Als Jax einen Blick auf die Person in dem Raum warf, klappte ihm unbewusst der Mund auf. Bis eben hatte er noch gedacht, dass es alles ein sehr mieser Scherz war, doch er wurde soeben eines Besseren belehrt. Allerdings konnte er erkennen, dass er noch immer sehr angeschlagen war. Um seinen Kopf hatte er einen dicken Verband und seine freien Stellen, die nicht von Kleidungsstücken verdeckt waren, hatte er ebenfalls dicke Verbände. Somit hatte der Mönch also nicht gelogen, dass er einige Verletzungen mit sich gezogen hatte und 80 Prozent seiner Knochen gebrochen waren. Und auch wenn er seine langen Haare und teilweise seinen Bart einbüßen musste, würde er ihn trotzdem immer wieder erkennen. Kurz musste der Blonde schlucken und er bekam gerade ein schlechtes Gewissen, was er all die Monate versucht hatte zu verdrängen. „Jesus Christ… Opie...", brachte er noch einmal leise hervor und ohne dass Jax es eigentlich wollte, bewegten sich seine Füße und er ging auf den Mann vor ihm im Rollstuhl zu. Dabei hörte er nicht, wie der Mönch sagte, dass es wahrlich ein Wunder Gottes war, dass man ihn noch rechtzeitig gefunden hatte.
Dieser stand schwerfällig aus dem Rollstuhl auf, obwohl er wusste, dass sein Körper ihn noch nicht tragen konnte. Genau das bekam er auch von dem Mönch zu hören, der ihn die ganze Zeit verarztet hatte. Aber diesen wollte er nicht hören. Er war im Moment mehr als froh, Jax zu sehen. Einfach jemand, der kein Mönch war. Doch als er einen Fuß nach vorne setzen wollte, bemerkte er, wie dieser wegknickte und er nach vorne zu fallen drohte. Es war eben doch keine so gute Idee gewesen, aus dem Rollstuhl aufzustehen. Doch bevor Opie auf dem Boden aufschlug, landete er in den Armen von jemanden, der nur Jax sein konnte. Das wusste er, ohne dass er genauer hinsah. Innerlich fluchte er. Zwar freute er sich ihn zu sehen, aber fühlte er sich nicht gut dabei, sich in so einem schwachen Moment zu zeigen.
Jax fing Opie auf, als dieser drohte zu fallen und schloss ihn in eine feste Umarmung ohne es überhaupt zu bemerken. Er hatte ihn doch zu sehr vermisst und er bemerkte nicht, wie ihn eine Träne aus dem Auge lief. Es war eine Freudenträne, die sich mit seinem viel zu schnell schlagenden Herzen verbunden hatte. Der President der Sons of Anarchy bemerkte erst, wie fest er ihn umarmte, als er ein Schmerzlaut von dem anderen vernahm und das bisschen Farbe, was in seinem Gesicht war, daraus verschwand, weshalb er ihn zurück in den Rollstuhl setzte und ihn losließ. „Es tut mir leid", hörte er sich selbst leise sagen ehe er in das Gesicht und die grünen Augen von Opie blickte, was allerdings ein Lächeln aufwies. Warum genau er sich entschuldigte, wusste der Jüngere der beiden nicht. Weil er nicht früher aufgetaucht war? Weil er dafür verantwortlich war, was Opie passiert war? Weil Opie sich für alle geopfert hatte?
Der Dunkelhaarige legte eine bandagierte Hand an seine Wangen und strich seine Tränen weg, während er den Kopf schüttelte „Es war okay, Jax. Du weißt, dass es meine Entscheidung war", meinte er leise zu ihm und setzte ein Lächeln auf, während in seinen Augen ebenso Tränen zu sehen waren. Verdammt, er wollte sterben und jetzt war er doch noch am Leben. Allerdings wusste er, dass seine Entscheidung nicht die beste war, wo er doch seine Kids hatte... und Lyla. Zumindest war er froh, dass er diese Mönche dazu überreden konnte, seinen besten Freund anzurufen, auch wenn er vorher nicht gewusst hatte, ob er wirklich hier auftauchen würde. Er selber wäre wahrscheinlich um die halbe Welt gereist, wenn es auch nur ein kleines Zeichen gab, dass Jax noch am Leben wäre. „Tu mir einen Gefallen, Jax. Bring mich hier verflucht nochmal raus! Ich halte es in diesem beschissenen Krankenzimmer nicht mehr aus! Da werde ich noch kränker als ich so schon bin!" Opie wollte hier einfach mal raus, aber keiner der Mönche gab ihm die Erlaubnis, geschweigedenn ging mit ihm nach draußen. Hieß es nicht, dass frische Luft einen Kranken schneller gesund machte? Zumindest hatte das immer seine Mutter gesagt.
Und er bewirkte das, was er wollte. Die beiden anwesenden Mönche rollten mit den Augen und Bruder Franklin sagte darauf: „Sie wissen, dass Sie hier nicht fluchen sollten! Wir hören das hier nicht sehr gern!" Jedoch wusste er, dass man Opie wohl nicht mehr ändern konnte. Er fragte sich, ob es wohl so bleiben würde oder es auch noch schlimmer werden konnte. Jedoch wollte er das nicht rausfinden. Deswegen nickte er dem anderen Mönch zu und meinte, dass es in Ordnung wäre, solange sie im Kloster blieben.
Jax wusste gerade nicht, ob er einfach nur verwirrt gucken oder doch lieber loslachen sollte. Er entschied sich für letzteres, auch wenn es in den Augen der Mönche wohl nicht so gut kam. Aber er hatte bemerkt, dass sich Opie kein Stück verändert hatte. Er war noch immer so wie vor dem Unfall. Doch als er die Worte von dem Mönch hörte, sagte er leise: „Wo sollen wir auch groß hin... so mitten in der Pampa." Er sagte es mehr zu sich und Opie als zu den Mönchen. Und diese hatten die Worte auch nicht gehört, was wahrscheinlich auch gut so war. Schnell wischte er sich mit dem Ärmel seines Hemdes die restlichen Tränenspuren aus dem Gesicht, ehe er aufstand und sich den Rollstuhl mit Opie schnappte, um dann mit ihm aus dem Krankenzimmer zu verschwinden.
Es dauerte eine Weile, bis sich beide aus dem Kloster gefunden hatten und einen Platz fanden, wo sie etwas Abseits vom Treiben der Mönche waren. Es war eine kleine Plantage mit verschiedenen Obstsorten und unter einem Apfelbaum stand eine Bank, wo sich Jax darauf fallen ließ. Dabei fragte er sich, wie groß dieses Kloster eigentlich war. Wahrscheinlich war es größer als es den Anschein hatte und er hatte das Gefühl, dass er erst die Hälfte von dem gesehen hatte. Er zündete sich eine Zigarette an und noch ehe er den ersten Zug davon nehmen konnte, war sie auch schon aus seinem Mund verschwunden und bei Opie gelandet. Dieser nahm sofort mehrere große Züge davon ehe er sie Jax zurück gab. Der Blondhaarige zog eine Augenbraue in die Höhe und meinte darauf: „Ich bezweifle, dass die Mönche es gern sehen, wenn du in deinem Zustand rauchst."
„Eigentlich sollte ich das wahrscheinlich nicht, aber das brauchte ich jetzt", murmelte Opie und genoss den Geschmack der Zigarette in seinem Mund. „Du glaubst nicht, wie froh ich bin jemanden zu sehen, der kein Mönch ist. Ernsthaft, Jax. Ich bin hier drin am Durchdrehen!" fügte er noch hinzu und das war noch nicht mal gelogen. Natürlich war er gerade froh noch am Leben zu sein und das diese Mönche sich um ihn kümmerten, aber es gab gewisse Momente wo er einfach hier weg wollte.
Jax nahm einen Zug an seiner Zigarette, atmete den Rauch aus und fing an zu lachen. „Du hältst diese Mönche ganz schön auf Trab was?", fragte er und konnte sich das ganz gut vorstellen. Schließlich kannte er seinen besten Freund und das wohl besser als irgendjemand sonst.
„Nur wenn ich genervt bin und Schmerzen habe. Und Schmerzen habe ich die ganze Zeit! Selbst mit Schmerzmitteln!", gab Opie murmelnd zu. Zwar zeigte er ungern Schwäche, aber bei Jax tat er im Allgemeinen eine Ausnahme. Nicht nur weil Jax ihn so gut kannte, sondern weil es in so einer Situation normal war. „Laut Bruder Jonathan, der wohl vorher mal Arzt war und sich um die Kranken kümmert, waren alle meine Knochen in meinem Körper gebrochen ausgenommen Wangenknochen und Wirbelsäule", fügte er mit einem Seufzen hinzu. Zum Glück waren die meisten bereits schon wieder zusammen gewachsen, dennoch dauerte der Heilungsprozess für den Dunkelhaarigen zu lange. „Jax, tu mir einen Gefallen. Hol mich einfach hier raus! Ich meine... garantiert kann ich irgendwo anders genauso gut gesund werden. Tara kann mich weiter behandeln..." Er hatte seinen Freund bei den Worten nicht angesehen. Erst als er keine Antwort von ihm bekam, sah er auf und erkannte an seinem Blick, dass er es nicht vor hatte und wohl auch nicht tun würde. „Oh nein, Jax..."
„Opie, ich kann nicht und das weißt du ganz genau. Dieser Deal mit Pope... wenn er erfährt, dass du noch am Leben bist, dann wird er dich irgendwie garantiert noch einmal töten wollen! Und ich kann nicht..." Jax brach den Satz ab und schluckte. Er wollte nicht noch einmal daran erinnert werden, dass er Opie fast verloren hatte. Zwar verheimlichte Jax, dass Pope bereits nicht mehr unter den Lebenden weilte, aber er wusste, dass sein Nachfolger genauso skrupellos war.
Opie fuhr sich über den Verband um seinen Kopf, bis er bemerkte, dass er bis auf die nachgewachsenen Haare unter seinem Verband keine mehr hatte, durch die er fahren konnte. „Also soll ich weiterhin hier bei diesen... Irren bleiben, ja? Jax, das kann nicht dein Ernst sein!", meinte er weiterhin, weil er einfach nur weg wollte. Jedoch wusste er, dass Jax recht hatte. Hier war er womöglich wirklich noch am Sichersten. „Na schön... Wenn es denn wirklich nicht anders geht. Aber sag mir nicht, ich darf selbst meine Kids nicht sehen und Lyla...", fügte er noch hinzu und bemerkte am Blick seines Gegenübers, dass er recht hatte mit der Vermutung und konnte sich ein Seufzen nicht verkneifen.
„Tut mir leid. Ich denke, dass wäre am Besten, wenn sie weiterhin glauben, dass du tot bist." Ihm fiel diese Entscheidung auch nicht leicht, da er selbst seinen besten Freund in seiner Nähe hätte. Aber je weniger davon wussten, dass er noch lebte, desto weniger konnten verletzt werden. Dann legte Jax Opie eine Hand auf sein Knie und fügte ernst hinzu: „Aber du hast mein Versprechen! Sobald in Charming alles geklärt ist, hole ich dich hier raus! Bis dahin komme ich dich besuchen so oft ich kann, damit du auch normale Leute bei dir hast!" Nach dem letzten Satz zwinkerte er Opie grinsend an.
„Na das ist das Mindeste, wenn du mich hier schon versauern lässt." Opie sah ein, dass Jax recht hatte und wahrscheinlich hätte er ihm das gleiche geraten. Er würde hier bleiben, in der Hoffnung, dass er nicht noch einmal sterben würde... dieses Mal aber aus Langeweile. Zudem war ihm schon aufgefallen, dass Jax seine Kutte nicht trug, aber er wusste, was die Mönche von den Gangs und Bikern hielten und Bruder Franklin hatte mit Sicherheit dafür gesorgt, dass Jax alles ablegte.
Beide verbrachten die Zeit, bis es für Opie Zeit wurde seine Tabletten zu nehmen, draußen unter dem Baum und selbst Jax vergaß die Zeit. Wahrscheinlich hätte er schon längst wieder in Charming sein sollen, aber daran dachte er gerade gar nicht. So brachte der Blonde seinen Freund erst wieder am frühen Abend zurück in das Kloster und auf die Krankenstation, wo er Opie in sein Bett half und sich dann mit einer Umarmung verabschiedete. Diese war nicht ganz so fest wie am Anfang, aber dennoch sagte sie alles aus. Unter anderem auch das Jax wieder kommen wollte, wie er es noch vor ein paar Stunden versprochen hatte. Schließlich machte sich der Blondhaarige mit einem viel besseren Gefühl in seinem Inneren wieder auf den Weg, nachdem er sich seine Kutte und seine Waffen wieder genommen hatte. Noch wusste er nicht, was ihn in Charming erwarten würde.
