Sofort weiten sich deine Augen bei dem Anblick dieser höchst bizarren Persönlichkeit vor dir. Du siehst in ein durch langes silbernes Haar verhangenes, leichenblasses Gesicht. Doch das markanteste an seinem Konterfei war mit Abstand die verwachsene Narbe die sich von linker Wangenmitte quer über sein Erscheinungsbild zog und unter dem Pony, der seine Augen gänzlich verdeckte, verschwand. Mit Sicherheit kannst du nicht sagen, ob dieses Überbleibsel eines wohlmöglich tiefen Schnittes bis an sein Sehorgan reichen würde. Erstaunlicherweise entstellte dieses Wundmal das Antlitz, oder zumindest den sichtbaren Teil davon, nicht. Im Gegenteil, irgendwie stand es ihm sogar ausgesprochen gut, ein Gedankengang der dich selbst verwirrte. Deine Blicke beginnen an der Gestalt vor dir auf und ab zu wandern.
Der Mann ist vollkommen in finstere Stoffe gehüllt: Ein matschfarbiges Tuch zieht sich von der Schulter aus einmal über die Brust und endet in einem großen Knoten an seiner rechten Seite. Das grau-silbriges Haar ziert ein eingedrückter Zylinder mit einem verlängerten, eigenwilligen Zipfel, der locker bis zum Becken herunter reicht. Der rabenschwarze Mantel endet an der Stelle, an der seine Waden beginnen würden, wären sie nicht verdeckt. Auffällig sind zudem die übergroßen, weiten Enden der Ärmel, in denen seine Hände vollständig verborgen bleiben. Neben den braunen, langen Ketten , vermutlich aus Holz, fällt dir das filigrane Schmuckband um seine Hüfte herum auf. Dieses locker herabfallende Geschmeide scheint aus Altgold zu bestehen und ist mit aufwändig verzierten Gemmen behangen. Die Kette ist ohne Frage mehr wert als der gesamte Rest seiner Bekleidung. Von den ledernen mit Schnallen bestückten Absatzstiefeln wandert dein Blick wieder herauf zu seinem Gesicht. Für den Bruchteil einer Sekunde bleiben deine Augen an seinem Hals hängen. Der Enge Kragen verbirgt eine weitere Narbe, die sich rund herum zu ziehen scheint und nur ganz unscheinbar herausblitzt. Ferner fällt dir die einzelne geflochtene Silberhaarsträhne auf, bevor deine ihre Erkundungstour- an seinem schiefen Lächeln zurückgekehrt- beenden.
Augenblicklich errötest du, da du den Herren vor dir so auffällig gemustert hast. Es schien ihn nicht zu stören, denn er lächelt dich weiterhin unverwandt an. Möglicherweise ist er es gewohnt alle Blicke auf sich zu ziehen, bei diesem Auftreten sicherlich kein Wunder. Dieses breite Grinsen in seinem Gesicht, die strahlend weißen Zähne… Irgendetwas war an diesem Kerl nicht geheuer, allerdings machte er aber auch nicht den Eindruck eines blutrünstigen Mörders. Nein, es war sein gesamtes geheimnisvolles Auftreten an sich. Du suchst nach Worten um irgendetwas gesagt zu haben, denn die Stille die euch nun umgibt scheint dir langsam die Kehle zuzuschnüren. Was wollte er von dir? Aus welchem Grund sollte er dir einfach so helfen? Da musste doch irgendein Harken sein. Der Gestalt entgehen deine wandelnden Expressionen nicht, er quittiert es jedoch nur mit einem leisen Kichern. „Wenn du die Nacht überleben willst ,dann solltest du dir mein Angebot noch einmal überlegen, junges Fräulein." Die Laterne in seiner Hand schwingt zur Seite und die bizarre Person schält sich zurück in den Nebel aus dem sie so unerwartet erschienen ist. Viel Zeit zu einer Entscheidungsfindung bleibt dir nicht. Was wirst du tun?
Dieser Mann hat Recht. Bleibe ich hier, dann weiß Gott wer mich holen kommt. Sollte ich diesem Durchgeknallten Irren folgen? Wer weiß, was er mit mir anstellen wird. Die Aussichtslosigkeit der Situation treibt dich an den Rand der Verzweiflung. Deine Hände greifen in deine Haare und packen packst deinen Kopf. Niemand würde dir helfen, du bist auf dich alleine gestellt. Du blickst in Richtung des Silberhaarigen. Er geht langsam aber bedächtig weiter. Die Laterne in seinen Händen erschafft einen schutzschildartigen Schein um ihn herum. Es wirkt, als würde selbst der Schatten sich vor ihm in Acht nehmen. Das Licht der Funzel wirkt unnatürlich kalt und isolierend, auch wenn es ihm eine gänsehautverursachende infernale Aura verleiht. Die Geschwindigkeit seiner Schritte lässt dich erahnen, dass er längst weiß für welchen Weg du dich entschieden hast. Letztendlich verbleibt dir keine Wahl, richtig? Wer läuft nachts über einen Friedhof und gabelt junge Frauen auf? Diese Frage verdrängst du sofort wieder, der Gedanke allein lässt dich erzittern.
Die Kälte hat deine Glieder steif werden lassen, ferner sorgte die ungesunde Sitzposition dafür, dass du zunächst Schwierigkeiten beim Aufstehen hast. Dein Körper schmerzt noch immer von dieser ominösen Zeitreise, eine Tatsache die erschwerend hinzukommt. „Warten Sie, bitte.", krächzt die Stimme aus deinem Hals. Wenn er geht, dann ist der letzte und einzige Strohhalm nach dem du greifen könntest verschwunden. Du vernimmst ein leises Räuspern aus seiner Richtung, inzwischen hatte er sich zu dir umgedreht. Da war es wieder, dieses Lächeln. Du kannst nicht ausmachen ob er vor Schadenfreude grinst, oder sich an seinem kleinen Sieg ergötzt. Plötzlich weichen alle Expressionen aus seinem Antlitz. Er hebt die Laterne und leuchtet in dein Gesicht. „Ich helfe dir, doch nur unter einer Bedingung." Die Stimme hat jegliche Freundlichkeit verloren, das Blut erstarrt augenblicklich in deinen Adern. Seine Augen sind nach wie vor verborgen, trotzdem scheint er alles um sich herum problemlos sehen zu können. Mit gekräuselten Lippen und nach wie vor verhangenen Konterfei nähert sein Gesicht sich langsam, aber unaufhaltsam dem deinen. Zunächst bist du zu überrascht um eine Reaktion von dir zu geben. Er kommt immer näher, die Fähigkeit einer Regung ist dir völlig abhandengekommen, du beginnst zu zittern.
Seine Nase ist nur noch wenige Zentimeter von der deinigen entfernt, und nun erkennst du jedes verwachsene Einstichloch seiner Narbe. Er hält inne und scheint dich eindringlich zu mustern, du kannst es nicht genau ausmachen. Was hatte er vor, er schien doch vor einer Minute noch so hilfsbereit. Die Sekunden vergehen, während es dir vorkommt wie alle Ewigkeiten dieser Welt zusammen. „Bring mich zum Lachen.", tönt es unerwartet von ihm. Du benötigst einige Augenblicke um zu verstehen, was er dir gerade mitgeteilt hat. Deine Verwirrung ist dir anzusehen, es zaubert das Grinsen zurück auf seine schmalen Lippen. „Sie zum Lachen bringen?", fragst du eher überrumpelt als ungläubig. Er nickt eifrig. „Bring mich zum Lachen und ich helfe dir. Das ist die Voraussetzung."
Na super, ein geborener Komiker warst du nun wirklich nicht, ferner war die Situation um dich herum irgendwie, in entferntester weise, so überhaupt nicht zum Albern. Die Atmosphäre des Friedhofs ließ dir eher das Blut in den Andern gerinnen, aber keine Witze erzählen. Was zur Hölle war los mit diesem Mann? „Etwas lustiges, hmm…" Du siehst dich in der Umgebung um, es gab an diesem trostlosen Ort ewiger Totenstille so absolut nichts erheiterndes, im Gegenteil, es war sehr trist hier. Möglicherweise wollte er irgendeinen morbiden Witz hören, doch davon hattest du keinen parat, da dir nicht auch nur einer geläufig war. Verzweiflung schleicht sich in deine Miene ein, du weißt absolut keinen lustigen Witz. Deine Arme beginne zu flattern, ein nicht unterdrückbares Zeichen deiner Unsicherheit. Diese Gestikulation legst du immer an den Tag, wenn du beginnst dich unwohl in deiner Haut zu fühlen. Seine erwartungsvolle Haltung ist nach wie vor unverändert. Du hoffst auf eine Erleuchtung, einen Lichtblick, eine Eingebung- doch es passiert nichts. Denk nach _, denk nach! Wenn dir nichts einfällt, dann bist du… Moment.
„Ein Toter rennt um sein Leben." , schießt es aus deinem Mund. Die Worte verlassen deine Lippen, doch am liebsten würdest du nach ihnen schnappen um es ungeschehen zu machen. Warum hast du nicht zu Ende gedacht, bevor du ihm diesen Spruch um die Ohren gefeuert hast?
Sein Lächeln erstirbt erneut.
Totenstille.
„Hahaha…heeeheeeheee-…", bricht es unerwartet aus dem Mantelträger heraus. Wie ein Wahnsinniger umschlingen seine Arme seine Seiten und er beginnt sich vor Lachen zu schütteln, während du dastehst und nicht wirklich wahrnimmst, was sich eigentlich gerade vor deinen Augen abspielt. „Ein Toter rennt um sein Leben, heeeheeeeheeee…", wiederholt er nach Luft schnappend. „Köstlich." Langsam machst du dir ernsthafte Sorgen um die geistige Gesundheit deines vermeintlichen Retters, der sich noch immer vor Gackern kugelt.
Nach einer ganzen Weile scheint er sich wieder ein zu bekommen. Langsam hebt der komische Kautz seinen linken Arm, um sich die Träne auf seiner Wange in den Ärmel zu wischen. „So habe ich mir das vorgestellt, folge mir." Er grinst, scheinbar seine Lieblingsbeschäftigung - neben dem gruselig wirken. Eine ganze Weile tappst du neben dem großgewachsenen Herren her. Der Weg durch die undurchdringliche Nebelwand scheint kein Ende nehmen zu wollen. Deine Füße beginnen zu schmerzen, eigentlich tut dir alles weh. Du fühlst dich wie gerädert. Um dich herum ist ein schier unendliches Feld an Grabsteinen. Seid ihr noch immer in London? Die Umgebung lässt es nicht zu, dass du den zurückgelegten Weg schätzen kannst, doch du hast das Gefühl, dass ihr bereits seit Stunden unterwegs seid. Dein Begleiter hat währenddessen seine Miene nach wie vor nicht verändert, es verwundert dich, dass jemand so lange grinsen kann. Seine Gesichtsmuskeln müssen es gewohnt sein, sonst würde er bei weitem nicht so lange durchhalten können, zumindest nicht ohne am Folgetag tierischen Muskelkater zu bekommen.
Du bemerkst gar nicht wie du ihn die ganze Zeit über anstarrst. Erst als er seinen Kopf schieflegt und merklich zu dir hinüber schaut, siehst du beschämt zur Seite. Die ganze Situation ist dir mehr als nur unangenehm. Verloren in der Zeit, hilflos sowie verlassen und zu guter Letzt auf die Unterstützung eines recht sonderbaren Typens angewiesen. Wie konntest du es soweit kommen lassen? Dabei hast du es dir doch so ausgesucht, als du den Zauber laut ausgesprochen hast.
Bereust du es?
