Natürlich würde nichts passieren, wenn man einfach so ein Buch las. So sehr du es dir auch wünschtest, es ist und bleibt ein Traum. Die Lettern vor deinen Augen waren feinsäuberlich mit einer Feder niedergeschrieben. Scheinbar ist dieses Schriftstück älter als der Buchdruck selbst. Erstaunlich! Wie lange diese Hand geschrieben haben muss um das Werk zu vollende? Trotz dem äußeren Zustand war der Text innerhalb des Einbands völlig unberührt vom Zahn der Zeit.

Nur mit großer Mühe konntest du die einzelnen Worte entziffern. Wahllos hattest du einfach irgendeine Seite aufgeschlagen. Oder hatte das Buch die Stelle, die es dir zeigen wollte, selbst geöffnet? Es war verwunderlich. Die ersten zusammenhängenden Wörter lauteten wie folgt: „…und dann warf ich es in die Sande der Zeit, damit es eines Tages von einer auserwählten Seele gefunden werden kann." Meint er dieses Buch? Deine Neugierde war geweckt, du musstest einfach weiterlesen. „Wer auch immer du bist, ich führe dich fort auf eine weite Reise. Bist du bereit diesen Schritt zu gehen? Sprich den Zauber und fahre fort." Mit diesen Worten endete der Absatz, doch unter der Passage schimmerten feine silberne Lettern, sie waren dir zuvor gar nicht aufgefallen. Vielleicht lag es am Einfallswinkel des Sonnenlichtes, der das Silber hatte nahezu unsichtbar werden lassen. Die bis zur Unkenntlichkeit verschnörkelte Schrift war nicht lesbar.

„Ein Zauber, den niemand lesen kann." Der Spott in deiner Stimme war unüberhörbar. Wie durch ein Wunder wandelte sich die filigrane Schrift vor deinen Augen in klare, entzifferbare Worte um. Es verschlug dir den Atem. Flüsternd verließen die Zeilen deine Lippen:

„Komm näher, komm näher, wo auch immer du bist.

Die Zeit mag vergehen, die Knochen zerfallen,
Stehen bleibt der Zeiger und die Glocke, sie ruht.

Nichts ist auf Dauer,
Nichts hat Bestand,
Niemand kann halten,
Der Uhr fließend Sand.

Komm näher, komm näher
Mein schönes Kind,
Komm auf eine Reise, die den Gesetzen
Der Zeit entrinnt."

Kaum war die letzte Silbe ausgesprochen, da wandelte sich die anmutige Schrift zurück in das unlesbare Buchstabenknäuel. Nichts hatte sich verändert, du saßest noch immer auf dieser Parkbank und die warmen Sonnenstrahlen fielen dir in den Rücken. Kopfschüttelnd schlugst du das Buch zu. Ein Zauber, das wäre zu schön gewesen um wahr zu sein. Hattest du tatsächlich eine Sekunde lang geglaubt, dass so etwas funktionieren würde? Es musste sich um eine optische Täuschung gehandelt haben, wer weiß wann dieses Buch entstanden ist? Die Meister der Alchemie hatten dabei sicherlich ihre Finger im Spiel. Anders ließ es sich in deinen Augen nicht erklären. Ein wenig enttäuscht sackten deine Schultern nach unten. Kopf hoch, dich erwarten ein paar freudige Tage. Der Wälzer verschwand in deiner Tasche und du erhobst dich aus deiner Sitzposition um weiterzugehen, doch ein eigenartiges Schwindelgefühl erfasste plötzlich deinen gesamten Körper.

Die Welt um dich herum begann sich zu drehen und die in goldenes Sonnenlicht getauchten Farben der Stadt schwirrten um dich herum, bis sie letztendlich zu einem schwarzen undurchdringlichen Sturm wurden. Der Halt unter deinen Füßen entzog sich dir gänzlich, so dass deine Füße nachgaben und deine Knie unsanft auf dem harten Boden aufschlugen. Der Schwindel wurde stärker, während kurze, intensive Schmerzimpulse durch deinen Körper jagten. Dein Kopf würde zerspringen, so sehr schmerzte es. Alles verschwamm, deine Wahrnehmung, deine Empfindung und die Welt um dich herum. Deine Hände krallten sich in deinen Haaren fest und stille Gebete an irgendeine höhere Kraft verließen wimmernd deinen Mund. „Hilfe…". Es wurde zu viel. Das Rauschen um dich herum wurde immer lauter, das Tosen der Winde, woher sie auch immer kamen, es war nicht länger erträglich. Die Welt vor deinen Augen wurde schwarz.

Kalter Steinboden. Die erste Empfindung nach deinem Erwachen ist der kalte Steinboden unter dir. Die Wangen noch immer auf den kühlen Untergrund gepresst, öffnest du langsam deine schweren Augenlider. Die Welt um dich herum gewinnt so allmählich an Schärfe und Kontur. Was ist passiert? Warum liegst du in der Dunkelheit einer Gasse? Die Erinnerungen kehren zurück. Das Buch, du hattest daraus gelesen, bevor die Umgebung um dich herum zu wandeln begann. Deine Glieder Schmerzen entsetzlich und fühlten sich zudem stocksteif an. Trotzdem kannst du nicht länger auf diesem kühlen Untergrund liegen bleiben.

Es bedurfte keinen Wissenschaftler an deiner Seite um dir zu sagen, dass etwas mit der dich umgebenden Welt nicht stimmte. irgendetwas ist ganz gewaltig faul, sagt dir deine Intuition, während du dich schwerfällig dem Ende der dunklen Gasse näherst. Deine aufgeschürften Hände fahren langsam an der Hausmauer entlang um dir Halt zu geben, da deine Beine noch immer wie Pudding wirken. Ferner bist du noch lange nicht wieder der Herr deiner Sinne, und auch dein Herz hämmert noch immer mit voller Wucht gegen deinen Brustkorb. Es fühlt sich an, als würde es jeden Moment deine Rippen zerbersten und nach draußen springen.

Das helle Licht blendet deine Augen. Vermutlich scheint dir die Sonne geradewegs ins Gesicht. Schützend hältst du eine Hand vor deine Sehorgane, damit sie sich langsam an die veränderten Lichtverhältnisse gewöhnen können. Die Sekunden vergehen , während du einfach nur dastehst und wartest, dass dein Augenlicht zurückkehrt. Es funktionierte. Mit einem Blinzelnd öffnest du die Lider um die Umgebung wahrzunehmen. Was auch immer passiert war, das London vor dir war nicht mehr die Stadt an der Themse die du vor wenigen Stunden per Flugzeug erreicht hattest.

Vor dir lag eine altertümlich anmutende Straßenszene. Kutschen fuhren über die Kopfsteinpflasterstraßen und Menschen in sonderbarer Tracht flanieren die Bürgersteige entlang, oder unterhalten sich mit den Ladenbesitzern an den Türen der kleinen Geschäfte. Für einen Augenblick glaubst du, dass du einen der historischen Stadtteile Londons erreicht hast, in denen die Menschen noch immer nach dem Vorbild der viktorianischen Zeit leben. Oft hast du davon in der Zeitung davon gelesen, doch irgendein unterbewusstes Gefühl sagte dir, dass du nicht mehr im Hier und Jetzt seist. Passanten musterten dich abfällig und sofort wurde dir der Grund deiner vermeintlichen Aufmerksamkeit bewusst. Noch immer hattest du Hose und Turnschuhe an, während die Damen um dich herum lange Kleider mit Unterröcken trugen. Bin ich wirklich zurück gereist? Wie kann das möglich sein, Zauber existieren doch nur in unseren Phantasien, oder?

Was auch immer passiert ist, du musstest es herausfinden, und zwar schnell. Der Big Ben schlug sechs Mal in der Ferne. In zwei Stunden würdest du dich doch mit deinen Freunden treffen, doch war dies überhaupt noch möglich? Die Sonne ist bereits im Begriff sich mit dem Horizont zu einem flammenden Inferno zu vereinigen. Die Zeit rannte also. „Verzeihen Sie, werter Herr.", sprichst du einen vorüberziehenden Mann an. „Welches Jahr schreiben wir?" Doch du erntest nur spöttische Blicke und keine Antwort. Er geht einfach weiter ohne dir weiter Beachtung zu schenken. Was war passiert? Es konnte nicht sein, dass du tatsächlich eine Zeitreise gemacht hattest, oder?

Über das Kopfsteinpflaster hinweg ging der Weg in irgendeine Richtung einfach los. Wohin er dich führen würde, dass weißt du noch nicht. Eigentlich weißt du gar nichts, dein Kopf war leer. Die Füße halten vor einem Buchgeschäft an und durch das Schaufenster hindurch erkennst du eine druckfrische Tageszeitung. Nun wusstest du, in welchem Jahr du gelandet bist. Das Printmedium war mit dem Datum des 1987 versehen. Wie in aller Welt konnte das ausgerechnet dir das passieren? Warum gerade dir? Aber hattest du dir das nicht immer gewünscht, ein Teil eines großen Abenteuers zu werden? So viele Fragen und Niemand, der eine Antwort parat hatte. Dieses verdammte Buch in deiner Tasche trug die Schuld an der ganzen Misere. Am liebsten würdest du es in der Themse versenken, doch damit behob sich die Situation nicht.

Nach einer Stunde des Herumirrens hast du noch immer keine Antworten auf deine Frage gefunden. Alles was dir geläufig ist war, dass du gut 126 Jahre in der Zeit zurückgereist bist. Aber was nun? Das dunkle Tuch der Nacht beginnt seinen undurchdringlichen Schleier über London zu legen und auch die Kälte kriecht langsam an deinen Beinen herauf. Zur Hilfe würde dir niemand kommen, das war dir schmerzlich bewusst. In einer Taverne erbittest du um ein Bett für die Nacht, doch du kannst ihm nichts als Bezahlung bieten, da bis auf das Buch in der Handtasche alles verschwunden ist. Wahrscheinlich hat man dich beklaut während deiner Ohnmacht. Niemand ist so barmherzig und gewährt dir ein Rastplatz für diese Nacht. Ob es an deiner Kleidung und deinem Auftreten lag konntest du nicht sagen, doch sie sahen dich allesamt an, als seist du eine Fremde.

Der kalte Wind schickt kleine Schauer der Gänsehaut durch deinen frierenden Körper. So unerbittlich das Wetter, so gefroren schienen auch die Herzen der Bewohner dieser Stadt zu sein. Leider siehst du dich nun mit dem Gedanken auf der Straße zu schlafen konfrontiert. Nirgendwo findet sich eine brennende Tonne an der man dich annehmen wollte, selbst die Obdachlosen blieben für sich. Verzweifelt und unterkühlt nimmst du auf einer verrottenden Parkbank auf einem anliegenden Friedhof Platz. Dieser morbide Ort schafft es tatsächlich nicht deine Stimmung noch weiter zu drücken, da sie sich sowieso bereits auf dem Tiefpunkt befindet. Nebelschwaden ziehen sich in den Schatten zu geisterhaften Wänden hinauf und umhüllen den Ruheplatz der Toten mir ihrer schaurigen Aura. Die Grabsteine sind krumm und schief, ein Zeichen für einen Friedhof der Unterschicht der Stadt angehört. Die mit Moos bewachsenen Tafeln wirken nahezu lebendig unter dem Schleier des Nebels. Du erwartest, dass jeden Moment die Toten aus ihren Gräbern hervorkommen um durch die Nacht zu streifen. Ein bizarrer Gedanke, doch es würde dich nicht wundern, wenn dies nun auch noch passieren würde. Alles was du in diesem Moment willst ist einfach nur die Nacht unbeschadet zu überstehen- zu überleben. Irgendwie.

Das Krabbeln des Ungeziefers über den grob bearbeiteten Naturstein lässt dir die Haare auf deinen Armen zu Berge stehen. Anbei mischte sich das Knarzen der abgestorbenen, morschen Bäume um dich herum. Direkt hinter dir stand so ein monströses Ungetüm, ein stummer Friedhofswächter. Unter normalen Umständen würdest du solch einen Ort nicht einmal bei Tageslicht aufsuchen, doch gerade scherte dich dieser Platz recht wenig, denn die Verzweiflung die Verzweiflung dominiert deine Sinne. Wohin mit diesen ganzen Eindrücken und Gefühlen?

Langsam ziehst du die Knie an und stellst sie auf der Kante der instabilen Holzbank ab. Dein Gesicht vergräbt sich zwischen ihnen. Alleine in der Vergangenheit ohne jegliche Möglichkeit zu entfliehen, was sollte nur aus dir werden? Ohne Hilfe würdest du keine 3 Tage überleben. Diese Zeit kanntest du praktisch nur aus Büchern und Filmen. Konnte es denn noch schlimmer werden? Ein eiskalter Windzug und das Grollen eines Donnerschlages sollten dir diese Frage unverzüglich beantworten. Mit geschlossenen Augen kämpfst du gegen aufsteigende Tränen der Verzweiflung an, doch der Damm ist im Begriff zu bersten. Flennen hilft dir in dieser Situation am Wenigsten, das ist dir durchaus bewusst, denn wenn einer Schuld an dieser Situation war, dann du selbst. Natürlich warst du diejenige die laut aus dem Buch vorlesen musste. Ohrfeigen könntest du dich! Ein leises Wimmern dringt nach außen. Wer sollte es schon hören?

„Dieser Ort ist kein Spielplatz für junge Damen, besonders nicht in der Nacht." Die neugierige, leicht quarkige Stimme reißt dich aus deinen Gedanken. Wer auch immer dort neben dir steht konnte bis vor einer Sekunde unmöglich da gewesen sein. Ferner war es nahezu unmöglich sich derartig leise heranzuschleichen. Das Licht der Handlaterne erhellte die Dunkelheit ein wenig, doch noch immer hast du deinen Kopf gesenkt. Dass ein Friedhof kein Spielplatz ist, das wusstest du, doch eine passende Antwort hast du in diesem Augenblick nicht parat. „Hehe, wie ich sehe bist du nicht allzu gesprächig, wertes Fräulein." , ertönte die nun belustigt klingende Stimme erneut. „Ich…ich…", stammelst du vor dich hin, den Blick noch immer gesenkt. „Ja?" Dein Gegenüber grinste, du konntest es hören und spüren. Wie konnte er sich nur dermaßen über dich mokieren? „Ich weiß nicht wohin." Einen ganzen Satz bringst du nicht zustande, dazu sind deine Gedanken zu sehr in Aufruhr. Die Stimme war nun ganz dicht an deinem Ohr und krächzt leise und vergnügt beim Sprechen. „So ist das also, ein verlorenes Lämmchen, hehe. Vielleicht kann ich dir ja helfen." Wer auch immer dort vor dir stand ist dir nicht geheuer. Aus diesem Grunde hebst du deinen Kopf um den vermeintlichen weißen Ritter zu begutachten, doch was sich vor deinen Augen auftut, entspricht so gar nicht deinen Erwartungen.