaubt, dass ihr bester Freund in Lebensgefahr schwebte. Henry Granger, der mit bei der Untersuchung dabei war, verbarg sein Lachen jedoch nicht so gekonnt und erntete dafür einen bösen Blick seitens seiner Tochter. Dann aber erwiderte Hermine: „Aber raus darf ich, oder? Jacob wollte mich nachher abholen und mich seinem Vater vorstellen."
„Ach wollte er das?", fragte Henry streng, wobei das immer noch mitschwingende Lachen die Autorität seiner Stimmer gänzlich untergrub.
„Ja Dad, sein Vater ist schon sehr gespannt und ich glaube nicht nur er. Prägen ist bei Quileute eine große Sache und demzufolge glaube ich, will Jacob mich nicht nur seinem Dad, sondern auch dem Rest des Stammes vorstellen. Also bitte Dad, darf ich gehen?"
Hermine hatte dabei ihren Dackelblick aufgesetzt und Henry konnte gar nicht anders, als es ihr zu erlauben. Etwas, dass mit einer stürmischen Umarmung von Hermine belohnt wurde. „Danke!", rief sie voller Freunde und dann wurde Henry zum ersten Mal schmerzhaft bewusst, dass sein kleiner Engel gar nicht mehr so klein war. Hermine unterschätze ihre Kraft und beide Grangers fielen im Zuge der stürmischen Umarmung vom Sessel.
„Autsch", jaulte Henry, da er voll auf dem rechten Arm gelandet war und „Auwahh", sagte auch Hermine. Wobei ihre Verletzung, die gefährlichere von beiden war, wenn man bedachte, wer sich noch im Raum befand. Hermine war nämlich mit dem Knie aufgeschlagen und hatte, da sie sich wegen der Untersuchung nicht ständig umziehen wollte und daher nur dem Morgenmantel über ihren kurzen Schlafanzug gezogen. Und das rächte sich nun beim Kontakt mit Carlisles Bibliotheksparkett.
Es dauerte keine Sekunde und Blut trat hervor. Entsetzt schaute die Hermine zu Carlisle. Doch wo sie nun gedacht hätte, sie würde den blonden Vampir reizen, da lächelte Carlisle nur, half zuerst Henry in den Sessel zurück und danach ihr auf. Hermine ließ ihn dabei keine Sekunde aus den Augen und blendete sogar den Schmerz aus. Erst als Carlisle ihr etwas Verbandsmull auf die Wunde drückte, sog sie schmerzhaft die Luft ein.
„Na lass die Wunde mal nicht Jacob sehen. Sonst denkt er noch, wir waren das." Carlisle grinste förmlich und Hermine schaute ihn verlegen an. So hatte sie sich ihre Untersuchung nicht vorgestellt. Auf der anderen Seite bewunderte sie Carlisle für seine Selbstbeherrschung.
Zwei Minuten später war Hermines Knie dann versorgt und Carlisle verbrannte die blutigen Tupfer mit etwas Alkohol in einer Nierenschale. Nun konnte er sich um Henry kümmern, doch der wiegelte ab und meinte, es war nichts passiert und es würde wohl nur einen blauen Fleck geben. Carlisle ließ es dabei beruhen und holte die Tabletten für Hermine, damit ihre Temperatur wieder nach unten ging. Allerdings bemerkte er dabei, wie das Mädchen vor seinem riesigen Bücherregal stand und seine Sammlung mit großen Augen bewunderte.
„Du mag wohl Bücher Hermine, oder?", fragte Carlisle, während Henry von rechts her gluckste.
„Ähm ja. Ich lese sehr gern", antwortete Hermine und überhörte ihren Vater dabei geflissentlich.
„Na dann such dir was aus zum Lesen. Ich behaupte einfach mal, ich hab sogar ein paar Bücher, die sonst keiner hat." Carlisle kam nicht umher, ein wenig Stolz in seine Stimme zu legen und sah, wie Hermine ihm dankbar zunickte und dann gleich zwei, drei Bücher und eine Mappe mit Manuskripten aus dem Regal zog. Danach ging sie in einen anderen Teil des für normale Begriffe riesigen Zimmers. Denn während nur ein Drittel von Carlisles Arbeitszimmer für medizinische Arbeiten ausgelegt war, bestand der Rest aus einer Art salonähnlichen Bibliothek, in der mit ihren Regalen und kleinen Sitzgruppen eine Menge Leute Platz fanden. Und in eben eine dieser Sitzgruppen zog sich Hermine nun zurück und begann zu lesen.
„Oha, jetzt kann ich nur auf Jacob Black hoffen", sagte Henry Granger an Carlisle gewandt. „Denn nur er wird es schaffen, meine Tochter aus dieser Bibliothek zu holen. Herr, ich bin verdammt."
Carlisle schmunzelte und setzte sich dann an seinen Schreibtisch, während Henry meinte, er würde mal nach seiner Frau sehen und wie weit wohl das Mittagessen schon war. Von Hermine bekam er nur noch den Wunsch hinterher gerufen, sie würde gern etwas Tee zum Lesen haben. Und mit einer tiefen Verbeugung und dem Satz „Yes, Miss Sophie" verließ Butler James alias Doktor Granger die Bibliothek und ließ seine Tochter in der Obhut eines Vampirs.
„… Leah bitte hör auf zu nerven. Ich habe zu tun…", sagte Jacob Black sichtlich genervt als er die Kissen auf seinem Bett richtete.
„Ja Leah, lass Jacob in Ruhe. Du siehst doch, er muss nach Jahren, in denen er das Leben eines freien Mannes hatte, sein Zimmer aufräumen und das Bett machen. Was soll Hermine nur von ihm denken, wenn er sie nachher auf sein Bett schubst und ihr den nächsten Knutschfleck verpasst?"
Ein Grollen ging durchs Zimmer als Jacob Seth einen wütenden Blick zuwarf. Der Jüngste aller Werwölfe grinste jedoch noch nur breiter und zog dann seine Schuhe aus. Denn wenn er jetzt auch nur einen Krümel auf den frisch gesaugten Boden fallen ließe, wäre dies wahrscheinlich sein letzter Moment unter den Lebenden. Die vergangenen zehn Minuten schon amüsierte er sich darüber, dass seine Schwester ihren Alphawolf bearbeitete, um mit ins Gebiet der Cullens zu dürfen. Sie wollte diese ominöse Hermine endlich mit eigenen Augen, und nicht wie sie sagte, halb nackt aus den erotischen Träumen eines Jacob Blacks, sehen. Irgendwie hatte Jacob nämlich die dumme Angewohnheit, ab und zu in seiner Wolfsform zu schlafen. Und weil der Rest des Rudels auch nach dem Sieg über Victoria und ihre Armee von Neugeborenen immer noch Patrouille ging, bombardierte Jacob alle, die gerade Dienst schoben, mit seinen Gedanken.
„Und ich sage nein, Leah. Was ist wenn die Cullens es falsch auffassen? Sie könnten denken, wir bespitzeln sie oder greifen gar an, weil sie Bella weh getan haben."
Jacob wanderte derzeit auf einem schmalen Grat. Einerseits lebte das Mädchen seiner Träume, sein ein und alles bei den Vampiren im Haus und dann war da noch Isabella Swan, nein Cullen, deren Tod mit ihrer Schwangerschaft offenbar unausweichlich geworden war. Tief im Herzen hatte Jacob mit ihr abgeschlossen und sein Verstand sagte ihm, dass es Bellas Leben war. Doch dann war da noch der Vertrag mit den verdammten Vampiren und dem was sich daraus ergab, sollte Bella die Geburt des Babys nicht überleben. Denn Edward würde seine Frau nicht so einfach sterben lassen. So viel stand fest. Eine halbe Stunde später warf Jacob die beiden Geschwister schließlich aus dem Haus, meinte, sie sollte sich um das Holz fürs Lagerfeuer kümmern und war auf dem Weg zu Hermine.
„Na etwas Interessantes gefunden?"
„Ahhh Carlisle", fuhr Hermine hoch und hielt die Pergamente, welche sie gerade las, ganz nah an ihre Brust. „Tu das bitte nie wieder", sagte sie schnell atmend und versuchte den Schrecken zu verarbeiten.
Unbemerkt von Hermine war der blonde Vampir aus seinem Arbeitssessel aufgestanden und langsam zu ihr herüber gekommen. Dann hatte er sich zu dem Mädchen hinab gebeugt und einige Sekunden lang die niedergeschriebenen Worte selbst studiert. Über die Reaktion der Gryffindor war Carlisle dann doch ein wenig überrascht und versuchte sie zu beruhigen indem er abwehrend seine Hände hob und sagte: „Entschuldigung Hermine, ich wollte sich nicht erschrecken. Soviel Emmett steckt dann doch nicht in mir."
Hermine fing sich rasch und atmete mehrere Male durch. Dann kehrte ihr Lächeln zurück und mit glänzenden Augen antwortete sie: „Ja Carlisle, ich hab etwas gefunden. Es sind alte Manuskripte in deutscher Sprache."
„Du kannst deutsch lesen und sprechen?", fragte der Vampir sichtlich überrascht. Denn es kam nicht sehr oft vor, dass Jugendlich in Hermines Alter mehrere Sprachen beherrschten.
„Na ja nicht perfekt, Carlisle", wiegelte Hermine ab. „Aber ja, ich kann es. Ebenso wie ich auch französisch sprechen kann. Doch es wissen nicht sehr viele Leute davon. Besonders in Hogwarts versuche ich dies nicht allzu sehr zur Schau zu stellen. Denn wenn ich den anderen sagen müsste, woher ich es kann und wann ich es gelernt habe. Nun dann würde ich meine Hauslehrerin etwas in die Bredouille bringen."
„Wie das denn? Ist es in Hogwarts verboten Sprachen wie Deutsch und Französisch zu unterrichten?", fragte Carlisle sichtlich verwundert. Konnte Großbritannien oder halt die magische Gemeinschaft dort über dem Teich wirklich so verbohrt sein?
„Nun das nicht, Carlisle", erwiderte Hermine mit einem verschmitzten Lächeln. „Aber wenn man zum Lernen ein magisches, nicht ganz legales Hilfsmittel benutzt. Also das könnte man als nicht so schick ansehen."
Der Blick welchen Carlisle Hermine nun schenkte, schrie förmlich nach einer weiteren Erklärung und so erzählte ihm der Lockenkopf vom Zeitumkehrer, welchen sie während ihres dritten Jahres in Hogwarts benutz hatte, um so viel Kurse wie nur möglich in Hogwarts zu belegen. Sie erklärte dem Vampir, dass es in Hogwarts nicht wirklich Sprachunterricht gab. Im Gegensatz dazu bot aber die Bibliothek der Schule Unmengen von Büchern in eben jenen beiden Sprachen. Und dies war für sie der Grund gewesen, Deutsch und Französisch wenigstens im Ansatz zu lernen.
Carlisle sah die junge Hexe mit anerkennendem Blick an und fragte: „Du kannst diese alten Schriften also lesen?"
„Ja kann ich. Ich hab einige sogar schon zum Teil übersetzt." Ein Glanz lag in ihren Augen, der Stolz und Freude über den lobenden Blick des Älteren vermittelte. Dabei hielt sie ein Blatt Papier in seine Richtung.
„Wirklich? Respekt Hermine. Also ich muss schon sagen." Mit Neugier nahm er das Geschriebene entgegen und las es. Natürlich war es für ihn kein Problem, denn in all den Jahren seit seiner Verwandlung sprach Carlisle die verschiedensten Sprachen. Doch der blonde Vampir wollte einfach wissen, ob Hermine es nur sinngemäß übersetzt hatte oder ob sie auch die Poesie hinter der Geschichte verstanden hatte.
Allerdings wurde Hermine nun doch leicht verlegen und versuchte es etwas herunter zu spielen, indem sie meinte: „Nun so schwer war es dann auch wieder nicht, wenn du erkennst, was dort geschrieben steht. Schließlich hat hier jemand einfach nur die Arbeit von einem der großen deutschen Dichter niedergeschrieben. Es einfach kopiert, wenn man so will."
Carlisle lächelte ob dieser Aussage, was Hermine die Stirn runzeln ließ. Sie überlegte, in wie weit sie jetzt ihre nächste Frage stellen konnte, ohne dass sie den Vampir, der ja so viel älter war als sie, kränkte. Daher begann sie vorsichtig: „Na ja Carlisle, ich weiß ja nicht, wie deine Einstellung zur Literatur ist und inwiefern du dich mit diversen Schriftstellern auskennst. Doch das was wir hier haben, ist eine Niederschrift in Deutsch von Schillers Glocke."
„Die Glocke?", hakte Carlisle nach und das Lächeln in seinem Gesicht umspielte nun etwas Geheimnisvolles.
„Ja die Glocke, ein wirklich bekanntes Werk von Schiller. Vielleicht sind das hier ja die Aufzeichnungen eines Glockengießers. Meine Oma hat mir mal erzählt, dass kein Angehöriger dieser Zunft seine Prüfung besteht, wenn er nicht alle Strophen auswendig kennt."
Carlisle staunte nicht schlecht und schien dann zu dem Schluss gekommen zu sein, dass Hermine bereit für den nächsten Schock war. Er nahm ihr nämlich die Pergamentblätter aus der Hand und sortierte sie so, dass das letzte Blatt oben lag. Dann schaute er Hermine direkt in die Augen und sagte: „Also Hermine, soweit ich dir versichern kann, gehörten diese Zeile dort keinem Glockengießer oder einem andern Handwerker. Ich habe sie damals vor all den Jahren von einem jungen Mann bekommen, als Dank dafür, dass ich ihn in meinen Anfängen als Arzt während einer langen Krankheit gesund gepflegt habe. Geld war zu der damaligen Zeit für viele Leute ein Problem. Doch ich machte mir nichts aus Geld, denn das was ich zum Leben brauchte, konnte ich damit ja nicht kaufen. Nichtsdestotrotz wollte der junge Mann sich aber bei mir bedanken und schenkte mir diese Pergamente mit dem Hinweis, dass dies, das Dichten und Schreiben, alles ist was er kann. Und dass er fest daran glaube, dass sie einmal sehr viel wert sein könnten."
Hermine hörte Carlisle zu und versuchte das Gesagte zu verstehen. Doch der Groschen fiel pfennigweise und erst die Tatsache, dass Carlisle immer erwartungsvoller lächelte und ein Blick auf die letzten Worte, auf den Namen des Schreibers und das Jahr wo es geschehen war, ließen ihr die Augen über gehen.
Im nächsten begann Hermine zu zittern und hielt das Pergament nur noch mit Zeige und Mittelfinger. So als wollte sie ja keine Fingerabdrücke darauf hinterlassen. „Heißt … heißt das, dass dies hier ein Original von Friedrich Schiller ist?"
„Jepp", sagte Carlisle salopp und lächelte. „Ich glaub so hieß der junge Mann." Bevor die beiden ihr Gespräch aber vertiefen konnten, wurde die Tür zum Arbeitszimmer geöffnet und mehrere Personen, allen voran Jacob Black, betraten das Zimmer. „Dürfen wir herein kommen?", fragte der junge Werwolf und sein Gesicht begann zu strahlen, als er Hermine erblickte.
„Tut euch keinen Zwang an. Hermines Untersuchung ist schon beendet und jetzt erfreut sie sich an meiner Sammlung alter Schriften", erwiderte Carlisle und legte einige Pergamente wieder auf den Tisch.
Für Jacob war dies das Zeichen und er näherte sich seiner neuen Freundin. Er konnte es immer noch nicht glauben, dass Hermine die ganze Sache mit dem Prägen so gut aufnahm und sie sich sogar gestern Abend schon geküsst hatten. Und eben dort wollte er jetzt auch weiter machen. Egal war ihm beim Anblick des Mädchens, dass er nicht allein ins Zimmer gekommen war, sondern auch der Rest der Familie Cullen, ihre Eltern und sogar Hermines bester Freund.
„Hey Honey", sagte er liebevoll und mit der Erwartung dass Hermine nach ihrem gestrigen Kinobesuch ihm die gleiche liebevolle Begrüßung entgegenbrachte. Doch mit der Reaktion von Hermine hatte er nicht gerechnet. Denn entgegen ihrem Drang Jacob einfach zu küssen, verdunkelte sich ihr Gesicht ein wenig und sie erwiderte: „Lass das bitte, Jacob Black. Meine Name ist Hermine und nicht Honey."
`Upps`, dachte Harry und nicht nur er. Allerdings wusste der Gryffindor wie Hermine zu Kosenamen stand. Mine, wie Ron sie manchmal nannte, ließ sie vielleicht noch durchgehen. Aber Honey kam schon sehr an Hermy heran und den Namen hasste seine beste Freundin mit Passion. Und sei dies nicht genug, nahm Jacob auch gleich noch das nächste Fettnäpfchen mit und schob, um ein wenig mehr Platz zu bekommen, die ganzen Pergamente einfach zusammen, wobei einige Papiere zu Boden fielen.
Ein böser Blick seitens Hermines zeigte ihm seinen Fehler auf und rasch versuchte Jacob die Lage noch zu retten. Er hob die Blätter wieder auf und las das einzige durch, welches er verstand. Obwohl Verstehen konnten man es nicht bezeichnen, sondern vielmehr lesen, da es das einzige in Englisch geschriebene war.
„Ist das von dir, Hermine?", fragte er vorsichtig und seine Freundin erwiderte: „Ja Jacob, ich habe es gerade übersetzt."
„Wirklich? Krass. Also das da steht wirklich in einer anderen Sprache auf einem der anderen Blätter?"
Harry wusste nicht ob Jacobs Begeisterung echt war oder ob er Hermine nur beruhigen wollte, doch mit seiner Art, die in einigen Ansätzen schon an Ron heran kam, schaffte er genau das Gegenteil. Lachend las er nämlich die Zeilen noch einmal durch und meinte: „Also wenn das so ist, dann bin ich beeindruckt. Das Ganze klingt nämlich für mich schon sehr geschwollen und hochtrabend. Und ich glaube, man hätte diese Zeilen auch kürzer fassen können."
„Kürzer fassen?", fragte Hermine voller Unglauben und in ihrer Stimme schwang etwas mit, dass sowohl bei Harry als auch bei Hermines Eltern die Alarmglocken schrillen ließ. Wahrscheinlich hätte Jacob auch sagen können, dass Lernen im Allgemeinen überbewertet wurde. Und so beobachteten alle im Raum nun, wie sich der jungen Werwolf aus dieser Schlinge wieder befreien würde.
„Na ja, es geht doch um das Handwerk Hermine, das Gießen einer Glocke und da ist Zeit jawohl Geld", versuchte Jacob mit einem schelmischen Grinsen sich zu verteidigen. Hermine unterbrach ihn aber sehr schnell und erwiderte: „Nicht Handwerk, sondern Kunst. Hier geht es um Literatur, Weltliteratur und die kann man nicht eben mal kürzen, du Banause."
„Oh doch, das geht Hermine. Ich werd's dir zeigen." Mit diesen Worten nahm Jacob das Blatt in seine Hände und las es noch einmal durch. Dann richtete er sich auf, ging in die Mitte des Zimmers und stellte sich hin, als wolle er einen Vortrag halten. Dabei übertrieb er jedoch ein wenig und mimte einen sehr von sich überzeugten Künstler, worauf alle außer Hermine schon zu schmunzeln begannen.
„Nun höret Volk", war sein erster Satz und danach folgte ein „mi … mi… mi", als würde er seine Stimme ölen. Harry war schon allein dadurch versucht zu lachen, hielt sich aber zurück. Viel zu gespannt war er auf Jacobs Version von dem, was seine Freundin übersetzt hatte. Daher ging sein Blick auch von Hermine zu Jacob, als dieser mit lauter, fester Stimme sagte: „Die Glocke … von Jacob Black."
Allein das ließ Hermine schon scharf die Luft einziehen. Doch als ihr neuer Freund dann einfach nur noch hinzu fügte: „... Loch gebuddelt, Bronze rinn …. Glocke fertig, bim bim bim …", nun da war es um Hermines Zurückhaltung geschehen.
„Duuu … duuu …", fauchte sie und dieses Fauchen wurde immer lauter und wandelte sich zu einem Knurren. Jacob schien es zwar als Joke gemeint zu haben, doch war Hermine die einzige im Raum, die nicht darüber lachen konnte und ihre Wut, dass sich Jacob scheinbar über sie lustig machte, steigerte sich zunehmend. Harry überlegte ob es nicht besser wäre zu ihr rüber zu gehen und seine beste Freundin zu beruhigen.
Aber dazu sollte es nicht mehr kommen. Harry hörte noch wie Jane Granger das Lachen erstarb und sie ihre Tochter besorgt fragte, was sie habe. Doch dann wurde der Gryffindor auch schon von hinten gepackt, von seiner besten Freundin weg gezogen und von Alice Körper abgeschirmt. „Was soll das Alice?", rief Harry überrascht. Doch seine Freundin reagierte gar nicht auf ihn. Nein Alice, genau wie Rosalie, Emmett und Esme standen plötzlich in einer Art Angriffshaltung und fauchten in Richtung der Grangers, Hermines und auch Jacobs.
Harry verstand die Welt nicht mehr. Hinzu kam, dass er die anderen nicht einmal mehr sah und es einige Sekunden brauchte, bis er sich so an den Vampiren vorbei gedrängt hatte, dass er was erkennen konnte. Der Anblick welcher sich ihm bot, ließ Harry jedoch an seinem Verstand zweifeln.
Denn dort keine drei Meter von ihm entfernt standen Jane und Henry Granger, beide mit entsetztem Gesicht, das ihrer Tochter galt. Daneben befand sich Jacob Black, der so aussah als würde er einen Geist sehen. Der Hammer war aber Harrys beste Freundin selbst. Hermine war aufgesprungen, in ihren Händen einige der alten Schriften sorglos zerknüllt und mit wütendem Gesicht. Ein Anblick, den Harry eigentlich nur kannte, wenn Ron mal wieder zur Höchstform aufgelaufen war und Hermine mit irgendeiner Dummheit gereizt hatte. Doch es war nicht nur das Gesicht, welches Harry schockierte. Vielmehr war es Hermines ganzer Körper der regelrecht zu beben schien. Zitternd hatte sie Jacob fixiert und Harry kam es so vor als würde seine beste Freundin immer größer werden, gepaart mit der Tatsache, dass ihre braunen sonst so sanft leuchtenden Augen gelb schimmerten und ihre Haare auf wundersame Art und Weise auch immer mehr zu werden schienen.
Bevor es Harry aber so richtig verstand und sich entscheiden konnte, ob er nun auf Alice oder Hermines Seite stand, nahm er eine Bewegung wahr. Blitzschnell schien sich jemand im Raum bewegt zu haben und Harry glaubte zu sehen, dass Carlisle als einziger Vampir im Raum nicht auf Blut aus war. Denn in der einen Sekunde, so war sich Harry sicher, stand der blonde Arzt noch bei seiner Frau, in der darauffolgenden dann mit einem Male an seinem Schreibtisch und einen Wimpernschlag später plötzlich hinter Hermine.
Das war der Moment, wo Harrys Reflexe laut „Gefahr" schrien und er seine beste Freundin warnen wollte. Doch es war zu spät. Carlisle hatte Hermine mit seinem kräftigen Armen umfasst, ihr Gesicht wandelte von Wut zu Entsetzen und eine Sekunden später sackte sie plötzlich zusammen.
„Was hast du getan? Lass sie los, du Blutsauger!", schrie Jacob nun ebenfalls wütend und schon leicht zittern. Er war aus seiner Erstarrung erwacht und sah nun seine Gefährtin in Gefahr. Doch Carlisle blickte nur auf und erwiderte mit der für ihn so unverwechselbar sanften Stimme: „Alles ist in Ordnung, Jacob. Ich tue ihr nichts. Ich habe sie nur beruhigt."
Mit diesen Worten hob er Hermine mit dem linken Arm hoch und legte sie vorsichtig auf das Sofa hinter ihr. Harry beobachtete das ganze gebannt und erkannt im nächsten Moment, dass Carlisle noch etwas in seiner anderen Hand hielt. Es war eine Spritze und Harry verstand plötzlich, warum Carlisle einerseits an seinem Schreibtisch gewesen und andererseits seine beste Freundin so abrupt in den armen des Vampirs zusammengerutscht war.
Und Harry war nicht der einzige, der die Spritze sah. „Was hast du ihr gespritzt?", fragte Henry Granger und seine Stimme war voller Erregung. Carlisle sah ihn daraufhin entschuldigend an und erwidert: „Ein leichtes Sedativ, Henry. Hermine musste sich beruhigen, sonst hätte es schlimm ausgehen können."
„Schlimm? Was meinst du mit schlimm?", fragte Doktor Granger und Carlisle schien kurz zu überlegen. Dann blickte er zu Jacob und sagte: „Vielleicht solltest du es ihnen erklären, Jacob. Du kennst die Symptome besser als jeder andere. Fieber, erhöhte Temperatur du kannst es nicht leugnen."
„Was sollte er nicht leugnen? Was ist mit Hermine? Was ist mit meiner Tochter?" Die Sorge war allgegenwärtig in Henry Grangers Stimme.
Harry bemerkte dass Jacob sich zunehmend unwohler in seiner Haut fühlte und schließlich für ihn doch sehr ungewohnt zaghaft erwiderte: „Ich weiß nicht wie ich es ausdrücken soll. Doch so wie Hermine sich eben verhalten hat, das Zittern, die Wut und das Beben. Nun all dies passiert meist kurz vor der ersten Verwandlung in einen … einen … Wolf."
Das war's. Jacob hatte es ausgesprochen und die Sekunden verstrichen. Er schaute Hermines Eltern an und wartete auf ihre Reaktion auf das Gesagte. Und diese kam auch und zwar von Jane Granger.
„Ein Wolf? Sie verwandelte sich in einen Wolf, einen Werwolf. Was hast du getan?!" Jane's Stimme wurde von Wort zu Wort lauter, wütender und ihr Blick verdunkelte sich stetig. Harry glaubte fast, dass Hermines Mum doch magisches Blut besaß und zu einer zornigen Veela mutierte.
„Getan? Nichts habe ich getan", versuchte sich Jacob zu verteidigen, da er selbst erst noch verarbeiten musste, was gerade geschehen war. Jane jedoch glaubte ihm nicht und ihre Tirade ging weiter. „Lüg nicht, Jacob. Du bist ein Werwolf und du hast sie gebissen. Oh mein Gott, und ich habe sie noch ermutigt, mit dir auszugehen…"
Jacob stand da als hätte man ihm mit voller Wucht in den Bauch getreten. Alles zog sich zusammen und eine ungekannte Furcht bemächtigte sich seiner. Es war so als würde ihm alles entgleiten und eine dunkle Macht würde ihm Hermine entreißen. Wie konnte dies nur geschehen? Was war mit Hermine passiert? Jacob hatte keine Antworten auf diese Fragen und die Tatsache, dass Hermines Mutter auf Blut aus war, machte es für den Jungen nicht leichter. Denn wenn er es sich schon mit seinen Schwiegereltern verscherzt hatte, wie würden dann erst Harry und dessen Freunde, die ohnehin schon mächtiger waren als die beiden Zahnärzte, die ganze Sache aufnehmen?
Harry beobachtete das Ganze mit Sorge und was ihm am meisten zu schaffen machte, war die Tatsache, dass sein Geist ähnlich zu denken schien wie Hermines Mutter. Bevor seine Gedanken sich aber weiter mit Wut anreichern konnten, unterbrach ein Satz seitens Jacobs das Ganze. Denn egal ob ihm Jane Granger glauben würde, ob sie es akzeptieren würde, Jacob wollte und konnte sich nicht vorstellen, dass er an Hermines Zustand schuld war.
Es konnte und durfte einfach nicht sein und so sagte er: „Aber das stimmt nicht. Ich habe sie nicht gebissen. Wir haben uns nur geküsst und dass wir uns verwandeln können, das kommt nicht durch einen Biss oder eine Infektion. Es liegt bei uns in den Genen. Fragt doch lieber mal die ganzen Blutsauger hier, was sie getan haben. Schließlich sind sie der eigentlich Grund für das was wir sind und unsere Verwandlung."
„Jetzt reicht's aber du Köter", fauchte Rosalie wütend. „Wir haben gar nichts getan. Und wenn du uns nicht glaubst, dann sieh dir doch Harry an. Der wohnt schließlich schon geraume Zeit länger bei uns und er verwandelt sich nicht."
„Das reicht", donnerte Carlisles Stimme und alle im Raum erstarrten. Offenbar hatte noch niemals jemand erlebt, dass der blonde Vampir und Vater des Zirkels seine Stimme erhoben hatte. „Egal wie es dazu gekommen ist. Alles was zählt ist, dass es Hermine wieder besser geht. Doch um das zu schaffen und um heraus zu finden was mit ihr los ist, bedeutet vor allem das wir Ruhe bewahren."
Im nächsten Moment wandte sich Carlisle an Jacob und sagte: „Also ich sehe die Sache erst einmal so, Jacob. Du bringst Hermine nach La Push zu deinem Vater und den Ältesten. Vielleicht liegt es wirklich an unserer Nähe und sie haben eine Erklärung."
„Wie bitte? Wohin soll er gehen? Und vor allem, wo soll er unsere Tochter hinbringen? Das kann nicht dein Ernst sein, Carlisle?" Zum ersten Male hatte sich Henry zu Wort gemeldet. Eine Tatsache, die Harry schon ein wenig verwundert hatte. Denn der Gryffindor hätte eigentlich gedacht, dass Hermines Vater eher ausrasten würde als seine Frau. Doch Henry Granger schien derjenige in der Beziehung zu sein, der alle Aspekte in Betracht zog und sein Gesicht spiegelte wieder, dass er in Gedanken schon nach Antworten gesuchte.
„Beruhige dich Henry", sagte Carlisle und hob seine Hand, denn er war noch nicht fertig mit seinen Worten. „Denn was ich meine ist, dass es vielleicht an unserer Zahl und unserem Umfeld liegt. Ein so großer Zirkel lebt sonst nicht so nahe bei den Menschen und es könnte ja möglich sein, dass Jacob recht hat."
Rosalie schnaubt ob dieser Aussage. Doch sie sagte nichts und funkelte Jacob nur weiter an. Dieser reagierte darauf aber gar nicht, da sich Carlisle wieder an ihn gewandt hatte. „Also wie gesagt Jacob, du bringst Hermine nach La Push. Sie wird noch mindestens eine Stunde außer Gefecht und beim Aufwachen dürfte ihre Wut auch verflogen sein. Und desweiteren gibt es da noch etwas, um das ich dir bitten würde."
„Und was?", fragte Jacob leicht unsicher.
„Nun Jacob, ich bitte dich hiermit offiziell um deine Erlaubnis euer Gebiet betreten zu dürfen. Es sollte ein Arzt in der Nähe sein, wenn Hermine zu sich kommt. Außerdem würde ich mit Hermines Eltern nachkommen und mit Billy und den anderen zusammen nach einer Lösung suchen."
Jacob schien angestrengt zu überlegen und schaute in die Runde. Sein Blick ging dabei von Hermine zu ihren Eltern, dann zu Harry und den anderen Vampiren und schließlich zurück zu Carlisle. „Einverstanden Carlisle. Aber nur du. Sam könnte dies sonst missverstehen und …"
„Schon gut Jacob, ich verstehe", erwiderte Carlisle.
„Aber wir nicht", sagte Emmett angespannt. „Du glaubst doch nicht, dass wir dich allein zu den Wölfen gehen lassen? Was ist, wenn sie dich angreifen?"
„Das wird nicht geschehen", sagte Harry daraufhin. „Denn ich gehe mit und werde Carlisle zur Not beschützen."
„Bist du irre Harry?", fragte Alice überrascht. „Also wenn du gehst, dann gehe ich auch."
„Stopp ihr alle!", rief Esme. „Euer Streit bringt gar nichts und daher sage ich was gemacht wird. Carlisle du fährst Henry und Jane nach La Push und nimmst Harry mit. Er ist schließlich Hermines bester Freund und in der Lage eventuelle Fragen im Bezug auf Hermines Magie zu beantworten. Und wir anderen bleiben hier und bereiten das Abendessen zu."
Harry hätte es nie gedacht, doch keiner der Vampire versuchte auch nur Esme zu wiedersprechen und dem Gryffindor wurde klar, wer hier im Haus die Hosen an und das letzte Wort hatte. Und so kam es, dass keine zwei Minuten später Jacob Hermine auf die Arme nahm und sie zu seinem Auto brachte. Zwar schauten die Grangers nicht wirklich glücklich darüber, doch Carlisle beruhigte sie und meinte, dass dies das Beste sei. Billy und die Ältesten wüssten womöglich was mit Hermine geschehen war.
Allerdings bestand der Arzt darauf, dass sie nicht sofort hinter Jacob herfuhren. Zum einen war der Volkswagen sehr viel langsamer als der Mercedes und dann wollte Carlisle Jacob auch noch etwas Zeit geben, um Billy und den anderen des Stammes zu erklären, warum in wenigen Minuten ein Vampir auf ihr Land kam. Für Harry verging ab da die Zeit immer langsamer und dies zehrte noch mehr an seinen Nerven als die Stille im Auto während der Fahrt ins Reservat. In Harrys Kopf kreiste nur eine Frage und sie lautete: ´Was war mit Hermine geschehen?´
