Deine neue und unauffälligere Garderobe entsprach zwar nicht so ganz deinem Zeitgeist, schmeichelte deinem Köper allerdings unheimlich. Das Lange mit Unterrock versehende Baumwollkleid fühlte sich ein wenig kratziger an als du es von deinen Sachen her gewohnt warst, erfüllte jedoch seinen Zweck. Daran würdest du dich gewöhnen müssen. Letztendlich bist du dankbar, dass der Undertaker so hilfsbereit ist- ausgesprochen hilfreich um es genau zusagen. Anlässlich der Beerdigung ist deine Robe schwarz gehalten. Ein Spiegel fehlt dir, der Hausherr scheint so etwas tatsächlich nicht zu besitzen. Sei's drum!
Das Gongen der alten Uhr teilt dir mit, dass es bereits halb drei sei, langsam solltet ihr euch auf zum Friedhof machen, damit ihr pünktlich zur Zeremonie anwesend seid. Der Undertaker war wie vom Erdboden verschwunden, als du unten das Geschäft betrittst. Zuerst vermutest du, dass er sich wieder in einem seiner Särge versteckt, damit er dich hinterlistig erschrecken kann. Doch nachdem du auch das letzte Totenbett kontrolliert hast, stellst du fest, dass er wirklich nicht auffindbar ist. Ist er im Schrank? Die letzte Option stellt ein großer Kleiderschrank dar. Du musst dir ein Seufzen verbieten. Ein erwachsener Mann der sich versteckt um andere zu erschrecken, dir fällt nicht einmal ein wertendes Adjektiv dazu ein. Merkwürdig, seltsam , urkomisch? „Du kannst rauskommen, ich weiß wo du bist." , sagst du siegessicher, als du vor dem großen alten Holzklotz stehst. Keine Antwort. „Auf diesen Trick falle ich nicht noch einmal rein, Undertaker." Du legst die Hände auf die Klinke und zerrst daran. Es scheint zu harken, vielleicht wollte er es dir ein wenig komplizierter machen.
Mit einem Mal schwingt die morsche Schranktür auf und du landest auf deinen vier Buchstaben. Doch anstatt des Undertakers kommt dir eine große, schwere silberne Sense entgegen gerauscht. Wenige Zentimeter vor deinem Gesicht wird die Klinge angehalten. Zusammengezuckt kauerst du auf dem Boden und starrst auf die tödliche Gerätschaft vor deiner Nase. „Du solltest aufpassen beim Herumstöbern, junge Dame.", tönt es emotionslos aus dem Mund deines Retters. Wo kam er schon wieder her? Du musst diesen Schock erst einmal überwinden. Um Haaresbreite hättest du eine Sense im Gesicht stecken gehabt, ein sicherlich unerfreulicher Zustand und deines Mitbewohners neue Abendbeschäftigung, wenn er dich für deine eigene Beerdigung hätte herrichten müssen. Letztgenannter stellt das schwere Werkzeug zurück in den Schrank, reicht dir die Hand und hilft dir auf. „Es tut mir leid.", stammelst du verlegen. „Ich dachte nur…." „Sei vorsichtig." , tönt es sanft und beruhigend von ihm. „Wie es scheint, ist deine Welt weniger gefährlich als die unsere." Du weißt nicht was du darauf entgegnen sollst außer einem entschuldigendem „Danke."
Deine Augen wandern zurück zum Schrank, in dem die übergroße Sichel steht, wartend auf ihren nächsten Einsatz. Doch diese Sense ist keine gewöhnliche, nein, sie wurde nicht entworfen um Gräser oder Getreide zu ernten. Das filigrane aber tödliche Werkzeug hat die Form eines langgezogenen Knochengerüstes. Die rasiermesserscharfe Schneide endet in einem Totenschädel. Diese ist aufwändig mit Dornenranken um die Stirn und durch den Rachen verziert. Wer auch immer diese Gerätschaft gefertigt hat, legte ein unglaubliches Auges auf Detailtreue. Der Schädel macht den beklemmenden Eindruck, dass er noch lebendig sei und jeden Moment seinen Mund zu einem Todesschrei öffnen würde- es lässt dich erschaudern. Das Verbindungsstück zwischen Schneideblatt und Schaft stellen die Halswirbel dar, sie gehen direkt in den skelettierten Brustkorb mit all seinen Bestandteilen über. Selbst das Rückgrat ist vollen Endes ausdefiniert worden- ein morbides Meisterwerk. Am vermutlichen Steißbein endet die Verzierung und geht in eine knochenähnlich geschwungene Stange bis zum Ende des Stiels über. Deine Augen wandern an der Sense hinab. Das Mordwerkzeug – so viel hast du inzwischen erkannt- endet in sich verjüngenden Knochen am unten Ende des Stabes. Du bekommst eine Gänsehaut beim Anblick dieses „Dinges".
Deinem Retter entgehen deine gebannten Blicke natürlich nicht, er sieht dir zu, wie du dieses edle aber totbringende Geschöpf aus Metall ehrfürchtig betrachtest. „Gehört sie dir?", erkundigst du dich vorsichtig, nachdem du die Fähigkeit des Sprechens wiedererlangt hast. Nachdenklich nickt der Bestatter und streicht sehnsüchtig mit seinen langen Fingern über das Kalte Material. Ob er damals aussah wie der Sensenmann, wenn er sie herumgetragen hat? Du versuchst dir den Undertaker so vorzustellen. Bis jetzt , abgesehen von seinem Tanz mit der toten Adeligen, hat er nicht den Eindruck eines kaltblütigen Mörders gemacht, im Gegenteil eher. „An ihr klebt viel Blut.", sagt er mit quälender Langsamkeit und einem subtilen Schmerz in seiner Stimme, der dich ein wenig traurig stimmt. Scheinbar vermisst er seine alte Arbeit, warum nimmt er sich dann nicht wieder auf? Er sieht dich an und scheint auf deine Reaktion zu warten. Erstaunlicherweise nimmst du es gefasst auf. Würde in deiner Welt in Unbekannter dir erklären, dass er zahlreiche Menschenleben auf dem Gewissen hat, dann würdest vermutlich um dein Leben rennen, doch deine Ansichten haben sich in so kurzer Zeit gewandelt- sie mussten es. Du legst unbewusst den Kopf schief und siehst die Sense wieder an. „Was genau hast du vor deiner Zeit als Totengräber gemacht?"
Deine Frage wird mit einem Grinsen quittiert. „Das, meine Liebe..." , flüstert er und tippt mit seinem langen, schwarzen Fingernagel auf die Spitze deiner Nase „…erkläre ich dir zum gegebenen Zeitpunkt." Damit musstest du dich zufrieden geben, immerhin ist er nicht wütend geworden, dass du in seinen Sachen herumgewühlt hast, wenn auch unabsichtlich. „Diese Kluft steht dir weitaus besser.", stellt er fest, während er den Raum verlässt. Du folgst ihm und ihr macht euch auf zum Friedhof um die letzten Vorbereitungen für die Beerdigung zu treffen.
Du hättest niemals vermutet, dass es so anstrengend würde kann ein Grab auszuheben. Der Schweiß rinnt an dir hinab und die Sonne scheint dir auf den Rücken. Deine dunkle Tracht absorbiert die Lichtstrahlen und heizen dich zusätzlich auf, nicht sonderlich förderlich, denn die Grube ist erst zur Hälfte ausgehoben. Deinem Nachbarn scheint die Situation keine Umstände zu bereiten, er schaufelt munter weiter und summt eine dir unbekannte Melodie. Es dauert noch einige Minuten bis ihr das Loch bis zu vollen Tiefe ausgehoben und verkleidet habt. Die ersten Trauernden treffen ein, als die Uhr halb vier schlägt. Im Schatten eines Baumes beobachtest du, wie die feine Gesellschaft peu à peu angefahren kommt. Kutschen halten vor dem Friedhof, den Damen und Herren wird von ihren Bediensteten aus dem Gefährt geholfen und schließlich schreiten sie mit erhobenen Nasen an den Schaulustigen hinter dem Eisenzaun vorbei. Sehen und gesehen werden, so kommt es mir vor. Du sollst Recht behalten, denn die meisten Aristokraten scheinen eher auf sich als auf die Beerdigung fokussiert zu sein.
„Sieh dir diesen moralischen Verfall an.", dringt es abwertend in dein Ohr. „Sie kommen nicht her, um Anteilnahme zu zeigen, sondern um ihren Pflichten als distinguierte Gesellschaft nachzukommen. Das Ableben Madelaines interessiert nebst der eigenen Familie die Wenigsten. Ist es nicht traurig zu beobachten, wie die wahre Natur der Menschheit ist?" Der Undertaker stützt sich auf seiner großen Schaufel ab, und beobachtet gemeinsam mit dir Meute der hohen Gesellschaft Londons beim Flanieren. Im inneren deines Herzens musst du ihm zustimmen, diese Menschen waren selbstverliebt und dekadent, mehr nicht.
Die nächste Kutsche hält Friedhofstor an, du weißt nicht aus welchem Grund sie dir ins Auge fällt. Ein hochgewachsener, dunkel gekleideter Mann mit ebenso nachtschwarzen Haaren und markanten roten Augen springt vorne ab und öffnet demütigst die Tür zum Wagen. Trotz der Entfernung kannst du sein Konterfei ausmachen, er sieht außergewöhnlich gut aus für einen Diener. Der Schalk sitzt ihm im Gesicht- eine Auffälligkeit die dir sofort ins Auge springt. Seine Lippen bewegen sich und er lächelt. Kurz darauf reicht er der aussteigenden Person seine Hand. Ein kleiner Junge mit auffällig dunklem marineblauen Haaren und einer Augenklappe verlässt die Kutsche. Du wartest auf den Rest der Familie, doch es steigt niemand mehr aus. Ein einzelnes Kind auf einer Beerdigung? „Das ist Earl Ciel Phantomhive, Besitzer der Funtom Company und alleiniges Oberhaupt der Adelsfamilie Phantomhive- ein Waise. ", kommentiert der Undertaker deine Blicke belustigt. Ciel Phantomhive… „Und der Mann neben ihm, das ist sein Diener?", erkundigst du dich neugierig. „Sebastian Michaelis, oberster Butler seines Zeichens."
Mitleid durchspült deine Adern. Dieser Junge scheint die wichtigsten Menschen in seinem Leben verloren zu haben, aus welchen Gründen auch immer. Vielleicht macht er deshalb so einen verbitterten und distanzierten Eindruck. Die Abstammung sieht man ihm zumindest deutlich an: er trägt einen maßgeschneiderten Anzug mit einem dazu abgestimmten Hut. Der Gehstock in seiner Hand komplettiert das Gesamtbild. Würde er kein Kind sein, so schätztest du seine Haltung auf die eines Erwachsenen, so schien auch seine ganze Mimik und Gestik zu sein. Deine Blicke heften sich wieder an seinen Begleiter. Irgendetwas, du kannst es nicht ausmachen, hatte dieser Mann- es war fesselnd. Sie beachten euch nicht , sondern schreiten zielgerade auf das weit geöffnete Portal der Kirche zu um an der letzten großen Verabschiedung Madelaines teilzunehmen. Ciel Phantomhive und Sebastian Michaelis… Se-bas-tian. Die Worte zergehen dir sprichwörtlich auf der Zunge, doch du wirst augenblicklich von einem stechenden Schmerz in deinem Oberarm aus den Träumen gerissen.
„Aua!", keifst du verärgert, als du bemerkst, wie des Undertakers langer Fingernagel sich in deine Haut gebohrt hat. „Die letzten zwei Male hast du nicht reagiert, der Mensch lernt eben nur unter Schmerzen." , gluckst er und weißt dich mit einer Handbewegung darauf hin, dass ihr euch nun ebenfalls unter die scheinheilig trauernde Menge begeben solltet. Trotzdem lässt dich diese Begegnung nicht locker. Unter all diesen Menschen stechen gerade der junge Earl und sein Butler besonders heraus. Vielleicht mögen es die gesonderten Umstände seines Lebenswandels sein, oder möglicherweise auch die Aura , die diese beiden Herren umgibt. Niemand konnte dir diese Frage beantworten, außer die Herrschaften selbst. Wahrscheinlich würdest du niemals in den Genuss kommen um sie zu fragen. Doch niemand wusste schon was die Zukunft bringt, jedenfalls nicht für dich.
