Noch einige Augenblicke starrst du die Tür an, bis du dich von ihr losreißen kannst. Das war eine wirklich merkwürdige Begegnung. Du drehst dich wieder in den Laden um, und musterst den Undertaker, der ebenfalls die Pforte im Auge zu haben scheint. Seine Lippen sind geschürzt, er sieht alles andere als zufrieden gelaunt aus.
Du fragst dich, ob du etwas falsches gesagt hast, oder dein herausgebrochenes Kichern in dieser Situation der Auslöser für seinen Stimmungswandel ist. Du ziehst beides nicht unbedingt in Betracht, wirst dir aber bei dem Anblick deines Mitbewohners wieder unsicher. Ein leises „hmmh." entfährt ihm, er wendet sich von der Tür ab und scheint in Richtung Pathologie aufbrechen zu wollen. „Es tut mir leid, wenn ich etwas falsch…" Er hebt die Hand woraufhin du augenblicklich verstummst . Zeitgleich dreht sich der Undurchschaubare langsam zu dir um und mustert dich. Deine Blicke fahren seine Miene entlang, um herauszufinden was in ihm vorgehen könnte. Auf einmal lächelt er, fast schon entschuldigend. „Du hast nichts falsch gemacht, _." Innerlich atmest du aus. „Ihre Art, mit uns zu reden, ihre Weise, auf uns hinabzusehen und ihre Haltung, die uns bedeuten soll, dass wir weit unter ihnen stehen… so agiert wahrlich nur der Mensch mit Seinesgleichen."
„Damit meinst du Madame Red und den Earl, nicht wahr?" Er nickt nachdenklich. „_,ich möchte , dass du dich von ihnen fernhältst." Du nickst, bist allerdings ein wenig verwundert über das Verhalten des Undertakers. Er musst etwas wissen. Er weiß ständig irgendetwas. In Anbetracht deiner Unwissenheit kommst du dir zeitweise ein wenig hilflos vor, hoffst aber inständig, dass der Bestatter dir in nicht allzu ferner Zukunft etwas mehr über sich, diese Leute und das Leben hier erzählt. Wenn du schon nicht mehr wegkannst, dann solltest du zumindest damit beginnen dich mit dieser Welt auseinander zu setzen. Unbewusst klammerst du dich an die Papiertüte in deinen Armen. Du hast sie immer noch in deinem Griff, wenn auch unwissentlich. Das Rascheln desorientiert dich für einen Augenblick, und du bemerkst den Unruhestifter. Dein Gegenüber grinst süffisant, nimmt dir die Besorgungen ab und schielt in die Tüte. Scheinbar zufrieden mit dem Einkauf angelt er, bevor er sich daran macht die Salben und Öle auszuräumen, einen Keks aus seiner Urne.
„Kann ich sonst noch etwas tun?", fragst du, bevor er den Raum verlässt. Mit einem Wink weist er dich an ihm zu folgen. Die Leiche war – ganz zu deinem Leid- noch da, allerdings präpariert und nahezu bestattungsfertig- nur das Make-up fehlte noch. Du fragst dich, wer bei einer toten Dirne zur Beerdigung erscheinen würde. Ihre beste Kundschaft vielleicht? Nein, das ist auszuschließen. Vielleicht ihr Zuhälter oder die Familie? Du bezweifelst, dass sie eine hatte, Beziehungsweise diese bei der Beisetzung aufschlagen würde. Der Beruf, den sie bis vor kurzem ausgeübt hatte, gehörte immerhin nicht zu den angesehensten Handwerken, das hatte sich in deiner Zeit eben so wenig geändert. Trotzdem war es ein Dienstleistungsgeschäft, das sich trotz niedriger Reputation nie Sorgen um Kundschaft machen musste. Eine merkwürdige, aber wahre Tatsache.
Das Knistern der Einkaufstüte reist dich aus deinen Gedanken. Der Undertaker war dabei deine erstandenen Waren auszusortieren und umzufüllen. Anschließend widmete er sich der kleinen Pigmentschatulle mit dem Karminrot. Es war mit Abstand das kostspieligste Mitbringsel deiner Einkaufsliste gewesen. Zusammen mit einigen anderen Substanzen rührte er die wunderschöne Farbe in einem kleinen Schälchen zurecht und begann die Lippen der Verstorbenen mit einem leidenschaftlichen rot zu bemalen. Der Ton erinnerte dich an Madame Red, sie trug ebenfalls die gleiche, auffällige Nuance. Wahrscheinlich würde ihr diese Aufmachung gefallen. „Erzähl mir etwas über dich und die Zeit aus der du stammst.", kommt es unvermittelt vom Undertaker. Bis jetzt wusste er ja praktisch nichts über dich, wann solltest du es ihm – bei der ganzen Arbeit- auch nahegebracht haben?
Du erzählst ihm deine Geschichte, auch wenn sie kurz ist. Immer wieder legt er seine Arbeit nieder, um dir aufmerksam zuzuhören. Mit einem Nicken signalisiert der Bestatter dir, dass er versteht, was du ihm erklären willst. Es ist doch erstaunlich, wie sich die Welt in den wenigen Dekaden verändert hat. Sie ist kleiner geworden, vielleicht auch gefährlicher, doch nur auf ihre eigene Weise. „Man kann diese Zeit und die Zukunft nicht miteinander vergleichen…", hörst du dich sagen. „Es ist, als wären es zwei gänzlich andere Welten, und nur die Bauwerke sind Überbleibsel und stumme Zeugen, während die Winde der Veränderung den Geist des Hier und Jetzt verweht hätten." Dafür, dass es sich um deine Worte handelt, bist du ziemlich überrascht, dass du dich dermaßen gewählt ausgedrückt hast. Wahrscheinlich begann die Mentalität so langsam auf dich abzufärben.
Zeitgleich wird auch der Silberhaarige mit seiner Arbeit fertig und betrachtet sein Werk. Du bist erstaunt, wie viel so wenig Farbe an einem Menschen ausrichten kann. Sie scheint, trotz der roten Lippen, bei weitem nicht mehr aus wie eine Professionelle. Nein, sie wirkt nun wie eine Frau, die zwar verlebt aussieht, doch ein erfülltes und glückliches Leben hatte -eine Dame mit Kindern und Familie. Deine Blicke wandern zu den Händen des Undertakers. Wie konnte jemand, wie er, einen Menschen so wunderschön aussehen lassen, aber gleichzeitig eine todbringende Sense geschwungen haben? Das passte doch von vorne bis hinten nicht zu ihm. Dem Hutträger scheinen deine Blicke nicht zu entgehen, du warst es inzwischen gewohnt regelmäßig von ihm ertappt zu werden. Er sieht dir an, dass du nachdenklich bist, legt allerdings nur fragend seinen Kopf schief und scheint dir die Wahl zu lassen, ob du antwortest. Es war erstaunlich, dass er, bis auf die mehr schlecht als recht gewählten Witze, nichts von dir verlangte.
„Ich kann mir nicht vorstellen, dass du mit diesen Händen…", weiter kommst du nicht, sein Lächeln erstickt die Worte in deinem Hals. Du kannst es nicht ausmachen, doch dieses Schmunzeln lässt es dir eiskalt den Rücken hinunterlaufen. Er weiß natürlich worauf du hinaus willst, wie könnte er es denn auch nicht wissen? „Es ist nicht alles, wie es scheint, _. Aus diesem Grunde solltest du lernen deinen Augen nicht immer Glauben zu schenken. Ferner solltest du dir angewöhnen ein gesundes Maß an Misstrauen an den Tag zu legen, wenn du alleine zurechtkommen willst." Du nickst mechanisch, grübelst allerdings weiter über die tiefere Bedeutung seiner Worte nach, während deine Augen wieder zur Toten Metze wandern. Es ist nicht alles, wie es scheint…
„Du solltest etwas essen.", tönt die freundliche, leicht quarkige Stimme hinter dir. Natürlich, er hat Recht, denn es war schließlich schon später Nachmittag. Scheinbar verging die Zeit in der Vergangenheit schneller als in der Zukunft. Du schüttelst den Kopf über diesen unsinnigen Gedanken und machst dich auf in die Küche. Dort wartet Brot auf dich. Vielleicht könntest du auch etwas kochen, doch der Undertaker scheint ,außer seinen Keksen, nichts im Haus zu haben. Du würdest ihn morgen einfach fragen, ob er dir ein paar Taler für den Einkauf gibt, ganz einfach. Zunächst würdest du dich mit des Bäckers besten Waren begnügen müssen.
Während du die erste Scheibe nach und nach auf die Reise in deinen Magen schickst, bemerkst du, wie sich der Stuhl neben dir zur Seite schiebt und der Undertaker Platz nimmt. Zwei Messbecher in den Händen haltend mustert er dich grinsend. Du wirst dezent rot und fragst dich, was denn so lustig daran sei eine Scheibe Brot zu essen. Den soll einer verstehen.
„Die Shinigami.", setzte er ohne jegliche Vorwarnung an. Langsam kaust du aus, schluckst den letzten Bissen und trinkst einen guten Schluck heißen Tee hinterher, bevor du ihm deine ungeteilte Aufmerksamkeit schenkst. Bei dieser Thematik war das auch von Nöten, immerhin ging es um ein „todernstes Thema".
Du nickst als Zeichen deines Einverständnisses, obgleich du verwunderst bist, dass er es so schnell – und von sich aus- wieder anspricht. Vermutlich legt der Undertaker Wert darauf, die Lücken in deinem Wissen und Verständnis zu füllen. Eine Ruhe umgibt ihn, er scheint sich zu sammeln auch wenn er dich – so vermutest du es- keine Sekunde aus den Augen lässt. Zu gerne würdest du seine Iriden nur ein einziges Mal sehen können, seine Blicke erwidern und aus seiner unverhüllten Miene lesen, was in ihm vorgeht. Doch es ist dir nicht vergönnt.
Natürlich sind jedwede verborgenen Organe ein Grund seiner ganzen Ausstrahlung, einem undurchschaubaren Schleier, der möglicherweise Tod bringende Geheimnisse verhüllt, oder in Wahrheit einen zerbrechlichen Menschen verbirgt. Vielleicht war der Pony auch nur ein Schutz, fragte sich allerdings für wen. Keine Frage, du bist neugierig.
Wahrscheinlich würde er sie dir sogar zeigen, gegebenenfalls wartete er sogar nur auf den Zeitpunkt, an dem du ihn danach fragen würdest, auf den Augenblick, an dem deine Neugier, die du mit aller Mühe zügelst, ausbricht und unüberlegte Worte aus deinem Mund vorschnellen lässt. Ja, darauf wartet er mit aller größter Gewissheit. Aber was würde passieren, wenn du sie sehen würdest?
Im ersten Augenblick wäre dein Wissensdurst gestillt, im Moment danach würdest du es sofort bereuen, da du weißt, dass du ihm seiner Geheimnisse beraubt hast. Aber war es nicht das was ihn tatsächlich ausmachte, zumindest in deinem Kopf?. Dir ist aus eigener Erfahrung bewusst, dass das Leben unspektakulär ist, wenn je mehr Geheimnisse gelüftet und erklärt sind.
Das schillernde Bild der Phantasie von vom graustufigen Vordruck der Realität überklebt und die Welt wird ihrer Farbe beraubt. Die bunten Flecken der Unwissenheit werden mit schwarzen Lettern der Wissenschaft überprägt und der letzte Hauch eines Traumes wird von beißend Kalter Rationalität erstickt. Das ist die Welt aus der du gekommen bist, ein Ort an du dir keine Vorstellung mehr über die Dinge machen musst, da sie dir durch vorhandenes Wissen jederzeit erklärt werden können. Alles kann erklärt werden. Alles- es gibt keine Wunder im eigentlichen Sinne mehr .Ja, die Welt ist kleiner und übersichtlicher geworden.
Aber dieser Ort war anders, diese Zeit entzog sich gänzlich deiner Vorstellungskraft. Die Vergangenheit war lebendiger und bunter, als du es je hättest erwarten können. Du hattest immer gedacht, dass das Leben zwar hart aber simpel sein würde, doch dass es einen derartigen Tiefgang und Facettenreichtum besaß, das überrumpelte dich. Vielleicht lag es daran, dass du nur die stille Monotonie deiner Zeit gewohnt warst. Geregelte Bahnen- Tag ein, Tag aus. Hier war alles anders. Er war anders, und er würde definitiv etwas – in deinen Augen- verlieren, wenn du sein Geheimnis erst einmal gelüftet hättest.
Trotzdem würdest du sie gerne sehen… eines Tages.
Dein Blick stürzt ab zu seinem schiefen Lächeln. Du musst blinzeln, als deine Gedanken ihre Reise beendet haben und deine Ankunft in der Gegenwart von einem dezenten Schmunzeln begrüßt wird. Du wurdest wieder ertappt, ganz zur Belustigung deines Gegenüber. _, du hast ihn schon wieder angeglotzt. Vermaledeite Träumerin.
„Die Shinigami." , wiederholt er leise, um wieder auf das eigentliche Thema zurück zu kommen. Im gleichen Moment fühlst du dich ein wenig in deine Schulzeit zurückversetzt. Der Undertaker als Lehrer… . Du unterdrückst ein Schmunzeln. Zumindest bringt er die erforderliche Ruhe und Beharrlichkeit mit, auch wenn du ihn niemals auf eine Horde kleiner Kinder loslassen würdest- allein zu deren Sicherheit natürlich. Du zwingst dich zurück zur eigentlichen Thematik, geträumt hast du nun wahrlich genug für heute.
„Erinnerst du dich an unser letztes Gespräch?", erkundigt er sich wieder mit dieser verständnisvollen, sanften Stimme. Du nickst wieder, er lächelt subtil.
„Möchtest du mehr erfahren?"
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