Die letzte mündliche Prüfung war überstanden, du hattest es geschafft. In drei Wochen würde man dir dein Abschlusszeugnis zusammen mit einer gelben Rose überreichen. Der Schulleiter hielte anschließend eine ergreifende Rede und entließe euch aus den sicheren Mauern der Schule in die große weite Welt. Die Zeit war gekommen, du würdest beginnen auf eigenen Beinen zu stehen, ein Wunsch den du dir zu erfüllen hofftest. Es war nicht weniger verwunderlich, dass dieser große Schritt auch Opfer bedeutete. Du und deine Freunde gingen auseinander , da jeder sein Glück woanders suchen würde. Aus diesem Grund sahst du mit einem lachenden und einem weinenden Auge der Zukunft entgegen. Entfernungen sind ohne Bedeutung, sich nahe zu sein ist eine Sache des Herzens. Natürlich würdet ihr euch wiedersehen, doch die Zeitspanne zwischen diesen Begegnungen ließe dich wissen , dass du dich so sehr an ihre Anwesenheit gewöhnt hast, dass es in den ersten Wochen schmerzen wird von ihnen getrennt zu sein. Dies allein war der Anlass zu eurer , zumindest vorerst, letzten großen gemeinsamen Reise.

Eure Eltern erlaubten euch tatsächlich einen mehrtägigen Ausflug in das Vereinigte Königreich. Lange hattet ihr mit ihnen handeln müssen, damit sie euch ohne spießige Aufsichtsperson auf diese Reise ließen, doch Beharrlichkeit und Überzeugungskraft hatten letztendlich auch die besorgtesten Eltern weich werden lassen. Heute war es endlich soweit, die langersehnte Reise sollte beginnen. Deine gesamten Ersparnisse hattest du die letzten Wochen gehortet, damit du dir dort drüben, auf der Insel, jeden Wunsch erfüllen konntest. England war teuer, doch das war es dir wert. Selbst einen schlechtbezahlten Aushilfsjob im Eiscafé nahmst du hin um deine Finanzen aufzubessern, denn bei dieser Reise sollte dir die Welt offen stehen.

Noch vor dem Weckruf des kleinen Terroristen auf deinem Nachschrank schlugst du deine Augen auf. Trotz der frühen Tageszeit stahlen sich bereits erste Strahlen der aufgehenden Sonne durch deine halbdurchlässige Jalousie. Nur wenige Stunden Schlaf hatte die Nacht deinem Körper gegönnt, denn du warst viel zu aufgeregt. Ein Adrenalinschub durchfuhr deinen Körper. Der große Tag war angebrochen. „England." Die sehnsuchtserfüllten Worte verließen deine Lippen. Selbst du warst erstaunt wie verlangend deine Stimme tönen konnte. In deinen Tagträumen sinniertest du bereits stundenlang über diese Tour, fandst dich in kleinen Läden wieder, schlendertest durch die possierlichen Gassen Londons oder trankst einen Earl Grey Tea mit Bergamotte-Fermentation in einem der unzähligen Tea Gardens. Die englische Mentalität faszinierte dich schon von klein auf, du konntest es einfach nicht mehr erwarteten.

Ungeduldig schlichst du unter die Dusche, damit du ja rechtzeitig fertig bist um noch einmal deinen Koffer zu kontrollieren. Dies hattest du zwar alleine am gestrigen Tag schon zwanzig Mal gemacht, doch du wolltest sichergehen, dass absolut alles für deine große Reise perfekt sein würde. Vorsicht war schließlich die Mutter der Porzellankiste. Auch nach der fünfundzwanzigsten Inspektion der Reisekleidung hatte sich nichts an der Vollständigkeit des Gepäcks verändert, zum Glück auch.

Drei Stunden später waren deine Freunde und du gemeinsam mit euren Eltern in den heiligen Hallen des Flughafens. Die Aufregung stieg förmlich ins Unermessliche, auch deine Freunde waren aus dem Häuschen. Nach eingehender Belehrung seitens der Eltern konnte es nun endlich losgehen. Der große Flug stand kurz bevor. Einige Minuten vergangen bis ihr euch im Flugschiff wiederfandet. Die finalen Sicherheitsvorkehrungen wurden getroffen, der Pilot erhielt von Tower das Signal und das Rollfeld wurde freigegeben. Ein leichtes Vibrieren erfasste den tonnenschweren Eisenvogel, als sich die mächtigen Propeller in Gang setzten. Erst langsam, dann immer schneller schob sich das Metallkonstrukt über die Startbahn, bis ihn seine Flügel in die Lüfte erhoben gleich einem Vogel. Dieses Gefühl war jedes Mal aufs Neue unbeschreiblich. Hier oben fühltest du dich wohl, frei von allen Sorgen. Über den Wolken….

„Hey _, wach auf, wir sind da." , riss eine Stimme dich aus dem Schlaf. Während des Fluges musst du eingenickt sein. Das Vorbeiziehen der Wolken hatte dich so sehr beruhigt, dass deine Lider schwer wie Blei wurden. Schließlich bist du ins Land der Träume abgedriftet. Nun wurde es jedoch Zeit aufzustehen. Deine beste Freundin saß neben dir und lächelte voller Vorfreude in dein Gesicht. „Schlafmütze, heb die Hüfte und lass uns aussteigen. Willst doch wohl nicht etwa ohne uns weiterfliegen, oder?" „Natürlich nicht.", klang die verschlafene Stimme aus deinem Mund. Mit einem Schlag war jegliche Müdigkeit verflogen und Euphorie ersetzte die Schlaftrunkenheit. „Lass uns gehen, die Anderen warten sicher auf uns!"

London war der absolute Wahnsinn. Du und deine Freunde wusstet gar nicht wohin ihr zuerst blicken solltet. Zwei Taxis fuhren euch zu eurem Bestimmungsort: einer Jugendherberge am Rande der Stadt. Vom London Heathrow Airport aus chauffierten euch die beiden Wagen direkt zu einem prächtigen Anwesen am Rande der Millionenmetropole. Dieses Gebäude, so erklärte der Taxifahrer, stand Jahrzehnte lang verlassen, bevor ein reicher Adeliger es ersteigerte um Jugendlichen aus aller Welt eine bezahlbare Übernachtungsmöglichkeit zu bieten. Davor habe das Haus einem Earl gehört, über den allerdings nur noch wenig bekannt ist. Bei den Sanierungsarbeiten hatte man beschlossen dieses prächtige Bauwerk im Stil der viktorianischen Zeitepoche zu belassen. Die Regentschaft Königin Victorias hatte überall ihre Zeichen hinterlassen, es faszinierte dich unheimlich. Victoria ein Frau unter tausenden von Männern. Sie war einzigartig.

Deine Augen weiteten sich, beim Anblick des unsagbar großen Anwesens. Hinter Meterhohen Gusseisenzäunen eröffnete sich eine völlig neue Welt, ein Ort, an dem die Zeit still stand. Schon vor der Durchfahrt durch die riesigen Tore hattest du das Gefühl, dass du Zuhause seist. Es war unbeschreiblich, zu schön um wahr zu sein. Die Realität holte dich in Form eines plötzlichen Bremsvorganges des Fahrers schmerzhaft ins Hier und Jetzt zurück. Ein Ball war vor das Taxi gerollt, das war der Anlass der spontanen Anhalte-Aktion. „ Excuse me." , stammelte der Fahrer und setzte den Wagen wieder in Gang. Augenblicklich warst du wieder in Gedanken.

Nebst der prächtigen Inneneinrichtung überzeugten die großen Räume mit ihrem atemberaubenden Charme. Dieses Herrenhaus muss einst sehr, sehr schön gewesen sein. Es stimmt dich ein wenig traurig, dass du nicht in diese Zeit geboren wurdest und nur noch Reliquien und Erzählungen Zeugen dieser einstigen Epoche waren. Nichtsdestotrotz warst du glücklich hier zu sein. Mit zwei weiteren Freundinnen bezogst du das Zimmer. Der männliche Part der Reisegruppe fand sich im Nebenraum wieder. Nachdem jeder ein Bett belagert hatte, wurden die Pläne für die kommenden Tage geschmiedet. Da die Reise sehr lang gewesen war, beschlossen du und deine Freunde den Tag mit einem ausgedehnten Stadtbummel ausklingenzulassen. Gesagt, getan.

Dreißig Minuten später in der Innenstadt von London.
„Um acht dann am Big Ben, in Ordnung?" Mit diesen Worten hattet ihr euch voneinander getrennt, damit jeder die Stadt zunächst für sich erkunden konnte . Morgen würde der absolute Sightseeing Marathon beginnen, aus diesem Grund war der Abend des ersten Tages zur Entspannung und innerlichen Ankunft bestimmt. Es zog dich aus den überlaufenden Touristenvierteln in die kleinen schmalen Gassen zwischen den großen Attraktionen. Als es Zeit für den Afternoon Tea wurde, sah man auch dich an einem zierlichen Tischchen sitzen, genussvoll eine heiße Tasse besten Earl Grey zu sündhaft teuren Preisen schlürfen. Dieses kleine Stückchen Lebensstil konntest du dir nicht entgehen lassen, der Aufguss war sein Geld wert. Nach dieser Stärkung nahmst du den Kurs durch die abgelegenen Bereiche der Großstadt wieder auf. Deine neugieren Blicke blieben immer wieder an den kleinen Läden hängen. Von Schneidern bis hin zu einem alten Bestattungsunternehmen fand sich alles wieder, es war verblüffend.

Vor einem Antiquitätenladen hielten deine Füße an. Im Schaufester des possierlichen Geschäftes standen alte, handgebundene Werke zur Schau. Die Buchrücken waren alt und abgegriffen, während die vergilbten Seiten auf ihre ganze eigene Weise leuchteten. Im Abendlicht wirkten diese antiquierten Wissensträger wie alte Schlüssel zu einem längst verlorenen Schloss. Bevor du dich versahst, hatten deine Füße dich bereits in den das Geschäft verfrachtet. Es roch nach alten Büchern, ein vertrauter Geruch. Beim Stöbern in einem halb zerfallenen Karton ergriffen deine zarten Hände auf einmal ein zerfledertes kleines, dickes, schwarzes Büchlein. Die Goldprägung lässt vermuten, dass es sich um ein Geschichtsbuch handelt. „Vom einstigen Ruhme der …" mehr lässt sich nicht entziffern, es ist schier nicht möglich. Trotzdem weckt dieses gewöhnlich ausschauende Werk dein Interesse. „How much?" , erkundigst du dich beim Verkäufer. „ You can have it for free. No one is interested in books like this one. They are decayed by time, there is surely no reason to keep it here." "That's very kind of you. Thank you, sir." Lächelnd verlässt du das Geschäft. Dieser alte Wälzer wird ein Geschenk für deine große Schwester. Als Bibliothekarin und leidenschaftlicher Bücherwurm wird sie sich hoffentlich über dieses alte Schriftstück erfreuen. Doch zuvor wolltest du selbst hineingesehen haben.

Auf einer Parkbank findest du letztendlich Ruhe vom stresserfüllten Tag. In deinen Händen liegt das alte Buch aus dem Antiquitätengeschäft. Lächelnd schlägst du es auf." Es ist nur ein Buch. Und wenn ich das recht verstanden habe soll Lesen bilden." Dieses Zitat aus dem Film „Die Mumie" fällt dir jedes Mal aufs Neue ein, wenn du ein neues Werk beginnst. Es ist nur ein Buch, also was soll schon groß passieren?

Hättest du , wenn du die Tragweite deiner Taten vorrausehen könntest, es trotzdem gelesen?