Bevor du aufstehst, starrst du durch die Dunkelheit an die Decke, oder zumindest dorthin, wo du die obere Begrenzung deines Schlafgemaches vermutest. Ohne ein Fenster war diese Kammer stockduster, aber du hast keinen Grund dich zu beschweren, immerhin hast du ein Bett, und inzwischen war der raue Bezug auch kein Thema mehr für dich. Es ist dein vierter Tag in dieser Welt, schon verwundernd, wie schnell die Zeit verging, nicht wahr? Der Gedanke hier gefangen zu sein betrübte dich inzwischen noch eine ganze Ecke weniger, als du vermutest. Es war zu einem unveränderlichen Zustand geworden. Zu einem Zustand, mit dem du aber scheinbar leben konntest, denn immerhin war diese Zeit trotz ihrer scheinbaren Einfachheit so viel tiefgründiger als die Deine.

Stolpernd schlüpfst du in deine Kleidung, fällst beinahe über deine achtlos hingeworfenen Schuhe, und wünscht dir elektrisches Licht in diesen possierlichen Raum. Es war bereits erfunden, doch den Undertaker mit derartig trivialen Problemen zu belästigen schien selbst dir schwachsinnig. Letztendlich würde ein kleines bisschen Ordnung das Problem lösen. Der Kerzenständer in der Küche erwartet dich nebst der obligatorischen lackschwarzen Urne bereits. Der Geruch von Earl Grey Tee liegt in der Luft- dein kichernder Beschützer muss vor kurzem hier gewesen sein. Ohne Skrupel labst du dich an den knusprigen Gebäckstücken, dessen Herkunft du noch immer nicht erklären kannst. Selbst zu backen schien er sie nicht, oder er tat es heimlich. Vielleicht ist es ein Geheimrezept , dessen Zutaten er niemandem verrät. Der abstruse Gedanke lässt dich leise lachen. Der Undertaker vertraut dir die Geheimnisse des Lebens und Sterbens an, behält aber das Mysterium der Knusper-Knochen-Kekse für sich. Nein, das ist definitiv Unfug.

Die alte Aufziehuhr im Flur macht sich bemerkbar. Es ist Punkt sieben, also noch recht früh. Da dein Mitbewohner nie zu schlafen schien, würdest wahrscheinlich niemals in die Bredouille kommen, und ihn aus dem Land der Träume reißen. Du kennst ja nicht einmal seinen Schlafplatz. Du vermutest allerdings, dass es dieser große, stehende Sarg aus Eichenholz ist. Vielleicht solltest ihn fragen… oder es auch einfach lassen, denn vielleicht war dies eine der Wahrheiten, die möglicherweise nicht ausgesprochen werden sollten. Langsamen Schrittes, als hättest du alle Zeit der Welt, schlenderst du die Treppe hinunter in die Pathologie. Du hörst deinen langhaarigen Arbeitsgeber vor sich hin wundern, die Tür ist nur angelehnt. Aus diesem Grunde trittst du einfach in den Raum hinein, ohne dir vorher überlegt zu haben, dass er gegebenenfalls gerade dabei ist, eine Leiche zusammen zu puzzeln. Tatsächlich liegt da ein „Etwas" auf dem Tisch. Mit einem Menschen hat es allerdings nicht mehr sonderlich viel zu tun. Analog zu dieser Beobachtung, steigt dir ein Geruch in die Nase, der deinen Körper zu einem Schutzreflex zwingt. Deine Luftröhre ist wie zugeschnürt, die fauligen Dämpfe brennen in deinen Augen und die grün-blau verwesende Leiche- was es auch immer zu Lebzeiten war- auf dem Metalltisch, geben dir den Rest.

Schnellen Schrittest läufst du durch den Laden hinaus an die frische Luft. Auf dem Weg dorthin hast du das Gefühl, dass du ersticken musst, da dir die Luftzufuhr gänzlich verwehrt scheint. Erst als du die Kälte der Morgenluft um dich herum spürst, lässt auch die unsichtbare Schlinge um deinen Hals nach. Als wärest du aus einem Pool eisigen Wassers aufgetaucht, schnappst du nach der frischen Luft, die sich augenblicklich in deine Lungen flutet. Einige Züge und du bist wieder ganz auf der Höhe. Was auch immer dort drinnen vor sich hingammelte, du würdest sicherlich nicht hineingehen, bis der Undertaker es fortgeschafft und ausgiebig gelüftet hat. „Das ist die andere Seite meines Handwerks, auch die weniger schönen Toten klopfen an meine Türe, hehe." Noch immer nach dem erquickenden Gasgemisch japsend, drehst du dich zum Leichennäher um. Die langen Finger ineinander verschränkt und mit einem belustigten Grinsen auf den Lippen steht er im Türrahmen und beobachtet dich mit sichtlicher Freude. „Was war das?" Eigentlich willst du es nicht wissen, fragst aber aus reiner Unvernunft trotzdem nach. „Eine Wasserleiche, keine sonderlich frische.", kichert er in den überlangen Schlabberärmel hinein. „Lag wohl schon einige Tage im Kanal, bevor sie sie herausgezogen haben." Du hebst die Hand, mehr willst du nicht hören.

„Noch ist es dunkel, doch in einer halben Stunde wird es hell genug sein, dass du sicher durch die Straßen ziehen kannst." ,stellt er fest, während er neben dich tritt und gen Himmel sieht. „Einige Gräber müssen gepflegt werden, da die Verstorbenen keine Angehörigen mehr haben, oder sich niemand ihrer annimmt." Deine Dankbarkeit lässt sich nicht in Worte fassen. Es ist nicht nachvollziehbar, wie ein Mann ,gleich dem Undertaker, scheinbar unzählige Leben auf dem Gewissen hat, jedoch im gleichen Atemzug so rücksichtsvoll sein kann. Du nickst um deinem Gegenüber zu signalisieren, dass du diese Aufgabe liebend gerne annehmen würdest. Er quittiert deine Reaktion mit einem unscheinbaren Lächeln, als hätte er gewusst, dass er dir damit entgegenkommen würde. „Warte bis die ersten Sonnenstrahlen die Gassen erhellen, dann kannst du losziehen." Nun spürst du seine Blicke auf dir ruhen. „Sind Londoner Nächte so gefährlich, oder ist es wegen Jack the Ripper?" Du blickst ebenfalls in die Lüfte, die letzten funkelnden Gestirne beginnen in Milliarden Kilometern Entfernung zu verblassen, während sich das Firmament nach und nach in freundlichere Blautöne verfärbt.

„Der junge Earl ist ein sehr eifriger Junge für sein Alter, er wird nicht eher Ruhe finden, bis er den oder die Verantwortlichen gefunden hat. Aber ja, des Nachtens lauern zwielichtige Gestalten in den Schatten der Gassen, die nur darauf warten zarte, unschuldige Frauen von der Straße zu fangen." „Und dubiose schwarz gekleidete Herren, die über Friedhöfe spazieren." , schießt es aus dir hinaus. „Hehe, auch diese Pflicht gehört zum Beruf eines Bestatters dazu."

Du hörst es neben dir rascheln. Der Undertaker scheint etwas, was du zunächst als Plätzchen verdächtigst, in den unergründbaren Tiefen seines Mantels zu suchen. Du fragst dich, was er unter diesem Kleidungsstück trägt, denn immerhin lugt ein enger schwarzer Kragen, vermutlich wird es ein Trenchcoat sein, hervor. Doch warum trägt er so viele Gewänder? Das Klimpern verrät dir, dass er nicht nach etwas Essbarem Ausschau gehalten hat, sondern nach einem schwarzen, abgegriffenen Ledersäckchen mit Münzen. Verwundert nimmst du es an, als er es dir reicht. „Auf dem Weg zum Friedhof befindet sich ein Blumenhändler. Dieser wird dir seinen Handwagen geben, wenn du ihm ausrichtest, dass ich dich geschickt habe. Ferner solltest du dir überlegen, wovon du die nächsten Tage speisen willst, denn nur Brot wird dich nicht zufriedenstellen." Ein wissendes Schmunzeln ziert seine Miene, kurz danach beißt er in eines seiner Gebäckstücke. Wahrscheinlich bunkert er sie selbst in dem Totenbett, das du als seinen Schlafplatz vermutest. Die Vorstellung, dass er nachts in diesem Holzkonstrukt liegt, genüsslich seine Backwaren vor sich hinknuspert und dann grinsend einschläft, nachdem er den letzten vorbeiziehenden Passanten auf der Straße mit seinem Kichern halb zu Tode erschreckt hat, lässt dich leise lachen.

Normalerweise bedachte man dich mit fragenden Blicken, wenn du in deiner Zeit grundlos vor dich hin gefeixt hast, doch dem Undertaker schien es nichts auszumachen, im Gegenteil, er freute sich scheinbar mit dir, auch wenn er nicht weiß, dass er selbst der Auslöser deines kleinen Ausbruches ist. Wenigstens Einer, der einen so nimmt, wie man ist! Du hörst die Stiefel des Totengräbers auf dem Gestein klackern. Scheinbar macht er sich wieder an die Arbeit. Du allerdings bleibst vor dem Geschäft stehen, bis es hell genug ist und du sorgenfrei losziehen kannst.

Der Weg zum Ruheplatz der Toten war nicht sonderlich lang, und das Geschäft von dem dein Mitbewohner gesprochen hatte befand sich ebenfalls auf halber Strecke. So findest du dich einige Minuten später, ausgerüstet mit einem alten Bollerwagen voller Steckpflanzen und Buddelutensilien inmitten des Friedhofes wieder. Die höhergestellte Gesellschaft hatte ihren separierten, eigens von dafür angestellten Gärtnern, gehegt und gepflegten Bereich auf der Sonnenseite des Ruhefeldes. Du jedoch befindest dich in dem Part, in dem die einfachen Leute begraben wurden. Der Undertaker hatte Recht, einige Gräber schienen seit ihrer Errichtung tatsächlich unbesucht zu sein. Das Grünzeug war verwelkt, die Kondolenzkränze verrottet und der Boden nicht geharkt. Es macht dich ein wenig traurig zu sehen, dass man einen Menschen einfach so zu vergessen schien. Oder war es allgemein dir Vorstellung nach dem Tod aus dem Gedächtnis der Welt gelöscht zu werden? Zu verbleichen und scheinbar nie existiert zu haben? Die Vergessenheit war es, die den Menschen Angst machte. „Vielleicht klammern wir uns aus diesem Grunde so an unser Leben…", murmelst du, während die Worte des gestrigen Abends für dich immer mehr an Bedeutung gewinnen.

Stück für Stück beginnst du mit der schweißtreibenden, aber erfüllenden Arbeit. Auch wenn du die Namen der Verblichenen nicht kennst, hast du das Gefühl etwas Gutes vollbracht zu haben, und wenn es auch nur für dein Seelenheil ist. Der Keksfetischist in seinem dunklen Häuschen freut sich ebenfalls über deine Hilfe, also doppelte Motivation etwas zu machen, nicht wahr?

Als der stellare Himmelskörper am Firmament im Begriff war eine perfekte Symbiose mit dem Horizont einzugehen, fällt dir auf, dass es Zeit wird zurückzukehren. Der Undertaker würde es sicherlich nicht begrüßen, wenn du erst nach Einbruch der Dunkelheit wieder auf der Matte stehst. Also beschließt du, sichtlich geschafft, das Wägelchen zurückzubringen, den Einkauf auf den morgigen Tag zu verschieben und dem Heimweg anzutreten.

Die Straßen sind wie leegefegt, obwohl die Dunkelheit sich noch lange nicht über die Stadt gelegt hat. Scheinbar hält die Angst die Menschen so fest im Griff, dass sie sich bei den ersten Anzeichen der deszendierenden Sonne sich zurückziehen. Malerisch, doch verlassen liegen die Wege vor deinen Füßen. Es ist nicht mehr weit bis zum Laden des Undertakers. Du biegst träumend in die kleine Straße, in der das Geschäft sich befindet, ein um die letzten Meter hinter dich zu bringen. Deine Knochen schmerzen ein wenig, denn du hast so einiges an Erde umgewälzt, Körbe voller Unkraut geschleppt und Steine aus dem Boden aufgelesen- natürlich bist du geschafft für heute.

Dir kommt eine Kutsche entgegen, du erkennst den Fahrer, es ist der unsichere Butler der roten Lady. Sofort hält er an, als er dich sieht. Sein Ego scheint wie verwandelt zu sein. Der junge Mann wirkt gefasst und ein wenig arrogant, mustert dich jedoch mit sichtlichem Interesse. Aus reiner Höflichkeit begrüßt du ihn, auch wenn du vermutest hast, dass er sich nicht an dich erinnert hatte. „Wen haben wir denn da? Die junge Perle aus dem staubigen Laden des Bestatters." Du erkennst die Stimme kaum wieder. Das letzte Mal hatte er zwar vor Verlegenheit kaum gesprochen, aber gerade schien er sich seiner Wirkung durchaus bewusst. „Lass den Alten links liegen und steige ein! Madame Red hat stets ein offenes Herz für junge, schöne Frauen wie du eine bist." Er ist dir unheimlich, was auch immer es an ihm war, es ließ dich schaudern- allerdings auf keine angenehme Weise. Grell ist sein Name, jetzt erinnerst du dich. „Nein." , erwiderst du unsicher, während er unaufhaltsam auf dich zukommt. Du weichst zurück und willst am liebsten sofort rennen, doch er steht genau zwischen dir und des Undertakers Bestattungsunternehmen.

Mit einem Mal befindet er hinter dir und greift deine Hand. Du bist überrumpelt und kannst im ersten Moment nicht nachvollziehen, wie er sich derartig schnell bewegen konnte. „Lass mich los, ich will nicht mit dir mitkommen." , keifst du ihn an. Dein kleiner Wutausbruch wird mit einem süffisanten Lachen seinerseits abgetan. „Sei nicht dumm, Kind. Die werte Dame wird sich gut um dich kümmern." Der Versuch sich loszureißen misslingt dir, er hat ziemlich viel Kraft für eine solch schmächtige Statur. „Ich habe gesagt, dass du mich loslassen sollst!" , wiederholst du dich erbost . Dein Ärger schlägt in Angst um, alles in dir schreit danach den Undertaker um Hilfe zu rufen. Innerlich ohrfeigst du dich dafür, dass du nicht früher den Weg zurück angetreten hast. „Oh Darling, zier dich nicht so. Du kannst mir glauben, dass der Abend zum Sterben schön wird." Geflüsterte Worte dringen in dein Ohr und lassen dir einen eiskalten Schauer das Rückgrat hinunterlaufen. Mit aller Wucht versuchst du dich loszureißen, doch es will dir nicht gelingen, der Bedienstete der Distinguierten ist einfach zu stark für dich.

Als dein Mund sich öffnet, um einen Hilferuf hinauszuschicken hörst du das verächtliche Räuspern einer wohlbekannten Stimme. „Das ist keine Art mit einer jungen Frau umzugehen. Du solltest ihre Ablehnung akzeptieren, sonst sehe ich mich gezwungen einzugreifen." Die Worte des Undertakers treffen deinen Entführer wie vergiftete Sperrspitzen. Augenblicklich lässt er von dir ab. Die wiedergewonnene Freiheit nutzt du sofort, um zu deinem Retter zu laufen. Wieder einmal hat der Langhaarige dich vor einem Unheil bewahrt. Die Gleichgültigkeit in seiner Miene sorgt dafür, dass dir die Haare zu Berge stehen. Es ist seine gesamte Ausstrahlung, die Mimik und Gestik. Vor dir steht ein Mann, der ohne mit der Wimper zu zucken töten würde, nicht mehr der trottelige Leichenschmücker von Nebenan. Nein, dieses Bild hat sich augenblicklich verflüchtigt. Du bist nicht sicher welcher der beiden Herren dir gerade mehr Angst einjagt.

Auch wenn die letzten Strahlen der Sonne deinen Rücken wärmen, hast du das Gefühl, dass die Temperatur um dich herum soeben um zwanzig Grad gesunken ist. Noch immer sehen sich die beiden Männer an. Letztendlich ist es der Butler, der eine beleidigte Geste von sich gibt, mit einem Satz wieder auf der Kutsche sitzt und Pferde weiterlaufen lässt. „Zu schade, ich hätte so einiges aus dir und deiner Schönheit herausholen können." Grell dreht sich nicht noch einmal um, sondern jagt den fahrbaren Untersatz mit Karacho durch die gewundenen Straßenzüge.

Die Haltung deines Retters ist unverändert. Augenblicklich packt dich ein schlechtes Gewissen. Dabei hatte er dir vor wenigen Stunden noch gesagt, dass du auf dich Acht geben solltest. „Es tut mir leid.", stammelst du niedergeschlagen. Dem Undertaker weitere Umstände machen, das war tatsächlich die letzte Absicht, die du hattest. Doch statt dir eine Standpauke zu halten legt er die Hand auf deine Schulter und scheint dich eingehend zu mustern. „Verstehst du nun, was ich dir über diese Leute gesagt habe?" Seine Stimme ist ruhig und freundlich. Die glaziale Aura hat sich binnen Sekundenbruchteilen sublimiert. Vor dir steht wieder der verständnisvolle Bestatter, der sogleich den Kopf schieflegt und mit seinem Finger auf deine Nasenspitze tippt, als sei nie etwas geschehen. Du atmest sichtlich aus, wirst aber noch immer von Gewissenbissen geplagt, als du ihm ins Geschäft folgst. Der Geruch hat sich vollständig verflüchtigt, und auch die Leiche scheint bereits abgeholt zu sein. Letztendlich eine gute Nachricht.

Dieser Butler hat es tatsächlich geschafft noch mehr Abneigung zu kassieren als seine Herrin. Dieses Gesindel konnte dir nun erst einmal gestohlen bleiben! Wahrscheinlich würdest du sie so schnell nicht wieder sehen. Das war dir auch ganz recht.

Doch das Schicksal würde in nicht allzu ferner Zukunft dafür sorgen, dass die Farbe des Infernos eine

Dauerhafte Präsenz in deinem Leben spielen würde.

es ist nicht alles, wie es scheint…