Als du deine Augen wieder aufschlägst ist es noch immer stockduster um dich herum. Wie sollte es bei einer fensterlosen Kammer auch anders sein? Gedämpftes Licht tritt unter der Türspalte hervor, es muss aus der Küche kommen. Noch immer ein wenig groggy schlägst du die Federbettdecke zur Seite und erhebst dich gähnend. Im Dunkeln suchst du deine Kleidung zusammen und beginnst dich anzuziehen. Fast wärst du über deine eigenen Füße gestolpert, als du hüpfend dich in deine Hose buchsierst. Auf die Dauer würdest du neue Sachen benötigen, vielleicht konnte der Undertaker dir dabei ja helfen.
Mit verzottelten Haaren und einem verschlafenen Gesichtsausdruck öffnest du langsam die Tür zur Küche. Die Quelle des Lichtes stellt ein Kerzenständer dar. Dein freundlicher Mitbewohner muss ihn dort drapiert haben, wissend, dass du auf ein wenig Helligkeit angewiesen bist. Die Urne mit den Knochenkeksen stand noch immer auf dem Tisch, doch er hatte sie scheinbar neu gefüllt. Dein Hunger macht sich bemerkbar, sofort greifst du zu und lässt dir die wohlschmeckende Süßigkeit auf der Zunge zergehen. Anschließend machst du dich auf den Weg nach unten. Da dieses Gebäude keine Fenster besitzt, kannst du nicht sagen ob es bereits Mittag ist oder noch früh am Morgen. Die Standuhr im Flur sollte dir diese Frage beantworten: es schlug sieben. Ob er schon wach ist? Ferner fragst dich wo der Undertaker die Nacht überhaupt verbracht haben könnte. Vielleicht war er ja noch einmal draußen.
Im Pathologieraum stinkt es nicht mehr so penetrant wie vergangenen Abend, die Tränen schießen dir nicht sofort in die Augen. Hier ist er schon mal nicht. Dann wird er im Geschäft sein. Doch auch dort wirst du nicht fündig. „Undertaker?", hörst du dich unsicher sagen. Keine Antwort. „Heeeheeeee.",hallt eine furchterregende Stimme hinter dir aus einem der verschlossenen Särge. Mit einem Satz stehst du auf der anderen Seite des Raumes und siehst zu, wie sich der Deckel langsam zur Seite schiebt und die schaurige Gestalt mit den langen silber-grauen Haaren feixend heraussteigt. „Du bist also wach." , stellt er noch immer grinsend fest. Gleichzeitig öffnet sich die Ladentür und zwei kräftige Männer treten ein. Sie tragen einen langen Sarg aus hellem Holz. „Ah, wie sich sehe gibt es Arbeit für uns." Hinter seinem Pony nimmst du ein gelbes Funkeln wahr. Wie konnte man sich über eine Leiche freuen und vor allem am frühen Morgen? Du kannst dir die skeptischen Blicke nicht verkneifen, während dein neuer Arbeitgeber beginnt um den Totenkoffer herumzutanzen.
Mit einem hinterlistigen Kichern schiebt er den schweren Holzdeckel mühelos zur Seite und betrachtet das das leblose Ding vor seinen Füßen. Dir wird beim Anblick des Leichnams schlecht, du kannst nicht hinsehen aber auch nicht wegsehen, das Bild vor deinen Augen fesselt dich. „Sie können sie heute Mittag abholen, meine Herren." , sagt er händereibend zu den beiden kräftigen Männern im Türrahmen. Mit einem Nicken verlassen sie das Geschäft. Es kümmert dich nicht, du starrst noch immer auf die blutverschmierten sterblichen Reste. Es handelt sich um ein blondes Mädchen. Herrgott sie scheint in deinem Alter zu sein! Ihre Kehle ist aufgeschlitzt und das herausschießende Blut hat ihre gesamte Kleidung mit seiner eigentümlichen Farbe getränkt. Am erschreckendsten ist jedoch ihr Gesicht: weit aufgerissene Augen starrten an die Decke. Vermutlich hat sie ihrem Scharfrichter in die Augen gesehen, als er ihr mit der Klinge den Lebensfaden durch schnitt. Der Geruch aus dem Sarg lässt dich würgen, der typische eisenhaltige Geruch des Blutes strömt durch den Raum. Du riechst ihn vielleicht nicht zum aller ersten Mal, jedoch ist er so intensiv, dass es dir dein Frühstück nach oben befördern will.
„Du hast noch nie einen Toten gesehen, oder?" Der Undertaker sieht dich fragend an. Endlich können sich deine Blicke von der Leblosen lösen, du bist dankbar dafür. „Nein, in meiner Zeit haben wir nicht viel mit Verstorbenen zu tun." Er schaut ein wenig enttäuscht drein, so als würde er sich nicht auf die Zukunft freuen. „Im Hier und Jetzt ist der Tod allgegenwärtig.", kommt es wieder kichernd von ihm. „Du kannst mir helfen sie vorzubereiten.", gluckst er zufrieden und hebt das tote Mädchen aus seiner Behausung. Du musst schlucken, willigst jedoch ein und folgst deinem makabren Retter in den Nebenraum. Dort legt er die verblichene Schönheit auf einen der Metalltische, greift eine Schere und beginnt das blutgetränkte Kleid zu zerschneiden, während er dir mit Begeisterung erklärt, wie ihr nun vorgehen werdet.
Nachdem die sterbliche Hülle sorgsam gewaschen wurde, beobachtest du den Undertaker dabei, wie er sich an Nadel und Faden zu schaffen macht. Die ganze Prozedur des Putzens in Kombination mit den strengen Gerüchen der Desinfektionsmittel haben dir schon nahezu den Rest gegeben, doch nun noch zuzusehen, wie er ihren Hals wieder zusammennäht, nein das kannst du wirklich nicht. „Es ist immer wieder bedauerlich, wenn meine Kundschaft so schöne, junge Mädchen sind. Sieh sie dir an, ihre Haut ist noch rein und unbeschadet. Keinerlei Makel ziert ihr perfektes Gesicht, nur die Angst in ihren Augen lässt sie noch lebendig wirken." Der Undertaker lebte seinen Job, es war seine Berufung. Mit dieser akribischen Sorgfalt ging er auch vor. „Bist du schon dein ganzes Leben lang Bestatter?", fragst du um von dem Eingriff vor deinen Augen abzulenken, außerdem willst du ein wenig über deinen neuen Arbeitgeber erfahren, wenn du nun immerhin schon bei ihm wohnen darfst.
Er schüttelt den Kopf. „Nein, früher habe ich andere Tätigkeiten ausgeführt, allerdings hatte es schon immer mit Toten und Leichen zu tun." Die Tonlage seiner Stimme wurde ruhig und sachlich. „Hast du getötet?", schießt es aus deinem Mund bevor du dir ernsthaft Gedanken über die Frage gemacht hast. Der Hutträger hebt den Kopf, lässt die Nadel in der Haut des Mädchens stecken und mustert dich eindringlich. Du würdest gerne seine Augen sehen um das ganze Ausmaß seiner Mimik erkennen zu können, doch du musst lediglich mit der unteren Partie seines Konterfeis vorlieb nehmen. Scheinbar hast du mit der Frage irgendeinen Punkt getroffen, den du im Nachhinein vielleicht lieber verfehlt hättest. Ein subtiles Lächeln ziert seine Lippen. Es gehört nicht zu jenen Expressionen die du bereits von ihm kennst, nein es hat etwas wissendes, etwas geheimnisvolles, etwas verruchtes. „Wenn du es so nennen magst, ja. Der Tod war schon immer mein Geschäft." Die Stimme des Undertakers hat ihren leicht quarkigen, unbeschwerten Unterton verloren. Sein Tenor ist nun sanft wie warmer Sommerwind und gefährlich wie die Klinge die das Leben des Mädchens vor die qualvoll beendet hat. Dein Körper reagiert sofort und schickt einen Schauer, gefolgt von Gänsehaut, dein Rückgrat hinunter.
Du könntest dich Ohrfeigen dafür, dass es deinem Gegenüber nicht entgeht. Mit einem seiner langen Fingernägel tippt er sich, noch immer dieselbe Mimik haltend, auf die Wange. Du weißt , dass er dich ganz genau zu sehen scheint, und in diesem Moment fühlst du dich einfach nur schutzlos und bloßgestellt. Freundlicherweise löst er diese stille Situation auf, indem er weiterspricht. „Dies ist sozusagen mein Ruhestand." Wie Ruhestand? Er sieht doch noch gar nicht so alt aus. Verwunderung steht dir ins Gesicht geschrieben. „Aber du bist doch noch gar nicht so alt, dass du bereits Pensioniert bist, oder?" , fragst du ungläubig. Noch verdatterter schaust du drein, als der Undertaker auf einmal beginnt zu kichern. „Hehe, Alter ist relativ, meine Liebe. Für mich hat Zeit keine Bedeutung, ich habe lange gearbeitet, und ich werde es auch noch eine ganze Weile tun. Die Welt mag vielleicht im Wandel sein und die Methoden meines Vorgehens haben sich geändert, doch im Grunde mache ich Jahr aus Jahr ein immer noch dieselbe Arbeit." Er legt den Kopf schief und sieht dich fragend an. Du nickst als Zeichen dafür, dass du mit der Antwort zufrieden bist. Im inneren hast du allerdings noch immer nicht das Gefühl ihn großartig besser zu kennen. Vielleicht kommt das ja noch, wer weiß.
Seine Finger sind unheimlich geschickt, er näht die Haut in Windeseile ,ohne große Spuren zu hinterlassen, wieder zusammen. Man sieht natürlich noch immer, dass der Schnitt existent ist, jedoch ist ihr Kopf wieder fest am Rumpf befestigt. Einen Augenblick stellst du dir die Frage, ob er die Narben an seinem Körper ebenfalls selbst zusammengeflickt hat. „Du träumst schon wieder." , stellt der Langhaarige belustigt fest. Natürlich hast du ihn die ganze Zeit angestarrt, wie unhöflich. Du errötest ein wenig, doch er scheint dir keinen Strick daraus drehen zu wollen. Kichernd verschwindet er ins Geschäft zurück, während er etwas vor sich hinmurmelt. Deine Blicke gleiten zurück zu dem verstorbenen Mädchen. Der Undertaker hat Recht, ihr Körper ist schön und makellos. Ein wenig schaudern musst du bei diesem morbiden Anblick schon. Einen Herzschlag später steht der Bestatter wieder im Raum, hält jedoch ein teuer wirkendes Kleid in seinen Händen- vermutlich soll das verblichene Fräulein darin beigesetzt werden.
Das tiefe Weinrot passt zu ihren sonnenblonden Haaren und solange ihre Augen verschlossen bleiben sieht sie fast wie eine schlafende Prinzessin aus. „Undertaker, wer ist dieses Mädchen?" „ Ihr Name ist Madelaine, Tochter eines Werftbesitzers und Angehörige des britischen Hochadels." Du nickst ein wenig bedrückt. „Aus welchem Grund wurde sie so brutal zugerichtet?" Eigentlich möchtest du die Antwort gar nicht so ausführlich hören, doch dieses Tote Geschöpf hat dein Mitleid geweckt. „Man munkelt, dass ihr Verlobter sie aus reiner Eifersucht ums Leben gebracht hat." Es schüttelt dich ein wenig, doch die Antwort genügt dir. Inzwischen hat der von Narben Gezeichnete eine kleine Holzkiste aus einem Regal hervorgeholt und damit begonnen das Gesicht Madelaines zu pudern und sie schön zu machen. Nach wenigen Minuten sieht sie tatsächlich aus, als wäre sie noch am Leben, du kannst deinen Augen kaum trauen. „Sie ist wirklich wunder-…."
Bevor du den Satz beenden kannst liegt der Leichnam in den Armen des Undertakers, der auch sofort beginnt sofort mit der Toten durch den Raum zu tanzen. „Oh du siehst wirklich wunderschön aus, mein Kind. Ich wünschte, du hörest mich, dann würden deine Zarten Wangen noch rosiger wirken als sie es nun schon tuen. " Lachend zog er seine Runden durch die Pathologie, während der Kopf der toten Aristokratin in ihrem Nacken lag und haltlos durch die Luft flog bei seinen schnellen Umdrehungen. „Warum denn so schweigsam, kleines Fräulein? Ich dachte, dass das Tanzen dich immer erquickt hat. Wie schade, dass die Maden dich und dieses wunderschöne Stoffstück an deinem zierlichen Leib bald zerfressen werden. So lernen wir doch, dass alle Schönheit vergänglich ist." Fassungslos siehst du ihm zu. „Aber eines muss ich dir verraten, mein Liebling: Der Tod steht dir ausgezeichnet, hehehehe." Nun war es amtlich, er hatte einen Sprung in der Schüssel und du warst kreidebleich.
Mit einem Schwung liegt sie in einen seinen Armen, schöner als je zu vor. „Dann wollen wir dich mal in dein ewiges Bett legen, junge Schönheit." , kichert er und marschiert schnurstracks aus dem Raum, während er dich fassungslos zurück lässt. Mit heruntergeklapptem Unterkiefer folgst du dem verrückten ins Geschäft zurück. Dort angekommen beobachtest du, wie er die tote Adelige sanft in den Sarg legt, ihre Haare richtet, das Gesamtbild betrachtet und den Deckel verschließt. Die Uhr im Flur schlägt zehnmal- die Zeit vergeht scheinbar ohne dein Wissen. „Wenn du möchtest, dann kannst du mich auf die Beerdigung begleiten, sie findet in wenigen Stunden statt. Allerdings sollten wir dir zuvor andere Kleidung beschaffen, denn deine Tracht ist nicht sonderlich zeitgemäß." Du blickst an dir herunter. „So etwas trägt man in der Zukunft aber.", entgegnest du beleidigt. „Wenn alle Frauen sich wie Herren kleiden, dann bin ich froh, dass wir diese Zeit noch nicht erreicht haben." Du kannst nicht einschätzen ob er dich bewusst provozieren will, oder ob der Undertaker es tatsächlich ernst meint. „Findest du denn, dass ich aussehe wie ein Mann? "Der Schwarzgekleidete schüttelt den Kopf. „Männer tragen Hosen, Frauen tragen Kleider und Röcke. So ist es hier in England Sitte." Natürlich, wie sollte es auch anders sein? Das Weltbild hat sich ziemlich gewandelt in den letzten 120 Jahren.
Da die Männer den Sarg erst in einigen Stunden abholen werden, nutzt dein einziger und bester Bekannter die Zeit um dir London ein wenig zu zeigen und um dir alltagstaugliche Kleidung zu besorgen. Du wunderst dich, dass er so viel Geld zu besitzen scheint. Vielleicht legte der grau-silber Haarige auch keinen Wert auf Münzen, Taler oder sonstige Materielle Güter. Nach gefühlten zweihundertdreiundfünfzig Kilometern glaubst du dem Ende nah zu sein. Deine Schuhe sind nicht für weite unebene Strecken ausgelegt, doch du hast ja nun „neue". Der Undertaker trägt höflichst deine neuerworbenen Kleider, während du mit gequältem Gesichtsausdruck neben ihm hermarschierst. „Werden viele aus der gehobenen Klasse dort anwesend sein?", erkundigst du dich, nachdem ihr wieder im Geschäft seid und die Männer die auf ewig schlafende Schönheit von den gleichen Männern wieder abgeholt wurde. „So ziemlich alle wichtigen Herrschaften werden anwesend sein."
Deine Neugierde ist geweckt.
Der Adel der viktorianischen Epoche- wer oder was dich dort wohl -
...erwarten wird...
