~ A Prelude ~

In the eye of the storm
Our brief refuge 'til dawn

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Just close your eyes until it's over

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Gleich den unerbittlichen Schreien einer jähzornigen Banshee, heult der Wind durch die Gassen und Straßen der alten Themsenstadt, während ein Bombardement schwerer Regentropfen auf den Dächern der Häuser niedergeht. Blitze durchzucken die kohlrabenschwarze Nacht und zeichnen den Himmel für Sekundenbruchteile mit ihrer dendritischen Narbenform. Doch es ist das Donnergrollen, das den Boden vibrieren, die Scheiben klirren und dich aus deinem Schlaf erwachen lässt.

Zunächst braucht es einige Momente bevor du realisierst, wo du dich befindest. Der schwache Schein aus der Küche dringt unter dem Türspalt hervor, umreißt grob die Umrisse der Bettkante und spendet ein Minimum an Sicht. Entweder ist der Undertaker noch wach, oder er sorgt dafür, dass du dich orientieren kannst, solltest du des Nachtens erwachen. Obwohl das kleine Backsteinhaus keine Fenster besitzt, weißt du, dass draußen gerade ein Ungewitter apokalyptischen Ausmaßes niedergeht. Du hörst das gedämpfte Prasseln des Regens. Die Tatsache, dass du es durch die dicken Wände wahrnehmen kannst bedeutet alleine schon, dass es draußen unheimlich intensiv zur Sache gehen muss. Letztendlich war es der Donner, der deine Nachtruhe abrupt beendet hat. Nun da du wach bist, ist dir nicht länger danach im Bett zu liegen. Irgendein latent bedrückendes Gefühl in dir weißt dich an aufzustehen.

Du schlüpfst in die Pantoffeln vor deinem Nachtlager. Sie sind neu und unbenutzt, da du für gewöhnlich sofort deine Alltagskleidung anlegst- jedenfalls seit dem du hier bist. Du stülpst dir die Robe des Vortages über, zupfst deine Haare grob zu recht und gehst der Lichtquelle entgegen. Du weißt nicht, aus welchem Grund du überhaupt das Bett verlässt, doch auf der anderen Seite spürst du, dass irgendetwas im Begriff ist zu passieren. Das kalte Metall der Klinke schmiegt sich an deine Handfläche, während du langsam die Tür zur Küche öffnest. Nur der Kerzenständer erwartet dich, der Undertaker ist nirgendwo zu sehen. Auch die Urne steht still und versteckt auf dem Küchenschrank und wartet auf ihren Herren und Meister. „Undertaker?" , fragst du leise. Natürlich ist er nicht hier oben. Wahrscheinlich treibt er unten sein Unwesen oder – auch wenn du es nicht vermutest- er schläft.

Der Boden der alten Holztreppe knarzt und stöhnt unter deinem federleichten Tritt. Den Kerzenständer in der einen Hand, das Geländer mit der anderen Umschlossen wagst du dich hinunter in den Laden. Zuerst musst du durch die Pathologie. Es widerstrebt dir, den Fuß freiwillig in dieses Zimmer zu setzen, doch es führt kein anderer Weg in den vorderen Teil des Geschäftes. Der markante Geruch, der sich bei deiner ersten Begegnung mit dieser fensterlosen Kammer tief in deine Nase eingebrannt hat reizt momentan nur leicht seine Sinne, vielleicht hast du ihn bereits als gegeben hingenommen und deine Wahrnehmung registriert ihn deshalb nur noch unterbewusst. Im verblassenden Schein des Kerzenlichts wirken die Obduktionsinstrumente, besonders die makellos blitzenden Skalpelle, der Brustkorbspreizer und … die Säge… noch bedrohlicher als sonst. Du kannst dich glücklich schätzen, dass du ihm bis dato nur bei verhältnismäßig anspruchslosen Arbeiten, wie dem Nähen eines Halses oder dem Reinigen einer Leiche hast zusehen müssen. Vor dem Rest hast du dich retten können, auch wenn du es eher deinem nachsichtigen Bestatter zu verdanken hast, mit anderen Aufgaben beordert worden zu sein. Du beschleunigst deinen Schritt und steuerst direkt auf die angelehnte Tür des Hauptraumes zu.

Der kühle Windzug, der dich erfasst, verlöscht augenblicklich die Flammen deiner Lichtquelle. Es wird dunkel um dich herum. Du hörst das Rauschen der Rinnsale, das Prasseln der Wassertropen in Verbindung mit dem Heulen des Windes. Die Ladentür ist weitgeöffnet, und auch wenn der Schleier der Finsternis alles umhüllt, erkennst du den Undertaker, der sich an den Rahmen der Pforte lehnt und hinausblickt. Ob er dich bemerkt hat? Wahrscheinlich. Ein Blitz erhellt für den Moment eines Herzschlages die Lüfte. Es reicht um zu erkennen, dass er seine Arme verschränkt hat und nachdenklich wirkt. Trotz des immensen Niederschlages scheint kein Tröpfchen ihn berühren zu wollen. Unsicher näherst du dich dem Gedankenversunkenen. Gerne würdest du wissen, worüber er sinniert, auch wenn es sicherlich deinen Horizont übersteigen würde.

Fast geräuschlos stellst du den schweren Kerzenständer auf einem der Abstelltische nieder und gesellst dich zum schweigsamen Beobachter. Einige Zeit betrachtet ihr den Regen, bevor er sich regt. „Junge Damen sollten zu dieser Uhrzeit ruhen.", stellt er tonlos, jedoch ohne jeglichen Vorwurf fest. „Ich konnte nicht mehr schlafen, Undertaker." Nun spürst du seine Blicke auf deinem Gesicht. „Es ist das Unwetter.", fügst du augenblicklich hinzu. Dein Gegenüber nickt nur abwesend. Wieder vergehen einige stille Momente, bis du beschließt, deine Ärmel hoch zu raffen um deine Arme in das kühle Nass zu halten.

Mit einer beharrlichen Regelmäßigkeit massieren die herabfallenden Tropfen deine Unterarme. Es ist ein befreiendes, wenn nicht gar reinigendes Gefühl, die kalten Himmelsperlen auf deiner warmen Haut zu spüren. Aus diesem Grunde mochtest du ausgiebige Duschen schon immer sehr gerne. Der Undertaker beobachtet dich, wie du in aller Seelenruhe die regnerische Erfrischung genießt. Du könntest vermutlich die ganze Nacht so dastehen, wenn nicht sogar gänzlich durch den wässrigen Vorhang tanzen, würde diese kurze Freude nicht mit einer saftigen Erkältung bestraft werden. „Dem Regen wird eine reinigende Wirkung nachgesagt. Nicht nur, dass er den Schmutz aus unseren Straßen spült, nein. Vielleicht liegt es an der Vorstellung des Menschen, der sich nach wie vor einbildet, dass er eine Art stiller Läuterung durch das Wasser erfahre." Du ziehst deine Arme zurück unter den Türrahmen uns siehst hinüber zu deinem Lebensretter. Der Undertaker hat Recht, selbst du fühlst dich in irgendeiner Art reiner, wenn das schmutztragende Wasser von dir abperlt und im Ausfluss verschwindet- nicht nur rein metaphorisch betrachtet.

Dem Gesagten gibt es nichts hinzuzufügen, es war auch eher eine Feststellung, als der Beginn eines Gespräches. Du blickst gen Himmel, kommst aber keine 3 Meter durch die Regenwand hindurch. Deine Arme fühlen sich nass und kalt an, jedoch ist es ein angenehmes Gefühl. Plötzlich, ganz unverhofft, erhellt ein langer Blitz den das dunkle Firmament. Noch bevor deine Augen die wiederkehrende Dunkelheit registrieren beginnt der Boden unter deinen Füßen zu vibrieren. Das Gewitter muss sich unmittelbar über euch befinden, daran gibt es keinen Zweifel. „Der Regen spült alles fort…", wiederholst du leise und sinngemäß die Worte des Undertakers. Du spürst, wie er sich vom Türrahmen abstößt, neben dir aufbaut und dir näher kommt. „Und er erstickt die Schreie der Sterbenden.", flüstert seine subtil belustigte Stimme in dein Ohr. Zeitgleich wendet er sich von dir ab und marschiert in sein Geschäft zurück. Du siehst ihm nach, insofern man es bei den Helligkeitsverhältnissen als „sehen" bezeichnen kann. Wenige Augenblicke später wird der Raum vom schwachen Schein einer Öllampe erhellt. Nach und nach entfacht er auch die Lichter deines Kerzenständers wieder.

Du ziehst die Tür zu bis das fast unhörbare Klacken zu vernehmen ist. „Du solltest schlafen, _." Es klingt mehr wie ein freundlicher Hinweis, als wie der Befehl, den er tatsächlich darstellen soll. In dem Wissen, dass dein Lebensretter es nur gut mit dir meint nickst du, greifst dir den Kerzenständer und machst dich auf in dein Bett. Ob du Schlaf finden würdest weißt du nicht. Im Türrahmen des Obduktionsraumes verharrst du einen Moment. „Undertaker, irgendetwas ist eigenartig." Du erwähnst das Gefühl, das dich ergriffen hatte, nachdem du aufgestanden bist. Der Herr im langen, nachtschwarzen Mantel mustert dich mit schiefgelegtem Kopf, während sein Zeigefinger unablässig gegen sein Kinn tippt. Seine Lippen scheinen nicht zu wissen, ob sie schmunzeln sollen, oder nicht. „Du bist ein aufmerksames Mädchen.", stellt er fest und wendet sich von dir ab. Nahezu sanft fahren seine langen Finger über die aufwändig polierte, lackschwarze Außenhaut des angelehnten Sarges. Dir scheint, dass er sich nun auch zur Ruhe begeben möchte. Aus diesem Grund wünscht du ihm einen angenehmen Schlaf, drehst dich weg und bist im Begriff die Tür der Pathologie hinter dir zuzuziehen.„….und du hast Recht,…", hörst du ihn noch leise sagen. „…diese Nacht ist wirklich ereignisreich, doch lass dir davon nicht deine kleinen, süßen Träume verderben."

Zeitgleich fällt dir Türe ins Schloss.

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Broken Ribcage I – Red means birth

Never mind the cries
listen to the lies
while we're waiting for the dead to rise

Du hast unheimlich schlecht schlafen können. Das liegt nicht zuletzt daran, dass du dir versucht hast einen Reim auf des Leichennähers Worte zu machen. Dass nahezu alles, was er von sich gibt mehr als nur eine Bedeutung haben kann, das ist dir bereits bewusst. Kaum hast du das Gefühl, dass du hinter eine mögliche Auslegungsweise gekommen bist, so tuen sich wieder neue Wege der Interpretation vor dir auf. Ab und zu vermutest du, dass er heimlich plant dich ins Tollhaus zu bringen.

Du fühlst dich gerädert, gevierteilt und zerknittert, als du das nächste Mal erwachst. Dir ist jegliches Zeitgefühl abhandengekommen. Nicht nur, dass es in diesem Raum dauerhaft Nacht ist, nein, du kannst nicht einschätzen wie lange du überhaupt geschlafen hast, wenn es denn gar Schlaf war, und nicht nur eine Einbildung deines Kopfes, projiziert aus deiner Müdigkeit heraus. Nichtsdestotrotz wird es Zeit sich zu erheben. Mit größter Wahrscheinlichkeit erwartet dich unten bereits der Geschäftsinhaber gemeinsam mit einer mehr oder minder frischen Leiche. Dieser undefinierbare Haufen vom Vortag hat bereits hart an den Grenzen deiner Verträglichkeit gekratzt, aus diesem Grunde hoffst du, dass die Toten, wenn sie hier schon ein- und ausgehen, wenigstens so gütig sind und sich dir halbwegs angemessen präsentieren. Ein leises Kichern entfährt dir. Der Undertaker hat ständig mit derlei Kundschaft zu schaffen und murrt nicht einmal, im Gegenteil er…. „Nimmt sie mit aller Freude auseinander…" , stellst du trocken fest. Der Herr hatte eindeutig sein Steckenpferd in diesem Handwerk gefunden. Für dich ist diese Branche nichts, absolut nicht.

Heute stolperst du nicht über deine Schuhe, du hast du den Fehlern der letzten Tage gelernt, und sie ordnungsgemäß neben der Tür abgestellt. So trittst du – noch mental noch nicht ganz auf der Höhe- und mit den besten Absichten des Undertakers Krümeldose der sinnlichen Kekslust zu plündern in die Küche ein. Zu deinem Erstaunen wirst du dort bereits erwartet.

Angelehnt an die Küchenzeile aus dunklem Holz steht mit verschränkten Armen der Mann, dem du so viel zu verdanken hast. Seine Blicke sind auf den Boden gerichtet und das lange, glänzende Haar fällt ihm vor sein Konterfei. Erst nachdem du vollständig im Raum stehst und die Hand von der Klinke genommen hast, hebt er seinen Kopf und sieht in deine Richtung. Es ist erstaunlich, dass er es bei all dieser Gestik schafft, seine Augen vollends zu verhüllen. „Du bist also wach.", stellt er fest. Der Unterton in seiner Stimme gibt dir augenblicklich Anlass zur Besorgnis. Es ist schwer auszumachen, welche Absicht in diesem Worten liegt. Dass er deinetwegen sich hier die Beine in den Bauch gestanden hat ist offensichtlich. Du legst den Kopf schief und siehst den Undertaker fragend an. Ein Lächeln schleicht sich in sein Gesicht. „ Deine Intuition hat dich nicht betrogen. Dort unten liegt eine Leiche, die du dir möglicherweise ansehen solltest."

Sofort verziehst du das Gesicht. Er hat auf mich gewartet, um mir seine neuste Kundschaft vorzustellen? Du kannst den angewiderten Ausdruck nicht unterdrücken, ganz zur Freude des Silberhaarigen. „Doch solltest du erst danach etwas zu dir nehmen, hehe." , mit einem Kichern stößt er sich geräuschlos ab und marschiert aus dem Raum. Dein skeptischer und angeekelter Blick zeichnet noch immer deine Expressionen. Wahrscheinlich würde dort unten irgendetwas absolut abstoßendes auf dich warten, du ahnst es bereits. Wenigstens hat der Undertaker dich vorgewarnt, das war schon einmal sehr hilfreich, nicht wahr. Eigentlich könntest du etwas zu Essen vertragen, doch aufgrund deines verlängerten Ausfluges zum Ruheplatz der Verblichenen, bist du nicht dazu gekommen etwas kaubares für deine Ansprüche kaufen zu gehen. Du erinnerst dich an die Situation zurück. Der Tag wäre eigentlich ganz herrlich gewesen, wäre da nicht die Wasserleiche und… Grell…

Was Madame Reds Bediensteter auch immer von dir wollte, mit Sicherheit waren seine Absichten alles andere als ehrenvoll. Zum Glück war der besonnene Leichengräber an Ort und Stelle um dich zu retten- mal wieder. Eigentlich fragst du dich immer wieder, warum er so freundlich zu dir ist, vor allem, da du ihm scheinbar ständig Scherereien verursachst. Schulterzuckend beschließt du dich an einem günstigeren Zeitpunkt mit dieser Frage auseinander zu setzen und nun, obwohl deine Vernunft dir sagt, dass du es besser nicht machen solltest, dir die Leichen ansehen. Dir war es freigestellt zu tun und zu lassen, wonach auch immer dien Herz begehrt, doch wenn der Undertaker extra auf dich gewartet hat, um dir etwas mitzuteilen, dann schien es sich um etwas Besonderes zu handeln, auch wenn du nicht ganz ahnen kannst, was es ist. Vergangene Nacht hat dich das tosende Gewitter aus dem Schlaf gerissen, anbei hattest du ein merkwürdiges Gefühl, für das du keine Erklärung finden konntest. Der verrückte Keksknusperer wusste scheinbar die Antwort auf die Frage, die du in deinem Innern selbst nicht einmal formulieren konntest. Er wusste sowieso immer alles, warum wunderst du dich eigentlich noch?

Trotz massiven Unbehagens beschließt du letztendlich den Friedhofsläufer nicht länger warten zu lassen, und machst dich langsamen Schrittes auf den Weg nach unten. Die Uhr gibt dir Auskunft, es ist bereits halb 11. Dein Körper muss ziemlich nach Ruhe gehungert haben, wenn du vor kurzem erst aufgewacht bist.

Die Tür zum Obduktionsraum ist nur angelehnt. Mit quälender Langsamkeit betrittst du den Raum, bereit für das ,was dort auch immer auf dich zu warten scheint.

Erstaunlicherweise sind dieses Mal beide Metalltische belegt. Die Leichen sind mit Leinentüchern bedeckt, du kannst sie nicht erkennen, schließt allerdings aus ihrer Körperform, dass es sich eindeutig um Frauen handeln muss. Dir wird schlagartig bewusst, dass es sich nur um ein Werk Jack the Rippers handeln kann. Der Earl schien ihn noch nicht dingfest gemacht zu haben. Du ziehst eine Augenbraue hoch. Wenn diese beiden Opfer wieder so verstümmelt sind wie die Dame vor zwei Tagen, dann wolltest du sie eigentlich gar nicht sehen. Weshalb macht sich der Undertaker also diesen Aufwand, wollte er dich aus reinem Vergnügen schikanieren?

Dem ruhigen Herren am anderen Ende des Raumes entgeht deine wechselnde Mimik nicht, er lächelt schwermütig und geht auf die – von dir aus gesehen- linke Liege zu und zieht mit einem Ruck das Tuch von der Verstorbenen. Wie du richtig vermutet hast, handelt es sich wieder um ein weibliches Individuum. Augenscheinlich wieder eine Hetäre, der man auf menschenverachtendste Art und Weise den Uterus bei vollem Bewusstsein entrissen hat. Du spürst augenblicklich, wie sich alles in dir zusammenzieht. Allein die Vorstellung an diesen Akt der Entwürdigung ist schmerzhaft. Aus diesem Grunde richtet du deine Gesamte Aufmerksamkeit wieder auf die tote Dame. Noch immer das Leichentuch in der Hand haltend, beobachtet dich der Undertaker. Du nickst ihm zu, du hast verstanden vorauf er hinaus wollte. Daraufhin lässt er das Fabrikat auf dem kalten Operationstisch zu einem kleinen Häufchen zusammenfallen, wendet sich von der Metze ab, und geht auf den anderen Tisch zu.

Du beobachtest jeden seiner Schritte. Er greift nicht nach dem Tuch, sondern legt die Hand sanft auf den rauen Stoff, während seine Blicke über die Leiche zu gleiten scheinen. Anschließend widmet er alle seine Aufmerksamkeit dir. „_.", setzt er in ruhiger Stimmlange an. „Unter diesem Tuch liegt eine Frau, die du unschwer wiedererkennen wirst….."

Dir bleibt der Atem weg. Es gab nur eine Dame, die du seit deiner Ankunft in dieser Welt – im lebenden Zustand- kennenlernen durftest. Auch wenn du sie nicht sonderlich in dein Herz geschlossen hast, ist dir bewusst, dass sie trotz ihrer Art den Tod nicht verdient hat. Gleichzeitig spürst du Augen, auch wenn du sie nicht sehen kannst, auf dir ruhen. Scheinbar wartet der Mantelträger auf deine Reaktion. Es vergehen einige Momente, bis du aus deiner Gedankenwelt wieder in das reale Leben eintauchst. Du suchst nach Worten, die deine Gefühlwelt beschreiben, doch es ist schwer in klare Sätze zu formulieren. „Der Tod ist eine manifestierte Rolle im menschlichen Leben. Er wird als gegeben und unabwendbar hingenommen. Menschen sterben, das ist nun einmal so. Damit ist sich abgefunden worden, doch wenn es eine Person betrifft, die ihm vor kurzem noch unbeschwert von ihrem Leben erzählt hat, dann zieht es dem Menschen gegebenenfalls den Boden unter den Füßen weg, auch wenn er dieses Wesen nur flüchtig kannte." , stellt der nüchtern Undertaker fest, während er abwesend gegen sein Kinn tippt. Er hat dir sprichwörtlich die Worte aus dem Mund geraubt und kurz und präzise gesagt, wozu du selbst momentan nicht in der Lage bist.

„Hat Jack the Ripper sie auf dem Gewissen?", fragst du nach einigen Augenblicken der bedrückenden Stille. Dein Gegenüber hebt seinen Kopf, scheint dich zu mustern und sieht dann wieder auf das verhüllende Tuch, während er nachzudenken scheint. „Indirekt.", fällt seine Antwort lakonisch aus. Darauf kann man sich keinen Reim machen, beim besten Willen nicht. „Ich verstehe nicht.", fügst zu hinzu, in der Hoffnung, dass der Gedankenversunkene dich aufklärt, doch statt einer Antwort schürzt er nur seine Lippen. „_, du bist gestern nur ganz knapp einem schmerzvollem Tod entkommen.", stellt er letztendlich tonlos fest.

Obwohl du damit gerechnet hast, dass Grell Sutcliff dich mit bösen Intentionen, gegen deinen Willen, mitnehmen wollte, hast du nicht damit gerechnet, oder wolltest vielleicht nicht daran denken, dass er tatsächlich vorhatte, dir wehzutun. Du überlegst nicht lange bevor du sprichst, die Frage platzt einfach so aus deinem neugierigem Mund heraus: „Ist dann der Butler für all diese toten Frauen verantwortlich?" Du bist dir nicht sicher ob der Undertaker dir auf diese Frage antworten könnte, vermutest aber in deinem Inneren, dass er die Antwort schon lange weiß. Der Gefragte dreht sich zu der aufgedeckten Toten um, und betrachtet das Blutbad. „Unter anderem, ja." Dich durchfährt es kalt bei dem Gedanken, dass dieser erst so unsicher wirkende Angestellte tatsächlich ein medizinisch erfahrener Mann ist, der nicht davor zurückschreckt, junge Frauen von der Straße zu fangen um ihnen , in einer dunklen Gasse und am lebendigen Körper, unsagbare Qualen zuzufügen. Doch dieses Mal möchtest du alle Umstände erfahren, denn immerhin betrifft es dich auch, wenn vielleicht nur indirekt. Du öffnest deinen Mund, doch bevor du die Frage aussprechen kannst, zeigt der freundliche Herr bereits auf die verdeckte Leiche, unter der Madam Red auf dich zu warten scheint.

Du überlegst einen Moment und fügst die Informationen, die du soeben erhalten hast zusammen. Der Undertaker scheint geduldig auf deine Antwort zu warten, denn die Leiche ist noch immer verdeckt. Ferner scheint er es nicht eilig zu haben sich um die beiden Kundinnen zu kümmern. „War sie also eine Art Mittäterin?" Er nickt knapp. Scheinbar wollte er, dass du alleine auf diese Conclusio kommst. Wieder beobachtest du den langhaarigen Allwissenden. Sachte streicht er mit seinem Zeigefinger über den zerschnittenen Hals der toten Prostituierten. Seine Züge sind ausdruckslos, doch trotzdem in irgendeiner Art und Weise sanft. „Also sind die Adelige und Grell Sutcliff für all diese grausamen Morde verantwortlich?", erkundigst du sich letztendlich zögernd? „So ist es." „Aber aus welchem Grund ist sie dann gestorben?" Er legt den Kopf schief, hebt die Hand, scheint sich dann aber doch eines besseren zu besinnen. „Das werde ich dir gleich zeigen,_. Zunächst beantworte mir folgende Frage: Aus welchem Grund glaubst du, hat sie ihre Opfer der Fertigkeit des Gebärens beraubt?"

Die Frage schien simpel. „Weil sie nicht wollte, dass diese Frauen in der Lage sind Kinder zu bekommen, weil sie sich für Geld verkaufen?" ,würfst du in den Raum. „Fast.", ertönt es nun neben dir. Der Undertaker ist dabei an einem Regal herumzufuhrwerken, während er spricht. „Es ist die Eifersucht. Der Neid, dass eine andere Frau unverdienterweise in der Lage ist einem neuen Geschöpf das Leben zu schenken, während es einem selbst verwehr bleibt." „Du meinst sie war unfruchtbar?", erkundigst du dich zeitgleich. Dein Mitbewohner hat inzwischen ein großes Gefäß mit einer glasklaren Flüssigkeit hervorgeholt und auf dem Beistelltisch abgestellt. „Sie wurde es. Aus diesem Grund begann der Hass sie zu zerfressen." Du lässt dir seine Worte durch den Kopf gehen. Woher er dies nun auch schon wieder wissen mochte, dieses eine Mal sollte er dir gefälligst Rede und Antwort stehen. „Undertaker, woher weißt du das alles?"

Er lässt augenblicklich vom Korken des dickbauchigen Behältnisses ab, um dir volle Aufmerksamkeit zu schenken. „Ich habe ihr Ungeborenes beerdigt." Nicht nur, dass seine Worte frei von jeglichen Emotionen waren, nein, es schien ihn nicht einmal zu kümmern, dass diese Frau offensichtlich einen schweren Schlag in ihrem Leben erlitten hatte. All diese grausamen Morde rechtfertigte es jedoch nicht. Vielleicht reagierte er aus diesem Grund so abweisend ihr gegenüber. „Nebst ihrem Mann.", fügt er nach einer kleinen Weile an und macht sich weiter daran diverse Substanzen aus dem Regal zu nehmen. Für ihn war dies alles ein Teil seines Handwerkes. Er ließ es nicht an sich ran, das durfte er auch nicht geschehen lassen, denn wenn der Undertaker es täte, so würde seine Arbeit ihn langsam aber sicher zersetzen. Allein aus diesem Grunde musste er sich in den Jahren, in denen er diese Tätigkeit wohlmöglich schon ausführte, sich eine starke Resistenz gegenüber seiner Klienten angeeignet haben. Das ist zumindest deine Erklärung. Deine Blicke wandern zu der Abgedeckten Metallliege. Augenblicklich fühlst du Mitleid mit der Toten, auch wenn du ihr beinahe selbst zum Opfer gefallen wärst. Trotz dieses schweren Schicksalsschlages schien sie doch mit einem Bein im Leben zu stehen. Nein, es musste alles Fassade gewesen sein, anders war es nicht nachvollziehbar. In ihrem Inneren schien Madame Red tatsächlich von Neid, Hass und Missgunst zerfressen gewesen zu sein. In den Wahn musste es sie förmlich getrieben haben, um diese Taten- gemeinsam mit dem Butler- zu begehen und um die Hemmschwelle zwischen physischer Folter und dem Beenden eines menschlichen Lebens zu überschreiten.

Der Undertaker schien es die ganze Zeit über gewusst zu haben, doch warum hatte er Ciel Phantomhive nicht den entsprechenden Hinweis gegeben? Hielt er sich gänzlich aus dem sozialen Leben raus, oder wollte er nur die Ehre der Toten wahren, indem er nichts über sie sagte? Ferner interessiert dich, wie die Distinguierte überhaupt ihr Ende gefunden hat. So viele Fragen, so viele Gedanken, und das alles für eine Frau, über die du dir normalerweise keine Sorgen gemacht hättest, denn sie gehörte definitiv nicht zu dem Menschenschlag, mit dem du dich je hättest abgeben wollen.

Madame Red ist, beziehungsweise war Jack the Ripper. Ihr Butler, Grell Sutcliff war in ihr Vorhaben involviert, wahrscheinlich karrte er die Opfer ran, denn immerhin wäre ich beinahe das Nächste gewesen. Soweit scheint sich alles ineinander zu fügen. Auch ihre Beweggründe sind nachvollziehbar, wenn auch gleichzeitig sehr makaber. Der Verlust von Mann und ungeborenem Kind nahezu simultan, muss etwas in ihr haben zerbrechen lassen. Doch was ist mit dem Butler geschehen? Ist er verantwortlich für das vorzeitige Ableben der roten Frau? Du musterst das Leichentuch intensiv- ein kleiner roter Fleck beginnt sich im Gewebe des grobmaschigen Stoffes auszubreiten. Der Undertaker würde dir in wenigen Momenten Auskunft über ihre Todesursache geben. Du fragst dich, warum er sich die Mühe gemacht und auf dich gewartet hat, damit ihr gemeinsam die Leiche betrachten könnt.

Du blickt den Bestatter an und versucht eine Antwort in seiner Miene zu finden, doch sein Ausdruck gleicht einem Leeren Buch- es ist absolut nichts darin zu lesen. „Ich werde dir alles erklären, und deine Skepsis beseitigen." Scheinbar ist er ebenfalls in der Lage Gedanken zu lesen, oder du hast ihn wieder mit einer offensichtlich eindeutigen Expression angestarrt. Vielleicht hat er aber auch die Aura der Unruhe, die dich umgibt, bemerkt. In manchen Momenten wünscht du dir, einen Hauch seiner Gelassenheit zu besitzen. Vielleicht war es auch einfach nur Gleichgültigkeit, wer kann das schon sagen?

„Weißt du aus welchem Grund ich möchte, dass du dir ihre Leiche ansiehst?", erkundigt er sich ruhig. Dein Kopfschütteln zaubert ihm sein nahezu unerkennbares Lächeln auf seine schmalen Lippen. „Möchtest du, dass ich meiner vermeintlichen Mörderin ins Gesicht sehe?", ertönt es letztendlich unsicher von dir. „Hehe, nein, das ist nicht der Grund, _." Er legt seine langen Finger auf den rauen Leinenstoff und mustert dich. „Es ist kein schöner Anblick…. Bist du bereit?"

Bevor du etwas entgegnest schließt du für einen kurzen Moment die Augen, um dir das letzte und einzige noch lebendige Bild dieser vor Frau in Gedanken anzusehen. Sobald du den Anblick der toten Aristokratin aufnehmen würdest, so würden die anderen Erinnerungen ausradiert und überzeichnet werden. Das neue Bildnis würde sich für immer und ewig in deinen Geist einbrennen, komme was wolle.

Du siehst sie, Madame Red. Im gleichen Herzschlag fragst du dich, aus welchem Grund sie diese markante Farbe für sich gewählt hat. Was wollte sie der Welt damit sagen? Die erste Assoziation dieser infernalen Nuance war das Blut, die Substanz des Lebens selbst. Der rote, lebensbejahende Saft stellt den Anfang und das Ende des Daseinszirkels da. In Blut werden wir geboren, Blut bedeutet Leben, wenn es durch unsere Venen zirkuliert, und Blut bringt den Tod, wenn es aus uns hinaus fließt. Du glaubst kaum, dass dies ihre Motive waren. Vielleicht war es dieser kreischende Signalton, der ihre Umwelt auf das Feuer in ihrem Herzen aufmerksam machen sollte, ein stummer Schrei, versteckt durch subtile Andeutungen. Oder wohlmöglich kompensierte die Adelige ihren Schmerz mit dieser Farbe. Das Blut ihrer Geliebten? Du schüttelst den Kopf, diese Interpretation ging zu weit, selbst für dich. Fakt ist, dass du sie nicht kennst, trotzdem reißt dich ihr tragisches Schicksal mit.

Du öffnest die Augen, blinzelst und betrachtest das inzwischen in Blut getränkte Tuch. Ein schwaches Nicken von der Seite aus führt dazu, dass der schwere Naturstoff augenblicklich durch die Lüfte fliegt und mit einem Mal die ganze Leiche entblößt vor dir liegt.

Das erste, was dir sofort auffällt ist, dass nicht eine erwartete Schnittwunde im Halsbereich zu ihrem vorzeitigen Ableben geführt hat, nein, es ist eine klaffende Wunde in ihrem Oberkörper.

Ihr Brustkorb wurde gewaltsam geöffnet…