Du musst erst einmal schlucken. 128 Jahre waren nicht nur eine verdammt lange Zeit, nein, solange lebte ein gewöhnlicher Mensch nicht einmal. Unsicher fahren deine Hände durch deine zerzausten Haare, die Verzweiflung breitet sich in dir aus. Bleib ruhig _, ganz ruhig. Langsam atmest du aus, während du dich in der kleinen Küche umsiehst. Wohnlich war etwas anderes, dieser Raum diente eher dem Zweck als der Ansehnlichkeit. Das Knuspergeräusch neben dir holt dich in die grausame Realität zurück. Der Hutträger hält in jeder Hand einen Knochenkeks und scheint zu überlegen, in welchen er zuerst beißen soll.
„Gibt es denn keine andere Möglichkeit?", fragst du verzweifelnd, fast flehend. „Ah-ah.", schüttelt er den Kopf und seine langen Haare fliegen dabei durch die Luft und landen wieder auf seinen Schultern. Er beobachtet dich und deinen zunehmend trauriger werdenden Gesichtsausdruck. Das Schicksal meinte es wohl absolut nicht gut mit dir. Geknickt lässt du den Kopf hängen, sodass deine Haare gleich einem seidigen Vorhang vor deine Sicht fallen. Es überrumpelt dich, die ganze Situation ist zu viel. Klare Gedanken fallen dir schwer, die Unordnung in deinem Kopf nimmt gigantische Ausmaße an. Plötzlich schiebt sich ein kleiner Knochenkeks in dein Sichtfeld. Verwirrt blinzelst du und schaust auf. Dein schwarzer Ritter bietet dir einen seiner scheinbar heißgeliebten Kekse an. „Vielen Dank Sir, aber ich bin nicht hungrig." Im gleichen Moment gibt dein Magen ein monströses Grummeln von sich – dieser Verräter.
Belustigt sieht der Langhaarige dich an, seine langen Finger halten dir noch immer das Hundeplätzchen hin. Zögernd nimmst du es an. Deine Blicke mustern das Gebäck skeptisch, doch der Hunger überwiegt. Langsam öffnest du deinen Mund und beißt vorsichtig ein Stück ab. Erstaunlicherweise schmeckt es nicht wie du es erwartet hattest, im Gegenteil, ein süßer Geschmack breitet sich in deinem Mund aus. In dein Ohr dringt ein leises Kichern, wahrscheinlich hast du gerade ziemlich dämlich dreingeschaut, es belustigt deinen Tischnachbarn. Dein Magen knurrt erneut, die Süßigkeit hat deinen Appetit geweckt. Noch bevor du deinen Mund öffnen kannst steht die Urne samt Inhalt vor dir.
„Wie heißt du, junge Dame?", erkundigt er sich während du einen Keks nach dem Anderen in deinem Mund verschwinden lässt. Wo er diese Dinger auch immer her hat, sie schmecken teuflisch gut. „Mein Name ist _", antwortest du ihm wahrheitsgemäß und beißt in ein weiteres Gebäckstück. Es fühlt sich gut an, nach dem langen Tag etwas im Magen zu spüren, auch wenn es vielleicht nicht die gesundeste Stärkung ist, doch das machte nichts. Dein Körper ist noch immer durchgefroren, du spürst die Kälte trotz des warmen Ofens unter der Haut sitzen. Es ist unangenehm, aber ohne deinen Retter würdest du wahrscheinlich noch immer auf dieser alten Parkbank sitzen, wenn dich nicht inzwischen irgendeiner weggefangen hätte. „_.", wiederholt er deinen Namen , scheint aber zu überlegen was er mit dieser Information anfangen soll. „Ich danke Ihnen, dass sie mich gerettet haben, Sir." Der geheimnisvolle Totengräber legt den Kopf erneut schief. Irgendwie hat diese Gestik etwas. Du kannst es dir nicht erklären, denn dieser Mann ist absolut nicht durchschaubar für dich.
„Undertaker.", sagt er grinsend. „Ich weiß doch, dass Sie Bestatter sind, denken Sie, dass ich blind bin?" Sein Grinsen wird zu einem Lachen. „Undertaker ist mein Name, nenn mich so. „Sie" klingt als wäre ich hunderte von Jahren alt." Bei den letzten Worten nuschelt er mehr oder weniger in den Ärmel seines Mantels. Das ist aber ein eigenartiger Name. Du siehst ihn an. Naja, nicht eigenartiger als er selbst. Langsam beginnst du den Tee zu trinken, er hat inzwischen eine annehmbare Temperatur erreicht. Die wärmende Flüssigkeit gibt dir ein wohliges Gefühl im Bauch, langsam aber sicher fühlst du dich –zumindest körperlich- besser. Deine Gedanken schweifen wieder ab. Du bemerkst nicht einmal, wie der Undertaker sich von seinem Stuhl erhebt und zum Ofen wandert um Wasser aufzusetzen. In deinem Kopf ist noch alles wirr, deine Glieder schmerzen und frieren tust du trotz der hohen Zimmertemperatur noch immer.
Ich kann nicht mehr zurück. Nie wieder. Werden sie mich vermissen? Du schüttelst den Kopf. Sie sind ja noch nicht einmal geboren. Was passiert, wenn die Zeit voranschreitet und ich…? Die Hand mit den langen schwarzen Fingernägeln auf der Schulter beendet den Gedanken bevor du es kannst. Der Silberhaarige Geschäftsbesitzer steht hinter dir und sieht dich nachdenklich an. „Du solltest dich ausruhen." Stumm nickst du, doch wohin mit dir? Erlaubt er dir tatsächlich hier zu bleiben? Er kennt dich doch nicht einmal. Du ihn auch nicht, aber das spielt nun keine Rolle. Als könne er Gedanken lesen, beantwortet er dir deine nächste Frage, bevor du sie im Geiste formulieren kannst. „Du kannst hier bleiben und mir im Laden helfen, doch nur unter einer Bedingung." Das schäbige Grinsen kehrt in sein Gesicht zurück. „Bring mich zum Lachen, _." Dein Name aus seinem Mund klingt so gar nicht nach dem deinen, es ist verwunderlich. „Aber ich bin keine gute Witzeerzählerin.", versuchst du ihm zu versichern, doch er sieht dich nach wie vor erwartungsvoll an. Alle Sprüche die dir gerade einfallen, die würde er sowieso nicht verstehen, weil die meisten Witze aus deiner Zeit stammen.
„Oh… ich glaube ich habe einen." Freudig schlägt der Undertaker die Hände unter seinen Ärmeln zusammen, sodass nur ein dumpfer Laut aus dieser Bewegung hervorgeht. „Was ist ein Keks unter einem Baum?" , fragst du ihn, nicht sicher ob er sich darüber freuen wird. Die Urne hat dir Inspiration für diesen Spruch geliefert. Du hoffst, dass er lachen wird. Nach einigen Sekunden schüttelt er den Kopf und sieht dich neugierig an. Du fragst dich, ob vor dir ein Hund im Menschenkörper steht. Sein Verhalten würde es auf jeden Fall erklären. „Na ein schattiges Plätzchen.", löst du die Ratestunde auf. Er dauert einige Sekunden bis es beim Undertaker klick macht. Leise kichert er sich einen und wendet sich von dir ab. Im Stillen hoffst du, dass er in Zukunft nicht noch weiter nach Witzen fragen wird, da dir partout keine mehr einfallen werden. Aus irgendeinem Grund bezweifelst du es jedoch stark.
„Ich zeige dir dein Schlafzimmer, dann kannst du ein heißes Bad nehmen.", tönt seine Stimme aus dem Nebenraum. Schweigsam erhebst du dich und folgst dem Undertaker, der dir gerade einen Zuber mit dampfenden Wasser vorbereitet. Du beobachtest den Schwarzgekleideten dabei. Dafür, dass er dich vielleicht eine Stunde kennt ist er ziemlich selbstlos. Es wundert dich, dass er dich aufgelesen, mitgenommen und praktisch gerettet hat. Dafür ihm ein wenig unter die Arme zu greifen wäre das Selbstverständlichste der Welt für dich, auch wenn du weißt, dass sein Beruf nicht gerade dein Traumjob wäre. Nein, du solltest dankbar sein dafür, dass er so hilfsbereit und freundlich ist. Er wollte zum Lachen gebracht werden als Austausch, eine Geste die nun wirklich nicht die Welt kostete, oder? Vielleicht mochte er komisch sein, komisch aber freundlich.
„Du träumst ziemlich viel, junge Dame." Ein Blinzeln holt dich in das Hier und Jetzt zurück. Das Gefäß in den Händen des aufmerksamen Bestatters dampft noch immer. Augenblicklich errötest du ein wenig. Ihm scheint wenig zu entgehen. Ein schiefes Lächeln ziert seine schmalen Lippen. Eigentlich sah er ja gar nicht mal so übel aus, zumindest der sichtbare Teil von ihm. Die untere Gesichtspartie, die Haare…gut, mehr hast du nicht von ihm gesehen, obwohl dich seine Augen ebenfalls interessierten. Vielleicht waren sie durch die Narbe entstellt, dann wolltestet du nicht so neugierig sein und nachfragen, oder? „ja, ab und zu." , antwortest du verlegen. „Heehee.", erwidert er leise lachend und marschiert mit einem Leuchter in der Hand ins Nebenzimmer. „Dies wird dein Schlafplatz sein für die Nacht.", hörst du ihn grinsend sagen. „Morgen sieht die Welt ganz anders aus, gute Nacht _." Mit diesen Worten lässt er dich alleine.
Zögerlich schälst du dich auch deinen Hüllen. Es ist eigenartig sich an diesem fremden Ort einfach zu entkleiden. Ein angenehmer Schauer durchfährt dich, als dein Fuß in das warme Wasser eintaucht. Langsam lässt du dich im großen Holzzuber nieder um gänzlich die erlösende Hitze an deinem Körper zu spüren. Es ist eine Wohltat für deine kalten Knochen. Wie könntest du dem Undertaker jemals für diese Hilfe danken? Du schließt die Augen, genießt die Stille und wirst nachdenklich. Nun warst du hier und konntest nicht mehr weg, das stand fest. Da dir niemand helfen konnte blieb dir nichts anderes als übrig als dich deinem Schicksal zu ergeben und in dieser Zeit einfach zu leben. Eine provisorische Unterkunft hattest du ja erst einmal. Du winkelst die Knie an, holst tief Luft und lässt die Hälfte deines Gesichtes in das klare Nass versinken. Deine Haare bilden einen kleinen Vorhang und nehmen dir die Sicht. Es ist angenehm in dieser Position, du wirst sofort müde.
Zwar wärst du am Liebsten drinnen geblieben, doch irgendwann wurde selbst das Wasser kalt und du würdest dich erkälten, wenn du es nicht schon längst getan hast. Die Handtücher waren rau, doch zu dieser Zeit gibt es ja noch keinen Weichspüler, ferner gab es so viele Erfindungen noch nicht. Das Leben war einfach anders.
Dein „Schlafzimmer" scheint der letzte Raum im dieser Etage zu sein. Wenn ich hier oben schlafe, wo verbringt der Undertaker dann die Nacht? Diese Frage beschäftigt dich. Vielleich schläft er auch gar nicht, oder du hast unten irgendeine Tür übersehen, das konnte gut möglich sein. Hier schien er jedenfalls zuvor nicht geschlafen zu haben, denn die kleine fensterlose Kammer machte nicht den Eindruck, als wäre sie häufig besucht in der Vergangenheit. Das Bett vor dir ist aus massivem Holz, vermutlich Eiche oder Buche. Die Vier Posten am Ende jeder Ecke vereinigen sich an der Decke zu einem Himmelbett. Es sieht schlicht doch trotzdem elegant aus. Du wunderst dich, dass es nahezu unbenutzt wirkt. Die Frage nach Nachtbekleidung hat sich ebenfalls erledigt. Dir bleibt nichts anderes übrig als in Unterwäsche oder gänzlich ohne zu schlafen. Alles konnte dein Retter nun auch nicht übernehmen, oder? Das erste Mal seit deiner Ankunft in dieser Welt musst du leise kichern. Die Vorstellung, dass der Undertaker dir Kleidung besorgen geht ist durchaus belustigend. Du entscheidest dich letztendlich in deinem T-Shirt zu schlafen.
Die Dunkelheit umhüllt dich augenblicklich, als du die Kerzen ausbläst. Stille. Wärst du nicht so entsetzlich müde, dann würdest du dir nun Gedanken um deine Umgebung machen, doch sofort als sich deine Augenlider schließen, fällst du in einen tiefen Schlaf.
