Du spielst mit dem makabren Gedanken den Sargdeckel unter dir zur Seite zu schieben, dich in den Totenkoffer zu legen und gemeinsam mit ihm buchstäblich im Boden zu versinken. Deine Aufmerksamkeit, da hast du sie. Augenblicklich rauscht das Blut in deine Wangen und färbt sie gleich dem Outfit der roten Dame. Du könntest dich mal wieder dafür ohrfeigen dafür, dass du dich nicht unter Kontrolle hast. Deine Blicke huschen durch den Raum. Ausnahmslos alle sehen dich an. Das Dreiergespann auf dem glänzenden Lack-Sarg mustert dich neugierig. Du siehst, wie die Dame und der Butler kurz Blicke tauschen, um dich dann wieder zu fokussieren. Der Herr mit den zusammengekniffenen Augenlidern scheint dich gerade erst bemerkt zu haben. Ähnlich sind die Expressionen des jungen Earls, scheinbar bist du ihm zuvor nicht aufgefallen. Der Undertaker hingehen tut das, was er – neben dem Keksverzehr und Leichenzusammennähen- am besten kann, nämlich grinsen. Sebastians Blicke sind auf die Dame und ihren Bediensteten gerichtet, er mustert sie kritisch, wendet sich dann aber ebenfalls dir zu.

Super _! Jetzt sieh zu, wie du da wieder herauskommst! Natürlich musstest DU in dieser ernsten Situation kichern. Du kommst dir schon fast vor wie der Leichenbestatter selbst, der Undertaker scheint ebenfalls selbst an den unmöglichsten Situationen etwas Erheiterndes zu finden. Innerlich fluchst du wüst. Bevor du irgendeine Antwort findest, um dein Verhalten vor den Herrschaften zu rechtfertigen, ist die Dame mit dem großen Hut aufgestanden und zu dir marschiert. Von oben herab mustert sie dich skeptisch. „Ein junges, hübsches Mädchen in deinem Alter hat nichts in einem Bestattungsinstitut verloren. Also sprich, was hast du hier zu suchen?" Sie wirkt von sich selbst eingenommen, aber zugleich schwingt ein Hauch Interesse in ihrer Frage mit. „Sie ist meine Gehilfin.", kommt es tonlos vom Undertaker, der sich nun von seinem Stuhl erhoben und die Finger unter seinen langen Ärmeln ineinander gesteckt hat. Ausnahmsweise lächelt er nicht mehr, sondern wirkt ernst. Es verwundert dich, ihn so zu erleben. Ungläubig zieht die Adelige eine Braue in die Höhe und dreht sich zum Geschäftsinhaber um. „Ihr seid Verantwortungslos, Undertaker. Sie gehört definitiv nicht in dieses Umfeld. Ferner frage ich mich, was ihr damit bezweckt, ein solch unschuldiges Ding bei euch zu beschäftigen."

Dieser Vorwurf hat gesessen. Der erkennst die Absichten, die diese Dame deinem Retter unterstellt. Vielleicht mag es auf Außenstehende einen eigenartigen Eindruck machen, dass ein Mann, wie der Undertaker, jemanden wie dich aufgegabelt und mitgenommen hat. Es ist doch absolut nicht so wie es aussieht. Du öffnest deinen Mund um deiner Empörung Ausdruck zu verleihen, doch dein Retter kommt dir zu vor. „Ich frage mich, ob nicht Ihr diejenige seid, die ihre Position vollends überschätzt, Madame Red." Stille. Jedwede Freundlichkeit ist aus seiner Stimme entwichen. Seine Worte wehen, gleich eisigem Wind, durch den kleinen Raum und lassen dich erschaudern. Dies war definitiv die andere Seite des Undertakers. Du würdest gerne etwas sagen, um die Stimmung zu entschärfen, doch inzwischen hat sich ein dicker Kloß in deinem Hals gebildet.

Im Halbprofil erkennst du die Fassungslosigkeit der Aristokratin. Der Bestatter steht unverändert da- starr und seine Gegenüber mit missbilligenden Expressionen bedenkend. Wahrscheinlich ist es in diesem Augenblick besser, der sein Pony seine Augen verdeckt. Die Anspannung ist fast mit bloßer Hand greifbar. Du löst deine Blicke von den Beiden und suchst Hilfe bei den anderen Anwesenden. Earl Phantomhives Blicke huschen ausdruckslos zwischen dem Undertaker und der feurigen Lady umher, während die anderen Herrschaften genauso fassungslos wie du sind. Lediglich Sebastian Michaelis scheint Herr über seine Sinne zu sein. „Wenn Sie mir erlauben in Zwiegespräch einzufallen, Madame Red." Er verbeugt sich höflich, jedoch reserviert. „Nicht jeder Mensch hat das Geschenk mit blauem Blut geboren zu sein. Ferner benötigt jedes Handwerk, so abstoßend er auf Euch auch wirken mag, jemanden der es ausführt. Zweifelsohne passt das junge Fräulein nicht in das allgemeine Berufsbild, doch seid versichert, dass sie alt genug scheint um ihre Wahl alleine zu treffen. Oder liege ich im Unrecht?" Augenblicklich bist du wieder das Zentrum der ungeteilten Aufmerksamkeit. Nun ist es an dir den Mund aufzutun, Klarheit zu schaffen und die Situation aufzuklären.

Auch wenn du spürst, dass der schwarzgekleidete Butler es nicht dir zuliebe getan hat, sondern um die Stimmung zu entschärfen, bist du ihm dankbar für diese Tat. Deine Blicke wandern von Sebastian, über den noch immer verwunderten Ciel hinüber zum Undertaker. Du kannst nicht ausmachen, was es an seiner Haltung ist, doch es verpasst dir eiskalte Stiche. Statt der von dir angenommenen Erwartungshaltung seinerseits, glättet Ausdruckslosigkeit die Züge des Langhaarigen. Er hat dich aufgenommen, dich an seinem Leben teilhaben lassen und dir einen Einblick in seine Welt gegeben, auch wenn du längst nur an ihrer Oberfläche gekratzt hast. Wenn Worte ihn treffen können, dann nur die deinen. Sofort schnürt sich deine Kehle diesem Gedanken zu und du lässt deinen Blick weiterwandern.

Nun musterst Madame Red. Inzwischen kennst du ja ihren – durchaus passenden- Namen. Ebenfalls wird dir bewusst, aus welchem Grunde der Undertaker eine Abneigung gegen den britischen Adel hegt. Diese Frau ist dir alles andere als sympathisch, im Gegenteil , sie wirkt ignorant und hochnäsig. Unbewusst presst du deine Lippen aufeinander und ballst die Hände zu Fäusten. Deine wütenden Blicke entgehen ihr nicht, sie wirkt sichtlich überrascht. „Der Undertaker ist ein selbstloser, ehrenwerter Mann. Sie erdreisten sich, ein Urteil über die Situation zu fällen, ohne sie überhaupt zu kennen. Ich bin freiwillig hier und kann jederzeit gehen, wenn ich das will." ,erwiderst du trotzig. Die Botschaft ist angekommen, sie lässt fassungslos von dir ab und verschränkt die Arme. „Eure Fürsorge ehrt Euch, Tante." Die leicht spottende Stimme des jungen Earls reißt deine Blicke von dieser Frau. „Vergessen Sie allerdings den Grund unserer Anwesenheit nicht. Wir sind hier um im Fall Jack the Rippers zu ermitteln."

Mit diesen Worten wendet Ciel Phantomhive sich wieder dem Undertaker zu. Für den Bruchteil einer Sekunde erkennst du ein wissendes Lächeln auf seinen schmalen Lippen, bevor es sich von einem beleidigten Ausdruck zurück zu seinem Grinsen umformt. „Ihr Butler und Sie, junges Familienoberhaupt, scheinen vernünftiger zu sein als Ihre Gefolgschaft." Mit einer abfälligen Bewegung wendet er sich von der Dame ab und schenkt seine Aufmerksamkeit wieder dem Earl. „Ihr kennt die Bedingung, hehe." Du bist verwundert, doch er scheint tatsächlich nicht nachtragend zu sein, oder er überspielt es verdammt glaubwürdig. Der kleine Mann schließt die Augen und atmet langsam aus. Ihm ist offensichtlich noch immer nicht danach, einen Witz zu erzählen.

„Oh, das verlangt nach meinem Können.", schaltet sich der Herr im Petrolgewandt, dessen Name du nicht kennst, ein. Erwartungsvoll sieht der Undertaker ihn an. „In meiner Heimat nennt man mich auch den Kaiser der Unterhaltung. Anlässlich der Umgebung habe ich sogleich eine passende , kleine Erheiterung parat." Voller Enthusiasmus baut er sich vor dem Grauhaarigen auf. „Kommt ein Skelett zum Arzt. Darauf der Doktor: „Sie kommen aber reichlich spät." Wieder tritt bedrückende Stille ein. Wo bleibt das Grillenzirpen? „Versteht Ihr, er kommt zu spät.", versucht er die Situation zu retten, doch bewirkt das glatte Gegenteil damit. Der Earl scheint sich fremd zu schämen, du kannst es ihm nicht verübeln. „Dann bin ich, Madame Red an der Reihe." Die gute Frau scheint ihre Fasson wiedergefunden zu haben und noch dazu eine ziemlich wechselhafte Laune zu besitzen. Innerlich atmest du aus, auch wenn du diese Dame weder verstehst, noch sonderlich magst.

„Als Beauftragte für Klatsch und Tratsch, ist es mir ein Vergnügen Euch mit den unglaublichen und erheiternden Geschichten aus den exklusivsten Kreisen der britischen Gesellschaft zu beglücken!" Gleichzeitig schlagen die Hände ihres Bediensteten zusammen und seine Augen funkeln verzückt. Du kannst lediglich die Braue hochziehen, ganz in dem Wissen, dass niemand außer dem Undertaker dir gerade Beachtung schenken kann. Ohne Umschweife beginnt die Rotgekleidete auch so gleich die pikantesten Anekdoten auszuplaudern. Diese stellen sich allerdings augenblicklich als Ansammlung diverser Fehltritte und Affären des Hochadels heraus. Aus den Augenwinkeln heraus erkennst du, wie Ciel sich – offensichtlich peinlich berührt- an die Stirn fasst, während der Undertaker ein wenig beleidigt dreinschaut. Mit einer Handbewegung gebietet er der Dame, die gerade dabei ist sich in Fahrt zu reden, Einhalt. Sichtlich verwundert erkundigt sie sich, ob ihre Erzählungen denn nicht zu allgemeinen Erheiterung beitragen.

„Wie es aussieht seid Ihr an der Reihe, junger Earl." , kichert der Zylinderträger und verschränkt seine langen Finger ineinander, während er auf den Angesprochenen zutritt. Letzterer sieht nicht nur genervt, sondern auch sichtlich hilflos aus. Dir kommt seine Situation bekannt vor, du schmunzelst ein wenig schadenfroh in Anbetracht seiner Lage, hältst dir aber dieses Mal – aus reiner Vorsichtsmaßnahme- den Ärmel deines Kleides vor den Mund.

„Erlauben Sie mir, dass ich mich dieser Sache annehme, mein Herr." Mit einer eleganten Handbewegung richtet der Butler mit den nachtschwarzen Haaren seine makellos weißen Handschuhe, während er hinter dem verdatterten Ciel hervortritt. Dem Leichengräber scheint die Situation nun wieder ganz nach seinem Geschmack zu sein. Mit schiefgelegtem Kopf mokiert er sich sichtlich über die Expression des Grafen. „Wohlan denn, lasst euren Butler für Euch sprechen." Wortlos nickt der Junge mit der Augenklappe. „Ich darf Sie bitten das Geschäft für einen Augenblick zu verlassen." Bei diesen Worten schweift sein Blick durch den Raum. Er duldet keine Diskussion. Du, mitsamt der Tüte, die aus unerklärlichen Gründen noch immer hältst, findest dich einen Augenblick später mit den anderen deutlich verwirrt dreinschauenden Herrschaften vor dem Geschäft wieder.

Einige Sekunden herrscht Stille, die jedoch auf einem Schlag von einem schrillen Lachen zerrissen wird. Was auch immer hinter diesen Mauern vor sich ging, du wolltest es eigentlich nicht so genau wissen. Bevor du dir Gedanken machen kannst, öffnet Sebastian Michaelis ,mit einem freundlichen Lächeln auf den Lippen, die Ladentür und bittet euch wieder herein. Du erkennst den Undertaker sich auf einem seiner Särge abstützen und noch immer, gleich einem Wahnsinnigen, lachen.

„Des Öfteren bringt man mir Leichen, die in einem … sagen wir es mal… zerstreuten Zustand sind, hehe. Ich habe ihnen allesamt die Schönheit zurückgegeben, damit sie hergerichtet sind für ihren letzten großen Auftritt." Der Torso aus Raumes Ecke ist das Zentrum der Aufmerksamkeit des Undertakers. Fast schon liebevoll streicht er mit seinen Fingern über den künstlichen Körper, ganz zur Abscheu der feinen Gesellschaft. „Dabei empfinde ich es als mein persönliches Hobby, ihnen ihre Organe zu entnehmen, um sie zu untersuchen." Bestürzung macht sich breit, während vor deinem geistigen Auge das Bild der toten Prostituierten wieder aufblitzt. Hinzugesellt sich die Vorstellung, dass der Undertaker sie gänzlich ausgeweidet hat, um sie zu untersuchen. Du warst nicht dabei. Zum Glück. Der Würgereiz macht sich bemerkbar, du musst ihn wieder unterdrücken. Nein, das hier ist definitiv nicht dein Berufszweig.

Ungestört von der Entrüstung der Anwesenden, lässt der Grinsende von seinem Spielzeug ab und wandert langsam und bedächtig zum Earl hinüber. Mit schauriger Stimme flüstert er dem jungen Ciel, dem die Beklemmung eindeutig ins Gesicht geschrieben steht, von hinten ins Ohr. „Der, den Ihr sucht, ist mit einer erstaunlichen Präzision und einer schnellen sauberen Hand vorgegangen." Mit seinem langen, schwarzen Fingernagel fährt er in waagerechter Linie den Hals Ciels entlang. „Zuerst schneidet er ihnen bei vollem Bewusstsein die Kehle auf , jedoch ist der Schnitt nicht allzu tief. Während das Leben langsam aus ihnen fließt, raubt er ihnen ihre Weiblichkeit." Seine Hände deuten einen Schnitt in der unteren Bauchpartie seines unfreiwilligen Lebendobjektes an. „Der Uterus.", flüstert er, und lässt letztendlich vom Grafen ab, der sichtlich froh darüber zu sein scheint. Kichernd lässt er sich wieder auf seinem Stuhl nieder und stützt seinen Kopf auf seinen Händen ab, während er nach wie vor grinst. „Den Umständen ihres Todes heraus entnehme ich, dass der Täter genaue anatomische Kenntnisse haben muss." ,tönt es vom Phantomhive Bediensteten „In Euch steckt mehr als nur ein gewöhnlicher Butler, Sebastian Michaelis.", quittiert der Undertaker dessen Annahme.

Wortlos beobachtest du von deiner Ecke aus das Spektakel. Du fühlst dich ein wenig unwohl bei dem Gedanken, dass solch ein wahnsinniger Mörder draußen sein Unwesen treibt, bis jedoch umso beruhigter, dass nicht er es war, der dich auf dem Friedhof aufgegabelt hat. „Könnt ihr ihm das Handwerk legen, Wachhund ihrer Majestät?", vernimmst du die belustigte Stimme deines Arbeitgebers und stellst fest, dass die Herrschaften im Begriff sind zu gehen. In erster Linie bist du froh, dass diese Madame Red verschwindet und Ruhe einkehrt. Du hast schon wieder mehr erfahren, als dir lieb ist.

Schweigsam beobachtest du, wie der schwarzhaarige Butler demütig die Ladentür öffnet, um sie der der feinen Gesellschaft offenzuhalten. Du bist dankbar, dass er eingeschritten ist, und die Situation aufgelöst hat. Du wolltest um Himmels Willen nicht so viel Aufmerksamkeit erregen.

Der junge Earl ist der Erste, der das Etablissement verlässt, gefolgt vom Asiaten. Die Dame selbst dreht sich, bevor sie den Laden verlässt, noch einmal zu dir um. „Dies ist kein Ort für dich, junges Ding. Solltest du es dir anders überlegen, dann …" Sebastian unterbricht die Gute jedoch höflich, bevor sie den Satz beenden kann. „Dann wird sie sich sicher mit dem größten Vergnügen als Hausmädchen bei uns vorstellen, Madame Red." Dir entgeht die subtile Belustigung in seiner Stimme nicht. Ohne sich noch einmal umzudrehen, lässt er die Tür leise ins Schloss fallen.