Was für eine Frage? Natürlich willst du! Nun hat er es angesprochen, nun bist du auch neugierig, obwohl der bittere Beigeschmack der Wahrheit sich ebenfalls bemerkbar macht. Trotzdem brennst du förmlich darauf es zu erfahren, selbst wenn dir bewusst ist, dass dieses Wissen mit einem hohen Preis verbunden ist. Nicht nur, dass du somit des Undertakers Vertrauen auf die Probe stellst, nein, die Erkenntnis an sich ist ein Prozess, der nebst der Erleuchtung gegebenenfalls deine geistige Gesundheit gefährden könnte. Expressis verbis bedeutet das Erwerben dieser Geheimnisse analog, dass du die Bürde der Wissenden auf deinen Schultern trägst. Auch wenn es komisch klang, du warst im Begriff mehr über Leben und Sterben zu erfahren, als du dir je ausmalen könntest. Daran hin eine ganze Menge, es ist dir bewusst. Ferner würde dir Niemand – außer der Undertaker- glauben. Für verrückt würde man dich halten und von der Straße wegfangen. Vielleicht erzählt er es deshalb niemanden, und vielleicht scheint er aus eben dieser Tatsache so mit sich zu ringen. Dir wird Schlag auf Schlag so einiges klar, doch du weißt inzwischen zu viel, du kannst nicht einfach umkehren.
Seine Ellenbogen sind auf dem Tisch abgestützt, während er sein Kinn auf den verschränkten langen Fingern abstützt. Nach den Keksen scheint dem Leichengräber nicht zu sein, denn sie befinden sich weit außerhalb seiner Reichweite. Deine Miene wird fest, du machst keinen Rückzieher. Dem von Narben Gezeichneten entgeht dein Stimmungswandel nicht, er kräuselt die Lippen, legt seinen Kopf schief und atmet bewusst langsam aus- es klingt wie ein leises seufzen. Vielleicht bereut er, dass er angefangen hat dir davon zu erzählen, wenn der Auslöser doch eigentlich deine eigene Frage war.
„Du hast mich gefragt, woher ich von den Shinigami weiß, obwohl man sie doch niemals sieht." Du erinnerst dich, er hatte dir nicht geantwortet, sondern dich einfach ins Bett geschickt.
„_." , setz er an, bestimmt jedoch sanft. „Am Ende einer jeden Existenz steht der Tod. Der Verfall der irdischen Hülle, das Verlassen des Seelengefäßes oder die endgültige Trennung von Geist und Materie- nenn es, wie du möchtest. Bevor es allerdings soweit kommt, bevor der Mensch die Schwelle zwischen lebendig sein und im Sterben liegend überschreitet, spielen sich unter Umständen einige Prozesse ab, die der Shinigami nicht beeinflussen kann. Prozesse, die Chaos in die natürliche Ordnung bringen, das Equilibrium stören oder es gar aus seinen Verankerungen reißen." Der Undertaker betrachtet seine langen Fingernägel und fährt fort.
„Der Mensch beschützt sein Leben um jeden Preis. Der schiere Gedanke, einmal zu vergehen, treibt ihn in den Wahn. Es ist ein Umstand, den er nicht greifen oder einfrieren kann, nicht verhindern oder abwenden- es ist Schicksal für ihn. Aus diesem Grund ist das Geschäft mit Leben und Tod so ertragsreich. Die Shinigami sind im Grunde unsterblich, von daher interessieren sie sich nicht für vergängliche Güter, ihnen allein steht der Sinn danach Urteile zu fällen und Seelen zu sammeln, mehr nicht. Doch ein Mensch kann aus dem Leben oder Sterben eines anderen Menschen viele Vorteile für sich ziehen, verstehst du?" Er legt den Kopf schief um sich zu vergewissern, dass du seinen Worten folgen kannst. Wäre die Situation nicht so ernst, dann würdest du gerne lächeln und ihm mitteilen, dass seine Fürsorge ihn ehrt. Stattdessen nickst du nur nachdenklich, während die Worte aus seinem Mund durch deinen Geist fahren und zu wirken beginnen.
„Greift ein Mensch geflissentlich in das Schicksal seines Nächsten ein, dann macht er es dem Shinigami unmöglich seinen Auftrag auszuführen und die Seele zu sammeln, denn sie verschwindet einfach, wenn sie den Körper verlässt und nicht rechtzeitig eingefangen wird. Aus diesem Grunde sehen sie es nicht gerne, wenn Mörder sich durch die Lande schlagen, doch direkt eingreifen dürfen sie nicht- jedenfalls ohne Sondergenehmigung. Du musst wissen, dass sie für all ihre Taten Rechtfertigung abgelegen müssen."
Wieder nickst du, dieses Mal ist jedoch ein Hauch Skepsis in deiner Miene zu erkennen. Es zaubert dem Geschichtenerzähler ein unbestimmbares Lächeln auf seine schmalen Lippen, während gleichzeitig der lange Nagel seines Zeigefingers sich auf sie legt. Er mustert dich, du spürst seine Blicke auf dir, er wartet auf deine Reaktion, ahnt aber scheinbar bereits deine Nächste Frage. „Hehe, Zweifel ist ein guter Weg zur Wahrheitsfindung.", kichert er leise, während er seinem Messbecher Aufmerksamkeit schenkt. Deine Augen wandern an ihm auf und ab. Woher weiß er all diese Dinge? Dir war bewusst, dass er eben diese Frage von dir erwartet, es ließ sich unschwer an deinem Gesicht ablesen, was du denkst. Im Gegensatz zu ihm bist du ein offenes Buch, durchschaubar und so gar nicht geheimnisvoll – in deiner Vorstellung. Der Undertaker beobachtet den langsam abebbenden Strudel in seinem Becherglas- er hatte den Tee soeben umgerührt. Du versuchst eine Antwort zu finden, ohne ihn direkt zu fragen, doch dir wird schnell klar, dass du es nicht schaffen würdest. Deine Expressionen werden mit einem Schmunzeln bedacht, letztendlich gibst du auf.
„Ich habe deine Fragen nicht immer nicht beantwortet.", das schelmische Ausdruck entflieht ihm. Du nickst und rückst unsicher ein Stück näher an den Tisch, denn die Stimmung wurde wieder ernst. „Wie ich dir schon einmal erklärt habe, ist der Tod schon immer mein Geschäft gewesen, nur die Methoden haben sich verändert." Sein Lächeln erlosch,er klang aber nach wie vor freundlich. Schlauer warst du allerdings nun nicht. „Vom aktiven in den passiven Dienst?", gibst du scherzhaft von dir und wirst – zu deinem Erstaunen- mit einem Nicken bedacht. So kamst du nicht weiter, wenn du eine Antwort haben wolltest. Vielleicht will er mir gar nicht antworten, oder er macht es später, wenn … „Wenn die Zeit gekommen ist, dann wirst du mehr erfahren, zunächst musst du dich damit zufrieden geben , dass ich es nun einmal weiß, hehe." Er tippt dir auf die Nase um seiner Schadenfreude Ausdruck zu verleihen. „Zumindest weißt du nun, was mit deiner Seele passiert, wenn du stirbst." Ja, in diesem Fall weißt du nun, wie es normalerweise mit einem Menschen zu Ende geht.
„Woran erkennt man einen Shinigami?", fragst du ganz unverwandt und in der Hoffnung, dass du eventuell einmal einen sehen könntest. Der Bestatter scheint nicht mit dieser Frage gerechnet zu haben, die Urne steht vor ihm, während er im Begriff ist sich eine Hand voll Kekse herauszuholen. „Gar nicht, wenn sie sich selbst nicht zu erkennen geben. Ein Shinigami wird sein wahres Ich niemals vor einem Menschen preisgeben, wenn er eine andere Wahl hat." Die Antwort ließ keine weitere Frage zu, steigert allerdings den Drang, herauszufinden, woher der Undertaker dieses Wissen hatte. Vielleicht ist er ihnen wirklich einmal bei seiner Arbeit begegnet und aus diesem Grund ist er nun Bestatter geworden. Klingt wenig plausibel, doch noch immer nachvollziehbarer als deine anderen Gedankengänge.
Dein Tischnachbar sieht, das der Wissensdurst in deinem Inneren noch immer nicht gestillt ist und gluckst leise, als er sich erhebt. „Wenn du möchtest, dann kannst du mir im Laden helfen.", fährt er fort als wäre nie etwas geschehen. Diesen Mann soll man verstehen. Ein wenig perplex siehst du ihm hinterher. So schnell wie seine kleine Erzählstunde begonnen hatte, so schnell hatte sie auch ihr Ende gefunden. Schulterzuckend stehst du ebenfalls auf und machst dich daran dem freundlichen , aber geheimnisvollen Zeitgenossen zu helfen.
Tatsächlich gibt es im Laden so einiges an Arbeit. Die Regale mussten abgestaubt werden- eindeutig eine Aufgabe für dich. Um die Chemikalien kümmert sich der Undertaker persönlich, nachdem er die Tote Hure in einem einfachen Holzsarg verstaut und hergerichtet hat. Bevor der den Deckel schließt betrachtet er halb, halb zufrieden halb skeptisch, sein Werk. „Wie viele von dir wohl noch kommen werden, bis der Earl deinen Henker stellt, hehe." Nun grinst er, aus welchem Grund auch immer. Scheinbar hatte er mächtig Freude an der ganzen Situation. Du allerdings bist am Grübeln. Wer auch immer Jack the Ripper war, du kannst dich nicht mehr daran erinnern, vielleicht hätte es geholfen, auch wenn es sicherlich eigenartig gewesen wäre, dem Earl von deiner kleinen Zeitreise zu erzählen.
Nach mehr als zwei Stunden ist der Laden blitzeblank, du hast ganze Arbeit geleistet. Der Undertaker nickt anerkennend, als er aus der Pathologie zu dir tritt und dein Werk bewundert.
„Wie es aussieht, sind wir fertig für heute.", murmelt er mehr zu sich, als zu dir. Plötzlich, als sei ihm etwas Wichtiges eingefallen dreht er sich zu dir. Seine Haare wirbeln durch die Luft und laden wieder ganz sanft auf seinem Rücken, während die langen Finger aus seinem Mantel hervorblitzen. Langsamen Schrittes marschiert er auf dich zu, ganz zu deiner Verwunderung. Einen halben Meter vor dir hält der Undertaker an, mustert dich offensichtlich und beugt sich vor zu dir. „Du glaubst wohl, dass du ohne davon kommen könntest." Das breite Grinsen erinnert dich an deine Pflicht. Natürlich vergisst er so etwas nicht. Aber dieses Mal bist du vorbereitet, wenn auch eher schlecht als recht. „Was steht auf dem Grabstein eines Zahnarztes?" Dein Gegenüber kratzt sich am Kopf, scheint eine ganze Weile nachzudenken, um dich dann schließlich erwartungsvoll anzublicken. „Das ist das letzte Loch, das er füllt!" Das grinsen des Bestatters wird zu einem erfreuten Kichern. Obwohl du mit dieser Reaktion nicht gerechnet hast, freust du dich, dass du ihn mit diesem kleinen Witz erheitern konntest. Und ganz nebenbei: scheinbar steht er auf Leichenwitze, wenn sie nicht gerade aus dem Mund dieses asiatischen Mannes stammen.
„Sehr gut, _." Er wirbelt zufrieden mit den langen Ärmeln seines Mantels umher und wendet sich wieder von dir ab, als er mitten in seiner Bewegung erstarrt. Du blickst auf seine langen, silbergrauen Haare, während er, dir noch immer den Rücken zugewandt, spricht: „Du sollst wissen, dass du dich in diesem Laden frei bewegen kannst. Wenn dir der Sinn danach ist das Geschäft zu verlassen, dann werde ich dich ebenfalls nicht aufhalten. Fühl dich frei, das zu tun, wonach es dir beliebt, _." Sein sanfter, ernster Tenor trug einen unterschwellig wissenden, jedoch betrübten Hauch in sich. „Doch möchte ich nicht, dass du nach Anbruch der Dunkelheit dich auf die Straße begibst, jedenfalls nicht schutzlos. In deiner Zeit scheint es weitaus anders zuzugehen, aus diesem Grunde bitte ich dich darum vorsichtig zu sein." Du nickst langsam und errötest ein kleinen Wenig. Er scheint sich Sorgen um dich zu machen, und das nach bereits so kurzer Zeit.
Der Undertaker scheint deine Reaktion bemerkt zu haben. „Ich möchte dich nämlich nicht für deine letzte Reise herrichten müssen." Wieder einmal ist es an dir seine Forderung zu bejahen. Du tust es selbstverständlich. Dein Leben ist dir immerhin einiges Wert. Inzwischen hat sich der Mantelträger wieder zu dir umgedreht, seinen Zylinder abgenommen. Er betrachtet ihn in seinen Händen, legt ihn dann aber zur Seite. „Es wäre schließlich schade, wenn keiner mehr da ist, der mich zum Lachen bringt, oder?" Du schmunzelst, verstehst allerdings den subtilen Wink mit dem Zaunpfahl. Er mag dich, du bringst ihn zum Lachen und vielleicht freut er sich über deine Gesellschaft, denn immerhin schien er jahrelang alleine gewesen zu sein. Verstehen tust du ihn trotzdem nicht, und so wie es aussiehst, wirst du es auch nie. Lächelnd erklärst du dem Undertaker, dass du nicht vorhast in absehbarer Zeit den Löffel abzugeben. Auch wenn du dich noch immer wieder ein Eindringling fühlst…
So schlecht war es in dieser Zeit doch eigentlich gar nicht, oder?
