Der Haufen vor deiner Nase wirkt tatsächlich absolut willkürlich zusammengewürfelt . Zuerst sticht dir die intensive Farbe der gänzlich monoton gekleideten Dame in die Augen. Nebst ihren kreischend feurigen Absatzstiefeln, dem gleichfarbigen, gerafften Rock und ihrem infernalen Mantel mit schwarzer Borte und großer Schleife, scheint sie den Hut ebenfalls ihrer offensichtlichen Lieblingsfarbe angepasst zu haben: signalrot. Weniger verwunderlich war es nun für dich, dass auch ihre Haare und Iriden denselben auffällig penetranten Farbton haben. Den einzigen Kontrast stellt das säuberlich gebundene reinweiße Tuch an ihrem Hals dar.

Etwas dezenter hingegen wirkte der unsicher dreinschauende langhaarige Mann neben ihr. Scheinbar war er ein Bediensteter, jedenfalls wies ihn seine Kleidung als solcher aus. Er hatte braunes, langes Haar, gefasst durch eine Schleife, die zum Outfit der edlen Dame passte. Sein Anzug war grau-schwarz und sein Hemd zierte eine Kremweiß-rote Schleife. Deine Blicke wandern an ihm hinauf zu seinem Konterfei. Er sieht alles andere als selbstbewusst aus, fast schon ängstlich, als würde er sich an diesem Ort nicht sonderlich wohl fühlen. Seine dünnen Brauen bilden einen feinen Strich über den grün-ocker tönigen Augen, die er hinter einer runden, rahmenlosen Brille versteckt. Sollte er ebenfalls ein Butler sein, dann macht er neben dem sicher auftretenden Sebastian Michaelis keine wirklich gute Figur. Letztgenannter hüllt sich –bis auf das Nadelstreifenhemd- gänzlich in schwarze Kleidung, gleich seinem Herren, dem Earl Phantomhive. Der junge Aristokrat selbst trägt heute einen großen schwarzen Zylinder mit einer marineblauen Schleife. Seinen Mantel ziert ebenfalls ein akkurat gebundenes Band gleicher Farbe.

Vervollständigt wird die Gruppe von einem Herrn im petrolfarbigen Gewand. Er ist eindeutig asiatischer Herkunft, soviel erkennst du auf den ersten Blick. Er hat seine Augen zusammengekniffen und mustert skeptisch das Geschäft. Seine Haare sind kurz, schwarz und machen einen leicht verstrubbelten Eindruck. Bei näherem Hinsehen fällt dir die rote Borte an seiner Kleidung auf, die gemeinsam mit den weißen Enden der Ärmel und der gleichfarbigen Stoffhose seinen fernöstlichen Kleidungsstil akzentuiert. Du kannst nun wirklich nicht behaupten, dass diese fünf Mann starke Truppe rein äußerlich zusammenpasst. Lediglich der Earl und sein Butler selbst machen den Eindruck, als wüssten sie, wo sie hinwollten.

Mit der Papiertüte in der Hand gehst du langsam auf den Laden zu. Du verstehst nicht was sie sagen, dazu bist du zu weit entfernt, allerdings kannst du aus der Mimik und Gestik ihrer Haltungen erkennen, dass sie zu diskutieren scheinen. 10 Meter bevor du auf sie triffst, öffnet der oberste Butler des jungen Herren höflichst die Tür und der bunte Haufen tritt ein. Du tust es ihnen gleich und bist nur einen Augenblick später im Bestattungsgeschäft. Die Dame im kardinalsroten Outfit mustert dich sichtlich überrascht, sagt jedoch nichts, als du hinter ihnen dich unauffällig und lautlos in den Laden gesellst. Der Rest scheint dich nicht bemerkt zu haben, oder schenkt dir schlichtweg keine Beachtung. Leise lässt du dich mit den Einkäufen auf einem Sarg in der Ecke nieder und wartest darauf, dass der Undertaker sie in Empfang nimmt. Du würdest sie selbst wegbringen, doch du hast ehrlich gesagt keine Ahnung wohin mit diesen Salben, Ölen und Pigmentfarben. Aus diesem Grund entscheidest du, dass es das Beste sein wird auf den Langhaarigen zu warten.

Die Tür fällt ins Schloss und Stille legt sich gleich einem erdrückenden Schleier über alle Anwesenden. Ein Schmunzeln ziert deine Lippen, den du ahnst, dass der Undertaker wieder darauf wartet aus irgendeiner Ecke hervorzuspringen. Es dauert nicht lange, da schallt seine schaurige Stimme durch den Raum. Kurz darauf schiebt sich der schwere Sargdeckel in der rechten Ecke des Zimmers beiseite und lange Fingernägel gleiten hervor, gefolgt von einem gelben Schimmern. Die feuerfarbige Dame und der Herr in der traditionellen Tracht starren sprichwörtlich Bauklötzer, als der Leichengräber aus seinem Totenkoffer klettert und ein breites Grinsen seine Lippen ziert. Der silber-weiß haarige Bestatter rückt seinen eingedrückten Zylinder zurecht, tippt sich mit den langen, schwarzen Fingernägeln gegen sein Kinn und mustert die Runde. „Seid Ihr gekommen, um Euch endlich einen passenden Sarg anfertigen zu lassen, Earl Phantomhive?" Er kichert furchteinflößend und schreitet auf den kleinen Jungen mit der Augenklappte zu, der den Mund öffnet um etwas zu erwidern. Des Undertakers Finger legt sich jedoch auf augenblicklich auf seine kindlichen Lippen um ihn zu verstummen.

„Hehe, sagt nichts. Ich weiß, welch Grund euch in mein Bescheidenes Geschäft getrieben hat, ich sehe Euch Eure Fragen an, junger Herr." Er fuchtelt mit deinen langen Fingernägeln vor dem Gesicht des kleinen Mannes herum. Der reservierte Kurzhaarige lässt sich davon allerdings wenig beeindrucken, seine Miene bleibt ausdruckslos. Du allerdings schlägst die Beine übereinander und beobachtest gespannt und ein wenig amüsiert das Schauspiel vor deinen Augen. Mit einer Handbewegung weißt der Undertaker alle Anwesenden an, sich einen Platz zu suchen. Widerwillig lassen die Herrschaften sich letztendlich auf den hölzernen Totenbetten nieder. Du bist die makabre Einrichtung inzwischen gewohnt, von daher entlockt dir der Gesichtsausdruck der feinen Gesellschaft in tonloses Kichern. Kurz sieht der Undertaker zu dir herüber, hebt den überlangen Ärmel seines Mantels vor seine Lippen und grinst sich einen über deine Belustigung. Für ihn scheint die gesamte Situation durchaus nach seinem Geschmack zu sein. Apropos Geschmack: kaum sind die Särge als Sitzplatz umfunktioniert, sitz auch der Undertaker-allerdings auf dem einzigen Stuhl des Raumes. Kleine metallene Totenköpfe zieren die Lehne, während der obligatorische Messbecher mit schwarzem Tee ,vom dem er jedem ein Becherglas in die Hand gedrückt hat, vor ihm steht und vor sich hin dampft. Dazu gibt es Knochenkekse, natürlich aus der Urne. Aus einem anderen Gefäß- neben seiner Manteltasche- scheinen sie ihm auch nicht zu schmecken.

„Wenn sich der Earl die Mühe macht und den weiten Weg hierher zurücklegt, dann werde ich gewiss alles in meiner Macht stehende unternehmen, um Euch zu helfen." , setzte er nach einer Weile wieder an. „Undertaker, was weißt du über Jack the Ripper?", unterbrach der Kopf der Phantomhive Familie den Totengräber. Inzwischen hatte Sebastian ihm den Mantel abgenommen. Ciel trägt heute eine Krawatte in Form einer makellos weißen Schleife, darunter ein ebenfalls anstandslos schneefarbiges Hemd unter einer Weste, während sein Beinkleid aus einer kurzen, schwarzen Hose besteht. Zugegeben: du findest, dass er zwar immer noch recht förmlich und steif wirkt in dieser Kluft, doch immerhin entspricht sie mehr seinem Alter als der Anzug in Kombination mit dem strengen Seitenscheitel. Scheinbar ist der Earl nicht gekommen um einen gemütlichen Plausch mit dem Undertaker zu halten. Dieser lässt sich allerdings vom Verhalten seines Gegenüber nicht aus der Ruhe bringen. Wenn du ehrlich bist, dann kannst du dir deinen schwarzen Retter auch nicht wütend oder erzürnt vorstellen, das passte einfach nicht in dein Bild von ihm.

Du legst den Kopf schief. Jack the Ripper, du erinnerst dich schemenhaft. Ist dieser Junge so etwas wie ein Detektiv? Das wäre eine ziemliche Bürde für jemanden seines Alters. Bevor dein vermeintlicher Arbeitgeber sich die Mühe macht eine Antwort zu geben, beißt er genüsslich in einen Knochenkeks und lässt sich diesen langsam auf der Zunge zergehen. Du beobachtest Ciel Phantomhives Expressionen- wenn man bei ihm von einer Mimik sprechen kann. Es lässt sich nicht von der Hand weisen, dass er ein wenig ungeduldig wirkt, aber keine andere Wahl hat, als die Spielchen des Undertakers mitzuspielen. Der Junge mit der Augenklappe war eindeutig nicht in der Position Forderungen zu stellen, oder Befehle zu erteilen, im Gegenteil: der Earl ist offensichtlich auf die Informationen des Totengräbers angewiesen. Deshalb muss er höchstpersönlich hergekommen sein. Allein aus dieser Tatsache heraus musste er sich die subtilen Schikanen des Langhaarigen gefallen lassen. Dem Undertaker amüsierte es sichtlich, den verzogen wirkenden Bengel in seine Schranken zu weisen, und ihm zu bedeuten, dass er nicht nach seiner Pfeife tanzt.

„Sie ist nicht die Erste, die auf diese spezielle Weise hingerichtet wurde, doch vor ihr schenkte man den Toten Damen keine Aufmerksamkeit seitens der Ermittler, junger Earl. Trotzdem sind die Menschen auf der Straße verunsichert und ängstlich. Wenn die Nacht kommt, dann sieht man sie ganz schnell in ihre Häuser verschwinden und die Fensterläden schließen. Angst bewirkt wahre Wunder auf die menschliche Natur, hehe." Dein Blick löst sich vom Krümelmonster und wandert durch den Raum. Links vor dir steht, akkurat wie eh und je, Sebastian Michaelis. Pflichtbewusst hält er den Mantel seines Herrn und lauscht den Worten des Bestatters. Du siehst sein Gesicht nicht, vermutest aber, dass er die gleiche ausdruckslose Miene, wie an Madelaines Grab, aufgelegt hat. Rechts vor dir kauern die blutrote Dame und die beiden Herren auf einem lackschwarzen Totenkoffer. Der Butler hat unsicher den Kopf zwischen die Schultern sinken lassen, während der fernöstlich Angehauchte sich ebenfalls nicht sonderlich heimisch hier fühlt. Sie scheinen die Information des silber-grau haarigen Keksliebhabers sacken zu lassen. Letztendlich ist es die feine Dame, die ihre Stimme erhebt und als Erste wieder spricht. „Willst du damit sagen, dass dieser Mörder schon seit längerem sein Unwesen treibt?"

Mit einem bereiteren Lächeln auf seinen schmalen Lippen schließt der Undertaker die Urne und wiegt sie in seinen Händen hin und her. „Richtig, es gab bereits zahlreiche Fälle in der Vergangenheit. Immer handelte es sich um Prostituierte, die auf ähnliche Art und Weise ihr Leben lassen mussten." Die Tote war also eine Professionelle? Die erklärt zumindest die Aufmachung, in der sie hier angeliefert wurde. Das Bild kehrt in deinen Kopf zurück, du verdrängst es auf der Stelle und schüttelst dich ein wenig. Die Reaktion deines Körpers entgeht dem Undertaker nicht, er beobachtet dich – dahinten in der dunklen Ecke- aus den Augenwinkeln heraus. „Wovon genau sprichst du, Undertaker?" , tönt es von einem sichtlich überraschten Ciel Phantomhive. Der autoritär wirkende Unterton begleitet seine Worte. Es lässt sich nicht leugnen, dass er es gewohnt ist Befehle zu erteilen. Trotz eurer kurzen „Bekanntschaft" ist dir dieser Umstand sehr schnell klar geworden. „Hehe, ich frage mich aus welchem Grunde es Euch interessiert, junger Graf. In Eurem Alter sollte der Tod noch keine manifestierte Rolle spielen." ,tönt es belustigt und unterschwellig verspottend zugleich vom Stuhl aus.

Es ist faszinierend diese Szenerie zu beobachten. Auf rein psychologischer Ebene schien dein freundlicher Retter die Zügel genau in seinen Händen zu halten. Du bist erstaunt, wie viele Facetten er tatsächlich besitzt, dafür dass du ihn in den ersten Minuten eurer Bekanntschaft für einen durchgeknallten Irren, der des Nachtens über Friedhöfe spaziert und junge Mädchen einsammelt, gehalten hast. Nein, dieser Mann wusste ganz genau was er tat. Es macht ihn wieder ein Stück undurchschaubarer für dich. Er ist nicht einschätzbar, nicht deutbar – ein Mysterium.

„Wie ich sehe,…" , erhebt sich nun der Herr mit den zusammengekniffenen Augen, „..versteht ihr Geschäfte zu machen, Bestatter. Wie viel verlangt Ihr für die Preisgabe eurer Informationen?" Dem vernarbten entgleiten augenblicklich sämtliche Gesichtszüge. Du kannst ihm ansehen, dass er sich ein wenig beleidigt fühlt durch die Worte des Asiaten. Er kräuselt seine Lippen und rauscht mit einem Affenzahn auf den Fragesteller zu. Dieser konnte gar nicht so schnell reagieren, und bekommt prompt den Fingernagel des Undertaker in die Brust gebohrt. „Die goldenen, klimpernden Taler Ihrer Majestät interessieren mich nicht.", tönt es abfällig vom Zylinderträger. Mit quälender Langsamkeit dreht er seinen Kopf zum jungen Grafen, während ein hämisches Grinsen seine Lippen umspielt. Ein Funkeln hinter seinem Pony macht dir augenblicklich klar, was der Herr des Hauses wirklich begehrt.

Im Bruchteil einer Sekunde steht er vor dem Dunkelblauhaarigen und packt ihn mit Seinen überlangen Schlabberärmeln an dessen Schulter. Dementsprechend ist auch die Miene Ciels. Dem Earl ist die beklemmende Situation – ganz zur Freude des Undertakers- sichtlich unangenehm. „Ihr seid an der Reihe, junger Herr." Du siehst wie ihm der Speichel an der Lippe hinabrinnt. „All mein Wissen sei das Eure, doch zuvor erfüllt mir meine Bedingungen…" Er schlingt sich die Arme um den Bauch und wiegt sich sehnsuchtsvoll im Kreis. „Bringt mich zum Lachen, dann erzähle ich euch was ihr hören wollt."

Bis eben hast du still und unauffällig auf dem Sarg in der Ecke gesessen und das Spektakel gespannt beobachtet, doch nun bricht das unterdrückte Kichern aus dir heraus. Sofort hältst du dir die freie Hand vor den Mund. Es ist zu spät, alle Augenpaare sind nun auf dich gerichtet.