Durch eine schmale, alte Holztür betretet ihr das Gotteshaus. Die Bänke an den Seitenschiffen sind bereits gut gefüllt mit den Trauernden aus allen Ecken des Landes. Die Meisten von ihnen, so offensichtlich ist es, machen eher den Eindruck, als legten sie mehr Wert auf das anschließende Soirée, als auf die Trauerzeremonie selbst. Dein Blick wandert über ihre Köpfe hinweg, die imposante Innengestaltung der Kirche fasziniert dich mehr als diese Menschenmenge. Die einfallende Nachmittagssonne wirft irisierende Farbspiele durch die bunten Fenstergläser auf den Boden und taucht den aufgebahrten Sarg im Hoch-Chor in malerische Farben. Die Tote- soweit du es aus der Ferne erkennen kannst- wirkt unter diesem verzückenden Lichterspiel gleich einer schlafenden Prinzessin- nicht tot, nur ruhend. Für alle Ewigkeit. Du kennst sie nicht, doch es bedrückt dich sie so zu sehen, denn kein Leben sollte derartig beendet werden. Trauer erfasst dich.
Hier drinnen ist es kühl und du beginnst dich nach der schweißtreibenden Buddelaktion langsam zu akklimatisieren. Neben dir lehnt sich der Undertaker an die kalte Steinmauer, die Arme verschränkt und Kopf gesenkt. Scheinbar wartet er darauf, dass die Prozedur beginnt, sich schnell und kurz abspielt und dann zum Ende kommt. Als Leichengräber hört er sicherlich ständig irgendwelche Grabreden. Ob sie sich alle gleich anhören? Wenn man über die Toten nur gutes Sagen soll, dann wird die Laudatio wahrscheinlich immer ähnlich klingen. Das muss schrecklich langweilig für einen Unbeteiligten sein, vermute ich. Du fragst dich, ob er durch die Arbeit mit den vielen Verstorbenen bereit so abgestumpft ist, dass es ihn nicht einmal mehr interessiert wer vor ihm liegt. Leichen scheint er wahrlich zur Genüge gesehen zu haben, ansonsten würde er seinen Beruf nicht so akkurat ausführen, oder?
Mit dem erklingen der schweren Gusseisenglocke im Kirchturm verstummen schlagartig die surrenden Stimmen im Mittelschiff. Durch die Vierung hindurch marschiert langsamen Schrittes ein Priester in den Hoch-Chor hinauf, positioniert sich an einem Pult hinter dem geöffneten Sarg und verharrt einige Momente. Die Orgel erklingt, es ist ein schwermütiges, langsames Werk in D-Moll. Anschließend beginnt der Herr traditionsgemäß mit der Leichenpredigt. Die Gesellschaft auf den Holzbänken senkt in Demut ihren Kopf und lauscht den sanften Worten des Redners. Du tust es ihnen gleich und schließt die Augen. „Jedes Wort aus seinem Mund ist eine diktierte Lüge der Eltern der Toten." Du blinzelst und sieht den Undertaker aus dem Augenwinkel heraus lächeln. Er flüstert so leise, dass du selbst seine Worte kaum verstehen kannst. Du wunderst dich woher er es weiß, doch dieser Mann wusste erstaunlich viel, woher nun auch immer.
Nach anderthalb Stunden hast du dir die Füße in den Bauch gestanden und bist froh, dass diese überschwängliche Lobrede ein Ende hat. Der Undertaker und sein Anhängsel, sprich du, verlasst das heilige Haus wieder durch die unauffällige Seitentür. Von einem schattigen Plätzchen aus beobachtet ihr den Trauerzug zur Grabstätte. „Die Beerdigung stellt die letzte große Zeremonie eines Menschen dar, gleichzeitig bedeutet sie auch die endgültige Niederlegung der sterblichen Reste des seelenlosen Körpers." Diese eindringlichen Worte stimmen dich nachdenklich. „Lebenszeit ist begrenzt, aus diesem Grunde hält jeder daran fest, solange er kann. Der Körper ist ein Tempel, doch auch die Seele ist verankerter Bestandteil unseres Daseins. Das Streben nach vergänglichen Gütern wie Reichtum, Macht und Ansehen ist Vergeudung dieser kostbaren Zeit. Aus eben diesem Grunde verachte ich die Aristokratie." Du hebst den Kopf ,siehst den Undertaker an und nickst stumm. Passende Worte findest du nicht. In deinem Unterbewusstsein formuliert sich eine Frage, doch bevor du sie zurechtgeformt und gestellt hast, ist der Mantelträger bereits mehrere Meter von dir entfernt auf dem Weg zum Grab.
Die letzte Rose wurde mit der obligatorischen Hand voll Erde auf den teuren Totenkoffer geworfen. Die Trauergemeinde ist im Begriff sich aufzulösen um anschließend zur Abendgesellschaft anlässlich der Beerdigung zu erscheinen. Du greifst nach der schweren Holzschaufel und bereitest dich mental darauf vor morgen mit Blasen an den Händen sowie tierischen Rückenschmerzen zu erwachen. Hungrig bist du ebenfalls, dein Magen knurrt wie ein wildes Tier. Ihr wollt gerade beginnen das Grab zurecht zu machen, als sich aus der Ferne zwei Herrschaften nähern. Du erkennst sie, es sind Earl Phantomhive und sein oberster Butler. Letzterer trägt ein Bouquet weißer Calla in den Armen. Die Blicke des jungen Adeligen sind starr auf den Grabstein gerichtet, er schenkt dem Undertaker und dir keine weitere Beachtung. Sein Diener tut es ihm gleich und scheint wenig an der Umgebung interessiert zu sein. Du bekommst die Möglichkeit sie beide zu mustern, versuchst es allerdings ein wenig unauffälliger als du es beim Herren neben dir getan hast.
Ein strenger Seitenscheitel auf der Linken bändigt die tiefblauen Haare des jungen Earls. Den Pony über seiner Augenklappe trägt er jedoch nicht zurückgekämmt. Scheinbar legt er Wert darauf sie zu verdecken oder zumindest dezent zu verbergen. Sein junges Gesicht ist gezeichnet von einer Ausdruckslosigkeit, die ihm eine Aura emotionaler Kälte verleiht. Wahrscheinlich kannte er die Tote kaum, ferner macht er ein Geheimnis aus seiner Gleichgültigkeit. Du blickst an ihm hinab. Er trägt einen maßgeschneiderten mattschwarzen Anzug mit gleichfarbiger, akkurat gebundener Krawatte über einem reinweißen Hemd. Der aufrechte Gang in Kombination mit dem edlen Gehstock lässt ihn anmutig jedoch unerreichbar wirken. Alles in allem spiegelt seine gesamte Gestikulation eine Haltung der Distanz und der Abwehr wieder. Er muss eine unsagbar große Last der Verantwortung auf seinen kindlichen Schultern tragen. Vielleicht ist er aus diesem Anlass so erwachsenwirkend. Ciel Phantomhive ist auf den ersten Blick – für dich- eine ebenso undurchschaubare Person wie der Undertaker. Möglicherweise lag es auch an deiner Menschenkenntnis, oder an der Epoche- hier war wirklich alles merkwürdig.
Unauffällig huschen deine Blicke zu Sebastian Michaelis hinüber. Der Butler trägt gleichfalls schwarz. Sein Aufzug ähnelt dem Ciels, wirkt in seiner Gesamtbeschaffenheit jedoch noch immer gleich der Tracht eines Angestellten. Ein Trenchcoat, ebenfalls in den Farben der Nacht gehalten, vollendet den Eindruck. Sein Auftreten ist weniger auffällig als jenes seines Herren. Fesselnd an ihm ist sein übernatürlich wirkendes Antlitz. Augenblicklich beginnst du zu träumen. Er trägt die Dunkelheit mit sich, in seinen Haaren in seinen Augen, in seiner Aura- packend, faszinierend und gefährlich. Vor deinem geistigem Auge starrst du Bauklötzer, so einen Mann hast du noch niemals in deinem Leben gesehen. Was auch immer er darstellte, es lag irgendwo fernab von Gut und Böse- es konnte nicht menschlich sein, denn kein normales Wesen besaß ein solche Ausstrahlung: Das spitz zulaufende Gesicht, die roten Augen gleich eines lauernden Raubtieres umrahmt von sanft fallendem schwarzen Haar. In deiner Zeit wäre er der Schwarm aller Frauen und Mädchen gewesen, ohne Frage. Mit Müh und Not zwingst du deinen Blick wieder auf den Boden, ein wenig schämst du dich für dein inneres Schmachten. Diese beiden waren unerreichbar, definitiv.
Die Herren halten unmittelbar vor dem Grab an, du verbeugst dich ehrfürchtig, während der Undertaker keine Anstalten macht irgendeine Geste von sich zu geben. „Earl Phantomhive, so sieht man sich wieder.", vernimmst du stattdessen die quarkige Stimme neben dir. „Wenn Ihr Euch zu lange Zeit lasst, dann sind die besten Grabplätze vergeben und Ihr müsst mit einem zweitklassigen Plätzchen vorlieb nehmen, hehe." Scheinbar kennt der Undertaker den Grafen ziemlich gut. Woher wusste dieser Mann nur so viel, das war doch nicht normal- für einen Bestatter… mit dir unbekannter Vergangenheit. Der junge Adelige lächelt nur verächtlich, verbeugt sich vor dem Sarg als Zeichen seines Respekts und wirf den Blumenstrauß mitsamt einer Hand voll Erde in die Grube. „Noch musst du dich gedulden, Undertaker.", entgegnet er, bevor er sich seinem Diener zuwendet. Deine Augen haben zuvor auf Ciel geruht, streifen nun aber ebenfalls hinüber zu Sebastian Michaelis.
Für den Bruchteil einer Sekunde kreuzen sich eure Blicke, du hast das Gefühl, dass die Zeit still steht, als sich seine weinroten Iriden in die deinen bohren. Wüsstest du nicht, dass es unmöglich ist anhand der Augen in die Seele eines Menschen zu sehen, dann würdest du deine Meinung allein für diesen einen Augenblick revidieren müssen. Bevor du ausmachen kannst, was er denken könnte ist der Moment bereits vorüber. „Mein junger Herr?", erkundigt er sich unterwürfig, trotzdem liegt in seiner Stimme ein Hauch von Belustigung, soviel kannst du wahrnehmen. „Wir brechen auf, es ist bereits reichlich spät für den Tee." „Wie ihr wünscht, mein Meister." Mit einer tiefen Verbeugung und einem unscheinbaren Lächeln auf den Lippen verabschiedet Sebastian sich von euch und geleitet seinen Herren zur wartenden Kutsche am Ende des Friedhofes. Du siehst ihnen hinterher.
„Hehe, dann mal an die Arbeit." Ihr schaufelt das Grab zu, richtet den Erdhaufen ansehnlich zurecht und drapiert die Kondolenzkränze ordentlich, bevor der lange Tag für euch ebenfalls beendet ist.
Die Nacht ist bereits über euch hereingebrochen, als ihr das Bestattungsinstitut erreicht. Natürlich ist es nicht abgeschlossen, was hast du auch erwartet?
Oben in der kleinen Küche angekommen machst du dich über das frische Brot her, das ihr auf dem Rückweg mitgenommen habt. Dein Sitznachbar scheint sich mit seinen heißgeliebten Keksen zufrieden zu geben. Während eine Brotscheibe nach der nächsten in deinen Magen wandert, rekapitulierst du die Ereignisse des vergangenen vierundzwanzig Stunden. Du warst nun einen knappen Tag in dieser Welt. Eine kurze Zeitspanne, die dir jedoch mehr Eindrücke vermittelt hat als die restlichen Jahre deines Lebens, zumindest kommt es dir so vor. Langsam, aber nur ganz langsam scheinst du dich endgültig damit abzufinden hier bleiben zu müssen, auch wenn die Hoffnung noch nicht ganz verblichen ist. Du hast dir ein Abenteuer gewünscht? Da hattest du es. Vielleicht nicht in diesem Ausmaß, doch ungeschehen machen war nicht mehr möglich. Gedankenversunken starrst du auf die lackfarbige Urne vor dir. Lange Finger angeln nach und nach die leckerschmeckenden Plätzchen aus ihr heraus.
„_.", beendet der Undertaker abrupt die wohlige Stille. Du siehst ihn fragend an. „Obwohl du auf dem Friedhof nichts gesagt hast, konnte man dir jedoch ansehen, dass dich etwas beschäftigt. Welche Gedanken sind dir durch dein Köpfchen gegangen." Nein, NICHTS entging ihm. Du erinnerst dich, die Frage die du ihm stellen wolltest, jedoch nicht dazu gekommen bist. „Ich habe mich nur gefragt, was mit uns passiert, wenn wir sterben. Unser Leichnam wird begraben, doch du hast von der Seele geredet. Was geschieht mit ihr?" Du weißt genau, dass dir niemand eine Antwort auf diese Frage geben kann. Für Sterbliche war es schlichtweg unmöglich zu wissen was mit einem passiert, wenn man ablebt. Der Silberhaarige seufzt leise und betrachtet seine Fingernägel. „Seit Anbeginn der Zeit sucht der Mensch nach einer Antwort. Es verhält sich wie die Suche nach dem Sinn des Lebens, der Begründung der humanen Existenz." Er hebt den Kopf und sieht dich an. In gerade diesem Augenblick lächelt er nicht. „Was denkst du, _?" Eine Gegenfrage ist zwar nicht die erhoffte Antwort, aber vielleicht würde er dir seine Ansicht erklären, wenn du ihm die deine näherbringst.
Du wirst nachdenklich. In der Schule hattet ihr über viele mögliche Theorien zu dieser Thematik gesprochen. Die Seelenwanderung kam dir wieder in den Sinn. „Vielleicht ist unser Geist ja unsterblich und der Körper nur ein Mittel um ihn zu transportieren, bis seine Zeit gekommen ist. Dann verlässt unsere Seele ihn und sucht sich einen neuen Aufenthalts Ort, doch mit der Geburt verlieren wir all unsere Erinnerungen.", beginnst du deinen Ansatz. „Platon.", entgegnet der Undertaker grinsend. Du nickst. „Und was denkst du?", fragst du ihn. Jemand der so offensichtlich mit Leben und Tod zu schaffen hatte, der musste sich doch zwangsläufig Gedanken darüber machen, nicht wahr? Das Lächeln weicht einem nachdenklichen Ausdruck. Wieder scheint er mit sich zu ringen, du kannst nicht ausmachen aus welchem Grund.
„Was würdest du vermuten ist eine Seele? Ein unsterbliches metaphysisches Konstrukt, welches diverse Phasen durchläuft bis es das letzte Stadium seiner Reise erreicht hat? Nehmen wir an es wäre so, wo würde sie sich dann aufhalten, wenn sie gerade nicht in einem Körper verweilt?" Was hat er gerade gesagt? Ich verstehe nur Bahnhof. Ebenso Verdattert siehst du ihn an. Scheinbar belustigt von deinem Gesichtsausdruckt kehrt das Lächeln auf seine Lippen zurück.
„_.
Glaubst du an Himmel und Hölle, oder an Wesen gleich Engel oder Dämonen?"
