„Du bist nicht von hier.", zerfetzen seine Worte die unsägliche Stille. Mehr als ein kraftloses Kopfschütteln bringst du jedoch nicht über die Bühne. „Hehe.", quittiert er deine Reaktion und trottet weiter vor sich hin, die Laterne in der rechten Hand neben sich baumelnd. Du fragst dich still und heimlich, weshalb er sie mitschleppt, wenn er doch offensichtlich nicht auf sie angewiesen ist.

Langsam tauchen die Umrisse der ersten Häuser vor deinen vernebelten Blicken auf. Scheinbar hegte er doch keine niederträchtigen Gedanken. Zuerst hast du vermutet, dass er dich vergewaltigen und töten würde, doch diesen Eindruck hast du schnell abgelegt, denn irgendetwas an seinem merkwürdigen Gehabe sagte dir, dass er nicht gekommen sei um dir böses zuzufügen. Ganz kannst du deine Zweifel jedoch nicht loswerden. Trotzdem mach sich Erleichterung breit, scheinbar hattest du doch ein wenig Glück auf deiner Zeitreise mitgenommen. Ein Lichtblick, besser als nichts, oder?

Gleich Geisterschiffen schälen sich die Mauern der sich nähernden Bauwerke aus Schatten und Dunkelheit. Nur einige Laternen weisen darauf hin, dass sich vor euch eine kleine, enge Straße befindet, der Rest der Sicht wird vom Schleier der Nacht verschluckt. Deine restlichen Sinne reaktivieren sich so langsam. Du musst zugeben, dass London zu dieser Zeit und an diesem Ort zu einem der weniger attraktiven Flecken Groß Britanniens gehört. Kurz gesagt: es stinkt gewaltig nach Fäkalien und verwesenden Abfällen. Deinen Retter scheinen diese würgereflexauslösenden Gerüche absolut nicht zu tangieren, aber er ist sowieso auf seine Art seltsam. Still und brav marschierst du neben ihm her, bis er abrupt vor einem fensterlosen Geschäft innehält. Du musterst das Backsteinaus, insofern die Beleuchtung es zulässt. Rechts neben der Eingangspforte stehen zwei an der Wand befestigte Grabsteine. An dem äußeren der beiden Namenstafeln lehnt ein Metallrohr mit einer Kondolenzflagge an der Spitze. Links der großen Dunkelholztür befindet sich ein massiver Eichensarg, während über der makabren Szenerie ein großes Schild mit den Lettern „Undertaker" prangt. Gekrönt wird dieses Gesamtbild von einem Totenschädel in der Mitte oberhalb des Schriftzuges. „Ein Bestattungsinstitut.", flüsterst du leise.

Nun wird dir auch klar, dass er Mann neben dir ein Leichengräber ist. Dies wiederrum erklärt seine Anwesenheit auf dem Friedhof. Er ist scheinbar weniger irre als du zunächst angenommen hast. „Da sind wir.", erklärt er stolz und beginnt in den Tiefen seines Mantels nach etwas, dass du als Ladenschlüssel vermutest, zu kramen. Entgegen deiner Erwartungen zieht er jedoch keinen Schlüssel sondern einen Knochenförmigen Hundekuchen hervor. Ein gelbes Funkeln hinter seinem grau-silbernen Pony verrät dir, dass dieser Kräcker das tatsächliche Objekt seiner Begierde darstellt. Unverzüglich nimmt er einen großen Bissen und kaut ihn vergnügt vor sich hin, während du nur verwundert dabei zusehen kannst. Du musstest deine Meinung über ihn grundlegend revidieren: er war nicht gruselig sondern durchgeknallt. Allerdings warst du dir momentan nicht sicher, was von beidem nun furchterregender sei.

Mit einer lockeren Bewegung ließ er den Ärmel seines Mantels von seinem Handgelenk rutschen. Zuerst fallen dir die langen, schwarzlackierten Fingernägel nebst dem großen Ring mit dem klobigen, olivin-farbigen Schmuckstein an seinem linken Zeigefinger auf. Sein kleiner Finger, insofern man seine langen Gliedmaßen als klein bezeichnen kann, wird ebenfalls durch die Anwesenheit einer Narbe geprägt. Unweigerlich musst du dich fragen, ob er ihn einst verloren und wieder angenäht hatte. Innerlich schüttelst du dich bei der Vorstellung.

Zu deiner Verwunderung ist der Laden nicht abgeschlossen. Gut, was gab es bei einem Bestattungsunternehmen schon zu erbeuten? Die Tür schwang auf und ein muffiger Geruch kam dir entgegen. Es war eine Mischung aus poliertem Holz und diversen Chemikalien, der dir in die Nase stieg. Im Vergleich zu dem beißenden Uringeruch in den kleinen Gassen waren diese Düfte jedoch eine wahre Wohltat für die Nase. Das fensterlose Geschäft wurde von einem mit heruntergebrannten Kerzen bestückten Kronleuchter an der Decke erhellt. Mit einer eleganten Handbewegung lässt dir dein höflicher, aber komischer Retter den Vortritt. Am auffälligsten waren die Särge, sie standen praktisch überall im Raum verteilt. Für jede Größe einen Totenkoffer, so war es tatsächlich. Die dunklen, polierten Holzkisten mit der seidenen Innenverkleidung dominierten das Gesamtbild dieses Raumes. Anschließend fielen dir die prall gefüllten Regale auf. Urnen aller Formen und Farbe nebst kleinen mit Korken verschlossenen Fläschchen. Auch eine detailgetreue Nachbildung des menschlichen Körpers stand in der Ecke und starrte mit den Glasaugen durch die Gegend.

Ein wenig unsicher stimmte dich der Gedanke einzutreten schon, denn immerhin konnte der Mann hinter dir dich umbringen und einfach verschwinden lassen, wenn er es denn wollte. Nein _ , denk nicht daran, er will dir nur helfen. Hoffentlich. Einen Augenblick lang spielst du mit dem Gedanken dich umzudrehen und wegzulaufen. Doch wohin dann? Es kostet Überwindung den ersten Schritt über die Türschwelle zu wagen, doch du tust es einfach. Was auch immer passieren sollte, schlimmer konnte es nicht mehr groß werden, jedenfalls hoffst du es. Hier drinnen war es wenigstens warm, die Kälte in deinen Knochen machte sich schmerzlich bemerkbar. Bereits seit geraumer Zeit warst du am bibbern, deine Lippen waren bereits blau angelaufen. Bei den herrschenden Witterungsverhältnissen und deiner Kleidung war es auch nicht verwunderlich, dass du frieren würdest. Vom Hochsommer direkt in kaltes, stürmisches Herbstwetter, ja genau so ist es gewesen.

Die Tür fiel hinter dir ins Schloss, sofort drehst du dich zu dem Silberhaarigen um. Der Schwarzgekleidete lächelte nicht mehr. Er sah eher nachdenklich aus, zumindest der Teil seines Gesichtes, den du wahrnehmen konntest. Gedankenversunken stellt er die kleine Handlampe auf einen Tisch, dreht sich ebenfalls um und mustert dich von oben bis unten ,bevor er durch den Raum zu schreiten beginnt. Seine langen Finger hat er unter den überweiten Ärmeln seines Mantels zusammengesteckt, zumindest vermutest du es bei seiner momentanen Haltung. Als er an dir vorbeizieht fallen dir die Ohrringe zum ersten Mal auf. Scheinbar legt er doch mehr Wert auf sein Äußeres als angenommen -ein ganz und ganz undurchschaubarer … Mensch? „Komm mit.", hörst du ihn sagen, als er sich an der Tür zum Nebenzimmer zu schaffen macht. Schweigsam folgst du ihm erneut.

Der Raum, den du jetzt betrittst, ähnelt diesen typischen Pathologien aus den Krimiserien die du des Öfteren einmal gesehen hattest. In der Mitte standen zwei Operationstische, anbei kleine Beistellwagen mit allerlei Skalpellen, Scheren und sonstigen medizinischen Gerätschaften. Es roch streng nach Desinfektionsmittel und anderen Schleimhautreizenden Substanzen. Sofort begannen deine Augen unweigerlich zu Tränen, so sehr reizten diese Dämpfe sie. Doch zum Glück ging das Silberhaar weiter bis zur nächsten Tür, hinter der sich eine kleine Treppe nach oben offenbarte. Langsamen Schrittes steigst du die knarzenden Stufen hinter dem Hundekuchenliebhaber aufwärts, um dich letztendlich in einer kleinen Küche wieder zu finden. Dein Retter wies auf den Stuhl am Küchentisch, während er an der Kochstelle herumzuhantieren beginnt.

Ohne einen Mucks von dir zu geben beobachtest du ihn dabei, wie er Wasser erhitzt und einen Tee aufgießt. In einem Messbecher reicht er dir das wärmende Getränk, während er sich an dem Platz neben dir niederlässt. Dankbar nimmst du einige kleine Schlucke des Heißgetränkes zu dir. Die Wirkung setzt sofort ein- die Kälte entweicht langsam deinen Knochen. Die unterkühlten Finger saugen gierig die Hitze des heißen Becherglases in sich auf. „Ich danke Ihnen, Sir." In diesem Moment warst du wirklich verdammt dankbar. Er hatte dich einfach so mitgenommen, ohne dich zu kennen. Vielleicht war es nur eine Tarnung, du wusstest es nicht. Möglicherweise bist du der Spinne ins Netz gegangen, niemand konnte es dir beantworten. Dein Gegenüber grinst und entblößt seine strahlend weißen Zähne. „Erzähl mir, was dich auf diesen verlassenen Friedhof getrieben hat.", erkundigt er sich, als zeitgleich seine Hand in einer Urne nach weiteren Knochenkeksen sucht.

Eine Weile schweigst du, nicht weil du keine Antwort weißt, sondern weil du das Chaos in deinem Kopf erst einmal unter Kontrolle bringen musst. Heute Morgen bist du noch friedlich, im Jahre 2013, in deinem Bett aufgewacht, doch nun sitzt du 126 Jahre in der Vergangenheit an einem alten Holztisch und versucht einem durchgeknallten Leichengräber deine Situation zu erklären - verrückte Welt. Du findest kaum Worte um das auszudrücken was du möchtest. „Da war ein Buch, ich habe darin gelesen und auf einmal war ich hier, in der Vergangenheit. Das ist alles was ich weiß. Ich bin in einer Gasse aufgewacht und … und nun sitz ich hier und …" Du bist den Tränen wieder nahe, unterdrückst sie jedoch mit aller Kraft. Das Letzte was du nun tun wolltest war hoffnungsloses Flennen. Dein Blick verschwimmt und schwere salzig schmeckende Tropfen schlagen geräuschlos auf dem Tisch unter dir auf. Es dauert einige Momente bis du dich wieder gefangen hast. „Ich habe nach einem Platz für die Nacht gesucht, doch niemand war so gnädig und hat sich meiner erbarmt, dann bin ich auf dem Friedhof gelandet." Langsam hebst du den Kopf. Der Zylinderträger scheint dir aufmerksam zuzuhören und nachzudenken. „kannst du dich an das Buch erinnern?", fragt er neugierig und spielt mit seinen langen Fingern interessiert herum.

Das Buch. Es ist in deiner Tasche. Du hast es die ganze Zeit bei dir getragen, vielleicht konnte es dich ja zurückbringen. Hoffnung keimt in dir auf und voller Enthusiasmus kramst du den alten Wälzer aus deiner Handtasche und reichst ihn herüber.

Vorsichtig begutachtet der Bestattungsunternehmer das Werk vor sich, bevor er es aufschlägt. Das Schriftstück öffnet sich erneut an haargenau derselben Stelle. Einige Minuten vergehen, während er stillschweigend das Medium vor sich observiert. „Hehe, wie ich es mir gedacht habe." ,krächzt er leise und schlägt den Einband zu. „Können Sie mir helfen?", fragst du erwartungsvoll. Immerhin schien er das Buch in irgendeiner Weise zu kennen. Für einen kurzen Augenblick wandelten sich seine Gesichtszüge, er schien zu überlegen, vielleicht sogar mit sich selbst zu ringen. Doch dann kehrte sein Grinsen wieder zurück. „Es sieht wohl so aus, als wärst du in einen kleinen Scherz der Zeitwächter hinein geraten.", erklärt er dir schadenfroh kichernd gleich einem kleinen Jungen der etwas Böses verbockt hat und sich nun über das Ausmaß des Schadens freut.

„Was bedeutet das für mich?" „Das bedeutet, dass du einfach in diese Zeit zurück geschickt wurdest, mehr nicht." Deine Hände umklammern das Becherglas mit dem heißen Tee fester. Der Schmerz der Wärme ist dir gleichgültig, du willst Antworten. „Aber das muss ein Versehen sein, ich wollte doch gar nicht…" Dein Gegenüber legt den Kopf schief, sodass einzelne seiner langen Strähnen über sein Gesicht fallen. „Aber du hast doch den Zauber ausgesprochen, oder etwa nicht?" Dein Mund öffnet sich um einen Widerspruch zu formen, doch die Worte ersticken in deiner Kehle. Du lässt deine Schultern hängen, er hat Recht, du selbst hast den Zauber wirksam werden lassen. Der Griff um den Becher versteift sich, du kümmerst dich allerdings nicht darum, ob das Glas bersten könnte und deine Hände zerschneidet. „Gibt es eine Möglichkeit wieder zurück zu kommen?"

Seine Mimik lässt dich erneut hoffen. Er angelt sich mit einen langen, dünnen Fingern noch einen Knochenkeks aus der Totenvase bevor er dir antwortet. „Ganz einfach: warten." Augenblicklich entgleiten deiner Miene sämtliche Züge. „Wie, warten? 128 Jahre?"

Sein Lachen wird breiter.